Anleitung: Snapchat-Protokolle

Vor einer Woche musste ich eine Diskussion mit über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern leiten. Die Besprechung war informell, ein Protokoll wurde nicht explizit benötigt. Ich gab mein Handy mit Snapchat-App an eine Schülerin und einen Schüler, welche die Veranstaltung mit Snapchat protokolliert. Im Folgenden eine Anleitung, wie ein solches Protokoll funktioniert – und eine Reflexion: Was leistet Snapchat als Protokoll-Tool? 

* * *

Anleitung

  1. Datenschutzbedenken im Folgenden nur dann vorbringen, wenn sie mit der Sache selbst etwas zu tun haben. Snapchat speichert Daten. Es macht Dinge sichtbar. Dienen sie dazu, neue Erfahrungen zu verunmöglichen, weil man die alten so sehr mag, ist diese Anleitung wohl nicht hilfreich.
  2. Verstehen, wie Snapchat funktioniert – am besten, indem man damit erste Erfahrungen sammelt. (Ich heiße phwampfler und antworte bzw. helfe gerne.)
  3. Einen installierten Account bei der Veranstaltung dabei haben und den Account-Namen an die An- bzw. Abwesenden kommunizieren. (Snapchat erlaubt auch, Account über Geo-Lokalisierung oder Bilder hinzuzufügen, wenn nicht alle schreiben/lesen können.)
  4. Die Protokollierenden sollten recht schnell Bilder/Videos machen und in kurzen Notizen dazuschreiben, was gesagt oder beschlossen worden ist.
  5. Keine Spielereien, keine Filter (damit das schneller geht). Grundeinstellung 10 Sekunden.
  6. Alles in »Meine Geschichte« / »my story« posten.
  7. Am Schluss der Veranstaltung diese Geschichte archivieren. Snapchat macht daraus ein Filmfile.
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Auszug aus einem Snapchat-Protokoll. Film mit ezgif in gif umgewandelt.

Reflexion

Ich habe schon hunderte von Seiten mit Protokollen gefüllt. Die Textsorte wird schlecht gelesen – meist interessieren nur ganz verbindliche Punkte oder das Wording von polemischen Diskussion (zum Weiterführen einer Polemik). Andere Aspekte von Protokollen verschwinden meist im kollektiven Vergessen. Daher tut dem Format eine Auffrischung gut.

Snapchat ist aus meiner Sicht eine ideale Mischung zwischen Streaming, Bild und Text. Bilder werden in Protokollen stark unterschätzt – an der Veranstaltung habe ich beispielsweise Umfragen mit Socrative gemacht, die bei Snapchat gut dokumentiert werden können. Auch Texte könnten gut ausschnittweise als im Protokoll sichtbar gemacht werden. Streaming leistet keine Verdichtung, transportiert aber Stimmungen und erfolgt live – ohne zeitliche Verzögerung. Und Text kann erklären und kontextualisieren. Aber ist eben nicht für alle Menschen gleich zugänglich. Snapchat-Protokolle kann man auch im Kindergarten anfertigen, mit Menschen, die nicht alle dieselbe Sprache sprechen etc.

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Ein Snapchat-Protokoll würde idealerweise kollaborativ erstellt. An Großveranstaltungen wie Football-Spielen sieht man gleichsam ein Crowd-Protokoll: Das wäre mein ideales Vorgehen.

Warum Digital Detox Nonsense von Privilegierten ist

Jeroen Van Rooijen ist »Stilexperte«. Als solcher hat er z.B. eine starke Meinung dazu, wie Lehrpersonen gekleidet werden sollen. Wer es nicht ahnt: Ich teile seine Meinung nicht. Aus meiner Sicht ist es geboten, den Handlungsspielraum von Menschen stets zu erhöhen. Stilvorgaben schränken ihn ein.

In diese Diskussion passt Van Rooijens Manifest für eine digitale Entgiftung: Digital Detox – A Manifesto. Er leitet es mit dieser Überlegung ein:

Im Papierkorb liegen 250 Nachrichten, die im letzten Monat ankamen […] Eine E-mail anständig zu beantworten kostet mich fünf Minuten Zeit, das wären also 150 Minuten, die heute gefordert wären – zweieinhalb Stunden! Das würde heissen, dass ich zu einem Drittel meiner möglichen Arbeitszeit nur kommunizieren müsste – dabei hätte ich noch keine Zeile geschrieben resp. etwas produziert, das für mich auch Ertrag abwirft. Für mich ist das keine Option. Ich will nicht mehr als anderthalb Stunden am Tag e-mailen.

