In den letzten Tagen hat ChatGPT ein fundamentales Update erhalten. Seit einer Weile sind Plugins und andere Features wie die Integration von Dall-E für bezahlende Abonnent:innen verfügbar – bislang war es aber äußerst kompliziert, sie einzuschalten und zu verwenden. Neu werden sie automatisch zugeschaltet: ChatGPT analysiert Anfragen und kann dann z.B. aufs Web zugreifen, Dokumente durchsuchen, Bilder analysieren etc.
Neu ist eine Funktion, mit der man eigene GPTs bauen kann. Das sind dann ChatBots, die ganz spezifische Verhaltensweisen zeigen und auf Spezialwissen zugreifen können. Ich habe das gemacht und werde zuerst zeigen, wie das funktioniert – und dann erklären, wie ich vorgegangen bin.
Im Hintergrund greift der Bot auf verschiedene Texte zu, die ich geschrieben habe. Er gibt Antworten auf Deutsch, verweist wenn möglich auf Quellen und imitiert meinen Schreibstil (basierend auf den hochgeladenen Texten).
Er arbeitet in der ChatGPT-Umgebung (oben links kann man auswählen, welche Instanz Anfragen beantworten soll). Zugänglich ist er nur für Menschen, die ebenfalls ein Abo für ChatGPT gelöst haben (es kostet 20 Major Währungseinheiten pro Monat).
Gerade im Schulkontext könnte sowas hilfreich sein, um z.B. alle Materialien eines Kurses über GPT zur Verfügung zu stellen. Soweit bin ich noch nicht, ich habe nur erste Tests gemacht und experimentiere weiter.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
Zunächst muss ein GPT erschaffen werden. Dazu klickt man oben links auf »Explore« und dann auf das Plus-Zeichen in der Mitte.
Danach erscheint ein geteiltes ChatGPT-Fenster. Links wird der Bot quasi programmiert – dazu verwendet man ganz reguläre ChatGPT-Prompts, mit denen mitgeteilt wird, wie der Bot funktionieren soll. Der Name, der Stil, die Antwortform etc. können alle so bestimmt werden. Zudem können mit der Büroklammer unten Texte hochgeladen werden, welche die Basis für die Antworten sind (ChatGPT und die entstehenden Bots bezeichnen das als »My Knowledge«).
Zuletzt muss der Bot oben rechts gespeichert werden – dabei kann man festlegen, ob er öffentlich oder privat zugänglich sein soll. Es ist ebenfalls möglich, ihn in Webseiten einzubetten, was ich noch nicht im Detail getestet habe.
Der Bot befindet sich dann im regulären ChatGPT-Fenster. Mit der kleinen Marke kann ein Menu aufgerufen werden, indem sein Verhalten wieder verändert werden kann.
So habe ich zum Schluss auch noch ein Logo hinzugefügt.
Rechte Akteur*innen tragen den Kulturkampf aus Social Media vermehrt in Bildungsinstitutionen, um die Lehrfreiheit einzuschränken. Den Verantwortlichen geht es darum, Lehrenden Angst zu machen, bestimmte Themen zu behandeln oder Meinungen im Unterricht zuzulassen. Aktuell stehen primär Gender-Themen im Fokus, aber auch der Umgang mit Terror und Krieg, mit Migration, Klimaerwärmung, Steuern etc. sind verdächtig.
Zwei Beispiele aus der Schweiz: Eine Professorin hält eine Antrittsvorlesung in Form einer Performance. Das führt zu einer Anfrage im Kantonsparlament, zu Rückfragen bei der Professorin, bei ihrer Hochschule und zuletzt entstehen Medienberichte, hier der Artikel aus der Sonntagszeitung.
Am Rande einer Lehrveranstaltung an der Uni Zürich macht eine Studentin auf eine politische Veranstaltung aufmerksam (in Absprache mit einem Professor). Studierende filmen das, über Social Media wird Druck auf den Professor und die Hochschule aufgebaut, der wiederum zu mehreren Medienberichten führt.
Diese Beispiele stammen aus den letzten Tagen. Es gibt viele weitere. Sie alle laufen nach demselben Drehbuch ab:
Jemand erfährt von einem Vorgang an einer Bildungsinstitution, mit dem er oder sie nicht einverstanden ist.
Informationen dazu werden digital weitergeleitet, sie gelangen zu rechten Aktivist*innen, die sie öffentlich machen.
Es entsteht eine Empörungswelle, in deren Rahmen Menschen bei Vorgesetzten Konsequenzen fordern (meist die Entlassung).
Gleichzeitig greifen Medien das Thema auf, weil sie damit Klicks generieren können. Auch sie stellen Vorgesetzten kritische Fragen.
Bei staatlichen Bildungseinrichtungen werden mit parlamentarischen Anfragen Kürzungen von Mitteln als Reaktion auf diese Vorfälle beantragt.
All das führt zu viel Aufwand und Ärger. Oft ist im ersten Moment nicht ganz klar, was überhaupt vorgefallen ist. Subjektive Eindrücke, selektive Darstellungen und Gerüchte vermischen sich mit Fakten. Die Anfragen richten sich oft auch an Vorgesetzte, die gar nicht direkt verantwortlich sind, welche die Lehrveranstaltungen nicht kennen oder gar nicht über Konsequenzen entscheiden dürfen. Gleichzeitig baut sich aber eine Empörungswelle teilweise so schnell auf, dass eine bedachte Reaktion gar nicht mehr möglich ist. Aus diesen Gründen würde ich betroffenen Institutionen Folgendes empfehlen:
Mitarbeiter*innen generell instruieren, in solchen Fällen nicht mit Medienschaffenden zu sprechen und Aktivist*innen keine Auskünfte zu geben. Alle Informationen müssen von der Leitung kommen.
