Was tun, wenn Lernende hinter Bildschirmen verschwinden?

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So sieht ein Schulzimmer aus, in dem ich unterrichte. Ob Jugendliche in einem expliziten BYOD-Setting arbeiten oder erfahrene Berufspersonen an Weiterbildungen teilnehmen – Bildschirme sind mögliche Arbeitsumgebungen, die Lernende oft nutzen.

Was macht man da, als Lehrer oder Dozentin? Die Frage höre ich ständig – oft verbunden mit der Erwartung, die dadurch aufkommenden Probleme lösen zu können.

Meine Antwort darauf geht von einer Haltungsänderung aus und umfasst im Wesentlichen vier Komponenten. Dazu gleich. Entscheidend ist aber die nötige Gelassenheit.

  1. Wer als Lehrkraft den Lernenden nicht vertrauen kann, hat schon verloren. Es braucht im Unterricht einen bedingungslosen Vertrauensvorschuss. Der gilt auch für die Arbeit am Laptop oder Tablet. Ich nehme an, dass Bildschirmarbeit mit dem Lernen zu tun hat.
  2. Ein Einwand gegen diese Sicht lautet: »Aber die Versuchung, sich durch Chats ablenken zu lassen, ist doch an diesen Geräten enorm groß! Davor müssen wir Lernende schützen.« Hier adaptiere ich eine Einsicht aus der themenzentrierten Interaktion

    Das Postulat, dass Störungen und leidenschaftliche Gefühle den Vorrang haben, bedeutet, dass wir die Wirklichkeit des Menschen anerkennen; und diese enthält die Tatsache, dass unsere lebendigen, gefühlsbewegten Körper und Seelen Träger unserer Gedanken und Handlungen sind.

    Kurz: Wer Störungen des Lernens vermeiden will, unterdrückt oder leugnet die »Wirklichkeit des Menschen«. Der verliebte Schüler wird vom Gedanken an die Nachricht seines Freundes beherrscht sein – egal in welchem Setting er lernen soll.

  3. Eine zweite Standardreplik bezieht sich auf Unterrichtsphasen, in denen intensive Klassengespräche stattfinden. Selbstverständlich ist es legitim, in solchen Phasen Bildschirme zu meiden – es ist sogar didaktisch geboten. Aber nicht, weil eine Lehrperson das Verhalten der Lernenden kontrollieren will, sondern weil eine andere Form von Interaktion ablaufen soll.
  4. Als Dozentin oder Lehrer muss man das Gefühl, die Lernenden in ihren Aktivitäten überwachen und kontrollieren zu wollen, aktiv bekämpfen. Das hat mit der Schulsozialisation zu tun, die wir durchlaufen haben. Lernende sollen andere nicht stören beim Lernen. Abgesehen davon braucht es aber keine Disziplinierung durch die Lehrkraft – diese ist oft ein Machtmissbrauch. Lernende dürfen zur Toilette, wann sie wollen, sie dürfen tragen, was sie wollen – und sie dürfen sich Notizen machen und recherchieren, wie sie wollen. Selbstverständlich können Hinweise gegeben werden, wie effiziente Lernabläufe aussehen oder welche Auswirkungen permanente Ablenkung hat. Aber entscheiden müssen die Lernenden letztlich selbst. Wer meint, anderen etwas vorschreiben zu müssen, um ihr Leben zu verbessern, hat pädagogisch oft schon kapituliert.

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philippe-wampfler.ch

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  2. https://vimeo.com/148192823 so hat mein Schulzimmer manchmal auch ausgesehen. Dabei haben die Gruppen ihr Wissen zusammengetragen, um es irgendwo, unterwegs, quasi als Hausaufgabe, zu verifizieren und zu formen, um es in einer anderen Lektion zu präsentieren und/oder zu diskutieren.

  3. Plädiere auch für Gelassenheit. Seit ca. zwei Jahren ermuntere ich meine Schülerinnen und Schüler dazu, das Smartphone offen auf den Tisch zu legen und es als Arbeitswerkzeug zu gebrauchen. Natürlich kommen Nachrichten rein, natürlich antworten sie auch darauf. Aber in der Bilanz registriere ich einen klaren Gewinn: Gebrauch von Wörterbücher, Wikipedia, Zugriff auf schulinterne Shares usw. Und kein einziges Schulzimmer im ganzen Kanton erlaubt mir Hör- und Sehbedingungen (Audio, Video) wie das Smartphone oder vielleicht einmal der Computer (scheint noch zu teuer oder zu schwer, dass ihn alle Schülerinnen und Schüler regelmässig in den Unterricht mitnehmen).
    Was ich unterrichte? Französisch und Italienisch am Gymnasium.

  4. ich kann irgendwie das Problem gar nicht nachvollziehen… Was macht man in einer Klasse, wenn die Schüler vollkommen analog am „vor sich hin Rechnen oder Schreiben“ sind? Version a man lässt sie in Ruhe und schaut sich hinterher die Ergebnisse an bzw bespricht sie / Version b man läuft herum, wenn man am Prozess der Entstehung interessiert ist und schaut dezent über die Schulter. Was ist anders, ob das jetzt Schreibblätter oder Bildschirme sind? Auch auf und mit Blättern lässt sich viel Mist bauen – oder Liebesbriefe produzieren statt der Aufgabenstellung… Ob ich Version a oder b bevorzuge, mache ich situationsabhängig. Oft merkt man ja an der Körpersprache der Schüler, wenn gerade etwas gedanklich oder sonstwie hakt. Dann kann ich kurz intervenieren – „aufhelfen“ geht, aber laufen müssen sie von alleine.

    Übrigens ist die Möglichkeit der vollständigen Kontrolle bei uns beim digitalen Arbeiten wesentlich ausgeprägter als beim analogen Lernen, da wir hauptsächlich in Computerräumen mit „master eye“ arbeiten und ich mich völlig unbemerkt in jeden Computer eines Schülers jederzeit „mit hineinschalten“ kann. Ich bevorzuge allerdings auch da das persönliche Hinlaufen um nachzuschauen wie es läuft, denn die big brother Methode empfinde ich als ziemlich gemein…

  5. Da fühl ich mich auch zuhause – und ich habe gelernt: (das ist jetzt fast schon ein wenig buddhistisch) mein Bedürfnis, die Aktivitäten der Lernenden zu überwachen und zu kontrollieren, hat in dem Maße abgenommen, als es mir gelang, es nicht mehr länger zu bekämpfen sondern es zu verstehen, es zu kommunizieren und mit den Lernenden auch darüber (ganz konkret über meine inneren Kämpfe und über die unterschiedlichen Hüte, die ich aufhabe) zu diskutieren.

  6. So hats bei mir auch mal, das heisst eigentlich zwei mal, ausgesehen. Einmal vor langer langer Zeit an der Kanti SH, als Informatik noch etwas war, was wir uns heute gar nicht mehr vorstellen wollen, und ein zweites Mal vor vielleicht 4 Jahren, als ich vieles daran setzte resp. versuchte, daranzusetzen, das Handy der SchülerInnen zum persönlichen Computer und Lernmittel und Teil meines Unterrichts zu machen.

    Heute empfehle ich meinen ehemaligen KollegInnen der Sekundarstufe I, das Smartphone fürs „Lernen unterwegs“, und während des Präsenzunterrichts höchstens als Präsentationsmittel zu verwenden.

    Und Tablets? Ach, die werden dem Wischen treu bleiben.
    Und Desktops? Ach, nichts gegen das Lernen des Zehnfinger-Systems.

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