»deep work« und »shallow work« – hilfreiche Begriffe für die Steuerung der Aufmerksamkeit

Vor einem Jahr habe ich mich intensiv damit beschäftigt, wie digitale Kommunikation Aufmerksamkeit beeinflusst. Meine zentralen Einsichten waren, dass Angebote im Netz viele Anreize für unsere Aufmerksamkeit schaffen. Diese Anreize sind an Verfahren der Glücksspielindustrie angelehnt, die uns ständig suggerieren, es gebe etwas zu erleben, obwohl wir uns nur von Video zu Video durchs Netz klicken. Empty-Fridge-Syndrome: Wir öffnen den Kühlschrank immer wieder, auch wenn wir wissen, wie leer er ist. Diese Aufmerksamkeitsstrukturen prägen wir uns ein, wir gewöhnen uns daran: Und übertragen die damit verbundenen Erwartungen auf andere Settings. Schule und Romane sind im Vergleich mit Games und Netflix langweilig, weil sie nicht dieselben Anreize für unsere Aufmerksamkeit schaffen (können).

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Rose Wong für NYT

Das Konzept von »deep work«, das Cal Newport 2017 in einem Buch entwickelt hat, hilft dabei, den Fallen der Aufmerksamkeitsökonomie zu entgehen. Newport bezeichnet mit »deep work« die Fähigkeit, sich ohne Ablenkung auf eine anspruchsvolle Aufgabe zu konzentrieren. Das klingt ähnlich wie Konzentration, welche jedoch häufig unabhängig von der Komplexität einer Aufgabe verstanden wird. Für einfache Routineaufgabe verwendet Newport den Begriff »shallow work«.

Um zufrieden arbeiten zu können, fordert der Autor bewusste Phasen von »deep work« und eine Effizienzsteigerung bei »shallow work«. Das ist nachvollziehbar: Arbeitstage, an denen wir versucht haben, uns anspruchsvollen Aufgaben zuzuwenden, aber stundenlang oberflächliche Leistungen erbracht haben, sind belastend und unbefriedigend. Newport bietet vier Tipps an:

  1. »deep work« planen und im Kalender eintragen, sich dafür Zeit nehmen und sich nicht wünschen, dass man bald einmal viel Zeit hat, um »deep work« angehen zu können.
  2. Sich langweilen lassen, um das Gehirn daran zu hindern, sich ständig ablenken lassen zu wollen.
  3. Verzicht auf Social Media.
  4. Wenig Zeit für »shallow work« aufwenden.

Die Logik hinter Newports Argumentation: Sobald wir unsere Aufmerksamkeit von dem, was wir gerade tun, auf etwas anderes umlenken, geht ein Teil davon verloren, wir ermüden und die Konzentration bricht ein – der nächste Unterbruch wird wahrscheinlicher.

Für mich ist besonders Regel 1 wichtig: Gelingt es mir, mich nicht einfach mal an den Computer zu setzen und mich treiben zu lassen, sondern mir vorzunehmen, bewusst zwei Stunden lang zu korrigieren oder einen Text zu schreiben, dann bin ich zufriedener und effizienter.

Gleichzeitig bin ich aber skeptisch, was die Gefahr der Ablenkung und die von Social Media anbelangt. Der Wechsel der Aufmerksamkeit ist nicht nur eine Belastung, er hat dient mir auch dazu, mir über meine Prioritäten und meine Planung Gedanken zu machen. Er bietet eine Lösung für ein Problem an, das sich mit noch mehr Konzentration nicht lösen ließe. Auch Langeweile ist aus meiner Sicht ein Trugschluss: Menschen meiden Langweile aus einem Grund. Klar: Eine Straßenbahnfahrt lang nicht aufs Smartphone zu sehen, sondern zu sich zu kommen und aus dem Fenster zu gucken – das kann gut tun und konzentrierteres Arbeiten erlauben. Aber dabei handelt es sich nicht um Langweile.

Ein Zitat von Newport hat mich besonders beeindruckt – da stimme ich ihm zu:

When it comes to topics like distraction in the workplace, my philosophy is that instead of focusing too much on what’s bad about distractions, it’s important to step back and remember what’s so valuable about its opposite. Concentration is like a super power in most knowledge work pursuits. If you take the time to cultivate this power, you’ll never look back.

 

Was wir von »The Good Place« für die Mehrwert-Debatte lernen können

Gestern habe ich beim Apéro-Gespräch eine Serienempfehlung erhalten: »The Good Place« sei witzig gemacht und doch Unterhaltung mit Anspruch, die 20-Minuten-Folgen ließen sich gut in den Feierabend integrieren oder »bingen«. Ich habe dann zurückgefragt, ob die Serie für Netflix geschrieben sei oder für einen Fernsehsender – und dann beim Schauen der ersten Folgen gemerkt, dass es eine Fernsehserie ist (sie wurde für NBC produziert und wird in Europa über Netflix ausgestrahlt).

Obwohl mir der Humor und das Konzept gut gefallen, stört mich das Fernseh-Format: Es führt zu redundanten Informationen sowohl in den einzelnen Folgen (die zweite Folge erklärt die Handlung und Exposition der ersten noch einmal usw.) wie auch zwischen Szenen: Zuschauerinnen und Zuschauer müssen nach der Werbeunterbrechung wieder abgeholt werden.

Streaming hat Serien verändert. Können die Teams, welche Serien schreiben, davon ausgehen, dass Zuschauerinnen und Zuschauer auf alle Folgen einer Serie zurückgreifen können, können sie direkter, schneller erzählen. Sie sind nicht darauf angewiesen, mitten in einer Staffel neue Zuschauerinnen und Zuschauer zu gewinnen oder Serien so zu gestalten, dass andere Sender Folgen später noch einmal ausstrahlen würden. Zu sagen, das sei der »Mehrwert« von Streaming, wäre deshalb aber unsinnig: Private Fernsehsender wie HBO haben Serien grundsätzlich verändert (»It’s not TV, it’s HBO«, mehr dazu in einem Aufsatz), indem sie Werbung entfernt und neue Finanzierungsmodelle für Serien gefunden haben, die weniger stark von Einschaltquoten abhängen, sondern DVD-Verkäufe einplanen. Netflix und andere Streaming-Anbieter haben diese Entwicklungen weitergeführt: Sie bieten Serien auch auf mobilen Endgeräten an und machen für eine gewisse Zeit alle Episoden gleichzeitig verfügbar.