Vorfälle intern abklären und bei Verstößen gegen ethische oder juristische Vorgaben konsequent handeln.
Beschwerden knapp und freundlich beantworten: »Danke für den Hinweis, wir klaren das intern ab.«
Medienschaffenden kurz die rechtlichen Rahmenbedingungen erklären und sie bitten, nicht über irrelevante Vorfälle aus Lehrveranstaltungen zu berichten. Nicht über Details und Hintergründe sprechen.
Betroffene Lehrende schützen, ihnen rechtliche und psychologische Unterstützung anbieten.
Im Kopf behalten, dass die Empörungswellen weiterziehen. Was im Moment überwältigend erscheint, ebbt nach einer Woche ab.
Besonders der Schutz von Betroffenen ist sehr wichtig. Spüren sie in solchen Situationen keinen Rückhalt, erreichen die Aktivist*innen ihr Ziel, die Lehrfreiheit einzuschränken und ideologischen Einfluss auf Bildungsprozesse zu nehmen. Das darf nicht passieren.
Nächste Woche spreche ich mit einer Gruppe von Fachpersonen aus der Medizin über die Verwendung von Social Media durch Jugendliche. Die Frage ist, was in diesem Bereich neu ist, was sich entwickelt hat.
Hier eine kurze Zusammenfassung meines Vortrags. Die Folien und Links dazu findet man hier.
Grundsätzlich ist das »social net«, wie wir es kennen, tot. Das bedeutet: Die Plattformen, auf denen sich Jugendliche heute bewegen, folgen nicht Gesetzmäßigkeiten, nach denen Social Media konzipiert wurden. Am einfachsten lässt sich das daran zeigen, wie die Auswahl von Inhalten stattfindet. Ursprünglich war etwa Facebook gedacht als eine Kontaktaufnahme mit Menschen, die wir kennen oder kennen könnten – also mit »friends« und »friends of friends«. Das »social« an Social Media war die Verlinkung mit anderen Profilen.
Das hat in einem zweiten Schritt etwas Unbehagen verursacht, weil plötzlich deutlich wurde, dass sich Menschen mit viel mehr Profilen verbinden, als sie kennen, dass wir uns auch an Diskussionen beteiligen, bei denen wir die Gesprächspartner*innen nicht kennen. Das war dann sowas wie eine Influencer-Kultur, die geprägt wurde von Resonanz: Die Plattformen haben gezeigt, was laut ist und viele Reaktionen auslöst – das wurde dann als wichtig taxiert. Influencer haben Reichweite aufgebaut und diese dann benutzt, z.B. um Geld zu verdienen.
Aktuell erleben wir eine dritte Phase: Algorithmen steuern, was User*innen zu sehen bekommen. Das ist weder von sozialen Netzwerken noch von Influencer*innen abhängig, sondern wird über bestimmte (geheim gehaltene) Messwerte gesteuert.
Der Effekt bewirkt bei TikTok eine individuelle Abstimmung. Wer den TikTok-Algorithmus trainiert hat, erhält Videos, die zu einem passen. Die interessant sind, sich wichtig anfühlen. Die müssen nicht gefunden werden, sie finden einen. Bzw. der Algorithmus findet sie für einen.
Dadurch werden Menschen anfällig für Ideologien. Diese werden algorithmisch verstärkt und individuell so runtergebrochen, dass sie nicht von bestimmten Menschen oder Machtverhältnissen auszugehen scheinen, sondern sich quasi natürlich anfühlen, als hätten wir sie selber entdeckt, als wären sie Selbsthilfe.
Als Beispiel werde ich im Vortrag auf Andrew Tate eingehen, der jungen Männern einredet, eine gute Arbeitsethik würde ihnen dabei helfen, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen und im Leben erfolgreich zu sein. Dazu verwendet er eine Strategie, die ideal auf algorithmisch gesteuerte Plattformen abgestimmt ist.
Die etablierten sozialen Netzwerke verschwinden nicht. Vielmehr sind sie teils von allen Apps geworden, die wir im Beruf und in der Freizeit verwenden. Die Aufgabe, sich digital zu inszenieren und zu vernetzen entfällt nicht, sie ist aber nicht mehr Hobby oder digitale Extravaganz, sondern Arbeit.
»Auch bei uns?«, fragt ein Beitrag der deutschen Tagesschau auf Instagram. Gemeint ist: Sollten auch in Deutschland Smartphones an Schulen verboten werden? Der Beitrag eröffnete eine Diskussion, die Resonanz erzeugt. Nicht erstaunlich: Sie hat eine lange Geschichte. 2012 habe ich an dieser Stelle die Argumente rund um die Forderung nach einem Handy-Verbot an Schulen zusammengefasst. Im Folgenden werde ich kurz darlegen, weshalb diese Diskussion am Thema vorbeigeht. Sie konstatiert Probleme und bietet dafür eine Lösung an, die keine ist.
Was sind die Probleme?
Grundsätzlich gibt es fünf Problembereiche, die in dieser Diskussionen miteinander verbunden werden:
Schulkrise. Schüler*innen erleben schulisches Lernen immer wieder als wenig sinnstiftend. Sie klinken sich aus, lenken sich ab. Das geht mit Handys sehr gut, Smartphones sind ein Zeitvertrieb, der sinnvoller erscheint als das, was die Schule zu bieten hat.
