Lehrveranstaltungen mit anonymen Blogs begleiten – ein Kommentar zum Fall Münkler

Am Anfang des laufenden Schuljahres beauftrage ich eine Klasse, sich in einem Aufsatz vorzustellen. Auf dem Klassenblog verfasste jemand (oder mehrer) aus der Klasse eine Kritik am Auftrag: Er sei »absolut ungerecht«. Ich diskutierte diese Kritik mit der Klasse und kam zum Schluss, den Aufsatz als freiwillige Arbeit anzusetzen. Die Perspektive aus der Klasse direkt mitgeteilt zu bekommen, empfand ich als große Chance, meine Arbeit zu reflektieren und zu verbessern. Die Auseinandersetzung setzte bei der Machtverteilung im Schulzimmer an – ein Aspekt, den privilegierte Lehrpersonen und Dozierende oft übersehen. 

An der Humboldt-Universität in Berlin spielt sich momentan eine ähnliche Geschichte ab – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Eine Vorlesung des renommierten Professors Herfried Münkler wird in einem Blog zusammengefasst und eine Kritik unterzogen. Einem Spiegel-Online-Beitrag zufolge empfindet der Professor die Begleitung der Lehrveranstaltung als »permanente Denunziationsdrohung«, während die Uni-Verantwortlichen sich daran stören, dass der Blog anonym geführt wird: »Die Blogger sollten aus ihrer Anonymität heraustreten, weil wissenschaftlicher Dialog nur im öffentlichen Diskurs möglich sei«, heißt es im Artikel. Die Studierenden, die hinter dem Blog stehen, verweisen auf die Öffentlichkeit der Vorlesung: »Man verändert die Welt nicht mit Waffen, sondern dadurch, dass man miteinander redet, sich organisiert und den Diskurs beeinflusst. […] Wer die Öffentlichkeit bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit sucht, muss sie auch ertragen können, wenn sie kritische Fragen stellt.« Ein ausführliches Statement von Münkler findet sich in einem Kommentar auf dem Blog.

Was ist davon zu halten? Aus meiner Sicht sind folgende Überlegungen relevant:

  1. Jede Art von Auseinandersetzung von Studierenden mit den Inhalten einer Vorlesung ist zu begrüssen. Kritik ist die Grundlage von Wissenschaft und die Basis eines Studiums.
  2. Deshalb wundere ich mich, dass solche Blogbegleitungen bei den großen Uni-Vorlesungen nicht Standard sind. (Das liegt wohl am großen Aufwand, der damit verbunden ist; an der fehlenden digitalen Affinität vieler Studierender und an der Kultur eine stärker ausbildungsorientierten Lehre an Universitäten.)
  3. Die Forderung, die Studierenden müssten aus der Anonymität treten, damit ihre Anliegen ernst zu nehmen seien, halte ich für verfehlt. Dass die Anliegen ernst gemeint sind, lässt sich daran ablesen, dass sie in ausformulierten Argumenten auf einem sorgfältig gepflegten Blog erfolgen.
  4. Klar – ein offenes Gespräch erfolgt dann, wenn die Teilnehmenden bekannt sind. Allerdings liegt die Schuld für die Machtverteilung an Universitäten nicht bei Studierenden, die darauf kaum einen Einfluss haben. Sie müssen nicht auf ihr Recht auf Kritik an einer Vorlesung verzichten, weil sie die beruflichen und akademischen Nachteile, die aus dieser Kritik entstehen könnten, nicht tragen können (oder wollen).
  5. Auch Diskussionen in einer Vorlesungen erfolgen von Seiten der Studierenden meist anonym. An der Gesprächssituation ändert sich durch den Blog kaum etwas.
  6. Verzerrungen oder Verfälschungen würden offensichtlich, wenn Münkler die Vorlesung ganz öffentlich durchführen würde (darauf weist auch eine Autorin einer Antwort auf Münklers Kommentar hin). Warum das nicht der Standard ist bei universitären Vorlesungen, scheint mir nicht sauber begründbar.

Die Geschichte ist Symptom einer fehlenden Kritikkultur. Mir ist als Dozent und Lehrer unklar, warum Kritik als etwas Negatives verstanden werden kann. Sie bietet immer die Chance, die eigene Lehre, das eigene Denken und die Wirkung auf andere zu reflektieren und verbessern.

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Das Button-Experiment von Reddit – was sagt es uns?

Mit Klassen, die sich etwas finden könnten, spiele ich ein einfaches Spiel: Alle schließen die Augen und versuchen zu zählen. Jedes Mitglied der Klasse darf sich nur ein Mal beteiligen. Sagen zwei dieselbe Zahl, beginnt das Spiel von vorne. Das Ziel: Bis ans Ende zu gelangen.

Das Spiel dient dazu, erlebbar zu machen, dass alle Individuen Raum brauchen, damit eine Gruppe als ganze Ziele erreichen kann.

Reddit – ein wichtiges Forum und soziales Netzwerk – hat am 1. April ein Thema erstellt (ein so genanntes Subreddit), in dem es einen Knopf mit einem Countdown gibt. Wer bei Reddit zu diesem Zeitpunkt ein Konto hatte, darf den Knopf nur ein Mal drücken. Dem Profil wird dann die Sekundenzahl zugeordnet, bei welcher der Knopf gedrückt wurde. Die Zahlen entsprechen einer Farbe: Violett für die ganz ungeduldigen, dann blau, grün, gelb, orange und rot. Der exklusive Club der roten User hat ein Motto und eine Art Fanclub von nicht-roten Mitgliedern. (Was beim Knopf genau passiert, lässt sich auf dieser Seite nachverfolgen.)

