On a personal note: Ich bin müde. Das bringt die Phase nach den Prüfungen so mit sich, ist insofern nicht beunruhigend. Aber in den letzten Monaten verstärkt sich der Eindruck, es habe auch mit meiner Arbeit an einer Schnittstelle zu tun. Das möchte ich im Folgenden kurz erklären.
Man könnte meinen, die Schnittstelle betreffe die zwischen einer analog und einer digital arbeitenden Schule. Aber das stimmt für mich nicht: Digitale Werkzeuge sind nur ein Hebel, mit dem sich pädagogische Einsichten vermitteln lassen. Werden effiziente Multiple-Choice-Tests generiert oder Schülerinnen und Schüler digital überwacht, ist das für mich nicht wesentlich. Mein Ziel ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem Jugendliche echt lernen und nachdenken können, indem sie angeregt werden, Vertrauen genießen, sich vernetzen und Wertschätzung erfahren. Ich möchte die Kultur an Schulen verändern – deshalb beschäftige ich mich mit Medien und Kommunikation. Sie sind kein Selbstzweck. Ich denke im Sinne von Felix Stalder post-digital: Verfahren, die digital oft zur Anwendung kommen, scheinen mir wichtig und sinnvoll – aber unabhängig vom konkreten Medium. (Gestern hat mir ein Lehrer von seinem Latein-Zirkel erzählt: Er veranstaltet Treffen, an denen interessierte Menschen miteinander Latein reden. Dadurch vernetzen sie sich schweizweit. Großartiges Projekt, bei dem Social Media dann eine Rolle spielen, wenn die Teilnehmenden darin einen Vorteil sehen.)
Nun findet meine Arbeit aber oft nicht so statt, dass ich mit anderen Menschen differenzierte Gedanken zur pädagogischen Ausrichtung von Schulen entwickle. Vielmehr referiere ich, biete Workshops an oder nehme an Podiumsdiskussionen teil. Dort nehme ich dann die Rolle des digital Radikalen ein: Ich skizziere eine automatisierte Berufswelt, rede über Kompetenzen, die digitale Avantgarde, werfe allen nicht-digitalen Lehrkräften vor, einen Verhinderungsdiskurs zu konstruieren und die Jugendlichen nicht zu verstehen.
Das wirkt meistens irgendwie. Was es längerfristig auslöst, weiß ich nicht – kurzfristig ist es für viele eine ungeheure Provokation, auf die es einige Standardreaktionen gibt:
- »Der Berufsauftrag für Lehrkräfte ist doch schon so komplex, woher sollen wir die Zeit für Twitter nehmen, wenn doch x/y/z viel wichtiger sind?«
- »Mir geht es um Inhalte und die stehen immer noch in Büchern. Oberflächliches machen Schülerinnen und Schüler in der Freizeit genug.«
- »Ich will nicht alles von mir teilen und das ist mein gutes Recht.«
- »Kennst du Sprachlabore? Da dachte mal auch mal, das verändere den Fremdsprachenunterricht? Und jetzt, hä? Lass dir mal was sagen: Mit etwas Erfahrung sieht man solche Veränderungen sehr gelassen, aber sehr, sehr gelassen.«
Wenn ich einen guten Tag habe und die Zeit bald um ist, lächle ich das alles weg, weil ich weiß, dass all diese Reaktionen eigentlich nur sagen, dass es schwierig ist, sich in seiner Rolle als Lehrerin oder Lehrer zu verändern. Und das stimmt ja auch. Es will wohl überlegt sein, weil es viele Ressourcen braucht und die bei vielen Aspekte des Berufslebens ebenfalls gefordert sind. Wer Mühe hat, die Disziplin in einer Klasse herzustellen, will mit ihr nicht noch via Instagram zu tun haben. Völlig klar.
An schlechteren Tagen oder bei offenen Zeitgefäßen nehme ich den Ball auf und doppele nach. Ich spiele meine Rolle (die ich im Berufsalltag nicht unbedingt spielen möchte), fordere Lehrkräfte heraus, sage das, von dem sie hoffen, es würde es niemand denken. Dass es z.B. solche Schulen dereinst vielleicht gar nicht mehr braucht.
Und dann denke ich, wie anstrengend es doch ist, gegen diese verhärtete Verhinderung anzukämpfen. Wie viel einfacher es wäre, einfach einen Job zu machen, es mit Klassen lustig zu haben und spannende Dinge zu entwickeln, ohne das an die große Glocke zu hängen und sich zu viel Gedanken zu machen. Weil das durchaus einen Preis hat: Die Vergeltung Überforderter ist manchmal subtil, manchmal brutal – vor allem, wenn sie Schülerinnen und Schüler betrifft. Dann fällt es schwer, die Gelassenheit wieder zu finden, dir mir dann immer wieder sagt, dass Systeme träge sind und sein müssen. Lehrkräfte verschließen sich Entwicklungen nicht per se. Sie üben aber einen Beruf aus, der sie meist in einem anderen Umfeld angesprochen hat, und haben sich Gewohnheiten erarbeiten, die sie nur peu à peu ummodellieren können. Das geht mir bei meinen Gewohnheiten ja nicht anders.
Der Wandel kann nur durch eine Änderung der Kultur kommen. Wer offen ist, politisch denkt, Vertrauen hat und mutig ist, sich für andere Menschen wirklich interessiert, zuhören kann, neugierig ist, verschließt sich den (post-)digitalen Verfahren auf Dauer nicht. Diese Kultur kann kaum forciert werden, sie entsteht langsam. Aber auch nicht von selbst.
Was tun? Meine Arbeitsweise ändern und sanfter werden, mit der Gefahr, dass die Botschaft nicht mehr gehört wird? Ein anderes Engagement suchen? Das Ding einfach durchziehen und radikaler werden? Oder einfach weitermachen und hoffen? Mal sehen. Nach einer Sommerpause sieht vielleicht alles anders aus.







Die Folien (unten) sagen viel darüber aus, dennoch fasse ich mein Argument noch einmal kurz hier zusammen:




