Digitale Einsamkeit – eine Denkfalle

We hide from each other even as we’re constantly connected to each other. For on our screens, we are tempted to present ourselves as we would like to be. Of course, performance is part of any meeting, anywhere, but online and at our leisure, it is easy to compose, edit and improve as we revise. […]
We slip into thinking that always being connected is going to make us less lonely. But we are at risk because it is actually the reverse: If we are unable to be alone, we will be more lonely. And if we don’t teach our children to be alone, they will only know how to be lonely.

Der Gedanke von Sherry Turkle – so formuliert in Reclaiming Conversation, S. 3 und 23 – wird von vielen geteilt: Die technologischen Möglichkeiten zum Aufbau und zur Pflege von Beziehungen seien nur eine Simulation von Beziehungen, die in ihr Gegenteil umschlagen – in radikale Einsamkeit. Sie wird durch die permanente Möglichkeit digitaler Interaktion nicht abgeschwächt, sondern verstärkt. Nur wer allein sein kann, so Turkles normative Forderung, könnte echte Gespräche führen und in realen sozialen Beziehungen Verantwortung übernehmen. (Dieser Gedanke hat eine Parallele in der Forderung, Kinder müssten sich langweilen, um kreativ oder lernfähig sein zu können.)

Diese konservative Sicht auf Social Media resultiert aus zwei Vergleichen: Die gefühlte Verbundenheit wird zunächst mit einer gewünschten Verbundenheit in Beziehung gesetzt. »Siehst du, du bist gar so nah an anderen Menschen, wie du das gerne wärst!« In einem zweiten Schritt wird suggeriert, »früher« sei das alles ganz anders gewesen. Vor der maschinellen Moderation und Auswertung sozialer Interaktionen (das meint ja der Bestandteil »Social« in Social Media), so die Annahme, seien Wünsche und soziale Realität enger verknüpft gewesen. Kommunikative Aktivität hätte zu echter Verbundenheit geführt.

Als Gegengift bietet sich ein Blick in die Literatur der Einsamkeit an, z.B. in Rilkes Brief an Kappus vom 23. Dezember 1903:

Mein lieber Herr Kappus,
Sie sollen nicht ohne einen Gruß von mir sein, wenn es Weihnachten wird und wenn Sie, inmitten des Festes, Ihre Einsamkeit schwerer tragen als sonst. Aber wenn Sie dann merken, daß sie groß ist, so freuen Sie sich dessen; denn was (so fragen Sie sich) wäre eine Einsamkeit, welche nicht Größe hätte; es gibt nur eine Einsamkeit, und die ist groß und ist nicht leicht zu tragen, und es kommen fast allen die Stunden, da Sie sie gerne vertauschen möchten gegen irgendeine noch so banale und billige Gemeinsamkeit, gegen den Schein einer geringen Übereinstimmung mit dem Nächstbesten, mit dem Unwürdigsten … Aber vielleicht sind das gerade die Stunden, wo die Einsamkeit wächst; denn ihr Wachsen ist schmerzhaft wie das Wachsen der Knaben und traurig wie der Anfang der Frühlinge. Aber das darf Sie nicht irre machen. Was not tut, ist doch nur dieses: Einsamkeit, große innere Einsamkeit. Insich-Gehen und stundenlang niemandem begegnen, – das muß man erreichen können. Einsam sein, wie man als Kind einsam war, als die Erwachsenen umhergingen, mit Dingen verflochten, die wichtig und groß schienen, weil die Großen so geschäftigt aussahen und weil man von ihrem Tun nichts begriff. […]

Diese Gedanken gibt es in der Moderne in beliebigen Variationen. Was sich bei Turkle als clevere Zeitdiagnose ausgibt, ist letztlich nichts als eine über 200-jährige kulturelle Konstante. Beziehungen und Authentizität leben von Rollen und Simulation, es gibt keine direkte Echtheit, keinen Zugang zu anderen ohne Vermittlung. Überall sind Zeichen.

Nur: Das ändert am Gefühl selbstverständlich nichts, es tröstet wenig. Es fühlen sich viele Menschen einsam und diese Einsamkeit wird in Kommunikationsprozessen deutlich wahrnehmbar. Jürgen Geuter hat das sehr persönlich und differenziert festgehalten.

Aber es spricht gegen einfache Rezepte. Eltern zu raten, Kinder müssten halt einmal allein sein oder sich langweilen, ist billiges Gerede. Wertvolle sind diese Rückzugsformen, wenn sie gewählt werden, nicht wenn sie erzwungen werden. Beide sind Kippbilder: Langeweile und Muße, Einsamkeit und Alleinsein gehen nahtlos ineinander über.

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Schulnews per Youtube – Projektbeschreibung

An meiner Schule läuft seit zwei Wochen ein Info-Kanal auf Youtube. In dieser Beschreibung erkläre ich, wie es dazu kam, wie das Projekt umgesetzt worden ist und welche Fragen noch offen sind. Erarbeitet habe ich das Konzept zusammen mit Gerald Knöß und Paul Zübli, beide sind auch bei seiner Umsetzung dabei.

* * *

Die Idee, Youtube praktisch für Schulinformationen einzusetzen, speist sich aus drei Quellen: Aus der veränderten Bedeutung von Medienkompetenz, der Vermittlung von Informationen an Jugendliche und der schulischen Öffentlichkeitsarbeit. Diese drei Aspekte werden zunächst kurz besprochen, bevor das eigentliche Projekt skizziert wird.

(1) Die Bedeutung von Youtube für Jugendliche

Youtube hat für Jugendliche das Fernsehen weitgehend ersetzt. Als Tatsache ist das weder Grund für große Begeisterung noch für Kulturpessimismus: Youtube steht zwar allen offen und lädt zu kreativen Experimenten ein, die große Reichweite erzielen aber kommerzielle Angebote, die teilweise wie das Privatfernsehen auch perfide Strategien einsetzen. Youtube ist nicht per se authentischer als eine Fernsehproduktion, sondern grundsätzlich durch andere Praktiken des Medienkonsum und eine unterschiedliche Rhythmisierung geprägt.

Die Gründe für den Erfolg von Youtube liegen in ästhetischen Verfahren wie auch in der konsequenten Ausrichtung auf mobile Geräte. Jugendliche Youtube-Stars liefern für alle erdenklichen Nischen Infotainment, das Jugendliche auf ihren Smartphones abrufen. Hierzu ist eine hohe Medienkompetenz erforderlich, die teilweise informell erworben, kaum aber schulisch vermittelt wird. Der Aufbau entsprechender Kompetenz geschieht wirkungsvoll über praktische Projekte, die in geeigneten Gefässen reflektiert werden. Wer selber Medieninhalte herstellen kann, versteht, welche Codes und Verfahren bedeutsam sind.

(2) Informationsvermittlung an Jugendliche

Das Dilemma der WhatsApp-Kommunikation an Schulen besagt Folgendes: Definieren Schulen Informationskanäle wie E-Mail, Rundtelefon etc., dann organisieren sich Klassen in WhatsApp und verbreiten Informationen indirekt weiter. Sowohl das Bestehen auf offiziellen Verfahren wie auch der Wechsel zu den Praktiken der Jugendlichen ist nicht ganz befriedigend.

Analog: Informationen, die auf einer Webseite oder in einem Intranet abgerufen werden müssen, werden nur von wenigen systematisch zur Kenntnis genommen. Was wäre hier die WhatsApp-Alternative? Youtube. Die Überlegung besteht darin, dass Jugendliche eher eine unterhaltsame, knapp 5-minütige Sendung schauen, als regelmäßig eine Webseite einzusehen – weil sich die Youtube-Nutzung mit der Alltagskommunikation besser kombinieren lässt.

(3) Öffentlichkeitsarbeit von Schulen

Über Öffentlichkeitsarbeit von Schulen unter den Bedingungen der Digitalisierung lässt sich viel schreiben (hier zwei Aufsätze von mir dazu – 1, 2). Letztlich hat sie sich von einem zentralen Schulnetzwerk auf die persönlichen Netzwerke aller an einer Schule Beteiligten verlagert. Auf Social Media wirkt nicht hauptsächlich das offizielle Profil, sondern persönliche Profile von Lehrkräften und Lernenden, die sich mit der Schule identifizieren. Dafür braucht es entsprechende Inhalte. Während Lehrkräfte die Produktion von Bildern und Texten selbst an die Hand nehmen können, sind Videoproduktionen zu aufwändig und anspruchsvoll. Hier eine Schülerredaktion einzusetzen, die mit der Ästhetik von Jugendlichen einen Blick auf die Schule werfen, löst ein zentrales Problem.

(4) Das Projekt

Für den Betrieb des Kanals ist eine Klasse mit einem entsprechenden Schwerpunkt verantwortlich (Medienkunde respektive »Akzentfach Die digitalisierte Gesellschaft und ihre Medien«). Sie verfügen pro Woche über einen Block von drei Lektionen.

Es ist kaum möglich, dass eine ganze Klasse in drei Lektionen so zusammenarbeitet, dass eine Sendung entstehen kann. Aus diesen Gründen wurde die Klasse in drei Gruppen geteilt – jede von ihnen ist nun im Abstand von drei Wochen für eine Sendung zuständig.

Innerhalb der Gruppe müssen die Verantwortlichkeiten geklärt werden: Wer filmt, wer schneidet, wer arbeitet redaktionell, wer moderiert? Die Planung der Beiträge erfordert eine hohe Teamfähigkeit. Die Gruppen werden von uns Lehrpersonen begleitet, aber nicht angeleitet: Wir erklären weder Schneideprogramme noch Youtube, die Kamera stellen wir zur Verfügung, wir lesen aber nicht die Bedienungsanleitung vor. Die Schülerinnen und Schüler lernen praktisch und an Problemen, die sie lösen. Man kann jedoch bei 16- und 17-jährigen Schülerinnen und Schülern davon ausgehen, dass sie schon einiges über eine Videoproduktion wissen und Youtube-Mechanismen verstehen. Gleichwohl bieten sich kleinere Vorübungen und eine sorgfältige Einführung ins Projekt an. Als Lehrperson sollte man technisch kompetent genug sein, um unter ähnlichen Bedingungen ähnliche Resultate liefern zu können (man müsste also selber einen Youtube-Kanal betreiben können).