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Der Knopf wurde schnell zu einem magischen Element von Reddit: Die User identifizieren sich mit ihren Farben. Einige schwören, dass sie dafür sorgen, dass der Knopf immer gedrückt wird (was rein mathematisch nicht möglich ist), andere wollen, dass der Countdown möglichst bald einmal 0 erreicht. Weitere versuchen Kontoinhaberinnen und -inhaber davon zu überzeugen, sich dem Button zu verweigern.

Reddit selbst schreibt auf der Seite kryptisch:

We can’t tell you what to do from here on out. The choice is yours.

Das große Rätsel, was beim Ablauf des Countdowns passieren wird, kann hier nicht gelüftet werden. Vielleicht verschwindet der ganze Zauber, wie er gekommen ist. Oder es passiert nichts Nennenswertes.

Aus den Interaktionen der Menschen lässt sich aber Folgendes ableiten:

  1. Willkürliche Eigenschaften von Profilen führen zu einer Statusvergabe.
  2. Scheinbar sinnlose Aktivitäten führen zu einer Faszination (es gibt eine ganze Reihe von statistischen Auswerten zum Knopf).IwRrGDU.0
  3. Auch das Drücken eines Knopfes führt zu einem Datensatz, den Reddit auswerten kann (zusammen mit der Dauer, wie lange ein User damit gewartet hat, den Knopf zu drücken etc.).
  4. Wer Menschen Handlungsmöglichkeiten gibt, zieht sie in seinen oder ihren Bann.

P.S. 1: Ich bin gelb.

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P.S. 2: Kennt ihr dieses Verbevideo schon?

Big-Data-Regulierung: Zwei konstruktive Vorschläge

Ich bin – bekanntermaßen – kein Freund einfacher Datenschutzparolen. Weder glaube ich, dass meine Daten mir gehören noch halte ich es für sinnvoll, einen Datenmarkt aufzubauen, der Menschen für die Nutzung ihrer Daten entschädigt.

Meine Nachbarinnen und Nachbarn haben Daten von mir. Ich weiß nicht genau, welche sie haben, sie haben mich nicht gefragt, ob sie sie haben dürfen, und ich kann nicht kontrollieren, wem sie diese Daten weitergeben. Allenfalls erhalten sie dafür sogar Geld. So funktioniert das halt: Ihre Wahrnehmung sind meine Daten. Will ich sie kontrollieren, schränke ich meine Nachbarschaft in ihrer Freiheit ein.

Nun ist Google nicht mein Nachbar. Aber ein Dienstleistungsunternehmen, das meine Daten braucht, um für mich Informationen verfügbar zu machen. Wie viele Daten Google dafür braucht, ist mir nicht ganz klar. Sicher einige, aber wahrscheinlich nicht alle, die das Unternehmen verarbeitet.

Kann eine Firma wie Google reguliert werden? Ja – warum nicht. Und wie sollte das geschehen? Meiner Meinung nach gibt es zwei sinnvolle Vorschläge:

  1. Eine Konzession für die Verwaltung von großen Mengen personenbezogener Daten – ganz ähnlich wie Rundfunkkonzessionen vergeben werden. Die Konzessionen kosten etwas und sind an Auflagen gebunden.
  2. Eine Pflicht, User zu informieren, wenn verschiedene Datensätze zusammengeführt werden. Wir würden dann informiert, wenn Daten erhoben werden (genau wie das heute der Fall ist), und zusätzlich, wenn verschiedene Datensätze kombiniert werden. Gleichzeitig wäre unsere Einwilligung einzuholen, ob wir das wollen. Damit könnte sicher gestellt werden, dass wiederum ein Mehrwert für User entsteht.
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Data. Katie Troisi, society6

Und: Heute Abend spreche ich in Zürich mit interessanten Menschen über solche Themen.

»Das Floß bauen, während es schwimmt« – Rezension: The Online Manifesto

Die digitale Transformation führt die Menschheit in ein Computerzeitalter – und dabei zu einer vierten Revolution des Menschenbildes, wie Luciano Floridi behauptet. (Kopernikus, Darwin, Freud und nun Turing, Freud hätte dabei von Kränkungen gesprochen.) Es zeichnet sich dadurch aus, dass bislang selbstverständliche Unterscheidungen wie Virtualität und Realität oder Mensch/Maschine/Natur verschwimmen.

Auf diese Herausforderungen reagiert ein Team von 15 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Rahmen der EU-Online-Initiative mit der Formulierung eines Online Manifests. Es liegt in einer deutschen Version vor.  Sehr zu empfehlen ist aber der von Floridi herausgegebene englischsprachige Sammelband, der einzelne Aspekte in Aufsätzen vertieft. Er ist ebenfalls als Open-Access-Dokument frei verfügbar.

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Das Manifest bildet einen idealen Ausgangspunkt für eine politische, anthropologische oder philosophische Diskussion der Digitalisierung. Grundsätzlich sind darin vier Thesen formuliert, die begründet und differenziert werden:

  1. Die grundlegenden Annahmen der Moderne erweisen sich heute als falsch. 
    Menschen zeichnen sich nicht durch eine körperlose Vernunft aus, Technologie kann nicht von Natur getrennt werden, auch Wissenschaft ermöglicht keinen objektiven Zugang zur Realität, politische Systeme und Hierarchien können nicht mehr länger mit mechanistischen Metaphern beschrieben und konzipiert werden.
  2. Kontrolle gewinnt an Bedeutung und entgleitet gleichzeitig. 
    Kontrolle bedeutet die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen Ignoranz und Informationsüberforderung. Deshalb wird Kontrolle im Computerzeitalter immer wichtiger. Dabei ist es aber zunehmend unmöglich zu entscheiden, wer überhaupt Prozesse kontrollieren kann.
  3. Gegensätze lösen sich zu dualen Paaren auf. 
    »Was bedeutet Menschein im Zeitalter der Hypervernetzung«. Diese Frage ist Ausgangspunkt des Manifests. Sie kann nicht direkt beantwortet werden, sondern nur über das Verständnis von Begriffspaarungen wie real/virtuell, öffentlich/privat, Gemeingut/Eigentum, objektiv/subjektiv einen Orientierungshorizont für wesentliche Entscheidungen bieten.
  4. »Unser Selbst ist sowohl frei als auch sozial«. 
    Die Vorstellung einer autonomen Subjektivität muss verabschiedet werden. Menschen können Freiheit nur bedingt und in Beziehungen erleben. Deshalb soll auch kein Ort außerhalb der Technologie anvisiert werden, sondern unter der Bedingungen der Digitalisierung ein lebenswertes Leben möglich gemacht werden. Das geschieht nur, wenn der Aufmerksamkeit von Menschen Sorge getragen wird.

Das sind für mich die beiden entscheidenden Passagen des Manifests:

Wir glauben, dass jeder Mensch nicht nur des Schutzes vor dem öffentlichen Blick sondern auch des Gesehenwerdens bedarf. Die öffentliche Sphäre sollte ein Forum für verschiedene Arten der Interaktion und des Engagements sein, das Raum sowohl für die kraftspendende Undurchsichtigkeit des Selbst, als auch für das das Bedürfnis nach Selbstdarstellung, den Ausdruck von Identität, für die Möglichkeit, sich neu zu definieren, sowie den Großmut des absichtlichen Vergessens bietet. (S. 7)

Verantwortung in einer vernetzten Welt zu übernehmen, bedeutet, zunächst zu verstehen, wie unser Handeln, unsere Wahrnehmung, unsere Wertvorstellungen und selbst unser physisches Sein insgesamt mit Technologien und insbesondere mit IKT verflochten sind. Die Entwicklung einer kritischen Beziehung zur Technologie sollte nicht darauf abzielen, einen transzendenten Ort außerhalb dieser Verflechtungen zu finden, sondern vielmehr ein inhärentes Verständnis dessen bedeuten, wie wir als Menschen, die Technologien gestalten, wiederum selbst durch diese Technologien geprägt werden. (S. 8)

Gegen glattes Denken – Ein Plädoyer für Ernsthaftigkeit in Social Media

Im folgenden Beitrag wende ich mich von einer Idee ab, um danach eine Alternative vorzuschlagen. Die Idee ist die Vorstellung, sauber Gedachtes müsse in einer glatten Form daherkommen. In sozialen Netzwerken kann man die Glätte gut sichtbar machen: Zu aktive User, zu redundante Mitteilungen, Korrekturen, Fehler sind – so die Ideologie der Glattheit – Zeichen von unsauberem Denken.

In der einschlägigen Metaphorik der Entropie führen sie zu einer Verschmutzung der Infosphäre und entsprechend zu einer Steigerung der Informationsentropie. Entsprechend sind die Maximen der Glattheitsideologie:

  1. Denken, formulieren, überarbeiten, kürzen. Besser denken, besser formulieren, stärker überarbeiten, stärker kürzen. Rinse, wash, repeat.
  2. Sparsam publizieren.
  3. Was veröffentlicht wird, muss Bestand haben können.
  4. Haben andere dasselbe schon gedacht, nicht selber formulieren: Sondern den fremden Gedanken verbreiten.

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Ich wende mich deshalb gegen diese Ideologie, weil sie ein ökonomisches Argument an die Stelle eines moralischen rückt. Die Verschmutzung der Informationssphäre entsteht durch eine mangelnde Ernsthaftigkeit, durch »Bullshit«, wie das in der Terminologie von Harry G. Frankfurt heißt:

Wer lügt, muss eine wache Beziehung zur Wahrheit unterhalten, um seine Lüge kaschieren zu können. Wer Bullshit von sich gibt, Humbug oder Mumpitz, den interessiert die Wahrheit schlicht nicht. Der «Bullshitter» plappert, ohne sich darum zu kümmern, ob sein Gequassel wahr oder falsch ist. Ihn interessiert nur, mit seinen Behauptungen – mit seiner Selbstbehauptung – durchzukommen. Er mogelt sich mit Halb- oder Unwahrheiten durch; wenn es gerade zupass kommt, auch mit Wahrheiten. Er biegt sich die Welt zurecht – und wenn die Wahrheit auch daran zugrunde geht.

Wer ernsthaft ist, aber Entwürfe oder Redundantes verbreitet, schafft eine Reibungsfläche, an der sich das Denken des Anderen ereignen kann. Hier Glätte zu fordern, führt zu einer Verschüttung von Potential. Deshalb hier als Alternative die Maximen der ernsthaften Kommunikation:

  1. Publiziere, was aus deinen Denkanstrengungen resultiert.
  2. Zwingen es niemandem auf.
  3. Prüfe kritisch: Eigenes und Fremdes. Immer wieder neu. Formuliere die Kritik. Klar, aber angemessen.
  4. Reibe dich am Denken anderer und lass andere sich an deinem Denken reiben.
  5. Sei bereit, Gedanken zu verwerfen, Formulierungen zu überarbeiten.
  6. Verweise auf Vorarbeiten, aber habe keine Angst, nicht originell zu sein.

Der Missbrauch »unserer Daten« – eine ärgerliche Debatte

Moment läuft im Netz ein eindrücklicher Dokumentarfilm: Do Not Track führt uns vor Augen, wie personalisierte Daten im Netz gesammelt und verwendet werden. Um beispielsweise für dasselbe Produkt unterschiedliche Preise anbieten zu können.

Unternehmen sammeln Daten. Das ist mittlerweile allen bekannt. Im Internet geht das einfach, aber auch analoge hinterlassene Daten werden digitalisiert und von Algorithmen ausgewertet. Auch Regierungen sammeln Daten.

Diese Ausgangslage ist leicht verständlich. Weniger klar ist, was daraus folgt. Schon nur die Aussage, »meine« Daten würden mir gehören, ist meiner Ansicht nach falsch: Sehr oft verfügen andere über Daten, die mich betreffen – weil sie mich gesehen haben, in einer Beziehung zu mir stehen, mit mir Verträge abschließen etc. Suche ich bei Google nach einem Begriff oder kaufe ich im Detailhandel etwas, dann gehören die dazugehörigen Daten ebenso diesen Unternehmen wie mir.

Die aktuelle Debatte resultiert in zwei Aussagen, die mir missfallen:

  1. Das »Datenkraken«-Argument:
    Unternehmen, die Daten auswerten, würden gegen die Interessen ihrer Kunden handeln. Ihre Absichten seien böse, ihre Handlungen totalitär.
  2. Das »selber schuld«-Argument:
    Individuen hätten die Pflicht, sich der Datenverwertung zu verweigern, auch wenn diese bequem sei. Wer dies nicht tue, handle nicht nur gegen die eigenen Interessen, sondern auch mit mangelnder Solidarität.

Während es selbstverständlich Unternehmen gibt, welche Daten missbräuchlich und auf eine verwerfliche Art und Weise bearbeiten, und fahrlässige Menschen tatsächlich sich und andere durch die Preisgabe sensibler Daten gefährden, umgeht die Debatte ihren entscheidenden Widerspruch:

  • Entweder schlägt man sich auf die neoliberale Seite, auf der Unternehmen umfassende Freiheit genießen. Dann ist einleuchtend, dass nur Kundinnen und Kunden etwas ändern können. Unternehmen aus dieser Perspektive einen Vorwurf zu machen, wenn sie zwar komplizierte, aber komplett legale und offen kommunizierte Methoden zur Verwertung von Daten einsetzen, ist absurd.
  • Oder aber man gesteht Gemeinschaften zu, politisch zu steuern, welche Funktion private Unternehmen einnehmen sollen und dürfen. Dann steht nicht das Individuum in der Pflicht, sich den Verlockungen der digitalen Bequemlichkeit zu widersetzen, sondern staatliche Organe regeln, was Datenverarbeitung leisten kann und soll.

Erschwerend kommt bei diesen Fragen die reduzierte Glaubwürdigkeit politischer Akteure hinzu, die sich daraus ergibt, dass:

  1. Überwachung von staatlicher Seite als Sicherheitsversprechen angepriesen wird.
  2. Politische Akteure zu wenig digitales Know-How besitzen.
  3. Politische Prozesse selbst auf einer Auswertung von Daten basieren, so dass sich bei Wahlen die Parteien durchsetzen können, welche am meisten Daten sammeln und sie am effizientesten interpretieren.

Letztlich mutet es aber zynisch an, dass in dieser wichtigen Diskussion vorgegeben wird, Individuen seien alle so privilegiert, dass sie auf bequeme Informationsverarbeitung verzichten können, und die aktuelle Wirtschafts- und Politikordnung eigentlich so behandelt werden müsse, als würden wir in einer Diktatur leben.

Wir brauchen dringend präzisere Analysen und bessere Argumente.

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Studie: Facebook ist für Narzissten keine lohnende Umgebung

Beim Versuch, die Umwelt zu verstehen, werden psychologische Konzepte oft gedehnt und generalisiert. Beim Gefühl, dass die Verbindungen im Netz letztlich oberflächlich seien und Subjektive auch sie selbst zurückwerfen, ist der Begriff des Narzissmus schnell zur Hand.