Kurz: Serien werden heute anders geschrieben als vor 10 oder 20 Jahren. Das ist nicht ein »Mehrwert«, sondern einfach eine Folge veränderter technischer, medialer, gesellschaftlicher und ökonomischer Voraussetzungen. So können wir davon ausgehen, dass Unterricht, Schule und Lernen in 10 oder 20 Jahren anders erfolgen werden, weil sich die Rahmenbedingungen dafür ändern. Der Leitmedienwechsel ist ein starker Faktor, der aber auch mit anderen verbunden ist.

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Digitale Vorstellungsrunde: Zeig mir deine Emojis – und ich sag dir, wer du bist!

Unsere Smartphones sind Teil einer digitalen Identität. Ein oft nicht sichtbarer Teil: Unsere Screens sind nur für uns und unsere nahen Freundinnen und Freunde sichtbar. Sie tragen die Spuren unserer Benutzung, zeigen, welche Muster sich in unsere digitale Kommunikation und die Verwendung dieser Geräte eingeschlichen haben, vielleicht ohne, dass wir diese Muster genau benennen könnten.

Lange Zeit war der Home-Screen Ausgangspunkt für Diskussionen und Vergleiche. Im Unterricht hat sich das etwa als Einstieg in eine Diskussion über die Verwendungsweisen von Smartphones angeboten.

Ein einfaches Spiel besteht darin, einen Homescreen auf dem Projektor zu zeigen und eine Gruppe raten zu lassen, wem der Screen zugeordnet werden kann.

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Zu dieser Idee sind mit neuen Praktiken weitere hinzugekommen. Eine naheliegende besteht darin, die oft verwendeten Emojis zu zeigen – und sich dann zu fragen, ob diese Darstellung Aufschlüsse über die eigene Identität gibt.

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Leider habe ich diesen Beitrag etwas verschlafen: Mittlerweile wurde er journalistisch schon verwertet

Der nächste Schritt wäre dann, die gifs anzusehen, die häufig verschickt worden sind. In meinem Fall (alle Beispiele stammen von meinem Handy) sind das leider nur gifs, die ich jeweils ein Mal verwendet habe, da ich nicht so häufig damit arbeite. (Auch bei den Emojis sind solche dabei, die nicht direkt zu meiner Sprache gehören, genau so, wie auf meiner Startseite Apps sind, die ich teilweise noch nie geöffnet habe, weil ich über Spotlight auf Apps zugreife…) img_7704

Persönliche vs. personalisierte Bildung: Der Duolingo-Test

Gestern habe ich im Rahmen einer Veranstaltung der Digitalen Gesellschaft Schweiz (wer in der Schweiz noch nicht Mitglied ist, sollte das werden) über zwei widersprüchliche Tendenzen gesprochen, die sich aus der Digitalisierung für das Bildungssystem ergeben.

Ich formuliere hier nicht den ganzen Vortrag aus – die Slides gibt es hier: phwa.ch/karl2019 – sondern fasse einfach den wesentlichen Gedanken zusammen, für den ich mich auf zwei Vorarbeiten stütze:

  1. Marek Ceglwoski: The Website Obesity Crisis (2015)
  2. Martin Lindner: Die Ver-Web-ung der Bildung (2016)

Geht Bildung im Netz von Personen aus, die autonom über ihr Lernen und ihr Bildungsnetzwerk bestimmen, würde ich von persönlicher Bildung sprechen. In diesem Sinne verwenden Menschen beim Lernen das Netz dazu, um Begegnungen zu schaffen, sich auszudrücken, von anderen Personen zu lernen. Kernvorstellung dieses Lernens ist das Netzwerk.

Geht die Bildung andererseits von Programmen und Unternehmen aus, die auf Plattformen gamifizierte Anreize schaffen, um die Aufmerksamkeit von Personen auf Lernprozesse zu lenken, würde ich dem personalisierte Bildung sagen. Menschen werden als Produzenten von Daten gesehen, die behavioristisch auf Reize reagieren, die Maschinen ihnen vorsetzen. Lernen bedeutet dann, korrekt mit einem Interface zu reagieren und sich in einer bestimmten Situation erwartungsgemäß bzw. standardisiert zu verhalten.

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Die Bildungsrealität spielt sich heute entweder völlig unbehelligt von diesen Tendenzen ab, weil Digitalisierung noch keinen Einfluss auf diesen Bereich des Bildungssystems hatte, oder dann häufig auf einem Mittelweg. Dieser Mittelweg ist nicht falsch: Geschieht das selbstbestimmt, kann es sehr sinnvoll sein, auf Plattformen bestimmte Fertigkeiten zu trainieren. Letztlich muss aber der Gesamtrahmen von Menschen ausgehen, nicht von Plattformen, Programmen oder Unternehmen.

Ist die Idee der persönlichen Bildung eine idealistische, die erziehungswissenschaftlich nicht neu ist und durch die Digitalisierung lediglich eine neue Schlaufe einer Spirale durchlaufen hat, so stellt die personalisierte Bildung für das gesamte Bildungssystem eine Herausforderung dar, die man mit dem Duolingo-Test bezeichnen kann:

Wer in der Schule Französisch lernt, muss das in irgendeiner Form als wirksamer erleben als wenn sie oder er in dieser Zeit auf dem Smartphone mit Duolingo arbeiten würde.

Schulischer Unterricht oder Bildungsangebote jeder Art können diesen Test leicht mit Anwesenden durchführen. Er zeigt, welche Konkurrenz von der Plattform-Bildung her droht: Werden als Ressourcen im bestehenden System eingesetzt, so muss das Ziel darin bestehen, Lerneffekte zu ermöglichen, die auf digitalen Plattformen so nicht zu erreichen sind. Aus meiner Sicht muss das sozial geschehen: Lernen muss verschiedene Perspektiven koppeln, auf jeder Stufe deutlich machen, dass die Welt mit anderen Augen anders aussieht. Meine Prognose: Bildungsangebote, die nicht so aufgestellt sind, werden schnell verdrängt.

