Die Algorithmen, die bestimmen, welche Inhalte den Usern auf großen Plattformen wie Facebook angezeigt werden, sind intransparent. Black Boxes sind sie. Das bedeutet, dass diese Programme redaktionelle Entscheidungen fällen, indem sie die Beiträge anderer User hervorheben, verstecken oder ganz ausblenden. Das geschieht vorgeblich deshalb, weil die Nutzung von Facebook und anderen Plattformen auf Interessen zugeschnitten werden soll – tatsächlich aber deshalb, weil die Kundinnen und Kunden möglichst lange auf der Seite gehalten werden sollen, damit sie sich Werbung ansehen. Politische Kommunikation wird von diesen Mechanismen ergriffen, was letztlich zu einem Verlust von Transparenz und der Möglichkeit der Manipulation des politischen Willens durch Algorithmen führt.
Das alles stimmt. Lobe nimmt aber zwei entscheidende Ergänzungen vor, die seinen Text ebenfalls manipulativ machen. In der Einleitung fragt er: »Aber bilden soziale Netzwerke die Realität auch immer so ab, wie sie ist?« Damit suggeriert er, dass andere Medien die Realität tatsächlich adäquat abbilden würden. Abgesehen davon, dass das rein erkenntnistheoretisch kompletter Unsinn ist, ist auch die Implikation falsch, die Auswahl von Inhalten sei prä-Social-Media transparenter oder weniger manipulativ gewesen. »Der Nutzer sitzt im Silo sozialer Netzwerke und ist manipulierbar«, schreibt Lobe. Und zuvor? Da saß er im Silo seiner Tageszeitung und der Tagesschau.
Der zentrale Punkt von Tufekcis Studien ist nicht die Verzerrung der Realität oder ein düsteres Menschenbild, sondern eine Analyse der Personalisierung durch Algorithmen.
Würde man ein ideales Informationsmedium konstruieren wollen, so müsste man dem User die Kontrolle darüber geben, welche Inhalte aus welcher Quelle er wahrnehmen will. Das tut Twitter in der Regel, Facebook und die FAZ tun das aber nicht.
Wir kennen das: Eine Firma verschickt eine vermeintlich falsche Rechnung, ihre Dienstleistung stimmt nicht mit unseren Erwartungen überein, wir brauchen beim Einsatz eines Produkts Hilfe. Dann beanspruchen wir den Kundendienst der Firma.
Als aktiver Social-Media-Nutzer erlebe ich immer wieder, wie Kundinnen und Kunden halb-öffentliche Kanäle wie Facebook oder Twitter dafür nutzen, Kundendienst-Anfragen abzuwickeln. Zunehmend entwickle ich dabei negative Gefühle; mich stört es, wenn das geschieht.
Damit meine ich nicht Fälle, in denen die Halb-Öffentlichkeit von Social Media ultima ratio ist (das habe ich auch schon erlebt). Auch Situationen, in denen die schnellste Kommunikation über diese Plattformen erfolgt und die Wahrnehmung eines Publikums eine eigentlich unerwünschte Nebenwirkung ist, stören mich kaum.
Schlanke Abwicklung eines Problems. Wenig Ärger bei Herrn Wampfler.
Heute Nachmittag wurde mir bewusst, was mich konkret stört:
Ein grundsätzliches Misstrauen gegen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Unternehmens, deren Aufgabe es ist, Probleme der Kundschaft zu lösen.
Eine Haltung, bei der nur die Erfüllung einer Maximalforderung eine zufriedenstellende Reaktion eines Unternehmens darstellt.
Die Weigerung, die Konsequenzen zu ziehen und Verträge zu kündigen und Dienstleistungen oder Produkte anderswo einzukaufen.
Das Aufrufen von Zeugen für den Fall, dass die Abwicklung der Beschwerde nicht wie gewünscht verläuft.
Die Vorstellung, als Social-Media-Userin oder -User eine Vorzugsbehandlung einfordern zu können, auf die alle ohne entsprechende Resonanz in sozialen Netzwerken verzichten müssen.
Generell erlebe ich die Haltung oft so, dass beim Abschluss eines Vertrages oder beim Kauf eines Produktes Kundendienst kein Kriterium darstellt, im Nachhinein aber maximale Erwartungen gestellt werden. Diese Erwartungen werden dann wiederum mir zugemutet, der ich in meinen Social-Media-Aktivitäten eigentlich nicht als Zeuge und Druckmittel für unzufriedene Kundinnen und Kunden agieren möchte. Ich fühle mich missbraucht. Das ärgert mich.
