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Digitale Kompromisse

An der Frankfurter Buchmesse habe ich auf einem Podium über die Frage diskutiert, was digitales Lesen bedeutet und von der Schule erfordert. Hier gibt es einen Stream der Veranstaltung, die Beschreibung der Veranstaltung findet sich hier

Im Folgenden möchte ich ein Argument ausführen, das mir der Kern der diskutierten Problematik ausmacht. Bei vielen Fragen besteht aus meiner Sicht grundsätzliche Einigkeit: Digitale Medien müssen auf die kognitive Voraussetzungen von Kindern abgestimmt werden, sie können körperliche Erfahrungen und menschliche Begegnungen nicht ersetzen etc.  

* * *

In der Mediendidaktik gibt es zwei Paradigmen, die man mit Kerres und Frederking/Krommer/Maiwald gut illustrieren kann. Kerres geht von einer »Durchdringung« von Kulturtechniken aus:

Wenn wir heute über Kompetenzen im Umgang mit Medien sprechen, dann meint dies „Bildung in einer durch digitale Technik geprägten Welt“. Diese Kompetenzen sind nicht separat zu entwickeln, sondern sie sind mit der Erschließung von Lerngegenständen essenziell verbunden: Ich lerne Spanisch im Internet in einem Online-Kurs; ich tausche mich mit anderen in einem sozialen Netzwerk über aktuelle politische Entwicklungen aus; ich nutze ein Unterstützungsprogramm, um mein (Sport-) Training zu optimieren. Ich entwickle die entsprechende Kompetenz in der Mediennutzung. (Kapitel 2.3.2)

Das zeigt auch die von Kerres verwendete Abbildung: Bildschirmfoto 2018-09-24 um 17.39.10 Frederking, Krommer und Maiwald hingegen arbeiten mit dieser Darstellung:

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Damit verbunden ist die Vorstellung, eine Reihe von digitaler oder medialer Kompetenzen ergänzten die fachlichen. Ob man nun das Durchdringungsparadigma oder das Erweiterungsparadigma für richtig hält: Aus beiden Sichtweisen ist es relevant, so etwas wie eine Instagram-Story lesen und verfassen zu können. Diese Kompetenz basiert auf herkömmlichen Kulturtechniken (wenn in der Story was geschrieben steht, muss ich es möglichst schnell lesen und verstehen können; ich muss die Modecodes der Menschen, die in der Story vorkommen, deuten können etc.) – und einige davon werden in der Schule unterrichtet, andere nicht.

Beim Gespräch auf der Buchmesse bestand eine zentrale Frage aus meiner Sicht darin, ob die bisher vermittelten Kulturtechniken (also lesen, schreiben, rechnen) nach dem Leitmedienwechsel unverändert einzuüben seien – weil sie die Basis für alle weiteren Formen von Kultur darstellen. Meine Position sagt nicht, diese Kulturtechniken seien nicht mehr wichtig (das ist ein Strohmann, der gern verwendet wird), sondern dass neben sie andere treten – entweder ganz andere (Erweiterungsparadigma) oder dieselben, aber medial durchdrungen (Durchdringungsparadigma). Schülerinnen und Schüler müssen halt nicht nur lernen, von Hand zu schreiben, sondern auch mit einer Tastatur. Sie müssen nicht nur Texte aus Buchstaben lesen, sondern auch Texte aus Programmcode oder solche aus Bildern.

Das bedingt einen Kompromiss. Die Schule muss irgendwo Abstriche machen. Tut sie das nicht, büßt sie an Relevanz ein – über kurz oder lang. Wenn an der Schule etwas gemacht wird, was Schülerinnen und Schüler in ihrer Mediensozialisation als komplett altbacken und sinnfrei erleben, wird Unterricht zunehmend schwierig (etwas altbacken und teilweise sinnfrei muss Schule wahrscheinlich immer sein, weil sie nicht anders zu denken ist).

Diesen Kompromiss kann und will ich nicht diktieren. Wir müssen ihn aushandeln. Dafür trete ich ein. Und für die Berücksichtigung der Komplexität: Schreiben lernen hat mit Motorik, mit Hirnentwicklung, mit Sozialisation, mit Medienkompetenz, dem Erleben von Selbstwirksamkeit und vielem mehr zu tun. Welches die richtige und welches die falsche Form ist, wofür die Zeit in der Schule reicht und wofür nicht – das muss unter Einbezug von viel Expertise ausgehandelt werden. Das ist deshalb schwierig, weil die meisten, die darüber diskutieren, das selbst einmal erlebt haben und in der Tendenz die erlebte Didaktik als die richtige ansehen.

7 Comments

  1. Daniel Auf der Maur

    Spannende Frage, die auch uns bei der Stiftung Mercator Schweiz umtreibt. Wer Kenntnis von Evidenz in diesem Bereich hat, wie sich Kinder Lesen und Schreiben über digitale Formen aneignen, sei herzlich eingeladen, diese zu teilen!