Wir sichten die Sendungen jeweils, aber nur um die Verantwortung gegenüber der Schule wahrnehmen zu können, nicht aus Gründen der Qualitätssicherung. Die erfolgt durch Feedbackgespräche in der Gruppe, externe Feedbacks und eigene Reflexion.

(5) Offene Fragen

Das Projekt läuft und wir beobachten es. Vieles ist unklar bzw. nicht abschließend gelöst – das macht den Unterricht für uns Lehrpersonen interessant, fordert uns aber auch heraus. Hier einige Aspekte:

  1. Wie kann eine gute Balance zwischen Unterhaltung und Information, zwischen Spaß und Ernst erreicht werden?
  2. Wie können Gruppen Beiträge gestalten, mit denen sie selbst zufrieden sind, ohne enorm viel Zeit zu investieren?
  3. Wie können wir eine konstante Begleitung und Betreuung anbieten, ohne in einen einschränkenden Überwachungsmodus zu verfallen?
  4. Wie kann die Klasse ein konstantes, interessiertes Publikum aufbauen?
  5. Wie bringen wir die Gruppen dazu, »bessere« Beiträge zu erstellen, ohne dass die Beiträge von unseren Vorstellungen geprägt sind?
  6. Wie kann die erbrachte Leistung fair, sinnvoll und transparent erfasst werden? (Wir arbeiten generell mit Kompetenzraster, aber welche Kompetenzen sollten da drinstehen?)

Wir möchten gerne nach den ersten paar Beiträge externe Fachleute einladen, um ein Feedback zu geben. Gleichzeitig soll Selbstkritik nicht lähmende Ausmasse annehmen, die Produktion von gehaltvollen Beiträgen hat Vorrang.

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Sind die Offliner dumm? Meine Antwort auf einen Brief

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Letzte Woche habe ich diesen Brief erhalten – den Namen und die Adresse habe ich weggeschnitten. Zunächst wollte ich mit einer handgeschriebenen Karte antworten, aber warum nicht beim vertrauten Kanal bleiben? Deshalb meine Antwort hier – ausgedruckt stelle ich sie dann per Post zu:

 

Sehr geehrter Herr K.

Danke für Ihren Brief. Er hat mich gefreut, ich mag es, wenn meine Aussagen kritisch gelesen werden. Allerdings sind mir zwei Dinge nicht ganz klar:

  1. Auf welchen Zeitungsartikel beziehen Sie sich?
  2. Warum gehören Sie zu den Menschen, die offline sind?

Nun zu meiner Antwort: Meine Aussage ist eine Beschreibung der Resultate von Untersuchungen. Unter den Menschen, die nicht online sind, gibt es einen größeren Anteil an Menschen mit wenig formaler Bildung und weniger Geld als unter denen, die das Netz nutzen. Das bedeutet nicht, dass Bildung oder Geld Voraussetzungen für die Teilhabe am Digitalen wären. Es handelt sich deshalb nicht um ein Urteil, sondern um eine statistische Beschreibung, die allgemein zutrifft, aber nicht in jedem Einzelfall. Mein reicher Onkel ist sehr gebildet – dennoch schreibt er keine E-Mails.

Ich habe mit Schülerinnen und Schülern über Ihren Brief gesprochen. Die Hälfte von ihnen findet, dass es verständlich sei, dass gewisse Menschen lieber offline bleiben würden. Die andere Hälfte denkt, es sei eigentlich inakzeptabel, die Möglichkeiten im Netz nicht selbst zu erfahren. Man bleibe so in der Vergangenheit stecken und verpasse die Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten. Ich kann beide Positionen gut nachvollziehen: Bei jungen Menschen tendiere ich aber zur zweiten Perspektive, auch wenn ich weiß, dass die Kommunikation im Netz nicht für alle Persönlichkeitstypen gleich anregend ist.

Abschließend möchte ich Ihnen noch schreiben, worum es mir geht: Bildung und Geld sind in der Schweiz ungleich verteilt. Menschen haben stark unterschiedliche Chancen. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Im Moment erleben wir einen Umbruch: Die Wirtschaft digitalisiert sich enorm schnell. Das bedeutet, dass sich die Ungleichheiten vergrößern. Dagegen möchte ich etwas tun.

Mit freundlichen Grüßen,

Philippe Wampfler

Zur Perspektive auf Social Media

In Diskussionen mit Lehrkräften kommen regelmäßig zwei Argumente auf, die stark miteinander verbunden sind:

  1. »Ich habe Twitter/Instagram/Snapchat etc. ausprobiert, aber das ist doch einfach Quatsch, damit kann man nichts Sinnvolles machen.«
  2. »Ist das nicht anbiedernd, sich mit Jugendlichen auf Social-Media-Plattformen zu unterhalten?«

Die Antworten sind überraschend einfach, wenn man die Perspektive wechselt:

  1. Ausprobieren reicht wohl nicht. Das Ziel wäre zu verstehen, was die Faszination für die Jugendlichen ist, warum nutzen das so viele, was machen sie damit, was für sie sinnvoll erscheint? Wenn du das beantworten kannst, hast du etwas über die Welt verstanden, was du vorher nicht verstanden hast. Das bedeutet nicht, dass du es selber machen musst. Sondern dass du die Perspektive von Jugendlichen eingenommen hast und etwas aus ihren Augen sehen kannst.
  2. Anbiedernd ist, wer sich anbiedert. Wer kommuniziert und Tools nutzt, ist es nicht deswegen – sondern nur dann, wenn die Kommunikation oder die Nutzung anbiedernd ist.
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ATXperspective, Society6

Bemerkungen zur WhatsApp-Kritik

Mein letzter Blogpost enthielt folgende Bemerkung:

Die Haltung, Eltern müssten Kinder vor digitaler Kommunikation schützen und hätten ein absolutes Recht zu entscheiden, in welchem Alter ihre Kinder den Zugang dazu erhalten, halte ich für eine esoterische Position. Man sollte Eltern, die sie vertreten, ähnlich behandeln wie die, welche Kinder daran hindern wollen, den Schwimmunterricht zu besuchen oder wissenschaftliche Einsichten nachvollziehen zu können.