Wie die Plattformen den Rickroll verunmöglichen – und wie wir ihn zurückbringen können

Rickrolling ist der Prototyp eines Internet-Streiches, eines Hoaxes. Er funktioniert so: In einer Diskussion auf einem Forum oder in einer Nachricht wird ein bestimmter Inhalt angekündigt und ein Link dazu verschickt. Der Link ruft aber nicht den erwarteten Beitrag auf – sondern das auf Youtube verfügbare Musikvideo zu Rick Astleys »Never Gonna Give You Up« von 1987.

Der Streich entstand 2007 auf 4chan, einem berüchtigten regellosem Forum. Zu dieser Zeit reichte es, den Link mit einem Link-Shortener leicht zu modifizieren:

https://bitly.com/98K8eH

führt etwa zum entsprechenden Video.

Der Rickroll steht stellvertretend für eine Vermischung von Netz-, Pop- und Alltagskultur, die das Aufkommen des Web 2.0 nach sich gezogen hat. Astley und das Video stehen für Popmusik und Musikfernsehen, die sich durch das Netz dramatisch verändert haben. Der Rickroll-Link ist also zunächst ein Verweis auf eine überholte Phase der Kulturproduktion, eine Art Rauswurf aus dem Kontext, in dem der Link verschickt wird. Sehr oft wurden Rickrolls eingesetzt, wenn etwas Neues, noch nie Gesehenes angekündigt wurde: Der erste bekannte Rickroll sollte 2007 zu einem Preview für GTA IV führen, also etwas zeigen, was kulturell noch in der Zukunft lag – führte aber zurück in die noch erinnerbare kulturelle Vergangenheit.

Wie die Übersicht von KnowYourMeme zeigt, gibt es eine ganze Reihe bekannter Rickroll-Hoaxes in Institutionen, die nicht direkt mit der Kultur der Digitalität verbunden sind. 2010 haben etwa Abgeordnete im US-Bundesstaat Oregon in verschiedenen Reden einzelne Liedzeilen aus »Never Gonna Give You Up« untergebracht, die später zusammengeschnitten wurden.

Mit dem Rickroll hat ein Netzstreich den digitalen Dualismus überwunden, also vorgeführt, dass es nicht unterschiedliche Kultur- und Kommunikationsformen im Netz und außerhalb davon gibt, sondern dass das Netz Teil eines umfassenden kulturellen und kommunikativen Wandels ist.

Der Rickroll schlägt noch eine dritte Brücke: zwischen dem HTML-Link, der zentralen Funktion der Netzkultur, und Youtube, einer der ersten Plattformen im Netz. Der Link steht für das offene, freie Netz: Er ermöglicht, von einem Text auf einen anderen zu verweisen. Youtube steht für Plattformen, die beschränkt offen sind und als geschlossenes Ökosystem primär auf andere Inhalte innerhalb der Plattform verweisen.

In Rickrolls verbinden sich also die kulturelle Vergangenheit mit der Zukunft, Online- und Offline-Kultur sowie was freie und das geschlossene Netz.

Oder genauer: Sie haben sich darin verbunden. Rickrolls funktionieren heute nicht mehr. Das hat zwei Gründe: Vorschaufunktionen und Werbung.

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In diesem Twitter-Beispiel sieht man deutlich, dass Axel Krommer zwar versucht, mir einen Rickroll-Link zu schicken, dieser aber sofort als Vorschau geöffnet wird, so dass die Differenz zwischen Link-Erwartung und tatsächlichem Link-Ziel gar nicht mehr besteht. In der nicht-ausgeklappten Ansicht von Twitter wird deutlich, wie der Link ohne Vorschau aussehen würde:

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Die Vorschaufunktion ist Teil einer Entwicklung, bei der Plattformen Links prüfen, klassifizieren und den entsprechenden Inhalten eine Form geben, die dazu verleitet, die Plattform gar nicht mehr zu verlassen, sondern in diesem Beispiel das Video direkt auf der Plattform selbst abzuspielen. Die Möglichkeit, mit einem Link den aktuellen Kontext zu verlassen, wird so beschränkt; von einem Tweet oder Facebook-Post aus kann nicht mehr auf einen anderen Text im Netz verwiesen werden, vielmehr wird dieser Text, sofern er den Voraussetzungen der Plattform entspricht, darin eingebettet.

Symptomatisch für diese Entwicklung ist die Beschränkung von Instagram, das Links nur in den Profilbeschreibungen zulässt, nicht aber in Kommentaren oder Texten zu einzelnen Posts.

Das Beispiel von Sandro Bucher zeigt das zweite Problem: Google hat sogenannte Pre-Roll-Werbung vor Youtube-Videos geschaltet. Das bedeutet, dass der Song von Astley nicht direkt aufgerufen werden kann, der Klick auf den Link vielmehr zu einem Werbespot führt (der personalisiert ausgespielt wird, also von User zu Userin unterschiedlich aussieht).

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Die Interpretation dieser Entwicklung ist nicht schwierig: Die Web-Kultur wird komplett von Werbung überlagert – vor, über, hinter und neben Inhalten im Netz wird Werbung eingeblendet.

Was müssen wir tun, um den Rickroll zurückbringen zu können?

  1. Einen Link erzeugen, der kein Vorschaubild abruft.
  2. Das Video so abspielen, dass keine Werbung eingeblendet wird.

Technisch ist das nicht nur möglich – es wurde auch schon gemacht: Auf https://www.latlmes.com kann sogar vorgegeben werden, hinter dem Link verberge sich eine relevante News-Story und führt die Gerickrollten dann auf eine Seite mit einem Slogan: »You Got Rick Rolled in 2018«.

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Dieser Slogan ist symptomatisch: Der ehemals direkte Hoax ist nicht mehr möglich, er ist nur noch als eine nostalgische Sehnsucht zitierbar, er führt auf eine neu erstellte Plattform, die Youtube genau so einbettet wie Facebook oder Twitter das tun.

Die Geschichte des Rickrolls erzählt von der Entwicklung der Netzkultur in den letzten Jahren. Sie verweist auf das omnipräsente Geschäftsmodell, Kultur und Kommunikation zu verwerten, indem Werbung eingeblendet wird und Nutzerinnen und Nutzern auf Plattformen festgehalten werden. Erstaunlich ist es nicht, dass so ein harmloser Scherz verunmöglicht wird. Aber noch vielsagend: Menschliches ist auf den Netzplattformen nur noch vorgesehen, wenn es den Geschäftsvorstellungen der großen Unternehmen entspricht.

