»Wir haben 2016, nicht 1984«. Unter diesem Titel hat Andreas Kunz in der Sonntagszeitung gefordert, auf die Lektüre von Orwells Roman 1984 an Schulen fortan zu verzichten. Im »Zeitalter von Facebook« könnte man nicht dagegen sein, beim Einkaufen gefilmt zu werden oder vom Staat überwacht zu werden.
Das Buch, erschienen 1949, war eine Anspielung auf den Überwachungswahnsinn in den mittlerweile längst implodierten kommunistischen Diktaturen. Wer Orwell heute noch anführt und laut «Big Brother» schreit, sobald irgendwo eine Kamera aufgestellt wird, hat das Buch nicht verstanden und verunglimpft die erfolgreichen Bemühungen demokratischer Staaten zum Schutz ihrer Bevölkerung.
Diese Argumentation verdient eine Replik in vier kurzen Abschnitten.

Sind die Überwachungsbemühungen demokratischer Staaten erfolgreich?
Bei dieser Frage fischen wir im Trüben. Doppelt, eigentlich: Die »demokratischen« Staaten sind ja beim Einsatz von Geheimdiensten genau so wenig transparent wie bei der Kooperation mit denen anderer Staaten. So könnte es also durchaus möglich sein, dass viele Gefährdungen durch Überwachung ausgeschaltet werden.
Eine realistische Betrachtung lässt allerdings das Gegenteil vermuten: Überwachung wird in der Schweiz zur Wahrung des Bankgeheimnisses eingesetzt, auch wenn das die Bespitzelung von Journalisten erfordert.
Den Behörden bekannte Terroristen können gleichzeitig nicht daran gehindert werden, Anschläge zu verüben, wie die Grafik von Sascha Lobo zeigt.

1984 verstehen
Der Roman erzählt zwar von einer dystopischen Diktatur, die Überwachung und Manipulationen zur Kontrolle der Bevölkerung einsetzt, verbindet das aber mit der Liebesgeschichte zwischen Winston und Julia, die versuchen, in einem grauen Alltag (Kinder bespitzeln ihre Eltern, Sex ist verboten, die Strafen drastisch) Menschen zu bleiben. Das gelingt ihnen trotz den weit reichenden Möglichkeiten des totalitären Staates:
They could spy upon you night and day, but if you kept your head you could still outwit them. With all their cleverness they had never mastered the secret of finding out what another human being was thinking. […] Facts, at any rate, could not be kept hidden. They could be tracked down by enquiry, they could be squeezed out of you by torture. But if the object was not to stay alive but to stay human, what difference did it ultimately make? They could not alter your feelings: for that matter you could not alter them yourself, even if you wanted to. They could lay bare in the utmost detail everything that you had done or said or thought; but the inner heart, whose workings were mysterious even to yourself, remained impregnable.
Im Rückblick aufs Leben seiner Mutter dachte Winston, Tragödien seien einer Welt vorbehalten, in der es »privacy, love, and friendship« gäbe. Durch die Liebe schaffen Winston und Julia diesen Raum, sie entziehen sich der Kontrolle des Staates.
Aber nur provisorisch: Julia und Winston werden gezwungen, einander zu verraten. Die Diktatur bricht sie und ihre Beziehung, sie ist eine Bedrohung.
‘I betrayed you,’ she said baldly.
‘I betrayed you,’ he said.
She gave him another quick look of dislike.
‘Sometimes,’ she said, ‘they threaten you with something something you can’t stand up to, can’t even think about. And then you say, ‘Don’t do it to me, do it to somebody else, do it to so-and-so.’ And perhaps you might pretend, afterwards, that it was only a trick and that you just said it to make them stop and didn’t really mean it. But that isn’t true. At the time when it happens you do mean it. You think there’s no other way of saving yourself, and you’re quite ready to save yourself that way. You WANT it to happen to the other person. You don’t give a damn what they suffer. All you care about is yourself.’
‘All you care about is yourself,’ he echoed.
‘And after that, you don’t feel the same towards the other person any longer.’
‘No,’ he said, ‘you don’t feel the same.’
Hier könnte der Roman enden, wollte er die Ideologiekritik nicht auf die Spitze treiben. Winston wird bekehrt: »He loved Big Brother«, heißt es am Schluss. Auch die Liebe muss kontrolliert werden – es reicht nicht, die Geschichtsschreibung und die Sprache zu manipulieren, Gesetze durch radikale Strafen zu ersetzen, Krieg und Frieden dauerhaft zu vermischen und das Leben lebensunwert zu machen.

