Zerstören Misstrauen und Messbarkeit die Bildung?

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»Und wie gehen Sie mit dem Problem des Datenschutzes um?« Diese Frage wird mir am Ende von Vorträgen ebenso regelmäßig gestellt, wie bei Weiterbildungen verlangt wird, ich solle bitte auf »rechtliche Aspekte« der Nutzung von Social Media eingehen. Juristische Fragen und Datenschutzbedenken sind oft die Feigenblätter, mit denen eine gehaltvolle Auseinandersetzung im Bereich der Medienpädagogik verhindert wird. Potentiale können ausgemalt werden, das Denken »outside the box« angesiedelt werden – aber konkret muss nichts werden, eine Änderung ist nicht nötig, weil im Bereich des Datenschutzes noch ein paar Fragen offen sind. 

Ganz ähnlich wird die Skepsis gegenüber Messbarkeit an Schulen eingesetzt, um sich zu Immunisieren gegen die Fragen, ob die verwendeten Lehr- und Lernmodelle wirksam sind und damit das erreicht wird, was vorgegeben wird. Damit sind wir beim Thema dieses Beitrags… 

* * *

In der aktuellen Folge ihres Podcasts Bildung – Zukunft – Technik sprechen Felix Schaumburg und Guido Brombach im vierten Teil über die Frage, was die Gründe für den beklagenswerten Zustand des Bildungssystems darstellen (die Vorlage ist Martin Lindners Diagnose). Schaumburg entwickelt eine Formel für das Problem: »Misstrauen und Messbarkeit«.

Im ersten Punkt bin ich einverstanden. Ohne Vertrauen – so meine Überzeugung – kann Pädagogik nicht funktionieren. Ist Vertrauen in einer Schulkultur nicht möglich, muss es möglich gemacht werden. Vertrauen ist nicht etwas, was Lernende mitbringen müssen. Es muss ihnen entgegengebracht werden.

Bei der Messbarkeit bin ich anderer Meinung. Ich halte nicht die quantitative Perspektive für das Problem, sondern den Umgang damit. Konkret:

  1. Fehlende Präzision bei quantitativen Studien und Aussagen.
  2. Ignorieren von Fragen des Kontextes.
  3. Unwissenheit in Bezug auf Unschärfen von Messmethoden etc.
  4. Standardisierung.
  5. Die Vorstellung von Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit.

Das beginnt schon bei der einfachsten Form von Messung: Der der Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Die Gretchenfragen: Was misst du? Misst du das wirklich oder tust du nur so? Lehrpersonen werden durch das System und eigene Überzeugungen dazu angehalten, in bestimmten Verfahren Noten zu erzeugen. Dabei geben sie vor, die Leistungen der Lernenden zu messen – auch wenn die Fragen, was eine Leistung ist, was gemessen wird, wie genau es gemessen werden kann, welche Einflüsse die Messung beeinflussen können kaum je angesprochen oder geklärt werden.

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Scale. Awaywego, Society6

Im Gegensatz dazu eine Messemethode, die mich überzeugt: Der vorherige Abschnitt hat einen Lesbarkeitsindex von 60 nach der Flesch-Formel für die deutsche Sprache. Ich weiß, dass dieser Index nur die Wort- und Satzlängen misst, diese aber gut mit der Lesbarkeit eines Textes korrelieren. 60 bedeutet, der Text ist etwas leichter zu lesen als der Durchschnitt aller Texte, aber nicht sehr leicht. Er passt also, wie ich finde, zu meinem Zielpublikum. Wollte ich ihn einfacher machen, wüsste ich, was zu tun ist.

Dieser Art von Messbarkeit funktioniert, weil sie wirksam ist, ich verstehe, wie sie zustande kommt und den Kontext einbeziehen kann. Es gibt keine willkürlichen Vergleiche oder Normierungen für die Lesbarkeit meines Textes. Aber ich darf diesen Wert auch nicht ignorieren, wenn ich verstehen will, wie es um die Lesbarkeit meiner Texte bestellt ist.

