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KI in der Schule: Als Ersatz für Lehrkräfte, als Assistenz oder zur Evaluation?

Wir sind noch nicht so weit, dass sich Roboter echt Sorgen machen können um Schüler. (Beat Zemp)

Am »Tech Lunch« der Privatschule »Juventus« hat der Präsident des LCH, Beat Zemp, zusammen mit Roland Siegwart von der ETH und Petra Ehmann von Google darüber nachgedacht, ob Systeme mit künstlicher Intelligenz Lehrpersonen bald ersetzen könnten.

Ein Blick des Lehrers ist heute immer noch mehr wert als 1000 Klicks. (Beat Zemp)

Die beiden Zitate von Beat Zemp (das erste stammt aus einem Blick-Artikel) irritieren: Weil sie deutlich davon ausgehen, dass es entweder unvermeidlich oder wünschbar wäre, dass Lehrerinnen und Lehrer dereinst durch Maschinen ersetzt werden – nur sei die Technik heute noch nicht so weit.

Die Diskussion resultierte denn auch im Fazit, dass automatisierte Systeme bestimmte Aufgaben an Schulen werden übernehmen können, also eine Art Assistenz-Funktion einnehmen werden:

Lehrpersonen wird es immer geben, aber sie werden sich auf andere Aufgaben konzentrieren als etwa das Korrigieren. (Petra Ehmann)

Für Professor Roland Siegwart, Leiter Autonomous Systems Lab an der ETH Zürich, kann die Videoüberwachung im Schulzimmer sinnvoll sein, wenn die Datenanalysen helfen, die Kinder effizienter zu begleiten. (Blick)

Auch ohne kritischen Kommentar macht die Diskussion deutlich, dass sich die Rolle der Lehrerin und des Lehrers verändern wird, wenn das die Zukunft der Schule ist. Die technische und psychologische Begleitung automatisierter Systeme wird viel Energie beanspruchen – so dass sich die Frage, ob ein solcher Unterricht »effizienter« ist, eindringlich stellt.

Menschliche Lehrende reagieren auf die Persönlichkeit und die schulische Leistung des Kindes. Sie auf die Aufgabe zu reduzieren, sich Sorgen zu machen um Kinder, entspricht einer Techniklogik, die all die Prozesse abspaltet und automatisiert, die Menschen nicht effizient genug abarbeiten (also etwa das Korrigieren) – und die Aufgaben Menschen überlässt, bei denen sie Maschinen outperformen. Setzt sich diese Sicht durch, dann stehen Lehrerinnen und Lehrer in Zukunft in Konkurrenz mit Systemen, die künstliche Intelligenz einsetzen – und können sich Nischen suchen, in denen sie bessere Leistungen als das System bringen können.

Setzt sich diese Vision durch, werden Kinder bald in vielen Schulzimmern von Systemen gecoached, die auf AI-Speakern wie Alexa von Google funktionieren und auf ihre Stimmen »reagieren« können.

Gravierender dürfte aber eine andere Tendenz sein, die Christoph Kucklick in seinem Buch »Die granulare Gesellschaft« beleuchtet. In diesem Kapitel diskutiert er den Einfluss von umfassenden Rating- und Scoring-Verfahren:

Die Reputation Einzelner wird gewaltig steigen, aber Berufszweige als Ganze dürften eher an Ansehen verlieren. Die öffentlich gemachte Fehlbarkeit von Anwälten, Ärzten, Richtern, Handwerkern und Lehrern dürfte ihre Aura lädieren und ihren Expertenstatus relativieren. So wie Schachgroßmeister nicht mehr ganz so glorios dastehen, seitdem Taschencomputer sie schlagen, werden auch Fachleute Probleme haben, eine Aura der Unfehlbarkeit zu kultivieren. Mehr Ärzte als bisher werden als zweit- oder drittklassig entlarvt und ihr Abstand zu den Besten ihres Faches wird der Öffentlichkeit schmerzhaft bewusst.

Wie schmerzhaft, zeigt sich an der Diskussion um schlechte Lehrer, die in den Schulen bislang standhaft verweigert wird, weil die Institutionen noch nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Dabei ist der Abstand zwischen guten und schlechten Lehrern gewaltig und kann den Lebensweg der Kinder entscheidend beeinflussen, vor allem der bildungsfernen. Aber im Schulsystem wird weiter vorgetäuscht, alle Lehrer wären gleich gut – oder wie ein Kultusminister ironisch formulierte: »Ausgehend von den Beurteilungen sind 90 Prozent aller Lehrer überdurchschnittlich.« Diese Illusion der fachlichen Hochleistung wird in der Rating-Gesellschaft zerbröseln.

Das grundsätzliche Problem ist die Akzeptanz der Messbarkeit: Sobald es einen Konsens darüber gibt, wie Lerneffekte gemessen werden können, passieren zwei Dinge:

  1. Die Arbeit von Lehrperson wird durchleuchtet und sie werden aufgrund dieser Messungen bewertet.
  2. Menschen und KI liefern sich einen Wettkampf beim »teaching to the test«: Unterricht wird darauf reduziert, messbare Ergebnisse zu erzeugen.

Der zweite Effekt lässt sich in den USA seit Längerem beobachten: An Schulen, bei der Polizei, bei Gerichten etc. wird mit Messungen so starker Druck erzeugt, dass die Angestellten komplett unsinnige Dinge tun, um Messwerte erreichen zu können und die daran geknüpften Leistungen zu erhalten. So werden etwa Gefängnisstrafen erhöht, Bussen geschrieben oder Prüfungen für Schülerinnen und Schüler geschrieben, nur um einer großen Maschine den Eindruck zu ergeben, eine wirkliche Leistung sei erbracht worden.

Fazit: Wir dürfen im Bildungssystem nicht der Vorstellung erliegen, die relevanten Prozesse seien messbar. Das ist auch der Grund, weshalb ich grundsätzlich gegen jede Form von Noten bin – Schulen sollten lediglich sinnvolles Feedback auf Leistungen geben, aber keine Scores. Jede Art von Leistungsmessung erzeugt Fehlanreize und massive Ungenauigkeiten. Lernen und Leistung lassen sich nicht messen (oder nur mit einem Aufwand, den keine Schule leisten kann).

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