Stress im Lehrerberuf

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Etwas gönnerhaft beendet »Herr Larbig« den Artikel über seine Zeitschriftenlektüre mit einer Bemerkung zum Zeitmanagement:

Woher ich die Zeit für das Lesen der Zeitschriften nehme? Woher nehme ich die Zeit zum Atmen? Eben: Das ist keine Frage der Zeit, sondern eine Frage der Notwendigkeit. Und für Notwendigkeiten findet sich Zeit.

Die Frage kenne ich gut – nur stellt sie mir niemand in Bezug auf Zeitschriften, weil ich ohnehin keine Zeitschriften lese, sondern Twitter (auf dem natürlich Beiträge aus den von Larbig genannten Zeitschriften mit schöner Regelmäßigkeit auftauchen). Aber woher ich die Zeit zum Bloggen, Serien Schauen etc. nehme – diese Frage soll ich immer wieder beantworten. Meistens sage ich dann, ich würde vieles »nebenbei« machen – und das stimmt irgendwie auch. Aber es lohnt sich, eine etwas systematischere Antwort zu finden – zumal es eben nicht so ist, dass »Notwendigkeiten« Zeitmanagement erleichtern.

Die Blogparade von »Herr Mess« zu Stress im Lehrberuf bietet dafür eine gute Gelegenheit. Stress hat für mich verschiedene Ursachen oder Erscheinungsformen. Um meine persönliche Situation transparent zu machen, hier meine beruflichen und privaten Verpflichtungen:

  • Ich unterrichte 50-60% Deutsch und Philosophie am Gymnasium (das sind meist 12-14 Wochenlektionen).
  • Innerhalb dieses Pensums betreue ich größere Projektarbeiten, arbeite an der Schulentwicklung im Bereich Kommunikation mit und engagiere mich bei Weiterbildungen etc.
  • An der Uni Zürich bin ich in einem Pensum von 30% als Dozent für Fachdidaktik angestellt. Während der Semester unterrichte ich ein Modul von 2 Lektionen.
  • Innerhalb dieses Pensums begleite ich Referendariate fachdidaktisch, halte Sprechstunden ab und führe Lehramtsprüfungen durch.
  • Selbstständig führe ich Weiterbildungen zu Neuen Medien im Bildungsbereich durch, erstelle Konzepte, berate Organisationen, referiere und leiste Medienarbeit – auch mit diesem Blog.
  • Einen Tag in der Woche, fast jeden Morgen und Abend sowie an Wochenenden übernehme ich die Hälfte der anfallenden Familienarbeit in einem Haushalt mit drei Kindern.

Man kann schnell errechnen – zeitlich geht das nicht ganz auf, wenn man von 100% Arbeitszeit im Rahmen von 50 Stunden pro Woche ausgeht. Daraus resultieren zwei Arten von Stress:

  1. Struktureller Stress
    Heißt letztlich: Die Bedingungen, unter denen Arbeit stattfindet, lassen es nicht zu, stressfrei zu arbeiten. 12 oder 13 Wochen unterrichtsfreie Zeit, in die einige Wochen Ferien fallen, führen dazu, dass die restlichen rund 40 Wochen Peaks enthalten, die dann kompensiert werden müssten. Im November und während der Prüfungszeit im Mai/Juni gibt es Phasen, in denen ich schon nur im ersten Pensum 50 Stunden pro Woche arbeite. In anderen Phasen (z.B. nach der Prüfungszeit) kann ich das theoretisch gut kompensieren – aber kaum Arbeit dieser Spitzenzeiten darauf verlagern.
  2. Planungsstress
    Eigentlich handelt es sich hier auch um Strukturen: Der Lehrberuf verlangt das Ticken nach einem Stundenplan, was aber andere Aktivitäten erschwert oder verunmöglicht bzw. zu Stress führt. Wenn ich einen Workshop durchführen will oder ein Referat halte, hätte ich gerne mal einen Morgen frei, um mich vorzubereiten oder zu entspannen. Tatsächlich unterrichte ich aber im Rahmen meiner Verpflichtung und eile dann zum nächsten Termin. Selten habe ich einen Arbeitstag zur Verfügung, um konzentriert einer Aktivität nachzugehen.

