comments 4

Die große Bedeutung von Selbsteinschätzung – oder warum es den Dunning-Kruger-Effekt nicht gibt

Der Dunning-Kruger-Effekt wird in Netz-Diskussionen oft bemüht: Der Zusammenhang »je ignoranter, desto selbstsicherer« scheint zu erklären, weshalb Menschen, die von Dingen wenig verstehen, oft nicht davor zurückschrecken, ihr Halb- oder Falschwissen forsch zu präsentieren und davon ausgehend Entscheidungen zu fällen.

Doch den Effekt gibt es so nicht, wie ein genauerer Blick zeigt, der sich gerade auch aus pädagogischer Perspektive lohnt.

Dunning und Kruger haben statistisch sehr unbeholfen gearbeitet. Präziser ist dieses aktuelle Paper. Es zeigt: Knapp 80% der Menschen sind nicht extrem schlecht darin, sich selbst einzuschätzen. Der Rest zerfällt in zwei Hälften: Solche, die sich unterschätzen – und solche, die sich überschätzen. Jeweils rund 5% der Bevölkerung gehören zu einer der beiden Gruppen. 

Fachleute (gemessen am Bildungsgrad) zeichnen sich jedoch dadurch aus, dass sie sich etwas besser einschätzen können als der Rest der Bevölkerung.
Den Dunning-Kruger-Effekt gibt es also nicht. Hier die Präzisierung aus der Studie (S. 29): Für mich wichtigstes Fazit des Papers:

Self-assessment appears to be a teachable metacognitive skill that is meaningful and measurable. It may be one of the most beneficial skills of all for students to develop. (S. 25)

Daraus leitet sich ab: In der Schule muss Selbsteinschätzung geübt werden – in jedem Lernschritt. Eigene Leistungen kritisch wahrzunehmen, ist für das Lernen von Erwachsenen eine entscheidende Voraussetzung. Die Fähigkeit erlaubt, Lernen als Strategie fokussiert einzusetzen. 

Was sind Voraussetzungen, damit Selbsteinschätzungen erfolgreich vorgenommen werden können? Ein aktuelles Paper zeigt dazu Perspektiven aus der Forschung:

  1. Die Lernenden müssen dabei unterstützt werden, Kriterien zu entwickeln, anhand derer sie ihre Lernprodukte einschätzen können.
  2. Sie müssen regelmäßig aufgefordert werden, diese Kriterien auch anzuwenden.
  3. Selbsteinschätzungen sind nicht Selbstbewertungen – es geht nicht darum, sich selbst eine Note zu geben, sondern in ein reflexives Verhältnis zur eigenen Tätigkeit zu treten, zu erkennen, was man wie gut kann. Auch Lehrende sollen Selbsteinschätzungen nicht als Grundlage für die Vergabe von Noten einsetzen.
  4. Für Selbstevaluationen müssen genügend Zeit und Unterstützung bereit stehen, genau so für Überarbeitungen von Lernprodukten.
  5. Es muss möglich sein, diese Evaluationen privat vorzunehmen, damit nicht drinsteht, was Lehrende hören wollen, sondern was Lernende wirklich denken.

Das Problem beim Dunning-Kruger-Effekt in der aktuellen Netzdebatte ist, dass von einem statischen und weit verbreiteten Phänomen ausgegangen wird. Dabei handelt es sich aber mehr um eine Lernschwäche: Menschen, die sich schlecht einschätzen können, haben das nicht gelernt.

 

 

4 Comments

  1. sinister

    Ich bin gar nicht davon ausgegangen, dass jeder/viele die keine Ahnung von etwas haben, automatisch selbstsicher damit auftreten. Stand das so direkt in dem Paper?

    Der Dunning-Kruger-Effekt war für mich nur dann vorhanden, wenn sich eben jemand derartig verhalten hat.

  2. Logiker

    Das Problem beim Dunning-Kruger-Effekt in der aktuellen Netzdebatte ist, dass er natürlich nichtalle, sondern nur einen Teil erfasst. Wenn jemand schwafelt, dass von einem statischen und weit verbreiteten Phänomen ausgegangen wird, hat er das Problem nicht ferstanden. Dabei handelt es sich um eine Lernschwäche des Menschen, des so schwafelt, wie der Autor hier. Er ist ein Menschen, der sich schlecht einschätzen kann, und hat nichts gelernt.

  3. Pingback: Psiram » Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW16, 2018)

  4. in unserer Schule gibt es ab Klasse 3 monatlich Bögen zur Selbsteinschätzung, am Anfang eng angeleitet und mit smilies zu den einzelnen items, später differenzierter. Es folgt ein Entwicklungsstandgespräch mit dem Lehrer, der seine Sicht der Dinge dazu gibt, dabei auch konkret auf vorhandene Stärken und erworbene Fähigkeiten hinweist und ermuntert. Man darf sich das also nicht als Wühlen in Mängeln und Schwächen vorstellen – wenn das thematisiert wird, werden konkrete Handlungshinweise gegeben, wie man das ein oder andere im nächsten Monat noch verbessern könnte.
    In Klasse 8 schätzen sich praktisch alle so realistisch ein, dass eine Korrektur der Selbsteinschätzung in der Entwicklungsstandbesprechung fast unnötig wird und der Schwerpunkt darauf liegen kann, auf welche Ziele sich der Schüler im nächsten Monat fokussieren will.
    Will sagen: Ich bestätige hiermit die Trainierbarkeit aus eigener Erfahrung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.