15 Grundsätze zu BYOD am Gymnasium

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Seit 2015 bringen Schülerinnen und Schüler in meinen Unterricht offiziell Laptops oder Tablets mit Tastatur mit. Diese privaten Geräte ersetzen die von den Schule zur Verfügung gestellten Laptops zunehmend. Aber schon früher habe ich die Schülerinnen und Schüler – ganz im Sinne meiner Forderung, dass schon Kinder Handys mit in die Schule nehmen sollten – mit ihren Smartphones in meinem Unterricht arbeiten lassen. Diese Erfahrung habe ich intensiv reflektiert und in verschiedenen Weiterbildungsveranstaltungen analysiert.

Im Folgenden 15 Grundsätze, die ich für die Arbeit mit BYOD an Gymnasien daraus ableite: Zuerst als Slides (hier auch als pdf), dann knapp ausformuliert.

[Ich würde gerne ein Buch zur BYOD-Didaktik schrieben und freue mich über andere kompetente Autorinnen und Autoren, die Lust hätten, das Projekt gemeinsam zu bestreiten. Meldet ihr euch per Mail?]

* * *

Als Einführung lässt sich sagen, dass dieser verzierte Laptop-Deckel die Sache gut trifft: Das Geschenk, dass Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, mit eigenen Geräten in gut ausgestatteten Schulzimmern zu arbeiten (WLAN und Strom sind an meiner Schule kein Problem), ist ein halb vergifteter Apfel. Er sieht wunderschön aus, aber reinbeißen sollte man als Schule vorsichtig.

Digitales Arbeiten stellt die Schule infrage. Sobald sich die primäre Lernerfahrung in digitalen Medien abspielt, werden im Alltag unhinterfragte Vorgaben wie die Klassenstruktur, die Rolle der Lehrperson, die Funktion von Prüfungen und die Bedeutung von Präsenzunterricht zumindest zum Problem. Diskussionen werden nötig, Rechtfertigungen. Schnell werden diese Auseinandersetzungen emotional, sie scheinen vom »Kerngeschäft« abzulenken. Und so, wie man vorher unterrichtet hat, kann man es in einem BYOD-Klassenzimmer nicht mehr tun.

Das ist kein Plädoyer für etablierte Strukturen, im Gegenteil. Schneewittchen musste in den Apfel beißen, um ihre böse Stiefmutter zu entlarven und ein Happy End zu erreichen. Aber es ist eine Warnung, dass BYOD nicht eingeführt werden kann, wie die Lektüre einer neuen Ganzschrift. Es handelt sich um eine Herausforderung für das System Schule. Bildschirmfoto 2017-04-04 um 10.07.41