Weil ich im Blogpost dafür argumentiert habe, dass Schulen die Benutzung von WhatsApp wie die Benutzung bestimmter Bücher einfach voraussetzen könnten, wurde der Abschnitt schnell so gelesen, ich tue jede Kritik an WhatsApp als esoterisch ab. In den Kommentaren habe ich dann diese Verkürzung auch selbst argumentativ verwendet:

Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens, dass WhatsApp für Terminvereinbarung, Dokumentation von Erlebnissen und informelle Kommunikation Standard ist. Einige Menschen halten sich nicht an diesen Konsens, die meisten schon. Esoterisch ist die Position, die sagt, Kinder sollten sich diesem gesellschaftlichen Konsens verweigern.

Axel Krommer hat mein Argument kritisch zerlegt:

Das Problem liegt in einem Fehlschluss. Denn man darf nicht von

„X ist gesellschaftlicher Konsens“ auf „Wer X ablehnt, ist esoterisch und seine Position muss man nicht ernst nehmen“ schließen, wie es der Text impliziert.

Denn es kann gute Gründe geben, sich dem Konsens zu widersetzen. Morgen könnte es gesellschaftlicher Konsens sein, Katzenbabys zu ertränken. Doch daraus dass das Ertränken von Katzenbabys gesellschaftlicher Konsens ist, folgt nicht, dass Menschen, die keine Katzenbabys ertränken wollen, esoterisch sind. Im Gegenteil.

Deshalb braucht es wohl eine Präzisierung, die ich der Einfachheit halber etwas gliedere:

  1. Ich halte nicht jede Kritik an WhatsApp für esoterisch. Mir ist bewusst, dass WhatsApp in Bezug auf Datenschutz viele Probleme aufweist, die insbesondere darin liegen, dass Daten von Mobiltelefonen mit anderen Daten verknüpft werden (z.B. werden über WhatsApp Nummern an Facebook übermittelt, welche bestimmte User nicht mit FB teilen möchten).
  2. Ideal wäre es, es gäbe eine mobile App, die keine Datenschutzprobleme aufweist. Nur: Es gibt keine Smartphones ohne Datenschutzprobleme. Es gibt keine Internetnutzung ohne Datenschutzprobleme. Es gibt keine Aktivität in der westlichen Welt ohne Datenschutzprobleme. Das heißt argumentativ nicht, dass sich Widerstand nicht lohnt: Nur muss er meiner Meinung nach nicht Lernenden oder generell Individuen aufgebürdet werden, die einfach vereinbaren wollen, ob sie das schwere Mathebuch morgen zum Unterricht mitnehmen müssen oder nicht – sondern er muss auf politischer Ebene umgesetzt werden.
  3. Wenn also Schulen bessere Chat-Apps einführen wollen, begeistert mich das. Ich denke aber aufgrund meiner Erfahrung, dass der Rückgriff auf einen gesellschaftlichen Standard vieles einfacher macht. Und mit einfacher meine ich nicht eine Arbeitsentlastung für Lehrkräfte, sondern Inklusion: Wer Hürden aufstellt, verliert immer einen Teil der Schülerinnen und Schüler. WhatsApp können alle und nutzen alle. Das Jabber/IrC2058-Protokoll nicht. Und die, welche es nicht begreifen, erhalten wichtige Informationen nicht.
  4. Schulen können Standards etablieren, die von lebensweltlichen Praktiken Jugendlicher abweichen. Die Frage ist aber: Zu welchem Preis und mit welchem Nutzen? In dieser Frage halte ich den Preis für sehr konkret, den Nutzen für total abstrakt. Deshalb mein Plädoyer für WhatsApp.
  5. Diese vernünftigen Kritikpunkte – und das ist mein zentraler Punkt – werden von vielen Menschen aus esoterischen Gründen angeführt. Der eine Schüler meiner Klasse, der WhatsApp nicht benutzt, und die wenigen Lehrkräfte meiner Schule, welche die App nicht nutzen, tun das nicht, weil sie Datenschutzfachleute sind, sondern weil sie den Eindruck haben, ein wahreres, gesünderes Leben zu führen ohne ein Smartphone oder ohne diese App.
  6. Mein Argument umfasst eigentlich drei Teile:
    a) Geeignete digitale Lernmittel können problemlos an Schulen verwendet werden.
    b) Wenn es dabei rechtliche Probleme gibt, muss eher das Recht angepasst werden als die Pädagogik.
    c) WhatsApp bringt das auf den Punkt.
  7. WhatsApp ist in Bezug auf digitale Kommunikation gesellschaftlicher Standard und Konsens. Mein Argument sagt nicht, alles, was einen Konsens verletzt, ist esoterisch: Sondern alles, was sich einem kommunikativen Konsens widersetzt, ist esoterisch. Ich hatte vor einigen Jahren eine Schülerin, die mir gesagt hat, sie lese keine Bücher, also könne ich nicht von ihr verlangen, einen Roman zu lesen. Ihre Mutter hat das bestätigt: Ihre Tochter würde nicht lesen, warum ich das von ihr verlangen wolle. Ob es vernünftige Gründe dafür gibt, nicht zu lesen, weiß ich nicht. Ich weiß nur: Ohne Lesen kann man keine Schule besuchen. Genau so kann man das ohne Smartphone bald nicht mehr. Wenn Schulen hier den Wechsel machen, dann wird die Position, dass Kinder keine Smartphones verwenden würden, esoterisch, weil man sich damit aus einem kommunikativen Konsens entzieht, der dazu führt, dass man andere nicht mehr hört. Auf welchem Kanal man mit anderen spricht, ist aus meiner Sicht keine ethische Frage – daher impliziert mein Argument nicht, man würde Katzen ertränken müssen, wenn das alle tun würden. Aber wer will schon Katzen ertränken.

