»Das Floß bauen, während es schwimmt« – Rezension: The Online Manifesto

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Die digitale Transformation führt die Menschheit in ein Computerzeitalter – und dabei zu einer vierten Revolution des Menschenbildes, wie Luciano Floridi behauptet. (Kopernikus, Darwin, Freud und nun Turing, Freud hätte dabei von Kränkungen gesprochen.) Es zeichnet sich dadurch aus, dass bislang selbstverständliche Unterscheidungen wie Virtualität und Realität oder Mensch/Maschine/Natur verschwimmen.

Auf diese Herausforderungen reagiert ein Team von 15 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Rahmen der EU-Online-Initiative mit der Formulierung eines Online Manifests. Es liegt in einer deutschen Version vor.  Sehr zu empfehlen ist aber der von Floridi herausgegebene englischsprachige Sammelband, der einzelne Aspekte in Aufsätzen vertieft. Er ist ebenfalls als Open-Access-Dokument frei verfügbar.

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Das Manifest bildet einen idealen Ausgangspunkt für eine politische, anthropologische oder philosophische Diskussion der Digitalisierung. Grundsätzlich sind darin vier Thesen formuliert, die begründet und differenziert werden:

  1. Die grundlegenden Annahmen der Moderne erweisen sich heute als falsch. 
    Menschen zeichnen sich nicht durch eine körperlose Vernunft aus, Technologie kann nicht von Natur getrennt werden, auch Wissenschaft ermöglicht keinen objektiven Zugang zur Realität, politische Systeme und Hierarchien können nicht mehr länger mit mechanistischen Metaphern beschrieben und konzipiert werden.
  2. Kontrolle gewinnt an Bedeutung und entgleitet gleichzeitig. 
    Kontrolle bedeutet die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen Ignoranz und Informationsüberforderung. Deshalb wird Kontrolle im Computerzeitalter immer wichtiger. Dabei ist es aber zunehmend unmöglich zu entscheiden, wer überhaupt Prozesse kontrollieren kann.
  3. Gegensätze lösen sich zu dualen Paaren auf. 
    »Was bedeutet Menschein im Zeitalter der Hypervernetzung«. Diese Frage ist Ausgangspunkt des Manifests. Sie kann nicht direkt beantwortet werden, sondern nur über das Verständnis von Begriffspaarungen wie real/virtuell, öffentlich/privat, Gemeingut/Eigentum, objektiv/subjektiv einen Orientierungshorizont für wesentliche Entscheidungen bieten.
  4. »Unser Selbst ist sowohl frei als auch sozial«. 
    Die Vorstellung einer autonomen Subjektivität muss verabschiedet werden. Menschen können Freiheit nur bedingt und in Beziehungen erleben. Deshalb soll auch kein Ort außerhalb der Technologie anvisiert werden, sondern unter der Bedingungen der Digitalisierung ein lebenswertes Leben möglich gemacht werden. Das geschieht nur, wenn der Aufmerksamkeit von Menschen Sorge getragen wird.

Das sind für mich die beiden entscheidenden Passagen des Manifests:

Wir glauben, dass jeder Mensch nicht nur des Schutzes vor dem öffentlichen Blick sondern auch des Gesehenwerdens bedarf. Die öffentliche Sphäre sollte ein Forum für verschiedene Arten der Interaktion und des Engagements sein, das Raum sowohl für die kraftspendende Undurchsichtigkeit des Selbst, als auch für das das Bedürfnis nach Selbstdarstellung, den Ausdruck von Identität, für die Möglichkeit, sich neu zu definieren, sowie den Großmut des absichtlichen Vergessens bietet. (S. 7)

Verantwortung in einer vernetzten Welt zu übernehmen, bedeutet, zunächst zu verstehen, wie unser Handeln, unsere Wahrnehmung, unsere Wertvorstellungen und selbst unser physisches Sein insgesamt mit Technologien und insbesondere mit IKT verflochten sind. Die Entwicklung einer kritischen Beziehung zur Technologie sollte nicht darauf abzielen, einen transzendenten Ort außerhalb dieser Verflechtungen zu finden, sondern vielmehr ein inhärentes Verständnis dessen bedeuten, wie wir als Menschen, die Technologien gestalten, wiederum selbst durch diese Technologien geprägt werden. (S. 8)

The Author

philippe-wampfler.ch

2 Comments

  1. Zur ersten der beiden von dir zitierten Passagen passt sehr gut folgender Text:
    Manfred Schneider, Transparenztraum. Berlin 2013

  2. ich behaupte jetzt einfach einmal, dass die berühmten 99% aller Menschen deine beiden wesentlichen Passagen dieses Manifestes so wenig verstehen, wie sie die IKT nicht verstehen. Dabei kann ich im Moment nur für diejenigen Menschen sprechen, die sich in Berlin in Begleitung ihres PC bewegen.

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