Ich gehe wie folgt vor: Auf eine kurze Beschreibung des #edchatde-Projekts folgt eine Skizze der Chronologie der Kommunikation der letzten Tage, darauf eine Replik auf den Blogpost des #edchatde-Kernteams.
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Der #edchatde ist ein Twitter-Chat, bei dem sich jeweils Dienstags an Bildungsthemen Interessierte von 20-21 Uhr zu verschiedenen Themen austauschen. Die Schwerpunkte werden über Abstimmungen zu Vorschlägen aus der Community festgelegt, wechselnde Moderationsteams bereiten Fragen und Materialien vor und moderieren die Diskussion auf verschiedenen Kanälen.
Torsten Larbig und André Spang sind die »Founder« (so nennen sie sich selbst) dieses Edchats – sie haben das Format so im deutschsprachigen Raum etabliert und das Label gepflegt. Als Herausgeber haben sie auch an einem Buch mitgewirkt, das anfangs dieses Jahres erschienen ist. Ich habe das Buch vor der Didacta im Februar gekauft, gelesen und besprochen.
In meiner Rezension habe ich am Schluss zwei Fragen aufgeworfen: Warum wurde das Buchprojekt innerhalb der Chat-Community nicht angekündigt und transparent kommuniziert? Warum ist das Buch nicht als echte OER bereitgestellt worden, also als ein Werk, das leicht digital abgerufen, bearbeitet und verbreitet werden kann – wenn es doch so vermarktet wird?
Auf der Didacta haben Torsten Larbig und ich uns kurz die Hand geschüttelt, auch mit der Verantwortlichen des Verlags, Judith Erlmann, habe ich kurz Small Talk gemacht. Meine Rezension war kein Thema. In der folgenden Woche haben dann Matthias Förtsch und Elke Höfler weitere Fragen aufgeworfen – Elke auch aus der Perspektive einer Moderatorin und Beiträgerin zum Buch.
Auf dieser Fragen gab es keine Antworten, nur mehrere Tweets wie die folgenden (so genannte Subtweets, mit einer Botschaft, die für Eingeweihte verständlich ist, aber sie nicht direkt erwähnt):


Als sich weder Larbig noch Spang zum Buchprojekt äußerten, kündeten am letzten Dienstag mehrere Moderationsteams an, sie würden sich für diese Aufgabe vorerst nicht mehr zur Verfügung stellen. Auslöser war, dass der Vorschlag, über die aktuelle Situation im Chat an einem Dienstagabend einen Austausch zu führen, abgelehnt worden ist. Offenbar gab es früher schon Entscheidungen der Founder, bestimmte Themen nicht zur Auswahl anzubieten.
Darauf habe ich versucht, meine Fragen und Wünsche noch einmal konstruktiv zu formulieren:
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Die Reaktion erfolgte heute auf dem offiziellen Edchat-Blog:
In den letzten Wochen sind nun vermehrt Forderungen aufgetaucht, dass die Gründer des Chats sich öffentlich zu Fragen äußern sollten, die um ein Buchprojekt herum entstanden sind, das gemeinsam mit allen #EDchatDE-Moderatoren-Teams kollaborativ erstellt wurde. Ausgangspunkt dieser Aufforderungen war eine Kritik, deren Autor aus seiner Rezension den Anspruch ableitete, ein Recht auf eine Reaktion der Kritisierten zu haben. Mittlerweile klingt es aus den zahlreichen Tweets dieses Kritikers zum Thema so, als ob eine Pflicht zur Reaktion bestehe. — Dem üblichen Umgang im Kontext der Rezension von Büchern entspricht dies nicht. Wir können mit der sachlichen und differenzierten Kritik gut leben und sehen keinen Grund, darüber hinaus auf diese ausgewogene Rezension zu reagieren.
Einen Link auf meinen Beitrag (und auf den von Elke und Matthias) sucht man im Blogpost vergebens – genauso fehlen unsere Namen. Auch die Kommentarfunktion wurde ausgeschaltet. (Der angebliche Grund für die fehlende Namensnennung sei, »dass die betroffenen Personen mit ihrem Auftritt in diesem Kontext möglicherweise nicht über eine Suchmaschinen-Abfrage (auch noch Jahre später) gefunden werden wollen«.)
Besteht eine Pflicht zu einer Reaktion? Eine Pflicht, Namen zu nennen, Links zu setzen, Kommentare zuzulassen? Sind Subtweets verboten? Ist es illegal, aus einem Twitter-Chat ein Buch zu machen, ohne die Teilgeberinnen und Teilgeber zu informieren und zu fragen?
Die Antwort auf all diese Fragen lautet nein. Die Founder und ihr Kernteam haben keine Gesetze verletzt, sie sind in ihrer Kommunikation wie alle Menschen frei. Das sind aber nicht die entscheidenden Fragen.
Wichtiger scheint mir, ob sich die Verantwortlichen an ihren eigenen Standards messen lassen:
- Entspricht das Buch wirklich der OER-Konzeption, die Larbig in seinem Blog differenziert entwickelt hat?
- Wenn es im Blogpost heißt, man wolle die Arbeit in einem »zuverlässig partizipativ kooperierenden und kollaborierenden Team« weiterführen – würde das dann nicht bedingen, dass man sich zu Vorwürfen, gegen grundlegende Prinzipien der Partizipation und Kollaboration verstoßen zu haben, äußert und kommuniziert, wie die Partizipation bei diesem Buchprojekt konkret aufgegleist war?
- Ist es wirklich denkbar, Kritik als »sachlich und differenziert« zu bezeichnen, und dennoch nicht darauf zu reagieren?
- Kann man Web-Prinzipien wie Links und Kommentarfunktion glaubwürdig vertreten, wenn man sie selbst nach Belieben ein- und ausschaltet?
- Zuletzt: Es geht beim #edchatde um Lernen in einem 4K-Kontext. Kann man so lernen, wenn man Fragen nicht beantwortet, konstruktive Kritik ignoriert, Kommunikation verweigert oder erschwert?
Das Projekt #edchatde ist nicht meines. Ich habe gern daran teilgenommen und in Publikationen und Vorträgen darauf verwiesen, weil es für mich ein Beispiel gelebte digitale Lernkultur war. Das ist es nicht mehr: Mein Vertrauen ins Projekt, bekannte Prinzipien verantwortungsvoller digitaler Kommunikation zu leben, ist momentan beschädigt.

Larbig spricht in seinem Blogpost mehrmals einen Druck an, den das Kernteam erlebt habe. Ich kann gut nachvollziehen, dass es diesen Druck gegeben hat und er unangenehm war und ist. Mir liegt es fern, jemanden zu etwas zu nötigen. Aber mir liegt an einem großen Projekt, das wertvolle Ideen verkörpert. Deshalb habe ich in den letzten Wochen etwas Energie investiert, den #edchatde an mir wichtigen Idealen zu messen.
Damit schließe ich diese Diskussion ab. Ich reagiere gerne auf Fragen, Kommentare oder Kritik – von mir aus werde ich den #edchat im Moment nicht mehr kritisch begleiten. Zu deutlich sind die Aussagen des Kernteams, den eingeschlagenen Kurs weiterzuführen und sich nicht davon abbringen zu lassen. Leider kann dieser Kurs die Idee der offenen, partizipativen Kommunikation, der Ideale des Webs und der 4K-Idee aus meiner Sicht nicht mehr glaubwürdig verkörpern.











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