Die Haltung, dass E-Mail nichts Geschriebenes oder ihr Schreiben keinen Ertrag abwerfe, ist für mich grundsätzlich schon eimal widersprüchlich und seltsam. Es sei Van Rooijen zugestanden, sein Leben so zu gestalten, wie er sich das wünscht. Aber auch mit 90 Minuten E-Mail-Schreiben pro Tag müssten 250 Nachrichten pro Monat zu beantworten sein, könnte man denken.

Aber die Digital-Detox-Idee dreht sich nicht lediglich um E-Mails: In der digitalen Sphäre sei, als »würde man sich den ganzen Tag vor dem Spiegel bewundern.« Der Stilexperte hat deshalb sein Umfeld informiert, er würde sich digital zurückziehen und ein Sabbatical eingelegt. Nun sei er »aber wieder fähig, ohne das Gerät aus dem Haus zu gehen«.

Es ist wie eine milde Form von Alkoholismus. Man spielt sie herunter. Deshalb muss man sich Regeln im Umgang mit Digitalem auferlegen. Sonst frisst dieses Monster einen auf. Ich hatte für die Entwöhnung ein Jahr eingeplant, werde aber noch lange benötigen, bis ich clean bin.

Diese Pathologisierung der Kommunikation ist es, was mich an dieser Haltung besonders stört: Eine bestimmte Form von Kommunikation wird zu einem Gift hochstilisiert, zu einer Krankheit, einer Sucht. Zudem sei sie unecht – während der Auszeit habe Van Rooijen nämlich »mit realen Menschen« zu tun gehabt und »wirkliche Freundschaften« aufgebaut.

Dieser digitale Dualismus macht aus der ganzen Detox-Mission ein verunglücktes gedankliches Konstrukt. Auch persönliche Gespräche verkleben uns in gewissen Situationen das Hirn, »eine Krake mit zwölf Köpfen«, deren Nachrichten man nicht so schnell beantworten könne, wie neue reinkommen, sind für mich Rechnungen im Briefkasten, der Small-Talk im Bus, Telefongespräche, forcierte Diskussionen am Arbeitsplatz etc.

Immerhin sieht Van Rooijen ein, dass es sich um die Gedanken einer privilegierten Minderheit handelt:

Luxus ist, wenn man es sich leisten kann, nicht erreichbar zu sein.

No shit. Deshalb sei es einem Stilexperten, der sich eine Auszeit leisten kann, um sich zu überlegen, wie er an »gut bezahlte« Aufträge kommt, nachgesehen, dass er ein falsches und widersprüchliches Konzept propagiert. Aber zu bedauern ist es, dass er anderen Menschen suggeriert, sie seien krank, weil sie mit ihren Mitmenschen im Kontakt bleiben müssen. Menschen brauchen Freiheit, Freizeit, Ferien. Keine Entgiftung.

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»Was bringen digitale Medien?« -> »Wie bringen digitale Medien was?« 

Gestern Morgen nahm ich an einem Schulgespräch teil. Sich Zeit zu nehmen, damit Lehrende und Lernende gemeinsam besprechen können, wie es an einer Schule läuft, ist eine sehr sinnvolle Sache. Ich habe eine größere Diskussion moderiert und dabei Socrative als Stimmungsbildmesser und Snapchat als Tool für Protokolle ausprobiert. 

Bei einer Diskussion unter Lehrpersonen wurde die Frage aufgeworfen, ob denn digitale Werkzeuge (also etwa Tablets oder Notebooks) überhaupt etwas brächten. Gemeint war: Dabei helfen, dass ein Lernzuwachs entsteht. Schnell entstand eine Sammlung von didaktischen Techniken, bei denen der Einsatz dieser Werkzeuge nichts bringt: Arbeit im Labor, Klassengespräch, Anfertigung von Notizen mit Diagrammen usw.

Diese Einsichten braucht es. Ja, digitale Hilfsmittel setzen keine magischen didaktischen Kräfte frei, die alles leichter machen. Aber führt man diese Diskussion immer und immer wieder, wird sie lähmend. »Bringen digitale Medien wirklich etwas für die Unterrichtsqualität?« ist deshalb für mich eine Frage, die man ersetzen kann: »Wie bringen digitale Medien etwas für die Unterrichtsqualität?«

Fragt man so, wird der Blick auf Potentiale gelenkt. Dass erfahrene Lehrkräfte mit einfachen Mitteln ganz vieles können, wozu sie keine Unterstützung brauchen, leuchtet mir ein. Ich will auch niemanden zu irgendwas zwingen (erstaunlich, dass ich das immer wieder sagen muss). Aber die Smartphones sind dabei, die Tablets nun auch.

Quelle: SZ
Quelle: SZ

Privatsphäre: Ein Grundrecht?

Gestern habe ich an der FH St. Gallen die zugespitzte Position eingenommen, Privatsphärenprobleme werden überbewertet, weil sie erstens den Blick weg von politischen Problemen lösen, die via Privatsphärendiskussion an Individuen ausgelagert werden, und weil sie zweitens von falschen Vorstellungen ausgehen: Daten entstehen gesellschaftlich und gehören nicht Individuen, Privatsphäre ist kein Recht, sondern ein Privileg.

Darauf gab es vor allem via Facebook Kritik an meiner Position, auf die ich kurz eingehen möchte. Zusammenfassend kann man die Kritik in zwei Hauptaspekte aufteilen: Einen existenziellen und einen rechtlichen.

Der Reihe nach:

Privatsphäre als existenzielle Notwendigkeit

In einem WoZ-Interview formulierte Juli Zeh diesen Gedankengang wie folgt:

Entwicklungsbiografisch beginnt der Mensch, sich in dem Moment als eigenes Subjekt, als in sich geschlossenes, abgegrenztes Wesen zu betrachten, zu dem er «Ich» sagt, wenn er es schafft, Geheimnisse zu haben. Also wenn das Kind anfängt, Dinge zu verstecken, wenn es den Eltern den Zutritt zu bestimmten Räumen verwehrt, wenn es Grenzen zieht: Wer darf was wissen? Sobald man sagen kann: «Das dürft ihr nicht wissen, das ist meins», wird man ein «Ich».

Meine Forderung, gesellschaftliche Probleme auf einer politischen Ebene zu lösen, statt den Blick auf Scheinprobleme im Umgang mit der Privatsphäre zu lösen, betrifft meiner Meinung nach diese Ebene gar nicht. Auch im Zeitalter der Digitalisierung entsteht nie die totale Transparenz: Wer viele Informationen über sich veröffentlicht, schafft Raum für neue Lücken. Gerade Jugendliche, die Social Media aktiv nutzen, haben ein sehr starkes Bewusstsein für Informationsflüsse. Es ist ihnen bewusst, wer was (nicht) sehen kann, was publiziert wird und was nicht. Ein lockerer Umgang mit Privatsphärenproblemen ist nicht gleichzusetzen mit totalitärer Kontrolle. Wer Google seine Bewegungsprofile übermittelt, bejaht damit weder eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit noch eine lückenlose Überwachung. Sondern schafft vielleicht ganz bewusst auch Fenster, in denen das Handy nicht dabei ist und niemand weiß, wo man sich befindet.

Privatsphäre als Recht

 

Privatsphäre ist ein Grund- und Menschenrecht.

1 Jede Person hat Anspruch auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, ihrer Wohnung sowie ihres Brief-, Post- und Fernmeldeverkehrs.
2 Jede Person hat Anspruch auf Schutz vor Missbrauch ihrer persönlichen Daten.
(Art. 13 BV)

Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, sein Heim oder seinen Briefwechsel noch Angriffen auf seine Ehre und seinen Beruf ausgesetzt werden. Jeder Mensch hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen derartige Eingriffe oder Anschläge.
(Art. 12 AEM)

Die Realität steht im Widerspruch dazu. In der Schweiz ist niemand ohne genügend Geld, Einfluss oder Rechtsschutz davor geschützt, Opfer einer üblen Pressekampagne zu werden. Kommunikationsflüsse werden von Unternehmen und staatlichen Organen überwacht. Massen-DNA-Tests sind legal. Die Aufzählung könnte weitergehen, das Fazit bliebe gleich: Das Grundrecht ist theoretischer Natur. Es wird im Moment weder staatlich noch wirtschaftlich geschützt.