Selbstverständlich sind professionelle Unternehmen auf Social Media so aufgestellt, dass sie entsprechende Fälle meistens publikumswirksam so behandeln können, dass ihre Wahrnehmung keinen Schaden nimmt. Ich habe mit Firmen, die das nicht wollen oder können wenig Mitleid (mit ihren Angestellten aber zuweilen viel). Mich interessierten schlicht die Kundenservice-Probleme anderer Menschen nicht. Falls es aber unter den Leserinnen und Lesern Menschen gibt, welche wissen möchten, wie ich mich bei Firmen beschweren – voilà:
So beansprucht Herr Wampfler Kundenservice. Funktioniert wunderbar.
Über einen FB-Post von Marc Böhler bin ich gestern auf einen Bericht über eine Studie von Shanhong Luo gestoßen. In der Studie (wer keinen Zugang hat, kann bei mir eine Privatkopie per Mail anfordern) wird untersucht, inwiefern die Verwendung von digitalem Messaging in Beziehungen der Zufriedenheit mit der Beziehung schade.
Die relevante Variable war dabei der Anteil von digitaler Kommunikation an der Gesamtkommunikation eines Paares. Dieser Anteil hängt bei US-amerikanischen College-Studentinnen und -Studenten mit folgenden Faktoren zusammen:
Beziehungsstatus (wie eng ist die Beziehung)
Entfernung der Partner
Gesamtzahl der verschickten Nachrichten
der Selbsteinschätzung in Bezug auf Vermeiden von Konflikten bzw. Intimität in Beziehungen (»avoidance«)
der Selbsteinschätzung in Bezug auf Besorgt-Sein um die Beziehung, sich nicht genügend geliebt Fühlen (»anxiousness«)
Je höher der Anteil – so zeigt die reduzierte Grafik – desto geringer die Zufriedenheit mit der Beziehung, selbst wenn alle anderen Einflüsse berücksichtigt werden. Die dysfunktionalen Beziehungsstrategien Avoidance und Anxiousness führen selbst auch zu einer reduzierten Zufriedenheit, indirekt werden diese Einflüsse jedoch durch die Verwendung digitaler Kommunikation verstärkt.
Die Studie belegt die so genannte Displacement Hypothesis: Der Gebrauch bestimmter Kommunikationsformen verdrängt andere.
Sie ist aber letztlich ein schönes Beispiel dafür, wie komplex die Untersuchung des Einflusses bestimmter Medienformen ist: Mit Befragungen kann viel gemessen werden. Ursachen werden dadurch nur indirekt ermittelt. Hängt die geringe Zufriedenheit in Beziehungen oft von psychologischen Aspekten ab, können Medien die Wahrnehmung dieser Aspekte verstärken und auch ihren Einfluss verändern. SMS und Messaging haben Menschen, die Konflikte meiden, Tools gegeben, weiterhin kommunizieren zu können. Dadurch könnten Beziehungen länger halten, als das ohne diese Möglichkeiten der Fall war – auch wenn die Partner mit der Situation nicht zufrieden sind. Und daran zeigt sich auch die Schwierigkeit von Wertungen, weil sie immer auch von Wahrnehmungen abhängen, von Vergleichen. Die Möglichkeit, sich SMS schreiben zu können, beeinflusst aber auch die Paare, die davon nicht Gebrauch machen – weil das wiederum mit Bedeutung aufgeladen ist.
Zum Schluss noch die nackten Zahlen aus der Studie – die Studierenden schicken ihren Partnerinnen und Partnern im Schnitt 65 Mitteilungen pro Tag. Digitale Kommunikation macht im Mittel 31% der Kommunikation in Beziehungen aus.
»Und wie gehen Sie mit dem Problem des Datenschutzes um?« Diese Frage wird mir am Ende von Vorträgen ebenso regelmäßig gestellt, wie bei Weiterbildungen verlangt wird, ich solle bitte auf »rechtliche Aspekte« der Nutzung von Social Media eingehen. Juristische Fragen und Datenschutzbedenken sind oft die Feigenblätter, mit denen eine gehaltvolle Auseinandersetzung im Bereich der Medienpädagogik verhindert wird. Potentiale können ausgemalt werden, das Denken »outside the box« angesiedelt werden – aber konkret muss nichts werden, eine Änderung ist nicht nötig, weil im Bereich des Datenschutzes noch ein paar Fragen offen sind.
