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Der »Mehrwert« digitaler Medien – revisited

Aufgrund meiner Erfahrungen gehe ich davon aus, dass an jeder deutschsprachigen Veranstaltung zu digitalen Medien mindestens jemand die Forderung äußert, der Einsatz digitaler Technologie müsse einen klaren »Mehrwert« aufweisen.

Diese Forderung hat in den Netzdiskussionen zu Bildungsfragen eine prononcierte Kritik nach sich gezogen. Axel Krommer formuliert sie am klarsten. Er nennt den »Mehrwert«-Begriff »überflüssig«:

Der Begriff ist unklar, fußt auf einem unreflektierten Verständnis von Medienintegration, reduziert Medien in naiver Weise auf bloße Werkzeuge, verstärkt konservativ-bewahrpädagogische Tendenzen, verhindert oder verlangsamt Innovationen und ist insbesondere durch die etablierten Prüfungsformate fest in der Buchkultur verankert.

Diese Kritik ist für mich schlüssig – ich habe auf diesem Blog schon mehrmals dazu Texte geschrieben.

In den letzten Monaten ist mir aber bewusst geworden, dass die Kritik am Begriff möglicherweise relevante Aspekte der »Mehrwert«-Forderung übersieht. Aus diesem Grund habe ich für einen Vortrag vier Forderungen zusammengetragen, die im unglücklichen Begriff »Mehrwert« versteckt sein könnten (und so vermischt werden).

Lesart 1
»Diese Umstellung im Rahmen der Digitalisierung ist für mich mit großem Aufwand verbunden. Lohnt er sich für mich und meine Schule?«

Diese Frage ist aus systemischer Sicht absolut legitim. Betrachtet man die Darstellung auf der folgenden Slide, erkennt man den Zusammenhang zwischen einer wirksamen Veränderung einer Organisation und den Anreizen (incentives) und den Ressourcen (resources).

Bildschirmfoto 2018-10-21 um 18.19.15So verstanden weist die Frage nach dem »Mehrwert« darauf hin, dass zu wenige Ressourcen zur Verfügung stehen (also etwa Zeit, Räume, Geld, Geräte, Bandbreite, WLAN etc.) oder dass digitaler Unterricht nicht angemessen entschädigt wird (mit Wertschätzung, organisatorischer Erleichterung, Geld, Weiterbildung etc.).

Lesart 2
»Wer mit digitalen Medien lernt, muss mit diesen Verfahren bessere Ergebnisse erzielen.«

Zu dieser Forderung wurde schon viel gesagt. Ihr Hauptproblem ist die fehlende Mess- und Vergleichbarkeit von Kompetenzen.

Zur Messbarkeit verweise ich gerne auf mein aktuelles Youtube-Rabbithole: Speedruns. Spielerinnen und Spieler versuchen, ein Computerspiel so schnell wie möglich zu beenden. Das klingt absolut sinnlos, ist aber mit einem tiefen Verständnis der Spielmechanik und mit differenzierter Aushandlung von Regel- und Messprozessen verbunden. (Hier eines der einfachsten Beispiele.)

Wenn ich nun messe, wie schnell jemand ein Spiel spielen kann (oder wie viele Punkte dabei erzielt werden), dann erfasse ich diese Kompetenzen alle gar nicht (zu denen auch motorische Fähigkeiten, Ausdauer etc. hinzukommen). Und womit sollte ich sie vergleichen? Mit schnellem Lesen?

Das bringt die folgende Darstellung auf den Punkt: Ändert sich ein mediales Bezugssystem, dann gibt es kein Prüfverfahren, das Leistungen in beiden Systemen vergleichen kann. Der kleine Pfeil zeigt, dass vergleichende Aufgaben entweder die Leistungen im grünen oder im roten Bezugssystem reduzieren müssen. Entweder erscheint Super Mario für geübte Thomas-Mann-Speedleser narrativ eher überschaubar und die Spielleistung entsprechend mäßig – oder geübte Gamerinnen sehen im Leseprozess eine motorisch wie technisch wenig anspruchsvolle Tätigkeit. Bildschirmfoto 2018-10-21 um 18.00.52

Fordert man also in diesem Sinne einen Mehrwert, geht man von falschen oder naiven Annahmen über Medien, Leistung und Vergleichbarkeit aus.