Über Gamification im Deutschunterricht und die Quantifizierbarkeit von Lektüreerlebnissen

In diesem Gastbeitrag möchte ich Interessierten einen Einblick in die Funktionsweise eines Gamificationprojektes im gymnasialen Deutschunterricht geben, welches ich seit nunmehr fünf Jahren mit verschiedenen Klassenzügen erfolgreich durchgeführt und dabei stetig optimiert habe. Um den pädagogischen Witz einer gamifizierten Lernumgebung erfassen zu können, reicht leider der blosse Blick auf die Oberfläche nicht aus, vielmehr ist es erforderlich, die Spielmechanik und mithin die ihr zugrunde liegenden Überlegungen auszuführen, um das Gewinnbringende ihrer Nuancen zu begreifen. Das soll schlussendlich der Erkenntnis dienen, dass Gamification mehr ist eine modische Worthülse, mehr als blosses Trophäen- und Badgesammeln.

Vorweg, es werden hier keine Videospiele oder Ähnliches im Unterricht verwendet. Gamification meint einfach das Übertragen gewisser Spielmechaniken auf andere Anwendungsbereiche. Und ich glaube, hier ein anschauliches Beispiel einer relativ schlanken, aber trotzdem effektiven Variante einer solchen geben zu können, die sich auf zahlreiche andere Formen selbstorganiserten Lernens übertragen lässt.„Über Gamification im Deutschunterricht und die Quantifizierbarkeit von Lektüreerlebnissen“ weiterlesen

Macht in Netzwerken – Die Analyse Castells

Ich arbeite momentan an einem Reclam-Band, in dem Textausschnitte zum Themenkomplex »Macht im Netz« versammelt sind. Beim Kürzen des Bandes ist die folgende Erklärung der Konzeption Castells rausgefallen, die ich deshalb vorab hier publiziere. 

Castells hat sich sehr früh aus soziologischer Perspektive Gedanken zu den Auswirkungen dessen gemacht, was oft »Digitalisierung« genannt wird. Diese Gedanken sind auch heute lesenswert und erhellen zentrale Zusammenhänge der Frage, wie Machtfragen in der Netzwerkgesellschaft verhandelt werden. 

* * *

Der spanische Soziologe Manuel Castells hat in den 1990er-Jahren eine umfassende Analyse der »Netzwerkgesellschaft« vorgelegt. Er betrachtet Netzwerke als die dominante Organisationsstruktur in allen gesellschaftlichen Systemen: Vom Militär über die Politik bis zur Wirtschaft. In einem Aufsatz von 2011 bespricht Castells den Zusammenhang von Netzwerken, multimedialer Kommunikation und Macht. Ausgangspunkt ist eine Definition von Macht:

Macht ist die relationale Fähigkeit, den Willen eines Akteurs dem Willen eines anderen Akteurs überzuordnen, basierend auf den strukturellen Möglichkeiten der Beherrschung, welche in Institutionen oder die Gesellschaft eingebettet sind. (Castells 2011, S. 775).

Das Zitat macht deutlich, dass Netzwerke oder genauer digitale Kommunikationsnetzwerke die Art und Weise verändern, wie Mechanismen der Beherrschung funktionieren und in die Gesellschaft eingebettet sind. Castells sieht Kommunikationsnetzwerke als grundlegend an. Sie eröffnen – wie andere Netzwerke auch – vier Arten von Machtverhältnissen:

  1. Ausschlüsse und Einschlüsse: Wer ein Netzwerk programmiert, legt fest, wer dazu Zugang hat und wer nicht. Das gilt für politische Prozesse in einer Demokratie, bei der geregelt ist, wer in Ämter gewählt werden kann und wird. Es gilt gleichermaßen für digitale Plattformen wie Facebook: Einerseits erleichtert Facebook in Entwicklungsländern den Zugang zur Plattform mit Browsern, die sehr wenige Daten benötigen und so auch bei schwacher Netzanbindung den Zugang zu Facebook ermöglichen. Andererseits schließt Facebook Profile aus, wenn die Verantwortlichen auf Regelverstöße aufmerksam werden.
  2. Koordination von Netzwerken: Nicht nur die Teilhabe wird durch Programme festgelegt, sondern auch die Formate der Nachrichten, die in Netzwerken verschickt werden können. Auch hier können politische Netzwerke mit digitalen Plattformen verglichen werden: Nicht nur erfolgen Wahlen und Abstimmungen mit standardisierten Formularen, auch die Redebeiträge in Parlamenten sind bezüglich Länge, Inhalt und Aufbau normiert. Ganz analog gibt es Standards, die Regeln, welche Dateiformate auf digitalen Kanälen verschickt werden können und wie sie dargestellt werden können. Ein naheliegendes Beispiel sind gif-Dateien, mit denen kurze Filmsequenzen so dargestellt werden, dass sie automatisch ablaufen. gifs waren lange Zeit ein Grund, tumblr zu nutzen: Die Dateien konnten dort leicht eingebunden und dargestellt werden. Twitter, Facebook und WhatsApp zeigten bis 2016 nur unbewegte Bilder an.
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    Castells fügt seiner Analyse zur Koordination als Machtinstrument zwei Bemerkungen hinzu:
    (a) Weil es so viele verschiedene Formate von Nachrichten gibt, entsteht aus der Macht, Standards zu bestimmen, auch eine Gegenmacht, welche den Kontrollverlust über Nachrichten in digitalen Kontexten ausnutzt. In China werden viele Begriffe im Netz von der Zensur unterdrückt: So ist es beispielsweise nicht möglich, bestimmte politische Ereignisse zu erwähnen. Deshalb sind viele Chinesinnen und Chinesen dazu übergegangen, mit Alltagsbegriffen auf politische Zustände zu verweisen: Das Zensursystem setzt Standards, kann aber nicht verhindern, dass sie unterlaufen werden. Dasselbe gilt für Systeme, welche Fluchwörter oder sexualisierte Sprache in Chatsystemen unterdrücken sollen: Mit leichten Verfremdungen gelingt es, die Verfahren zu umgehen.
    (b) Der Wert von Standards ist abhängig von der Zahl von Menschen, die sie benutzen. E-Mail ist deshalb ein wertvoller Standard, weil sehr viele Menschen E-Mails empfangen und verschicken können. Dadurch verlieren Alternativen an Wert und verschwinden auch: Die Wahlfreiheit von Menschen wird dadurch eingeschränkt. In beruflichen Kontexten ist es kaum denkbar, den E-Mail-Standard nicht zu verwenden.
  3. Macht in Netzwerken: Diese Art von Machtverhältnissen hat mit Themensetzungen und redaktionellen Entscheiden zu tun. Wer bestimmt, mit welchen Inhalten sich die Teilnehmenden in einem Netzwerk befassen? Wer legt fest, was gut sichtbar ist und was im Netz gesucht werden muss? Castells geht davon aus, dass das von den einprogrammierten Zielen eines Netzwerks abhängt. Am Beispiel von Facebook lässt sich das besonders gut zeigen: Mark Zuckerberg, der CEO des Unternehmens, weigert sich, bestimmte problematische Inhalte (z.B. das Leugnen des Holocaust) auf Facebook zu unterdrücken – weil ein Ziel der Plattform die Maximierung der Zeit ist, die Menschen auf der Plattform verbringen. (Je intensiver sie Facebook nutzen, desto mehr Werbung kann an sie ausgespielt werden.) Egal wie kontrovers oder verwerflich Inhalte sind – sie sind es, die Menschen dazu bringen, Facebook zu nutzen. So lässt sich die redaktionelle Entscheidung erklären, diese Inhalte nicht zu entfernen und in ihrem Zusammenhang keine Sanktionen auszusprechen. Die Macht in den Netzwerken wird aufgrund der einprogrammierten Ziele verteilt. Was oder wer ein Netzwerk seinen Zielen näherbringen kann, kann darin Macht ausüben. So lässt sich erklären, dass Menschen, die radikale Inhalte veröffentlichen und Hass und Empörung verbreiten, auf digitalen Plattformen Machpositionen einnehmen können: Sie unterstützen die Netzwerke dabei, die Aufmerksamkeit von Nutzerinnen und Nutzern zu maximieren.
  4. Netzwerke herstellen: Auf einer noch höheren Ebene werden diese Ziele definiert, so dass Netzwerke überhaupt erst entstehen können. Zudem werden Schalter zwischen den Netzwerken festgelegt, die ihre Kooperation und ihre Verhältnisse regeln. Castells spricht hier von Metaprogrammen, die festlegen, was überhaupt programmiert wird.
    Ein gutes Beispiel dafür ist die Blockchain, die Idee hinter Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum. Die Funktionsweise der Blockchain kann gut anhand ihrer Anwendung im Gebrauchtwagenmarkt erklärt werden: Kaufe ich heute einen Gebrauchtwagen, muss ich der Person vertrauen, die ihn verkauft. Belügt sie mich in Bezug auf Schäden oder Unfälle, dann zahle ich möglicherweise deutlich zu viel für das Fahrzeug. Wird der Gebrauchtwagenmarkt auf einer Blockchain erfasst, so wird jedem Fahrzeug eine Datei zugeordnet, in der alle Reparaturen verschlüsselt hinterlegt sind. Kaufe ich das Fahrzeug, kann ich lückenlos überprüfen, wann wer welche Arbeiten daran vorgenommen hat, möglicherweise auch, wie teuer sie waren. Nehme ich als Besitzer des Wagens weitere Reparaturen vor, muss ich sie ebenfalls in diese Datei eintragen. Technisch ist es kaum möglich, die Dateien zu manipulieren. Die Blockchain ist also eine dezentrale Datenbank, in der bestimmte Vorgänge mit hoher Sicherheit dokumentiert werden können (allerdings auch nicht viel anders, als das durch amtliche Stempel möglich ist). Neben dem Gebrauchtwarenmarkt sind weitere Anwendungsbeispiele denkbar: Währungen mit Zahlungsvorgängen oder Temperaturen bei Lebensmitteln oder Medikamenten, bei denen eine geschlossene Kühlkette von Bedeutung ist. Blockchain-Netzwerke verfolgen zwei Ziele: Zusammenarbeit ohne Vertrauensverhältnis zu ermöglichen, indem Datenbankeinträge vollständig, transparent und dezentral gespeichert werden. Kaufe ich einen Blockchain-Gebrauchtwagen, muss ich dem Verfahren vertrauen –  nicht aber der Person, die mir etwas verkaufen will. Niemand kann Daten, die erfasst sind, verändern; ihre Korrektheit wird nicht von einer Institution garantiert, sondern von einem Programm und seinen Daten. Daran zeigt sich, dass die ideologischen Ziele solcher Netzwerke darin bestehen, gesellschaftliche und technologische Funktionen unabhängig von Staaten und anderen großen Organisationen anzubieten.
    An der Blockchain lässt sich aber auch ein zweiter Aspekt zeigen, den Castells dieser Ebene von Machtverhältnissen zuordnet: Die Kontrolle über Schnittstellen oder Schalter zwischen den Netzwerken:

    Schalter, die die Netzwerke untereinander verbinden – etwa Finanzströme, die die Kontrolle über Medien-Imperien übernehmen, die wiederum politische Prozesse beeinflussen – sind die bevorzugten Instrumente der Macht. Damit sind diejenigen, die die Schalter betätigen, auch diejenigen, die die Macht innehaben. Weil es eine Vielzahl von Netzwerken gibt, werden die Codes und Schalter, die zwischen den Netzwerken vermitteln, zu den grundlegenden Quellen, durch die Gesellschaften geformt, geleitet und fehlgeleitet werden. (Castells 2017, S. 596)

    Soll die Blockchain als Netzwerk funktionieren, muss sie an andere Netzwerke anschlussfähig sein: So müssten etwa die Einträge im Gebrauchtwagenregister juristische Relevanz haben oder die Politik müsste Einkommen und Guthaben in Kryptowährungen steuerlich erfassen können.

Fassen wir zusammen, so zeigt sich Macht im Netz in vier Aspekten: In der Festlegung von Zugängen und Ausschlüssen – bei Normen und Standards – bei redaktionellen Entscheiden über die Sichtbarkeit von Inhalten – bei der Festlegung der relevanten Ziele und der Schnittstellen zu anderen Netzwerken.