Ganz ähnlich wird die Skepsis gegenüber Messbarkeit an Schulen eingesetzt, um sich zu Immunisieren gegen die Fragen, ob die verwendeten Lehr- und Lernmodelle wirksam sind und damit das erreicht wird, was vorgegeben wird. Damit sind wir beim Thema dieses Beitrags…
* * *
In der aktuellen Folge ihres Podcasts Bildung – Zukunft – Technik sprechen Felix Schaumburg und Guido Brombach im vierten Teil über die Frage, was die Gründe für den beklagenswerten Zustand des Bildungssystems darstellen (die Vorlage ist Martin Lindners Diagnose). Schaumburg entwickelt eine Formel für das Problem: »Misstrauen und Messbarkeit«.
Im ersten Punkt bin ich einverstanden. Ohne Vertrauen – so meine Überzeugung – kann Pädagogik nicht funktionieren. Ist Vertrauen in einer Schulkultur nicht möglich, muss es möglich gemacht werden. Vertrauen ist nicht etwas, was Lernende mitbringen müssen. Es muss ihnen entgegengebracht werden.
Bei der Messbarkeit bin ich anderer Meinung. Ich halte nicht die quantitative Perspektive für das Problem, sondern den Umgang damit. Konkret:
Fehlende Präzision bei quantitativen Studien und Aussagen.
Ignorieren von Fragen des Kontextes.
Unwissenheit in Bezug auf Unschärfen von Messmethoden etc.
Die Vorstellung von Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit.
Das beginnt schon bei der einfachsten Form von Messung: Der der Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Die Gretchenfragen: Was misst du? Misst du das wirklich oder tust du nur so? Lehrpersonen werden durch das System und eigene Überzeugungen dazu angehalten, in bestimmten Verfahren Noten zu erzeugen. Dabei geben sie vor, die Leistungen der Lernenden zu messen – auch wenn die Fragen, was eine Leistung ist, was gemessen wird, wie genau es gemessen werden kann, welche Einflüsse die Messung beeinflussen können kaum je angesprochen oder geklärt werden.
Scale. Awaywego, Society6
Im Gegensatz dazu eine Messemethode, die mich überzeugt: Der vorherige Abschnitt hat einen Lesbarkeitsindex von 60 nach der Flesch-Formel für die deutsche Sprache. Ich weiß, dass dieser Index nur die Wort- und Satzlängen misst, diese aber gut mit der Lesbarkeit eines Textes korrelieren. 60 bedeutet, der Text ist etwas leichter zu lesen als der Durchschnitt aller Texte, aber nicht sehr leicht. Er passt also, wie ich finde, zu meinem Zielpublikum. Wollte ich ihn einfacher machen, wüsste ich, was zu tun ist.
Dieser Art von Messbarkeit funktioniert, weil sie wirksam ist, ich verstehe, wie sie zustande kommt und den Kontext einbeziehen kann. Es gibt keine willkürlichen Vergleiche oder Normierungen für die Lesbarkeit meines Textes. Aber ich darf diesen Wert auch nicht ignorieren, wenn ich verstehen will, wie es um die Lesbarkeit meiner Texte bestellt ist.
Selbstverständlich gibt es Lektorinnen und Lektoren, welche auch ohne Messung feststellen können, wie gut lesbar ein Text ist. Ganz allgemein hat aber Axel Krommer recht, wenn er sagt:
@schb Leider tritt an die Stelle der Quantifizierung oft der noch schlimmere Rekurs auf Bekenntniswirklichkeiten. @HansHuett@martinlindner
Die Tendenz, Bildung vermessen zu wollen, darf und muss kritisiert werden. Aber nicht per se, sondern nur dann, wenn sie zu Fehlern führt. Zum Beispiel:
Messungen ohne klare Fragestellungen.
Übertragung von Ergebnissen auf anders funktionierende Zusammenhänge.
Fehlende statistische Aussagekraft.
Vermischen von Korrelation und Kausalität.
Begründung von Normen/Standards und oberflächlichen Vergleichen aufgrund von Messungen.
