Die letzten zwei Tage war ich auf der Tagung zu mobilem Lernen in Oldenburg. Ich habe dort zu informellem Lernen mit digitalen Medien vorgetragen und habe viel zugehört. Zwei zentrale Einsichten, die ich dabei gewonnen habe, formuliere ich als persönliche Bilanz.
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Bildung ist ein gesellschaftliches System. Wie sich Menschen in diesem System verhalten, ist von seiner Funktionsweise stark beeinflusst. Nehmen wir nur die Berufswahl: Die Anstellungsbedingungen, die Berufskultur und das gesellschaftliche Ansehen des Lehrberufs liefert klare Anreize für Personen mit gewissen Voraussetzungen (und hält andere davon ab, den Beruf zu ergreifen).
Was ich im Folgenden ausführe, ist also keine Kritik an Personen, sondern ein Kommentar zu diesem System. Entsprechend kann ich keine einfachen Lösungsvorschläge anbieten, sondern nur zur Reflexion anregen.
»Was habt ihr denn gestern so mitgenommen von den Workshops?«, habe ich beim Frühstück in die Runde gefragt. Erste Antwort: »Echt toll, wie man iPads so aufsetzen kann, dass die Schülerinnen und Schüler daran nichts selbst einstellen können. Safari runter, Uhr runter – und nur die Apps rauf, die sie verwenden soll. Auch Netzfilter kann man vorkonfigurieren, so dass sie auch zuhause nur die Seiten besuchen können, die in der Schule zugelassen sind.«
Damit ist das Tablet-Paradox auf den Punkt gebracht: Die Digitalisierung stellt Lernenden mächtige Geräte zur Verfügung, die dann so limitiert werden müssen, damit sie ans Schulsystem anschlussfähig sind. Nur so kann man die Projekte den Schulträgern, den Lehrkräften und den Eltern verkaufen.
Das Tablet-Paradox führt zu einem fundamentalen Verantwortungsproblem: Die Schule sollte Lernende befähigen, Verantwortung für ihr Handeln und Lernen zu übernehmen – in einem geschützten Rahmen. Kommt der Schutz vor der Verantwortung, schützt sie die Schule vor der Verantwortung und macht sie unmündig. Stellen Kinder auf allen iPads Wecker, die dann den Unterricht stören – dann ist eine mögliche Reaktion, die Uhr-App von allen Tablets zu entfernen. Die andere ist es, kreativ und verantwortungsbewusst mit der Störung umzugehen: Den Kindern zu ermöglichen, für ihr Verhalten die Verantwortung zu übernehmen. »Störungen haben Vorrang«, heißt es in der Konzeption der themenzentrierten Interaktion. Sie zeigt, wie Kommunikation so zu gestalten ist, dass sie die Übernahme von Verantwortung erlaubt und stärkt.
Die Schule ist einer der gesellschaftlichen Bereiche, die entscheiden, ob wir Digitalisierung als Projekt der Emanzipation und Mündigkeit verstehen – oder es hinnehmen, dass wir als Menschen darauf reduziert werden, auf immer schlaueren Geräte die richtigen Knöpfe zu drücken.

Damit komme ich zu einer zweiten Einsicht: Das Versprechen der Bildungsindustrie liegt darin, Personalisierung und Massifizierung zusammenzubringen. Viele sollen gleichzeitig individuell lernen. Meine bisherigen Erfahrungen zeigen, dass sich Lernen nicht aus den sozialen und institutionellen Kontexten lösen lassen. Gut zeigen lässt sich das an Lehrvideos: Sie sind gute Lernprodukte – für die, welche sie erstellt haben. Je breiter das Publikum ist, das sie ansprechen, desto schlechter werden sie aus einer didaktischen Perspektive. Was viral geht, ist verdächtig, weil es individuelle Verstehensbedingungen ausblenden muss.
Auch Sketchnotes sind ein gutes Beispiel dafür: Wer sie nicht professionell einsetzt, kann damit eigene Verstehensstrukturen abbilden. Für andere hingegen ist der Wert gering.
Das Tablet-Paradox und das Skalierungsproblem führen zusammen zu einer einfachen Maxime der digitalen Didaktik: Schülerinnen und Schüler müssen mit digitalen Medien eigene Produkte gestalten. Nicht die Produkte anderer konsumieren.















