Gestern hat ein pseudonymer Beitrag einem Phänomen einen Namen gegeben und auch eine kleine, aber diversifiziert Diskussion darüber losgetreten (Replik/Kritik, Nerdcore, Kusanowsky). Ich werde kurz beschreiben, worum es geht, dann einen Versuch einer Analyse unternehmen. Ums voranzustellen: Ich verstehe vieles nicht und habe wohl mehr Fragen als Antworten. Seit längerem wünsche ich mir eine umfassende Reportage zum Thema.

Eine Gruppe von Personen arbeitet mit gut 200 Twitter-Konten im Rahmen von Troll-Aktionen zusammen. Die Gruppe besteht aus Untergruppen mit unterschiedlichen Geschichten, ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind aber geschult in pseudonymer Kommunikation, in Troll-Strategien und im Verwenden von Memes. Für Außenstehende sind ihre Themen, ihre Zusammenarbeit, ihre Identität und ihre Absichten schwer zu durchschauen – ein typisches Merkmal von Trollen. Ihre Arbeit bezieht sich oft auf bestimmte Konten: Auf den Youtube-Vlogger Rainer Winkler, den Online-Aktivist Claudius Holler, die Feministin »Lotta Peng« oder den Online-Journalist Volker Dohr beziehen sich viele der Aktivitäten. Was von Betroffenen als Hass empfunden und beschrieben wird, nennen andere »missliebiger Spott« – gerade für die Diskussion in Deutschland, wie stark »Hate Speech« zu bekämpfen ist, ist »Sifftwitter« ein Paradebeispiel. René Walter hält dazu einen wichtigen Aspekt fest:
Was die Mobber/Trolle ebenfalls übersehen, wenn sie sich mit Formulierungen wie „Tratschen“ oder „Spott“ verteidigen: Wir haben es hier mit einem Masse-Phänomen zu tun. Der Spott tritt hier nicht vereinzelt auf – niemanden interessiert es einen Scheiß, ob ich „René ist ’ne Fotze“ ins Netz schreibe –, solche Arschlochereien sind allerdings hochgradig memefähig und viral, die Opfer werden davon in einer Masse getroffen.
Kurz: »Sifftwitter« ist ein Trollnetzwerk, das einen beachtlichen Aufwand betreibt. Er beschränkt sich nicht aufs Netz: Rainer Winkler und seiner Nachbarschaft statten viele Mitglieder während Tagen Besuche ab (hier ein Beispiel).
Was treibt diese Menschen an? Hier setzt eine Liste von Vermutungen an, von Deutungen – für weiterführende Hinweise bedanke ich mich im Voraus.
- Es geht um Moral.
»Anständige Bürger zu erschrecken ist schwer geworden. Anständige Bürger findet man überall da, wo sich ein Bürgerstolz von seiner Moral selbst beeindruckt zeigt und darum sehr leicht beleidigungsfähig ist«, schreibt Kusanowsky. »Sifftwitter« weise auf »die verschwundenen Selbstverständlichkeiten« der anständigen Bürger hin, die zwar davon ausgingen, ihre moralische Überlegenheit sei erwiesen, sie aber angesichts der Trollaktivitäten infrage gestellt sehen.
»Wir sind keine ‚guten‘ Menschen und das wissen wir. Es ist aber auch die Eigenheit vieler Menschen, gerne andere leiden zu sehen oder zumindest wie sie ausrasten, ist nunmal so«, lässt sich eine der Teilnehmerinnen zitieren. Dieses Menschenbild scheint die Gruppenaktivität einerseits gegenseitig zu bestätigen, aber auch bei anderen durchsetzen zu wollen. Die moralischen Haltungen, etwa von Holler oder »Lotta Peng«, werden durch die Trollerei einer Prüfung unterzogen, es wird getestet, ob es eine Alternative zum eigenen Menschenbild gibt. - Es geht um Kunstfiguren.
»Sifftwitter« erschafft die Figuren selbst, die es demontiert. Es gibt die Menschen, die verspottet oder gehasst werden, so nicht. Der Besuch beim Haus vom »Drachenlord« ist letztlich der Versuch, eine Person real zu machen, die nicht real ist, zu bestätigen, dass die eigenen Gefühle dieser Person gegenüber eine Basis haben, eine Legitimation. Nur: So funktionieren Gefühle nicht. Wäre der Spott so locker und flockig, wie das viele Teilnehmer am Trollnetzwerk gerne darstellen, bräuchte es weder ein Netzwerk, das sich gegenseitig bestärkt, noch Ausflüge aufs Land. - Es geht um prekäre Verhältnisse.
Besonders aggressiv werden Spendenaktionen (etwa bei Holler oder »Lotta Peng«) begleitet. Dabei entsteht für mich der Eindruck, die Aufmerksamkeit und das Geld seien unverdient, weil beide ähnliche Mittel der Aufmerksamkeitsgewinnung einsetzen, wie das »Sifftwitter« tut – ohne allerdings davon finanziell zu profitieren. Auch die Forderungen an den »Drachenlord«, er solle wirtschaftlich und beruflich auf die Beine kommen, klingen nach einem Imperativ an die Gruppe selbst: Sie identifizieren sich mit der Figur im gleichen Maße, wie sie sie ablehnen. Sich von einem übergewichtigen, unbeholfenen Arbeitslosen auf dem Land abgrenzen zu können, ist ein existenzielles Bedürfnis für Menschen, die selbst in prekären Verhältnissen leben. - Es geht um Lulz.