Beeinflussungen von Messergebnissen durch die Messmethoden (e.g. »teaching to the test«).
Bestrebungen, die Wirksamkeit der Bildung in Zahlen ausdrücken zu wollen, sollen präzise kritisiert werden, und nicht in Bausch und Bogen verworfen werden. Genau so, wie Datenschutz und die Einhaltung geltender Gesetze wichtige Bestrebungen sind, die in konkreten Einwänden umformuliert werden müssen und nicht Veränderungen per se blockieren können.
Es sollte eigentlich nicht Vorratsdatenspeicherung heißen, sondern digitale Spurensicherung.
Diese Aussage stammt aus einem Beitrag des CSU-Fraktionsfernsehens (Landtag in Bayern):
Der zugrundeliegende Vergleich – »alles wie im Tatort« – ist besonders in Bezug auf den Begriff »Spurensicherung« unhaltbar. Das kann am Beispiel der Fingerabdrücke gut gezeigt werden.
Betreibt die Polizei Spurensicherung, dann geschieht das nach folgenden Grundsätzen:
Die Spurensicherung erfolgt nach einer Tat, die aufgeklärt werden soll.
Die Spuren werden im Ermittlungsverfahren Verdächtigen zugeordnet.
Nur Vorbestrafte werden in einer Kartei erfasst.
Die CSU-Argumentation verbiegt hier die Realität: Sie gibt vor, es gäbe eine Pflicht, Spuren zu hinterlassen. Die Vorratsdatenspeicherung würde in der analogen Welt bedeuten, dass
Fingerabdrücke nicht weggewischt werden dürfen;
jede Person mit ihren Fingerabdrücken in einer Kartei erfasst wird
und das Tragen von Handschuhen möglicherweise generell verboten werden soll (das wäre dann so etwas wie ein Verschlüsselungsverbot).
Es spricht nichts dagegen, dass die Polizei im Netz Spurensicherung betreibt. Daraus ergibt sich aber keinesfalls die Pflicht, Daten unbescholtener Menschen gegen ihren Willen zu archivieren. Auch wenn die Auswertung der Daten erst im Verdachtsfall geschieht, hat das reale, negative Konsequenzen für die Überwachten.
Sollte die Cyborg-Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten Realität werden – und vieles spricht dafür –, dann könnte es sein, dass die Missverständnisse und zwischenmenschlichen Abkapselungen zunehmen werden. Es ist an der Zeit, über die Risiken der Verschmelzung zwischen Mensch und Maschine zu diskutieren. Wie wollen wir leben? Welche Beziehungen wollen wir führen? Und wie wollen wir unsere Kinder erziehen? Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als unsere Fähigkeit zur Empathie.
Im Spiegel äußert sich der Soziologe Harald Welzer zu technischen Umwälzungen (online nicht verfügbar, Privatkopie kann ich per Mail zustellen):
Welzer: Nehmen Sie ein Angebot wie Airbnb …
SPIEGEL: … eine Digitalplattform, auf der Privatpersonen ihre Wohnung an Reisende vermieten können.
Welzer: Mal abgesehen davon, dass plötzlich diese Rollkofferarmeen durch Wohnviertel rumpeln und es nicht immer lustig ist, wenn beim Nachbarn andauernd b soffene Touristen herumlärmen und morgens um vier zum Flughafen müssen. Wichtiger ist: So ein Angebot verändert die soziale Praxis. Im studentischen Milieu war das Reisen immer billig, weil man irgendwo in einer WG pennen konnte. Seit Airbnb überlegt sich das jede WG genau. Wenn sie das Zimmer umsonst weggibt, hat sie ein schlechtes Geschäft gemacht.
SPIEGEL: Wann hat es Ihnen gedämmert, dass wir mitten in einem Regimewechsel sein könnten?
Welzer: Das hat auch eine Weile gedauert. Das liegt bei mir aber daran, dass ich digital nicht affin bin. […] Ich hatte einen erschreckenden Gedanken, der mich dazu getrieben hat, mich näher mit diesen Konzernen auseinanderzusetzen. Wir haben eine Studie über Menschen gemacht, die im Nationalsozialismus verfolgte Menschen versteckt haben. Plötzlich war da der Gedanke: Es haben damals nicht viele überlebt, aber es haben doch ein paar Tausend geschafft, weil selbst so eine totalitäre Gesellschaft wie der Nationalsozialismus nicht eindringen konnte in bestimmte Bereiche. Und dann der Gedanke: Unter den Bedingungen von heute würde keiner unentdeckt bleiben. Es hätte keiner überlebt.
