Macht Tinder die Beziehungen junger Menschen kaputt?

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Nein.

Wie kommt man auf eine solche Frage? – Indem man das liest, was früher mal die Zeitung war.  »Leider ist meine Generation so dumm, dass sie die Liebe nicht verdient«, war kürzlich in einem FAZ-Blog zu lesen. »Viel zu sehr sind wir mit uns selbst beschäftigt«, schrieb Nina Fargahi in der NZZ. Und vor einem Jahr fragte Umair Haque die »Generation Stupid«: »Are you serious? Is that all you are? A being made of…bullshit?«

Diese Bullshit-Diagnose besteht in Bezug auf Beziehungen immer aus denselben Thesen:

  1. Junge Menschen seien heute enorm auf ihre Individualität bedacht
  2. und würden sich mit technischen Mitteln beruflich wie auch in der Freizeit ständig optimieren.
  3. So strebten sie nach Perfektion,
  4. die bei Tinder und anderen Plattformen erreichbar scheint,
  5. obwohl dadurch das Wichtigste (Liebe, Nähe, tragfähige Beziehungen) zerstört würden.

Diese Thesen werden mit Beispielen illustriert – vom Bekannten, der Tinder »durchgespielt« haben soll (»Eines Morgens blieb die Anzeige leer. Keine neuen Leute in seiner Umgebung«) bis zur Lehrerin, die einen Grafiker zwar mag, aber seine »Hochwasserhosen« ablehnt – und mit schlauen Zitaten aus dem bildungsbürgerlichen Kanon geschmückt. Sonst würde man schnell merken, dass es letztlich um den Ausdruck eines Bauchgefühls geht.

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Liebe ist ein Phänomen, das sich nur unter sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen ergibt und davon geprägt ist. Wenn Berufs- und Konsumwelt Flexibilität und Optimierung verlangen und den Menschen als Ressource in ihre Kalkulationen einbeziehen, dann kann kaum verwundern, dass auch das Liebesleben von diesen Vorstellungen nicht verschont bleibt. So falsch dürfte die Diagnose deshalb nicht sein – auch wenn sie geflissentlich Statistiken oder tief schürfende soziologische Betrachtungen vermeidet.

Sie setzt nur am falschen Ort an. Es ist weder die Dummheit der Menschen (die waren nämlich schon immer dumm oder halt eben nicht) noch die Möglichkeiten, seine Dates mit einer App zu organisieren, welche Beziehungen kaputt macht. Beziehungen waren schon immer kaputt. Sie waren bestimmt durch religiöse Gebote, soziale Normen, wirtschaftliche Faktoren und ideologische Vorstellungen. Die Balance in Beziehungen, in denen Stabilität und Werte eine hohe Bedeutung genießen, die uns aber trotzdem Raum für unsere Individualität und Freiheit lassen, ist kaum je herzustellen. Wann beginnen sich Menschen zu verleugnen? Wann tauschen sie einen Kompromiss gegen ein Abenteuer ein? Diese Grenzen sind von ganz vielen Faktoren abhängig und werden nicht von wenigen leicht verschoben.

Nüchtern betrachtet erweitert Tinder den Handlungsspielraum. Seit 20 Jahren lernen sich Menschen in der Schweiz im Internet kennen. Einige wollen langfristige monogame Beziehungen führen, andere nur eine Bergtour mit anderen Kletterbegeisterten unternehmen. Die Konstanz, mit der Texte erscheinen, die nostalgisch das Verschwinden eines romantischen Liebesideals betrauern, zeigt, wie viele Menschen diesen Vorstellungen anhängen. Sie sind also weder besonders »dumm« noch bestehen sie aus »bullshit« – sie leben lediglich in einer Zeit, in der es verschiedene Werte gibt. Es gibt wenig Harmloseres als Menschen, die Tinder dazu benutzen, um andere für Dates zu treffen. Jugendliche interessiert nichts mehr als andere Jugendliche. Das dürfte alle Ängstlichen trösten. Deswegen müssen sie nicht mit 19 in eine Beziehung eintreten, in der sie alt werden.

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The Author

philippe-wampfler.ch

1 Kommentar

  1. Ein sehr schöner Artikel! Wirklich sehr gut geschrieben. Weder in Schule, Uni und Arbeit lernt man nicht, wie man mit dem anderen Geschlecht umgehen soll. Man hat unendlich viele Fächer, die mit eigentlichem Leben nichts zu tun habe. Da ist es kein Wunder, dass heute Beziehungen in Rekordgeschwindigkeit zu Ende gehen oder gar nicht erst zustande kommen. Denn wer bringt es einem bei, wie es richtig funktioniert?

    Es sei denn, man greift selbst die Initiative und setzt sich mit dem Thema „Dating und Frauen/Männer“ auseinander. Seit 10 Jahren beschäftige ich mich als Pädagoge und Autor mit zwischenmenschlichen Beziehungen auseinander. Ertappe dabei immer wieder Männer, die unbewusst einen Fehler bei ihrem ersten Date machen, den ich auf http://first-meet.com verrate.

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