Abhängigkeit. Viele Apps sind so designt, dass sie ähnlich wie Glücksspiele in Casinos oder an Slotmachines Abhängigkeiten erzeugen sollen. Smartphones animieren besonders Kinder und Jugendliche, mehr Zeit mit bestimmten Anwendungen zu verbringen, als sie eigentlich möchten.
Mobbing und Gewalt. Viele Formen von Gewalt und Mobbing unter Schüler*innen sind mit digitaler Kommunikation verbunden. Chats, Videos, Bilder etc. werden auch genutzt, um anderen Leid zuzufügen.
Digitale Transformation. Die Schule und die damit verbundenen Lernerfahrungen wurden in den letzten 20 Jahren digitalisiert. Für Lehrpersonen bedeutet das, dass sie ihren Unterricht so gestalten müssen, dass er auch in einer Kultur der Digitalität funktioniert. Das ist mit viel Aufwand und einem veränderten Rollenverständnis verbunden.
Jugendkultur. Jugendliche haben Werte und Kommunikationsformen, die Erwachsene nicht verstehen (sollen). Diese zeigen sich im Umgang mit Smartphones sehr stark. Erwachsene werten Jugendkultur oft aus einem Reflex ab, weil sie merken, dass sie keine Jugendlichen mehr sind und weil sie befürchten, was Jugendliche ausprobieren, könnte später zu einer gesellschaftlichen Norm werden, an die sie sich anpassen müssten.
Welche Probleme löst ein Smartphoneverbot?
Keines. Das wissen auch alle, die ein solches Verbot fordern. In einem NZZ-Artikel schlagen Zierer und Montag vor, schulische Regelungen einzuführen und mehr Schulgeräten für digitales Lernen anzubieten. Die Experten wollen also Schüler*innen daran hindern, private Geräte in der Schule zu nutzen, sie aber an Schulen mit Geräten ausstatten. Das löst keines der Probleme. Schulen müssen bessere Lernorte werden, damit sich schulisches Lernen für Jugendliche sinnvoll anfühlt. Sie müssen professionell mit Jugendkultur umgehen und Unterricht anbieten, der in eine Kultur der Digitalität passt.
Umgekehrt braucht es sinnvolle Prävention, um digitale Formen von Gewalt und Abhängigkeit zu reduzieren. Verbote an Schulen sind hier eine Scheinmaßnahme – sie fühlt sich gut an und macht Probleme an Schulen unsichtbar. Zur Lösung tragen sie nicht bei, im Gegenteil: Smartphone-Verbote belasten Schulen und absorbieren Ressourcen, die für Kontrolle und Durchsetzung eingesetzt werden müssen.
Wer ein Smartphone-Verbot fordert, um Abhängigkeiten oder Übergriffe zu reduzieren, versteht nicht, welche Faktoren zu Abhängigkeit oder Übergriffen führen. Smartphones verursachen diese Probleme nicht, sie moderieren sie: Das heißt, es fällt Schüler*innen leichter, Abhängigkeiten auszuleben oder Gewalt auszuüben, wenn sie ein Smartphone haben. Die Gründe dafür sind aber andere: Mobbing und Cybermobbing sind oft Reflexe von Gewalt, die Jugendliche von Erwachsenen erfahren, wie Constanze Marx nachgewiesen hat. Abhängigkeit entsteht aus einer Mischung aus Veranlagung und Lebenssituation.
Eine Scheindiskussion
Praktisch alle Schulen im deutschen Sprachraum reglementieren den Umgang mit Smartphones. Sie legen fest, wann Schüler*innen diese mitbringen und nutzen dürfen. Die Verbotsdiskussion geht an dieser Realität vorbei. Sie fordert eine globale Verschärfung, die vor Ort oft wenig Sinn ergeben und aus nachvollziehbaren Gründen nicht eingeführt wurden. Zum Beispiel, weil Schüler*innen ihr Smartphone brauchen, weil sie direkt nach der Schule zum Training oder zu einer Therapie fahren und sich auf dem Smartphone ihr Bus-Abo und ihre Kreditkarte befinden. Oder weil Schüler*innen zu stark darunter leiden, wenn sie einen ganzen Tag nicht mit Familie und Freund*innen chatten können.
Die Parallelen zur Kleiderordnung
Smartphone-Verbote funktionieren ähnlich wie Verbote bestimmter Kleidung: Überforderte Erwachsene, welche die Verhaltensweisen von Jugendlichen nicht verstehen, bilden sich ein, über Regeln Probleme lösen zu können, deren Ursachen sie nicht verstehen. Damit verbessern sie aber nichts, im Gegenteil: Sie verhindern pragmatische, lokale Lösungen unter Einbezug der Jugendlichen. »Am ersten Schultag habe ich ganz bewusst ein bauchfreies Shirt angezogen, nur weil ich wusste, hier darf ich das«, hat mir kürzlich eine Schülerin gesagt. Vom Verbot an ihrer früheren Schule ist ihr nur geblieben, wie wütend es sie gemacht hat.
Die Angst, Schreiben im Unterricht verliere an Bedeutung, weil KI-Tools Texte generieren können, ist auch unter Lehrpersonen weit verbreitet. Wenn es nur um die produktorientierte Vorstellung geht, einen fertigen Text zu produzieren, dann ist die Angst gleichzeitig berechtigt und unberechtigt: Zwar verliert Schreiben dann an Bedeutung, was aber keine Rolle spielt, weil Menschen auch ohne Schreibkompetenzen fertige Texte produzieren können (wozu sie diese dann brauchen, ist eine andere Frage).