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WhatsApp an Schulen Pflicht – über digitale Lernmittel

Auch gestern tauchte von Seiten der Eltern wieder die Frage auf, ob Lehrpersonen den Eltern vorschreiben dürfen, ab wann ihr Kind mit WhatsApp ausgerüstet zu Schule muss. (FB-Diskussion über Elternabend)

WhatsApp funktioniert in der Kommunikation mit Jugendlichen. Will man die Funktionalität der App auf anderen Wegen mit ähnlicher Zuverlässigkeit replizieren, erfordert das viel Ressourcen, Energie und Disziplin. Warum also nicht auf WhatsApp zurückgreifen? Abgesehen von Datenschutzbedenken – die ich zu einem großen Teil als Verhinderungsdiskurs interpretiere – gibt es die verbreitete Hemmung, von Schülerinnen und Schülern zu verlangen, dass sie WhatsApp für die Schule verwenden müssen (WhatsApp kann man leicht durch andere mobile Kommunikationsapplikationen ersetzen).

Diese Hemmung halte ich – abhängig vom Alter der Kinder – für überflüssig. Ersetzen wir Mobiltelefone durch andere Medien, dann käme die Hemmung nie auf. Von Kindern verlangen, dass sie in angemessenen Lernumgebungen lesen, schreiben, malen, zuhören ist selbstverständlich. Geht es um digitale Kommunikation – welche die Lebens- und Berufswelt dominiert – dann ändert sich das.

Aus einer bestimmten Perspektiven ist das verständlich: Für den Schulbesuch sollten keine oder nur geringe Kosten anfallen. Können sich Eltern das WhatsApp-Smartphone nicht leisten, müssen Schulen Lösungen anbieten (sprich: Smartphones zur Leihe abgeben). Das gilt auch für den nötigen mobilen Datenzugang. Schulen werden zunehmend auch Apps für Schülerinnen und Schüler kaufen. Betrachtet man digitale Lernmittel wie analoge, schärft sich der Blick.

Die Haltung, Eltern müssten Kinder vor digitaler Kommunikation schützen und hätten ein absolutes Recht zu entscheiden, in welchem Alter ihre Kinder den Zugang dazu erhalten, halte ich für eine esoterische Position. Man sollte Eltern, die sie vertreten, ähnlich behandeln wie die, welche Kinder daran hindern wollen, den Schwimmunterricht zu besuchen oder wissenschaftliche Einsichten nachvollziehen zu können.

Für die Deutschschweiz halte ich im Moment die 7. Klasse für eine sinnvolle Grenze: In der 7. Klasse können Lehrkräfte und Schulen voraussetzen, dass Schülerinnen und Schüler ein Mobiltelefon für schulische Aufgaben verwenden können. Diese Grenze ist recht konservativ gesetzt, sie könnte bald sinken.

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Die Bibliotheken-Provokation – und was Schulen daraus lernen können

Bibliotheken machten ja bisher nichts anderes, als für die Menschen Inhalte zu sammeln. Dieses Konzept funktioniert heute nicht mehr. Jetzt ist das Internet da. Wer Inhalte sucht, braucht keine Bibliothek mehr.

Rafael Ball, der Leiter der ETH-Bibliothek, hat mit seinem Interview mit der NZZ am Sonntag viele provoziert. Das ist einerseits erstaunlich, weil die Aussagen von Ball Menschen, die mit Wissensarbeit vertraut sind, nicht vor den Kopf stoßen sollten, andererseits erwartbar, weil Bücher und Bibliotheken die Grenze der bildungsbürgerlichen Sozialisation markieren. Wenn Ball sagt, Bücher könnten in Bibliotheken durchaus auch Attrappen sein; es schade nichts, wenn einige von ihnen verloren gehen oder sie seien ein lediglich »privates Vergnügen«, dann sind das Speerspitzen gegen ein Bildungsverständnis, das Wissen direkt an Bücher koppelt.