Meine Haltung ist nicht, dass wir dieses Grundrecht aufgeben sollten. Sondern wie stark wir seinen Schutz einfordern sollen, wenn klar ist, dass mittelfristig undenkbar ist, dass massive Verstöße gegen dieses Grundrecht verhindert werden können. Meine Position rechtfertigt keine Verstöße, sondern fragt pragmatisch danach, wie die Gesellschaft und Individuen ganz allgemein besser geschützt werden können. Meiner Meinung nach nicht, indem Individuen aufgefordert werden, wirkungslose Dienste zu abonnieren, Strategien zu entwickeln oder ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie Google oder FB verwenden.

Society6
Quelle: Society6

Privatsphäre – ein Diskussionsbeitrag

Heute darf ich meine Haltung zur Privatsphäre am Social Informatics Day der FH St. Gallen vorstellen. Meine Hauptargumente vorab in einer kurzen Notiz. Ich bin dabei gehalten, eine Position zu vertreten – deshalb sind meine Aussagen selektiv und pointiert formuliert. 

* * * 

Privatsphäre ist das Privileg, einen Teil des Informationsflusses kontrollieren zu können. Wäre es ein Recht, müsste wir es Jugendlichen, technisch Unbedarften, Verdächtigen oder Menschen ohne anwaltliche Beratung gleichermaßen zugestehen. Das tun wir aber nicht. Wird der Bankmanager verurteilt, Prostituierte sexuell missbraucht zu haben, steht sein Name nicht in der Zeitung. Entkleidet sich eine Gemeindeangestellte in einem geschlossenen Internetforum, stellt sie der Blick in einer Kampagne an den Pranger. Wer Moneyhouse oder Rechercheprofis gut genug bezahlt, findet über Mitmenschen Dinge heraus, von denen sie nicht wissen, dass sie öffentlich sind.

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Der Irrglaube, Daten oder Informationen verhielten sich ähnlich wie Eigentum, ist weit verbreitet. Es gibt keine Daten, die mir gehören. Es gibt solche, die ich messen und speichern kann, solche, die ich vergesse, erinnere, abrufe. Aber gehören tun sie mir nicht, weil die meisten Daten in sozialen Prozessen entstehen: Andere nehmen mich wahr, speichern und erinnern anderes als ich. Mit ihren Geräten fällt ihnen das oft leichter. Will ich hier die Kontrolle über den Informationsfluss behalten, dann schränke ich andere dabei ein, die Informationen fließen zu lassen. Dieser Konflikt lässt sich nicht einfach auflösen. Verfügbare Informationen sind gesellschaftlich meist besser als geheime. Das zeigt ein Blick auf die Geschichte der Schweiz: Die starke Idee, vieles gehe niemanden etwas an, ist der Grund dafür, weshalb die Schweiz politisch und ökonomisch von einer enormen Intransparenz geprägt ist. Der Skandal, dass die Schweizer Politik von Geldströmen unbekannter Herkunft gesteuert wird, ist eng verflochten mit einer großen Bedeutung der Privatsphäre.

Diese anderen, die meine Daten wollen, sind böse – so denken wir zumindest oft. Es sind Großkonzerne oder Geheimdienste, denen das Wohl der Menschen egal sei. Versicherungen nutzen »unsere« Daten gegen uns – so das Lieblingsbeispiel der Datenschutzlobby. Das Problem sind dabei nicht die Daten, sondern der Zerfall der Solidarität. Der fehlende Versicherungsschutz für Schwache. Das Aushebeln von rechtsstaatlichen Prinzipien. Diese Probleme löst die Datenschutzdebatte nicht.

Im Gegenteil: Sie lenkt den Blick weg von politischer Verantwortung und nimmt Individuen in die Pflicht. Wer Facebook oder Google nutzt, tut das heute meist mit schlechtem Gewissen. Welche Informationen unsere Smartphones weitergeben, können nur noch gut gebildete Profis kontrollieren. Zu meinen, die illegalen Praktiken von Geheimdiensten oder die unmoralischen Geschäftsmodelle großer Firmen seien auf mangelnden Schutz der Privatsphäre zurückzuführen, ist mehr als naiv.

