Ein moralisches Dilemma: AdBlocker

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Nein, iOS 9 habe ich auf meinem Gerät noch nicht installiert. Gleichwohl lenkt es die Gedanken wieder einmal auf das Thema der AdBlocker, die auch bei mir seit Jahren dazu führen, dass Webseiten schneller laden und schöner aussehen. Bildschirmfoto 2015-09-18 um 13.52.58

Ein Beispiel – links meine Ansicht von tagi.ch in Chrome mit AdBlockern, rechts die Safari-Ansicht ohne.

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Links Chrome mit AdBlockern, rechts Safari ohne.

Neu macht Apple die AdBlock-Erfahrung auch auf mobilen Geräten verfügbar – für Android gibt es solche Tools schon länger.

Die Entscheidung, AdBlocker einzusetzen, ist aus einer Konsumentensicht einfach: Anzeigen sind unangenehm und stören die Informationsverarbeitung. Sie wegzufiltern führt zu weniger Ablenkung und einer besseren Erfahrung im Umgang mit Informationen.

Diese Argumente kann man noch stärken, indem man generell jedem Menschen ein Recht auf die Steuerung der Wahrnehmung zuschreibt. Oder darauf hinweist, dass ein Geschäftsmodell letztlich nicht selbstverständlich ist und neue gesellschaftliche und technologische Bedingungen andere wirtschaftliche Möglichkeiten hervorbringen.

Aus der Perspektive des Journalismus stellt sich die Frage, ob AdBlocker nicht schlicht die Abmachung verletzen, dass Inhalte zwar gratis verfügbar sind, aber durch Werbung finanziert werden. Warum sollten User verhindern wollen, dass die Redaktionen ein Einkommen erzielen können?

Auch dieses Argument lässt sich verfeinern: Die Weigerung, sich Anzeigen einblenden zu lassen, bedeutet letztlich, dass Redaktionen technische Lösungen finden müssen, um Anzeigen so clever mit ihrem Angebot zu vermischen, dass ein Filtern schwierig oder unmöglich wird. Unbeholfene Vorgehensweisen wie die der Washington Post, welche User mit AdBlocker zu einer Newsletter-Anmeldung zwingt, oder flehende Bitten, den AdBlocker doch für die eigene Seite auszuschalten, wie sie The Atlantic vorbringt, werden bald von einer Flut von Native Ads und anderen Experimenten abgelöst.

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Davon werden enorme Ressourcen verschlungen: Die ohnehin dünn besetzten Redaktionen werden sich nicht um eine Vermittlung der Realität bemühen, sondern nach Ideen suchen, wie sie diese finanzieren können. Der etablierte Weg, diese wichtige Arbeit durch Anzeigen zu bezahlen, wäre aus dieser Sicht vernünftiger. Leiden werden letztlich die kleinen und technikfernen Akteure: Apple, Google und Facebook werden Wege finden, Anzeigen anzuzeigen und mit Daten Geld zu verdienen. Zeitungsredaktionen wahrscheinlich nicht.

Letztlich findet die Entscheidung aber nicht auf dieser theoretischen Ebene statt. AdBlocking findet im Alltag graduell statt: Wir gehen bei Fernsehwerbung auf die Toilette, überblättern die ersten fünf Seiten von Magazinen und lesen was auf dem Smartphone, statt Plakate zu rezipieren. Und doch wirkt Werbung. So sollte es wohl auch im Netz sein: Was zu laut und zu lang ist, darf ausgeblendet werden – alles andere hat eine Funktion und nützt wohl mehr, als dass es schadet. Die radikalen Positionen bringen uns nicht weiter – also die hämische Freude über die Möglichkeit des Filterns und die »Disruption« des Journalismus‘ wie absolute moralische Appelle an die Verantwortung von Leserinnen und Lesern.

Ich persönlich arbeite mit Whitelists und füge Ausnahmen für die Webseiten hinzu, bei denen die Anzeigen erträglich sind.

