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Digitale Wahlkampagnen in der Schweizer Lokalpolitik

In den letzten Jahren habe ich mehrmals bei lokal politischen Wahlkampagnen mitgeholfen und dabei einige Einsichten gesammelt, die ich hier verdichtet formuliere. (Lokal meint hier einen Wahlkreis, der kleiner ist als ein ganzer Kanton.)

Das Ziel einer solchen Kampagne ist, dass eine Kandidatin oder ein Kandidat möglichst viele Stimmen erhält. Mein Fokus richtet sich dabei auf digitale Massnahmen: Profile auf Plattformen, Werbeanzeigen, Interaktionen, Content.

(1) Der Blindflug

Meist sind kaum Daten vorhanden, die ein strategisches Vorgehen zulassen. Das betrifft alle Aspekte des digitalen Wahlkampfs:

  • wie viele potentielle Wählerinnen und Wähler über gewählte Kanäle erreichbar sein könnten
  • wie viele Views/Interaktionen einen vergleichsweise guten Wert darstellen (im Vergleich mit anderen Kandidierenden oder im Vergleich mit ähnlichen Kandidierenden aus früheren Wahlen)
  • wie die Plattformen die eigenen Inhalten überhaupt ausspielen (wem werden Inhalte einer FB-Seite angezeigt im Vergleich mit einem persönlichen Profil, wie gut performt ein Video, ein Link auf eine externe Seite, ein Text/Bild-Post etc.)
  • wie stark ist die Wirkung digitaler Werbung im Vergleich mit nicht-digitaler Werbung im öffentlichen Raum.

Daten zu erhalten würde entweder viel kosten oder bedingen, dass mehrere Kampagnen erfasst und ausgewertet würden. Grundsätzlich kann man von Erfahrungen, anekdotischer Evidenz und Bauchgefühl ausgehen.

(2) Imagepflege und Storytelling

Wer kandidiert, will möglichst breit ein gutes Bild abgeben. Die eigene Qualifikation und Kompetenz betonen, die Schokoladenseite des eigenen Lebens zeigen. Hochglanz.

Damit lassen sich kaum mehrere Wochen Wahlkampf wirkungsvoll bespielen. Wirkungsvoll bedeutet, dass Interaktionen entstehen und die Reichweite so auch ausgebaut wird. Kürzlich habe ich festgehalten, wie wichtig rauer Content ist, also Beiträge, die Reibungsflächen erzeugen. Ideal dafür sind Geschichten, die erzählt werden – Geschichten aus dem Leben der Kandidierenden, an denen ein echtes Interesse bestehen kann (wer linke Verkehrspolitik macht, zeigt Bilder aus dem alltäglichen Fahrradverkehr, mal lustige, mal ernste, aber solche, welche das Publikum auf eine virtuelle Reise mitnehmen – wer rechte Verkehrspolitik macht, nimmt kurze Videos im Auto auf, zeigt die unmögliche Parkplatzsuche und die nervenden Staus, mal verärgert, mal leicht selbstironisch…)

Gute Geschichten entwickeln Konflikte, lassen Schattenseiten erahnen, zwingen zu Positionierungen: Das widerspricht dem Impuls, ein makelloses Image zu präsentieren.

Das zwingt Kandidierende zu einer Entscheidung: Lebendiger Online-Wahlkampf, bei dem der Hochglanz einige Kratzer abbekommt, oder eher langweilige, repetitive Imagepflege.

(3) Die eierlegende Wollmilchsau – und ihr Lohn

Um online wirkungsvolles Polit-Marketing machen zu können, muss jemand:

  • digitale Inhalte ansprechend gestalten können, auch Webvideos
  • sprachlich sicher und prägnant formulieren können
  • die Wirkung von Beiträgen beurteilen können
  • Interaktionen und Daten einschätzen können
  • die Funktionsweise der verwendeten Plattformen beherrschen
  • Kampagnen-Entscheidungen schnell fällen können
  • cross-medial denken (wie verhalten sich Online-Kommunikation zu Earned Media in Lokalzeitungen und zur Offline-Kampagne)
  • Monitoring betreiben können
  • schnell reagieren und oft online sein können.

Können das Kandidierende selber, sind sie im Vorteil. Lassen sie sich dabei unterstützen, können sie sich den Aufwand von Profis nicht leisten – die Aufgabe beansprucht in der heißen Phase und in ihrer Vorbereitungszeit rund 10 Stunden pro Woche. Nur ein Teil davon entlastet die Kandidierenden – sie müssen die Entscheidungen weiterhin selbst fällen.

(4) Online werben – und wie genau? 

Sollen Beiträge im Netz beworben werden? Die Herausforderung besteht darin, in der relevanten, meist sehr kleinen Zielgruppe, wirksame Werbung schalten zu können. Die Sichtbarkeit lässt sich mit dem Einsatz von Anzeigen erhöhen – aber die Anzeigen können Leute auch vor den Kopf stoßen (»Nun sehe ich dieses Gesicht auch noch auf Instagram?«).

Zudem machen sich die fehlenden Daten (1) bemerkbar. Gezieltes Online-Marketing ist nur mit guten Daten wirklich effizient. Es ist für Laien leicht, ein paar Tausend Franken bei Facebook zu investieren, ohne einen wirklich klaren Ertrag damit zu erzielen. Im Falle von Polit-Kampagnen ist der Ertrag auch schlecht messbar – was zählt, sind Stimmen, nicht Klicks auf die eigene Homepage oder die Facebook-Seite.

Sinnvolle Werbemassnahmen aus meiner Sicht:

  • Bannerwerbung bei Lokalzeitungen oder auf wichtigen lokalen Seiten
  • spezifische Google AdWords, um die Menschen anzusprechen, die einen auch finden wollen
  • hochwertige, aber raue und catchy Kurzfilme über FB ausspielen und sie dann auch auf Instagram zu zeigen – und die Reichweite mit etwas Geld zu steigern

Letztlich geht ein lokaler Wahlkampf aber auch 2019 gut ohne Online-Werbung.

(5) Die eigene Homepage

Die Investition lohnt sich. Mit wenig Aufwand besetzt die eigene Homepage den ersten Suchplatz bei Google und hilft dabei, sich so im Netz zu präsentieren, wie man erscheinen will. Sie ist auch der Ort, wo Bilder und Texte selbstbestimmt publiziert werden können, die dann vielfältig im Netz Verwendung finden können.

(6) Oder kann man es auch lassen? 

Ideal ist eine kontinuierliche Präsenz und der Aufbau von Reichweite, bevor sie politisch genutzt werden soll. Doch fehlt diese Präsenz vor dem Wahlkampf – lohnt sich dann der Aufwand?

Wahrscheinlich nur in einem sehr reduzierten Maße: Facebook-Profil und wenig Monitoring (Google Alert).

Ganz allgemein scheinen mir Begegnungen mit Menschen wichtig: Wer einen kennt, trägt Empfehlungen weiter. Begegnungen können offline und online entstehen. Damit sie aber vertrauensbildend wirken, braucht es online viel Erfahrung und entsprechende Strategien. Der Aufwand ist für Anfängerinnen und Anfänger größer.

(7) Ideen zum Verschenken

Ich habe noch einige Ideen, die mitnehmen kann, wer sie haben will.

  1. Der Doppelwahlkampf mit Reflexionsebene: Zwei Menschen kandidieren und treffen sich immer wieder, um über den Wahlkampf zu reden. Daraus entsteht ein Vlog/Podcast, aber auch jede Menge anderer Content, in denen Menschen wahrnehmbar über Politik reden.
  2. Die Begegnungen auf der Straße ins Netz tragen: Flyer verteilen, mit Menschen reden, fragen, ob man ein Bild für Instagram machen dürfe und den Selfie-Stick zücken. Diese Portraits dann kurz kommentieren und so online Lust für ein Treffen machen und die Offline-Wahlkampf ins Netz tragen.
  3. Der Info-Blog: Marcel Baur bloggt zu verschiedenen Themen der Politik in St. Gallen. Das ist eine ideale Wahlkampf-Idee: In Text und Bild zeigen, dass man sich auskennt in der Gegend und seriöse Ideen hat.
  4. Dinovember – aber für Wahlen: Eine Ehepaar hat als Familien-/Kunstprojekt Dinoinstallationen vorgenommen und fotografiert. Spielerisch haben sie die Idee umgesetzt, in ihrem Haushalt hätten sich kleine Dinos eingenistet. Eine solche Geschichte könnte man gut auch für den Wahlkampf erzählen: Ein putziges Alter-Ego finden (Lego-Figur, Stofftier, Puppe etc.), mit dem sich dann die Erlebnisse aus dem Wahlkampf verarbeiten lassen, mal lustig, mal Frust los werden, mal alle Mitlesenden motivieren, einen zu unterstützen.

