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Macht in Netzwerken – Die Analyse Castells

Ich arbeite momentan an einem Reclam-Band, in dem Textausschnitte zum Themenkomplex »Macht im Netz« versammelt sind. Beim Kürzen des Bandes ist die folgende Erklärung der Konzeption Castells rausgefallen, die ich deshalb vorab hier publiziere. 

Castells hat sich sehr früh aus soziologischer Perspektive Gedanken zu den Auswirkungen dessen gemacht, was oft »Digitalisierung« genannt wird. Diese Gedanken sind auch heute lesenswert und erhellen zentrale Zusammenhänge der Frage, wie Machtfragen in der Netzwerkgesellschaft verhandelt werden. 

* * *

Der spanische Soziologe Manuel Castells hat in den 1990er-Jahren eine umfassende Analyse der »Netzwerkgesellschaft« vorgelegt. Er betrachtet Netzwerke als die dominante Organisationsstruktur in allen gesellschaftlichen Systemen: Vom Militär über die Politik bis zur Wirtschaft. In einem Aufsatz von 2011 bespricht Castells den Zusammenhang von Netzwerken, multimedialer Kommunikation und Macht. Ausgangspunkt ist eine Definition von Macht:

Macht ist die relationale Fähigkeit, den Willen eines Akteurs dem Willen eines anderen Akteurs überzuordnen, basierend auf den strukturellen Möglichkeiten der Beherrschung, welche in Institutionen oder die Gesellschaft eingebettet sind. (Castells 2011, S. 775).

Das Zitat macht deutlich, dass Netzwerke oder genauer digitale Kommunikationsnetzwerke die Art und Weise verändern, wie Mechanismen der Beherrschung funktionieren und in die Gesellschaft eingebettet sind. Castells sieht Kommunikationsnetzwerke als grundlegend an. Sie eröffnen – wie andere Netzwerke auch – vier Arten von Machtverhältnissen:

  1. Ausschlüsse und Einschlüsse: Wer ein Netzwerk programmiert, legt fest, wer dazu Zugang hat und wer nicht. Das gilt für politische Prozesse in einer Demokratie, bei der geregelt ist, wer in Ämter gewählt werden kann und wird. Es gilt gleichermaßen für digitale Plattformen wie Facebook: Einerseits erleichtert Facebook in Entwicklungsländern den Zugang zur Plattform mit Browsern, die sehr wenige Daten benötigen und so auch bei schwacher Netzanbindung den Zugang zu Facebook ermöglichen. Andererseits schließt Facebook Profile aus, wenn die Verantwortlichen auf Regelverstöße aufmerksam werden.
  2. Koordination von Netzwerken: Nicht nur die Teilhabe wird durch Programme festgelegt, sondern auch die Formate der Nachrichten, die in Netzwerken verschickt werden können. Auch hier können politische Netzwerke mit digitalen Plattformen verglichen werden: Nicht nur erfolgen Wahlen und Abstimmungen mit standardisierten Formularen, auch die Redebeiträge in Parlamenten sind bezüglich Länge, Inhalt und Aufbau normiert. Ganz analog gibt es Standards, die Regeln, welche Dateiformate auf digitalen Kanälen verschickt werden können und wie sie dargestellt werden können. Ein naheliegendes Beispiel sind gif-Dateien, mit denen kurze Filmsequenzen so dargestellt werden, dass sie automatisch ablaufen. gifs waren lange Zeit ein Grund, tumblr zu nutzen: Die Dateien konnten dort leicht eingebunden und dargestellt werden. Twitter, Facebook und WhatsApp zeigten bis 2016 nur unbewegte Bilder an.
    giphy
    Castells fügt seiner Analyse zur Koordination als Machtinstrument zwei Bemerkungen hinzu:
    (a) Weil es so viele verschiedene Formate von Nachrichten gibt, entsteht aus der Macht, Standards zu bestimmen, auch eine Gegenmacht, welche den Kontrollverlust über Nachrichten in digitalen Kontexten ausnutzt. In China werden viele Begriffe im Netz von der Zensur unterdrückt: So ist es beispielsweise nicht möglich, bestimmte politische Ereignisse zu erwähnen. Deshalb sind viele Chinesinnen und Chinesen dazu übergegangen, mit Alltagsbegriffen auf politische Zustände zu verweisen: Das Zensursystem setzt Standards, kann aber nicht verhindern, dass sie unterlaufen werden. Dasselbe gilt für Systeme, welche Fluchwörter oder sexualisierte Sprache in Chatsystemen unterdrücken sollen: Mit leichten Verfremdungen gelingt es, die Verfahren zu umgehen.
    (b) Der Wert von Standards ist abhängig von der Zahl von Menschen, die sie benutzen. E-Mail ist deshalb ein wertvoller Standard, weil sehr viele Menschen E-Mails empfangen und verschicken können. Dadurch verlieren Alternativen an Wert und verschwinden auch: Die Wahlfreiheit von Menschen wird dadurch eingeschränkt. In beruflichen Kontexten ist es kaum denkbar, den E-Mail-Standard nicht zu verwenden.
  3. Macht in Netzwerken: Diese Art von Machtverhältnissen hat mit Themensetzungen und redaktionellen Entscheiden zu tun. Wer bestimmt, mit welchen Inhalten sich die Teilnehmenden in einem Netzwerk befassen? Wer legt fest, was gut sichtbar ist und was im Netz gesucht werden muss? Castells geht davon aus, dass das von den einprogrammierten Zielen eines Netzwerks abhängt. Am Beispiel von Facebook lässt sich das besonders gut zeigen: Mark Zuckerberg, der CEO des Unternehmens, weigert sich, bestimmte problematische Inhalte (z.B. das Leugnen des Holocaust) auf Facebook zu unterdrücken – weil ein Ziel der Plattform die Maximierung der Zeit ist, die Menschen auf der Plattform verbringen. (Je intensiver sie Facebook nutzen, desto mehr Werbung kann an sie ausgespielt werden.) Egal wie kontrovers oder verwerflich Inhalte sind – sie sind es, die Menschen dazu bringen, Facebook zu nutzen. So lässt sich die redaktionelle Entscheidung erklären, diese Inhalte nicht zu entfernen und in ihrem Zusammenhang keine Sanktionen auszusprechen. Die Macht in den Netzwerken wird aufgrund der einprogrammierten Ziele verteilt. Was oder wer ein Netzwerk seinen Zielen näherbringen kann, kann darin Macht ausüben. So lässt sich erklären, dass Menschen, die radikale Inhalte veröffentlichen und Hass und Empörung verbreiten, auf digitalen Plattformen Machpositionen einnehmen können: Sie unterstützen die Netzwerke dabei, die Aufmerksamkeit von Nutzerinnen und Nutzern zu maximieren.
  4. Netzwerke herstellen: Auf einer noch höheren Ebene werden diese Ziele definiert, so dass Netzwerke überhaupt erst entstehen können. Zudem werden Schalter zwischen den Netzwerken festgelegt, die ihre Kooperation und ihre Verhältnisse regeln. Castells spricht hier von Metaprogrammen, die festlegen, was überhaupt programmiert wird.
    Ein gutes Beispiel dafür ist die Blockchain, die Idee hinter Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum. Die Funktionsweise der Blockchain kann gut anhand ihrer Anwendung im Gebrauchtwagenmarkt erklärt werden: Kaufe ich heute einen Gebrauchtwagen, muss ich der Person vertrauen, die ihn verkauft. Belügt sie mich in Bezug auf Schäden oder Unfälle, dann zahle ich möglicherweise deutlich zu viel für das Fahrzeug. Wird der Gebrauchtwagenmarkt auf einer Blockchain erfasst, so wird jedem Fahrzeug eine Datei zugeordnet, in der alle Reparaturen verschlüsselt hinterlegt sind. Kaufe ich das Fahrzeug, kann ich lückenlos überprüfen, wann wer welche Arbeiten daran vorgenommen hat, möglicherweise auch, wie teuer sie waren. Nehme ich als Besitzer des Wagens weitere Reparaturen vor, muss ich sie ebenfalls in diese Datei eintragen. Technisch ist es kaum möglich, die Dateien zu manipulieren. Die Blockchain ist also eine dezentrale Datenbank, in der bestimmte Vorgänge mit hoher Sicherheit dokumentiert werden können (allerdings auch nicht viel anders, als das durch amtliche Stempel möglich ist). Neben dem Gebrauchtwarenmarkt sind weitere Anwendungsbeispiele denkbar: Währungen mit Zahlungsvorgängen oder Temperaturen bei Lebensmitteln oder Medikamenten, bei denen eine geschlossene Kühlkette von Bedeutung ist. Blockchain-Netzwerke verfolgen zwei Ziele: Zusammenarbeit ohne Vertrauensverhältnis zu ermöglichen, indem Datenbankeinträge vollständig, transparent und dezentral gespeichert werden. Kaufe ich einen Blockchain-Gebrauchtwagen, muss ich dem Verfahren vertrauen –  nicht aber der Person, die mir etwas verkaufen will. Niemand kann Daten, die erfasst sind, verändern; ihre Korrektheit wird nicht von einer Institution garantiert, sondern von einem Programm und seinen Daten. Daran zeigt sich, dass die ideologischen Ziele solcher Netzwerke darin bestehen, gesellschaftliche und technologische Funktionen unabhängig von Staaten und anderen großen Organisationen anzubieten.
    An der Blockchain lässt sich aber auch ein zweiter Aspekt zeigen, den Castells dieser Ebene von Machtverhältnissen zuordnet: Die Kontrolle über Schnittstellen oder Schalter zwischen den Netzwerken:

    Schalter, die die Netzwerke untereinander verbinden – etwa Finanzströme, die die Kontrolle über Medien-Imperien übernehmen, die wiederum politische Prozesse beeinflussen – sind die bevorzugten Instrumente der Macht. Damit sind diejenigen, die die Schalter betätigen, auch diejenigen, die die Macht innehaben. Weil es eine Vielzahl von Netzwerken gibt, werden die Codes und Schalter, die zwischen den Netzwerken vermitteln, zu den grundlegenden Quellen, durch die Gesellschaften geformt, geleitet und fehlgeleitet werden. (Castells 2017, S. 596)

    Soll die Blockchain als Netzwerk funktionieren, muss sie an andere Netzwerke anschlussfähig sein: So müssten etwa die Einträge im Gebrauchtwagenregister juristische Relevanz haben oder die Politik müsste Einkommen und Guthaben in Kryptowährungen steuerlich erfassen können.

Fassen wir zusammen, so zeigt sich Macht im Netz in vier Aspekten: In der Festlegung von Zugängen und Ausschlüssen – bei Normen und Standards – bei redaktionellen Entscheiden über die Sichtbarkeit von Inhalten – bei der Festlegung der relevanten Ziele und der Schnittstellen zu anderen Netzwerken.

Betrachtet man etwa das Netzwerk der Politik, so sieht man, dass es direkt mit digitalen Kommunikationsnetzwerken verbunden ist. Während der Zeit des Arabischen Frühlings wurde diese Verbindung oft als eine emanzipatorische gedacht: Menschen, die in Diktaturen leben und politisch benachteiligt werden, können sich im Netz zusammenschließen und ihre Widerstandsarbeit koordinieren. Das Netz erscheint als eine demokratiefördernde Technologie. Mittlerweile haben Einflussnahmen auf Wahlen und Abstimmungen diesen Eindruck gestört: Viele Menschen denken, das Netz erschwere demokratische Prozesse und ermögliche flächendeckende Manipulation. In dieser Wende wird deutlich, was Castells als das Verhältnis von Macht und Gegenmacht bezeichnet: Jedes Machtverhältnis in Netzwerken schafft auch Räume für Widerstand und alternative Formen von Machtverteilung.

 

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