Betrachtet man etwa das Netzwerk der Politik, so sieht man, dass es direkt mit digitalen Kommunikationsnetzwerken verbunden ist. Während der Zeit des Arabischen Frühlings wurde diese Verbindung oft als eine emanzipatorische gedacht: Menschen, die in Diktaturen leben und politisch benachteiligt werden, können sich im Netz zusammenschließen und ihre Widerstandsarbeit koordinieren. Das Netz erscheint als eine demokratiefördernde Technologie. Mittlerweile haben Einflussnahmen auf Wahlen und Abstimmungen diesen Eindruck gestört: Viele Menschen denken, das Netz erschwere demokratische Prozesse und ermögliche flächendeckende Manipulation. In dieser Wende wird deutlich, was Castells als das Verhältnis von Macht und Gegenmacht bezeichnet: Jedes Machtverhältnis in Netzwerken schafft auch Räume für Widerstand und alternative Formen von Machtverteilung.

 

KI in der Schule: Als Ersatz für Lehrkräfte, als Assistenz oder zur Evaluation?

Wir sind noch nicht so weit, dass sich Roboter echt Sorgen machen können um Schüler. (Beat Zemp)

Am »Tech Lunch« der Privatschule »Juventus« hat der Präsident des LCH, Beat Zemp, zusammen mit Roland Siegwart von der ETH und Petra Ehmann von Google darüber nachgedacht, ob Systeme mit künstlicher Intelligenz Lehrpersonen bald ersetzen könnten.

Ein Blick des Lehrers ist heute immer noch mehr wert als 1000 Klicks. (Beat Zemp)

Die beiden Zitate von Beat Zemp (das erste stammt aus einem Blick-Artikel) irritieren: Weil sie deutlich davon ausgehen, dass es entweder unvermeidlich oder wünschbar wäre, dass Lehrerinnen und Lehrer dereinst durch Maschinen ersetzt werden – nur sei die Technik heute noch nicht so weit.

Die Diskussion resultierte denn auch im Fazit, dass automatisierte Systeme bestimmte Aufgaben an Schulen werden übernehmen können, also eine Art Assistenz-Funktion einnehmen werden:

Lehrpersonen wird es immer geben, aber sie werden sich auf andere Aufgaben konzentrieren als etwa das Korrigieren. (Petra Ehmann)

Für Professor Roland Siegwart, Leiter Autonomous Systems Lab an der ETH Zürich, kann die Videoüberwachung im Schulzimmer sinnvoll sein, wenn die Datenanalysen helfen, die Kinder effizienter zu begleiten. (Blick)

Auch ohne kritischen Kommentar macht die Diskussion deutlich, dass sich die Rolle der Lehrerin und des Lehrers verändern wird, wenn das die Zukunft der Schule ist. Die technische und psychologische Begleitung automatisierter Systeme wird viel Energie beanspruchen – so dass sich die Frage, ob ein solcher Unterricht »effizienter« ist, eindringlich stellt.

Menschliche Lehrende reagieren auf die Persönlichkeit und die schulische Leistung des Kindes. Sie auf die Aufgabe zu reduzieren, sich Sorgen zu machen um Kinder, entspricht einer Techniklogik, die all die Prozesse abspaltet und automatisiert, die Menschen nicht effizient genug abarbeiten (also etwa das Korrigieren) – und die Aufgaben Menschen überlässt, bei denen sie Maschinen outperformen. Setzt sich diese Sicht durch, dann stehen Lehrerinnen und Lehrer in Zukunft in Konkurrenz mit Systemen, die künstliche Intelligenz einsetzen – und können sich Nischen suchen, in denen sie bessere Leistungen als das System bringen können.

Setzt sich diese Vision durch, werden Kinder bald in vielen Schulzimmern von Systemen gecoached, die auf AI-Speakern wie Alexa von Google funktionieren und auf ihre Stimmen »reagieren« können.

Gravierender dürfte aber eine andere Tendenz sein, die Christoph Kucklick in seinem Buch »Die granulare Gesellschaft« beleuchtet. In diesem Kapitel diskutiert er den Einfluss von umfassenden Rating- und Scoring-Verfahren:

Die Reputation Einzelner wird gewaltig steigen, aber Berufszweige als Ganze dürften eher an Ansehen verlieren. Die öffentlich gemachte Fehlbarkeit von Anwälten, Ärzten, Richtern, Handwerkern und Lehrern dürfte ihre Aura lädieren und ihren Expertenstatus relativieren. So wie Schachgroßmeister nicht mehr ganz so glorios dastehen, seitdem Taschencomputer sie schlagen, werden auch Fachleute Probleme haben, eine Aura der Unfehlbarkeit zu kultivieren. Mehr Ärzte als bisher werden als zweit- oder drittklassig entlarvt und ihr Abstand zu den Besten ihres Faches wird der Öffentlichkeit schmerzhaft bewusst.

Wie schmerzhaft, zeigt sich an der Diskussion um schlechte Lehrer, die in den Schulen bislang standhaft verweigert wird, weil die Institutionen noch nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Dabei ist der Abstand zwischen guten und schlechten Lehrern gewaltig und kann den Lebensweg der Kinder entscheidend beeinflussen, vor allem der bildungsfernen. Aber im Schulsystem wird weiter vorgetäuscht, alle Lehrer wären gleich gut – oder wie ein Kultusminister ironisch formulierte: »Ausgehend von den Beurteilungen sind 90 Prozent aller Lehrer überdurchschnittlich.« Diese Illusion der fachlichen Hochleistung wird in der Rating-Gesellschaft zerbröseln.

Das grundsätzliche Problem ist die Akzeptanz der Messbarkeit: Sobald es einen Konsens darüber gibt, wie Lerneffekte gemessen werden können, passieren zwei Dinge:

  1. Die Arbeit von Lehrperson wird durchleuchtet und sie werden aufgrund dieser Messungen bewertet.
  2. Menschen und KI liefern sich einen Wettkampf beim »teaching to the test«: Unterricht wird darauf reduziert, messbare Ergebnisse zu erzeugen.