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Die Frage, ob Social Media Narzissmus auslöse oder fördere, wird in der Forschung anders beantwortet als durch das Bauchgefühl der meisten Menschen. In Generation »Social Media« habe ich den Forschungsstand wie folgt zusammengefasst (S. 109):

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Eine neue Studie (Privatkopie per Mail erhältlich) zeigt aber, dass auch dieses Fazit falsch sein dürfte. Ein US-amerikanisches Forschungsteam hat mit einer Facebook-Studie nicht nur Fragen zu den Auswirkungen von sozialen Netzwerken beantwortet, sondern auch vertiefte Erkenntnisse in die Eigenschaften von Narzissmus gewonnen.

Sie definieren Narzissmus als ein dynamisches System selbstregulativer Prozesse, bei denen Individuen mit einem übersteigerten, aber verletzbaren Selbstbild versuchen, Aufmerksamkeit und Bestätigung von ihrem Umfeld zu erhalten. Das gelingt ihnen – so der aktuelle Forschungsstand – jedoch nur anfänglich und bei Fremden, weil die anfällig sind für einen oberflächlichen Charme, der bei längerfristigen Beziehungen verfliegt. Narzisstinnen und Narzissten wirken auf den ersten Blick sozial attraktiver als andere.

Diese Einsicht kann in Bezug auf die Facebook-Nutzung bestätigt werden. Narzissmus wurde dabei als moderierenden Faktor betrachtet: Während viele Statusupdates mit vielen Kommentaren respektive Likes positiv korreliert sind, ist das bei narzisstischen Profilinhabern viel weniger stark der Fall, wie die unten stehende Grafik aus der Studie zeigt. Anders formuliert: Wer sein Profil oft updatet, erhält viel Feedback. Bei Narzisstinnen und Narzissten ist das nicht der Fall (bzw. viel weniger stark). Das bedeutet, dass Facebook für narzisstisches Verhalten kein ideales Betätigungsfeld ist, weil es durch abnehmende Interaktionen bestraft wird.

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Die Forschungsgruppe hat nun Narzissmus aber noch in einzelne Aspekte unterteilt:

  1. Anspruchshaltung (»entitlement«)
  2. Ausnutzung (»exploitativeness«)
  3. Eitelkeit (»vanity«)
  4. Überlegenheitsgefühl (»superiority«)
  5. Exhibitionismus (»exhibtionsim«)
  6. Kompetenz (»authority«)
  7. Unabhängigkeit (»sufficiency«)

Dabei wurde deutlich, dass die ersten beiden Aspekte stark steuern, wie viel Feedback narzisstisches Verhalten auf Facebook generieren kann. Die letzten beiden hatten auch bei klarem Vorliegen von narzisstischem Verhalten kaum einen Einfluss darauf, wie Interaktionen auf Facebook verlaufen.

Die Studie zeigt, dass Social Media nicht nur in Bezug auf ihre Auswirkungen auf Menschen interessant sind, sondern auch ein Forschungsumfeld für psychologische Fragestellungen anbieten, in dem differenzierte Einsichten in Zusammenhänge gewonnen werden können, welche sonst kaum beobachtbar sind.

Informelles Lernen, Bewertungen, Portfolios und Prüfungen

In Referaten halte ich immer wieder meine Forderung fest, in Schulen von Prüfungen wegzukommen und Leistungen mit Portfolios zu evaluieren (z.B. bei Matur-/Abitur-Prüfungen, oder beim Lernen mit Social Media). Das entspricht meinen grundsätzlichen Überzeugungen, dass schulische Bewertungsprozesse:

  1. Stärken mehr Gewicht geben sollen als (scheinbaren) Defiziten
  2. einen langfristigen Horizont haben müssen
  3. von den Lernenden selbst ausgehen sollen
  4. zentrale Erkenntnisse der Motivationsforschung berücksichtigen müssen
  5. im Idealfall reflektieren, zu welchen Verzerrungen Testsysteme führen
  6. zu Ergebnissen führen, die weniger zu Vergleichen innerhalb von Gruppen führen als vielmehr zu differenzierten Rückmeldungen zum Lernprozess
  7. die soziale Dimension des Lernens viel stärker berücksichtigen müssen.

Als ich auf der Swiss eLearning Conference diesen Gedankengang erörtert habe, stellte ein teilnehmender Student die Frage, wie denn ein solche Systeme verhindere, dass Schülerinnen und Schüler nichts mehr lernten, weil sie auch keine Prüfungen mehr zu absolvieren hätten. Die Frage erinnert mich an ein Paradox der Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen: Während fast alle Menschen von sich selber wissen, dass sie auch mit einem Grundeinkommen weiterhin arbeiten würden, bezweifeln sie, dass andere noch arbeiten würden. Dasselbe trifft auf informelles Lernen zu: Wir alle wissen von uns, dass wir lernen, auch wenn es keinen institutionellen Zwang dazu gibt – es gibt ja wenig, was zu mehr Befriedigung führt, als etwas zu lernen. Bei anderen stellen wir das aber zu oft infrage.

Eine gute Perspektive auf Fragen des informellen Lernens eröffnet die durch die McArthur Foundation finanzierte Reihe zu digitalen Medien und Lernen (alle Bänder sind digital kostenlos verfügbar). Ich habe eben den zuletzt erschienen Band, Documenting and Assessing Learning in Informal and Media-Rich Environments gelesen und möchte einige zentrale Aussagen festhalten. Das Autorenkollektiv hat einerseits Forschungsliteratur gesichtet, andererseits mit Fachleuten über die Frage gesprochen, wie innerhalb von informellen Lernsettings (in Schulclubs, Museen, bei Computerspielen, in Foren etc.) ein individuelles und kollektives Assessment vorgenommen werden könne.

