Wie wäre es, kompetent zu sein? – Peter Bieri revisited.

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»Wie wäre es, gebildet zu sein?« – Unter diesem Titel hielt Peter Bieri vor rund 12 Jahren eine Festrede (pdf). Darin entwickelte er ein Ideal von Bildung, das er scharf gegen den Begriff der Ausbildung abgrenzte:

Und Bildung schliesst eine weitere Dimension von Glück auf: die gesteigerte Erfahrung von Gegenwart beim Lesen von Poesie, beim Betrachten von Gemälden, beim Hören von Musik. Die Leuchtkraft von Worten, Bildern und Melodien erschliesst sich nur demjenigen ganz, der ihren Ort in dem vielschichtigen Gewebe aus menschlicher Aktivität kennt, das wir Kultur nennen. Niemand, der die Dichte solcher Augenblicke kennt, wird Bildung mit Ausbildung verwechseln und davon faseln, dass es bei Bildung darum gehe, uns »fit für die Zukunft« zu machen. (S. 6f.)

Bieris umfassendes Verständnis von Bildung – »Es geht um alles.« lautet der bezeichnende Schlußsatz – wird oft im Kampf gegen Ansprüche der Wirtschaft an Schulen ins Feld geführt. Bildung ist dann Gegenbegriff zu Kompetenz: Kulturell verankert, eine »seelische Identität« zu schaffen steht auf der einen Seite – etwas von außen vorgegebenes zu können, weil es kurzfristig zu Wertsteigerung beiträgt, auf der anderen.

Bildung gegen Kompetenz – an dieser Auseinandersetzung ist vieles schief.

Auf der Seite der Bildung die Vorstellung, traditionelle Formen des Unterrichts und der Schule seien der Bildung im emphatischen Sinne Bieris besonders zuträglich. Das kann man einer Stelle der Rede ganz deutlich machen: »Es kennzeichnet Personen, dass sie sich, was ihre Meinungen, Wünsche und Emotionen anbelangt, zum Problem werden und sich um sich selbst kümmern können« (S. 5), heißt es im Abschnitt zu »Bildung als Selbsterkenntnis«. Systemlernen kennzeichnet sich gerade dadurch, dass Meinungen, Wünsche und Emotionen nebensächlich werden, weil klar festgelegt ist, wie der Prozess des »Lernens« geht: Was sein Gegenstand ist, was taugliche Methoden sind, in welchen Hierarchien sich alles abzuspielen hat und zu welchem Zweck. Das alles hat weder mit Selbsterkenntnis noch mit Selbstbestimmung viel zu tun, im Gegenteil: Es wirkt beiden Auseinandersetzungen aktiv entgegen. Zu behaupten, man stehe aber damit auf der Seite der »Bildung« ist ein feiger rhetorischer Trick, ein Versprechen, das sich nicht einlösen lässt.

Auf der anderen Seite der Auseinandersetzung wird Kompetenz als inhaltlose Fertigkeit beschrieben, als in beliebiges und belangloses, unpersönliches Können. Damit wird die einschlägige Definition von Weinert komplett ignoriert, dort heißt es nämlich:

Die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.

Das falsche Dilemma Bildung vs. Kompetenz wird so auch zu einer Entscheidung zwischen vergangener Kultur und zukünftiger Handlungsfertigkeit. Lernen, so die Annahme, kann entweder dazu befähigen, die Vergangenheit zu verstehen – oder aber in der Zukunft handlungsfähig zu sein.

