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Die Parkland-Medienbildung – ein Modell für Medienkompetenz

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Emma Gonzales, Cameron Kasky, Delaney Tarr und David Hogg – die Namen stehen für die Bewegung gegen die Waffenlobby nach dem Massenmord an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida. Wir kennen die Namen von kurzen Clips aus dem Netz: Ausdruck von Leid, Anklage, Schweigeminuten, Fragen an Politikerinnen und Politiker, konkrete Forderungen.

Sieht man sich diese Clips an, fallen einige Punkte auf: Diese Schülerinnen und Schüler verstehen, wie man im Netz sprechen muss. Ihr Timing, ihre Rhetorik und ihr Auftreten sind gemacht für eine digitale Demokratie. Sie benutzen die Plattform, die ihnen Massenmedien wie CNN bieten, sind sich aber völlig im Klaren, dass sie ihre Zielgruppe im Netz erreichen.

Sie erreichen nicht nur ihre Zielgruppe, sondern auch die Gegenseite: Das Publikum von Infowars, das bereit ist, alles zu verdrehen, was abläuft, wenn es dem eigenen politischen Interesse dient. Das Interesse sind uneingeschränkte Rechte im Bezug auf Waffenbesitz. Als Reaktion wird den Jugendlichen vorgeworfen, sie seien »crisis actors«, also geschulte Profis, die von der Linken eingesetzt würden, um Stimmung zu machen. Diese Verschwörungstheorien verbreiten nicht nur die entsprechenden Medienportale – auch die Algorithmen von Youtube verschaffen ihnen Resonanz.

Aber auch auf diesen Widerstand scheinen die jugendlichen Aktivistinnen und Aktivisten vorbereitet:

Before the pro-Trump media can finish its line of attack, the students, unfazed, have moved on, staying one step ahead of their political enemies and owning the story. […] They know intuitively what the pro-Trump media has known (and used to its benefit) for years now: The way to win an information war is not to shy away from conflict online, but to lean into it.

Betrachtet man diese ganze Bewegung rund um einen »March for Our Lives«, lässt sich daraus eine Konzeption für Medienbildung ableiten.

  1. Medienkompetenz befähigt, politisch aktiv zu werden. Das heißt, eigene Anliegen verständlich auszudrücken und sie medial so zu verpacken, dass sie Verbreitung finden und viral gehen könnten.
  2. Dazu gehört Rhetorik, Auftrittskompetenz, Verständnis der Kontexte, Umgang mit Reaktionen, Kommunikation über Social Media und traditionelle Massenmedien; aber auch politische Bildung. Es ist in der US-Politik entscheidend, ob man eine Abschaffung der Second-Amendment-Rechte fordert, was politisch völlig unrealistisch ist, oder ob man für einen erschwerten Zugang zu halb-automatischen Gewehren eintritt, wofür sich durchaus eine Mehrheit finden ließe.
  3. Die eigene Kampagne ist der Kern der Medienkompetenz. Kompetenz bedeutet in diesem Sinne, Medien für eigene Anliegen bewusst und langfristig einzusetzen; Ziele zu definieren und die passenden Wege zu beschreiten.
  4. Diese Kampagne ist Teamwork: Vor der Kamera stehen nicht alle diese Jugendlichen, sondern wohl die richtigen. Betrachten wir nur die beiden am häufigsten gezeigten Frauen, Tarr und Gonzales, dann verkörpern sie beide Rollen: Tarr verkörpert die perfekte Schülerin (»a week ago I was getting ready for prom«), die aus einer inneren Not heraus politisch aktiv wird. Gonzales hingegen »just doesn’t give a fuck«: Ihre bekannte Rede hat den Refrain »I call BS«, sie rasiert sich in einer Kampagnenpause den Kopf – sie steht für die urbane Kämpferin. Die Jugendlichen schaffen so viel Identifikationspotential, arbeiten aber gerade auch auf Social Media stark zusammen.

Wer also an deutschsprachigen Schulen für Medienbildung zuständig ist, kann sich die einfache Frage stellen: Wie würden die Schülerinnen und Schüler an unserer Schule reagieren, wenn sie ein dringendes Anliegen haben, mit dem sie sich an die Öffentlichkeit wenden würden?

3 Comments

  1. Pingback: Social Media – ein Schlüssel zur Partizipation – Dejan Mihajlovic

  2. Marco Bischofsberger

    Habe deine Analyse sehr gerne gelesen. Allerdings währe da noch dieses speziell Amerikanische. Lässt sich dies wirklich so auf abstrakte Empfehlungen reduzieren? Die Frage ist ernst gemeint. Die Kanäle sind international, aber die Kommunikationsstrategien müssen dem nicht zwingend folgen.

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