Folgende Einsichten scheinen mir wichtig:

  1. Ohne Wohlbefinden gibt es kein Lernen. (S. 16)
  2. Ein zentraler Lerngegenstand sind Haltungen in Bezug auf Gruppen, Ziele, Werkzeuge, Medien, Genres und Stilen. Diese schaffen Identität und Motivation. (S. 16)
  3. Lernen findet auf drei Ebenen statt: Auf der des Individuums, der Gruppe und der von Projekten oder Organisationen. Vgl. dazu die wichtige Tabelle 1 (S. 17):
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  4. Die Autorinnen und Autoren unterscheiden vier zentrale Bereiche des informellen Lernens:
    a) in einem stärkeren Ausmaß in der Lage sein, Nachforschungen anzustellen und Probleme darzustellen (»Ausmaß« meint sowohl Kompetenz wie auch den Bereich, indem dieses Lernen stattfindet)
    b) produktiv mit anderen zusammenzuarbeiten
    c) Lernergebnisse und -produkte hinsichtlich ihrer Qualität mit Einbezug von Zielen zu reflektieren
    d) langfristig soziale Netzwerke und Ressourcen mobilisieren zu können. (S. 18)
  5. Der Wert und die Bedeutung des Lernens lassen sich dadurch messen, dass man die Lernenden befragt sowie die Intensität misst, mit der sie Lernaktivitäten durchführen (S. 83f.).
  6. Sobald Organisation dafür bezahlt werden, dass sie informelle Lernprozesse begleiten, treten schwerwiegende Verzerrungen ein (S. 86f.).
  7. Die lokale Verankerung von Lernprozessen und ihre Vergleichbarkeit stehen in einem Konflikt (S. 87f.).
  8. Viele wichtige Lernprozesse treten unerwartet und beiläufig auf (S. 91). Sowohl erwartete wie auch unerwartete Outcomes müssen in einer Dokumentation ersichtlich sein.
  9. Es gibt momentan keine sinnvollen standardisierten Testverfahren für informelles Lernen. (S. 94)

Während bei formellem Lernen die Bildung der Gruppen und die Formulierung von Projekten standardisiert sind und kaum geändert werden können, gehören deren Gestaltung bei informellen Lernsettings zum Lernprozess. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Gerade weil hier oft Ergebnisse auftreten, die nicht geplant sind, scheint ein Evaluationszugang über eine Dokumentation (z.B. in Portfolios) entscheidend.

Hier die zentrale Erkenntnis der Autorengruppe:

The principal finding and recommendation of this report is that the scope of valued learning outcomes for informal learning activities should include social, emotional, and developmental outcomes as well as content knowledge and should include learning by groups and whole projects as well as by individuals. We note that many of the valued learning outcomes that are reported were not predictable or aimed for at the start of the projects. (S. 89)

Big Data in der Bildung

Am 6. Mai diskutiere ich mit einer spannenden Runde im Zentrum Karl der Grosse in Zürich über die Herausforderungen der Digitalisierung. Als Vorbereitung habe ich mich mit der Rolle von Big Data in der Bildung auseinandergesetzt. 

Das Bild zeigt kein Callcenter, sondern eine Charter School in Indianapolis. Das Versprechen der »Carpe Diem«-Schools ist einfach: Sie nutzen personalisierte digitale Lernsysteme, um Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern. Dabei erzielen sie scheinbar beachtliche Resultate: Nicht nur in Bezug auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler, sondern auch in Bezug auf die in den USA entscheidende Kosteneffizienz – trotz der fortschrittlichen IT sind die Schulen günstiger als andere High Schools, weil sie viel weniger Lehrpersonal brauchen.

Carpe Diem Schule in Indianapolis, Jessica Ebelhar
Carpe-Diem-Schule in Indianapolis, Bild Jessica Ebelhar

Nicht unerwartet ist um diese Schule eine Kontroverse entbrannt: Peg Tyre weist darauf hin, dass das Problem des US-amerikanischen Bildungssystems darin liegt, dass zu wenig gute Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden, Danah Boyd ergänzt den Beitrag mit der Feststellung, dass technologiegestützte personalisierte Bildung im schlechten Fall dazu führt, dass Schülerinnen und Schüler zu Robotern ausgebildet werden. Diese könnten zwar für die Wartung automatisierter Systeme in der Industrie gut gebraucht werden, würden dabei aber all diese Bildungsaspekte verpassen, die mündige Mitglieder einer aufgeklärten Gesellschaft mitbringen sollten.

Big Data in der Bildung resultiert in der Unterrichtspraxis in personalisierten Lernumgebungen. Darunter muss man sich im idealen Fall eine Aufgabenstellung vorstellen, die auf die Lernerfahrungen und Kompetenzen jedes und jeder einzelnen Lernenden abgestimmt ist. Bei der Bearbeitung werden zusätzliche Daten erhoben, die für die Generierung weiterer Lernumgebungen genutzt werden. Würden Lernende so mit einem schlauen Tool das Zehnfingersystem lernen, würden gezielt motorische Bereiche trainiert, bei denen Schwächen vorhanden sind – aber immer in einem Schwierigkeitsgrad, der zu Erfolgserlebnissen führt, aber gleichzeitig eine Herausforderung darstellt. Im besten Fall bemerkte das Tool dann auch Stärken oder Schwächen beim Entziffern von Wörtern und könnte eine weitere Leseübung darauf abstimmen.