Somit zeigt die Verfügbarkeit dieser KI-Tools, dass besonders schulisches Schreiben als Prozess konzipiert werden muss. Als Axiom der Schreibdidaktik kann für den Umgang für KI gelten:
KI-Tools fördern den Aufbau Schreibkompetenzen, wenn sie bewusst für einen Prozessschritt eingesetzt werden. Sie behindern den Aufbau von Schreibkompetenzen, wenn damit Prozessschritte übersprungen werden.
Wir können das mit dem einfachen unten abgebildeten Prozessmodell veranschaulichen. Schreiben besteht also aus fünf Prozessschritten:
Pre-Writing: Inspiration, Sammeln von Ideen, Klären des Ziels, Planen des Schreibprozesses
Drafting: Erstes Schreiben des Textes.
Revision: Einholen vom Feedback, Abgleich des Textes mit den Zielen und Wirkungsabsichten.
Revising: Überarbeiten des Textes.
Publishing: Text veröffentlichen (inkl. Layout etc.).
KI kann nun beispielsweise für den Editing-Prozess sinnvoll genutzt werden: Deepl Write beschleunigt die Überarbeitung und erleichtert es, formale Fehler zu finden. Wer einen Text schreibt und ihn dann bei Schritt 4 mit Deepl Write korrigiert und stilistisch überarbeitet, befolgt das oben formulierte Axion.
Das gilt auch für die Unterstützung beim Finden von Ideen. Ein Freund hat mir kürzlich gezeigt, wie Drehbuch-Techniken eingesetzt werden können, um mit ChatGPT Ideen zu generieren. Diese ersetzen den Schreibprozess nicht, sondern können helfen, Inspiration zu finden und den Prozess zu strukturieren. Hier ein Beispiel (Verlinkung).
Während mit den Begriffen »Beat-Sheet« und »Save-the-Cat« Fachwissen eingebracht wird, kann das auch über den Verweis auf bestimmte Erzählungen erfolgen. Das zeigt das nächste Beispiel (Verlinkung) – es funktioniert allerdings nur, wenn ChatGPT auf Wissen über diese Erzählungen zugreifen kann:
Der letzte Tipp für die Pre-Writing-Phase kann verallgemeinert werden. Grundsätzlich ist es immer möglich, der KI eine Rolle zuzuweisen, in der sie einem hilft, überhaupt die richtigen Anfragen zu formulieren. Das habe ich hier gemacht (Verlinkung):
Selbstverständlich liegt die Versuchung immer nahe, ChatGPT direkt dann auch die Texte schreiben zu lassen. Damit das nicht passiert, braucht es eine didaktische Begleitung sowie Schreibaufgaben, die nicht von einer KI gelöst werden können…
Fast alle Erzählungen über die Probleme des »Wokeismus«, wie du schreibst, beginnen mit einer Anekdote, die meist erfunden ist. Bei deinem Text über das Schulklima am Gymnasien erzählst du in dieser Anekdote, dass deine Schüler*innen Englisch mit unterschiedlichen Akzenten sprächen, was du gar nicht zulassen dürftest, wärst du nicht so herrlich politisch unkorrekt und tolerant.
Meines Wissens hat bislang niemand gefordert, Schüler*innen dürften im Englischunterricht bestimmte Dialekte nicht mehr sprechen. Von Schüler*innen höre ich aber immer wieder, dass bestimmte Wörter im Englischunterricht tabu seien: Fluchen dürften sie nicht, Englischlehrpersonen legten auch Wert auf Standardgrammatik und ließen es nicht zu, dass jemand »she don’t care« sagt, was in vielen Dialekten durchaus korrekt wäre, aber halt nicht der Norm entspricht. Könnte ich mit Sara sprechen, würde ich sie gerne fragen, wie das in deinem Unterricht ist. Gibt es da auch Wörter, die du nicht zulässt, oder grammatikalische Formulierungen, die du korrigierst?
Wenn ja, dann gehört das doch einfach zu den fachlichen und sozialen Aushandlungsprozessen, die es Schulen gibt. Ob es hilft, das als »totalitäre, eifernde, intolerante und humorlose Ideologie« zu bezeichnen, wie du das in Bezug auf Fragen machst, die du als »woke« abtust? Ich bezweifle es. (Wenn ich, als etwas jüngerer und urbanerer Lehrer, deinen Text lese, dann habe ich nie den Eindruck, du wärst ein humorvoller, entspannter oder toleranter Kollege.)
Die Schüler*innen und Kolleg*innen, die du als »woke« bezeichnen würdest, sind aus meiner Sicht die, welche Gymnasien am Leben erhalten. Sie erlauben es sich, Bedürfnisse auszudrücken und glauben daran, dass Schulen sich wandeln können. Deine Frage, ob Gymnasien »Athen oder Sparta« oder »USA oder China/Russland« sein sollen, stellt sich nämlich nicht. Wir müssen uns nicht zwischen Polen entscheiden, sondern können vor Ort Lösungen finden, die den Bedürfnissen der Personen entsprechen, jenseits von schematischen oder antiken Vorstellungen. Und wenn Schüler*innen mir sagen, sie möchten nicht mit bestimmten Wörtern, Themen oder Praktiken konfrontiert werden, weil sie das belaste und verletze, dann ist Humor keine adäquate Reaktion auf dieses Anliegen. Über etwas zu lachen, was andere stört, ist ein Verhalten, das mich irritiert. Dasselbe gilt dafür, wenn Schüler*innen und Kolleg*innen auf Diskriminierung und Machtstrukturen aufmerksam machen. Wir privilegierten Männer haben davon mit Sicherheit profitiert und könnten die Kritik annehmen, ohne sie mit Scherzen wegzuwischen.
