Wenn zum Beispiel eine Person gelobt wird, weil sie etwas in ihrem Social-Media-Netzwerk gepostet hat, wird sie sich angewöhnen, mehr davon zu posten. Das mag ganz unschuldig klingen, kann aber schon die erste Phase einer Sucht sein, die sowohl für den betroffenen Menschen als auch die Gesellschaft zum Problem werden kann. Obwohl die Leute im Silicon Valley einen wohlklingenden Euphemismus für diese Phase haben (»Engagement«), ruft sie bei ihnen so ernste Befürchtungen hervor, dass sie ihre Kinder genau davor schützen. Viele der Kinder aus meinem Bekanntenkreis im Silicon Valley besuchen Waldorfschulen, an denen elektronische Geräte prinzipiell verboten sind.
Dieser Abschnitt aus Jaron Laniers »Zehn Gründe, weshalb du deine Social Media Accounts sofort löschen muss« (2018, S. 22) ist eine Variante des »Silicon-Valley-CEO-Arguments«, wie es Beat Döbeli Honegger nennt. Auf seiner Seite hat er weitere Varianten des Arguments versammelt, das man mittlerweile auf fast jeder Digitaltagung hört, in der es um Schulen und Bildung geht. Das Argument ist zu einem Meme geworden, also einer Information, die viral verbreitet wird.
Döbeli schreibt über mögliche Repliken (einige Beispiele gibt es auch hier):
Es wäre genauer zu prüfen, ob diese Aussage überhaupt stimmt und was die Gründe für dieses Verhalten wären. Es wäre auch denkbar, dass IT-CEOs schlicht viel Geld haben und sich eine Privatschule leisten können.
Mein Anspruch ist etwas kleiner: Ich habe untersucht, woher das Argument überhaupt kommt. Ein Hinweis liefert ein Interview mit Christof Wiechert, einem Seminarleiter für Waldorf-Lehrpersonen, das 2013 publiziert wurde.
Auch eine Waldorfschule?
Ist auch eine Waldorfschule. Ja, ja. Und da ist man ziemlich rigoros. Dass man sagt, also mit den Computersachen in der Schule … also bitte nicht, sagen die Eltern, denn die kommen alle aus der Computerindustrie und sagen – nicht für die KinderDie Eltern, die alle bei Microsoft und bei Apple und wo auch immer arbeiten.
Und das finden Sie in einem Artikel − in der New York Times ist das vor einigen Monaten gewesen − müssen Sie mal schauen, ob Sie das finden.
Das wird natürlich amerikanisch dargestellt, eine Retroschule mitten in Silicon Valley, aber dann steht da doch, weil die Eltern das so wollen. Und damit zufrieden sind.
Tatsächlich findet man diesen Artikel. Es handelt sich um ein Portrait einer Schule, der Waldorf School of the Peninsula.

Im Artikel steht eine Statistik: 75% der Eltern, die Kinder in diese teure Privatschule schicken (ab $25’000 bis $40’000 auf High-School-Level), arbeiten in der Tech-Industrie. Da sich Schule einen Campus in Los Altos und Mountainview hat, ist das an sich wenig erstaunlich.
Die Schule selbst hat eine »Media and Technology Philosophy«. Da steht:
The media attention on WSP has largely focused on what we consider a false dichotomy: technology or no-technology? The value of what Waldorf schools practice is much more nuanced. We aim to engage children with what they really need in the order they need it (the developmental approach) and foster strong bodies, healthy senses, rounded and inspired emotional development, and a passion and curiosity for intellectual learning before introducing the powerful influence of technology.
Zusammenfassend: Es gibt eine Waldorf-Schule im Silicon Valley, die ICT zurückhaltend und nuanciert einsetzt. Drei Viertel der Schülerinnen und Schüler haben einen Elternteil, der in der Techindustrie arbeitet.
Diese Tatsache wird im »Silicon-Valley-CEO-Argument« verzerrt, verfälscht und zugespitzt – abgesehen davon, dass es gar kein schlüssiges Argument ist:
Das echte Problem liegt an einem anderen Ort. Oder genauer: An zwei anderen Orten.
Während im Silicon Valley Nannys beauftragt werden, den Kontakt von Kindern zu Technologie zu verhindern, wird in armen Quartieren an Schulen so gespart, dass Lehrkräfte durch Alexa-Geräte ersetzt werden. Das Problem besteht also darin, dass in den USA nur reiche Eltern dafür Sorgen können, dass Kinder eine qualitativ hochwertige Schulbildung erhalten, die ihren Vorstellungen entspricht. Das zeigt das Silicon-Valley-Waldorf-Beispiel. Nicht, dass Technologie per se ein Problem ist.
Ein zweites Problem zeigt diese App (Doctor Kids):

Der Avatar weint, wenn das Kind den Shop schließt. Anzeigen und Anreizsysteme – »addictive design« sollen Kinder animieren, Geld auszugeben und ihre Aufmerksamkeit an Games zu binden. (Dieser Artikel führt das aus.)
Die Silicon-Valley-CEOs haben also das Geld für die Privatschulen ihrer Kinder auch von Apps, welche Kinder von Technologie abhängig macht: Sowohl in der Schule wie auch in der Freizeit. Wer sich also eine Anti-Tech-Nanny und eine teure Privatschule leisten kann, kann getrost fordern, dass Technologie an der Schule keinen Platz einnehmen soll. Alle anderen sollten sich überlegen, wie Kinder selbstbestimmt mit Technologie umgehen lernen. Das geschieht im Wald, beim Spielen und Lernen in Gruppen – aber manchmal halt auch am Smartphone.

So verstanden weist die Frage nach dem »Mehrwert« darauf hin, dass zu wenige Ressourcen zur Verfügung stehen (also etwa Zeit, Räume, Geld, Geräte, Bandbreite, WLAN etc.) oder dass digitaler Unterricht nicht angemessen entschädigt wird (mit Wertschätzung, organisatorischer Erleichterung, Geld, Weiterbildung etc.).
Frederking, Krommer und Maiwald hingegen arbeiten mit dieser Darstellung:













