Gegen glattes Denken – Ein Plädoyer für Ernsthaftigkeit in Social Media

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Im folgenden Beitrag wende ich mich von einer Idee ab, um danach eine Alternative vorzuschlagen. Die Idee ist die Vorstellung, sauber Gedachtes müsse in einer glatten Form daherkommen. In sozialen Netzwerken kann man die Glätte gut sichtbar machen: Zu aktive User, zu redundante Mitteilungen, Korrekturen, Fehler sind – so die Ideologie der Glattheit – Zeichen von unsauberem Denken.

In der einschlägigen Metaphorik der Entropie führen sie zu einer Verschmutzung der Infosphäre und entsprechend zu einer Steigerung der Informationsentropie. Entsprechend sind die Maximen der Glattheitsideologie:

  1. Denken, formulieren, überarbeiten, kürzen. Besser denken, besser formulieren, stärker überarbeiten, stärker kürzen. Rinse, wash, repeat.
  2. Sparsam publizieren.
  3. Was veröffentlicht wird, muss Bestand haben können.
  4. Haben andere dasselbe schon gedacht, nicht selber formulieren: Sondern den fremden Gedanken verbreiten.

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Ich wende mich deshalb gegen diese Ideologie, weil sie ein ökonomisches Argument an die Stelle eines moralischen rückt. Die Verschmutzung der Informationssphäre entsteht durch eine mangelnde Ernsthaftigkeit, durch »Bullshit«, wie das in der Terminologie von Harry G. Frankfurt heißt:

Wer lügt, muss eine wache Beziehung zur Wahrheit unterhalten, um seine Lüge kaschieren zu können. Wer Bullshit von sich gibt, Humbug oder Mumpitz, den interessiert die Wahrheit schlicht nicht. Der «Bullshitter» plappert, ohne sich darum zu kümmern, ob sein Gequassel wahr oder falsch ist. Ihn interessiert nur, mit seinen Behauptungen – mit seiner Selbstbehauptung – durchzukommen. Er mogelt sich mit Halb- oder Unwahrheiten durch; wenn es gerade zupass kommt, auch mit Wahrheiten. Er biegt sich die Welt zurecht – und wenn die Wahrheit auch daran zugrunde geht.

Wer ernsthaft ist, aber Entwürfe oder Redundantes verbreitet, schafft eine Reibungsfläche, an der sich das Denken des Anderen ereignen kann. Hier Glätte zu fordern, führt zu einer Verschüttung von Potential. Deshalb hier als Alternative die Maximen der ernsthaften Kommunikation:

  1. Publiziere, was aus deinen Denkanstrengungen resultiert.
  2. Zwingen es niemandem auf.
  3. Prüfe kritisch: Eigenes und Fremdes. Immer wieder neu. Formuliere die Kritik. Klar, aber angemessen.
  4. Reibe dich am Denken anderer und lass andere sich an deinem Denken reiben.
  5. Sei bereit, Gedanken zu verwerfen, Formulierungen zu überarbeiten.
  6. Verweise auf Vorarbeiten, aber habe keine Angst, nicht originell zu sein.

The Author

philippe-wampfler.ch

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