Wenn wir wirklich an Toleranz glauben, an Respekt, an Kultur und an wissenschaftlichen Fortschritt, dann finden wir Wege, Gymnasien zu guten und gerechten Orten für alle zu machen. Wir müssen solchen Anliegen nicht die Legitimation absprechen, indem wir sie schematisch als Verbotskultur bezeichnen. Genauso müssen wir heute nicht so handeln, sprechen oder schreiben, wie wir das früher gelernt haben. Schüler*innen und Kolleg*innen mit Anliegen müssen wir weder mit einem Label verstehen noch als Teil einer problematischen Ideologie sehen, wir können sie einfach ernst nehmen. Sie sind ein wichtiger Teil jeder Schule, für mich der wichtigste. Sie als Problem darzustellen, ist unfair und auch feige, Gerd. Das Privileg, in der NZZ deine Ansichten ausbreiten zu können, hättest du besser nutzen können, als engagierten Menschen das Leben schwer zu machen.
Ich schließe mit einer Anekdote: In meinem Lateinunterricht an der Kantonsschule Baden haben Lehrpersonen immer wieder auf die Commentarii de bello Gallico von Caesar verwiesen. Die sprachliche und analytische Kraft dieses Werkes hat sie stark beeindruckt, sie waren bemüht, uns eine Wertschätzung dafür zu vermitteln. Was sie uns nie gesagt haben: Dass es sich dabei um Propaganda handelte, mit der Caesar einen brutalen Völkermord legitimiert und inszeniert hat. Hätte ich damals auf dieses Problem aufmerksam machen können, wäre unser Unterricht deutlich besser geworden. In diesem Sinne wünsche ich meiner und deiner Schule viel mehr »woke« Schüler*innen und Kolleg*innen. Und dir den nötigen Humor und die nötige Toleranz, dass du dich darauf einlassen kannst.
In den USA kämpft die Polizei mit etwas, was die Forschung »barrier of mistrust« nennt: Communities, die schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben, vertrauen Polizist*innen nicht mehr. In diesen Communities fällt es der Polizei schwerer, Verbrechen aufzuklären, weil sie kaum Aussagen von Zeug*innen erhalten und teilweise gar nicht gerufen werden, wenn Verbrechen stattfinden. Es handelt sich um eine Spirale: Negative Erfahrungen mit Polizeiarbeit (Gewalt, schlechte Qualität) führt zu Misstrauen, Misstrauen verschlechtert die Arbeit. (Eine anschauliche Erklärung gibt es in diesem Podcast.)
Denselben Zusammenhang gibt es in der Schule: Lehrpersonen und Schulen, welche Schüler*innen herabsetzen, im negativen Sinn überraschen, nicht ernst nehmen, verspielen sich mögliches Vertrauen. Das erschwert ihre Arbeit und steigert die Wahrscheinlichkeit, dass ein Lernklima der Angst, der Fehlervermeidung und auch des Mobbings entsteht. Auch hier entsteht eine Spirale: Eine problematische Schul- und Unterrichtskultur erzeugt Misstrauen, Misstrauen verschlechtert das Lern- und Arbeitsklima.
Wie entsteht aber Vertrauen? In der Reflexion meines Unterrichts habe ich folgende fünf Elemente ausgemacht, die mir dabei helfen, die Beziehung zu Lerneden und zu Klassen vertrauensvoll zu gestalten.
Element 1: Vertrauensvorschuss
Vertrauen hat die Struktur eines Gefangenendilemmas: Alle würden profitieren, wäre es da – aber bevor es da ist, ist es vorteilhaft, Vertrauen zu verweigern. Lehrpersonen müssen hier in Bezug auf Schüler*innen ins Risiko gehen. Missbrauchen die Schüler*innen das Vertrauen einer Lehrperson, kann sie damit leben. Das gehört zum Beruf. In den meisten Fällen wird das gerade nicht geschehen: Wenn Jugendliche echtes Vertrauen erleben, geben sie es zurück. Also nicht abwarten, bis Vertrauen auf der Gegenseite da ist: Sondern aktiv das tun, was Menschen tun, die anderen vertrauen.
Element 2: Verlässlichkeit
Schüler*innen müssen sich auf Lehrpersonen verlassen können. Das bedeutet nicht, dass Lehrpersonen keine Fehler machen, sondern dass sie sich dafür entschuldigen, wenn das geschieht. Fast wichtiger aber: In den Grundwerten sind Lehrpersonen berechenbar und konstant. Ich zwinge zum Beispiel Schüler*innen nie, etwas zu tun, was sie nicht tun wollen. Auch in Gesprächen akzeptiere ich ihre Privatsphäre, wenn sie mir etwas nicht sagen wollen oder eine Frage nicht beantworten können, respektiere ich das. Ich akzeptiere ohne Nachfragen, wenn sie den Raum verlassen, weil ich annehme, dass es einen wichtigen Grund dafür gibt. Ich vermeide jede Art von Gewalt Schüler*innen gegenüber, also auch verbale, psychische etc. – ich werde nicht wütend, ich stelle niemanden bloß. (Mal abgesehen von der strukturellen Gewalt, die im System Schule steckt). Ich führe keine unerwarteten Leistungskontrollen durch, ich bestrafe Schüler*innen nicht. Kurz: In meiner Präsenz gibt es für Lernende keine unangenehmen Überraschungen, ich verhalte mich berechenbar.