Daher mag ich nicht in den Chor gut organisierter Lehrkräfte einstimmen, die mit effizienten Verfahren Stress vermeiden können. Ich kann das nicht – und will das oft auch nicht. Stress hat viele negative Effekte – »Stress und seine Symptome (Grübelei, Schlafschwierigkeiten, Gereiztheit) zeigen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie sind Indikatoren dafür, dass elementare Bedürfnisse nicht erfüllt werden«, schreibt etwa die »Lernbegleiterin«. Andererseits ist er aber auch Antrieb für Hacks und Prioritäten: Er zwingt mich zu Abkürzungen und der Suche nach Synergien. Mehr noch: Stress ist für mich oft eine Form von Motivation. Er hilft dabei, Aufgaben in Angriff zu nehmen, die ich sonst aufschieben würde, und erlaubt es mir, Unangenehmes effizient abzuarbeiten. Deshalb kann ich mit dem strukturellen und planungsverursachten Stress auch Positives abgewinnen, er ist letztlich aber ein Bestandteil des Berufes. Als Strategie dient für mich die Verbindung verschiedener Aktivitäten, die zum Beispiel verhindern, dass ich mich völlig fürs Unterrichten verausgabe – weil ich das gar nicht kann. Ein Pfadfindertag im Wald mit meinen Kindern, das Erzählen einer Gutenachtgeschichte oder sogar die Wäsche sind oft  eine Form der Erholung oder des Ausgleichs.

Aber es gibt eine dritte Form von Stress, die ich als sehr belastend wahrnehme:

  1. Der Stress der Ohnmacht
    Ein Schüler hat familiäre Probleme, die ihm am Lernen hindern. Eine Klasse hat mit einer anderen Fachlehrerin einen tief schürfenden Konflikt. Eine Schülerin hat ein Tief, sie kann sich für nichts motivieren. Die Eltern eines Schülers geben ihm kein Geld mehr, weil er sich ihnen nicht unterordnet. Die Bildungspolitik verschlechtert Jahr für Jahr die Arbeitsbedingungen. Statt Pädagogik diskutieren wir im Kollegium Administration. Didaktische Einsichten lassen sich kaum umsetzen, weil Schule so gemacht werden muss, wie sie seit 100 Jahren gemacht wird.
    Diese Probleme führen bei mir zu einer Ohnmachtserfahrung, die enorm belastend ist. Der dadurch ausgelöste Stress kann nicht produktiv gelöst werden, er gleicht einer Frustration, die sich verschlimmert, je stärker man sich damit auseinandersetzt.

In meiner Erfahrung hilft es auch da, in guten Netzwerken einen Ausgleich zu finden, andere Themen und Aktivitäten zu haben, welche die Ohnmacht auflösen oder es erlauben, sie zu vergessen. Aber die Belastung bleibt – und ich denke, die Gefahr von Burn-Outs geht stark von dieser Ohnmacht aus.

escaping a framework

a stressed and overwhelmed person trying to escape from a framework

The Author

philippe-wampfler.ch

4 Comments

  1. Sehr spannend! Danke für den Beitrag. Es gibt zu diesem Thema noch einen spannenden TED Talk:

    Kelly McGonigal:
    Wie man Stress zu seinem Freund machen kann.

    Stress ist offenbar nicht gleich (krank machender) Stress. Stress ist was man als Stress bezeichnet. Will man der Studie von Kelly McGonigal folgen, so kommt es offenbar darauf an, wie ich Stress positiv reframen kann. Was ja auch in diesem Beitrag gemacht wird.

  2. Pingback: Blogparade: Nur kein Stress! | Herr Mess

  3. Hallo Philippe
    Du sprichst mir bei deinem ehrlichen Beitrag sehr aus dem Herzen. Mir geht es sehr ähnlich. Ich nenne diese Ohnmacht „das Aushalten“. Oft gibt es Situationen, da will ich eben diesen Rahmen auf deinem Bild oben sprengen, aber es ist nicht an mir, diesen zu sprengen. Die Hände sind mir gebunden, das System tickt anders. Ein Lehrer hat mir mal gesagt, das schwierigste an seinem Beruf sei das Aushalten.
    Ich wünsche dir und mir und allen, die diese Form von Stress kennen, eine Besserung.
    Herzlich,
    Nadine

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