»Wenn du deine Bilder mit Geotags ins Netz stellst, wissen Einbrecherinnen und Einbrecher, wann deine Wohnung leer steht.« Wer hier denkt, die Geotags seien das Problem, irrt sich. Das Problem sind die Einbrüche.

Eine solidarische Gesellschaft sichert allen gleiche Rechte zu, stellt aber auch allen die nötigen Informationen zur Verfügung, um Entscheidungen zu treffen. Sie schützt Individuen gegen staatliche Akteuere und Unternehmen. Dabei schadet der Fokus auf Privatsphäre mehr, als er nützt.

Fake – »but it’s so real«!

This is an Instagram post that was eventually revealed to be fake, but it’s so real.

Dieses Zitat aus einem Artikel einer amerikanischen Sport-Website fasst ein Phänomen zusammen, das in sozialen Medien Alltag geworden ist: Bilder, Texte und Videos werden auch dann verbreitet, wenn die Vermutung oder der Nachweis nahliegend sind, dass sie nicht das darstellen, was sie vorgeben darzustellen. #fakebutsoreal

In meiner Sisyphus-Mission, das Netz täglich durch meine Kommentare ein wenig zu verbessern, weise ich in Kommentaren oft auf solche Beiträge hin. Die Antworten gleichen sich: »kann schon ein Fake sein, trotzdem cool« / »ist doch egal, ob das stimmt – Hauptsache es ist lustig« / »du hast recht, aber das zeigt trotzdem gut, dass…«.

So zeigen die Selfie-Girls, wie narzisstisch die heutige Jugend ist – obwohl sie lediglich dem Aufruf nachkamen, während eines Baseball-Spiels Selfies zu machen und an einem Wettbewerb teilzunehmen.

Es spricht nichts dagegen, eine kulturelle Analyse mit erfundenen Beispielen zu unterfüttern. Aber die »fake but so real«-Beispiele entwickeln eine Kraft gerade deswegen, weil sie erfunden sind. Ihre argumentative Stärke liegt darin, dass die Realität keine solchen Fälle hergibt – und sie deshalb erfunden werden. So werden Haltungen bestärkt, die vielleicht in einer abgeschwächten Form nicht ganz falsch sind. Das scheint mir gefährlich.

Nehmen wir zum Schluss das Smartphone-Fotoprojekt von Eric Pickersgill. Bei »Removed« zeigt er uns Situationen, in denen er die Smartphones aus den Händen von Menschen entfernt, um »their stare« zu dokumentieren. Wir scheinen also uns dabei zusehen zu können, wie wir auf Smartphones starren. In Kommentaren ist von leeren Blicken, Zombies etc. die Rede. Nur: Diese Blicke gibt es nur in dieser Inszenierung. Pickersgill zeigt uns ein Phänomen, das er selbst inszeniert. Er beobachtet nicht eine Umwelt, er schafft eine.

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Und so zeigen uns all die »fake but so real«-Posts eine Welt, die unsere Meinungen über unsere Umwelt perfekt belegt. Deshalb sind sie ja »so real«. Und wir vergessen gerne, wie »fake« sie sind.

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Schulbücher 2015 – Aufruf zur Blogparade #schulbuch2015

Am Anfang dieses Aufrufs steht ein Tweet im Rahmen des letzten #edchatde-Gesprächs:

https://twitter.com/dejanfreiburg/status/656583341341351936

Hat das Internet alle Schulbücher ersetzt – digitale wie analoge gleichermaßen? Oder hat das Schulbuch als »Landkarte«, wie Martin Lindner das formuliert hat, weiterhin eine wichtige Funktion für Lernende? War das Schulbuch schon immer mehr ein Lehrerbuch, das Themen- und Textauswahl erleichtert hat, für die Schülerinnen und Schüler aber keinen Mehrwert geboten hat?

Diese Fragen skizzieren den Rahmen dessen, was im Rahmen einer Blogparade diskutiert werden soll. Gesucht sind konkrete Beispiele: Wie setzen Lehrerinnen und Lehrer Schulbücher 2015 ein? Wie nutzen Schülerinnen und Schüler diese? Welche Funktionen übernehmen sie, was können digitale Angebote übernehmen, was nicht? Ich wünsche mir viele Perspektiven (auch die von Eltern beispielsweise, aber selbstverständlich die von Lehrenden- und Lernenden, Schulbuchautorinnen und -autoren, Verlagen), viele Fächer, viele verschiedene Schulbücher. Ich selber werde mich auch beteiligen und unterhalb des Beitragsbildes alle Beiträge mit einem kurzen Kommentar verlinken. Deshalb ist es sinnvoll, wenn ich die Links zu allen Beiträgen erhalte – z.B. als Kommentar unter diesem Artikel, als Hinweis bei Twitter oder Facebook oder per Mail. Als Zeitrahmen schlage ich das verbleibende Kalenderjahr vor.

Die Aktion kriegt einen Hashtag: #schulbuch2015

Im Namen all derer, die an der Idee beteiligt waren – Dejan Mihailović, Urs Henning, Martin Lindner, Maik Riecken – freue ich mich, wenn der Aufruf breit gestreut wird und viele Beiträge eintrudeln.

Schulbücher

Beiträge zur Blogparade in der Reihenfolge des Erscheinens: 

  1. Birgit Lachner, zum.de (Chemie, Gymnasium Deutschland)
    Lachner wünscht sich ein vollständiges digitales Lehrmittel, das »alles liefert, was ich und die Schüler für den Ablauf des Unterrichts brauchen könnten«. Sie arbeitet mit einem Wiki, das aber kooperativer genutzt werden könnte. Traditionelle Schulbücher geben einen Ablauf vor, den Lachner als nicht sinnvoll für ihren Unterricht beurteilt.
  2. Beat Rüedi, simplenote (Musik, Sekundarschule Schweiz)
    Rüedi entwickelt seinen Beitrag kontinuierlich und in Auseinandersetzung mit anderen Musiklehrern. Im Moment findet sich erst eine Einleitung unter der angegebenen Adresse.
  3. Dejan Mihalovic, mihajlovicfreiburg.wordpress.com (Realschule, Freiburg Deutschland)
    Dejan sieht die Diskussion um digitale Schulbücher als Symptom eines Umbruchs, bei dem die Möglichkeiten getestet werden, alte Muster in eine neue kulturelle Welt einzubringen. Er macht praktische Vorschläge, wie Schulbuchverlage vorgehen könnten.
  4. Sebastian Müller, sbamueller.wordpress.com (Fachmann für jugendliche Beteiligung)
    Müller fordert die Verstaatlichung von Schulbüchern: Was mit staatlicher Bildung zusammenhängt, soll kein Vehikel für Profit sein. Zumindest müssten digitale Kopien von Schulbüchern öffentlich verfügbar sein.

Lobos Fake-Rezension: Ein Nachtrag

Heute wäre der Tag, an dem auf der Frankfurter Buchmesse Cybris von Carol Felt vorgestellt werden müsste – der Roman, den Sascha Lobo Ende September im Spiegel euphorisch besprochen hat. Seine Rezension, so mein Fazit damals, sei klar als Fake erkennbar und gleichwohl ein wichtiger Netztext.

Reaktionen anderer auf den Text blieben aus. Erst gestern publizierte Radio Berlin Brandenburg einen Beitrag von Anke Fink dazu. Dort wird Detektivarbeit geleistet:

Nur sind Zweifel angebracht. Obwohl Lobo in einem Video-Interview mit dem „Spiegel“-Autor Volker Weidermann das Buch real in den Händen hält, gibt es weder eine ISBN-Nummer, die Bücher in Deutschland nun mal zwingend brauchen, noch eine englische gedruckte Vorlage, die ja die Basis für das deutsche Buch sein müsste.


Lobo mit Cybris – Screenshot RBB

Heute zog im Handelsblatt  in der Medienmacher-Kolumne nach. Lobo lasse »eine kleine Bombe platzen«, schreibt er.

Lobo will mit der Aktion zeigen, dass selbst hanebüchener Blödsinn als solcher nicht weiter auffällt, sobald er in einem etablierten seriösen Medium erscheint.

