Privatsphäre: Ein Grundrecht?

Gestern habe ich an der FH St. Gallen die zugespitzte Position eingenommen, Privatsphärenprobleme werden überbewertet, weil sie erstens den Blick weg von politischen Problemen lösen, die via Privatsphärendiskussion an Individuen ausgelagert werden, und weil sie zweitens von falschen Vorstellungen ausgehen: Daten entstehen gesellschaftlich und gehören nicht Individuen, Privatsphäre ist kein Recht, sondern ein Privileg.

Darauf gab es vor allem via Facebook Kritik an meiner Position, auf die ich kurz eingehen möchte. Zusammenfassend kann man die Kritik in zwei Hauptaspekte aufteilen: Einen existenziellen und einen rechtlichen.

Der Reihe nach:

Privatsphäre als existenzielle Notwendigkeit

In einem WoZ-Interview formulierte Juli Zeh diesen Gedankengang wie folgt:

Entwicklungsbiografisch beginnt der Mensch, sich in dem Moment als eigenes Subjekt, als in sich geschlossenes, abgegrenztes Wesen zu betrachten, zu dem er «Ich» sagt, wenn er es schafft, Geheimnisse zu haben. Also wenn das Kind anfängt, Dinge zu verstecken, wenn es den Eltern den Zutritt zu bestimmten Räumen verwehrt, wenn es Grenzen zieht: Wer darf was wissen? Sobald man sagen kann: «Das dürft ihr nicht wissen, das ist meins», wird man ein «Ich».

Meine Forderung, gesellschaftliche Probleme auf einer politischen Ebene zu lösen, statt den Blick auf Scheinprobleme im Umgang mit der Privatsphäre zu lösen, betrifft meiner Meinung nach diese Ebene gar nicht. Auch im Zeitalter der Digitalisierung entsteht nie die totale Transparenz: Wer viele Informationen über sich veröffentlicht, schafft Raum für neue Lücken. Gerade Jugendliche, die Social Media aktiv nutzen, haben ein sehr starkes Bewusstsein für Informationsflüsse. Es ist ihnen bewusst, wer was (nicht) sehen kann, was publiziert wird und was nicht. Ein lockerer Umgang mit Privatsphärenproblemen ist nicht gleichzusetzen mit totalitärer Kontrolle. Wer Google seine Bewegungsprofile übermittelt, bejaht damit weder eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit noch eine lückenlose Überwachung. Sondern schafft vielleicht ganz bewusst auch Fenster, in denen das Handy nicht dabei ist und niemand weiß, wo man sich befindet.

Privatsphäre als Recht

 

Privatsphäre ist ein Grund- und Menschenrecht.

1 Jede Person hat Anspruch auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, ihrer Wohnung sowie ihres Brief-, Post- und Fernmeldeverkehrs.
2 Jede Person hat Anspruch auf Schutz vor Missbrauch ihrer persönlichen Daten.
(Art. 13 BV)

Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, sein Heim oder seinen Briefwechsel noch Angriffen auf seine Ehre und seinen Beruf ausgesetzt werden. Jeder Mensch hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen derartige Eingriffe oder Anschläge.
(Art. 12 AEM)

Die Realität steht im Widerspruch dazu. In der Schweiz ist niemand ohne genügend Geld, Einfluss oder Rechtsschutz davor geschützt, Opfer einer üblen Pressekampagne zu werden. Kommunikationsflüsse werden von Unternehmen und staatlichen Organen überwacht. Massen-DNA-Tests sind legal. Die Aufzählung könnte weitergehen, das Fazit bliebe gleich: Das Grundrecht ist theoretischer Natur. Es wird im Moment weder staatlich noch wirtschaftlich geschützt.

Meine Haltung ist nicht, dass wir dieses Grundrecht aufgeben sollten. Sondern wie stark wir seinen Schutz einfordern sollen, wenn klar ist, dass mittelfristig undenkbar ist, dass massive Verstöße gegen dieses Grundrecht verhindert werden können. Meine Position rechtfertigt keine Verstöße, sondern fragt pragmatisch danach, wie die Gesellschaft und Individuen ganz allgemein besser geschützt werden können. Meiner Meinung nach nicht, indem Individuen aufgefordert werden, wirkungslose Dienste zu abonnieren, Strategien zu entwickeln oder ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie Google oder FB verwenden.

Society6
Quelle: Society6

Privatsphäre – ein Diskussionsbeitrag

Heute darf ich meine Haltung zur Privatsphäre am Social Informatics Day der FH St. Gallen vorstellen. Meine Hauptargumente vorab in einer kurzen Notiz. Ich bin dabei gehalten, eine Position zu vertreten – deshalb sind meine Aussagen selektiv und pointiert formuliert. 

* * * 

Privatsphäre ist das Privileg, einen Teil des Informationsflusses kontrollieren zu können. Wäre es ein Recht, müsste wir es Jugendlichen, technisch Unbedarften, Verdächtigen oder Menschen ohne anwaltliche Beratung gleichermaßen zugestehen. Das tun wir aber nicht. Wird der Bankmanager verurteilt, Prostituierte sexuell missbraucht zu haben, steht sein Name nicht in der Zeitung. Entkleidet sich eine Gemeindeangestellte in einem geschlossenen Internetforum, stellt sie der Blick in einer Kampagne an den Pranger. Wer Moneyhouse oder Rechercheprofis gut genug bezahlt, findet über Mitmenschen Dinge heraus, von denen sie nicht wissen, dass sie öffentlich sind.

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Der Irrglaube, Daten oder Informationen verhielten sich ähnlich wie Eigentum, ist weit verbreitet. Es gibt keine Daten, die mir gehören. Es gibt solche, die ich messen und speichern kann, solche, die ich vergesse, erinnere, abrufe. Aber gehören tun sie mir nicht, weil die meisten Daten in sozialen Prozessen entstehen: Andere nehmen mich wahr, speichern und erinnern anderes als ich. Mit ihren Geräten fällt ihnen das oft leichter. Will ich hier die Kontrolle über den Informationsfluss behalten, dann schränke ich andere dabei ein, die Informationen fließen zu lassen. Dieser Konflikt lässt sich nicht einfach auflösen. Verfügbare Informationen sind gesellschaftlich meist besser als geheime. Das zeigt ein Blick auf die Geschichte der Schweiz: Die starke Idee, vieles gehe niemanden etwas an, ist der Grund dafür, weshalb die Schweiz politisch und ökonomisch von einer enormen Intransparenz geprägt ist. Der Skandal, dass die Schweizer Politik von Geldströmen unbekannter Herkunft gesteuert wird, ist eng verflochten mit einer großen Bedeutung der Privatsphäre.

Diese anderen, die meine Daten wollen, sind böse – so denken wir zumindest oft. Es sind Großkonzerne oder Geheimdienste, denen das Wohl der Menschen egal sei. Versicherungen nutzen »unsere« Daten gegen uns – so das Lieblingsbeispiel der Datenschutzlobby. Das Problem sind dabei nicht die Daten, sondern der Zerfall der Solidarität. Der fehlende Versicherungsschutz für Schwache. Das Aushebeln von rechtsstaatlichen Prinzipien. Diese Probleme löst die Datenschutzdebatte nicht.

Im Gegenteil: Sie lenkt den Blick weg von politischer Verantwortung und nimmt Individuen in die Pflicht. Wer Facebook oder Google nutzt, tut das heute meist mit schlechtem Gewissen. Welche Informationen unsere Smartphones weitergeben, können nur noch gut gebildete Profis kontrollieren. Zu meinen, die illegalen Praktiken von Geheimdiensten oder die unmoralischen Geschäftsmodelle großer Firmen seien auf mangelnden Schutz der Privatsphäre zurückzuführen, ist mehr als naiv.

»Wenn du deine Bilder mit Geotags ins Netz stellst, wissen Einbrecherinnen und Einbrecher, wann deine Wohnung leer steht.« Wer hier denkt, die Geotags seien das Problem, irrt sich. Das Problem sind die Einbrüche.

Eine solidarische Gesellschaft sichert allen gleiche Rechte zu, stellt aber auch allen die nötigen Informationen zur Verfügung, um Entscheidungen zu treffen. Sie schützt Individuen gegen staatliche Akteuere und Unternehmen. Dabei schadet der Fokus auf Privatsphäre mehr, als er nützt.

Fake – »but it’s so real«!

This is an Instagram post that was eventually revealed to be fake, but it’s so real.

Dieses Zitat aus einem Artikel einer amerikanischen Sport-Website fasst ein Phänomen zusammen, das in sozialen Medien Alltag geworden ist: Bilder, Texte und Videos werden auch dann verbreitet, wenn die Vermutung oder der Nachweis nahliegend sind, dass sie nicht das darstellen, was sie vorgeben darzustellen. #fakebutsoreal

In meiner Sisyphus-Mission, das Netz täglich durch meine Kommentare ein wenig zu verbessern, weise ich in Kommentaren oft auf solche Beiträge hin. Die Antworten gleichen sich: »kann schon ein Fake sein, trotzdem cool« / »ist doch egal, ob das stimmt – Hauptsache es ist lustig« / »du hast recht, aber das zeigt trotzdem gut, dass…«.

So zeigen die Selfie-Girls, wie narzisstisch die heutige Jugend ist – obwohl sie lediglich dem Aufruf nachkamen, während eines Baseball-Spiels Selfies zu machen und an einem Wettbewerb teilzunehmen.

Es spricht nichts dagegen, eine kulturelle Analyse mit erfundenen Beispielen zu unterfüttern. Aber die »fake but so real«-Beispiele entwickeln eine Kraft gerade deswegen, weil sie erfunden sind. Ihre argumentative Stärke liegt darin, dass die Realität keine solchen Fälle hergibt – und sie deshalb erfunden werden. So werden Haltungen bestärkt, die vielleicht in einer abgeschwächten Form nicht ganz falsch sind. Das scheint mir gefährlich.

Nehmen wir zum Schluss das Smartphone-Fotoprojekt von Eric Pickersgill. Bei »Removed« zeigt er uns Situationen, in denen er die Smartphones aus den Händen von Menschen entfernt, um »their stare« zu dokumentieren. Wir scheinen also uns dabei zusehen zu können, wie wir auf Smartphones starren. In Kommentaren ist von leeren Blicken, Zombies etc. die Rede. Nur: Diese Blicke gibt es nur in dieser Inszenierung. Pickersgill zeigt uns ein Phänomen, das er selbst inszeniert. Er beobachtet nicht eine Umwelt, er schafft eine.

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Und so zeigen uns all die »fake but so real«-Posts eine Welt, die unsere Meinungen über unsere Umwelt perfekt belegt. Deshalb sind sie ja »so real«. Und wir vergessen gerne, wie »fake« sie sind.

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Schulbücher 2015 – Aufruf zur Blogparade #schulbuch2015

Am Anfang dieses Aufrufs steht ein Tweet im Rahmen des letzten #edchatde-Gesprächs:

https://twitter.com/dejanfreiburg/status/656583341341351936

Hat das Internet alle Schulbücher ersetzt – digitale wie analoge gleichermaßen? Oder hat das Schulbuch als »Landkarte«, wie Martin Lindner das formuliert hat, weiterhin eine wichtige Funktion für Lernende? War das Schulbuch schon immer mehr ein Lehrerbuch, das Themen- und Textauswahl erleichtert hat, für die Schülerinnen und Schüler aber keinen Mehrwert geboten hat?

Diese Fragen skizzieren den Rahmen dessen, was im Rahmen einer Blogparade diskutiert werden soll. Gesucht sind konkrete Beispiele: Wie setzen Lehrerinnen und Lehrer Schulbücher 2015 ein? Wie nutzen Schülerinnen und Schüler diese? Welche Funktionen übernehmen sie, was können digitale Angebote übernehmen, was nicht? Ich wünsche mir viele Perspektiven (auch die von Eltern beispielsweise, aber selbstverständlich die von Lehrenden- und Lernenden, Schulbuchautorinnen und -autoren, Verlagen), viele Fächer, viele verschiedene Schulbücher. Ich selber werde mich auch beteiligen und unterhalb des Beitragsbildes alle Beiträge mit einem kurzen Kommentar verlinken. Deshalb ist es sinnvoll, wenn ich die Links zu allen Beiträgen erhalte – z.B. als Kommentar unter diesem Artikel, als Hinweis bei Twitter oder Facebook oder per Mail. Als Zeitrahmen schlage ich das verbleibende Kalenderjahr vor.

Die Aktion kriegt einen Hashtag: #schulbuch2015

Im Namen all derer, die an der Idee beteiligt waren – Dejan Mihailović, Urs Henning, Martin Lindner, Maik Riecken – freue ich mich, wenn der Aufruf breit gestreut wird und viele Beiträge eintrudeln.

Schulbücher

Beiträge zur Blogparade in der Reihenfolge des Erscheinens: 

  1. Birgit Lachner, zum.de (Chemie, Gymnasium Deutschland)
    Lachner wünscht sich ein vollständiges digitales Lehrmittel, das »alles liefert, was ich und die Schüler für den Ablauf des Unterrichts brauchen könnten«. Sie arbeitet mit einem Wiki, das aber kooperativer genutzt werden könnte. Traditionelle Schulbücher geben einen Ablauf vor, den Lachner als nicht sinnvoll für ihren Unterricht beurteilt.
  2. Beat Rüedi, simplenote (Musik, Sekundarschule Schweiz)
    Rüedi entwickelt seinen Beitrag kontinuierlich und in Auseinandersetzung mit anderen Musiklehrern. Im Moment findet sich erst eine Einleitung unter der angegebenen Adresse.
  3. Dejan Mihalovic, mihajlovicfreiburg.wordpress.com (Realschule, Freiburg Deutschland)
    Dejan sieht die Diskussion um digitale Schulbücher als Symptom eines Umbruchs, bei dem die Möglichkeiten getestet werden, alte Muster in eine neue kulturelle Welt einzubringen. Er macht praktische Vorschläge, wie Schulbuchverlage vorgehen könnten.
  4. Sebastian Müller, sbamueller.wordpress.com (Fachmann für jugendliche Beteiligung)
    Müller fordert die Verstaatlichung von Schulbüchern: Was mit staatlicher Bildung zusammenhängt, soll kein Vehikel für Profit sein. Zumindest müssten digitale Kopien von Schulbüchern öffentlich verfügbar sein.

Lobos Fake-Rezension: Ein Nachtrag

Heute wäre der Tag, an dem auf der Frankfurter Buchmesse Cybris von Carol Felt vorgestellt werden müsste – der Roman, den Sascha Lobo Ende September im Spiegel euphorisch besprochen hat. Seine Rezension, so mein Fazit damals, sei klar als Fake erkennbar und gleichwohl ein wichtiger Netztext.

Reaktionen anderer auf den Text blieben aus. Erst gestern publizierte Radio Berlin Brandenburg einen Beitrag von Anke Fink dazu. Dort wird Detektivarbeit geleistet:

Nur sind Zweifel angebracht. Obwohl Lobo in einem Video-Interview mit dem „Spiegel“-Autor Volker Weidermann das Buch real in den Händen hält, gibt es weder eine ISBN-Nummer, die Bücher in Deutschland nun mal zwingend brauchen, noch eine englische gedruckte Vorlage, die ja die Basis für das deutsche Buch sein müsste.


Lobo mit Cybris – Screenshot RBB

Heute zog im Handelsblatt  in der Medienmacher-Kolumne nach. Lobo lasse »eine kleine Bombe platzen«, schreibt er.

Lobo will mit der Aktion zeigen, dass selbst hanebüchener Blödsinn als solcher nicht weiter auffällt, sobald er in einem etablierten seriösen Medium erscheint.

Zu dieser Absicht stellt Renner kritische Fragen:

Dennoch hat sich bisher noch kein Medium so recht getraut, Lobos Rezension als das zu benennen, was sie ist: eine Fälschung. […] Liegt die Zurückhaltung tatsächlich daran, dass man einer Publikation der Marke „Spiegel“ mehr glaubt als anderen, insbesondere dann, wenn Autoritäten wie Weidermann und der selbst längst zum Kultur-Establishment zählende Lobo für ein frei erfundenes Stück wie die „Cybris“-Rezension bürgen? Vielleicht ist dem so. Möglicherweise fand aber auch der eine oder andere Journalist die Sache mit der ausgedachten Buchkritik einfach zu läppisch, um sich darüber zu echauffieren.

Wie ich meiner Rezension geschrieben habe, bin ich der Meinung, dass Renner wie auch Fink den zentralen Punkt verpassen. Das Rätsel, ob es das Buch gibt oder nicht, war nicht schwer zu lösen. Interessanter ist die Frage, was den wirklich die Absicht war. Zu zeigen, wie Medienmarken wirken, wäre allenfalls Gegenstand einer Schülerarbeit – zu zahlreich sind die Beispiele, dass das Publikum und der Betrieb etablierten Publikationen viel Falsches abkaufen, wenn es richtig präsentiert wird. Nur fand das hier ja gar nicht statt – es gab keine weiteren Rezensionen, aus bei Turi2.de keine Verweise auf die Lobo-Rezension. Das Echo blieb im kritischen wie im positiven Sinne aus.

Entscheidender scheint mir deshalb die größere Aussage des Lobo-Texts:

Die mehrfache Cyber-Hybris. Lobo attackiert mit seiner Rezension gleichzeitig den etablierten Feuilleton-Betrieb, dessen wichtigste Textsorte er persifliert, und die selbstgefälligen Kreise der digitalen Expertise, die jedes neue Phänomen im Netz zu analysieren verstehen und doch alle Entwicklung hilflos mitvollziehen.

Nachtrag:

Snapchat erklärt

Kürzlich habe ich bei Radio 24 kurz erklärt, was Snapchat ist und weshalb Jugendliche und Prominente die App verwenden (MP3 des Beitrags). Das möchte ich im Folgenden etwas ausführlicher tun. 

Social-Media-Plattformen lassen sich am besten vom Begriff der Affordances her erklären: Was machen sie einfacher, wozu laden sie ein (oder motivieren, verführen sie)? Wer sagt, Twitter sei kein sinnvolles Werkzeug, weil Nachrichten nur 140 Zeichen umfassen können, versteht das Konzept der Affordances nicht: 140 Zeichen sind gerade die Länge der Botschaften, die sich über Twitter ideal verbreiten und wahrnehmen lassen.

Snapchat ist so betrachtet ein Ersatz für die Kamera-App auf Smartphones. Wer einen Moment einfangen will, erstellt einen so genannten Snap – das kann ein Bild oder ein Video sein. Der Snap kann, so zeigen die Beispiele, mit einem Text-Banner, Freihandzeichnungen, Emojis und Filtern ergänzt und bearbeitet werden.

Snaps werden dann auf drei Arten verbreitet:

  1. Als Teil einer persönlichen Geschichte (»Meine Geschichte«) an alle Snapchat-Kontakte verbreitet – die Snaps bleiben so 24 Stunden erhalten und verschwinden dann. Auch ihre Urheberinnen oder Urheber können sie nicht mehr betrachten.
  2. Als persönliche Mitteilung verschickt – die ist dann nur wenige Sekunden sichtbar, kann aber unter Umständen mehrmals angeschaut werden (Snapchat arbeitet daran, solche Features kostenpflichtig anzubieten).
  3. Auf dem Smartphone gespeichert.
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Alle Bilder werden groß, wenn man draufklickt.

Snapchat funktioniert komplett visuell. Die Menus sind durch Wischen oder über kleine Icons erreichbar, für die Benutzung ist es aber nicht nötig, lesen zu können. Grundsätzlich gibt es drei Fenster oder Menus: Eines, um Snaps zu erstellen; eines, um persönliche Nachrichten zu verschicken und anzusehen und ein drittes, um Geschichten verwalten und lesen zu können.

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Das Hinzufügen von Kontakten funktioniert ähnlich wie bei Twitter asymmetrisch: Ich kann Usern folgen, die mir nicht folgen (und umgekehrt). Das »Adden« funktioniert ebenfalls visuell: Ein individuelles Geistsymbol bildet einen Snapcode, der es erlaubt, Kontakte ins Adressbuch aufzunehmen (wem das zu mühsam ist: Ich heiße auf Snapchat wie überall phwampfler).

Die Filter haben keine Namen, sondern werden über Wischbewegungen oder langes Drücken auf Gesichter aktiviert und an die Bilder angepasst. So gibt es Geschwindigkeitsmessanzeigen, Temperaturmessungen und Zeitangaben, die sich per Filter einblenden lassen. Und Heiligenscheine. (Versteckte Tricks werden hier beschrieben, eine Anleitung zu Bedeutung der Emojis, der Trophys und zur Verwendung der Filter findet sich hier).

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Der Appeal von Snapchat liegt in dieser stärkeren Visualisierung und im Fokus auf den spontanen Moment: Ähnlich wie bei persönlichen Gesprächen wird nichts aufgezeichnet – es sei denn, es macht sich jemand große Mühe, Snaps mitzuschneiden. Grundsätzlich ist es aber kaum üblich, Beiträge außerhalb des Programms zu bearbeiten, sie entstehen meist spontan.

Bei Geschichten verdichten sich einzelne Eindrücke zu Reportagen. So bieten Medienunternehmen eigene Snap-Kanäle an, Großveranstaltungen laden Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein, ihre Sicht per Snap in die Berichterstattung zu integrieren. Das sind die Gründe, die Snapchat auch zu einem wichtigen journalistischen Werkzeug machen.

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Die eigenen Geschichten lassen sich mit knappen Statistiken einordnen und gesamthaft archivieren.

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Digitale Bildung und Schulsozialisation

Studierende, die sich für den Lehrberuf interessieren, sind ein interessantes Studienobjekt: Man kann zeigen, dass ihre Vorstellungen in Bezug auf Mediennutzung stark von ihrer eigenen Erziehung geprägt sind und diese oft ihren eigenen Verhaltensweisen im Umgang mit Neuen Medien widersprechen (vgl. Arbeiten von Sven Kommer und Ralf Biermann). Kurz: Junge Lehrkräfte sind aufgrund ihrer eigenen Sozialisation oft nicht bereit, neue mediale Möglichkeiten im Unterricht einzusetzen, auch wenn sie dies selbst für ihre eigene Kommunikation tun.

Dieser Effekt betrifft digitale Bildung aus meiner Sicht auch auf einer anderen Ebene: Der grundsätzlichen Vorstellung, was Schule und schulisches Lernen bedeuten. Diese wird an Grundschulen mit großem Aufwand eingeübt. Konstanten: Unterricht im Klassenzimmer mit mäßigem Einsatz von Individualisierung, Lesen, Schreiben und generell Lernen erfolgen auf Papier, Leistungsmessung erfolgt in mehr oder weniger standardisierten, vorgegeben und einzeln zu erledigenden Prüfungen.

Werden Lernende auf einer späteren Schulstufen mit davon abweichenden Ideen konfrontiert, dann reagieren sie meist so, wie Schülerinnen und Schüler meiner Schule das kürzlich bei einem Besuch bei der Evangelischen Schule Berlin Zentrum getan haben: Könnten sie selbst bestimmen, was und wie sie lernen wollen, würden sie einfach nicht lernen, formulierten sie mit einer großen Selbstverständlichkeit. Lernen ist für sie klar fremdgesteuert und erfolgt unter pädagogischem Zwang. Die Schülerinnen der Berliner Schule nahmen das gelassen hin: In einem gewissen Alter, so die subtil versteckte Aussage, seien Kinder einfach verloren, wenn sie »normale« Schulen besuchten.

Das stimmt wohl: Digitales Lernen ist für mich direkt mit anderen Lernformen verbunden. Selbstgesteuertes, offenes, reflektiertes, freiwilliges und kollaboratives Lernen wäre das Ideal, das u.a. mit digitalen Mitteln erreicht werden soll. Nur braucht es dafür eine doppelten Aufwand: Diese Ideen und die dafür nötigen Tools müssen nicht nur eingeführt werden, sondern die Grundüberzeugung, wie Schule funktioniert, muss gleichzeitig neutralisiert werden. Bei Lernenden und Lehrenden. Man könnte zum Schluss kommen, dass vernünftige Projekte nur in der ersten Klasse beginnen sollten.

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Quelle: SZ

[Rezension] Digitale Kompetenz

Werner Hartmann und Alois Hundertpfund haben ein wichtiges Buch geschrieben. Oder müsste man sagen: Sie haben eine hilfreiche Webseite aufgesetzt? So lesenswert »Digitale Kompetenz« ist, so hilfreich ist das Begleitmaterial auf digitalekompetenz.ch. Beide gehen von derselben Liste von Kompetenzen aus, mit der die Lehrkräfte und Schulen dabei begleiten wollen, die »Werkzeuge der Vergangenheit« wegzulegen.

Das Buch soll Mut machen, eine aktive Rolle einzunehmen, indem es aufzeigt, dass grundlegende Konzepte sowohl im Umgang mit Informationen und Wissen als auch beim Kommunizieren und beim Kooperieren in einer digital geprägten Gesellschaft weiterhin gültig sind. (S. 7)

Diese Kompetenzen denken die Autoren nie – so der gängige Vorwurf in der didaktischen Diskussion über Kompetenzen – als theoretische Konzepte, sondern führen praktisch vor Augen, was sie bedeuten. Deshalb gehören Webseite und Buch untrennbar zusammen: Wer sich als Lehrerin oder Lehrer ernsthaft mit dem Programm von Hartmann und Hunderpfund auseinandersetzen möchte, kommt nicht umhin, die Tools, welche die Webseite sammelt, zu prüfen und einzusetzen.

Bevor ich das an einem Beispiel zeige, möchte ich die Kompetenzen kurz auflisten und kommentieren.

  1. Information und Wissen: Verwesentlichung
  2. Soziale Intelligenz und Verständigung
  3. Kritisches und flexibles Denken
  4. Umgang mit kultureller und sozialer Heterogenität
  5. Abstraktion und Modellbildung
  6. Nutzung digitaler Werkzeuge
  7. Rollenbilder privat, beruflich und öffentlich
  8. Kreatives, produktives Denken
  9. Informelles und selbst­bestimmtes Lernen
  10. Virtuelle Zusammenarbeit

Die Autoren – so sieht man auf den ersten Blick – erfinden hier nichts. Sie gehen in klaren und knappen Abschnitten von der aktuellen Realität der Schulen an der Sekundarstufe II aus und begründen die beschriebenen Kompetenzen mit den Anforderungen der Berufswelt, der Gesellschaft und der Forschung. So zeigen sie beispielsweise, dass Abstraktion und Modellbildung wesentliche Aufgaben der medizinischen Forschung sind, dass politische Kommunikation kritisches Denken in besonderem Maße braucht, weil Profis Medien zunehmend instrumentalisieren und dass eine Reflexion von Rollenbilder für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben unabdingbar ist. Ethische Überlegungen sind in jedem Abschnitt präsent: Es wird bei der Lektüre deutlich, dass den Autoren daran gelegen ist, die Urteilsfähigkeit und Eigenständigkeit von Lernenden zu fördern.

Wer also erwartet, Tools wie Apps, Webseiten oder Programme vorgestellt und erklärt zu bekommen, wird enttäuscht. Die Kompetenzen, die Hartmann und Hundertpfund vorstellen, sind so breit gedacht, dass sie nicht im eigentlichen Sinn »digitale« sind, sondern sich lediglich auf das Leben, Denken, Lernen und Arbeiten unter den Bedingungen der Digitalisierung beziehen.

Die einzelnen Kapitel sind für sich alleine lesbar, eine Lehrkraft bewältigt ein Kapitel in einer halben Stunde gut – meine Empfehlung wäre, das Buch im Kollegium während eines Semesters zu lesen und jede Woche etwas davon im Unterricht auszuprobieren. Die einzelnen Kapitel sind mit Fragen gegliedert:

  • Was heißt das für die Schule?
  • Wie macht die Schule das?
  • Was muss ich wissen und können?

Dazu gesellen sich eine Reihe praxisbezogener Beispiele, die als offene Anregungen Lehrkräften Raum lassen, eigene Projekte und Ideen zu den einzelnen Themenbereichen zu entwickeln. Die Zielgruppe umfasst dabei den Lehrkörper von Berufsschulen genau so wie den von Gymnasien – die Beispiele beziehen sich auf alle Fachbereiche gleichermaßen.

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Einfache, aber sinnvolle Grafiken illustrieren die Ausführungen. So liest sich das Buch – genau so wie die Webseite – sehr angenehm.

Abschließend möchte ich auf ein für mich herausragendes Kapitel etwas genauer eingehen: Es widmet sich der Kompetenz »Kreatives, produktives Denken«. In der Einleitung wird deutlich gemacht, dass Kreativität nur unter individuell unterschiedlichen Voraussetzungen entsteht und beschränkt lehrbar ist. Sie ist an eine Fehlerkultur gebunden, nicht immer professionell und gerade durch die Komplexität der digitalen Information bedroht. In der Frage, was digitale Kreativität für die Schule bedeute, kommen die Autoren schnell auf die Leistungsmessung zu sprechen, die mit digitalen Werkzeugen häufig Kreativität durch Standardisierung einschränkt.

In der Schule darf es nicht nur um das Lösen von Aufgaben und Problemen gehen, deren Lösungen die Lehrpersonen in aller Regel bereits kennen. Dem Gestalten eigener Lerngelegenheiten muss genügend Platz eingeräumt werden. Dabei darf die Schule eine Einbuße an Perfektion in Kauf nehmen. (S. 220)

An diese Beispiele schließen praktische Vorschläge an: An Schulen Lernenden wie bei Google Zeit zu geben, eigene Projekte zu entwickeln, bei Physikprüfungen alle Hilfsmittel zuzulassen, dann aber praktische Probleme als Aufgaben zu stellen (»Wie kann eine einzelne Person einen außergewöhnlich schweren Bauernschrank auf einem Fussboden verschieben?«) oder im Deutschunterricht einen Essay zu einem Thema schrieben zu lassen, das sich in den gängigen Internetquellen zu Werther nicht findet.

Das Buch gehört in jede Schulbibliothek und sollte von jeder Lehrperson, die an Berufsschulen oder an Gymnasien unterrichtet, bis zum nächsten Sommer gelesen werden. Wie gesagt: Lese- und Experimentiergruppen bieten sich an! Das Buch erscheint bei HEP und kann aus der Schweiz hier, aus Deutschland und Österreich hier bestellt werden.

Lobos Fake-Rezension ist der Netztext des Jahres – eine Würdigung

Ungefähr wie jemand mit einem Hammer in allen Problemen einen Nagel sieht, möchten Buchleute unbedingt ein Buch, das ihnen die Welt erklärt. Zehntausend kluge, erkenntnissatte, sogar unterhaltsame Artikel reichen nicht, es muss ein Buch sein. Und zwar möglichst ein erzählender Roman und kein schnöde analysierendes Sachbuch. Sterne beobachtet man ja auch am besten, indem man knapp danebenschaut.

Mit dieser Bemerkung leitet Sascha Lobo eine Rezension von Carol Felts Roman »Cybris« ein. Der Titel, so Lobo, sei eine »schlichte Mischung aus ‚Cyber‘ und ‚Hybris’«. Damit ist das Thema vorgegeben: Die mehrfache Cyber-Hybris. Lobo attackiert mit seiner Rezension gleichzeitig den etablierten Feuilleton-Betrieb, dessen wichtigste Textsorte er persifliert, und die selbstgefälligen Kreise der digitalen Expertise, die jedes neue Phänomen im Netz zu analysieren verstehen und doch alle Entwicklung hilflos mitvollziehen.

Die meisten können ein paar Schlagworte zu sinnvoll scheinenden Sätzen verbinden, um sich das Nicken der restlichen Ahnungsloseria abzuholen. Aber ein tieferes Verständnis dafür, was zur Hölle eigentlich passiert, fehlt. Und zwar wahrscheinlich allen, jedenfalls allen, die sich öffentlich äußern (mir wohl auch).

Die Pointe der Rezension: Es gibt weder Carol Felt noch ihren Roman. Zwar gibt es sowohl den Twitter-Account, auf den Lobo verweist – »Sie twittert unter @carol_felt1 wie eine Gestörte, die so tut, als würde sie die Gestörte nur spielen. Wer soll das alles glauben?« -, als auch eine Webseite des Verlags (»Verlag der Illusionen«).

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Liest man dort weiter, geht einem schnell ein Licht auf: Felt hat im September mit ihren Twitter-Aktivitäten begonnen, der Verlag gibt gerade das erste Buch heraus. Er sucht im Netz nach »Rohdiamanten«, veröffentlicht sie aber nur als »Buchwerke«:

Amazon ist böse und zerstört die Buchkultur. Autoren, deren Werke über Amazon vertrieben werden, interessieren uns nicht.

Twitter, Homepage und die Print-Rezension ergeben ein performatives Gesamtkunstwerk. Es stellt den Leser oder die Leserin – Felts »icherzählende Person« kann keinem Geschlecht zugeordnet werden – vor einen Kompetenztest, lässt ihn ein Rätsel lösen. Wenn Lobo schreibt, Felt töte »ausnahmslos jedes einzelne Zitat« und das im Detail beschreibt, dann tut er das nicht nur selbst, sondern tötet den ohnehin toten Roman, die tote Rezension und den toten Hyperlink gleich auch noch einmal mit.

Beinahe hätte ich mich zu der Dummheit hinreißen lassen, die ich erst jetzt als Dummheit erkannt habe, nämlich öffentlich zu behaupten, dass man den großen Digitalroman gar nicht schreiben könne. Jedenfalls nicht als Roman. Um ein Haar hätte ich behauptet, dass irgendwann sicherlich ein Computerspiel herauskäme, „GTA 12 Detroit“ oder so, das irgendwie alles begreifbar machen könne – aber doch kein Roman.

Man könnte leicht denken, dass es im Kern nur um diese Aussage gehe: Zu zeigen, dass die Zeit der Romans abgelaufen und die Zeit der digitalen Kunst gekommen sei. Aber so wenig es etwas nützt, »ein Jahr in einem Google-Server zu wohnen«, so leer ist auch die Hoffnung, das Problem werde begreifbar. Leere Verweise wie die Lobo-Rezension werden noch Jahre hinter Paywalls gepackt und über Blendle und andere Heilsbringer wieder ins Netz überführt (wenn jemand eine Privatkopie der Rezension möchte, kann ich die per Mail verschicken). Dort werden dann Debatten in »kluge, erkenntnissatte, sogar unterhaltsame Artikel[n]« geführt, die allerdings nur sagen werden, dass alles »ganz anders [ist] als man denkt. Natürlich ganz anders.« Es spielt keine Rolle mehr, ob es die Bücher, die man bespricht, überhaupt gibt, ob Verlage Bücher übersetzen, lektorieren, oder nur so tun (»Keine_r unserer Autor_innen spricht auch nur eine Silbe deutsch, was die Ausübung der Texthoheit durch uns enorm vereinfacht.«).

Lobos Text ist großartig, weil mit uns das macht, was die digitale und analoge Debatte tun – und uns doch rauslocken möchte, im Wissen darum, dass es da draußen gar nichts gibt. Er überschreitet die Grenzen, indem er einen Netz-Text im Print-Spiegel platziert, der erst im Netz seine Wirkung entfalten könnte (und damit sofort verlieren würde.) Wie der Verlag der Illusionen bedarf jede heute von digitalisierten Prozessen unabhängige Position der Finanzierung durch eine »nicht genannt werden wollende, private Stiftung im Hintergrund«. Und wie Lobo als Marke unverwechselbar auftritt, aber von einem Netzwerk kluger Personen getragen wird, stecken wohl auch hinter seinem Projekt ganz viele schlaue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Ein moralisches Dilemma: AdBlocker

Nein, iOS 9 habe ich auf meinem Gerät noch nicht installiert. Gleichwohl lenkt es die Gedanken wieder einmal auf das Thema der AdBlocker, die auch bei mir seit Jahren dazu führen, dass Webseiten schneller laden und schöner aussehen. Bildschirmfoto 2015-09-18 um 13.52.58

Ein Beispiel – links meine Ansicht von tagi.ch in Chrome mit AdBlockern, rechts die Safari-Ansicht ohne.

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Links Chrome mit AdBlockern, rechts Safari ohne.

Neu macht Apple die AdBlock-Erfahrung auch auf mobilen Geräten verfügbar – für Android gibt es solche Tools schon länger.

Die Entscheidung, AdBlocker einzusetzen, ist aus einer Konsumentensicht einfach: Anzeigen sind unangenehm und stören die Informationsverarbeitung. Sie wegzufiltern führt zu weniger Ablenkung und einer besseren Erfahrung im Umgang mit Informationen.

Diese Argumente kann man noch stärken, indem man generell jedem Menschen ein Recht auf die Steuerung der Wahrnehmung zuschreibt. Oder darauf hinweist, dass ein Geschäftsmodell letztlich nicht selbstverständlich ist und neue gesellschaftliche und technologische Bedingungen andere wirtschaftliche Möglichkeiten hervorbringen.

Aus der Perspektive des Journalismus stellt sich die Frage, ob AdBlocker nicht schlicht die Abmachung verletzen, dass Inhalte zwar gratis verfügbar sind, aber durch Werbung finanziert werden. Warum sollten User verhindern wollen, dass die Redaktionen ein Einkommen erzielen können?

Auch dieses Argument lässt sich verfeinern: Die Weigerung, sich Anzeigen einblenden zu lassen, bedeutet letztlich, dass Redaktionen technische Lösungen finden müssen, um Anzeigen so clever mit ihrem Angebot zu vermischen, dass ein Filtern schwierig oder unmöglich wird. Unbeholfene Vorgehensweisen wie die der Washington Post, welche User mit AdBlocker zu einer Newsletter-Anmeldung zwingt, oder flehende Bitten, den AdBlocker doch für die eigene Seite auszuschalten, wie sie The Atlantic vorbringt, werden bald von einer Flut von Native Ads und anderen Experimenten abgelöst.

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Davon werden enorme Ressourcen verschlungen: Die ohnehin dünn besetzten Redaktionen werden sich nicht um eine Vermittlung der Realität bemühen, sondern nach Ideen suchen, wie sie diese finanzieren können. Der etablierte Weg, diese wichtige Arbeit durch Anzeigen zu bezahlen, wäre aus dieser Sicht vernünftiger. Leiden werden letztlich die kleinen und technikfernen Akteure: Apple, Google und Facebook werden Wege finden, Anzeigen anzuzeigen und mit Daten Geld zu verdienen. Zeitungsredaktionen wahrscheinlich nicht.

Letztlich findet die Entscheidung aber nicht auf dieser theoretischen Ebene statt. AdBlocking findet im Alltag graduell statt: Wir gehen bei Fernsehwerbung auf die Toilette, überblättern die ersten fünf Seiten von Magazinen und lesen was auf dem Smartphone, statt Plakate zu rezipieren. Und doch wirkt Werbung. So sollte es wohl auch im Netz sein: Was zu laut und zu lang ist, darf ausgeblendet werden – alles andere hat eine Funktion und nützt wohl mehr, als dass es schadet. Die radikalen Positionen bringen uns nicht weiter – also die hämische Freude über die Möglichkeit des Filterns und die »Disruption« des Journalismus‘ wie absolute moralische Appelle an die Verantwortung von Leserinnen und Lesern.

Ich persönlich arbeite mit Whitelists und füge Ausnahmen für die Webseiten hinzu, bei denen die Anzeigen erträglich sind.

Wie immer findet @swiftonsecurity den humorvollen Zugang zum Thema:

https://twitter.com/swiftonsecurity/status/644661178220703744