Reflektierte Kritik an den Internet-Giganten – eine Bemerkung zu Amazons Review-Policy

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Gestern hat sich im Netz die Empörung darüber verbreitet, dass Amazon Data Mining benutzt, um festzustellen, wer Autorinnen und Autoren kennt. Diese »engen Freunde« werden dann daran gehindert, Bewertungen und Besprechungen vorzunehmen.

Das Beispiel lässt sich nahtlos in eine Reihe von Entscheidungen einfügen, die große Netzunternehmen wie Google, Facebook und Amazon gefällt haben. Durch ihre Größe sind Menschen auf ihre Dienste angewiesen. Ihre Entscheidungen haben Konsequenzen. Zu sagen, Zensur sei lediglich ein staatlich-rechtlicher Vorgang, wird problematisch, wenn Unternehmen die Wahrnehmung und Produktion von Informationen steuern, die juristische Beschränkungen mit geschickten Tricks umgehen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Menschen solche Entscheidungen zurückweisen und eine Rückkehr zum Status Quo Ante fordern. .

Doch diese Kritik hat einen blinden Fleck: Facebook, Amazon und Google werden oft vorschnell verurteilt und an anderen Maßstäben gemessen als staatliche Akteuere und oder kleinere Firmen. Im konkreten Fall geht es darum, dass Gefälligkeitsrezensionen erschwert werden sollen. Mit demselben Problem kämpfen Google und Facebook (und auch Wikipedia): Menschen und Unternehmen nutzen die Plattformen, um Aufmerksamkeit für Unterfangen zu generieren, welche den meisten anderen Benutzerinnen und Benutzern schaden.

Bildschirmfoto 2015-07-10 um 13.17.31Das betrifft auch meine Bücher. Die meisten Rezensionen entstehen aus der Situation einer gegenseitigen Sympathie. Die einhellig positiven Bewertungen schmeicheln mir zwar und freuen den Verlag – sie sind aber nicht das Resultat einer ganzheitlichen Lesermeinung, sondern letztlich eine Gefälligkeitsarbeit für mich.

Ändert Amazon etwas daran, so verbessert sich die Qualität der Rezensionen. Amazon will, dass Bücher verkauft werden – weil das Unternehmen an jedem Buch etwas verdient. Man darf also davon ausgehen, dass hinter der Entscheidung durchaus auch die Interessen der Autorinnen und Autoren stehen. Es erfolgt lediglich eine Machtverschiebung.

Diese einzelnen Entscheidungen zu beklagen, mit denen die Verhältnisse der User von Plattformen verändert werden, ist immer eine Verteidigung der vormals Mächtigen. Dass Amazon, Facebook und Google Entscheidungen fällen, ist selten problematisch – sondern innerhalb der Markt- und Rechtsordnung sogar vielfach wünschenswert. Vielmehr ist zu kritisieren, dass große Unternehmen über die Verwendung von Infrastruktur bestimmen können, die demokratisch verwaltet werden sollte.

The Author

philippe-wampfler.ch

2 Comments

  1. irgendeiner says

    Solange es keine brauchbare Künstliche Intelligenz gibt, sind solche algorithmischen Lösungen zwangsläufig problematisch.

  2. Ja, so passt das besser bzw. so dargelegt kann ich mit Deiner Sicht leben und mich zum größten Teil gar anschließen. Gefälligkeits-Rezensionen sind ein ernstes Problem, für eigentlich alle Beteiligten: Die Autoren bekommen kein brauchbares Feedback bei nicht zwingend besseren Verkaufszahlen, Kunden keine sinnvolle Einschätzung von »echten« Lesern bzw. können sich nicht sicher sein, dass die Rezension »echt« ist, seriöse Verlage müssen damit rechnen, dass sie sich irgendwann für die Gefälligkeitsarbeit Dritter rechtfertigen bzw. davon distanzieren müssten (oder der Verdacht besteht, dass sie diese gar selbst anberaunt haben), und Amazon verliert mit vermehrten Fake-Rezensionen eines der Werkzeuge, das dem Unternehmen überhaupt zum Durchbruch verhalf.

    Meine Probleme mit dieser Entscheidung liegen aber nach wie vor in zwei Punkten:

    1) Es ist nicht klar, ab wann man »zu eng« befreundet ist, so dass Amazon vorsorglich Rezensionen unterbindet. Und darauf folgt der gestern auf Facebook angesprochene Grund:

    2) Je nach Genre ist der dazugehörige »Markt« aus Autorinnen, Lesern und Verlagen sehr überschaubar und es ist fast unmöglich, nicht mit den einen oder anderen (oder gar den meisten) Leuten auch in sozialen Medien »befreundet« zu sein. Hier einen Algorithmus entscheiden zu lassen, wer noch etwas zu einem Buch sagen »darf« oder nicht, ist für Genre-Autoren ärgerlich und für Genre-Verlage im schlimmsten Fall existenzbedrohend. Entsprechend war zumindest in meiner SM-Timeline der Aufschrei bei den Genre-Leuten am größten.

    Dass Amazon etwas gegen Gefälligkeits-Rezensionen machen will finde ich super. Aber wie das Unternehmen das Problem angeht stimmt mich skeptisch und ich sehe hier ernsthaft das Potential, dass mit dieser Methode mehr kaputt gemacht wird als gerettet.

    Aber eben. Erst das »Potential«. Skepsis überwiegt im Moment noch. Abwarten.

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