Das Wissen steckt in den Köpfen der Menschen, die Informationen verknüpfen. Bibliotheken sind nur Datenträger. Wissen schafft man nicht, indem man eine Million Bücher in eine Bibliothek stellt und sagt: Das ist der Wissensspeicher der Menschheit. […] Ein Grossteil der Literatur ist schon heute digitalisiert im Internet zu finden. Das Informationsmonopol der Bibliothek ist gekippt.

Ball erfasst meinen Umgang mit Wissen ganz präzise: Ich gehe in Bibliotheken, wenn ich Texte digitalisieren muss, die digital nicht vorliegen. Die Bibliothek ist für mich in diesem Fall keine Hilfestellung, sondern ein Ärgernis: In meinem Verständnis läge es auch in ihrer Verantwortung, ihre Inhalte der Allgemeinheit über Digitalisierung zur Verfügung zu stellen. (Die meisten Verantwortlichen sehen das auch so und leisten viel für die Verfügbarkeit von Informationen.)

Damit ist nicht gesagt, dass es die Dienstleistungen, die Bibliotheken erbringen, nicht mehr braucht. Einige sind sehr wichtig – wenn wir von »Informations- und Kommunikationszentren« sprechen, wie das Ball tut, dann wird deutlich, dass es solche Zentren auch im Netz braucht, dass die Pflege von digitalen Wissensbeständen kein Selbstläufer ist, sondern von bezahlten Fachleuten geleistet werden muss. Solche müssen Menschen auch helfen, mit digitalen Informationen umzugehen, sie abzurufen und zu publizieren. Es wird auch weiterhin Räume brauchen, in denen Menschen Informationen studieren und verarbeiten können.

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Wissenszentrum der Zukunft: Dokk1, Aarhus

Nur: Diese Dienstleistungen und diese Räume definieren sich schon heute nicht mehr über gedruckte Bücher. Das gilt besonders für Schulbibliotheken: Werden sie seriös geführt, haben sie das Mantra, dass seriöse Informationen eher in Büchern als im Netz zu finden seien, über Bord geworfen. Sie investieren Geld, Zeit und andere Ressourcen nicht in den Aufbau von Sammlungen physischer Datenträger, sondern in die Digitalisierung und die Vermittlung des Umgang mit digitaler Information. Sie laden zum Arbeiten und Nachdenken ein, aber ohne gedruckten Texten den Vorrang zu geben.

Am Schluss bleibt die Frage nach der digitalen Kluft: Was machen Menschen, die nicht gelernt haben, digitale Bücher zu lesen; die Filme nicht im Netz streamen können oder ihren Kindern keinen gehaltvollen Content auf Tablets zur Verfügung stellen können? Hier würde ich – anders als Ball – Gemeindebibliotheken einen viel sanfteren Übergang wünschen als wissenschaftlichen und schulischen Bibliotheken, die einen radikalen Schnitt machen können.

Die Offliner – gibt es sie?

Zu Jahresbeginn erhielt ich eine E-Mail einer Nachbarin. Sie habe ein neues »Kommunikationskonzept«. Wie sie mitteilte, sieht dieses Konzept nur noch Telefonanrufe für die nachbarschaftliche Kommunikation vor. SMS würden nur noch im Büro gelesen. Die Nachbarin versprach sich eine höhere Lebensqualität, wenn digitale Kommunikation sie nicht ans Smartphone zwänge.

Meine Nachbarin könnte eine Offlinerin sein. Joël Luc Cachelin nennt sie in seinem Buch eine »inspirierende Gegenkultur«, in der NZZ war kürzlich zu lesen, »immer mehr Menschen« übten sich »in digitaler Enthaltsamkeit«. Auch wenn meine Nachbarin mittlerweile auch wieder außerhalb der Arbeitszeit SMS schreibt, so scheint es doch diese Übung zu sein, die sie antreibt. Ist sie wirklich Mitglied einer wachsenden Gruppe – oder handelt sich es sich um »eine Avantgarde, die begonnen hat, ihren digitalen Konsum und dessen Auswirkungen kritisch zu hinterfragen«, wie im NZZ-Artikel in einer alternativen Interpretation heißt?

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Unterscheidet Cachelin 16 Offliner-Typen, ist von einer großer Heterogenität auszugehen. Gleichzeitig unterstellt er der Bewegung aber politische Motive:

Die Offliner bekämpfen die Digitalisierung, deren Treiber und Profiteure. Sie suchen nach Alternativen zur digitalen Zukunft und setzen sich für eine Demokratisierung der Digitalisierung ein.

An diesem Punkt setzen meine Zweifel ein: Handelt es sich wirklich um eine Bewegung, wenn Menschen aus unterschiedlichsten Gründen vom Internet Abstand nehmen? Macht mein Onkel, dessen Sekretärin für ihn E-Mails schreibt, weil er sich damit nicht abgeben mag, wirklich gemeinsame Sache mit meiner Nachbarin, meinem Lehrerkollegen, der Angst davor hat, seine Prüfungen würden auf Facebook geteilt und einer Freundin, welche ihre Kinder möglichst lang vor dem Internet schützen möchte? Wächst diese Gruppe tatsächlich, oder löst sie sich in der umfassenden Digitalisierung allmählich auf, die uns beim Buchen von Flugreisen oder auch in der Alltagskommunikation wenig Alternativen lässt?

