Begegnung mit einem Troll

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Bezüglich Podcasts bin ich ein Nachzügler. Erst Serial hat mich wirklich dazu gebracht, unterwegs statt Musik Radiofeatures zu hören. Im Moment suche ich mir Folgen von This American Life raus. Sie sind gratis verfügbar, im Netz oder auf einem Podcast Player, es gibt auch eine (eher dürftige) App. 

Die aktuelle Folge ist eine der besten. Sie beginnt mit dieser optischen Illusion:

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Die Quadrate A und B sind von identischer Farbe, wie man leicht herausfinden kann (alles andere abdecken oder Grafik in einem Grafikeditor öffnen und Farbwerte kontrollieren). Darauf, so Ira Glass, könnten sich alle Menschen einigen, die sich damit auseinandersetzen. Nur auf dem Internet ergäbe sich daraus eine hässliche Diskussion. Fazit eines Diskussionsteilnehmers:

If after reading this thread you refused to actually test it and choose to stick with your dogmatic belief, then you are everything that is wrong with America.

Die Tatsache, dass es im Netz Diskussionen zu jedem Thema gibt, die Menschen verletzen, muss uns zu denken geben. Im nächsten Beitrag der Sendung kommt Lindy West zu Wort. West ist eine Autorin, die sich mit Feminismus und Körperbildern auseinandersetzt. »WHY FAT LADY SO MEAN TO BABY-MEN??????????« ist das Motto ihrer Webseite.

Lindy West

Lindy West

West ist online täglich massivem Hass ausgesetzt: »I get abuse all day every day. It’s part of my job« (alle Zitate aus dem Transcript der Sendung). Im Beitrag erzählt sie von dem Übergriff, der sie am meisten verletzt hat: Kurz nach dem Tod ihres Vaters hat ein Troll ein Twitter- und Gmail-Konto im Namen des Vaters aufgemacht. Er hat ein Bild verwendet, das den Vater im alten Haus zeigt, und Informationen gesammelt, die Wests Privatleben betreffen. Immer wieder äußert er sich dahingehend, der Vater liebe West nicht.

West beschloss, den Troll zu füttern, weil er eine Grenze überschritten hatte:

Faced with Paul West Donezo, I was stuck with the question, what should I do? If I respond, I’m a sucker. But if I don’t respond, I’m a punching bag. So I did what you’re not supposed to do. I fed the troll.

Also antwortete sie ihm auf eine seiner Mails. Und erhielt – zu ihrem Erstaunen – eine Entschuldigung:

I can’t say sorry enough. It was the lowest thing I had ever done. When you included it in your latest Jezebel article, it finally hit me. There is a living, breathing human being who’s reading this shit. I’m attacking someone who never harmed me in any way and for no reason whatsoever.

Darauf beschloss sie, mit dem Troll zu telefonieren, um seine Motive besser verstehen zu können. Man muss sich dieses Gespräch unbedingt anhören, es ist schriftlich nicht einzufangen. Hier aber der zentrale Moment im Gespräch, wo der ehemalige Troll zugibt, ein generelles Problem mit Frauen zu haben. Besonders mit solchen wie West, die zu ihrem Körper stehen können, während er selbst mit seinem Übergewicht kämpft und sich dafür schämt:

Women are being more forthright in their writing. There isn’t a sense of timidity to when they speak or when they write. They’re saying it loud. And I think that– and I think, for me, as well, it’s threatening at first. […] Here’s the thing. I work with women all day, and I don’t have an issue with anyone. I could’ve told you back then if someone had said to me, oh, you’re a misogynist. You hate women. And I could say, nuh-uh, I love my mom. I love my sisters. I’ve loved my– the girlfriends that I’ve had in my life. But you can’t claim to be OK with women and then go online and insult them– seek them out to harm them emotionally.

Das Beispiel zeigt deutlich, wie der Online-Hass gespiesen wird: Als Ventil für Probleme im Leben der Personen, die sich online austoben. Sie nehmen andere nicht als Menschen wahr – erst ein Artikel brachte den Troll dazu, West als Person anzuerkennen.

Wests Troll hat sich – so sagt er – gebessert. Er hat sein Leben verändert und das Trollen aufgegeben. Die Reihenfolge ist entscheidend.

(Auch der Rest der Sendung ist sehr hörenswert für alle, die sich mit den dunklen Seiten des Internets auseinandersetzen.) 

The Author

philippe-wampfler.ch

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