Martin Lindner – Die Bildung und das Netz [Rezension]

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Schlechte Sachbücher hätten als Artikel erscheinen sollen, der unnötigerweise zu einem Buch aufgeblasen wurde. Bei guten Sachbüchern wünscht man sich, sie wären als mehrere Bände erschienen.

Martin Lindners »Die Bildung und das Netz« ist ein hervorragendes Sachbuch. 2014 wurde es via Crowdfunding finanziert, 2016 gab es Nachfragen, was aus dem Projekt geworden sei. Liest man es 2017, versteht man, warum seine Entstehung so viel Zeit beansprucht hat: Erstens verspricht der Titel nicht zu viel – das Buch wird dem breiten Rahmen gerecht und beschäftigt sich mit allen Aspekten der Bildung und allen Aspekten des Netzes. Dabei verliert es sich nicht in Details, sondern zeichnet die wesentlichen Ideen und Bewegungen so nach, dass die entscheidenden Umbrüche und Argumente hervortreten. Zweitens ist der Autor das, was er einen »Guerilla-Lerner« nennt. Für ihn gilt, was Marcia Loughry aus Friedmanns »The World is Flat« als Maxime ausgibt:

In der neuen, flachen Welt muss man immer versuchen, Experte auf gleich drei Feldern zu sein. Das erste Feld ist das, was jetzt gerade der Brot-und-Butter- Beruf ist. Dazu braucht man immer ein zweites Feld, das mit dem ersten zusammenhängen sollte. Das ist das, wo man als Nächstes hin will. Und dann gibt es immer noch ein drittes Feld, das von den ersten beiden möglichst entfernt sein sollte. Und dann sollte man sich noch im Klaren sein, dass diese drei Felder sich laufend ändern werden. (Die Bildung und das Netz, Kap. 34)

Solche Bücher entstehen immer auch nebenher, sie sind eines von drei Felder, welche Menschen im 21. Jahrhundert zu bestellen haben.

Bildschirmfoto 2017-11-14 um 11.01.36Wer das Buch lesen will, kann hier Interesse daran bekunden, es erscheint in den nächsten Wochen. Im Folgenden zeige ich an einigen exemplarischen Punkten, was mich am Buch begeistert.

Jedes der Kapitel im Buch ist so geschrieben, das es für sich gelesen werden kann. Lindners hat dabei großes Geschick darin, aus einzelnen Idee, Texten oder Konzepten Zusammenhänge zu entwickeln. Als Leser verstehe ich so einen Zusammenhang besser, ich lerne aber auch einen der Bezugspunkte von Lindners Arbeit genauer kennen. Das ist deshalb wertvoll, weil er enorm viel Recherche zu den Wurzeln der Netzdidaktik und der Silicon-Valley-Ideologie betrieben hat und so aktuell sich ständig wiederholende Diskussionen auf ihre Grundlagen zurückführen kann. Die verwendete Sprache ist klar, unprätentiös und leserfreundlich. Hier schreibt ein Denker, der versteht, wie Gedanken fließen.

Ein Beispiel aus dem 3. Teil, dem Kapitel 9:

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Hier leitet Lindner aus der Kernidee von David Weinberger eine Einsicht ab, die sich sofort auf Bildungs- und andere Institutionen übertragen lässt. So bringt er auf den Punkt, weshalb das Web das Album als Sammlung von Songs genau so infrage stellt wie ein Fachgeschäft, das ein festes Sortiment vorgibt. Von dieser Idee aus lässt sich jenseits von Polemik oder Kulturpessimismus darüber nachdenken, was passiert, wenn diese Prozess das Bildungssystem ergreift, etwa »Bibliotheken, Akademien, Hochschulen aller Art. Und die innere Struktur dessen, was unsere Kultur als »Wissen« begreift: Bücher, wissenschaftliche Zeitschriften, Langtexte, Kurse, Studiengänge, Disziplinen…« (Kap. 9).

Sieht man an diesem Beispiel wie Lindner es schafft, große Entwicklungen überschaubar zu machen, soll das nächste zeigen, wie im Buch verschiedene Entwicklungen gegeneinander gehalten werden: Ausgehend von den Computerspielen »Minecraft« und »Call of Duty« hat Ceglowski darauf hingewiesen, dass sich das Netz von der Idee einer einfachen Infrastruktur, in der Userinnen und User aktiv ihre Informationsumgebung gestalten, entfernt hat. Dieses Ideal wäre »Minecraft«: Nicht elegant, aber selbst gebaut. An seine Stelle treten Webseiten, die »fett« sind: Sie präsentieren sich wie »Call of Duty« als bis ins letzte Detail geplante Umgebung, entmündigen so aber die Benutzerinnen und Benutzer. Diese Einsicht überträgt Lindner nun auf die Bildung: Auf der einen Seite steht dann für ihn etwa die Idee der »Domain of One’s Own«, die Lernenden ein »Basislager« im Netz gibt. Das ist Minecraft, das ist schlank, das ist gebastelt. Auf der anderen Seite laden die fetten Lernmanagement-Systeme ein, personalisiertes Lernen als Prozess zu sehen, bei dem sich Lernende durch Aufgaben drücken, um dann so Daten abzuliefern, die ausgewertet werden und für die Erzeugung neuer Aufgaben verwendet werden.

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Lese ich diese Zusammenhänge, wie Lindner sie präsentiert, wird mir deutlich: Das ist ein entscheidender Punkt in diesem Themenfeld. Darauf müssen wir achten, hier entscheidet sich etwas. Diese Dringlichkeit und Aktualität wirkt nie aufgesetzt: Der Ton ist zurückhaltend und nüchtern, die verwendeten Bilder aber doch einprägsam.

Es gibt die Gräser, die bereits zwischen den brüchigen Platten der 1970er-Betonbauten herauswachsen, aber man muss schon genau hinsehen, um sie zu erkennen.

