Überwachung wird »freiwillig«

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Diskutieren wir Überwachung, so gehen wir oft implizit davon aus, sie geschehe gegen den Willen der Überwachten, erfolge im Geheimen, sei nur in ihren kafkaesken Auswirkungen erlebbar. Diese Vorstellung bedarf einer Revision: Soziale und unternehmerische Methoden der Überwachung von Menschen fußen zunehmend auf der Freiwilligkeit von Teilnehmenden.

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Das erste Beispiel ist der Badge von Humanyze, einer US-amerikanischen Firma. Sie betreibt nach eigenen Aussagen »people analytics« – sie analysiert also über die die Bewegungssensoren und Mikrofone in den Badges von Angestellten, wie diese sich am Arbeitsort verhalten. Dabei werden die Daten aggregiert: Sie lassen keine direkten Rückschlüsse auf eine einzelne Mitarbeiterin zu. Bei den aufgenommenen Gesprächen werden zudem nur Metadaten ausgewertet: Der Ton des Gesprächs, sein Ort und die Häufigkeit von Gesprächen, nicht aber ihr Inhalt.

Niemand muss den Badge tragen – obwohl die Daten besser werden, je breiter die Basis ist. Wer den Badge nicht trägt, präsentiert sich implizit als Mitarbeiter, dem die Qualitätssicherung und -verbesserung nicht wichtig ist. Die Freiwilligkeit ist juristisch zwar gegeben, de facto aber ein Marketingtrick.

So ist das auch beim zweiten Beispiel, dem Social Scoring. Hier werden Beziehungsdaten aus sozialen Netzwerken aggregiert, um eine bessere Basis für Entscheide über die Vergabe von Jobs und Wohnungen zu schaffen. Das Vorbild ist der Credit Score, bei dem Finanztransaktionen gebündelt werden. Auch hier herrscht scheinbare Freiwilligkeit – die sich aber wiederum als Worthülse entpuppt, wenn man sich bewusst macht, was die Konsequenzen eines Opt-Outs wären: Beim Credit Score Verzicht auf eine Reihe von daran gebundene Dienstleistungen wie Mobilfunkverträge, beim Social Score schlechtere Chancen bei der Vergabe von Gütern.

Dieser wirtschaftliche und soziale Druck, Überwachung selbst durchzuführen und sich damit einverstanden zu erklären, ist eine zweite Stufe: Auf der erste ist die Bequemlichkeit der Menschen der Grund, weshalb sie sich bereit erklären, beispielsweise ihre Einkäufe von Unternehmen analysieren zu lassen. Diesen Methoden ist gemein, dass es stets um eine scheinbar generelle Optimierung geht, deren negativen Auswirkungen ausgeblendet werden: Unternehmen versprechen den Arbeitsalltag angenehmer zu machen, wenn sie mittels Badges wissen, wie sie das können. Das Angebot in den großen Supermärkten soll den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden angepasst werden, wenn die Daten das zulassen.

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philippe-wampfler.ch

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