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Weglassen – eine Herausforderung für die Bildung im 21. Jahrhundert

Gestern wurde mir endlich klar, dass meine WordPress-Installation, die ich für meine Fachdidaktik-Seminare nutze – fd.phwa.ch – von Malware infiziert war. Ich kann WordPress in wenigen Minuten aufsetzen, updaten und nutzen. Aber ich habe kein Ahnung, was ich tun soll, wenn Malware installiert wurde. Ich weiß auch nicht, wie ich meinen Farblaser-Drucker reparieren könnte, wenn es nicht darum geht, ein paar Knöpfe zu drücken oder teures Ersatzmaterial zu bestellen. Um die Software auf meinem Handy neu zu installieren, weil Gespräche oft nach wenigen Sekunden abbrechen, fehlt mir die Zeit, genau so wie dafür, Windows-Steam auf meinem Apple-Rechner aufzusetzen, um endlich Spelunky spielen zu können.

Kurz: Ich muss mich fokussieren. Vieles von dem, was ich beruflich oder privat können sollte, kann ich alleine nicht. Ich weiß, wie ich Hilfe bekomme, und beanspruche sie auch (das WordPress-Problem hat Claudio schnell und unkompliziert für mich gelöst). Und doch wende ich viele Strategien an, um Probleme zu vermeiden. Ich verwende Geräte einer Marke und verzichte darauf, weitere Geräte anzuschaffen, auch wenn mich das manchmal reizt. Ich verwende immer wieder dieselbe Software, mit der ich Aufgaben lösen kann. Ich bin zu Kompromissen bereit, auch wenn ich weiß, dass es bessere Lösungen gäbe.

Das ist nur ein Ausschnitt aus dem, was an digitalen Kompetenzen auf uns zukommt. Geräte und Websites zu pflegen ist im Vergleich zu Kommunikation, Politik und kritischem Denken in einer Kultur der Digitalität leicht. Wir können nicht alles gleichzeitig beherrschen. Mehr noch: Wenn wir uns damit auseinandersetzen, müssen wir auf andere Dinge verzichten, die auch wichtig sind.

Und das ist das Fazit für die Bildung: Sie muss sich in der Kunst des Weglassens üben. Wenn Kinder und Jugendliche Kompetenzen für den Umgang mit dem Netz erlernen sollen – und das sollen sie unbedingt – müssen sie entlastet werden. Wir müssen ihnen zutrauen, dass sie anderes später oder anders lernen. Nur was ist das andere? Ist es die Handschrift? Nein, sagen viele, die ist zu wichtig für die kognitive und motorische Entwicklung. Sind es Fremdsprachen? Nein, sagen viele, was sind wir Menschen, wenn wir nicht andere Sprachen und damit andere Perspektiven erlernen können? Sind es Naturwissenschaften? Nein, MINT-Kompetenzen sind ganz entscheidend, auch wirtschaftlich. Ist es das Lesen literarischer Texte? Nein, was für ein Verlust wäre es, wenn junge Leute nicht mehr lesen würden. Sport und kreative Fächer können es auch nicht sein, denn Bewegung und Gestaltung sind von enormer Bedeutung. Was also ist es?

Darüber müssen wir nachdenken.

(Auch diese Gedanken sind das Resultat von Gesprächen an der Dießener Klausur »Mensch/Maschine/Zukunft«.)