Dieses Zitat am Ende von Kapitel 21 greift das Bild der »Graswurzelbewegung« auf, die mit dem schlanken Minecraft-Netz korrespondiert, während die fetten Systeme, in denen personalisiertes Lernen zu einer Simulation wird, dem Beton entsprechen, mit der Bildungsinstitutionen verfestigt wurden. Der Satz schließt einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen an Schulen ab. Lindner ist hier absolut auf der Höhe der Zeit: Er erwähnt die wichtigsten didaktischen Trends wie etwa Flipped Classroom, stellt sie ausgewogen dar und in einen Bezug zu anderen Entwicklungen.

Doch das Buch versteht Bildung nicht als schulisches Lernen. Das zeigt besonders der letzte Teil, das »Handbuch für Guerilla-Lerner«. (Hier füge ich eine kritische Bemerkung ein, die in jede Rezension gehört: Der Umgang mit dem grammatischen Geschlecht bzw. gerechter Sprache scheint mir umständlich und wenig elegant gelöst – generisches Maskulinum hier, Binnen-I an anderen Stellen: Das geht nicht auf und widerspricht den eleganten Lösungen, die der Autor für andere Herausforderungen für ein zeitgemäßes Buchprojekt gefunden hat, etwa die Wikiversity-Seite, die alle Anmerkungen im Buch erschließt und Links zugänglich macht.)

Zurück zum »Handbuch für Guerilla-Lerner«:

Was brauchen heute nicht-privilegierte Menschen, die sich bilden wollen und bilden müssen? Was brauche ich, um mir all das Material anzueignen, das durch mich hindurchfließt, und es in mein Leben einzubauen? Um selbst Texte hervorzubringen, geschrieben, gesprochen oder visuell, die ich selbst brauchen und vielleicht auch mit anderen teilen kann? Um ein emanzipiertes Subjekt in der digitalen Gesellschaft zu werden, die sich gerade erst formt?

Diese Frage aus dem Epilog ist die zentrale in diesem Buch. Sie zeigt, dass Lindner nicht als teilnahmsloser Beobachter einer Analyse von Prozessen abliefert, sondern dass er auch aus der Perspektive seines eigenen Lernens und dem seiner Tochter auf das Netz blickt. »Guerilla-Lernen«, wie es Lindner beschreibt, ist von diesem Zugang her nicht ein Trend oder eine Spielerei, sondern eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Notwendigkeit:

Auch wir müssen uns auf das raue Leben in der globalisierten und digitalisierten Welt vorbereiten, in der man ständig scheitern kann, manchmal mit und meistens ohne eigene Schuld, aber für uns ist das viel schmerzhafter und gefährlicher. Viele von uns werden vom herkömmlichen Bildungssystem ebenso wie vom Sozialsystem im Stich gelassen. Und auch die vollautomatisierten, künstlich intelligenten Bildungsmaschinen der Zukunft werden uns nicht retten. Wenn wir uns durchschlagen, dann trotz, nicht wegen der vielen »Bildungsangebote« von Schule und Hochschule, Weiterbildungsfirmen und adaptiven Cloud-Plattformen. Wir sind auf uns selbst angewiesen.

Wer sich in einer Welt fester Bildungsjobs und starker Institutionen bewegt, vergisst zu oft die globale und gesellschaftliche Perspektive auf Lernen. Die Lektüre hilft dagegen. Und das Handbuch liefert bittere Einsichten, aber auch konkrete Hilfestellungen. Lindner geht auch das wieder konsequent zurück auf die Wurzeln und den Kontext von Ideen: So präsentiert etwa die 4Ks als ein Konzept, das sich bei Rheingold und Belshaw als Idee der »digital literacy« findet und beantwortet fast beiläufig die Frage, wie dieser Begriff denn auf deutsch angemessen übersetzt werden müsste (»digitale Literanz«). Gleichwohl ist das Handbuch konkret, versammelt brauchbare Tipps, um sich im Netz als Person durchzuschlagen, die nicht in Systemen und Institutionen aufgehoben ist, sondern die Sinn, Berufung und Einkommen mit dem Netz finden muss.

Fazit: Wer über Lernen im 21. Jahrhundert nachdenkt und beim Thema Digitalisierung mitreden will, sollte das Buch lesen. Nicht in einem Zug, sondern immer wieder. Ein Inhaltsverzeichnis findet sich hier. Wie gesagt: Irgendwo anfangen. Jedes Kapitel macht Lust auf mehr.

Snapchat-Normen

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Letzte Woche durfte ich in an der Kantonsschule Hottingen über mein aktuelles Thema sprechen – Nonsens im Netz. Danach leitete ich noch einen Workshop mit den Jugendlichen (9./10. Schuljahr, 14-16-jährig). Thema: Snapchat-Normen.

Zunächst erstaunte mich, weshalb die Jugendlichen Snapchat nutzen: Die wichtigste Affordance ist der Chat, der nicht gespeichert wird. So können Eltern oder eine Partnerin/ein Partner nicht kontrollieren, was mit wem besprochen wurde. Alle anderen Funktionen von Snapchat könnten aber problemlos mit Instagram erledigt werden, war der Konsens der Gruppe.

Als Methode verwendete ich »Accountable Talk«: Ich habe ein Gespräch zur Frage moderiert, welche Normen für Snapchat-Kommunikation bestehen. Dafür habe ich zunächst an verschiedenen Beispielen vorgeführt, was eine Norm ist. (Wie sollten sich Lehrkräfte kleiden? Welches Auto sollte eine Lehrkraft fahren?)

Danach stellte ich zwei Fragen:

  1. Worüber nerven Sie sich bei anderen, wenn Sie Snapchat verwenden?
  2. Bei welchen Praktiken sind Sie selbst unsicher, wie Sie verfahren sollen?

