Cyberethik

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Kürzlich habe ich ein Medienethik-Modul unterrichtet und dabei – unter Zeitdruck – nicht mehr besprechen können, was zum Thema Cyberethik zu sagen gewesen wäre. Das hole ich hier nach und gebe einen Einblick in meine Überlegungen. 

Die digitale Perspektive auf die Medienethik hebt die traditionelle Trennung zwischen einer Verantwortung der Produzierenden – bei Massenmedien oft Redaktionsmitglieder – und einer der Rezipierenden zumindest teilweise auf. Entscheidend ist die Einsicht, dass jeder Klick, jeder Tastendruck, jeder Besuch auf einer Webseite auch Informationen produziert. Nur weil Menschen den Eindruck haben, diese Informationen seien weniger gewichtig als etwas Bilder, Videos oder Texte, ändert das nichts daran, dass sie in als Daten verarbeitbar werden. Cyberethik

Cyberethik bedeutet also in einem einfachen Sinne die Reflexion über die Verantwortung im Umgang mit Informationen – unabhängig davon, ob sie für Menschen wahrnehmbar oder sinnhaft sind. Ob Boulevard-Kampagnen weitergezogen werden, entscheiden heute oft Klick-Monitore in Newsrooms, auf denen der Klick der kritischen Leserin, die sich nur mal wieder über eine Boulevard-Story empören wollte, genau gleich erscheinen wie die aller anderer. Daten fallen aber auch an ganz anderen Orten an: Jede Nachricht, die wir schicken, jeden Kontakt, den wir im Smartphone-Adressbuch anlegen, ja jedes gedrückte Like verbindet die Daten von zwei Profilen oder auch zwei Menschen.

Wer WhatsApp nutzt, teilt so Facebook oft mit, unter welcher Telefonnummer seine Kontakte zu erreichen sind. Die Entscheidung dieser Kontakte, ob sie ihre Telefonnummer an Facebook übermitteln wollen, wir so hinfällig. Datenschutz – so die Perspektive der Cyberethik – ist stärker eine Frage der Solidarität als gemeinhin angenommen.

Geht man, wie Luciano Floridi, noch einen Schritt weiter, so muss auch der Begriff der Verantwortung revidiert werden. Er ist gebunden an eine Vorstellung eines menschlichen Subjekts. Da aber zunehmend Maschinen Informationen produzieren – Programme verarbeiten Daten und produzieren neue -, müssen auch sie zur Rechenschaft gezogen werden können. Klassische Fälle sind die Algorithmen, welche den Börsenhandel heute massgeblich beeinflussen; automatisch generierte Anzeigen bei Flug- oder Zugreisen sowie selbstgesteuerte Fahrzeuge wir Rasenmäher, Staubsauger und bald auch Autos. Die Informationen, welche sie produzieren, führen zu Handlungen, die wiederum Nutzen haben können oder Schaden verursachen – also zum Gegenstand der ethischen Reflexion werden.

Floridi definiert nun eine moralische Handlung als eine, welche die Entropie der Informationssphäre reduziert oder zumindest nicht erhöht (ganz analog zu einer Umweltethik). Gibt also die Anzeige am Flughafen eine falsche Information über die Flugbewegungen aus, so ist das eine moralisch verwerfliche Handlung, für welche die dahinter stehenden Programme zur Rechenschaft gezogen werden müssten.

Cyberethik 2

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philippe-wampfler.ch

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