Wie immer findet @swiftonsecurity den humorvollen Zugang zum Thema:

The Author

philippe-wampfler.ch

6 Comments

  1. Martin says

    Werbung und damit auch Tracking zu blockieren, trägt erheblich zur (eigenen) Datensicherheit bei – und dort, wo man nach Internet-Nutzung bezahlt, schont man damit auch das eigene Portemonnaie. Wobei es tatsächlich eher um Tracking und damit auch um die Privatsphäre geht als um Werbung, wobei Werbung im Internet fast nie ohne Tracking auskommt.

    «Aus der Perspektive des Journalismus stellt sich die Frage, ob AdBlocker nicht schlicht die Abmachung verletzen, dass Inhalte zwar gratis verfügbar sind, aber durch Werbung finanziert werden.»

    Problem: Es gibt keine solche Abmachung … vielleicht auch deshalb ist eine Kollektivierung der etablierten Inhaltsanbieter in der Schweiz festzustellen, denn dort, wo man sich mit direkt oder indirekt mit Zwangsabgaben finanziert, braucht es gar keine Abmahnung (und letztlich auch kein Publikum).

    (Aber auch ein Problem: Wer Software zum Blockieren von Tracking entwickelt, benötigt dafür ebenfalls ein Geschäftsmodell. Die Geschäftsmodell der führenden Anbieter in diesem Bereich sind ähnlich unsympathisch wie jene der etablierten Inhaltsanbieter.)

    Aber: YGWYPF gilt häufig auch bei Inhalten. Aber viele «Gratis»-Inhalte sind offensichtlich gut genug.

  2. Wabble says

    Was hier wie so oft bei dem Thema wegfällt: Es geht niemanden etwas an, wie ich auf meinem eigenen Gerät Inhalte darstelle. Ob ich Anzeigen filtere, das Bild auf Schwarzweiß stelle oder automatisch das Wort „Tagesanzeiger“ durch „Wurstsalat“ ersetzen lasse, ist meine Sache. Da braucht mir niemand erklären, was ich ausblenden „darf“.

  3. Wiesel says

    Adblocker…ein moralisches Dilemma? Für wen?…mir kommen die Tränen. Für mich ist es definitiv kein Dilemma.
    Werbung kann auch schön, kreativ, interessant,lustig und informativ sein. Ich habe kein Problem mit Werbung.Werbung ist notwendig, gar keine Frage.
    Mein Problem mit Seitenbetreibern (ja auch SIe Herr Wampfler mit ihren 18! achtzehn! Trackern auf Ihrer Seite) und ihrer „Werbung“ ist letztendlich, daß sie nicht ehrlich gegenüber ihren lesern sind. Sie finanziert sich eigentlich nicht über Werbung, wie man es damals in Zeitungen oder aus der Idiotenlaterne kennt, sondern dadurch, daß sie ihre ach so geliebten Leser für die Erstellung von Nutzerprofilen und PERSONALISIERTER WERBUNG verkaufen.
    Ich habe ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung und da tut es mir (nicht) wirklich Leid wenn jemand rumheult der ein Geschäftsprinzip auf seiner Seite fährt, welches nur dann funktioniert, wenn
    ich als Leser/Gast von meinem Recht abtrete und die ganze verarsche im Impressum in schönstem Juristensprech verklausuliert wird. Das „moralische Dilemma“ sollte bei den Seitenbetreibern liegen und nicht bei den Adblocknutzern, die lediglich ihr Recht in Anspruch nehmen.
    Es spricht nichts dagegen, Werbung auf dem eigenen Server zu hosten.Fände ich schön. Aber dafür muß man ja Türklinken polieren und wäre ja viel zu ansträngend, wie damals bei der Schülerzeitung.

    „Aus der Perspektive des Journalismus stellt sich die Frage, ob AdBlocker nicht schlicht die Abmachung verletzen, dass Inhalte zwar gratis verfügbar sind, aber durch Werbung finanziert werden.“ – Welche Abmachung, bitteschön, denn „gratis“ ist es gar nicht. Lediglich die Währung ist eine andere.