SPIEGEL: Sie sehen schwarz.
Welzer: Persönlich ist die Menge an Befürchtung größer als die Menge an Hoffnung.
SPIEGEL: Die Vorteile wiegen die Nachteile nicht auf?
Welzer: Nein. Vor allem ist der Nutzen ja selbst widersprüchlich. Je mehr man abgibt an Programme, an Apps, an Algorithmen, desto weniger Selbststeuerung hat man ja.
Wampfler ist es immer daran gelegen, Zustände zu beschreiben. Eine Wertung von Verhalten erfolgt i.d.R. nicht. Stattdessen stehen die Möglichkeiten der Onlineangebote im Vordergrund. Diese bezweifle ich nicht. Ich bezweifle aber, dass eine Mehrheit der Jugendlichen Dienste wie YouNow in einer Weise nutzt, wie sie in den Augen mancher Medienpädagogen “gemeint” sind.
Ich bezweifle, dass das auf Jugendliche beschränkt ist. Und ich bezweifle, dass das alles “Randphänomene” sind. Ich bezweifle die oft anzutreffende ungeheure Idealisierung. Pubertät ist geprägt von extremer Ambivalenz. Exploratives und kritikwürdiges Verhalten stehen in der Hochzeit dieser Phase paritätisch nebeneinander.
Diese drei Formen von Kritik kreisen um einen ähnlichen Problembereich: Auf der einen Seite kann eine Realität beschrieben werden, in der Menschen von der Möglichkeit Gebrauch machen, Zimmer übers Netz zu vermieten, Maschinen in ihren Körper zu integrieren, ihre Leben in einem Videostream an andere zu übertragen.
Daraus ergeben sich Fragen, warum Menschen so handeln, welche Konsequenzen das für sie hat, wie sie Vor- und Nachteile dieser Verhaltungsweisen einschätzen. Diese Fragen beantwortet man, indem man Daten sammelt und den Menschen zuhört, die so handeln.
Das damit verbundene Dilemma: Wer so vorgeht, wertet in der Regel nicht. Kurianowicz, Welzer und Riecken nehmen Wertungen vor: Sie halten es für ungünstig, dass Menschen Technologie so nutzen, wie sie das tun. Aus unterschiedlichen Gründen: Bei Kurianowicz dominiert die Vorstellung, gehaltvolle Kommunikation müsse möglichst unvermittelt erfolgen, bei Welzer die Angst vor dem Totalitarismus und bei Riecken die Erfahrung eines geschulten Erwachsenen, der Jugendlichen dabei helfen möchte, bestimmte Fehler nicht zu machen.
Wertungen reduzieren aber die Komplexität menschlichen Verhaltens. Kurianowicz muss all die Geschichten ausblenden, bei denen Cyborg-Menschen Technologie genutzt haben, um gravierende Probleme zu lösen; Welzer zwingt uns die Maxime auf, ein Leben zu führen, in dem alle jederzeit mit der Möglichkeit einer Diktatur rechnen und das sich an der Vorstellung einer bürgerlichen Freiheit orientiert; Riecken benutzt ein Mediennutzungmodell, bei dem gewisse Absichten und Erwartungen angenommen werden.
Das Dilemma: Wer beschreibt, idealisiert, weil Beschreibungen eine Neutralität voraussetzen, die mit Wertungen nicht zu vereinbaren sind. Und wer wertet, reduziert die Komplexität, weil nur Muster und Prototypen Grundlage einer Norm und Vergleich für eine Norm darstellen können.
Regelmäßig fragen mich Verantwortliche von Schulen für die Mitwirkung bei zwei Veranstaltungstypen an:
Weiterbildung von Lehrpersonen im Bereich Neue Medien/Medienkompetenz/E-Learning etc.
Ausbildung von Jugendlichen im Bereich Medienbildung/Umgang mit Neuen Medien.
Ich freue mich über diese Anfragen und habe schon viele motivierende Veranstaltungen durchführen können. Aber – diese Einschränkung musste ja kommen, sonst wäre daraus kein Blogpost geworden: Mich braucht es dafür eigentlich gar nicht.