    • Ja, dann teilen Sie das mal bei uns. Und erklären dabei, wie viel Geld Mercator aus der Big5-Industrie bekommt, um zu beweisen, dass Kinder digital lesen können. Wir wollen wissen, welches Projekt von wem mit wie viel Geld gefördert wird.

  2. Anonymous

    Spannende Frage, die auch uns bei der Stiftung Mercator Schweiz umtreibt. Wer Kenntnis von Evidenz in diesem Bereich hat, wie sich Kinder Lesen und Schreiben über digitale Formen aneignen, sei herzlich eingeladen, diese zu teilen!

  3. Ist das nicht verrückt, Philippe? Sowohl beim Schreibenals auch beim Lesen gibt es extrem wenig Studien. Die Fibelstudie von Bonn ist die erste seit vielen Jahren. Der Grundschulverband fußt seine Forderung nach Einführung der Grundschrift auf einer Studie mit 93 Probanden in einem Schweizer Tal. Wieso wird der Beginn unserer Literalität nicht erforscht?

    • Generell wird in diesen Bereichen recht wenig erforscht. In der gymnasialen Schreib- und Lesedidaktik gibt es kaum empirische Studien, die einer kritischen Prüfung standhalten. Alles eine Frage des Geldes: Schülerinnen und Schüler länger zu begleiten – weil gerade darauf käme es ja an – kostet enorm viel. Und das bei mehreren Klassen unter verschiedenen Bedingungen zu machen, ist noch mal teurer.
      So tappt man halt immer wieder in dieselben Fallen: Projekte z.B. einzuführen, nachdem sie unter Luxusbedingungen erpobt und für gut befunden worden sind, nur um dann zu merken, dass sie nicht skalieren etc.

  4. Ich würde der These, dass mit der Digitalisierung Medienkompetenzen zu den bisherigen Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen hinzutreten, die insgesamt den gleichen Stellenwert einnehmen, nicht widersprechen. Die Differenz ist hier, und Sabine Czerny beschreibt sie ja schön mit dem Satz: alles hat seine Zeit: ich glaube, dass eine Durchdringung des Lesens usw die bessere Beschreibung dessen ist, was sich zuträgt. Aber ich glaube, dass das nicht für den Anfang gilt. Kurz: beim Erlernen des Lesens und Schreibens sollten in meinen Augen digitale Hilfsmittel außen vor bleiben. Die fundamentalen Kulturtechniken zu erlernen ist sehr komplex, weil zum Beispiel die Domänen Lesen und Schreiben ineinandergreifen und wiederum jede dieser Domänen aus einer Vielzahl von konstitutiven Kompetenzen besteht: Etwa das Zeichensystem Buchstaben und mit dem Wort- und Begriffsapparat Wörter und Sprache zu kombinieren, hinzu kommt die Rechtschreibung, welche das Verständigungssystem Sprache zusammenhält. Und einiges mehr, etwa die Motorik des Schreibens, Selbstwirksamkeitserlebnisse, Persönlichkeitsbildung, die eng mit Literalität verbunden sind. Dieser insgesamt komplexe Prozess ist, wie wir aus Studien wissen, in einer Krise. Ich würde behaupten, die fundamentalen Kulturtechniken sind in Gefahr – und damit ein Grundpfeiler der Zivilisation. Ich erinnere nur daran, dass es einen weltweiten Test namens Pisa gibt, in dem sich die Kulturnationen gegenseitig einig sind, dass Lesekompetenz die Urkompetenz einer modernen Gesellschaft sind, und zwar im Sinne von Literacy. Würde man Deinen Weg, Philippe, zu frph einschlagen, also konkret weitere Zeit und Konzentration vom Lesenlernen abziehen, dann sind die Kulturtechniken für die Gesamtheit der Lerner*innen nicht mehr zu halten. Das verstößt, erstens, gegen die Gleicheit der Bildung und, zweitens, stellt es die literarische Kultur als solches infrage. Sabine wies daraufhin: kann ein Kind nicht 100 Wörter pro Minute lesen – dann empfindet es Lesen als so anstrengend, dass es nicht weiter lesen wird. Und dann? Steigt die Zahl der funktionalen Analphabeten weiter an? Gibt es lesefähige Menschen – und andere, eine Zweiklassengesellschaft? Ich habe wie Du noch keine abschließende Antwort, aber meine Schulbesuche und Studienrecherchen sagen mir: Lesen und Schreiben würden eine ungesteuerte Digitalisierung der ABC-Schützen nicht überleben.

    • Flüssig lesen können – das ist nichts, was umstritten ist. Beim Schreiben – welche Art von Schreibdidaktik, in welchen Medien etc. – sind die Urteile und die Forschung diverser. Ohne jetzt dafür zu plädieren: Aber uns fehlen halt einfach Studien zu Schulen, die das systematisch, nachhaltig, langfristig digital gemacht haben. Also was passiert, wenn Tastaturschreiben der primäre Schreibmodus ab der ersten Klasse ist? Das wissen wir schlicht nicht. Meine Vermutung ist: Das könnte auch funktionieren, ohne dass Schreiben wegbricht.

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