Element 3: Ehrlichkeit
Ich sage Schüler*innen, wie die Dinge sind. Ich spiele ihnen nichts vor, sondern sage ihnen, was ich weiß, wenn es sie interessiert. Ich verzichte auf jede Form von Bullshit. Ich teile, wenn das passt, meine Meinungen und mache klar, dass es meine Meinungen sind und die Schüler*innen sich eigene Meinungen bilden sollen.
Element 4: Klare Erwartungen
Auch meine Schüler*innen betreiben immer wieder mal Studenting (sie tun also Dinge, die vernünftige Menschen nicht machen, Schüler*innen aber leider schon). Ich sage ihnen dann immer, dass ich das weder schätze noch erwarte. Generell stütze ich meine Erwartungen auf die Vorstellung ab, dass ich es mit jungen Menschen zu tun habe, die in die Schule kommen müssen, aber das möglichst so tun möchten, dass das für sie eine positive Lernerfahrung ist. Ich wünsche mir, dass sie wie ich ehrlich sind, kritisch sind und ihre Meinung sagen.
Gleichzeitig respektiere ich aber, dass Schüler*innen meine Erwartungen manchmal nicht erfüllen wollen oder erfüllen können. Das ändert meine Erwartungen nicht und führt nicht zu Vorwürfen, sondern ist eine Gelegenheit für eine Reflexion, warum das in einer Situation so ist oder war.
Element 5: So wenig und so gute Beurteilung wie möglich
Seit etwas mehr als drei Wochen arbeite ich an einer Schule, bei der die interne Kommunikation komplett über Teams läuft. Schulleitung, Lehrpersonen, Schüler*innen, Sekretariat, Technik, Hausdienst – alle benutzen für schriftliche Anliegen, Dokumentation und Zusammenarbeit Teams.
Da dies etwas ist, was ich an meiner letzten Schule (vergebens) gefordert habe, möchte ich kurz reflektieren, wie sich das anfühlt – und auch dokumentieren, welche Voraussetzungen Schulen erfüllen müssen.
Grosse Transparenzund Filtersouveränität
Teams macht sichtbar, was an einer Schule läuft. Formell und informell. Alle haben Einblick und können sich bei Bedarf informieren. Alte Diskussionen sind archiviert und verfügbar.
Wer Teams nutzt, muss und darf selber filtern. Das erfordert einen Lernprozess (was ist für mich wichtig und was nicht), ist aber auch eine große Freiheit, weil niemand vorschreibt, was ich sehen darf und was nicht.
Threads & Suche > Ordner-Denken
Teams funktioniert für Menschen, die Informationen in Threads und über die Suche wahrnehmen können. Wer ein Ordner-System erwartet, in dem alles immer am richtigen Ort abgelegt ist, wird damit nicht warm werden. Nur: Auf Ordner verzichten ist eine große Befreiung. Ordner sind ein Relikt aus einer Offline-Bürokratie, auf Teams braucht es sie nicht (oder nur selten). [Habe schon vor einer Weile darüber geschrieben.]
Das Ende von CC-/Reply-(All)-Mails
Formuliert jemand über Mail ein Anliegen, dann gibt es meist Empfänger*innen, die das direkt betrifft, solche, die es indirekt betrifft (also nur, wenn bestimmte Reaktionen erfolgen) – und solche, die es gar nicht betrifft. Diese Komplexität wiederholt sich bei allen Antworten.
Das führt dazu, dass wir Mails erhalten, bei denen wir entweder auf weitere Reaktionen warten müssen oder die uns gar nicht betreffen. Dieses Problem löst Teams elegant. Bin ich direkt betroffen, werde ich erwähnt oder direkt angeschrieben, betrifft mich etwas nur indirekt oder gar nicht, kann ich entsprechende Posts ignorieren.
Teams ist genauer, effizienter als Mails. Das zeigt sich auch in der Kultur, Interesse oder Teilnahme per Like abzuhaken: Missverständnisse sind ausgeschlossen, Reaktionen erfordern minimalen Aufwand.
Aktives Zuhören
Gerade in Teams-Chats ist es sehr einfach, Gesprächspartner*innen zu signalisieren, das wir mitbekommen, was läuft. Aktives Zuhören ist viel leichter als bei anderen Formen schriftlicher Kommunikation, weil mit dem Reaktions-Feature niederschwellige Aktionen verfügbar sind.
Auch als Nicht-Beteiligter kann ich mir ein gutes Bild machen, wer etwas mitbekommen hat. Anders als eine Mail an 50 Personen wird bei einer Teams-Nachricht deutlich, wie viele sie gelesen und verstanden haben.
Reaktions- und Arbeitszeiten
An meiner neuen Schule arbeiten viele Lehrpersonen sehr viel. Das wird auf Teams sichtbar, wo teilweise auch spätabends und am Wochenende kurze Reaktionszeiten vorhanden sind. Teams läuft bei mir auch auf dem Handy, die Arbeit ist immer nah. Einerseits ist es angenehm, sehr schnell Rückmeldungen zu erhalten – andererseits besteht die Gefahr, sich schlecht von der Arbeit abgrenzen zu können.
Voraussetzungen
Aus meiner Sicht braucht es folgende Bedingungen, damit sich der konsequente Einsatz von Teams für interne Kommunikation lohnt:
Commitment der Schulleitung Die Schulleitung nutzt Teams nicht nur konsequent, sondern auch elegant und schnell. Dadurch zeigt sich eine klare Erwartung an alle Beteiligten, das auch zu machen.