Warum nicht? 1. und 2. ließen sich in einer idealen Welt kombinieren: Die Weiterbildung der Lehrpersonen erfolgt deshalb, weil sie die Ausbildung der Jugendlichen selbst übernehmen müssen. Die Möglichkeit, Fachleute in Schulen einzubinden, ist bei Spezialthemen sicher wichtig. Begegnungen mit Fachleuten sind eine Bereicherung für die Schule.
Medienbildung ist aber aus meiner Sicht kein Spezialthema. Es gibt keine Jugendlichen, die ohne Medien aufwachsen oder in Bezug auf Neue Medien nicht mindestens eine Haltung einnehmen müssen. Damit begleiten digitale Kommunikationsformen – bewusst oder unbewusst – das Lernen und das Leben von Jugendlichen.
Aus diesem Grund gehört das in den Kernbereich schulischer Aufgaben. Medienbildung ist elementarer Bestandteil von Unterricht. In jedem Fach, bei jeder Lehrperson. Es gibt keinen Unterricht ohne Medien, kein Lernen ohne Medien.
Wird diese Bereich an externe Fachleute ausgelagert – z.B. an mich -, dann ermöglicht das einem Teil des Lehrkörpers, sich zentralen Aufgaben zu entziehen. Es gibt Schulen, an denen zwar die verantwortlichen Klassenlehrerinnen und -lehrer von sich sagen, Medienkompetenz nicht vermitteln zu können, weil sie sich mit Social Media nicht auskennen – bei meinem Workshop aber lieber einen Kaffee trinken, als mitzuerleben, an welchen Fragestellungen die Jugendlichen arbeiten. Das darf nicht sein.
Fazit: Schulen sollten Lehrkräfte in die Pflicht nehmen und sie beauftragen, Medienkompetenz zu vermitteln. Können sie das nicht, dann entsteht direkt Weiterbildungsbedarf – aber in einem ganz konkreten Sinne, bezogen auf eine klare Aufgabenstellung. Fachleute für die Konzeptionierung und Weiterbildung beizuziehen, ist dann sinnvoll – aber das Know-how muss innerhalb der Schule aufgebaut, nicht ausgelagert werden.
Bezüglich Podcasts bin ich ein Nachzügler. Erst Serial hat mich wirklich dazu gebracht, unterwegs statt Musik Radiofeatures zu hören. Im Moment suche ich mir Folgen von This American Life raus. Sie sind gratis verfügbar, im Netz oder auf einem Podcast Player, es gibt auch eine (eher dürftige) App.
Die aktuelle Folge ist eine der besten. Sie beginnt mit dieser optischen Illusion:
Die Quadrate A und B sind von identischer Farbe, wie man leicht herausfinden kann (alles andere abdecken oder Grafik in einem Grafikeditor öffnen und Farbwerte kontrollieren). Darauf, so Ira Glass, könnten sich alle Menschen einigen, die sich damit auseinandersetzen. Nur auf dem Internet ergäbe sich daraus eine hässliche Diskussion. Fazit eines Diskussionsteilnehmers:
If after reading this thread you refused to actually test it and choose to stick with your dogmatic belief, then you are everything that is wrong with America.
Die Tatsache, dass es im Netz Diskussionen zu jedem Thema gibt, die Menschen verletzen, muss uns zu denken geben. Im nächsten Beitrag der Sendung kommt Lindy West zu Wort. West ist eine Autorin, die sich mit Feminismus und Körperbildern auseinandersetzt. »WHY FAT LADY SO MEAN TO BABY-MEN??????????« ist das Motto ihrer Webseite.
Lindy West
West ist online täglich massivem Hass ausgesetzt: »I get abuse all day every day. It’s part of my job« (alle Zitate aus dem Transcript der Sendung). Im Beitrag erzählt sie von dem Übergriff, der sie am meisten verletzt hat: Kurz nach dem Tod ihres Vaters hat ein Troll ein Twitter- und Gmail-Konto im Namen des Vaters aufgemacht. Er hat ein Bild verwendet, das den Vater im alten Haus zeigt, und Informationen gesammelt, die Wests Privatleben betreffen. Immer wieder äußert er sich dahingehend, der Vater liebe West nicht.
West beschloss, den Troll zu füttern, weil er eine Grenze überschritten hatte:
Faced with Paul West Donezo, I was stuck with the question, what should I do? If I respond, I’m a sucker. But if I don’t respond, I’m a punching bag. So I did what you’re not supposed to do. I fed the troll.