  1. Lehren und Lernen brauchen Vertrauen. 
    Dieser Grundsatz wirkt trivial. Er ist es auch. BYOD kann aber schnell zeigen, ob das Vertrauen echt oder vorgegeben ist. In einem Lern-Setting, das der themenzentrierten Interaktion folgt, wird eine Einführung von BYOD leichter erfolgen als in einem, bei dem Vertrauen immer wieder erarbeitet werden muss. Wenn sich Lernende hinter aufgeschlagenen Laptops wie ein Kontrollverlust anfühlen und Lehrende Angst kriegen, die könnten »nur« gamen oder chatten, dann zeigt das zunächst einmal, dass das Vertrauen vorher schon gefehlt hat. Das Problem sind dann nicht die Geräte, sondern die Beziehungen, an denen gearbeitet werden müsste.
  2. Kopierer brauchts keine mehr. 
    Wenn SL es ernst meinen, führen sie BYOD ein und entfernen gleichzeitig die Kopiergeräte aus den Schulen. Dann werden Lehrkräfte gezwungen, digital zu arbeiten (oder für ihre Überzeugungen auch finanziell einzustehen).
  3. Digital (er-)arbeiten lassen. 
    Gewisse Arbeitsschritte müssen digital eingeübt und zur Routine werden: Notizen machen etwa. Der Computer ersetzt das Schulheft. Das will zuerst durchdacht werden, dann aber auch geübt und gepflegt. Lehrvorträge braucht es dann nicht mehr (so häufig), wenn Lernende selbst recherchieren können und ihre Erkenntnisse auch untereinander austauschen können.
    Was digital vorliegt sollte auch digital verfügbar gemacht werden – das schließt an 2. an. Also etwa Folien, die eine Lehrkraft einblendet, schon vorgängig abgeben, damit sie mit Notizen ergänzt und in neuen Kontexten eingesetzt werden können (das setzt natürlich gewisse urheberrechtliche Lösungen voraus, die hier nicht weiter kommentiert werden).
  4. Neue Methoden gemeinsam erproben. 
    Digitale Medien ändern sich schnell. Sie sind gut dazu geeignet, dass Lehrende und Lernende neue Methoden gemeinsam erproben und es sich angewöhnen, Lernprozesse zu reflektieren. Was geht leicht, was nicht so? Was lenkt ab, was regt an? BYOD-Unterricht schließt mit der Vorstellung ab, dass eine Lehrperson die beste Methode kennt, um Kompetenzen aufzubauen. Eine Vielfalt von Methoden tritt an die Stelle klarer Vorgaben, in der sich Lernende selbst orientieren. Unterricht stützt sie dabei.
  5. Wer tippt, arbeitet. 
    Gemeint ist eigentlich 1.: Eine wohlwollende Grundannahme von Lehrkräften gegenüber Schülerinnen und Schülern. Der Grundsatz kann aber auch als eine Art Regel gelesen werden.
  6. Bei Gesprächen Augenkontakt. 
    Die umgekehrte Regel: Wenn man aktiv ein Gespräch führt, ist man nicht gleichzeitig in digitalen Kontexten unterwegs, sondern voll am Gespräch beteiligt. Das kann man in der Schule üben und durchsetzen.
  7. Medienwechsel und -brüche fördern Metakognition.
    Studien zur Lesekompetenz (z.B. Mangen et al. 2013) zeigen, dass Medienwechsel Metakognition (also Nachdenken über das eigene Lernen und Denken) fördern. Entsprechend sollte BYOD nicht zu geglättetem Lernen führen, bei dem z.B. ein Lernmanagement-System nicht mehr verlassen wird. Arbeitsblätter mithilfe von Bildschirmarbeit ausfüllen, Texte analog lesen und digital darüber schreiben etc. hat einen kognitiven Wert.
    (Woraus sich ableiten lässt, dass man 2. wohl wieder streichen sollte.)
  8. Jugendliche nutzen Medien anders als Erwachsene das denken. 
    Ist so. Auch bei BYOD: Lernende werden eigene Wege finden. Und das ist gut. Zuhören, nachfragen, verstehen sind besser als: Schubladisieren, drüber klagen und verurteilen.
  9. Schwelle der Erreichbarkeit senken und schnelle Kanäle anbieten. 