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by makeroom 

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Gegen digitale Ohnmacht

Die Digitalisierung – besser vielleicht digitale Transformation – wird von Gesprächen begleitet, die Ohnmacht erzeugen. Menschen fühlen sich aus verschiedenen Gründen ohnmächtig: Weil sie eine Transformation erleben, die sie nicht selber angestoßen haben, aber deren Auswirkungen sie bemerken. Sie sind auch ohmmächtig: Weil Konzerne und andere Institutionen ihnen die Freiheit entziehen, relevante Belange selbst entscheiden zu können. Aber – und darum geht es hier – sie machen sich oft auch ohmächtig, indem sie ihre Ressourcen für Gespräche aufwenden, aus denen keine Handlungen entstehen können, in denen nichts entschieden, nichts verändert werden kann.

Was sind das für Gespräche?

  1. Diskussionen über Vor- und Nachteile einer Veränderung, die nicht direkt beeinflusst werden kann.
  2. Klagen über die Mediennutzung Abwesender, besonders Jugendlicher, aber auch Gamer, Menschen in Japan oder China oder Influencerinnen.
  3. Entwickeln von Visionen einer digitalen Zukunft ohne Geländer – also freies Assoziieren zu Szenarien, die alle vom Hörensagen oder aus Black Mirror kennen und die dann zum Ausmalen dystopischer oder utopischer Zustände führen.
  4. Forderungen an Politik, Gesetze oder Verantwortliche stellen, die nicht anwesend sind.
  5. Forderungen an Individuen stellen, die nichts bringen.
  6. Sich eine weitere Aufklärung herbeiwünschen, ohne bereit zu sein, dazu beizutragen.
  7. Die großen Internetkonzerne und das Silicon Valley ganz schlimm finden.
  8. Feststellen, »die Bildung«, »die Wirtschaft«, »die Gesellschaft« müssten ganz anders werden.

Was hilft dagegen? Räume schaffen, in denen Verantwortung leicht übernommen werden kann.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie das geschehen kann:

(1) Konkrete Umsetzungen planen
Wenn Menschen zusammenkommen um ein Gespräch über digitale Transformation zu führen, ganz hartnäckig darauf bestehen, im Laufe des Gesprächs verbindliche Maßnahmen zu beschließen. Das Gespräch muss darin münden, dass etwas anders wird. Das hat zwei Konsequenzen: Erstens fokussiert man auf die Aspekte der Gesellschaft, auf die Anwesende einen Einfluss haben. Zweitens holt man Verantwortliche in die Gespräche rein und bringt sie dazu, Entscheidungen mitzutragen. 

(2) Überzeugungen und Vernetzungen entstehen lassen
Dejan hat mich auf einen anderen Zugang hingewiesen: Er arbeitet mit lokalen Barcamps, auf denen in Freiburg Ideen entstehen und Verantwortliche verschiedener Institutionen Netzwerke schaffen können. Daraus entsteht dann die Überzeugung zu handeln – verstanden im Sinne Arendts:

Die einzige rein materielle, unerläßliche Vorbedingung der Machterzeugung ist das menschliche Zusammen selbst. Nur in einem Miteinander, das nahe genug ist, um die Möglichkeiten des Handelns ständig offen zu halten, kann Macht entstehen […] (Vita Activa, S. 195)

(Für den Hinweis auf den Begriff des Handelns bei Arendt danke ich Marina.)

Barcamps und andere offene Veranstaltungen schaffen dieses »menschliche Zusammen«, in dem Menschen handlungsfähig werden und etwas bewegen können.

Dieser Gedanke verbindet dann (1) und (2) – und macht ein einfaches Kriterium für Formen sichtbar, welche digitale Ohnmacht verhindern: Können wir so handeln – oder werden wir lediglich reden, Befürchtungen in der Raum stellen, Euphorie verbreiten, Visionen entwickeln?

Kann man diese Frage bejahen, dann können selbstverständlich Forderungen, Zukunftsszenarien, Kritik an wirtschaftlicher Praxis etc. sehr sinnvoll sein. Sie sind es aber nicht, wenn sich die Arbeit darin erschöpft.

Diese Gedanken sind das Resultat von Gesprächen an der Dießener Klausur »Mensch/Maschine/Zukunft«. Sie war ein »Miteinander, das […] die Möglichkeiten des Handelns ständig offen gehalten hat«.