Also antwortete sie ihm auf eine seiner Mails. Und erhielt – zu ihrem Erstaunen – eine Entschuldigung:
I can’t say sorry enough. It was the lowest thing I had ever done. When you included it in your latest Jezebel article, it finally hit me. There is a living, breathing human being who’s reading this shit. I’m attacking someone who never harmed me in any way and for no reason whatsoever.
Darauf beschloss sie, mit dem Troll zu telefonieren, um seine Motive besser verstehen zu können. Man muss sich dieses Gespräch unbedingt anhören, es ist schriftlich nicht einzufangen. Hier aber der zentrale Moment im Gespräch, wo der ehemalige Troll zugibt, ein generelles Problem mit Frauen zu haben. Besonders mit solchen wie West, die zu ihrem Körper stehen können, während er selbst mit seinem Übergewicht kämpft und sich dafür schämt:
Women are being more forthright in their writing. There isn’t a sense of timidity to when they speak or when they write. They’re saying it loud. And I think that– and I think, for me, as well, it’s threatening at first. […] Here’s the thing. I work with women all day, and I don’t have an issue with anyone. I could’ve told you back then if someone had said to me, oh, you’re a misogynist. You hate women. And I could say, nuh-uh, I love my mom. I love my sisters. I’ve loved my– the girlfriends that I’ve had in my life. But you can’t claim to be OK with women and then go online and insult them– seek them out to harm them emotionally.
Das Beispiel zeigt deutlich, wie der Online-Hass gespiesen wird: Als Ventil für Probleme im Leben der Personen, die sich online austoben. Sie nehmen andere nicht als Menschen wahr – erst ein Artikel brachte den Troll dazu, West als Person anzuerkennen.
Wests Troll hat sich – so sagt er – gebessert. Er hat sein Leben verändert und das Trollen aufgegeben. Die Reihenfolge ist entscheidend.
(Auch der Rest der Sendung ist sehr hörenswert für alle, die sich mit den dunklen Seiten des Internets auseinandersetzen.)
Update 29. Januar: In der Diskussion dieses Artikels wurde mir klar, dass er missverständlich sein kann. Ich finde es respektlos, einem Mitarbeiter keine Möglichkeit zu einem Gespräch zu geben, wenn er eines möchte. Aber die Wahl des Kanals ist nicht per se unanständig. Die Beurteilung hängt stark davon ab, was Chef und MA vorher und nachher auch über WA kommuniziert haben.
Juristisch ist die WhatsApp-Kündigung in der Schweiz gültig. Andreas Kyriacou hat mich darauf hingewiesen, dass das bei einem Telefongespräch oft nicht der Fall ist. Die Alternative zu WhatsApp wäre also ein eingeschriebener Brief. Wäre das freundlicher?
Auf dem Titel von 20Minuten ist heute zu lesen, dass sich ein gekündigter Mitarbeiter daran stört, dass ihm die Kündigung per WhatsApp mitgeteilt worden sei.
Mich stört, dass mein Chef mich nicht angerufen oder einen Termin vereinbart hat.
Den Vorwurf, dass dieser Kommunikationsweg unanständig sei, kann ich nur halb nachvollziehen. Die Tradition, auf der Konventionen häufig beruhen, ist klar: Kündigungen erfolgen in der Regel in einem persönlichen Gespräch. Letztlich scheinen mir aber die relevanten Aspekte – Respekt, Würdigung der Gefühle, Mitgefühl etc. – unabhängig von der Wahl des Kommunikationskanals zu liegen. Eine anständige oder unanständige Kündigung kann per WhatsApp, Telefon oder im persönlichen Gespräch erfolgen. Allerdings verschieben sich Kommunikationsgewohnheiten. Viele Menschen kommunizieren auch intimste Inhalte via WhatsApp. Der Messenger hat für sie Telefongespräche ersetzt – man spricht bei den 15-jährigen von einer Text-Generation, die nicht mehr telefoniere. Das hat verständliche Gründe. Jedes Medium hat bestimmte Affordances, also Aspekte, die leichter oder schwerer fallen, wenn man einen Kanal wählt. So zwingen Telefon und persönliches Gespräch das Gegenüber zu einer Reaktion – der Gekündigte muss seinen Ärger, seine Verzweiflung, seine Erleichterung etc. direkt zeigen. Das ist bei WhatsApp nicht der Fall. Zudem ist WhatsApp ein dialogische Medium – Reaktionen sind durchaus möglich. Ich will in diesem kurzen Kommentar nicht auf alle Unterschiede eingehen. Mein Fazit: Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Wenn ich – und viele Jugendliche, die ich kenne – wählen könnte, würden wir WhatsApp einem Telefongespräch vorziehen. Ich telefoniere außerhalb des engsten Freundeskreises praktisch nur noch auf schriftliche Verabredung. In diesem Fall sind die Bedürfnisse des Chefs und die des Mitarbeiters unterschiedlich ausgefallen. Hier mit der Anstandsnorm einem Weg den Vorzug zu geben, scheint mir problematisch und zu wenig reflektiert.