Flache Hierarchie, Offenheit, Zusammenarbeit Nur wenn es keine Geheimnisse gibt und Zusammenarbeit unkompliziert gesucht wird, lohnt sich Teams. Ansonsten suchen Menschen nach Tricks, um das auszuhebeln, was Teams lohnenswert macht.
Vertrautheit mit einer Kultur der Digitalität Das junge Team an meiner neuen Schule kann gut chatten und kennt die Normen und Verhaltensweisen, die digitale Zusammenarbeit effizient machen.
Keine »Reply-Guys« Reply-Guys auf Twitter sind Konten, die Posts so kommentieren müssen, dass deutlich wird, dass sie nichts Gehaltvolles zu sagen haben, aber dennoch andere korrigieren möchten. Dieses Verhalten würde Teams zu einem problematischen Kommunikationskanal machen.
Digitale Infrastruktur und Support Wer Teams nutzt, braucht stabiles WLAN und genügend Geräte. Es darf kein Hindernis darstellen, auf die Plattform zu kommen. Bei technischen Problemen müssen Angestellte und Schüler*innen unkompliziert Hilfe holen können.
Externe Links Für Teams gibt es schlechte Backup-Möglichkeiten für einzelne User. Deshalb lege ich alles in Craft ab und verlinke es in Teams.
Heute habe ich an einer Weiterbildungsveranstaltung gezeigt, wie DeepL Write Texte korrigiert. Dabei werden orthografische, grammatische und stilistische Korrekturen vorgenommen und mit Formulierungsvarianten dargestellt.
Wer Texte schreibt, kann sie also von einer Maschine korrigieren lassen. Von Menschen vorgenommene Korrekturen sind im Vergleich dazu ungenau. KI-Tools haben Korrekturen automatisiert.
Das ist ein Grund, weshalb es zunehmend sinnlos wird, Texte zu korrigieren – auch in der Schule. Gleichwohl ist die Fleiß- und Pflichtübung für viele Lehrpersonen nicht verhandelbar. Sie verwenden enorm viel Arbeitszeit darauf, Texte von Lernenden akribisch zu korrigieren.
Am Abend habe ich dann mitbekommen, dass Björn Nölte in einem Vortrag darauf hingewiesen hat, dass Korrekturen für den Aufbau von Kompetenzen wenig bringen. Er hat dabei auf eine Studie (Meta-Analyse) von John Truscott verwiesen, in deren Kurzversion Folgendes steht:
Correction has a small harmful effect on students’ ability to write accurately, and we can be 95% confident that if it actually has any benefits, they are very small.
Lehrpersonen können also Korrekturen nicht nur Maschinen überlassen – sie können auch davon ausgehen, dass ihre Korrekturarbeit wenig Nutzen bringt und eventuell den Schreibfähigkeiten von Schüler*innen sogar schadet.
Was sind die Alternativen? Aktuell arbeite ich mit zwei Methoden:
Ich weise Schüler*innen auf Fehlerquellen hin. Genauer: Ich gebe ihnen Hinweise, wie man bestimmte Wörter oder Formulierungen richtig schreibt. Dabei fordere ich sie auf, das in Zukunft so umzusetzen – und überprüfe, ob sie das auch können.
Ich bitte Schüler*innen, ihre Texte mit Tools wie DeepL Write so zu überarbeiten, dass sie keine Fehler mehr enthalten.
Das hilft mir, mehr Zeit für wirksames Feedback einzusetzen – und hilft den Schüler*innen, korrekte Texte zu produzieren.
Klar: Lehrer*innen werden weiter korrigieren – wenn sie Fehler brauchen, um Bewertungen zu begründen. Nur ist das halt nicht sinnvoll.
Twitter gibt es nicht mehr. Zwar führt Elon Musk die Plattform, die er als Twitter gekauft hat, unter dem Namen X weiter – der Namenswechsel drückt aber eine so radikale Veränderung aus, dass es sich schlicht nicht mehr um denselben Dienst handelt. Was bedeutet das – allgemein und für mich?
Twitter war während seiner Blüte der schnellste und reinste Weg zu Informationen. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert ist, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass jemand vor Ort auf Twitter darüber berichtet. Das war der Grund, weshalb es das bevorzugte Netzwerk für Journalist*innen war und weshalb offizielle Institutionen es genutzt haben, um die Bevölkerung direkt mit Informationen zu versorgen. Auch Wissenschaftler*innen haben etwas verzögert entdeckt, dass Twitter eine ideale Plattform für Wissenschaftskommunikation war. Es war möglich, fast in jedem Wissensbereich mitzulesen, was Fachpersonen dazu denken.
Das schuf Anschlüsse für alle Menschen, die ihre Informationen und Meinungen einschleusen wollten. Da Twitter für viele vor der Informationsplattform eine Humorplattform war, geschah das oft auch mit einer gewissen ironischen Distanz, mit Memes und Lockerheit. Und da sich Menschen über Twitter informierten, konnten auch politische Aktivist*innen Anliegen einbringen und auf Probleme aufmerksam machen.
Twitter verschränkte Lokales mit globaler Reichweite, machte das Private politisch, demokratisierte Expertise und schuf die Möglichkeit, über private Chats eine Hinterbühne zu betreiben, auf der sich Menschen vernetzen konnte. Selbstverständlich mussten dabei schwache Menschen geschützt werden – was nicht immer gelang und ein hohes Maß an bewusster, ethisch reflektierter Moderation erfordern würde.