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Rezension: »The Social Photo«

Nathan Jurgenson ist für mich neben Boyd, Tufecki und Passig eine der wichtigsten Stimmen, wenn es darum geht, die Digitalisierung nicht technologisch, sondern gesellschaftlich und politisch einzuordnen. Er hat den Begriff »Digitaler Dualismus« geprägt, der die Vorstellung bezeichnet, digitale Vorgänge bildeten einen Gegensatz zu realen Vorgängen, sie seien virtuell, während es sich um Kommunikationsformen handelt, die von ihrer Medialität und Realität her nicht per se von einem Gespräch, einem Anruf oder einem Brief zu unterscheiden sind.

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Nun hat Jurgenson ein Buch über »The Social Photo« geschrieben. Es ist ein dreiteiliger Essay über die Frage, wie Fotografien in einer Kultur der Digitalität funktionieren, was ihre Bedeutung auf »Social Media«-Plattformen ist. Jurgenson definiert »Social Photo« wie folgt:

The vast majority of photos perform functions distinct from those of documentation or art. The quick selfie reaction, the instantly posted snapshot of nice sunlight on your block, the photo of a burger sent to a friend: these kinds of images are of central importance to photography as it occurs today, but they are not as well conceptualized or understood. […] The term “social photo” can be limiting because all photos are social in a sense (a critique equally applicable to the term “social media”). My interest here is with a type of photography made ubiquitous by networked, digital sharing, though many of its characteristics can be found in different degrees in pre-social media photography, especially amateur snapshots (Polaroid sharing in particular). For my purposes here, what fundamentally makes a photo a social photo is the degree to which its existence as a stand-alone media object is subordinate to its existence as a unit of communication. (Kindle Pos. 147ff.)

Ein Schlüsselsatz in Jurgensons Argumentation lautet:

Social media is real life partly because real life is always mediated through the logics and technologies of human habit, interest, power, and resistance. (Pos. 687)

Sein Essay geht aus von der Beobachtung, dass die Verbreitung von digitalen Bildern im Netz stark nostalgisch gefärbt war: Mit Filtern wurde auf Hipstamatic und Instagram suggeriert, digitale Bilder seien alt und analog aufgenommen worden – obwohl völlig klar war, dass so lediglich eine Simulation von »Vintage« erreichbar war. Niemand hielt die Bilder für wirklich alt. Sie waren ein Übergangsphänomen, das eine imaginierte Vergangenheit mit einer digitalen Zukunft (in der digitale Bilder sich nicht als alte ausgeben müssen) verband (Pos. 106).

Die Analyse dieser Nostalgie ist Kernstück des ersten Teils des Buches, in dem es um die Frage geht, welche Rolle digitale Bilder bei der Dokumentation des Lebens und der Kommunikation zwischen einnehmen. Jurgenson legt Wert darauf, »social photos« von einem künstlerischen oder kunsthistorischen Kontext zu trennen und sie als »Zertifikat einer Präsenz« (Roland Barthes, Camera Lucida) zu sehen: »Hier war ich, das habe ich gemacht« ist die Botschaft des »social photo« (»I was there, I did that«, Pos. 625).

Im zweiten Teil – »Real Life« – geht es um die Frage, welche Vorstellung von Identität in digitalen Fotografien aufscheint.

Social media also make obvious how identity is to some degree performed rather than revealed in uncalculated bursts of authenticity. […] The social photo may best illustrate this kind of identity work. The self—that feeling that you are you and not someone else—is a story you tell yourself to connect the person you once were to who you are now to who you will become. Photography plays an integral role in linking the self over time. (Pos. 852f.)

Jurgensons zentraler Fokus in diesem Teil ist die Einsicht der Moderne, dass es keinen authentischen Kern einer Person gibt, weil sie ihre Identität vielmehr inszeniert, durch ihre Handlungen erprobt und durch soziale Interaktionen beweist. Deshalb verändert sich die Identität laufend. Digitale Bilder machen das wahrnehmbar – und sind deshalb Fokus der Kritik. Diese ist mehrschichtig: Erstens wendet sie bestehende soziale Hierarchien auf digitale Ausdrucksformen an und entwertet entsprechend die medialen Handlungen von Jugendlichen, Frauen und POCs. Zweitens versucht sie die Vorstellung zu bewahren, jede Person habe ein von Inszenierung unabhängiges, authentisches Wesen. Das gelingt der Kritik aber nur dialektisch: Sie kann nicht direkt ausdrücken, was denn das Authentische ist, sie kann nur wiederholen, dass es auf keinen Fall online oder digital ist.