Der zweite Effekt lässt sich in den USA seit Längerem beobachten: An Schulen, bei der Polizei, bei Gerichten etc. wird mit Messungen so starker Druck erzeugt, dass die Angestellten komplett unsinnige Dinge tun, um Messwerte erreichen zu können und die daran geknüpften Leistungen zu erhalten. So werden etwa Gefängnisstrafen erhöht, Bussen geschrieben oder Prüfungen für Schülerinnen und Schüler geschrieben, nur um einer großen Maschine den Eindruck zu ergeben, eine wirkliche Leistung sei erbracht worden.

Fazit: Wir dürfen im Bildungssystem nicht der Vorstellung erliegen, die relevanten Prozesse seien messbar. Das ist auch der Grund, weshalb ich grundsätzlich gegen jede Form von Noten bin – Schulen sollten lediglich sinnvolles Feedback auf Leistungen geben, aber keine Scores. Jede Art von Leistungsmessung erzeugt Fehlanreize und massive Ungenauigkeiten. Lernen und Leistung lassen sich nicht messen (oder nur mit einem Aufwand, den keine Schule leisten kann).

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Schicken IT-Fachleute ihre Kinder in Waldorf-Schulen?

Wenn zum Beispiel eine Person gelobt wird, weil sie etwas in ihrem Social-Media-Netzwerk gepostet hat, wird sie sich angewöhnen, mehr davon zu posten. Das mag ganz unschuldig klingen, kann aber schon die erste Phase einer Sucht sein, die sowohl für den betroffenen Menschen als auch die Gesellschaft zum Problem werden kann. Obwohl die Leute im Silicon Valley einen wohlklingenden Euphemismus für diese Phase haben (»Engagement«), ruft sie bei ihnen so ernste Befürchtungen hervor, dass sie ihre Kinder genau davor schützen. Viele der Kinder aus meinem Bekanntenkreis im Silicon Valley besuchen Waldorfschulen, an denen elektronische Geräte prinzipiell verboten sind.

Dieser Abschnitt aus Jaron Laniers »Zehn Gründe, weshalb du deine Social Media Accounts sofort löschen muss« (2018, S. 22) ist eine Variante des »Silicon-Valley-CEO-Arguments«, wie es Beat Döbeli Honegger nennt. Auf seiner Seite hat er weitere Varianten des Arguments versammelt, das man mittlerweile auf fast jeder Digitaltagung hört, in der es um Schulen und Bildung geht. Das Argument ist zu einem Meme geworden, also einer Information, die viral verbreitet wird.

Döbeli schreibt über mögliche Repliken (einige Beispiele gibt es auch hier):

Es wäre genauer zu prüfen, ob diese Aussage überhaupt stimmt und was die Gründe für dieses Verhalten wären. Es wäre auch denkbar, dass IT-CEOs schlicht viel Geld haben und sich eine Privatschule leisten können.

Mein Anspruch ist etwas kleiner: Ich habe untersucht, woher das Argument überhaupt kommt. Ein Hinweis liefert ein Interview mit Christof Wiechert, einem Seminarleiter für Waldorf-Lehrpersonen, das 2013 publiziert wurde.

Auch eine Waldorfschule?
Ist auch eine Waldorfschule. Ja, ja. Und da ist man ziemlich rigoros. Dass man sagt, also mit den Computersachen in der Schule … also bitte nicht, sagen die Eltern, denn die kommen alle aus der Computerindustrie und sagen – nicht für die Kinder

Die Eltern, die alle bei Microsoft und bei Apple und wo auch immer arbeiten.
Und das finden Sie in einem Artikel − in der New York Times ist das vor einigen Monaten gewesen − müssen Sie mal schauen, ob Sie das finden.
Das wird natürlich amerikanisch dargestellt, eine Retroschule mitten in Silicon Valley, aber dann steht da doch, weil die Eltern das so wollen. Und damit zufrieden sind.

Tatsächlich findet man diesen Artikel. Es handelt sich um ein Portrait einer Schule, der Waldorf School of the Peninsula.

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Im Artikel steht eine Statistik: 75% der Eltern, die Kinder in diese teure Privatschule schicken (ab $25’000 bis $40’000 auf High-School-Level), arbeiten in der Tech-Industrie. Da sich Schule einen Campus in Los Altos und Mountainview hat, ist das an sich wenig erstaunlich.

Die Schule selbst hat eine »Media and Technology Philosophy«. Da steht:

The media attention on WSP has largely focused on what we consider a false dichotomy: technology or no-technology? The value of what Waldorf schools practice is much more nuanced. We aim to engage children with what they really need in the order they need it (the developmental approach) and foster strong bodies, healthy senses, rounded and inspired emotional development, and a passion and curiosity for intellectual learning before introducing the powerful influence of technology.

Zusammenfassend: Es gibt eine Waldorf-Schule im Silicon Valley, die ICT zurückhaltend und nuanciert einsetzt. Drei Viertel der Schülerinnen und Schüler haben einen Elternteil, der in der Techindustrie arbeitet.

Diese Tatsache wird im »Silicon-Valley-CEO-Argument« verzerrt, verfälscht und zugespitzt – abgesehen davon, dass es gar kein schlüssiges Argument ist:

Das echte Problem liegt an einem anderen Ort. Oder genauer: An zwei anderen Orten.

Während im Silicon Valley Nannys beauftragt werden, den Kontakt von Kindern zu Technologie zu verhindern, wird in armen Quartieren an Schulen so gespart, dass Lehrkräfte durch Alexa-Geräte ersetzt werden. Das Problem besteht also darin, dass in den USA nur reiche Eltern dafür Sorgen können, dass Kinder eine qualitativ hochwertige Schulbildung erhalten, die ihren Vorstellungen entspricht. Das zeigt das Silicon-Valley-Waldorf-Beispiel. Nicht, dass Technologie per se ein Problem ist.

Ein zweites Problem zeigt diese App (Doctor Kids):

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Der Avatar weint, wenn das Kind den Shop schließt. Anzeigen und Anreizsysteme – »addictive design« sollen Kinder animieren, Geld auszugeben und ihre Aufmerksamkeit an Games zu binden. (Dieser Artikel führt das aus.)