Wie ich Kündigung aussprechen würde: WhatsApp: »Es gibt was Wichtiges zu besprechen. Was ist Ihnen lieber: WhatsApp, Telefon oder Gespräch?«
Kürzlich habe ich ein Medienethik-Modul unterrichtet und dabei – unter Zeitdruck – nicht mehr besprechen können, was zum Thema Cyberethik zu sagen gewesen wäre. Das hole ich hier nach und gebe einen Einblick in meine Überlegungen.
Die digitale Perspektive auf die Medienethik hebt die traditionelle Trennung zwischen einer Verantwortung der Produzierenden – bei Massenmedien oft Redaktionsmitglieder – und einer der Rezipierenden zumindest teilweise auf. Entscheidend ist die Einsicht, dass jeder Klick, jeder Tastendruck, jeder Besuch auf einer Webseite auch Informationen produziert. Nur weil Menschen den Eindruck haben, diese Informationen seien weniger gewichtig als etwas Bilder, Videos oder Texte, ändert das nichts daran, dass sie in als Daten verarbeitbar werden.
Cyberethik bedeutet also in einem einfachen Sinne die Reflexion über die Verantwortung im Umgang mit Informationen – unabhängig davon, ob sie für Menschen wahrnehmbar oder sinnhaft sind. Ob Boulevard-Kampagnen weitergezogen werden, entscheiden heute oft Klick-Monitore in Newsrooms, auf denen der Klick der kritischen Leserin, die sich nur mal wieder über eine Boulevard-Story empören wollte, genau gleich erscheinen wie die aller anderer. Daten fallen aber auch an ganz anderen Orten an: Jede Nachricht, die wir schicken, jeden Kontakt, den wir im Smartphone-Adressbuch anlegen, ja jedes gedrückte Like verbindet die Daten von zwei Profilen oder auch zwei Menschen.
Wer WhatsApp nutzt, teilt so Facebook oft mit, unter welcher Telefonnummer seine Kontakte zu erreichen sind. Die Entscheidung dieser Kontakte, ob sie ihre Telefonnummer an Facebook übermitteln wollen, wir so hinfällig. Datenschutz – so die Perspektive der Cyberethik – ist stärker eine Frage der Solidarität als gemeinhin angenommen.
Geht man, wie Luciano Floridi, noch einen Schritt weiter, so muss auch der Begriff der Verantwortung revidiert werden. Er ist gebunden an eine Vorstellung eines menschlichen Subjekts. Da aber zunehmend Maschinen Informationen produzieren – Programme verarbeiten Daten und produzieren neue -, müssen auch sie zur Rechenschaft gezogen werden können. Klassische Fälle sind die Algorithmen, welche den Börsenhandel heute massgeblich beeinflussen; automatisch generierte Anzeigen bei Flug- oder Zugreisen sowie selbstgesteuerte Fahrzeuge wir Rasenmäher, Staubsauger und bald auch Autos. Die Informationen, welche sie produzieren, führen zu Handlungen, die wiederum Nutzen haben können oder Schaden verursachen – also zum Gegenstand der ethischen Reflexion werden.
Floridi definiert nun eine moralische Handlung als eine, welche die Entropie der Informationssphäre reduziert oder zumindest nicht erhöht (ganz analog zu einer Umweltethik). Gibt also die Anzeige am Flughafen eine falsche Information über die Flugbewegungen aus, so ist das eine moralisch verwerfliche Handlung, für welche die dahinter stehenden Programme zur Rechenschaft gezogen werden müssten.