Wie liest man 1984 in der Schule?
Ist das – ganz knapp formuliert – die Aussage und Bedeutung des Romans, so kann man sich fragen, ob er eine geeignete Schullektüre sei. Kunz meint, er führe zu einem Überwachungstrauma, indem er mit der »Big Brother«-Assoziation kommunistische Regimes heraufbeschwöre.
Kunz hat sicherlich recht damit, dass die historische Kontextualisierung von Orwell bedeutsam ist und reflektiert werden muss. Die ubiquitäre Rede von »Big Brother« – auch hier gehe ich mit Kunz einig – schafft falsche Vorstellungen von Überwachung und ihren Auswirkungen.
Aber die Welt von 1984 wird von Jugendlichen nicht mit ihrer Lebenswelt verwechselt. Sie müssen sich nicht unter Lebensgefahr Liebesbriefe zuschicken, sondern werden von den Algorithmen hinter ihren Social-Media-Anwendungen dazu aufgefordert. Ihr Leben ist farbig und voller Möglichkeiten, tun sie etwas wirklich Verbotenes, schickt sie die Schulpflege eine Woche zum Abwaschen ins Altenheim, belässt es aber meistens bei einem strengen Gespräch.
Aber Schullektüre hat nicht den Zweck, politische Botschaften zu vermitteln, sondern in der Analyse von Literatur Texte verstehen zu lernen und eigene Werte zu entwickeln. 1984 ist ein Roman darüber, was es bedeutet, menschlich zu sein. Er erzählt davon, dass das Private politisch ist. Und lenkt den Blick auf die Sprache als Machtmittel. Können Lernende sich damit auseinandersetzen, ist die Lektüre von 1984 ein Gewinn.
1984 und die aktuelle Form von Überwachung
Der interessanteste Zusammenhang zwischen der Überwachungsthematik und Orwells Roman sind die Differenzen zwischen der Funktionsweise der Überwachung im imaginierten 1984 und im realen 2016. Nur weil wir nicht in einer totalitären Diktatur leben, ist Überwachung nicht plötzlich von jeder Kritik befreit. Nur weil Menschen sich teilweise freiwillig überwachen lassen, erhalten Staaten nicht die Legitimation zur Verletzung von Grundrechten.
In ihrem brillanten Essay Is the Internet good or bad? Yes. hat Zeynep Tufekci in aller Schärfe herausgearbeitet, warum 1984 und das Panoptikum von Bentham als Allegorien für Überwachung überholt sind (ich zitiere die deutsche Übersetzung von Eve Massacre):
In unserer Welt ist das Vergnügen nicht verboten; es wird dazu ermutigt und gefeiert, obgleich unter dem Banner des Konsums. Die meisten von uns leben nicht in Angst vor dem Staat während wir unseren alltäglichen Leben nachgehen. (Es gibt erwähnenswerte Ausnahmen: zum Beispiel arme Communities of Colour und Immigrant*innen […])
Um die Überwachungsstaaten zu verstehen, in denen wir leben, müssen wir mit etwas Besserem als Allegorien und Gedankenexperimenten kommen, besonders, wenn diese sich auf ein ganz anderes System der Kontrolle beziehen. Wir müssen in Betracht ziehen, wie sich die Macht von Überwachung vorgestellt und wie sie eingesetzt wird, jetzt, von unseren Regierungen und Unternehmen. […]
Unternehmen wollen diese Macht verwenden damit wir Produkte kaufen. Für politische Parteien ist das Ziel, durch zurechtgeschnittene Präsentationen Unterstützung für die Politiker und ihre politischen Pläne zu erwirken. Beide wollen, dass wir, willentlich, auf eine Auswahl klicken, die für uns entworfen wurde. Diplomaten nennen das »Soft Power«. Sie mag weich sein, aber sie ist nicht schwach. Sie bringt keinen Widerstand hervor, wie es Totalitarismus tut, also ist sie eigentlich sogar stärker.
Internettechnologie lässt uns Schichten von Unstimmigkeiten und Ablenkungen wegschälen und miteinander agieren, von Mensch zu Mensch. Zugleich sehen die Mächtigen sich genau diese Interaktionen an, und benutzen sie um herauszufinden, wie sie uns gefügiger machen können. Aus diesem Grund kann Überwachung im Dienste von Verführung sich als mächtiger und beängstigender erweisen als die Alpträume aus 1984.
Trotzdem sind wir hier und reden immer noch miteinander. Und sie hören zu.
Aber gerade diese Differenz kann die Lektüre von 1984 wahrnehmbar machen. Die großen Erzählungen zur Überwachung – sollte es sie überhaupt noch geben – fehlen nämlich noch weit gehend.












