Der Missbrauch »unserer Daten« – eine ärgerliche Debatte

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Moment läuft im Netz ein eindrücklicher Dokumentarfilm: Do Not Track führt uns vor Augen, wie personalisierte Daten im Netz gesammelt und verwendet werden. Um beispielsweise für dasselbe Produkt unterschiedliche Preise anbieten zu können.

Unternehmen sammeln Daten. Das ist mittlerweile allen bekannt. Im Internet geht das einfach, aber auch analoge hinterlassene Daten werden digitalisiert und von Algorithmen ausgewertet. Auch Regierungen sammeln Daten.

Diese Ausgangslage ist leicht verständlich. Weniger klar ist, was daraus folgt. Schon nur die Aussage, »meine« Daten würden mir gehören, ist meiner Ansicht nach falsch: Sehr oft verfügen andere über Daten, die mich betreffen – weil sie mich gesehen haben, in einer Beziehung zu mir stehen, mit mir Verträge abschließen etc. Suche ich bei Google nach einem Begriff oder kaufe ich im Detailhandel etwas, dann gehören die dazugehörigen Daten ebenso diesen Unternehmen wie mir.

Die aktuelle Debatte resultiert in zwei Aussagen, die mir missfallen:

  1. Das »Datenkraken«-Argument:
    Unternehmen, die Daten auswerten, würden gegen die Interessen ihrer Kunden handeln. Ihre Absichten seien böse, ihre Handlungen totalitär.
  2. Das »selber schuld«-Argument:
    Individuen hätten die Pflicht, sich der Datenverwertung zu verweigern, auch wenn diese bequem sei. Wer dies nicht tue, handle nicht nur gegen die eigenen Interessen, sondern auch mit mangelnder Solidarität.

Während es selbstverständlich Unternehmen gibt, welche Daten missbräuchlich und auf eine verwerfliche Art und Weise bearbeiten, und fahrlässige Menschen tatsächlich sich und andere durch die Preisgabe sensibler Daten gefährden, umgeht die Debatte ihren entscheidenden Widerspruch:

  • Entweder schlägt man sich auf die neoliberale Seite, auf der Unternehmen umfassende Freiheit genießen. Dann ist einleuchtend, dass nur Kundinnen und Kunden etwas ändern können. Unternehmen aus dieser Perspektive einen Vorwurf zu machen, wenn sie zwar komplizierte, aber komplett legale und offen kommunizierte Methoden zur Verwertung von Daten einsetzen, ist absurd.
  • Oder aber man gesteht Gemeinschaften zu, politisch zu steuern, welche Funktion private Unternehmen einnehmen sollen und dürfen. Dann steht nicht das Individuum in der Pflicht, sich den Verlockungen der digitalen Bequemlichkeit zu widersetzen, sondern staatliche Organe regeln, was Datenverarbeitung leisten kann und soll.

Erschwerend kommt bei diesen Fragen die reduzierte Glaubwürdigkeit politischer Akteure hinzu, die sich daraus ergibt, dass:

  1. Überwachung von staatlicher Seite als Sicherheitsversprechen angepriesen wird.
  2. Politische Akteure zu wenig digitales Know-How besitzen.
  3. Politische Prozesse selbst auf einer Auswertung von Daten basieren, so dass sich bei Wahlen die Parteien durchsetzen können, welche am meisten Daten sammeln und sie am effizientesten interpretieren.

Letztlich mutet es aber zynisch an, dass in dieser wichtigen Diskussion vorgegeben wird, Individuen seien alle so privilegiert, dass sie auf bequeme Informationsverarbeitung verzichten können, und die aktuelle Wirtschafts- und Politikordnung eigentlich so behandelt werden müsse, als würden wir in einer Diktatur leben.

Wir brauchen dringend präzisere Analysen und bessere Argumente.

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The Author

philippe-wampfler.ch

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  1. Pingback: Big-Data-Regulierung: Zwei konstruktive Vorschläge | Schule und Social Media

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