Die Antworten habe ich gesammelt und dann mit der Klasse diskutiert. Zum Schluss wäre das Ziel gewesen, in meiner Snapchat-Story die Ergebnisse zu dokumentieren – die rege Diskussion beanspruchte aber alle Zeit, so dass ich nun hier eine Zusammenfassung festhalte.

  • Muss man auf einen »random« Snap antworten? 
    Wie bei allen Situationen hängt das von der Beziehung zur Person ab, vom Inhalt des Snaps und von der Situation, in der ich mich befinde. Je wichtiger die Senderin oder der Sender, je interessanter der Inhalt und je einfacher mir die Antwort fällt, desto eher sollte ich das tun.
    Eine Antwort wird aber klar erwartet, es ist eine soziale Verletzung, keine zu erhalten.
  • Wann darf man Screenshots machen?
    Fällt bei Personen einfacher, mit denen man in engem Kontakt steht und abschätzen kann, was wer mit einem Screenshot beabsichtigt.
  • Warum teilen Menschen Bilder in der Story und verschicken sie privat? 
    Wirkt oft aufdringlich und desperate, kann aber auch eine Möglichkeit sein, um jemanden zu markieren. Zeigt Personen, welche die Stories immer lesen, dass man das noch nicht wahrgenommen hat.
  • Zu viele Snaps in der Story
    Erschwert das Durchklicken, führt zu mehr Aufwand beim Publikum.
  • Was ist ein guter Snap? 
    Passt zur Beziehung und hat für die adressierten Personen einen Wert, eine Bedeutung, gibt ihnen eine gute Möglichkeit für eine Reaktion.

Funny-Snapchats

Portfolio-/Blogprojekt als Basis für zeitgemäßes Lernen

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Heute Morgen wurde ich in einem Interview gefragt, was denn ein Projekt im Rahmen des zeitgemäßen Lernens sei, mit dem konkret werde, wie denn das gemeint sei.

Meine Antwort: Einen persönlichen Blog einrichten.

Ich habe diese Methode vor fünf Jahren hier im Blog vorgestellt und nutze sie seither ununterbrochen mit Klassen und Studierenden.

Hier ein paar Links:

  1. Reflexion und Auswertung zum Projekt von 2013
  2. a) Anleitung Lernportfolio für Studierende, FS 2017
    b) Liste mit den Lernportfolios
  3. a) Anleitung Blogprojekt für 9. Klasse, HS 2017
    b) Liste mit den Blogs

Einige Bemerkungen zum Projekt:

Die wichtigste Wirkung ist die Einsicht: Ich habe einen Platz im Netz. In seinem neuen Buch »Die Bildung und das Netz« schreibt Martin Lindner zur »A Domain of One’s Own«-Idee:

DOOO sagt: Wir geben dir deinen Lebensraum im Web. Dein Hauptquartier, einen Rückzugsraum und ein Basislager für alle lebenslangen Lern- und Bildungsprozesse. (Kap. 12 – Das Indie-Web)

Genau dieses Ideal steht auch hinter diesen Blogprojekten. Lernende können den Blog weiterentwickeln und weiterverwenden. Das Projekt gibt ihnen zunächst eine konkrete Aufgabe, führt aber immer auch vor: Es gibt die Freiheit, im Netz was anderes zu publizieren.

In meiner Erfahrung nutzt ein konstanter Anteil von rund 30% an Lernenden diese Erfahrung für sich. Der Rest lässt den Blog fallen, wenn er für den Unterricht nicht mehr obligatorisch ist. Das ist nicht schlimm: Die Erfahrung ist auch so wertvoll und führt zum Aufbau verschiedenen Kompetenzen:

  1. Viel schreiben, viel lesen.
  2. Für ein Publikum schreiben.
  3. Feedback von anderen Schreibenden erhalten.
  4. Selbst- und Fremdwahrnehmung unterscheiden.
  5. In einem konkreten Gefäß auf den Unterricht reagieren können, wahrnehmbare Kritik üben zu dürfen.

Gerade der letzte Punkt führt zu den beeindruckendsten Ergebnissen. An meiner alten Schule war es Usus, dass die ersten Klassen im Deutschunterricht einen Aufsatz geschrieben haben, in dem sie sich den Lehrkräften vorgestellt haben. Reaktion im Blog:

Mir persönlich ist es gleich, ob ich darüber erzählen soll, was meine Hobbys sind oder welche meine tiefsten Lebensgeschichten sind oder welche Unterwäsche ich heute trage. Mir geht es um das Prinzip. Es ist einfach ungerecht, dass wir so etwas machen müssen, während die Lehrer sich zurücklehnen und über unser Leben bemitleiden oder darüber lachen, was wir als Kinder angestellt haben. Meiner Meinung nach sollten sie auch einen Aufsatz über sich schreiben, die wir dann lesen dürfen.

Das Letzte, das ich noch sagen will ist, dass immer gesagt wird, dass SIE durch den Aufsatz besser mit uns arbeiten können, aber nie die Rede davon ist, dass WIR, SCHÜLER UND LEHRER, besser zusammen arbeiten können.

Es wird deutlich: Wer das geschrieben hat, hat zeitgemäße Bildung besser verstanden als die Lehrkräfte, die sich diese Aufgabe ausgedacht oder umgesetzt hatten.

Dasselbe gilt auch für die Studierenden meines Fachdidaktik-Seminars: Auch sie üben Kritik an Lehrveranstaltungen, entwickeln eigene Ideen und Konzepte (z.B. hier) und bilden so letztlich ihr eigenes Lernnetzwerk, indem sie mitlesen, was andere schreiben, denken und planen.