    Digitales Lernen erfolgt überall und immer. Dabei tauchen Fragen und Probleme auf. Wie können andere in diesen Situationen beigezogen werden? Über die schnelle Kanäle, also Chat-Gruppen. Es braucht hier brauchbare Verhaltensregeln, aber wer einen Link oder eine Datei verschicken will, kann nicht erst warten, bis sie über sieben Formulare auf ein LMS hochgeladen ist, bei dem dann unterschiedliche Berechtigungen gelten.
    Und so sind Lehrkräfte dann auch mit tiefen Schwellen ansprechbar. Finden sie im ersten Moment gewöhnungsbedürftig und passt nicht so zum Mantra, Beruf und Freizeit müssten ganz strikt getrennt werden. Aber pädagogisch wirkt es doch etwas seltsam, wenn Lehrende sich abschotten, nicht?
  10. SAMR – »Go for a swim!« 
    Wenn ich in der Einleitung schrieb, die privaten Laptops würden die von der Schule zur Verfügung gestellten »ersetzen«, dann war das vorsichtig formuliert. Im unteren Bild habe ich mich erst ins Kanu gewagt und die Füße noch nicht einmal nass gekriegt.
    Im idealen Fall passiert nämlich etwas, was mit Schullaptops noch nicht einmal erahnbar war. Aber um das zu erreichen, muss man sich ins Wasser trauen. b4e25bceb556254f25c542957f8a6654
  11. Fehlerkultur und Design Thinking. 
    Wenn Fehlerkultur ein Buzzword bleibt, dann wird so gelernt und gearbeitet, dass Fehler möglichst vermieden werden und man sich dafür umständlich entschuldigen muss. Im anderen Fall strebt man Fehler an: Weil sie die Grundlage des Lernens sind. Das drückt auch der Design-Thinking-Ansatz aus, bei dem Lernen darin besteht, etwas Funktionierendes zu entwickeln, das ein Problem löst.
  12. Lernende machen, sie »lernen« nicht. 
    Die Konsequenz aus 11.: Projektarbeit, machen lassen. Nicht: »lernen« lassen, sondern lernen lassen. Ein aktuelles Projekt ist dieser Youtube-Kanal. Öffentlich gestalten Lernende Schul-News. In einem notenrelevanten Fach, in dem keine Prüfungen stattfinden. Ihre Produkte und die dahinter stehenden Prozesse sind die erbrachte Leistung.
    https://www.youtube.com/watch?v=NK4z6QjkWv8
  13. Quizzes sind zu kurz gedachtes BYOD. 
    Wer mit einer Klasse ein Kahoot-Quiz durchführt, erlebt einen Sog. Da wollen Lernende plötzlich mehr von dem, was man ihnen vorsetzt. Das ist völlig legitim und in bestimmten Lernphasen angebracht: Aber darin erschöpft sich BYOD nicht, weil Kahoot an die Vorstellung gebunden ist, dass es auf klar definierte Fragen klar definierte Antworten gibt. Verortet man BYDO konstruktivistisch, dann sind weder klar definierte Fragen noch die Multiple-Choice-Antworten darauf besonders nützlich für Lernprozesse.
  14. Pädagogische Hoheit aber keine Verbote. 
    Lehrkräfte verantworten den Unterricht und fällen pädagogische Entscheide. Wenn sich Schulen jedoch für BYOD entscheiden, gehören generelle Verbote digitaler Lernmittel nicht in den Bereich der pädagogischen Hoheit. Die Geräte-Nutzung verbieten ist gleichwertig wie ein Verbot von Heft und Stift – also nur situativ.
  15. Laptops sind Werkzeuge, Medien nicht. 
    Was heißt das? Werkzeuge haben eine bestimmte Funktion, erfüllen bestimmte Aufgaben. Digitale Medien im Unterricht dienen aber nicht dazu, festgelegte Aufgaben zu bearbeiten, vielmehr verändern sich die Aufgaben durch die Medien, welche die Wahrnehmung und die Möglichkeiten der Kommunikation fundamental verändern. Daraus entstehen Aufgaben, die man mit einem Laptop (oder einem Smartphone) bearbeiten kann. So ist z.B. ein Laptop ein untaugliches Werkzeug für das Arbeiten mit »Stories« (Snapchat, Instagram, FB etc.) – weil die Kamera schwer zu bewegen ist, es nur eine Kamera gibt und viele der Apps am Laptop gar nicht bedient werden können. Aber wofür es ein Werkzeug braucht, ist ohne Medien gar nicht erkennbar.

