Ghosting

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Eine Umfrage im Auftrag der Huffington Post untersuchte 2014 bei 1000 US-Erwachsenen Einstellungen zu Online-Beziehungen. In zwei Fragen wurde auch das Thema Ghosting angesprochen – dabei wurde das Phänomen wie folgt definiert:

Ghosting ist ein umgangssprachlicher Ausdruck, der das Phänomen bezeichnet, wenn eine Beziehung abgebrochen wird, indem jegliche Kommunikation verweigert wird, statt der anderen Person mitzuteilen, dass man die Beziehung beenden möchte.

Die Definition sieht eine Beziehung mit einem gewissen romantischen Interesse vor (obwohl sie auch auf eine Freundschaft anwendbar wäre), bei der sich die Betroffenen bereits kennen und getroffen haben. Die New York Times definiert Ghosting als »ending a romantic relationship by cutting off all contact and ignoring the former partner’s attempts to reach out.«

Bildschirmfoto 2015-08-05 um 14.46.33

YouGov Poll, n=1000 erwachsene US-Bewohnerinnen und -Bewohner

Ist Ghosting wirklich ein eigenständiges Phänomen oder gab es nicht schon immer Menschen, die andere einfach ignoriert haben? Eine Studie zum Verhalten bei Trennungen von Tara Collins und Omri Gillath (Privatkopie per Mail erhältlich) wies sieben Strategien nach:

  1. Vermeiden/Entziehen
  2. Positiver Ton/Selbstbeschuldigung
  3. Offene Konfrontation
  4. Eskalation
  5. Manipulation
  6. Distanzierung/medialisierende Kommunikation
  7. De-Eskalation

Ohne alle zu erklären, dürfte einleuchten, dass die Verhaltensweise, die mit Ghosting benannt wird, zu 1. (»Gespräche kurz halten«, »Telefon nicht mehr abnehmen«) und 6. (»blockieren beim Instant Messenger«) gehören. Diese Items waren in der Studie von 2012 nicht sehr prominent vertreten, waren aber dennoch Faktoren, die eine Rolle spielen.

Ghosting kann so erklärt werden: Letztlich geht es um eine Strategie, bei der eine Eskalation und Konfrontation vermieden wird. Die Beispiele im New York Times-Artikel machen deutlich, dass Ghosting bei den Ausübenden oft mit Scham und dem Bedürfnis, als gute Person zu erscheinen, verbunden ist:

If you disappear completely, you never have to deal with knowing someone is mad at you and being the bad guy […] I felt like I was powerless and ashamed that I couldn’t be this person I wanted to be for him, which is why I deserted.

Aus diesen Gründen ist anzunehmen, dass in modernen romantischen Liebesbeziehungen Ghosting schon länger Anwendung findet, als es den Begriff gibt. Warum taucht der Begriff heute auf – und gibt vor, ein neuartiges Phänomen zu bezeichnen? Dafür gibt es gute Gründe:

  1. Digitale Kommunikation gibt dem Kommunikationsrhythmus viel Gewicht: Ähnlich, wie das Schreiben von Briefen im 19. Jahrhundert ein klares Indiz für das Interesse an einer anderen Person war, ist es heute der Austausch von Textnachrichten. Wer (viel) schreibt, ist interessiert, wer nur antwortet oder gar nicht schreibt, nicht. Ghosting ist also eigentlich ein Pol einer Skala.
  2. Der andere Pol der Skala nennt sich »Thirstiness«: Menschen, die Kontakt enorm nachfragen und sich unablässig melden, sind »durstig«.
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  3. Beziehungpartnerinnen und -partner sind im Netz weiterhin aktiv. Wir können uns nicht einreden, sie stecken gerade in einem Funkloch, hätten das Smartphone vergessen oder seien sehr beschäftigt: Weil sie weiterhin posten und chatten. Die Funkstille ist ein klares Zeichen, sie ist unmissverständlich und klar sichtbar.
  4. Ignorieren ist im Netz eine Filterstrategie: Wir alle ignorieren täglich Chatnachrichten, Email, Posts unserer Freunde etc. Wir sind darin geübt – warum also diese Fertigkeiten nicht bei Beziehungen einsetzen.
  5. Ghosting erfolgt oft spontan, aus einer Laune heraus: »There is no rhyme or reason to ghosting«, sagt eine Betroffene. Häufig geht es gerade weniger darum, eine geplante Trennung so durchzuführen, sondern das eigene Selbstbild davor zu schützen, andere zu enttäuschen oder mit negativen Botschaften zu belasten.
  6. Oft wird zu Ghosting gesagt, dass Menschen weniger darin geübt seien, sich Face-to-Face auszutauschen und Negatives so zu kommunizieren.

Ghosting wird deshalb als besonders unfair betrachtet, weil man andere im Ungewissen darüber lässt, wie es um die Beziehung bestellt ist. Andererseits kann dieser Aspekt gerade auch als elegant bezeichnet werden: Man erspart sich und anderen die Suche nach diffusen Gründen und der Konfrontation – zumal sich eine Beziehung, in der sich Ghosting ereignet, oft in einem frühen Stadium befindet:

No matter which side of the phone I am suddenly not texting from, I prefer the unanswered text to the explicit breakup missive. casperkat

The Author

philippe-wampfler.ch

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