Ich selber habe Twitter als Wissensnetzwerk genutzt, habe mich mit Menschen verbunden, die Gehaltvolles zu Themenbereichen mitzuteilen hatten, die mich interessieren – und ich habe meine Meinungen und mein Wissen geteilt, so dass eine Datenbank entstand, die ich oft auch als Archiv benutzt habe: Wenn ich einen Link gesucht habe, so wusste ich, dass ich ihn sehr wahrscheinlich mal auf Twitter geteilt habe. Wenn ich in einem Aufsatz auf eine kritische Position eingehen wollte, so war klar, dass jemand wohl auf einen Tweet von mir reagiert hatte.
Diese Qualitäten von Twitter habe ich ideal beschrieben, auch weil ich sie aus einer privilegierten Position wahrgenommen habe. Ich konnte alle Vorteile von Twitter nutzen, hatte ein großes, recht früh verifiziertes Profil und eine entsprechende Reichweite. Das ist mir bewusst. Andere haben in viel stärkerem Ausmaß Ausgrenzung und Gewalt erfahren, wurden durch die Moderation nicht geschützt. In der Phase vor Musk hat Twitter Konten schneller gesperrt und User*innen bessere Mittel gegeben, um sich zu schützen (z.B. Replys oder DMs einschränken).
Zwei Entwicklungen haben dazu geführt, dass Twitter das Ideal nicht erreichen konnte: Erstens die professionellen Desinformationskampagnen von rechtsnationalistischen politischen Akteur*innen, zweitens die systematische Zerstörung der Moderation und unterstützender Aspekte (wie Verifizierung) durch Musk und sein Team. Heute ist Twitter eine Bühne für rechte Politik, auf der es unmöglich ist, Menschen vor Belästigung zu schützen.
Das hat Konsequenzen: Selbstverständlich ziehen sich Menschen zurück und suchen neue Räume. Politischer Aktivismus findet stärker auf Instagram statt, Berichterstattung auf TikTok. Wer einen Ersatz für Twitter sucht, nutzt Mastodon oder macht erste Schritte auf Bluesky, viele haben große Netzwerke auf LinkedIn oder Facebook und nutzen diese. Alle diese Plattformen haben Vor- und Nachteile, keine erreicht aber das Ideal, das Twitter während seiner besten Jahre erreicht hat: Reine Informationen und Expertise so direkt wie möglich zugänglich zu machen. Das hat mit zwei Gründen zu tun:
Die erwähnten Plattformen wurden anders designt, sie sollen andere Erfahrungen ermöglichen sollen. Selbstverständlich können sie umgenutzt werden, das wirkt aber nie so stark wie eine Plattform, die ursprünglich gemacht wurde, um genau einen Satz zu teilen und bei der viele Menschen während Jahren wussten, dass sie direkt an vertrauenswürdige Informationen gelangen können.
Die Plattformen sprechen fragmentierte Teile des Twitter-Netzwerks an. Niemand kann von Twitter weggehen und findet auf Mastodon, TikTok oder Facebook alle Kontakte, die bei Twitter vorher verfügbar waren. Das betrifft insbesondere auch offizielle Konten von NGOs, Regierungsorganisationen, Medien etc. – die haben oft Twitter genutzt, um gerade auch in Krisen verlässlich informieren zu können. Im Moment organisieren sie sich gerade neu.
Mastodon verkörpert viele Ideale – die Plattform basiert auf offener Software, wird in dezentralen, autonomen Communities verwaltet und monetarisiert den Content von User*innen nicht. Weil aber übergreifende Algorithmen fehlen, die Spielregeln kompliziert sein müssen und das Geld fehlt, um Moderation und Entwicklung großen Teams von Fachpersonen zu übergeben, kann Mastodon nicht das umsetzen, was Twitter hätte sein können oder mal fast war. Mastodon steht für andere Ideale, wie die deutschen Bibliotheken: Sie sie nicht darum bemüht, alle je erschienenen Bücher global kostenlos zugänglich zu machen. Aber sie kümmern sich um ihre Communities, wie das Mastodon-Server auch machen.
Dasselbe gilt für alle anderen Anschlusslösungen an Twitter: Sie bedienen einzelne Bedürfnisse von Twitter-User*innen, aber nicht alle. So werden sich andere Konzepte ergeben, andere Verhältnisse von Fakten, Unterhaltung, politischem Aktivismus, Humor und Vernetzung. Die Twitter-Nische ist aktuell zu stark besetzt (Threads, die Plattform von Facebook/Meta, habe ich noch gar nicht erwähnt). Für User*innen ist unklar, welches der konkrete Nachfolger ist, weshalb es kein umfassendes Netzwerk mehr geben wird.
Das ist der Grund, weshalb ich im Moment mehr oder weniger offen Content parallel verteile. Ich poste mal einen Gedanken bei Mastodon, nutze X recht lustlos, scrolle Bluesky und schaue mir in der S-Bahn die Insta-Stories an. Mein Archiv bei Twitter/X brauche ich weiterhin und werde es noch einen Moment weiterführen. Nicht aus Überzeugung, sondern weil ich sonst für mich wichtige Informationen nicht mehr finden würde. Mein Konto bei X hat immer noch eine gewisse Reichweite, die ich ab und zu auch nutzen werde – aber die starken Communities und guten Diskussionen sind nur noch fragmentiert vorhanden. Und immer sind destruktive Profile sehr präsent.
(Nach dem Schreiben habe ich gemerkt, dass ich zu diesem Titel schon mal gebloggt habe. Aber halt anders.)
Illustration Midjourney (Twitter Bird crossed out by the black letter x, illustration)