    „Die Weigerung, sich Anzeigen einblenden zu lassen, bedeutet letztlich, dass Redaktionen technische Lösungen finden müssen, um Anzeigen so clever mit ihrem Angebot zu vermischen, dass ein Filtern schwierig oder unmöglich wird.“ – Nur die unseriöse Redaktionen, wobei schon ohnehin die meisten Advertorials publizieren, ob nun als solche gekennzeichnet oder nicht.
    Wie wäre es einfach mal damit, „wertige, eigene Inhalte“ zu erstellen und zu recherchieren für die die Leser auch bereit wären zu bezahlen, anstatt nur „seine“ Quellen und Informationsticker zu kurieren.
    Bei der NYT scheint das ja zu klappen…

  4. Die Zeit der Medienredaktionen, die über Werbung oder Abos finanziert werden, neigt sich im Netz einfach einem Ende zu. Das heisst nicht, dass der Journalismus am Ende ist. In Zukunft werden die verschiedenen Interessengruppen einfach direkt, selber Journalismus betreiben und diesen ins Netz und die verschiedenen Kanäle publizieren ohne den Umweg über bezahlte Inserate und PR-Mitteilungen zu gehen. Werbung im Web, wie wir sie bis jetzt gesehen haben, entsprach einfach dem Versuch die Zeitungsannonce und den TV-Spot in das neue Medium zu übertragen. Das funktioniert nicht, wie wir sehen. Die technische Struktur des Netzes ist nicht einfach „Papier auf dem Bildschirm“ oder „Fernsehen am Computer“, sondern etwas völlig anderes. Die klassischen Verlagshäuser und die allermeisten Werbetreibenden haben das noch nicht verstanden, sie sind nach wie vor in ihrem Denkkollektiv gefangen und versuchen uns auch hier im Netz den ganzen Tag mit „Müll“ zuzupflastern. Es ist völlig legitim, dem, was man nicht sehen will, aus dem Weg zu gehen und auch, sich dazu technischer Mittel zu bedienen.

  5. Das mit dem „moralischen Dilemma“ sehe ich nicht so eng. Siehst du dir jede Werbung im TV an, die einen Spielfilm unterbricht? Normalerweise wird gerade diese Zeit für andere Dinge verwendet. Kommt dazu: Viele Werbung ist einfach nur lästig und stört den Lesefluss. Aber das ist nur ein Randargument. Man könnte auch noch anders argumentieren. Werbung im Internet kostet mich gleich dreifach was: 1) Zeit zum Lesen 2) Bandbreite (okay, das ist schon mehr theoretisch) und 3) meine persönlichen Daten, die damit abgekapselt werden.
    Wirklich ein moralisches Dilemma haben die Ad Blocker, die gegen Geld gewisse Dienste freischalten (schön nachzulesen hier: http://www.mobilegeeks.de/adblock-plus-undercover-einblicke-in-ein-mafioeses-werbenetzwerk/) . Dass Werbung im Internet einfach nicht wirklich akzeptiert wird, hat sich die Branche selber zuzuschreiben.

  6. Danke für den Blogpost.
    Für mich ist es ganz klar – ich will keine Werbung auf Seiten sehen. Ich möchte das lesen was dort geschrieben ist und nicht mehr… Ich bezahle gerne einen Betrag für einen Artikel (Blendle find ich interessant und für kleine Blogs oder Zeitungen welche sowas nicht nutzen wollen, Dienste wie Flattr) aber es muss einfach zugänglich sein… Einen kleinen Betrag zu zahlen muss einfach sein und da gibts einfach keine Möglichkeit… Alternativen zu Werbung sind sozusagen inexistent….
    Ich finde nicht, dass es meine Aufgabe ist als Konsument, eine Lösung zu finden, wie eine Zeitung/Blog/Publisher Geld verdienen kann…

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