Paradoxerweise kann die Forderung, ein Mensch müsse möglichst oft »in the moment« sein und Erfahrungen machen, ohne diese medial zu dokumentieren, nur eingelöst werden, indem über Erfahrungen gesprochen wird. So zeigt sich, dass für Menschen Erfahrungen nicht ohne das Bewusstsein zu haben sind, gerade eine Erfahrung zu machen. Und dieses Bewusstsein führt zum Bedürfnis, über die Erfahrung zu sprechen, sie darzustellen.

It’s therefore useless to worry about being fully in or out of the moment in absolute terms. Photos are taken and shared in part to confirm the reality of our own lives to others and ourselves—to confirm that we have had moments, irrespective of the degree to which we were immersed in them. (Pos. 1257)

Diese Argumentation führt in Jurgensons Essay zu einer ausführlichen und differenzierten Kritik der Social-Media-Kritik und von Bewegungen wie Digital Detox. Versuchen Menschen zunehmen, nicht-digitale Erfahrungen zu machen, so zeigt gerade das Schreiben über diese Erfahrungen, weshalb »social photos« wichtig sind: Weil auch der Verzicht auf »Social Media« ans Bedürfnis gekoppelt ist, diesen Verzicht zu inszenieren und ihn anderen mitzuteilen.

Rather than forgetting about the offline, we have collectively become obsessed with it. The existence of so much disconnectionist punditry demonstrates that we have never appreciated a solitary stroll, a camping trip, a face-to-face chat with friends, or even simple boredom more than we do now. Indeed, many of us have always been quite happy to occasionally log off and appreciate stretches of boredom, ponder printed books, walk sans camera—even though books themselves were also once regarded as a deleterious distraction from real presence as they became more prevalent. But our immense self-satisfaction in disconnection is new. (Pos. 1053)

Im dritten Teil des Essays umreisst Jurgenson als Coda kurz die Implikation von »social videos« und vergleicht sie mit digitalen Bildern.

* * *

Obwohl ich die Gedankengänge und die Kritik Jurgensons von seinen Blogtexten schon kannte, war die Lektüre seines Buches erhellend. Ich habe fast in jedem Abschnitt einen Satz angestrichen – er versteht es, mit einfachen Wort auf den Punkt zu kommen. Ich hätte mir mehr Abschnitte gewünscht, eine stärkere Struktur der großen Teile, um von Anfang an eine Orientierung zu haben. Obwohl der Bogen der Argumentation sehr einleuchtend ist, sind gewisse Übergänge eher unvermittelt – so spricht er im zweiten Teil ausführlich über die Ethik von »Street-Photography«, die für Smartphonebilder von hoher Relevanz ist – aber ein direkter Zusammenhang mit der Reflexion von Identität und digitalen Bildern ist nicht gegeben.

Das tut aber der Bedeutung dieses Buches keinen Abbruch. Jurgenson versteht es, hinter den moralisch aufgeladenen Diskurs über digitale Praktiken zu blicken und mit erhellenden Einsichten aus der Geschichte der Fotografie eine multiperspektivische Analyse aktueller Social-Media-Praktiken zu schreiben.

(Ich habe das Buch gekauft und die Rezension aus Interesse geschrieben. Gerne bespreche ich das Buch auch für eine Zeitung oder Zeitschrift.) 

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glatter und rauer Content

Was Influencer heute wieder entdecken, haben Community-Manager wie Philipp Meier schon vor Jahren entdeckt: Im Netz führen Fehler zu Interaktionen – was wiederum die Reichweite steigert.