 

 

The Author

philippe-wampfler.ch

5 Comments

  1. Ich setzte seit 1985 Computer in der Hochschullehre und im Rahmen der schulpraktischen Betreuung von Lehrerstudenten punktuell auch im Mathematikunterricht an Real- und Werkrealschulen in Baden-Württemberg ein.
    Als Mathematiklehrer habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu BOYD. Will man etwa nur ein wenig im Internet recherchieren und das ein oder andere Video schauen, ist das persönliche Gerät sicher ausreichend. Meine Studenten muss ich jedoch geradezu drängeln ihr Gerät einzusetzen … .
    Für den Mathematikunterricht und den Unterricht in den Naturwissenschaften ist der Computer aber weitaus mehr als man es sich unter den Stichpunkten Googlesuche und Youtube vorstellt. Mit der Rechentechnik haben wir ein echtes Werkzeug, das den Lernprozess sgtark beeinflussen kann: „Der Computer ist ein Magellan’sches Schiff, das uns zu neuen mathematischen Welten trägt.“ (Hofstadter; Gödel, Escher, Bach)
    Für die Nutzung des Computers als Werkzeug bedarf es diesbezüglich grundlegender Schulung, die nicht innerhalb von 2 mal 45 Minuten erledigt ist. Ein grundlegendes Prinzip meiner Lehrveranstaltungen in Mathematik und Informatik ist, dass der Computer so viel wie möglich eingesetzt wird, dass etwa mit Excel und Geogebra experimentiert und entdeckt wird. Hierzu muss ich die heutigen sogenannten digital Natives an die Verwendung etwas komplexerer Software heranführen. Dabei steckt der Teufel immer im Detail. Jede noch so kleine Abweichung in den Oberflächen der benutzten Rechentechnik gefährdet den Lernprozess. Will man junge Menschen an eine etwas komplexere Nutzung von mehr oder weniger universell einsetzbarer Software heranführen, bedarf des gleicher gerätetechnischer Voraussetzungen bis ins letztmögliche Detail für jeden Studenten oder Schüler. Jegliche Abweichungen bergen die Gefahr, dass gewisse Dinge nicht so laufen wie es dargestellt wurde und die Gefahr der Frustgenerierung ist groß. Je jünger die Schüler, desto größer diese Gefahr.
    Aus diesem Grunde ist es für die Zwecke des Mathematikunterrichts als auch natürlich für einen Informatikunterricht zwingend nötig, dass alle Schüler dasselbe Gerät haben. Jeder, der Tabellenkalkulation, vertiefte Textverarbeitung, dynamische Geometriesoftware oder Computeralgebrasysteme unterrichtet hat,weiß wovon ich hier rede.
    Wenn ich hier von Computern rede meine ich auch Computer im hergebrachten Sinne: Desktoprechner oder Laptops. Smartphones und Tablets in Reinform, also ohne andockbare Peripherie wie Bildschirm und Hardwaretastatur, sind für unsere Zwecke nicht brauchbar!
    Für den Erfolg des Unterrichts ist es dringend geboten, dass jedes Gerät unmittelbar einsatzfähig ist. Ein Gerät, das etwa gerade im Moment seines Einsatzes ein Update machen möchte ist fehl am Platz. Wenn zwei oder drei Geräte „zicken“ ist der Erfolg des Unterrichts in Gefahr. Wenn auf einem Gerät eine gewisse Datei nicht vorhanden ist, läuft für diesen Schüler der Unterricht nicht so wie er laufen sollte. Sollte auf einem Gerät Android xyz und auf dem anderen Android uvw laufen, kann das im Laufe des Unterrichts zum Problem werden.
    Einen optimalen Rechnereinsatz erreicht man nur durch regelmäßige Pflege der Geräte, sinnvollerweise durch Fachpersonal. Weil es so schwer ist, die optimalen Bedingungen für den Rechnereinsatz bereitzustellen, ist der Rechnereinatz, wie ich ihn mir vorstelle, sehr sehr selten und nur bei sehr engagierten Lehrern zu finden.
    Der Ruf nach BOYD ist damit verständlich aber auch kontraproduktiv. Das,was wir Mathematiker uns vorstellen, ist nur über Geld und Manpower möglich. Das wusste und weiß man bei den politisch Verantwortlichen für die Schule. Jetzt kommen die BOYDianer und zeigen: schaut mal es ist ganz einfach, übergebt alles in die persönliche Verantwortung und das Problem ist gelöst.
    Noch schlimmer: An den entsprechenden Stellen in den Landesregierungen sind Leute, die keine oder nur wenig Ahnung von der Idee informationstechnische Grundbildung (ItG)haben. Für die i st das, was ihr so einfach macht dann ItG und alles ist gut. Das was Mathematiker und Informatiker brauchen, wird dann einfach unter den Tisch fallen.

  2. didacticdude says

    Sehr schöne Übersicht und reflexionswürdige Gedanken – danke dafür, Philippe!

  3. Mit meinem Stellenantritt 2009 habe ich offiziell von der SL bewilligt damit begonnen, die Handys der SuS in meinen Unterricht zu integrieren. Aus einem ganz praktischen Grund:
    Ich sass jeden Schultag 2 mal eine volle Stunde im Zug, und: ich bin weder Seichtblattleser noch Kurzschläfer. Also wollte ich die Zugfahrten für’s Vor- und Nachbereiten einsetzen. Notabene für 14 verschiedene Klassen jede Woche! All dies waren wichtige Vorgaben für meinen Entscheid, an dieser Schule zu unterrichten.

    Im Zug schrieb ich Vorlagen zu Referaten und Prüfungen, produzierte (zunehmend interaktive) Video Tutorials und las und korrigierte die Arbeiten meiner SuS.

    2 wesentliche Ansprüche setzten sich schnell durch: corporate design und die Nutzung verschiedenster webbasierter Offices. Zentrale Kommunikationsplattform war der Blog music@school, der weit über meine Schule hinaus bekannt war und genutzt wurde.

  4. Sehr schöne Liste. Einige Punkte sind aber nicht auf BYOD begrenzt, sondern sollten eigentlich immer gelten, insbesondere 5 und 6. Ohne die geht eigentlich gar nichts (auch nicht im Unterricht ohne digitale Medien).

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