Auch ich wünsche mir eine starke Gegenkultur, aber nicht eine abstinente, sondern ein bewusstere. Menschen, die ihr eigenes Netz bauen und pflegen, die Alternativen selbst entwickeln, Vor- und Nachteile von Angeboten außerhalb des Unbehagens – »Letzte Woche hat mir Facebook Werbung für genau die Schuhe angezeigt, die ich mir bei Zalando angesehen habe, langsam wird mir das alles zuviel, zuviel!« – und der Faszination – »Auch mein Lampensystem kann ich nun vom iPhone aus steuern, weißt du, manchmal mag ich im Wohnzimmer einfach etwas wärmeres Licht!« – reflektieren.

Der Wunsch darf aber nicht unsere Sicht auf die Gesellschaft verzerren, er sollte keine Verbindungen schaffen, wo es keine gibt. Weil Menschen immer wieder kleine Projekte zur Selbstverbesserung suchen und im Digitalen schnell fündig werden, heißt das nicht, dass sie für Partizipation und Bewusstsein eintreten. Wer jährlich eine Saftkur macht, setzt sich auch nicht für eine nachhaltige Bewirtschaftung des Regenwaldes oder die Trinkwasserqualität in Entwicklungsländern ein.

Ein Plädoyer für Relevanz

Philipp Meier hat als Community-Manager für das Webjournalismus-Projekt Watson gearbeitet. Nach seinem Abschied blickt er zurück und präsentiert einige Thesen über Social Media, denen ich im Folgenden eine Alternative zur Seite stellen möchte. 

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Screenshot Watson

[Es gibt] nichts Schwammigeres als wenn für oder gegen ein Thema «Relevanz» ins Feld geführt wird. Im Prinzip geht es meistens darum, dass jemand damit seine oder ihre subjektive Meinung untermauern möchte (was nicht nur schlecht, denn das verleiht dem Journalismus eine erfrischende Zufälligkeit;)

Das ist Meiers Grundhaltung: Es gibt subjektive Meinungen über die Welt. »Ehrlicher« Journalismus präsentiert diese subjektiven Meinungen (etwa in den spontanen Reaktionen eines Live-Tickers, den Meier als Paradebeispiel anführt), die »Lügenpresse« (ein Begriff, mit dem Meier auf Facebook ständig kokettiert) orientiert sich an dem, was sie »Relevanz« nennt: Gemeint ist aber nur eine der unzähligen Darstellungen der Realität, die dann manipulativ verzerrt und gestärkt wird.

Meier ersetzt Relevanz durch Viralität (oder vielleicht eher Resonanz): Entscheidend ist, ob das »Zielpublikum« davon Kenntnis hat, dass es mit journalistischen Produkten bedient worden ist. Dann werden Beiträge gelesen. So entsteht denn letztlich auch die Bedeutung des Community Managements: Erstens in der Gestaltung der Verbreitung, zweitens in der Kuration der Beiträge des Lesenden, die eigentlich selbst Journalistinnen und Journalisten sind, wenn man Meiers Ideen konsequent folgt (weil es ja eben nur subjektive Meinungen gibt und jede und jeder eine solche hat). Alles ist Reaktion auf Einflüsse.

Meier leitet daraus auch sein bekanntes Plädoyer für Native Ads ab: Weil Journalistinnen und Journalisten schon immer massiv beeinflusst worden seien, diese Manipulationen aber entweder systemintern rechtfertigt oder versteckt werden konnten, seien transparente Einflüsse in Form von Native Ads das Rezept gegen die Glaubwürdigkeitskrise im Journalismus.

Alles ist subjektiv, nichts professionell. Überall sind Einflüsse, Haltungen und Manipulationen; Wahrheit, Lernfähigkeit oder Objektivität sind keine Leitideen, sondern lediglich Chimären. Niemand liest journalistische Texte wirklich, es geht nur darum, sie in seinen Netzen zu teilen und Resonanz zu erzeugen – so sehe ich Meiers Position.

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Ich halte dagegen. Ja, die Wahrheit bleibt uns oft verborgen, sie leuchtet nicht zwischen den Buchstaben in den Zeitungen auf, ist nicht mit Rezepten zu erlangen und scheint zu oft mit Aussagen gepackt zu sein, die sie haarscharf verfehlen. Entscheidend ist die Absicht: Wer sich bemüht, die Wahrheit zu finden und zu sagen, handelt anders als die, welchen sie gleichgültig ist – und noch mal anders als die, welche bewusst etwas davon Abweichendes sagen, um andere zu täuschen. Diese Personen korrigieren sich nämlich, wenn sie einen Fehler gemacht haben.

Das ist keine moralische Kategorisierung, sondern eine analytische. Meier ist Apologet des Bullshit – ihm ist wichtiger, ob Inhalte etwas auslösen, als ob sie wahr sind. Der einfache Test ist die Native Ad: Ihre ehrliche Form ist der Produktetest. Er führt sie ad absurdum, weil sie verlangen würde, dass Journalistinnen und Journalisten klar sagen, was sie von den Produkten einer Firma halten.