Die Schwierigkeit am Projekt: Als Lehrer mitzulesen, dranzubleiben – auf alles Wichtige angemessen zu reagieren, Inputs aufzugreifen, Konflikte zu moderieren. Auch Lernende mitzuziehen, die abgehängt haben, erfordert viel Aufwand und einige Gespräche.

Aber als Fazit bleibt: Das ist meine wichtigste Methode, die ich beibehalten und immer wieder in neuen Kontexten einsetzen werde.

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Nonsens im Netz – Ankündigung und Referat

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Mein neues Buch heißt »Schwimmen lernen im digitalen Chaos« und beschäftigt sich mit Nonsens im Netz.

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Was Nonsens ist und worum es im Buch geht, steht auf einer Seite, mit der ich die Einführung begleite und auf der ich aktuelle Beobachtungen sammle.

Morgen präsentiere ich einen Teil des neuen Buches zum ersten Mal ausführlich einem Publikum an der Kantonsschule Hottingen. Die Präsentation gibt es unten als Slideshare, hier als pdf. Die gezeigten Videos sind unten eingebettet.

Der Kern des Referats stellt Techniken vor, mit denen man sich gegen Nonsens wehrt. Eine sehr verdichtete Übersicht sieht so aus wie unten. Mit Training ist dabei gemeint, die Mechanismen, die Nonsens im Netz befördern, bewusst zu brechen. Auf dem Blog werden diese Strategien vor und während der Publikation des Buches ausführlicher vorgestellt.

»digitale Bildung« und »zeitgemäßes Lernen« – Bemerkungen zu zwei Haltungen

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Diese Version des Nolan-Phasenmodells findet sich in Beat Döbeli Honeggers Buch »Mehr als o und 1« (S. 109). Zumindest in der Diskussion über Lernen und Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung befindet sich die deutschsprachige Diskussion beim Übergang von Phase 3 zu Phase 4.

Was auf der Seite der Nutzerinnen und Nutzer mit »reproduzierende Nutzung« (Phase 3) und »aktive, eigenständige Nutzung« (Phase 4) gemeint ist, wird häufig mit dem SAMR-Modell dargestellt (hier in der Darstellung von Duckworth in deutscher Übersetzung).

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Das SAMR-Modell stellt grundsätzlich die Frage, ob digitale Medien in der Schule so eingesetzt werden, dass etablierte Prozesse digital abgebildet und abgewickelt werden können, oder ob neue Prozesse entstehen.

Zu dieser Frage habe ich heute einen Tweet geschrieben, der einige Reaktionen ausgelöst hat. In diesem Beitrag kläre ich, was ich damit gemeint habe.

Meiner Ansicht nach entstehen viele Debatten aus dem Konflikt von zwei Haltungen. Diese Haltungen können in unterschiedlichen Formen und Schattierungen auftreten, auch ihre Kraft ist nicht immer vergleichbar. Die Haltungen schließen sich nicht aus, aber sie geben eine Art Ziel vor.

Die erste Haltung, habe ich mit dem Stichwort »zeitgemäßes Lernen« verbunden (von der Anbindung an Hashtags rücke ich nach dieser Rückmeldung gerne ab, ich will niemandem meine Sicht aufdrängen). Sie sieht den Medienwandel – etwa mit Michael Gieseckes Innovationsspirale – als eine Veränderung der Kommunikationsformen, des Blickes auf die Welt, der Wahrnehmung. Lernen ändert sich, weil es in einem neuen medialen Umfeld abläuft. Seine Funktion, seine Methoden, seine Bedingungen sind heute andere als vor 20 Jahren. Diese Einsicht hat Konsequenzen für die Gestaltung von Lehr- und Lernarrangements. Liest man etwa bei Christoph Schmitt mit, wird deutlich: Da gibt es Menschen, die sich intensiv mit Lernen auseinandergesetzt haben, welche die heutige Schule als grundsätzliches Problem sehen. Lernen würde aus dieser Sicht ohne Schule besser funktionieren.

Meine Sicht ist nicht ähnlich radikal, aber ich sehe einige Erfordernisse der Bildungsinstitutionen, in denen ich mich bewege, skeptisch. Noten etwa, generell die Prüfungskultur. Dann Stundenpläne, die Lerneinheiten beschränken und Lernenden einen sonderbaren Rhythmus aufzwingen. Die mangelnden Möglichkeiten zur Kooperation (bei Lehrenden wie Lernenden): Das Ideal sind Einzelkämpfer*innen. An diesen Rahmenbedingungen versuche ich etwas zu ändern, weil ich zeitgemäße Lernprozesse so verstehe, dass sie in anderen Settings gedeihen. Digitale Medien interessieren mich, wenn sie das ermöglichen können.

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Die andere Haltung geht für mich vom Adjektiv »digital« aus, also etwa von »digitaler Bildung«. Sie sucht nach einem Mehrwert digitaler Kommunikation gegenüber herkömmlichen Arbeitsformen. Dabei entstehen viele Gedanken dazu, wie Ressourcen effizient genutzt werden können, wie die Motivation von Lernenden gesteigert und differenzierte Lehrformen umsetzbar werden. Die Funktion von Hausaufgaben wird hinterfragt und im Rahmen des Flipped-Classroom-Modells überarbeitet, Übungen und Feedback mit einer breiten Palette von Tools angereichert und variiert.

Aber eine Änderung der Rahmenvorgaben ist aus dieser Haltung vielleicht nicht denkbar, nicht erwünscht, nicht möglich. Das ist zunächst einmal neutral: Diese zweite Haltung geht von einem anderen Problem aus, strebt ein anderes Ziel an. Es kann aber auch ein leichter Ärger über die erste Haltung mitschwingen: Dieser Blogpost von Bob Blume bringt das auf den Punkt. Der Ärger besteht darin, dass die Vertreterinnen und Vertreter der ersten Haltung ausstrahlen, sie seien theoretisch geschulter und in ihrer Position konsequenter.