Lulz ist eine aggressive Schadenfreude, die durch das Leiden und die Empörung anderer entsteht. Die Lulz sind eines der Ziele und die Motivation, sie befeuern die Bewegung. - Die Kraft der Gruppe.
Können einzelne Trolle Feedback nur von den Reaktionen Betroffener erhalten, generieren Trollgruppen es durch Favs und eigene Reaktionen selbst. »Die Gruppe zählt, nicht die Reaktion [der Getrollten]«, schrieb Samael Falkner dazu. - Abstiegsängste.
In den Kommentaren schreibt Mela: »D.h. das sind selbst Leute, die massiv Abstiegs- oder Versagensängste haben und deswegen schlagen die auch vor allem gegen Menschen aus, die sich der Leistungsgesellschaft absichtlich oder notgedrungen entziehen, wie Menschen mit Behinderungen, Genderqueere, Alleinerziehende, Arbeitslose. Und es würde auch erklären, warum sie sich vor allem auf jede Form der Solidarität stürzen. Die kommen genau aus der Kultur, die u.a. von 4Chan/Krautchan etc. ausging.« - Das ist ein Machtkampf.
@ProfSchnabel hält in den Kommentaren fest, 1.-3. bedienten nur die Grundthese, Identität entstehe über die Abgrenzung von einer Person, mit der man uneingestandene Gemeinsamkeiten habe. Dabei entgehe jedoch der wichtige Aspekt des Machtkampfs: »Die getrollten User zeichnen sich allesamt dadurch aus, dass sie sehr entschlossen, bestimmte politische, gendertheoretische etc. Standpunkte propagieren und/oder haufenweise Details aus ihrem persönlichen Leben zur Schau stellen. All dies präsentieren sie einem anonymen Massenpublikum. Sie freuen sich, wenn sie mit ihren Tweets (oder im Fall von Rainer Winkler YT-Videos) Likes und Follower generieren, sind jedoch erbost, wenn negative Rückmeldung kommt. In letzterem Fall folgen schnell Blockierungen, Beleidigungen und Drohung – getragen von der Überzeugung, dass sie ein Recht darauf haben zu bestimmen, in welcher Weise das von ihnen freiwillig Preisgegebene von anderen Usern aufgefasst werden darf.«
So viel für den Moment. Was ist mir entgangen, welche Deutungen habt ihr? Gerne in die Kommentare.
* * *
Update 4.9.2016:
Ich habe viele Reaktionen auf den Beitrag erhalte und einige Punkte in der Liste ergänzt, die mir plausibel erscheinen. Wie Teile der Troll-Gruppe diesen Beitrag diskutieren, kann man hier nachlesen (weiterblättern, gibt immer mal wieder was). Ich habe für meinen Artikel im Hintergrund Gespräche geführt und Informationen erhalten. Darauf habe ich weder verwiesen noch habe ich mich bedankt – ich entschuldige mich in aller Form.
In den Kommentaren befindet sich eine unterhaltsame Frage – und eine Rechtfertigungsstrategie, die ich im Anschluss kurz kommentiere.
Kurze Frage an den Autoren: Bei welchen Kommentaren musstest Du schmunzeln? Wenn die Antwort ist, bei denen die ich verstanden habe und die nicht von Meta waren, bist Du auf einem guten Weg das Phänomen zu verstehen. Andernfalls würde ich Dir dingend empfehlen Dich zu löschen.
Ähnlich wie in 7. argumentieren viele Kommentierende damit, die Opfer von »Sifftwitter« hätten die Übergriffe verdient, weil sie erstens Ansprüche stellen, die sie nicht stellen dürften (z.B. in Bezug auf Aufmerksamkeit oder Geld), und weil sie ihren Online-Auftritt so ernst nähmen, dass sie sich durch anonyme Trolle verunsichern ließen.
Die aktiven Trolle hingegen betrieben Satire oder Unterhaltung, mit wenig Zeitaufwand und ohne selbst Probleme zu haben: Rainer Winkler zu trollen sei einfach besser als fernsehen. »Wir sind also einfach ganz normale Leute, die sich über Unsinnigkeiten lustig machen, nur dass die sich heute eben auf Twitter abspielen«, heißt es in einem Kommentar. Es gebe durchaus auch ernsthafte Diskussionen im Getwittere der Trolle.
Mehrmals erwähnt wurde auch, dass es kein Netzwerk gebe, sondern nur spontane Übereinstimmung: Die Themen lägen so auf der Hand, dass es nicht erstaunen müsse, wenn mehrere dasselbe täten.
Weist die Frage darauf hin, dass es sich um eine esoterische Bewegung handelt (mehrfach wurde etwa auch angemerkt, meine Übersetzung oben treffe den Kern von »Alman« nicht), so widerspricht das gerade der These von der spontanen, unorganisierten Satire an Personen, die sich zu ernst nehmen. Um Spaß haben zu können, braucht es viele Investitionen ins Erlernen der nötigen Memes, der Sprache, der Praktiken. Satire und ernsthafte Kritik kennen andere Mittel als Übergriffe durch eine Gruppe anonymer Konten.