Das Argument, menschliche Beziehungen seien für Lernprozesse entscheidend, möchte ich im Moment ausblenden – und einmal die Vorstellung prüfen, dass Algorithmen aufgrund von Daten in der Lage seien, optimale Lernaufgaben zu gestalten. Betrachtet man die Forschungsliteratur – ich beziehe mich besonders auf Rieder und Röhle sowie Mahrt und Scharkow – so stellen sich folgende Fragen:

  1. Ist es überhaupt sinnvoll, aus vielen Datensätzen von Lernenden Schlüsse über das Lernverhalten einer einzelnen Person abzuleiten?
  2. Können Computersysteme mit repräsentativen Stichproben arbeiten? Sind die Daten, die sie erfassen, für Lernprozesse wirklich entscheidend? Stammen die Daten aus einer genügend breiten Auswahl von Quellen? (Arbeiten z.B. westeuropäische Kinder mit Systemen, die in einem asiatischen oder nordamerikanischen  Kontext entwickelt wurden?)
  3. Stimmen die Kinder und ihre Eltern mit der Verwendung der Daten überein? Kann die Verwendung der Daten in einem ethisch vertretbaren Modell erfolgen?
  4. Auf welchen Modellen von Lernen basieren diese Systeme? Wie transparent sind ihre Annahmen in Bezug auf die Interpretation von Daten, auf die Validität von Messungen, die Vergleichbarkeit von Lernprozessen etc.?
  5. Können solche Tools mit wesentlichen Prinzipien wie der wirtschaftlichen Unabhängigkeit des Bildungssystems und der Lehrfreiheit vereinbart werden? Geben Schulen und die Bildungspolitik hier nicht plötzlich die Kontrolle über Prozesse an Unternehmen ab, die intransparent arbeiten und Investitionen verlangen, die zu einer langjährigen Abhängigkeit führen?

Ich bin neuen Methoden gegenüber aufgeschlossen und denke, dass individualisierte Computerlernsysteme großes Potential besitzen. Aber ich halte die Vorstellung für gefährlich, die Auswertung von Daten führe zu objektiven Erkenntnissen über Lernprozesse, welche Modelle und qualitative Forschung obsolet machen.

Digitale Medien in der Grundschule

In den letzten Wochen machte ein medienpädagogisches Argument die Runde, das ich diskutieren möchte. Es lautet in einem Interview mit Gerald Lembke wie folgt:

Wenn ein Kind im Alter von acht Jahren ganz toll mit dem iPad umgehen kann, hat es vielleicht eine hohe Wischkompetenz, mit Medienkompetenz hat das aber nichts zu tun. Wenn Kinder mit Smartphones, Tablets und Co. hantieren, bedienen sie sie völlig kontextfrei – nicht mit den Zielen Wissensaneignung und -verwertung.

Etwas allgemeiner: Der Einsatz digitaler Medien auf der Grundschulstufe führe nicht zum Erwerb von Medienkompetenz. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Die sinnvolle Nutzung digitaler Medien setze schon eine entsprechende Medienkompetenz voraus.
  • Medienkompetenz hingen von kognitiven Voraussetzungen ab, die Kindern erst ab einem gewissen Alter zur Verfügung stehen.
  • Digitale Medien führten ein Ablenkungspotential mit sich, das jeden positiven Effekt übertünche.
  • Kinder brauchten analoge Erfahrungen, nicht digitale.

Die Argumentation folgt, so denke ich, einem Schema für kulturpessimistische Polemiken: Eine unbestrittene Einsicht wird so stark generalisiert, dass sie in eine Reihe für sich genommen falscher Aussagen führt. Diese werden aber für ein bildungsbürgerlichen Publikum so inszeniert, dass sie sich mit seinem Wertegerüst decken. Entsprechend breit zirkulieren solche Thesen dann in Zeitungen und Büchern.

Grundschulkinder arbeiten mit Tablets. Bild: Brad Flickinger.
Grundschulkinder arbeiten mit Tablets. Bild: Brad Flickinger.

Unbestritten ist in diesem Fall:

  1. Medienkompetenz besteht aus Teilkompetenzen.
  2. Medienkompetenz kann nur altersgerecht erworben werden.
  3. Die kindliche Entwicklung bedarf breiter Erfahrungen, die nicht durch digitale ersetzt werden können.

Um ein Beispiel zu machen: In einem älteren schulpsychologischen Lehrbuch von Rita Kohnstamm findet sich eine Zusammenfassung einer Untersuchung von Robert Selman. Er unterscheidet fünf Niveaus, auf denen Kinder lernen, andere Personen zu verstehen. Erst mit ca. 10 Jahren kann sich ein Kinder vorstellen, »wie eine dritte Person über es und eine andere Person denkt« (Niveau 4), mit ca. 12 Jahren kann es das Verhalten anderen Personen kontextualisieren und verstehen, dass es von Werten, Erfahrungen, Gruppen etc. geprägt ist (Niveau 5).

