(Rivva-Link) Ich schreibe diesen Text auch, um die Diskussionen, die ich der medienpädagogischen Sphäre gefühlt jeden zweiten Tag führe, für den Moment abzuschließen. Aber auch, um meine Haltung zu begründen, die wohl die vieler Menschen ist.
Beat Döbeli hat überzeugend dargelegt, was für die Löschung von WhatsApp-Konten spricht:
- Die an Facebook weitergegebenen Telefonnummern sind persönliche Daten von hohem Wert: Sie sind dauerhaft an Personen gebunden.
- Es geht nicht nur um meine Daten, die weitergegeben werden, sondern um die Dritter: Der Personen, die in meinen Kontakten verzeichnet sind.
- Es gibt Alternativen, die besser designt sind: Sie speichern so wenige Daten wie möglich und können so auch bei Übernahmen oder bei behördlicher Anordnung nur wenige Daten herausgeben, weil sie kaum welche haben.
- Mit der Verwendung von Alternativen wie Threema oder Signal durchbricht man ein Quasi-Monopol von Facebook und sorgt für Vielfalt im digitalen Angebot.
Als Experte – nicht für Datenschutz, sondern für die Anwendung von digitalen Medien in der Bildung, notabene – geht von mir eine Signalwirkung aus: Wenn ich mich Beat Döbeli anschließe, verstärkt sich die Botschaft. Ich bin eine Art Vorbild. Auch das könnte als Argument hinzugefügt werden.
Weshalb also lösche ich WhatsApp nicht?
- Ich möchte den Jugendlichen und den Studierenden, die ich pädagogisch begleite, zuhören können. Das bedeutet, dass meine Kommunikationsschwellen so tief wie möglich sind: Ich will erreichbar sein, um an pädagogischen Gesprächen teilnehmen zu können. Das bedeutet für mich, dass ich nicht anderen die Kanäle diktiere, sondern ihre Kanalwahl respektiere. Threema und Signal habe ich eingerichtet und höre auch dort zu. Bei künftigen Aufgaben als Klassenlehrer werde ich auch anregen, die Klassenchats dorthin zu verlagern – im Moment laufen sie aber bei WhatsApp.
- Kommunikation hat eine technische, eine ethische und eine soziale Seite. Döbeli schreibt, er »handle [sich] kurzfristig Probleme ein«. Konkret: Er wird bei den sozialen Aktivitäten, die über WhatsApp koordiniert werden, entweder nicht mehr informiert oder zwingt andere Kommunikationsteilnehmer:innen, seine Entscheidung nachzuvollziehen. Mit gutem Grund zwar: Gleichwohl ist aber eine solche Entscheidung nur Privilegierten möglich, die davon ausgehen können, den sozialen Preis zahlen zu können. Was als eine (informations-)ethisch klare Entscheidung daherkommt – ich darf keine Daten von Dritten ungefragt weitergeben -, hat ethisch zweifelhafte Konsequenzen: Darf ich denn anderen vorschreiben, wie sie kommunizieren sollen?
- Ich halte Datenschutz für einen Symboldiskurs. Wir haben die Kontrolle über unsere Daten verloren. Wir sprechen davon, die Daten würden uns »gehören«, sie seien irgendwie wie »Erdöl«, nämlich knapp, wichtig und wertvoll – aber mit all diesen Metaphern erfassen wir nicht, was wirklich passiert: Daten entstehen in komplexen Beziehungen, an denen meist mehrere Personen und Plattformen beteiligt sind. Nehmen wir nur die Telefonnummer: Sie wird von einem Unternehmen aus einem Netzwerk an mich vergeben und hat keinen Wert, wenn sie niemand kennt. Zu sagen, sie gehöre mir, ist so richtig wie es falsch ist – sie »gehört« teilweise auch dem Anbieter der Infrastruktur, dem Unternehmen, die sie rausgibt, und den Personen, die sie benutzen.
Wenn nun einfache Entscheidungen wie der Verzicht auf WhatsApp herangezogen werden, um scheinbar klare Linien zu ziehen zwischen gutem und schlechtem Verhalten, zwischen Datensparsamkeit und Datensammeln, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, dann hat das symbolischen Wert: Die Telefonnummern werden immer noch an vielen Orten gespeichert, sie gelangen über andere Wege zu Facebook und den Unternehmen, die daran interessiert sind.
Klar kann man sagen, selbst könne man das Problem vielleicht nicht lösen, man müsse aber dazu beitragen, dass es sich nicht vergrößere. Diese Haltung respektiere ich, ich nehme sie aber nicht ein: Ich bin in Bezug auf Datenschutz und die dazugehörige Technologie ein Laie, ein Anwender. Das bedeutet: Ich kann nicht beurteilen, welche App was mit meinen Daten macht. Was passiert mit meinen auf einem iPhone gespeicherten Daten? Was mit meinen E-Mails? Solche Fragen häufen sich. Würde ich wirklich nicht dazu beitragen wollen, dass sich das Problem vergrößert, dann müsste ich zurück zur analogen Kontaktliste, auf digitale Kommunikation ganz verzichten.
https://twitter.com/frau524/status/784096880062033921
Der Verzicht auf WhatsApp heißt so also:
Schaut, ich kann mir diese vorbildliche ethische Haltung leisten. Meine Gründe dafür sind solide, aber sie führen nicht dazu, dass ich ihnen mein Handeln komplett unterordne – weil ich den Preis an vielen anderen Orten nicht zahlen kann.
Meiner Meinung nach gibt es nur politische Mittel im Kampf um einen ethischen Umgang mit Daten. Die Verantwortung an Individuen abzugeben, führt zu Schuldgefühlen und Überforderung – nicht zu Lösungen.








