Immer wieder wird die Forderung laut, ein neues Schulfach sei die beste Lösung, um einem gesellschaftlichen Problem oder einer Herausforderung zu begegnen. So schön es ist, dass der Schule mit dieser Forderung Vertrauen entgegengebracht wird – und so sinnvoll es oft ist, Bildung als zentralen Zugang zu einer sozialen Frage zu betrachten: Didaktisch zielt die Forderung in die falsche Richtung. Eine zeitgemäße Schule braucht weniger Fächer, nicht mehr. Echte Probleme, so genannte »wicked problems«, erfordern Denken, das Fächergrenzen verlässt und Methoden kombiniert. Das verschiedene Perspektiven einbezieht, und nicht etablierten Strukturen folgt.
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Aufgrund dieser Einsicht hat mich die Frage gefreut, welches Fach ich denn abschaffen würde, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte.
Meine Antwort: Mathematik.
Jetzt muss ich vorausschicken: Das ist eine Provokation, eine Zuspitzung. Aber eine, die ich begründen kann. (Hilfreich ist vielleicht auch, wenn ich anmerke, dass ich das Lehramt in Mathematik erworben habe und sechs Jahre lang Mathematik unterrichtet habe.)
Mathematik ist eine Geisteswissenschaft. Sie ist die Lehre davon, abstrakt und in Modellen zu denken. Sie lebt von Verallgemeinerungen, Logik, Beweisen und Begriffen. Wer Mathematik betreibt, rechnet nicht, sondern denkt nach.
Fachdidaktisch hat diese Einsicht zu vielen Modellen geführt: Dialogisches und problemorientiertes Lernen sind zwei Ausrichtungen, in denen es darum geht, dass Lernende ihre Denkbewegungen darstellen, eigene Verfahren entwickeln und Werkzeuge dann kennen lernen, wenn sie ihnen helfen, ein Problem zu verstehen.
Zwei klassische Beispiele:
- Du hast ein Rad mit Zahnkränzen bei der Pedale und beim Hinterrad. In welcher Reihenfolge musst du die Gänge einlegen, die sich durch eine Kombination eines Pedal- und Hinterradzahnkranzes ergeben?
- Fünf Piratinnen haben 100 Goldstücke erobert und müssen diese aufteilen. Sie folgen einem System: Die älteste macht einen Vorschlag, wie das Gold aufgeteilt werden kann. Wenn die Hälfte (oder mehr) mit dem Vorschlag einverstanden sind, wird die Aufteilung vorgenommen. Andernfalls wird die älteste Piratin über Bord geworfen und die zweitälteste macht einen nächsten.
Piratinnen handeln erstens komplett egoistisch, mögen es zweitens im Zweifelsfall, wenn jemand über Bord gehen muss und drittens trauen sie einander überhaupt nicht, so dass sie keine Absprachen vornehmen. Viertens sind sie absolute Logik-Genies.
Wie teilen die fünf Piratinnen Anna, Bettina, Claudia, Dorotea und Elvira die Goldstücke auf?
Leider ist die Unterrichtsrealität eine andere. Sie bereitet auf die unten abgebildeten Aufgaben der Maturprüfung vor. Im Mathematikunterricht wird Theorie instruktiv vorgegeben, sie wird dann anhand von Rechnungsaufgaben vorgeführt. Es gibt zwar immer wieder Lehrerinnen und Lehrer, die andere didaktische Ansätze erproben – letztlich setzt jedoch die Prüfungs- und Fachschaftskultur einen traditionellen Ansatz immer durch.
Lehrpersonen im Fach Mathematik sehen sich oft in einer Dienstleistungsfunktion: Sie befähigen Schülerinnen und Schüler, Prüfungen zu bestehen, ihr Wissen in anderen Fächern anzuwenden oder eine weitere Ausbildung durchzustehen. Zudem sehen sie die Kompetenz, an einem traditionellen Mathematikunterricht teilzunehmen, oft als diagnostisch für die schulische Leistungsfähigkeit an: Eine gute Schülerin ist auch gut in Mathematik (im Sinne des Unterrichts).
Oft wird ausgeblendet, dass sich die Funktion der Mathematik in der Berufswelt und in der Schule durch die Digitalisierung komplett verändert hat: Einfache Rechner können heute auch schwierige Integrale berechnen. Auch Ingenieurinnen und Ingenieure rechnen heute kaum noch; genau so ist es in Berufen, die mit Statistik zu tun haben. Entscheidend ist, abschätzen zu können, an welcher Stelle welche Berechnungsverfahren eingesetzt werden sollen.
Für diese Entscheidung helfen die Fächer, in denen mathematische Grundfertigkeiten angewendet werden, mehr als der Mathematikunterricht. Auch das zeigt sich an den unten stehenden Prüfungen: Sie rufen einfache Rezepte ab, welche die Schülerinnen und Schüler entweder auswendig gelernt haben oder nicht. Mathematisches Denken erfordern sie nicht.
Kurz: Mathematik ist in der Schulpraxis stark von fachdidaktischen und lebensweltlichen Bezügen entfernt, beansprucht aber enorm viele Ressourcen im Schulalltag. Deshalb würde ich dieses Fach zuerst abschaffen, wenn ich in einer utopischen Welt dazu gezwungen wäre, eine solche Entscheidung zu treffen.
Besser wäre es natürlich, das Fach zeitgemäß zu gestalten. Aber hier habe ich schon etwas resigniert.


















