Wie Digitalisierung schlechte Didaktik verfestigt

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Werde ich gefragt, weshalb ich mir für Digitalisierung an Schulen interessiere, antworte ich meist ähnlich: Endlich seien die Mittel da, um pädagogische und didaktische Einsichten umsetzen zu können. Digitales Lernen ist konstruktivistisches und konnektivistisches Lernen, schafft eine Distanz zwischen Unterricht und Instruktion, übergibt die Verantwortung für ihre Lernprozesse an die Lernenden.

Damit gebe ich mehr einer Hoffnung Ausdruck als einer Realität. Betrachtet man digitale Trends wie Flipped Classroom, Lern-Apps und Quiz-Tools, zeichnet sich eine Gefahr ganz deutlich ab: Das Bedürfnis, mit der Schule endlich in der digitalen Welt anzukommen ist so stark, dass es auf Kosten didaktischer Reflexion geht.

Mehr noch: Gerade weil konstuktivistisches Lernen so komplex ist und auf Autonomie der Lernenden beruht, ist die Versuchung vorhanden, von einem behavioristischen Lernverständnis auszugehen, um einfache digitale Werkzeuge brauchen und einsetzen zu können.

Das ist keine pauschale Kritik an bestimmten Techniken, sondern mehr ein Hinweis auf eine verlockende Abkürzung. Sind die der digitalen Arbeit zugrundeliegenden Werkzeuge didaktisch problematisch und rückständig, ergibt sich eine fatale Doppelung dieser Dominanz: Nicht nur ist aufgrund einer etablierten Prüfungs- und Schulkultur das Schulsystem selbst stark an problematische Didaktik gebunden. Dazu war digitales Lernen bislang ein Gegenpol. Wird es an dieses System gebunden und auf der Grundlage eines überholten Lernverständnisses erarbeitet, verfestigen sich diese Probleme, statt sich digital zu verflüssigen.

Oder anders formuliert: Digitales Lernen muss neue Wege und Optionen eröffnen, wenn es Lernenden dienen soll, die im 21. Jahrhundert Orientierung finden müssen. Folgt es einem Schema von Instruktion und Aufgaben mit korrekten Lösungen, tut es das nicht – und schadet letztlich mehr, als es nützt.

schulklasseblaesisw1

Schulhaus Bläsi, Zürich, 1933

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philippe-wampfler.ch

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  4. Nicht nur vermutlich darum habe ich vor nurmehr 6 Jahren das digitale Lernen, konkret die Verwendung des Computers (welcher Grösse auch immer), nach aussen verlagert und gleichzeitig während des Unterrichts zum alleinigen Präsentationsmittel erklärt. Und ab diesem Zeitpunkt dieses Lernen als „Lernen unterwegs“ bezeichnet. Meine einzige Bedingung war nur noch, dass ich mich (ebenso wann und wo immer) in den Prozess einmischen konnte. Die Bedingungen dazu sind bekannt – ich muss sie hier nicht beschreiben. Leider läuft die „Digitalisierung“ ganz anders resp. wird zu einer Kopie des analogen, etablierten, orts- und zeitgebundenen Lernens gemacht.

  5. Ich stimme zu. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Systeme wie z.b. Google classroom in verschiedener Weise eingesetzt werden können. Am einfachsten ist es, sie so einzusetzen, dass traditioneller Unterricht fast nahezu identisch abgebildet wird. Der einzige Unterschied ist der, dass man als Lehrer noch deutlich mehr Kontrolle über die Arbeit der Schüler hat. Man teilt Materialien aus und sammelt sie hinterher wieder ein. Und selbst wenn Schüler ihre Aufgaben von sich aus nicht eingereicht haben, kann ich die unfertigen Aufgaben einsammeln und wenn ich will bewerten. Aber, ich kann Google classroom auf völlig anders nutzen, als Basis. Darüber gebe ich eine Aufgabenstellung und die Schülerinnen und Schüler wählen eigene Wege, wie sie diese lösen. Später erreichen sie mir über das System ein, was sie aus der Aufgabenstellung gemacht haben, ob dieses nun innerhalb von classroom erarbeitet wurde oder ob es in einer anderen Weise erarbeitet wurde und ich lediglich einen Link dorthin erhalte.

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