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Die Digitalisierung ist vorbei

Mein Blog ist oft ein Notizbuch für Gedanken, die ich nicht vergessen möchte. In diesem Fall ist kein eigener – obwohl ich kurz skizzieren werde, wie ich ihn verstehe.

Jürgen hat angekündigt, er würde zu seinem Tweet ein Buch schreiben. Falls hier Verlage mitlesen: Es wäre ein Gewinn, erhielte er dazu die Gelegenheit.

Digitalisierung wird oft als ein Prozess gesehen, der noch läuft; der in Zukunft ganz vieles verändern wird. So schreibt Christoph Schmitt:

„Digitalisierung“ steht nicht für einen vorübergehenden Trend, sondern für eine komplette Veränderung der Art und Weise, wie wir in Zukunft leben werden: Wie wir unseren Alltag gestalten, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir arbeiten, lernen, unterwegs sind. Wie wir uns organisieren, wie wir bezahlen, kochen, essen, einkaufen. Wie wir medizinisch versorgt werden. Wie wir sind.
Wir stecken bereits mittendrin in diesen Veränderungen.

Eine »Veränderung der Art und Weise, wie wir in Zukunft leben werden« – die läuft immer. Doch ist es das, was Digitalisierung meint? Versucht man das zu präzisieren, bietet sich die Formel von Luciano Floridi an: Digitalisierung führt zu einer »Gleichzeitigkeit von analog und digital, virtuell und materiell«.

Was materiell in der Welt vorhanden ist, wird auch durch Datensätze repräsentiert. Dieser Prozess ist es, der abgeschlossen ist. Unternehmen und Staaten haben ihn fast komplett abgewickelt: Menschen, der Güterverkehr, Transportmittel, Geld, Kulturgüter sind alle auch Datensätze und werden als solche bewertet und ausgewertet.

Natürlich sind die Auswirkungen dieses Prozess noch nicht ausgehandelt. In unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen kommt die Gleichzeitigkeit von analog und digital ungleichzeitig an. So hat das Rechtssystem etwa große Mühe, die Veränderungen durch die Digitalisierung abzubilden; auch das Bildungssystem tut sich sehr schwer damit.

Das Modell von Moores Buch »Crossing the Chasm« zeigt eine mögliche Erklärung dafür, dass die Digitalisierung zwar schon abgelaufen ist, von vielen Menschen aber als Phänomen der Zukunft oder der Gegenwart gesehen wird. Für die »Late Majority« und die »Laggards« sieht es so aus, als stehe der Durchbruch erst noch an – obwohl er bereits erfolgt ist.

Chasm

Ein Beispiel dafür sind die Diskussionen zur Überwachung. Kürzlich habe ich mit Menschen gesprochen, die so lange es geht nur bar bezahlen wollen, weil sie nicht wollen, dass ihre Zahlungen ausgewertet werden. Sie blenden aus, dass ihre Geldbezüge am Automaten sowie ihre Zahlungen in bar durchaus ausgewertet werden und Datenspuren hinterlassen – wie auch viele andere Aspekte ihres Lebens vermessen und von Programmen verarbeitet werden. (Das ist kein Argument gegen ihre Haltung, nur ein blinder Fleck.) Überwacht wird fast alles – unabhängig davon, ob es direkt digital erfolgt oder erst in Daten übersetzt werden muss.

Die Einsicht, dass die Digitalisierung vorbei ist, hat keine moralische Komponente. Man muss das weder gut noch schlecht finden – es ist einfach passiert. Man kann es erklären – und im Umgang damit eine ethische Position vertreten.

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»Torten der Wahrheit«, Katja Berlin

3 Comments

  1. Stimmt: „Digitalisierung ist durch. Das ist kein Zukunftsthema sondern nicht mal mehr Gegenwart. Deutschland hats halt nur verpennt, daher kann man mit Digitalisierung noch so tun, als hätte man was neues zu bieten.“ ist eine steile, wenn nicht gar überhängende These. Auch in Sachen Digitalisierung hat Deutschland gar nichts verpennt. Deutschlands Autos und deren Beliebtheit gerade in Ländern, welche die Digitalisierung anscheinend nicht verpennt haben, sind nicht der einzige Beweis, dass diese Behauptung nicht stimmt. Anders sieht es in der Bildung und darin in der Volksschule aus. Das Lernen unter digitalen Bedingungen geht tatsächlich mehr oder weniger spurlos an der Volksschule vorbei. Nein, die Digitalisierung ist keineswegs „einfach passiert“. Sie ist. Seit 1990, als die National Science Foundation beschloss, das Internet für kommerzielle Zwecke nutzbar zu machen. Und sie entwickelt sich weiter. Unaufhaltsam. Bis heute einfach an der Volksschule vorbei. Eher links als rechts.

  2. ArminH

    Zur Thematik der Barzahler: sofern Sie Ihr Mobiltelefon nicht ausgeschaltet haben, findet man sowieso leicht raus, wo sie ihr Geld ausgeben, z.B. „Unique in the Crowd: The privacy bounds of human mobility“ von Yves-Alexandre de Montjoye, César A. Hidalgo, Michel Verleysen & Vincent D. Blondel in https://www.nature.com/articles/srep01376

  3. Anonymous

    was für mich noch nicht vorbei ist, ist der Prozess der Veränderung der zum Beispiel auch in Unternehmen in vollem Gang ist. Es verändern sich Kompetenzen der Menschen …

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