Selbstverständlich gibt es Lektorinnen und Lektoren, welche auch ohne Messung feststellen können, wie gut lesbar ein Text ist. Ganz allgemein hat aber Axel Krommer recht, wenn er sagt:

Die Tendenz, Bildung vermessen zu wollen, darf und muss kritisiert werden. Aber nicht per se, sondern nur dann, wenn sie zu Fehlern führt. Zum Beispiel:

  1. Messungen ohne klare Fragestellungen.
  2. Übertragung von Ergebnissen auf anders funktionierende Zusammenhänge.
  3. Fehlende statistische Aussagekraft.
  4. Vermischen von Korrelation und Kausalität.
  5. Begründung von Normen/Standards und oberflächlichen Vergleichen aufgrund von Messungen.
  6. Beeinflussungen von Messergebnissen durch die Messmethoden (e.g. »teaching to the test«).

Bestrebungen, die Wirksamkeit der Bildung in Zahlen ausdrücken zu wollen, sollen präzise kritisiert werden, und nicht in Bausch und Bogen verworfen werden. Genau so, wie Datenschutz und die Einhaltung geltender Gesetze wichtige Bestrebungen sind, die in konkreten Einwänden umformuliert werden müssen und nicht Veränderungen per se blockieren können.

The Author

philippe-wampfler.ch

5 Comments

  1. Das der Versuch mehrdimensional und sehr vielschichtige Fähigkeiten mit Gewalt in eine eindimensionale Note zu pressen, von vorn herein zum Scheitern verurteilt ist, ist eigentlich klar. Wenn das Notensystem so toll wäre, dann würde es in anderen Bereichen der Gesellschaft viel häufiger angewandt. Aber ist bei Bildung ein derartiges Ranking aus „Gemesse“ erforderlich? Gilt es nicht einfach bestimmte Fähigkeiten nachzuweisen? Auch modifizierte Notensysteme werden an der grundsätzlichen Unmöglichkeit der fairen und unabhängigen Messbarkeit wenig ändern.
    Dabei gibt es Schulsysteme, wie die Walldorfschulen, die ohne Notengebung auskommen. Man muss sich dann nur mehr Mühe mit der Motivation der Schüler und der Vorbereitung des eigenen Unterrichts geben.

    (Bin auf der Suche nach Verbesserungsvorschlägen für das Schulsystem mit dem Ziel einer Schulgründung unter https://lehrerleaks.wordpress.com/)

  2. Schön wäre, wenn Prof. Franz Eberle von deinem Uni-Institut sich zu deinem Post vernehmen liesse. Er ist ja hierzulande DER (selbst ernannte?) Experte. Wie nahe an der Praxis ist ER wohl dran?

  3. martinlindner says

    ich denke ja, dass es felix in erster linie um die „messbarkeit von lernerfolg“ ging. also um die punkte-bewertung für einzelne schriftlich festgehaltene arbeitsschritte, um die übersetzung dieser mikro-punkte in notenpunkte, um die PISA-arrangements, um die ganze tradition der begabungs-tests.

    auch da ist die antwort nicht ganz leicht: natürlich kann man etwa kommafehler o.ä. zählen, und natürlich sagt das etwas aus. es geht wohl um den richtigen rahmen. und es geht darum, dass nur da sinnvoll gemessen werden kann, wo die messpunkte sich unwillkürlich ergeben.

    sobald aber in irgendeiner weise „erfolg“ mit messungen verknüpft wird, als ansatzpunkt für management, hat man genau den feedback-effekt, den Johanna Angele beschreibt: die messung wird zum dreh- und angelpunkt, um das system umzubauen, das sich nun zuerst nach der messung richtet.

    gerade im zusammenhang mit den ganz neuen dimensionen von messbarkeit, die mit neuen bildungstechnologien möglich geworden sind, wäre es gut, wenn man kriterien angeben könnte, bis wohin „messbarkeit“ nützlich ist und ab wann sie dysfunktional wird?

  4. Es ist in der Tat so, und man kann nicht of genug darauf hinweisen: man sollte nicht a priori verhindern, dass gemessen wird. Und ja, man soll das Messen kritisieren – gerade um die richtigen Dinge richtig zu messen. Messen ist immer auch Lenken. Etwas müssten man noch ergänzen, das in anderen messwütigen Umfeldern längst das Hauptproblem ist: der smarte Spruch „What get’s measured get’s done“ führte dazu, dass nur noch getan wird, was gemessen werden kann. Und das ist das Gefährlichste von allem – gerade für die Bildung. Und das Problem fängt schon an, sich bemerkbar zu machen …

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