Zu dieser Absicht stellt Renner kritische Fragen:

Dennoch hat sich bisher noch kein Medium so recht getraut, Lobos Rezension als das zu benennen, was sie ist: eine Fälschung. […] Liegt die Zurückhaltung tatsächlich daran, dass man einer Publikation der Marke „Spiegel“ mehr glaubt als anderen, insbesondere dann, wenn Autoritäten wie Weidermann und der selbst längst zum Kultur-Establishment zählende Lobo für ein frei erfundenes Stück wie die „Cybris“-Rezension bürgen? Vielleicht ist dem so. Möglicherweise fand aber auch der eine oder andere Journalist die Sache mit der ausgedachten Buchkritik einfach zu läppisch, um sich darüber zu echauffieren.

Wie ich meiner Rezension geschrieben habe, bin ich der Meinung, dass Renner wie auch Fink den zentralen Punkt verpassen. Das Rätsel, ob es das Buch gibt oder nicht, war nicht schwer zu lösen. Interessanter ist die Frage, was den wirklich die Absicht war. Zu zeigen, wie Medienmarken wirken, wäre allenfalls Gegenstand einer Schülerarbeit – zu zahlreich sind die Beispiele, dass das Publikum und der Betrieb etablierten Publikationen viel Falsches abkaufen, wenn es richtig präsentiert wird. Nur fand das hier ja gar nicht statt – es gab keine weiteren Rezensionen, aus bei Turi2.de keine Verweise auf die Lobo-Rezension. Das Echo blieb im kritischen wie im positiven Sinne aus.

Entscheidender scheint mir deshalb die größere Aussage des Lobo-Texts:

Die mehrfache Cyber-Hybris. Lobo attackiert mit seiner Rezension gleichzeitig den etablierten Feuilleton-Betrieb, dessen wichtigste Textsorte er persifliert, und die selbstgefälligen Kreise der digitalen Expertise, die jedes neue Phänomen im Netz zu analysieren verstehen und doch alle Entwicklung hilflos mitvollziehen.

Nachtrag:

Snapchat erklärt

Kürzlich habe ich bei Radio 24 kurz erklärt, was Snapchat ist und weshalb Jugendliche und Prominente die App verwenden (MP3 des Beitrags). Das möchte ich im Folgenden etwas ausführlicher tun. 

Social-Media-Plattformen lassen sich am besten vom Begriff der Affordances her erklären: Was machen sie einfacher, wozu laden sie ein (oder motivieren, verführen sie)? Wer sagt, Twitter sei kein sinnvolles Werkzeug, weil Nachrichten nur 140 Zeichen umfassen können, versteht das Konzept der Affordances nicht: 140 Zeichen sind gerade die Länge der Botschaften, die sich über Twitter ideal verbreiten und wahrnehmen lassen.

Snapchat ist so betrachtet ein Ersatz für die Kamera-App auf Smartphones. Wer einen Moment einfangen will, erstellt einen so genannten Snap – das kann ein Bild oder ein Video sein. Der Snap kann, so zeigen die Beispiele, mit einem Text-Banner, Freihandzeichnungen, Emojis und Filtern ergänzt und bearbeitet werden.

Snaps werden dann auf drei Arten verbreitet:

  1. Als Teil einer persönlichen Geschichte (»Meine Geschichte«) an alle Snapchat-Kontakte verbreitet – die Snaps bleiben so 24 Stunden erhalten und verschwinden dann. Auch ihre Urheberinnen oder Urheber können sie nicht mehr betrachten.
  2. Als persönliche Mitteilung verschickt – die ist dann nur wenige Sekunden sichtbar, kann aber unter Umständen mehrmals angeschaut werden (Snapchat arbeitet daran, solche Features kostenpflichtig anzubieten).
  3. Auf dem Smartphone gespeichert.
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Alle Bilder werden groß, wenn man draufklickt.

Snapchat funktioniert komplett visuell. Die Menus sind durch Wischen oder über kleine Icons erreichbar, für die Benutzung ist es aber nicht nötig, lesen zu können. Grundsätzlich gibt es drei Fenster oder Menus: Eines, um Snaps zu erstellen; eines, um persönliche Nachrichten zu verschicken und anzusehen und ein drittes, um Geschichten verwalten und lesen zu können.

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Das Hinzufügen von Kontakten funktioniert ähnlich wie bei Twitter asymmetrisch: Ich kann Usern folgen, die mir nicht folgen (und umgekehrt). Das »Adden« funktioniert ebenfalls visuell: Ein individuelles Geistsymbol bildet einen Snapcode, der es erlaubt, Kontakte ins Adressbuch aufzunehmen (wem das zu mühsam ist: Ich heiße auf Snapchat wie überall phwampfler).