Mir ist klar, dass diese zweite Haltung nicht einfach ist. Sie erfordert viel Initiative und Durchsetzungsvermögen. Sie ist auch nicht falsch – sie entspricht einfach nicht meinen Prioritäten. Das Nolan- wie das SAMR-Modell implizieren, dass Übergänge möglich sind und automatisch erfolgen. Wer digitale Methoden einsetzt, um im soweit akzeptierten System Wirkung zu entfalten, kann aus dieser Praxis dazu gelangen, gewisse Rahmenvorgaben zu hinterfragen. Genau so ist es aber auch denkbar, dass das, was ich »zeitgemäßes Lernen« nenne, zunächst einmal in konkreten Lern-Arrangements umgesetzt werden muss, bevor es als Leitvorstellung dienen kann.

Grafik: Zeitgemäßes Lernen

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Kürzlich habe ich für ein Referat auf einer Folie zu Beginn die »7 Säulen des Digitalen Lernens« eingeblendet. Die Darstellung stammt aus dem neuen Buch von Angelica Laurencon und Anja C. Wagner und ist hier kommentiert.

Die Idee der Liste hat mich überzeugt: Es ging darum, zu zeigen, wie Lernprozesse unter den Bedingungen der Digitalisierung ablaufen. Daran kann man schulisches Lernen messen – warum z.B. werden Zeiten und Räume so stark reglementiert, wenn das doch gar nicht mehr nötig wäre?

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Gleichwohl fand ich einige Formulierungen ungünstig: Angefangen beim Titel, wo das Adjektiv »digital« eine Abkürzung für den gesellschaftliche, medialen und wirtschaftlichen Kontext darstellt, bis zur Aussage, »Technologie« würde »Inhalte« liefern – mein Publikum stolpert über sowas, fragt nach, übt Kritik.

Deshalb habe ich die Inspiration aufgenommen und eine neue Version erstellt. Die aktuelle findet sich hier (kann unter CC BY 4.0 verwendet werden). (Unten ein paar Kommentare.)

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  • Als Titel habe ich den Vorschlag von Dejan Mihajlovic aufgegriffen, von spreche von »zeitgemäßem« Lernen. Bei Dejan heißt es dazu:

    Zeitgemäße Bildung unterscheidet beim Lernen nicht zwischen einzelnen Fächern, Klassen, Schularten oder formaler und non-formaler Bildung. Das Web nimmt dabei eine bedeutende Funktion ein. Die Rolle des Lehrenden und Lernenden ist flexibel und kann wechseln. Zeitgemäße Bildung braucht Räume für Lernprozesse mit Trial and Error. Räume, um neue Konzepte zu entwickeln oder Projekte durchzuführen. Nur neue Prüfungsformate und Bewertungsansätze werden diese Räume ermöglichen. Zeitgemäße Bildung leitet eine Epoche der zweiten Aufklärung ein und strebt eine Mündigkeit an, die unsere Gesellschaft aus der Beobachterstellung befreit und zur Mitgestaltung des digitalen Wandels befähigt.

    Hier zeigt sich schon: Meine Liste lässt vieles weg. Fehlerkultur, Prüfungsformate, flexible Rollen, informelles Lernen: All das fehlt oder wird nur angesprochen. Die Liste ist eine Anregung, sich Gedanken zu machen, keine differenzierte Position zum zeitgemäßen Lernen (diese findet sich bei Dejan).

  • Die Icons sind aus einem Set, das mir gefällt. Sie lockern die Liste auf und nehmen meine Präsentationsstrategie auf, mit Bildern zu Zuhörerinnen und Zuhörern kleine Aufgaben zu stellen. Aber sie passen nicht alle gleich gut. Hier zeigt sich: Ich bin ein Amateur in diesem Bereich. Meine Mittel sind beschränkt. Wer die Idee aufgreifen und verbessern will: Es würde mich freuen.
  • Ich habe meine Grafik zuerst in einem eher kleinen Lernnetzwerk geteilt und sehr gemischte Reaktionen erhalten – mein Eindruck war: Das war eine blöde Idee, diese drei Stunden hätte ich besser einsetzen können. Ein paar Tage später habe ich Folien gestaltet und gemerkt, dass ich diese Darstellung doch ganz gerne benutzen würde. Also habe ich sie noch einmal leicht überarbeitet und sie gestern auf Twitter geteilt – mit der Bitte um Kritik. Daraus sind viele Anregungen entstanden. Ich habe zwei Punkte ergänzt, Icons ausgetauscht und einige Formulierungen angepasst. Auch den Titel habe ich angepasst. Fazit:

(Mittlerweile habe ich schon wieder weitere leichte Veränderungen vorgenommen, die ich hier nicht alle dokumentieren werde. Eine Versionsgeschichte kann hilfreich sein:

Mir ist bewusst, dass das nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Wichtiges fehlt. Gewisse Begriffe sind unterschiedlich besetzt (besonders das Lernen in Projekten, was offenbar auf mehr Widerstand stößt, als ich erwartet hätte). Die Formulierungen sind viel zu knapp. Aber ich hoffe, mit meiner Arbeit lässt sich weiterarbeiten.

Tafelanschriebe

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Bob Blume hat eine Blogparade zu »Tafelanschrieben« gestartet – ein guter Grund, meine Praxis hier kurz vorzuführen und ein paar Beispiele zu zeigen.
Für meine Fachdidaktik-Module habe ich ein Handout dazu erstellt, es ist hier greifbar.  

* * *

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Die Logik der Wiederholung – Notizen zu einem Gespräch.

Eine der wichtigsten Methoden in meinem Unterricht ist »accountable talk«: Im Klassengespräch entwickeln Lernende eigene Ideen und formulieren Vorschläge, wie Probleme bearbeitet werden könnten. Andere hören zu, denken mit, fragen nach, kritisieren und formulieren die Einsichten in eigenen Worten.