Lesart 3 
»Erst wenn Lehrkräfte erleben können, was digitale Medien wirklich bringen, werden sie sie im Unterricht nachhaltig einsetzen.«

Die Frage nach »Mehrwert« bedeutet in diesem Sinne, dass die Fragenden digitale Medien noch nicht als wirksam erlebt haben. Das kann verschiedene Gründe haben und impliziert, dass Tagungen, Vorträge und Workshops nur Wirkung entfalten, wenn zuvor oder gleichzeitig praktische Erfahrungen in sinnvollen, zeitgemäßen Kontexten gesammelt werden. Diese Erfahrungen müssen real sein: Nicht ein wenig Rumspielen und Ausprobieren. Sondern so, dass sie möglichst tief im Berufsalltag von Lehrkräften verankert sind.

Lesart 4
»Die Arbeit mit digitalen Medien darf nicht die mit analogen emulieren, sondern muss anders ablaufen – digital nämlich.«

So verstanden meint »Mehrwert« eine Form der Unterscheidung: Es kann in der digitalen Unterrichtsarbeit nicht darum gehen, Arbeitsblätter einzuscannen und als pdf anzubieten. Hier liegt ein sinnvolles Kriterium vor, um gehaltvolle digitale Anwendungen von weniger brauchbaren abzugrenzen.

Fazit

Ich habe mir angewöhnt, die Frage nach dem Mehrwert nicht mehr abzuweisen oder lächerlich zu machen, sondern nachzufragen, was damit genau gemeint ist. Die Problematik von Lesart 2 erkläre ich gern und ausführlich, weil damit auch ein Verständnis für Medien an sich erworben werden kann. Aber häufig erschöpft sich die Frage nicht darin, sondern weist auf einen Mangel an Erfahrungen hin, äußert eine Kritik an den Bedingungen, unter denen der Leitmedienwechsel an Schulen bewältigt werden soll oder formuliert eine einleuchtende Heuristik für die Beurteilung digitaler Lernapplikationen.

3 Comments

  1. Barbara

    Hallo, mein Name ist Barbara Bock, nachdem mein Kredit der Bank verweigert wurde, ich habe das Darlehen von 60.000 € in 120 Monaten von Frau Cristina Allegri erhalten, die allen Bedürftigen Kredite anbietet. Die Bedingungen sind sehr günstig. Wenn Sie nach einem Darlehen suchen oder andere Menschen in Not wissen, kontaktieren Sie sie für weitere Informationen.:

    ccjc@europe.com

    Herzliche Grüße.

  2. Danke für den sehr differenzierten Text.

    Ich finde die Überlegungen zu Lesart 1-3 überzeugend.

    In Lesart 4 fällst Du jedoch aus meiner Sicht zurück in eine Variante von Lesart 2, nur diesmal qualitativ, nicht quantitativ.

    Letztlich könnte man das SAMR-Modell als Folie für Lesart 4 nehmen: Es geht nicht um Substitution, sondern um Augmentation, Modification und letztlich um Redefinition. Und Unterricht, der Analoges nur substituiert, hat weniger Wert als Unterricht, der Analoges augmentiert. Oder anders herum: Augmentation hat einen Mehrwert gegenüber bloßer Substitution.

    Damit hast Du Dich aber schon für einen Bezugsrahmen entschieden: nämlich den, der durch die Redefinition letztlich überflüssig werden soll. Wenn aber der Bezugsrahmen klar gesetzt ist, greifen die Argumente, die Du gegen Lesart 2 vorgetragen hast.

    Ich kann das hier jetzt nicht ausführen, aber ich glaube, dass hier einer der Gründe dafür liegt, warum uns das SAMR-Modell vollkommen in die Irre führt.

    • Also das ist nicht mein Argument, sondern ein Verständnis der Mehrwert-Frage, das ich kürzlich gehört habe. Klar besteht auch da das Argument des Bezugsrahmens… 

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