Wenn Journalistinnen und Journalisten lügen, genügen sie eigenen Vorgaben nicht. Genau so, wie wenn sie Bullshit verbreiten, also Informationen, deren Wahrheitsgehalt ihnen egal ist. Ja, die ethischen Ansprüche an die journalistische Arbeit werden in der Praxis zuweilen nicht eingelöst, genau so, wie das in der Medizin oder in der Pädagogik der Fall ist. Entscheidend ist: Besteht die Möglichkeit zum Widerspruch? Werden verschiedene Weltsichten mit der Absicht der Klärung enggeführt oder resultiert ein Meinungspanorama, das nur dazu gut ist, alle möglichen Nischen zu bedienen, unabhängig davon, was der Realität entspricht?

(Zuweilen höre ich den Podcast von Ian Rapaport, einem unbekannten amerikanischen Schauspieler im Dunstkreis von Howard Sterne. Er hat sich vorgenommen, keine Aussage zu überprüfen: »We don’t factcheck« ist sein Motto. Die Frage wäre: Wollen wir solchen »Journalismus«, für den Fakten nichts als subjektive Meinungen sind? Und würde der nicht zwangsläufig zu Rapaports Podcast, der statt richtig laut, statt argumentativ frech ist?)

Mit dem Bekenntnis zur Wahrheit verbunden ist das Verlangen nach Relevanz. Relevant ist die Information, die meine ungenauen oder falschen Meinungen hinterfragt und präzisiert, von der ich etwas lernen kann. Von den Ressorts der Massenmedien habe ich mich längst verabschiedet. Oft vertiefe ich mich in Wikipedia-Reisen in Themenwelten, die mir bisher fremd waren. Daher liegt es mir fremd, wirtschaftliches oder historisches Wissen höher zu werten als anderes. Aber es stimmt für mich nicht, wenn Content-Schaffende wie Meier behaupten, Relevanz sei Resonanz.

Aus 140 werden 10’000 Zeichen

»Ein Tweet umfasst 140 Zeichen«, schrieb ich über die Feiertage in einem fachdidaktischen Aufsatz, der momentan im Review steckt. Den Satz werde ich rausnehmen müssen – Twitter wird die Zeichenlimite entfernen. Damit rechne ich schon seit längerem, nun wird es umgesetzt.

Beschränkungen fördern Kreativität und Präzision. Ich schreibe viel und bin überzeugt, dass Twitter meinen Stil stark geprägt hat. Die Ausrede, ein Thema könne wegen der Zeichenbeschränkung nicht via Twitter diskutiert werden, hat mich immer gestört – zumal längere Texte ja problemlos verlinkt werden können.

Gleichwohl mag ich in den Jammerchor, der aus der Twittergemeinde ertönt, nicht einfallen. Die Befürchtung, Twitter verliere seinen Charakter, teile ich nicht. Es gibt nicht ein Twitter mit einem festen Charakter, sondern unterschiedlichsten Twitterdialekte. Mein Twitterstream besteht aus unterschiedlichen Diskurssträngen, die ich verbinden oder trennen, konsumieren oder produzieren kann. Die Normen, die sie beherrschen, werden nicht durch eine technische Veränderung obsolet. Kurz: Twitter ist primär ein soziales Netzwerk, dessen Leistung nicht von einer Beschränkung abhängig ist.

Die konservative Haltung der Twitter-Elite ist grundsätzlich amüsant: Da sind die unter sich, welche die Sehnsucht nach der »digitalen Disruption« vereint – und wenn ihre Kommunikationsplattform eine Änderung einführt, sehen sie ihre Existenz bedroht.

Produktiver ist es – wie so oft – nach den Gründen zu fragen. Jack Dorsey begründet die Änderung mit der Praxis vieler (auch jüngerer User), längere Texte als Screenshots zu verschicken. Diese können von den Algorithmen weniger gut verarbeitet und durchsucht werden, was einige Funktionalitäten beeinträchtigt. Die Veränderung ist als Reaktion auf das Bedürfnis vieler User, auch längere Texte teilen zu können, nachvollziehbar.

Letztlich dürfte das aber nicht den Ausschlag gegeben haben. Facebook entwickelt sich immer stärker zu einer Publikationsplattform, mit der Redaktionen ihr Publikum erreichen. Zeitungsartikel werden direkt innerhalb von Facebook veröffentlicht – nicht nur deshalb, weil die User dann mehr Zeit im geschlossenen FB-Netz verbringen, sondern auch deshalb, weil Medien so zu FB-Kunden werden, die für die Reichweite mittelfristig bezahlen sollen. Dieses Kundensegment kann Twitter nicht kampflos abgeben und muss so Wege suchen, um ebenfalls im Netzwerk selbst eine ganze Palette von multimedialen Inhalten (Umfragen, Videos, formatierten Text etc.) abbilden zu können.

Für mich als Nutzer wird entscheidend sein, wie gut ich filtern kann. Wenn längere Texte ähnlich wie bei Facebook erst auf Knopfdruck erscheinen, habe ich damit kein Problem und kann mir auch einen echten Mehrwert vorstellen, wenn ich für längere Texte nicht einen Link klicken muss. Andererseits werde ich mehr Selbstdisziplin aufwenden müssen, um prägnante Texte zu schreiben. Letztlich ist mir aber klar, dass ich den Maßnahmen dieser Plattformen, die ich seit Jahren kostenlos nutze, ausgeliefert bin.

Twitter _ Over capacity