Diesen Prozess stütze ich oft mit Tafelanschrieben. Diese sind also nicht geplant, sondern entstehen im Sinne der agilen Didaktik in der Unterrichtssituation. Das kann auch bei Close Reading von Texten oder als Unterstützung von spontanen Lehrvorträgen geschehen.

Tafelbilder erleichtern den Lernenden:

  1. Zwischenschritte in Gedankengängen zu erkennen
  2. komplexe Zusammenhänge zu verstehen
  3. sinnvolle Notizen zu machen

Die Wandtafel ist ein Arbeitsinstrument. Sie erfordert keine Perfektion, sondern begleitet andere Unterrichtsaktivitäten. Ihre Funktion grenzt sich ab von

  • Computer-Projektion: für fertige Bilder/Visualisierungen, vorbereitete Lehrvorträge
  • Visualizer oder Tageslichtprojektor: für die Arbeit an Textvorlagen, z.B. Gedichten
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Begleitung von Close Reading eines Ethik-Textes.

Eine Bemerkung zu meinem Workflow: Ich stelle Klassen wichtige Tafelbilder digital zur Verfügung. Dazu fotografiere ich sie mit meinem Handy und lade sie direkt in entsprechende Ordner bei Google Drive, Evernote oder Dropbox, die im Intranet im Klassenarbeitsbereich verlinkt sind oder mit einem Kurzlink immer wieder in der WhatsApp-Gruppe der Klasse geteilt wird.

Dabei geht es weniger darum, eigene Notizen der Lernenden obsolet zu machen, als vielmehr um eine Information von Abwesenden und ein Signal: Das empfinde ich als ein wichtiges Resultat dieser Lektion. Auch für mich entsteht so eine Erinnerung daran, was in den letzten Lektionen gelaufen ist, mit welchen Begrifflichkeiten wir gearbeitet haben und welche Kernideen formuliert worden sind.

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Unterstützung eines Lehrvortrags zur Dreiaktstruktur im Hollywood-Storytelling.

Die Zukunft des Lesens

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Ende September war ich in München auf einer Tagung zu diesem Thema. Wie immer im Umgang mit digitaler Kultur interessiert mich bei der Frage, wie Menschen in Zukunft lesen werden, zunächst einmal eine Beschreibung von Praktiken, weiter dann eine Erklärung, warum Menschen sich verhalten, wie sie sich verhalten. Beobachtung und Analyse ziehe ich der anekdotischen Evidenz der Selbstbeobachtung und dem vorschnellen Urteilen über die Bedeutung veränderter Verhaltensweisen vor.

Was ich damit meine, führt ein Interview mit Philipp Keel, dem Diogenes-Verleger, exemplarisch vor.

Wir sehen aber eine Generation heranwachsen, die, ohne es moralisch zu werten, von den Eltern eher mit einem Smartphone ausgerüstet wird, als dass gemeinsam ein Billy-Wilder-Film oder eine Ausstellung von Manet angeschaut würde.

Würde das tatsächlich ohne moralische Wertung gesehen, sähe Keel wohl auch, dass das Smartphone durchaus auch Wilder-Filme oder Manet-Bilder darstellt. Er sähe es als Kulturzugangsgerät – was es für Jugendliche ist.

Stattdessen überhöht er aber den eigenen, bildungsbürgerlichen Medieneinsatz:

[D]as Internet, das für uns so unentbehrlich geworden ist, gibt uns alles, nimmt uns aber viel Zeit und Kraft und beeinträchtigt spürbar unsere Phantasie. Ich glaube, wir sind regelrecht stumpf geworden, lassen uns von einem kleinen blöden Gerät leiten, das uns den Verstand raubt.  […] Dabei sind wir, so meinen wir, gleichzeitig gezwungen, permanent auf alles, was um uns herum geschieht, zu reagieren. Das sind die Anforderungen heutiger Kommunikation. Das ist es, was uns so müde macht. Dabei vergessen wir, über das, was uns beschäftigt, eine Nacht zu schlafen, reaktionsfreie Momente im Leben fehlen. Hier hat das Buch seinen Platz, als Sinnbild der Entschleunigung. In einer Welt, in der man von uns vor allem erwartet, praktisch zu sein und zu funktionieren, ist das schwer.

Zu denken, eine Welt ohne Netz sei langsamer, weniger stark auf Erwartungen anderer bezogen, mehr dem Sein als dem Haben zugeordnet, um die Terminologie von Fromm zu verwenden – das ist im besten Fall sentimental, im schlechtesten Fall intellektuell unredlich. Menschen waren schon immer müde und unzufrieden, reagierten mehr als dass sie agierten, war außer sich statt in sich.

Der Wunsch, einfach mal ungestört einen 500-seitigen Roman zu lesen, begleitet mich seit ich lese. (So viel anekdotische Evidenz gestatte ich mir.) In gewissen Phasen gelingt es mir gut – in den Sommerferien habe ich auf meinem Kindle »Swing Time« gelesen und erst danach in einer Buchhandlung bemerkt, wie dick der Roman ist. In anderen bleibt vieles ungelesen. Das alles hat aber mit dem Lesen der Zukunft wenig zu tun.

Die Frage ist, ob wir ein bestimmtes, sehr enges Modell des Lesens (in Ruhe kanonisierte Belletristik lesen) bevorzugen und viele Anstrengungen unternehmen, um diese Leseform zu fördern, die immer schon nur für eine Elite möglich und wichtig war. Oder ob wir den Blick auf diverse Lesepraktiken öffnen und bemerken, dass auch Computerspiele und Comics gelesen werden, dass das Netz unsere Phantasie nicht betäubt, sondern in vielen Phasen anregt.

