Dejan Mihajlovic, den ich als Kollege im Netz sehr schätzen gelernt habe, hat zu einer Blogparade zu diesem Thema aufgerufen. Wie wandelt sich die Rolle der Lehrkraft? Welche Skills werden in einem Zeitalter der digitalen Information wichtiger? Welche Aus- und Fortbildungsangebote braucht es?
Die Digitalisierung ist für mich deshalb ein wichtiges Thema, weil sie die Perspektive auf damit verbundene Zusammenhänge schärft. Sie ist nicht gelöst von wirtschaftlichen, anthropologischen, politischen, erkenntnistheoretischen Fragen zu denken. So verweist das Thema der Digitalisierung auch auf die Wurzeln der Probleme, vor welchen etablierte staatliche Schulen im deutschsprachigen Raum stehen.
Der Widerspruch zwischen dem Bild der Wurzel und der Schwellenmetaphorik (»vor welchen sie stehen«) ist durchaus beabsichtigt: Das Fundament der staatlichen Schule, wie wir sie heute kennen, ist oft das, was einer Entwicklung im Weg steht und die Lösung von kommenden Problemen erschwert.
Das gilt auch für die Rolle der Lehrperson. Sie ist abgeleitet von der eines Leutnants, der einen Zug (=Klasse) führt: Mit einem Hierarchiegefälle, an einem bestimmten Zeit mit einem vorgegeben Rhythmus. Diese Rolle wird durch die Veränderungen der Digitalisierung immer stärker entlarvt: In vielen Zusammenhängen steht sie wirkungsvollem Lernen entgegen. (Und das lässt sich auch nicht mit einem eleganten Verweis auf die Hattie-Studie widerlegen.)
Damit also zur Beantwortung der Fragen (die, wie Herr Rau schlau angemerkt hat, auch in etwa dem folgen, was ich selbst tue):
1.) Was sollte eine gute Lehrkraft morgen leisten können?
Sie sollte verstehen, wie Lernprozesse funktionieren. Daraus sollte sie ihr berufliches Selbstverständnis ableiten: Alle Routinen, Anforderungen, Abkürzungen, die nicht in einem Lernprozess stehen, hinterfragen und ablehnen. Gleichzeitig Verbindlichkeiten und Freiräume schaffen, die Lernenden Lernen ermöglichen.
Von der Institution Schule wird sich eine Lehrkraft immer stärker lösen müssen: Einerseits, weil immer weniger Geld für Bildung und Löhne vorhanden sind, andererseits weil Lernen immer weniger an die Schule gebunden sein wird. Wie Journalistinnen und Journalisten wird die gute Lehrkraft zur eigenen Marke werden, die auch in der Öffentlichkeit immer wieder zeigt, dass sie lern- und motivationswirksam komplexe Zusammenhänge vermitteln kann.
2.) Wie müsste man dafür die Lehrerausbildung ändern?
Die Ausbildung kann nicht als ein Studiengang gedacht werden, der in zwei, drei, fünf Jahren abgeschlossen werden kann und einen dann befähigt, einen Beruf auszuüben. Die ersten Lehrerfahrungen sammeln fast alle angehenden Lehrkräfte bereits im Nachhilfeunterricht in der Schulzeit. Die Lehrerausbildung soll während des Studiums einsetzen, aber dort nicht aufhören.
Bedingung dafür sind die nötigen zeitlichen Freiräume. Lehrkräfte dürfen nicht so im Hamsterrad drehen, dass Weiterbildung oder Ausbildung für weitere Aufgaben »nice to have« ist. Und sie müssen selbst mitbestimmen dürfen, welche Ausbildung sie nachfragen – müssen dafür aber auch die Verantwortung übernehmen.
3.) Wie müsste man dafür die Schule/Arbeitsbedingungen ändern?
Forderungen nach ganz viel Geld und Zeit lasse ich weg: Sie sind müßig. Wer sich mit Bildung auskennt, weiß, dass gut bezahlte Personen mit genügend Zeit schlicht besser arbeiten als andere.
Wichtiger scheint mir, den Beruf in einzelne Komponenten zu zerlegen: Individuelles Coaching von Lernenden, Konzeption von Arbeitsmaterialien und Prüfungsfragen, Lehrvorträge, Design und Kuratieren von Präsentationen und Lernvideos, Administration, Lernberatung, soziale Begleitung etc. Lehrkräfte könnten in einzelnen oder mehreren Bereichen arbeiten – sich dafür qualifizieren, eine Art Karriere machen, die auch eine gewisse Abwechslung bieten würde und so Routinen durchbricht.
