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Leitmedienwechsel – was ist das eigentlich?

Weil »Digitalisierung« ein abgegriffener Begriff ist, der nichts mehr meint, weil er alles bedeuten kann, versuche ich bei entsprechenden Veranstaltungen, Bestimmungen vorzunehmen, die dabei helfen, konkret über Veränderungen (in Bildungskontexten zu sprechen).

Auf drei (nicht übereinstimmende) Bestimmungen greife ich häufig zurück:

  1. Auf die These, dass das, was in der Welt passiert, als Daten erfasst wird, als Daten dargestellt wird und diese Daten maschinell verarbeitet werden können.
  2. Auf Stalders Merkmale der Kultur der Digitalitätdie zeigen, dass sich kulturelle Praktiken verändert haben und dabei algorithmischen Verfahren, Zusammenarbeit und Weiterverarbeitung von Vorlagen große Bedeutung zukommt.
  3. Auf Doebeli Honeggers Konzept der »Leitmedienwechsels«, wie er in der Abbildung dargestellt wird. Bildschirmfoto 2018-09-17 um 16.08.52

Bei einem Vortrag hat ein Historiker kürzlich nachgefragt, was denn für ein Geschichtsmodell hinter dieser Darstellung stehe – ob es nicht sinnvoll wäre, hier etwas differenzierter und historisch genauer zu argumentieren.

Deshalb versuche ich hier, den Leitmedienwechsel etwas präziser zu fassen. (Unter einem Leitmedium versteht man in diesem Sinne das Medium, das kulturell, wirtschaftlich und gesellschaftlich die stärkste Bedeutung hat…) Döbeli Honegger bezieht sich dabei auf Baecker, der in der Einleitung zu »Studien zur nächsten Gesellschaft« schreibt:

Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. (S. 7)

Daran schließt ein aufschlussreicher Abschnitt an:

Man kann darüber streiten, ob die Sprache sinnvoll als ein Verbreitungsmedium der Kommunikation zu verstehen ist. Und erst recht kann man darüber streiten, ob es angesichts der Komplexität und Diversität jeder Gesellschaft Sinn macht, von jeweils einer Strukturform und einer Kulturform pro Gesellschaftsformation zu sprechen, ganz zu schweigen davon, dass man auch bezweifeln kann, dass sich einzelne Gesellschaftsformationen so eindeutig je einem dominierenden Kommunikationsmedium zuordnen lassen, wie das hier unterstellt wird. Sind nicht die Medientheorie und die Mediengeschichte im Anschluss an Harold A. Innis, Marshall McLuhan und andere viel besser beraten, wenn sie von vornherein auf Vielfalt und Uneindeutigkeit setzen, um daraus empirisch differenzierungsfähigere Fragestellungen zu gewinnen? (ebd.)

Was also in der Grafik bei Döbeli Honegger als ein klarer Übergang von einer Gesellschaftsform zur nächsten erscheint, ist bei Baecker eine »Vermutung«, die dann sofort differenziert und hinterfragt wird. Baecker ergänzt zudem, dass neue Leitmedien alte nicht verdrängen, sondern ergänzen und vielmehr auch überlagen, so dass wir allenfalls in einer Informationsgesellschaft leben, die auch Prozesse der Buchdruck-, der Schrift-, Handschrift- und Sprachkultur bewahrt.

Baecker präzisiert seine Prognose in der Einleitung:

Die nächste Gesellschaft wird man vermutlich dann am besten verstehen, wenn man sie als eine Population von Kontrollprojekten beschreibt, die sich gegenseitig ergänzen, durchkreuzen und sonst wie in Anspruch nehmen, die jedoch weder in die Ordnung einer Statushierarchie wie in der Schriftgesellschaft noch in eine funktionale Sachordnung wie in der Buchdruckgesellschaft gebracht werden können. Im Vergleich mit diesen immer noch beeindruckenden Entwürfen einer Gesamtordnung (man denke an Henry Adams) wird die nächste Gesellschaft am ehesten an die Stammesverhältnisse der oralen Gesellschaft erinnern. Aber auch das greift zu kurz, weil die nächste Gesellschaft nicht aus segmentär geordneten homogenen Einheiten (»Stämmen«), sondern aus ökologisch geordneten heterogenen Einheiten (»Kontrollprojekten«) bestehen wird, wenn die gegenwärtigen Anzeichen nicht trügen. (S. 9f.)