Die Silicon-Valley-CEOs haben also das Geld für die Privatschulen ihrer Kinder auch von Apps, welche Kinder von Technologie abhängig macht: Sowohl in der Schule wie auch in der Freizeit. Wer sich also eine Anti-Tech-Nanny und eine teure Privatschule leisten kann, kann getrost fordern, dass Technologie an der Schule keinen Platz einnehmen soll. Alle anderen sollten sich überlegen, wie Kinder selbstbestimmt mit Technologie umgehen lernen. Das geschieht im Wald, beim Spielen und Lernen in Gruppen – aber manchmal halt auch am Smartphone.

»Ich will immer der Größte sein« – Gumbrecht verklärt das Silicon Valley [Rezension]

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Die Marketing-Abteilung des Football-Teams der Stanford University zeigt auf Youtube ein Video, auf dem der Stanford Professor Hans Ulrich Gumbrecht zu sehen ist. Er feiert einen Punt-Return des Teams: »Yeah…yeah, yeah, yeah!«

Auch in seinem kürzlich bei NZZ Libro erscheinen Buch »Weltgeist im Silicon Valley« scheint seine Football-Begeisterung auf: Er schaue sich die Spiele von Stanford zusammen mit Condolezzaa Rice an (offenbar trifft er sich auch mit ihr zum Lunch), zudem beteilige er »sich an der Auswahl und intellektuellen Betreuung von Spielern für Stanford College Football«.

Das scheint recht dick aufgetragen – es ist kaum anzunehmen, dass der Literaturwissenschaftler Football-Spieler selektioniert. Aber wenn er es täte, so ist nach der Lektüre der von René Scheu herausgegebenen Essay-Sammlung mit Gewissheit zu sagen, dann würde er die Auswahl der jungen Sportler mit Hegel oder Heidegger begründen.

Hegels »Weltgeist«, erklärt Gumbrecht im ersten Essay des Bandes, fände man heute in Kalifornien: Wie Hegel 1806 Napoleon »Wirkzentrum« beschreiben habe, das für die Zukunft Möglichkeiten und Bedrohungen zugleich bereithalte, so erschafft das Silicon Valley heute Produkte, die Fortschritt und Katastrophe kombinierten. Und die Energie und Entschlossenheit Napoleons sei in all den hochintelligenten Studierenden spürbar, die Computer Science im Haupt-, Philosophie aber im Nebenfach studieren würden.

Von diesen Studentinnen und Studenten erzählt Gumbrecht ausführlich und repetitiv: Christy oder Sam fallen Gumbrecht in seinen geisteswissenschaftlichen Kursen auf. Ihr Interesse an den großen Denkern aus Europa sei nicht Ausgleich zu ihrem Informatik-Studium, sondern habe einen utilitaristischen Nutzen: Um wirklich innovative Applikationen erfinden zu können, bräuchten sie das Denken Hegels, Heideggers oder Deleuzes. Damit würden sie die Welt voranbringen – Gumbrecht rechnet mit der baldigen Elimination der Armut und des Todes –, aber letztlich die menschliche Zivilisation auch auslöschen.

Ganz gelassen äußert der alternde Denker mehrmals die Gewissheit, die Menschheit sei nicht zu retten. Das nennt er dann »Intensität« oder »riskantes Denken«, darin besteht für ihn die Stärke der Geisteswissenschaften, die locker auch die Stabilität von Institutionen infrage stellen können.

In diesen Passagen klingt Gumbrecht, als würde er die Kerngedanken von Talebs »Skin in the Game« nacherzählen, ohne sich der Ironie bewusst zu sein, dass weder der Stanford-Professor noch seine Studierenden irgend ein Risiko eingehen (»eine Gruppe von Investoren hat ihm [dem Studenten Sam] und seinem Freund eine Millionensumme in zweistelliger Höhe angeboten, um eben während der Sommermonate die Arbeit an einem Start-up aufzunehmen«).

Dieser Widerspruch – riskantes Denken zu fordern ohne selbst von den Konsequenzen betroffen zu sein – wird besonders in den vielen Passagen erkennbar, in denen sich Gumbrecht gegen Kritik absichert: Die Intellektuellen in Europa würden ihm Naivität vorwerfen, seien erstarrt in »spöttischer Herablassung« gegen den jungen Unternehmen in den USA. Gumbrecht hingegen versucht zu erklären: Weshalb diese wenigen Ortschaften in Kalifornien so magisch und innovativ seien, weshalb Trump gewählt wurde, was am Feminismus ganz falsch sei und weshalb die europäischen Intellektuellen alle »Halbgebildete« seien (das ist dann zur Abwechslung ein Zitat von Adorno).

Doch die Erklärungen kommen alle zu keinem Schluss. Sie kippen in Verklärungen. Je länger man in den Essays liest (und braucht viele Anläufe, weil sich jeder Gedanke wiederholt), desto stärker entsteht der Eindruck, dass Gumbrecht das Denken abhanden gekommen ist: Im Interview mit René Scheu vermag er kaum einen Gedanken der Philosophen zu formulieren, die ihn angeblich geprägt haben – zu Derrida sagt er etwa pauschal: »Ich habe nie eine Welle der Philosophie erlebt, die so schnell verebbt…«; in seinen Essays bezieht er sich ausschließlich auf alte Bücher von weißen Männern – auch Informatik, Programmieren oder Start-Ups versteht Gumbrecht nicht. Was die Apps seiner Studierenden für Menschen bedeuten, das fragt sich der Autor nicht einmal, zumal er selbst ja gut ohne iPhone leben kann, weil ihn das beim Schreiben ja ohnehin nur stören würde.

»Nichts bleibt, wie es ist – nur, was wird aus dem permanenten Wandel?«, fragt René Scheu in der Einleitung. Damit nimmt er die Vagheit vorweg, die den Gedanken von Gumbrecht auf jeder Seite anhaftet. Leider hält sie ihn aber nicht davon ab, sich über seine Enkel lustig zu machen, die Müll trennen, oder über seine Frau, die ein Elektroauto fährt: »Sepp« weiß, dass die Menschheit sich selbst zerstört. Da fällt es leicht, »das heute gängige Gutmenschentum« zu verspotten – natürlich immer im Duktus des provozierenden, aber gebildeten Professors. Hinter dieser Fassade hört man aber deutlich seinen »Yeah…yeah, yeah, yeah!«-Schrei, mit dem er das Silicon Valley, Amerika und risiko- und morallose Leben privilegierter Menschen bejubelt.

Ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar des Buches gratis erhalten.