Wenn wir bereit sind, offen hinzusehen und nach Erklärungen zu suchen, brauchen wir bessere Botschafterinnen. Keel verteidigt – völlig zurecht – einen Markt, in dem er für die Löhne von Angestellten und Autorinnen und Autoren verantwortlich ist. Dafür ist es wichtig, dass viele Bücher verkauft werden. Werden sie mit einem selbstbestimmten, zufriedenen Leben assoziiert, ist das gutes Marketing. Mehr aber nicht.

Von »Deep Reading« zu »Deep Gaming«?

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Die Professorin Maryanne Wolf beschäftigt sich intensiv mit Lesen und Digitalisierung. In einem Interview erklärt sie, was sie mit dem Konzept »Deep Reading« meint:

I place all of those comprehension processes under the rubric of deep reading. For me, expert reading involves everything from getting the information off the page to a reverse hierarchy of ever deeper skills, mov ing from adding background knowledge to inference and analogy, induction and deduction, perspective taking, and critical analysis.

As we go ever deeper into our own insights, we to read using ideograms and those who learn to read sometimes reach epiphanies beyond any information from the author. These insights are the basis for new thoughts that were not there before, and, perhaps, for anyone else. In essence, we move to read primarily using digital devices? Are those during expert reading from the surface to the deepest levels of thought.

Zusammengefasst bedeutet »Deep Reading« also ein tiefes Verständnis eines Textes sowie ein tiefes Versinken in einen Text, bei dem kreative Prozesse ausgelöst werden.

Im Interview formuliert Wolf eine Kritik, die heute verbreitet ist: Digitales Lesen erschwere »Deep Reading«. Einerseits sei die Ablenkung ein Problem, weil der Leseprozess ständig unterbrochen werde, andererseits suggerierten Bildschirme als Lesemedien auch bei den vergleichsweise ruhigen E-Book-Readern mit papierähnlichen Darstellungen, es gehe darum, möglichst effizient und schnell zu lesen.

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Shelfie mit Wolf – und ihrem Tablet

Der tendenziell warnenden Perspektive von Wolf steht eine gelassenere gegenüber, wie sie in der Einleitung des Bandes »Lesen X.0« zu finden ist:

Die Digitalisierung ändert nicht nur die Medien des Lesens, sondern auch die damit verbundenen Praktiken und Prozesse. Die Gegenwart konfrontiert Leser*innen mit neuen Vernetzungsmöglichkeiten, Lektüreweisen und Lesestoffen. Diese Entwicklungen lassen sich momentan nur schwer überblicken, weil sie so umfassend und aktuell sind, dass sie sich in ihrer Tragweite kaum einordnen und in ihrer Bedeutung für die Zukunft des Lesens kaum einschätzen lassen.

In diesem Band zeigt der Aufsatz von Naomi Baron, was die Konkurrenz zu »Deep Reading« ist: »Hyper Reading«.

Digital media also facilitate multitasking, which is antithetical to focused reading. As a result, assigned reading that is accessed digitally structurally encourages hyper reading, rather than deep reading. Recall the definition of hyper reading “a strategic response to an information-intensive environment, aiming to conserve attention by quickly identifying relevant information, so that only relatively few portions of a given text are actually read”.

Dieser Lesemodus beschleunigt den Leseprozess, indem wichtige Informationen durch Überfliegen entnommen werden. Studierende betreiben oft digitales »Hyper Reading«, um analoges »Deep Reading« zu vermeiden, so Barons Beobachtung.

*  * *

Im Folgenden soll eine Gegenthese zum Verfallsnarrativ Barons aufgestellt werden, wonach »Deep Reading« durch »Hyper Reading« ersetzt wird. Diese These kann mit dem Begriff des »Deep Gaming« benannt werden. Sie postuliert, dass das Spielen von Computerspielen ähnliche Prozesse auslöst, wie sie Wolfe für das Lesen von Belletristik und Sachliteratur postuliert, also tiefgreifendes Verständnis und kreative Versenkung.

Folgt man Bachleitner (»Das Lesen digitaler Literatur«, 2010), dann sind Computerspiele eine Möglichkeit digitalen Lesens (»Lesen als/und Spielen«). Einen ihrer Effekte beschreibt Henkel im oben verlinkten Band:

A traditional assumption is that interaction with mobile devices is conducive to distraction. In contrast to this assumption, the game scholar Brendan Keogh has urged that mobile games create a kind of “co-attentiveness, where the player is paying full attention to two worlds at one time”. Going along with this idea, reading literature in the form of literary apps opens up opportunities to overcome traditional dichotomies like attention vs distraction and immersion vs distance. The multisensory interface of the literary app promotes a dynamic relation between the reader and the fictional world, a “co-attentiveness”, i. e. a simultaneity, where the reader’s attention is kept in an immediate and tactile identification, at the same time being anchored in the real technological and digital world by means of the mobile device and the actual reading situation.

Wenn hier von einer neuen Form der Konzentration die Rede ist, dann gilt das auch für die Erzählweise: Kai Matuszkiewicz hat etwa nachgewiesen, dass in Computerspielen eine Geschichte erzählt wird (mediales Erzählen), die Spielenden aber auch Geschichten erfinden (personales Erzählen) – oft gemeinsam mit anderen in Foren oder vermittelt durch Let’s-Play-Videos. Neben Konzentration und Erzählform ist die Beherrschung eines Spiel, seine genaue Kenntnis, die Reaktion auf Ereignisse und das Erforschen von Glitches, Easter Eggs und anderen Eigenheiten der Spielwelt von entscheidender Bedeutung, um von »Deep Gaming« sprechen zu können.

