»Fit und fair im Netz« vermittelt allen, die mit Kindern leben und professionell tätig sind, einfach, kurz und gut wichtiges Wissen und praktische Anregungen zur Nutzung digitaler Medien.
Dieses Lob aus dem Vorwort zu Felix Rauhs Buch stammt von den Kinder- und Familientherapeuten Henrich Dreesen und Manfred Vogt. Nicht nur beschreibt es die Zielgruppe des Buches treffend, sondern auch seinen Anspruch: »Fit und fair im Netz« ist ein Handbuch für Menschen, die in Schulen, in der Sozialarbeit oder in einem anderen Kontext mit Kindern arbeiten und eine Orientierung in digitalen Fragen benötigen.
Das vermittelte Wissen bezieht sich auf eine realistische Einschätzung der medialen Herausforderungen für Kinder und Jugendliche. Wenn es gewisse Praktiken wie Snapchat etwas ungenau beschreibt – »im Gegensatz zu Facebook und Instagram [besteht] kein Pro lierungszwang und [es muss] keine ausgefeilte Onlinepersönlichkeit konstruiert werden« – und auch generell nicht der Eindruck entsteht, der Autor habe differenzierte eigene Erfahrungen mit den beschriebenen digitalen Praktiken gesammelt oder kenne die aktuelle Forschungsliteratur, dann fällt das kaum ins Gewicht: Für die erwähnte Zielgruppe reichen die Beschreibungen, um die praktischen Anregungen für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen umsetzen zu können.
Die Kernthemen des Buches sind Cybermobbing und Sexting, aber auch das Verhalten in Chat-Gruppen, die sichere Wahl von Passwörtern und andere Fragen zur Mediennutzung werden kommentiert. Zentral sind aber auch pädagogische Fragen.
Da liegen denn auch die Stärken des Buches: Die konkreten Empfehlungen helfen beispielsweise Eltern, eigene Lösungen für die mediale Begleitung von Kindern und Jugendlicher zu entwickeln. So regt Rauh etwa an, schon im Kindergartenalter die Kinder in die Verwaltung ihrer Medienzeit einzubeziehen und ihnen stückweise Verantwortung zu übergeben. Gleichzeitig richten sich die Empfehlungen aber auch an die Leserinnen und Leser selbst: Auch sie sind gehalten, ihren Umgang mit digitalen Medien zu reflektieren und Maßnahmen daraus abzuleiten.
Das Buch ist auf einen Workshop ausgerichtet, dessen Konzeption im Anhang detailliert vorgegeben ist. Die dazu nötigen Materialien finden sich auf der Seite des Verlags – unter anderem sind zwei Geschichten vorgegeben, die den Kontext für die Arbeit mit Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I darstellen und aus denen eine Diskussion der Themen des Buches entsteht.

Darüber hinaus ist das Buch von Jeanette Besmer sehr aufwändig und ansprechend gestaltet worden – Bilder lassen Raum für eigene Geschichten und Gedanken, dem gedruckten Buch ist auch ein Plakat beigelegt.
Wurde das Buch bis zu diesem Punkt stark gelobt, so wird die Logik von Rauhs Argumentation bezüglich Neuer Medien umgekehrt: Er attestiert zwar einige Vorzüge, geht aber bei der Beschreibung medialer Praktiken enorm schnell zu Gefahren über. Chats führen zu Ablenkung, Sexting führt zu Mobbing und Kontrollverlust, die erzählten Geschichten betreffen ein Mädchen und ein Junge, die brutale Übergriffe erleiden. Diese Horrorszenarien erstaunen aus zwei Gründen: Erstens vertritt Rauh ein positives Bild von Jugendlichen, die seiner Ansicht nach mehrheitlich sozial kompetent, verantwortungsbewusst und leistungsorientiert seien (S. 61). Zweitens verfolgt Rauh in seiner sozialtherapeutischen Arbeit einen lösungsorientierten Ansatz, bei dem Ressourcen und Lösungsansätze fokussiert werden, nicht Probleme. »If it’s not broken, don’t fix it«, heißt es dort in einer Maxime.
Wenn also Jugendliche generell verantwortungsvoll handeln und digitale Kommunikation nicht als Problem sehen – warum sollen sie dann in der pädagogischen Begleitung ständig auf die Gefahren und Schwierigkeiten hingewiesen werden, die in Ausnahmefällen entstehen können? Warum handeln die Geschichten, um die sich die Arbeit in den Workshops dreht, nicht auch von positiven Erlebnissen mit Neuen Medien?
Die Antwort liegt wohl in der Erwartungshaltung an Schulsozialarbeit und Medienpädagogik: Sie haben die Aufgaben zugewiesen bekommen, ein Problembewusstsein zu schaffen und Lösungen für die von Rauh beschriebenen Probleme zu finden. Und dieser Aufgabe nimmt sich das Buch in in der eingangs beschriebenen Weise an: »einfach, kurz und gut« werden Themen umrissen und Ansätze zu einer individuellen Lösungsfindung vorgegeben. Wer Sicherheit bei der Begleitung von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum erhalten möchte, ist mit dieser Neuerscheinung gut bedient.
(Ich habe vom Verlag ein digitales Rezensionsexemplar kostenlos erhalten.)










