»wie Haustiere«: Lehrkräfte auf Snapchat

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Am für Lehrkräfte reservierten Tisch merkte ich kürzlich an, dass Lehrpersonen durchaus in den Snapchat-Streams von Schülerinnen und Schülern auftauchten. Man kann sich die anschließenden Fragen vorstellen: »Dürfen das die Schülerinnen und Schüler?« »Kann man herausfinden, wenn man fotografiert worden ist?« »Was kann man dagegen tun?«

Es war naheliegend, mit einer Klasse über das Thema zu sprechen. Das Phänomen war bekannt – die Bilder unten werden auffindbar, wenn man »snapchat teacher« googlet. Es handelt sich um eine digitale Textsorte, Lehrpersonen zu fotografieren und zu kommentieren.

Die Klasse war in dieser Frage recht entspannt (aus einer anderen Perspektive würde man das wohl anders beschreiben). Wie das Tafelbild unten zeigt – so analog arbeite ich zuweilen tatsächlich noch -, gab es drei Hauptthesen:

  1. Snapchat-Inhalte verschwinden aus dem Netz. Deshalb darf man mehr, eigentlich gibt es für Jugendliche kaum Grenzen.
    Diese Haltung vertraten sie durchaus konsistent: Auf einem Blog würden sie selbst bei positiven Erwähnungen den Namen ihrer Lehrpersonen nicht nennen, auf Snapchat finden sie es legitim, Erwachsene zu filmen und sich darüber lustig zu machen. Das hängt mit der zweiten These zusammen.
  2. Erwachsene spielen beim Snapchatgame nicht mit. 
    Sie sind Außenstehende, nicht anders betroffen als Haustiere oder Gegenstände, die auf Snapchat ebenfalls in Bildern erscheinen. Sie verstehen nicht, worum es geht, kriegen Zusammenhänge nicht mit, wüssten eigentlich nichts über Snapchat, wenn es ihnen nicht jemand wie ich erzählen würde.
  3. Snapchat ist fairer als Tratsch. 
    Passiere was Außerordentliches, würden sich das Schülerinnen und Schüler ohnehin erzählen. Auf Snapchat sähe man einfach den Vorfall genau so, wie er sich abgespielt habe – es brauche keine Übertreibung, Verdichtung oder Verzerrung.

 

Entsprechend wären die Konsequenzen, die Schülerinnen und Schüler zögen, wenn sie für Snapchat-Inhalte zur Rechenschaft gezogen würden: Sie würden nicht aufhören damit, sondern dafür sorgen, dass Lehrpersonen keine Möglichkeit mehr haben, davon zu erfahren. Die lecken Stellen würden gestopft.

Betrachten wir noch ein Beispiel, dann wird eine kritische Lesart der Interpretation der Jugendlichen möglich. Der unten stehende Mathe-Lehrer ist ein Snapchat-Meme, die Bilder von ihm mit Texten, in denen »bitch« vorkommt, sind im Netz an vielen Stellen auffindbar, sie haben sich viral verbreitet (z.B. hier).

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Es wird also deutlich, dass

  • der Inhalt nicht verschwunden ist, sondern im Netz verbleibt
  • der Kontext nicht mittransportiert wird, so dass unklar ist, ob das der Lehrer gesagt hat (was ein absoluter Verstoß gegen seine Professionalität wäre), oder ob das eine unterhaltsame Bildlegende ist (was wahrscheinlicher sein dürfte)
  • die Bilder nicht zeigen, wie eine Situation wirklich war.

Nur: Das sind Ausnahmen. Genau so wie die Sexting-Bilder, die auf Pornoseiten landen, die Anlässe für Cybermobbing und die Gefahren bei der Mitteilung von Passwörtern: Sie können alle als schwarze Schwäne angeschaut werden, Fälle, die höchst selten eintreten. So prägen sie die Praxis von Jugendlichen selten, sie führen nicht zu Verantwortung in diesen Fällen, weil diese den Status von Mythen und Schauermärchen haben. Das ist psychologisch nachvollziehbar, aber ärgerlich.

Wer es verstehen will, muss das Snapchat-Game mitspielen. Kann man dann der Versuchung widerstehen, Unbeteiligte zu fotografieren und zu kommentieren, dann ist man berechtigt, die moralisch überlegene Position zu vertreten. Dennoch kann man dann als Außenstehende nicht beurteilen, was die Abbildung von Lehrpersonen besagt: Kann gut sein, dass die das selbst unterhaltsam oder verständlich finden oder zurecht eine Kritik über sich ergehen lassen müssen.

The Author

philippe-wampfler.ch

4 Comments

  1. „Wer es verstehen will, muss das Snapchat-Game mitspielen. Kann man dann der Versuchung widerstehen, Unbeteiligte zu fotografieren und zu kommentieren, dann ist man berechtigt, die moralisch überlegene Position zu vertreten.“

    Ich muss weder auf die heisse Herdplatte berühren, um zu erfahren, dass ich mich brennen kann, noch fühle ich mich moralisch überlegen, nur weil ich widerstehen kann, Unbeteiligte zu fotografieren und zu kommentieren.
    Selbstverständlich habe auch ich versucht, mich auf Kosten des nicht sehr beliebten Lehrers bei meinen MitschülerInnen beliebt zu machen, Anerkennung zu erheischen. Nein, da gabs noch kein Handy und kein Snapchat. Da gabs nur Gestik und kleine, heimlich herumgereichte Zeichnungen.

    Wer über Snapchat im Klassenzimmer spricht, spricht nicht von Snapchat.

  2. Pingback: »wie Haustiere«: Lehrkräfte auf Snapchat | quisquilia

  3. Sebastian Staack says

    Sehr wichtiges Thema. Es wäre wünschenswert, wenn den Social-media-Fortbildungsbedürfnissen von Lehrerinnen und Lehrern durch Länder und Bezirksregierungen Rechnung getragen würde.

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