Die für Baecker relevante Frage ist also, wie die Gesellschaft mit dem »Überschuss an Kontrolle« umgeht. Für »innovative Unternehmen« skizziert er das mit folgendem Fazit:

Innovative Unternehmen der nächsten Gesellschaft werden sich auf die Form einstellen, in der zustande, was überhaupt zu Stande kommen kann. Sie werden lernen, dass die gesellschaftliche Form sozialer Ordnung immer etwas mit Identität und Kontrolle zu tun hat. Sie werden lernen, dass es in Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Erziehung, Kunst und Religion und zwischen allen diesen Bereichen mit Netzwerken zu tun haben, in denen Leute, Ideen, Geschichten und Institutionen um ihre Identität kämpfen, indem sie mal sanft, mal rücksichtslos alle jene zu kontrollieren versuchen, von denen sie abhängig sind. Und sie werden lernen, dass es nur eine Form der wirksamen Kontrolle gibt, nämlich die Bereitschaft, sich von denen kontrollieren zu lassen, die man kontrollieren will. (S. 21)

Das ist jetzt alles noch sehr soziologisch und nicht historisch gedacht. Die Betonung von Kontrollnetzwerken ist eine Vermutung, eine Prognose – nicht eine historische Analyse.

Dem Historiker, welcher das Geschichtsmodell hinter dem Leitmedienwechsel kritisch befragt hat, habe ich zurückgeschrieben:

Hier ändert sich etwas (was wir nicht genau verstehen) aus Gründen, die wir nicht genau verstehen – und jetzt müssen wir uns dazu verhalten, ohne zu verstehen, wozu wir uns verhalten.

Das ist tatsächlich die Situation, in der sich Bildungsinstitutionen befinden. Denkt man das von Krommer zitierte Neurath-Gleichnis mit dieser Visualisierung der SAMR-These zusammen, dann bauen wir im Moment ein Schiff um, ohne zu wissen, für welches Medium wir das Schiff brauchen werden. Gewiss bleibt also nur: Es ändert sich etwas. Das hat mit Medien zu tun. Unsere gesellschaftlichen Systeme werden sich auch ändern müssen. Aber das steht – für mich – zunächst einmal außerhalb eines Geschichtsmodells. Ich kann die Veränderung weder werten noch kann ich sie klaren Auslösern zuordnen – ich sehe mit verschiedenen Methoden nur, dass sie sich auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen abspielt.

Baecker hat für die Universität der »nächsten Gesellschaft« folgende Losung ausgegeben:

Geht es in der Wissenschaft vor allem darum, Wissen und Nichtwissen so aufeinander zu beziehen, das fruchtbare Fragen gestellt werden können, so muss die Universität zusätzlich dazu erziehen, wissenschaftliche Theorien und Methoden als solche von anderen Formen des Wissens und Fragens unterscheiden zu können. Wie aber lernt und lehrt man etwas über ein Abenteuer des Denkens, indem es auf die Kunst der sicheren Frage ankommt, während diese Frage in einem Raum gestellt wird, indem die Antwort unsicher ist? Wie weckte man Geschmack und Gefühl für den Umgang mit der Paradoxie, dass man wissen kann, dass man nicht wissen kann, welches Wissen auf eine Frage dann antwortet, wenn sie präzise gestellt wird? (S. 116)

Solche Formulierungen zeigen, wie schwierig es ist, konkrete Ratschläge zu geben, wenn man differenziert über den Leitmedienwechsel nachdenkt. Die vereinfachte Darstellung von Döbeli Honegger hilft, Zusammenhänge mitzuteilen und über Haltungen und Verfahren nachzudenken. Aber wenn man das tut, muss man die Vereinfachungen wie Krücken bald loswerden, weil sie gewissermaßen auch falsch sind, oder zu einfach. Das gilt auch für die Dystopie (totale Kontrolle und Überwachung im Bildungskontext, bald sind alle wie die chinesischen Schüler*innen, deren Gesichtsausdruck permanent von Maschinen erfasst und ausgewertet wird) wie auch für die Utopie (in post-fordistischen Projekten arbeiten alle rund um die Uhr zusammen und sind produktiver denn je, lernen immer und überall und selbstbestimmt). Beide Erzählungen helfen uns, über einen Prozess nachzudenken, der schwer zu erfassen ist – weil er gerade jetzt abläuft. Aber sie erfassen ihn nicht, sie sind falsch – oder zu einfach.

 

 

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