Um Social Media umfassend nutzen zu können, muss das vierte oder fünfte Niveau erreicht sein. So verhält es sich bei vielen Kompetenzen: Mit 10 Jahren sind erste Voraussetzungen dafür vorhanden, mit 12 fast alle.

Das heißt aber letztlich nur, dass die Ausbildung von Medienkompetenz darauf Rücksicht nehmen soll. Es gibt Lernumgebungen, die durchaus zu Einsichten auf Niveau 3 (»verschiedene Menschen denken und fühlen verschiedene Dinge«, 8 Jahre) führen. Im Buch von Kohnstamm werden schreiben, lesen, rechnen, logisch denken, programmieren, fernsehen, soziales Lernen, Metakognition etc. parallel verhandelt – weil Medienkompetenz letztlich nicht anders funktioniert, als der Aufbau anderer Kompetenzen. Beat Döbeli verweist in seiner Rezension von Lembkes Buch richtig auf den Bücher-Check:

Geschätzt die Hälfte der im Buch gemachten Aussagen lässt sich relativ einfach relativieren, indem man den Bücher-Check macht und den Begriff elektronische Medien durch Bücher ersetzt.

Dieser Check könnte aber schnell auch ein Mathematik-Check sein. Man nehme nur die drei oben gemachten Aussagen und setze ein:

  1. Mathematikkompetenz besteht aus Teilkompetenzen.
  2. Mathematikkompetenz kann nur altersgerecht erworben werden.
  3. Die kindliche Entwicklung bedarf breiter Erfahrungen, die nicht durch mathematische ersetzt werden können.

Daran sieht man, wie selbstverständlich solche Aussagen für pädagogisch interessierte Personen sind.

* * *

Weist man die simple Polemik gegen digitale Medien in der Grundschule zurück, so ergeben sich aus einer differenzierteren Perspektive durchaus bedeutende Fragen, welche Rolle die Digitalisierung bei der Bildung von Kindern spielen soll und kann. Weitreichende Einsichten ergeben sich aus dem Handbuch Kinder und Medien, beispielsweise dem Kapitel von Frommer, Biermann und Kiefer.

Sie verweisen einerseits darauf, dass Sozialisierung heute stark durch die Kinder selbst erfolgt, und zwar in drei Schritten:

  1. den Dingen und sich selbst eine eigene Bedeutung zuschreiben,
  2. eine eigene Handlungslogik für sich entwerfen und
  3. eigene Ziele für das Handeln formulieren.

Diese drei Schritte können gar nicht unabhängig von der Medialisierung der Lebenswelt gedacht werden, in der Kinder aufwachsen. Pointierter: Ohne Auseinandersetzung mit Medien können Kinder nicht heranwachsen.

Gleichzeitig wurde die Perspektive der Kinder in der Forschung bisher tendenziell vernachlässigt:

Das Konzept der Medienbildung ist bisher kaum explizit auf Kinder bezogen worden. So sind bei strukturalen Medienanalysen primär anspruchsvolle mediale Formate berücksichtigt worden, die sich an ältere Nutzer richten. (S. 67)

In einer Schlussfolgerung, die auch normative Fragen aufwirft, bemerken die Autoren ein Paradox:

Das heißt, diese Medien eröffnen schon Kindern viele neue Handlungsräume, stärken also ihren Akteursstatus. Zugleich ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Teilnahme an diesen neuen Medienkulturen aufgrund ihrer Komplexität und auch neuer Risiken an vielfältige Lern- und Bildungsprozesse gebunden ist. So wird die Grenze zwischen privater und öffentlicher Kommunikation leicht überschritten, und über die einmal in Umlauf gebrachten Inhalte hat man im Internet letztlich keine Kontrolle mehr. […]
Die Herausforderung der medienpädagogischen Arbeit mit Kindern besteht in der Er- möglichung solcher ausbalancierter Erfahrungen des Neuen. Das setzt nicht nur die Anerkennung der Unverfügbarkeit der Kinder als Subjekte voraus, sondern aufseiten der Pädagogen/innen auch ein Mindestmaß an eigenen Kenntnissen der komplexen neuen Medienwelten. (S. 69f.)

Das kann so  als reflektierte Einordnung stehen gelassen werden. Abschließend seien Warnungen für die medienpädagogische Arbeit zitiert, welche die Autoren von Horst Niesyto beziehen:

  • Zu wenig Räume für Eigengestaltung, freie Wahl der Themen und Ausdrucksformen.
  • Abwerten der Medienerfahrungen von Kindern und Jugendlichen.
  • Einseitige Orientierung von Eigenproduktionen an ästhetischen Mustern, die mehr den Vorlieben von Mitarbeiter/innen entsprechen.
  • Einseitige Orientierung auf ›Drehplan-Schreiben‹, verbale und kognitive Formen, die zu wenig andere Fähigkeiten berücksichtigen.
  • Mangelndes Medienwissen bei Mitarbeiter/innen, um qualifiziert und einfühlsam beraten zu können.
  • Als Mitarbeiter/in nicht die richtige Balance zwischen ›Beeinflussen‹ und ›Loslassen‹ finden.
  • Unzureichende Vorbereitungen, um situationsgerecht Kindern und Jugendlichen Anregungen zum Mitmachen anbieten zu können.
  • Zu wenig Zeit für das Ausprobieren von Alternativen, für schöpferische Pausen und Reflexion. (S. 70f.)