Wie wäre es, kompetent zu sein? Die Frage bezieht sich weder auf die Vergangenheit noch auf die Zukunft, sondern auf die Gegenwart. »Was ist für mich wichtig?«, »Was nehme ich mir vor?«, »Was mache ich?« und »Was habe ich erreicht?« sind für Erpenbeck und Sauter Fragen, die sich aus der Kompetenzorientierung ergeben (S. 25). Sie verweisen darauf, dass es um Problemlösung in der Gegenwart geht. Christoph Schmitt spricht davon, es müsse »eine unvorhersehbare, volatile, unsichere,  hochkomplexe, nicht berechenbare, vieldeutige Gegenwart« gestaltet werden. Wer von der eigenen Kompetenz sprich, zeigt auf die Probleme, die er oder sie bearbeitet – nicht auf ein Wissen über die kulturelle Vergangenheit oder ein Potential, das sich möglicherweise in der Zukunft entfalten lässt. Die Rechtfertigung für das eigene Lernen ergibt sich aus dem vorliegenden Problem. Das heißt nicht, dass dieses Lernen nicht die Kulturgeschichte betrifft oder eine Bedeutung für die Zukunft hat – es kann aber darüber nicht legitimiert werden.

Aus diesem Gedankengang lässt sich eine fundamentale Kritik an Bieris Ansatz ableiten. Bieri spricht von einem Gebildeten, der liest, sich aufklärt, sich kennen lernt und so verhindert, dass er Opfer wird. Er wird aber nicht als Mitglied einer Gemeinschaft gedacht, nicht als Teilnehmerin in einem Gespräch, in dem Kritik und Differenzen gelebt werden. Die 4K-Vorstellung von Lernen, nach der Kreativität, Kommunikation, Kritik und Zusammenarbeit wesentliche Ziele für das Lernen im 21. Jahrhundert darstellen, wird von Bieris Definition der Bildung kaum berührt. Sein Gelehrter ist zwar »heftig«, er wehrt sich, er setzt sich ein – aber in einem Gespräch mit anderen scheint er nicht zu stehen, zu vertieft ist er in sein Projekt der historischen Bildung.

(Damit »Kompetenz« im Sinn eines gemeinschaftlich verstandenen Problemlösens in der Gegenwart eine wirksame Idee wird, könnte die technische Innovation im Sinne von Gieseckes »Innovationsspirale« in die Bresche springen. Es wird deutlich, dass neue Wahrnehmungsprogramme gerade im Umgang mit schulischer Bildung nötig sind, damit eine Verteidigung des Bestehenden mit den Mitteln des Bildungsbegriffs entfällt. Gieseckes Modell postuliert, dass die Veränderungen der vier abgebildeten Faktoren von überall her ausgehen können – also auch von den neuen Kommunikationsformen.)

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philippe-wampfler.ch

10 Comments

  1. Pingback: Was ist die Aufgabe der Schule? | digitales lehren+lernen 2014-2017

  2. ahh .. ich meinte die Unterscheidung Gemeinschaft/Gesellschaft. Bei R. Bieri wird via „Kultur“ eine Gemeinschaft beschworen und Bildung darauf ausgerichtet. Er interessiert sich nicht für die gesellschaftlichen Verhältnisse, in welchen er die Ausbildung ansiedelt.
    Du scheinst kapitalistische Verhältnisse via „sozial“ als gemeinschaftliche Verhältnisse zu sehen. Ich glaube, das ist, was R. Bieri – verklausuliert – kritisiert. Bildung ist etwas feines, Ausbildung ist für Lohnarbeiter.

  3. Ich glaube nicht, dass Bieri grundsätzlich ein Problem mit Kompetenzen hat. In der zitierten Rede kann ich dafür jedenfalls keinen Beleg finden. Bieri geht es wohl eher darum, dass Bildung nicht instrumentalisiert werden soll, um Menschen zu möglichst tauglichen Kompetenz-Problemlöse-Werkzeugen der Wirtschaft auszubilden. Er betont die Bedeutung der Bildung als persönlichen Prozess, der Teil eines würdevollen Lebens ist. Daran kann ich nichts falsches finden.