Die Filter haben keine Namen, sondern werden über Wischbewegungen oder langes Drücken auf Gesichter aktiviert und an die Bilder angepasst. So gibt es Geschwindigkeitsmessanzeigen, Temperaturmessungen und Zeitangaben, die sich per Filter einblenden lassen. Und Heiligenscheine. (Versteckte Tricks werden hier beschrieben, eine Anleitung zu Bedeutung der Emojis, der Trophys und zur Verwendung der Filter findet sich hier).

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Der Appeal von Snapchat liegt in dieser stärkeren Visualisierung und im Fokus auf den spontanen Moment: Ähnlich wie bei persönlichen Gesprächen wird nichts aufgezeichnet – es sei denn, es macht sich jemand große Mühe, Snaps mitzuschneiden. Grundsätzlich ist es aber kaum üblich, Beiträge außerhalb des Programms zu bearbeiten, sie entstehen meist spontan.

Bei Geschichten verdichten sich einzelne Eindrücke zu Reportagen. So bieten Medienunternehmen eigene Snap-Kanäle an, Großveranstaltungen laden Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein, ihre Sicht per Snap in die Berichterstattung zu integrieren. Das sind die Gründe, die Snapchat auch zu einem wichtigen journalistischen Werkzeug machen.

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Die eigenen Geschichten lassen sich mit knappen Statistiken einordnen und gesamthaft archivieren.

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Digitale Bildung und Schulsozialisation

Studierende, die sich für den Lehrberuf interessieren, sind ein interessantes Studienobjekt: Man kann zeigen, dass ihre Vorstellungen in Bezug auf Mediennutzung stark von ihrer eigenen Erziehung geprägt sind und diese oft ihren eigenen Verhaltensweisen im Umgang mit Neuen Medien widersprechen (vgl. Arbeiten von Sven Kommer und Ralf Biermann). Kurz: Junge Lehrkräfte sind aufgrund ihrer eigenen Sozialisation oft nicht bereit, neue mediale Möglichkeiten im Unterricht einzusetzen, auch wenn sie dies selbst für ihre eigene Kommunikation tun.

Dieser Effekt betrifft digitale Bildung aus meiner Sicht auch auf einer anderen Ebene: Der grundsätzlichen Vorstellung, was Schule und schulisches Lernen bedeuten. Diese wird an Grundschulen mit großem Aufwand eingeübt. Konstanten: Unterricht im Klassenzimmer mit mäßigem Einsatz von Individualisierung, Lesen, Schreiben und generell Lernen erfolgen auf Papier, Leistungsmessung erfolgt in mehr oder weniger standardisierten, vorgegeben und einzeln zu erledigenden Prüfungen.

Werden Lernende auf einer späteren Schulstufen mit davon abweichenden Ideen konfrontiert, dann reagieren sie meist so, wie Schülerinnen und Schüler meiner Schule das kürzlich bei einem Besuch bei der Evangelischen Schule Berlin Zentrum getan haben: Könnten sie selbst bestimmen, was und wie sie lernen wollen, würden sie einfach nicht lernen, formulierten sie mit einer großen Selbstverständlichkeit. Lernen ist für sie klar fremdgesteuert und erfolgt unter pädagogischem Zwang. Die Schülerinnen der Berliner Schule nahmen das gelassen hin: In einem gewissen Alter, so die subtil versteckte Aussage, seien Kinder einfach verloren, wenn sie »normale« Schulen besuchten.

Das stimmt wohl: Digitales Lernen ist für mich direkt mit anderen Lernformen verbunden. Selbstgesteuertes, offenes, reflektiertes, freiwilliges und kollaboratives Lernen wäre das Ideal, das u.a. mit digitalen Mitteln erreicht werden soll. Nur braucht es dafür eine doppelten Aufwand: Diese Ideen und die dafür nötigen Tools müssen nicht nur eingeführt werden, sondern die Grundüberzeugung, wie Schule funktioniert, muss gleichzeitig neutralisiert werden. Bei Lernenden und Lehrenden. Man könnte zum Schluss kommen, dass vernünftige Projekte nur in der ersten Klasse beginnen sollten.

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Quelle: SZ