Möglicherweise muss dieser Begriff in der Diskussion geschärft werden (bislang wird »Deep Gaming« primär für Erfahrungen mit »Virtual Reality«-Tools verwendet). Immersion und Kreativität ist besonders auch im Umgang mit Serien erlebbar (Fan Fiction). Mir scheint aber naheliegend, dass »Deep Reading« nicht von »Hyper Reading« verdrängt wird, sondern dass »Deep Gaming« die Effekte von »Deep Reading« aufgreift und dem Lesen in digitalen Kontexten deshalb eine andere Bedeutung zukommt.

Vier Social-Media-Typen in der Bildungscommunity

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Wie wir Social Media verwenden und wahrnehmen, hängt stark von unserer Persönlichkeit ab. Wer sich gerne mitteilt und darstellt, erhält ein großes Forum, wird aber von außen oft auch so wahrgenommen. Wer viele Informationen als privat einstuft, ist vom Oversharing vieler Personen nachhaltig irritiert.

Vier speziellen Persönlichkeitstypen ist dieser Beitrag gewidmet. Sie bewegen sich alle in der Bildungsbubble im Netz. Der Beitrag spitzt zu – er ist eine Kritik, ohne zu vergessen: Wir alle gehören zu einem Typ. Nur denken wir halt, unser sei jeweils der richtige.

Die Lurkerin sieht alles, hinterlässt aber keine Spuren. Beim Treffen auf der Weiterbildung zeigt die gut vorbereitete, leicht spitze Bemerkung aber, dass der Online-Diskurs nicht an ihr Vorbeigeht. Die Kommentarschlacht bei Facebook ist ihr genau so wenig entgangen wie die Kontroverse auf Twitter. Nur einmischen – das würde sie sich nie. Sie hat zwar eine klare Meinung, doch die gehört in Gespräch unter vier Augen. Auch mit Freunden von Freundinnen spricht sie gerne, wenn die Gelegenheit passt.

Ihre Haltung drückt eine gewisse Verachtung gegen Online-Kommunikation aus, die ihr aber gerade das Material liefert, um analoge Diskussionen zu führen. Ihre seriösen Vorarbeiten erschweren es aber Gesprächspartnerinnen und -partnern, gehaltvoll zu erwidern. So hallt das Urteil der Lurkerin dann lange nach. Das dürfte nicht unbeabsichtigt geschehen.

Der nicht-vernetzende Vernetzer ist meist ein Mann. Er ist beruflich erfolgreich, aber wäre gerne noch etwas erfolgreicher oder bekannter. Ihn sollte man zu Workshops oder für Vorträge einladen, findet er. Auch einem Buchprojekt wäre er nicht abgeneigt, hat er doch viele wichtige Ideen, für die er zuweilen ein #geheimprojekt ins Leben ruft. Seine Vorschläge kreisen oft um die neuen Arbeitsformen in den Neuen Medien. Vernetzung ist da ganz wichtig, findet er, Kollaboration und Kritik auch. Wer Social Media macht, ohne in den Dialog einzusteigen, habe gar nichts begriffen, sagt er bei jeder passenden Gelegenheit allen, die zuhören.

Schaut man genau hin, dann ist sein Bild von Vernetzung, von Kritik, Sharing und Dialog aber recht eindimensional. Der Typ, mit dem wir es zu tun haben, möchte gerne vernetzt werden – selber vernetzen mag er weniger. Er äußert Kritik, sitzt Kritik an eigenen Projekten aber entweder aus oder verlagert sie in private Gespräche, damit sie in sozialen Netzwerken für andere nicht sichtbar wird. Teilen tut er, wenn er sich davon was verspricht. Genau so stößt er selbst den Dialog an – tut es jemand anderes, wir der sonst so eifrige Vernetzer schnell still.

Ob er sein paradoxes Verhalten bemerkt, ist für Außenstehende nicht klar. Wenn er schroff wirkt, tut er das sicher mit einer pädagogischen Absicht. Schließlich müssten nur alle das tun, was er will – dann würde Kollaboration auch problemlos funktionieren.

Der Kritiker verpasst keine Debatte. Hat er wenig Zeit, hinterlässt er die passiv-aggressiven Likes, die andeuten, dass er mitliest und die Seite stärkt, welche an einem Projekt etwas auszusetzen. Mit mehr Zeit formuliert er seine Kritik recht ausführlich. Hart darf sie sein, weil sie ja fair und rational begründet ist. Emotionen blendet der Kritiker aus, sie tun nichts zur Sache.

Der Kritiker kennt alle Entgegnungen auf seine Kritik. Dass er selber mal etwas erarbeiten sollen ist für ihn genau so ein Ablenkungsmanöver wie die Forderung, doch auch einmal zu anerkennen, was andere leisten. Seine Maßstäbe sind nicht Fleiß oder praktische Kompromisse, sondern das klare Denken. Wer damit nicht zurechtkommt, soll die Schuld nicht ihm zuweisen, sondern die eigene Schwäche anerkennen.

Die Netzwerkerin kennt alle. Und alles. Wer mit wem wo ein neues Projekt am Laufen hat, wo eine Publikation entsteht und was in diesem Zusammenhang auch noch interessant wäre: Sie teilt es freundlich und konstruktiv mit. Und ist dabei diskret. Sich selbst nimmt sie oft raus – um sie geht es gar nicht, sie will anderen helfen, die Sache der digitalen Bildung voranzubringen. Sie lobt gern und schreibt Mails mit positivem Feedback. Sie kauf für Tagungen Blumen und Schokolade und gibt eine Liste rum, auf der sich alle eintragen können, die zum Thema in Kontakt bleiben möchten.

Für ihr Networking schätzen sie viele. Ihre eigene Arbeit wird dabei oft übersehen: Dass sie über ein Thema mehr weiß als die Person, der sie nach dem Applaus die Blumen und die Schokolade überreicht, ist zwar allen irgendwie klar: Aussprechen tut es aber niemand.

 

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