    Ein zentraler Kritikpunkt an Bieri im Beitrag ist aus meiner Sicht leicht zu widerlegen:

    „Bieri spricht von einem Gebildeten, der liest, sich aufklärt, sich kennen lernt und so verhindert, dass er Opfer wird. Er wird aber nicht als Mitglied einer Gemeinschaft gedacht, nicht als Teilnehmerin in einem Gespräch, in dem Kritik und Differenzen gelebt werden.“

    Bieri sieht den Menschen sehr wohl als Teil einer Gemeinschaft. Bildung ist dabei die Voraussetzung dafür, ernsthaft in ein solches Gespräch mit anderen Menschen einsteigen zu können. Ich zitiere einfach Bieri in dem Abschnitt Bildung als moralische Sensibilität:

    „Aus der Einsicht in die Kontingenz der eigenen kulturellen Identität entsteht Toleranz – kein förmliches Dulden des Fremden, sondern
    echter und selbstverständlicher Respekt vor anderen Arten, zu leben. Nicht, dass das immer leicht wäre. Besonders schwierig ist es dann, wenn das Fremde die eigenen moralischen Erwartungen verletzt. Was machen wir mit Grausamkeit, die uns in Rage versetzt, anderswo aber akzeptierter Bestandteil des Lebens ist? Bildung ist die schwer zu erlernende Kunst, die Balance zu halten zwischen dem Anerkennen des
    Fremden und dem Bestehen auf der eigenen moralischen Vision. Es gilt, diese Spannung auszuhalten: Bildung verlangt hier Furchtlosigkeit.
    Wir hatten gesehen: Je besser jemand die Sprache des Erlebens beherrscht, desto differenzierter empfindet er. Das hat zur Folge, dass auch seine Beziehungen zu den anderen reicher werden. Das gilt vor allem für die Fähigkeit, die wir Einfühlungsvermögen nennen. Sie ist ein Gradmesser für Bildung: Je gebildeter jemand ist, desto besser ist er darin, sich in die Lage anderer zu versetzen. Bildung macht präzise soziale Phantasie möglich. Sie ist es, die verschleierte Formen der Unterdrückung sichtbar macht und Licht wirft auf Grausamkeiten, die man begangen hat, ohne es zu merken. In dieser Form ist Bildung tatsächlich ein Bollwerk gegen Grausamkeit.“

    Tatsächlich bin ich aber auch der Meinung, dass „Kompetenz vs. Bildung“ ein wenig zielführender Konflikt ist. Insofern Bildung zu einem gelingenden Leben in der Gemeinschaft führen soll, ergänzen sich beide Begriffe doch viel mehr als sich zu widersprechen.

    • das sehe ich auch so. R. Bieri interssiert sich für den gemeinschaftlichen Zustand, in welchem ALLE Menschen gebildet und nicht nur instrumentell ausgebildet sind. Er hat eine Utopie vor Augen, in welcher die instrumentelle Ausbildung nicht mehr stattfindet und sein Weg dorthin sieht er in einer „reinen“ Bildung.

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  5. „Bildung gegen Kompetenz – an dieser Auseinandersetzung ist vieles schief.“
    Das ist richtig, aber bei Bieri nicht das Thema – ausser man würde annehmen, dass Kompetenz (in Weinerts Fassung) sich als Ausbildung im Sinne Bieris lesen liesse. Dies halte ich für unzulässig, da „Kompetenz“ eine psychologische Kategorie zu benennen sucht, was Bildung und Ausbildung nicht tun.

  6. hmmm …ich lese von einem anderen Streit, den Du versteckst, wo Du von „gemeinschaftlichem Problemlösen“ sprichtst. Bildung zielt (auch bei R. Bieri) auf Gemeinschaft, während Problemlösen in der heutigen Welt auf gesellschaftliche Verhältnisse bezogen wird.
    Ich würde R. Bieri fragen, wie wichtig für die meisten Menschen seine Kultur sein könne und Dich würde ich fragen, wo es in der Gegenwart – jenseits von wir sitzen alle im selben Boot – gemeinschaftliche Probleme zu lösen gibt.

    • Ich würde sagen, weil Menschen sich nur sozial denken können, gibt es keine anderen Probleme als gemeinschaftliche. Ich kann für mich allein gar kein Problem lösen, weil ich nur eines habe, sobald ich interagiere. (Das ist mal meine Antwort, bei Bieri sehe ich die Gemeinschaft nur sehr versteckt und verklausuliert.)

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