Daraus lässt sich eine Definition für Content ableiten, der zu Interaktionen einlädt. Diesen Content nenne ich rauen Content: Er erfüllt Erwartungen nicht, enthält Fehler, provoziert, ist in Bezug auf die vielfältigen Kontexte inkonsistent (passt z.B. nicht zum Profil, das ihn verbreitet, oder nicht zum Kanal, auf dem er verbreitet wird etc.). Rauer Content eröffnet Anschlussmöglichkeiten: Daran kann ohne große Hürde Kritik geübt werden, es können Kontroversen entstehen, Parodien, Fortsetzungen, Memes etc. sind denkbar.

Glatter Content hingegen passt möglichst genau: Zu den Erwartungen, zum verwendeten Kanal, zum Profil. Er eröffnet limitierte Anschlussaktionen: Er ist so gestaltet, dass viele »like« drücken oder den Beitrag vielleicht auch teilen könnten, aber ohne dazu selber etwas beizutragen.

Das ist nun nicht weiter erstaunlich, aber psychologisch schwer einzusehen: Menschen versuchen in der Regel möglichst konsistent und kontrolliert zu kommunizieren – also ein bestimmtes Image durch eigene Kommunikationshandlungen zu pflegen. Kritik oder Kontroversen führen entsprechend zu einem Kontrollverlust, den viele Menschen im Netz befürchten: Die Angst vor dem Shitstorm ist verbreitet, obwohl es kaum solche Shitstorms gibt. Entsprechend kontrollieren viele Menschen und Organisationen ihre Social-Media-Präsenz mit glattem Content – obwohl sie dadurch an Reichweite einbüssen.

Eine zweite Schwierigkeit liegt darin, dass rauer Content schlecht bewusst erzeugt werden kann. Der Influencer, der in jeden Post bewusste Fehler einbaut, ermüdet sein Publikum und wirkt nicht authentisch, sondern bemüht. Genau so wenig funktionieren regelmäßige Provokationen oder Kontext-Brüche.

Kurz: Rauer Content funktioniert gut im Netz, kann aber nicht nach Rezept generiert werden. So müssen beispielsweise Politikerinnen und Politiker auf aktuelle Geschehnisse reagieren und daraus Geschichten erzeugen können – ohne dass das übertrieben und gesucht wirkt.

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Palmer versucht das ständig, deutet aber schon an, dass er das ganz bewusst macht. Der Beitrag funktioniert genau so, wie es die Theorie vorsieht – aber erzeugt er erwünschte Reichweite? Schwer erkennbar.

Eine letzte Bemerkung: Ich erhalte von Frauen immer wieder Rückmeldungen auf meine Beiträge hinter der Bühne: Also per Direktnachricht oder SMS. Die Rückmeldungen sind kritisch, oft hilfreich und weiterführend. Ich würde mir wünschen, sie würden direkt auf Twitter, Instagram oder Facebook erscheinen – aber ich weiß auch, dass sich diese Frauen auf ihren Profilen rauen Content nicht leisten können. Die an ihre Posts anschlussfähigen Interaktionen wären verletzend, anstrengend, destruktiv. Sie vermeiden den Kontrollverlust nicht, sondern können ihn sich nicht leisten. Kurz: Nicht jede Person und nicht jedes Profil können es sich erlauben, von glattem Content abzuweichen.

 

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Skinner-Apps – eine Rechtfertigung

Axel Krommer hat diese Woche einen grundlegenden Text vorgelegt, der für mich eine Grundlage für die Diskussion über Digitalisierung und Bildung darstellt. Darin formuliert er eine fundamentale Kritik an oberflächlichen digitalen Apps:

Anstatt zeitgemäße, offene, kollaborative Formen des Lernens und Lehrens zu ermöglichen, werden Formen des traditionellen Unterrichts in ein digitales Mäntelchen gehüllt: Schlechter Frontalunterricht ist für Schüler(innen) plötzlich ubiquitär-mobil via YouTube verfügbar und die behavioristisch-fremdgesteuerte Trias aus Reiz, Reaktion und Rückmeldung feiert in Gestalt von KahootLearningApps und Learning Snacks palliative Urständ.

(Wer mit dem Wort »palliativ« hier nichts anfangen kann, sollte den ganzen Text lesen – dort werden elegant zwei Bedeutungen des Adjektivs beschrieben.)

Krommer hat mit dieser Aussage recht: Oft verhindern einfache behavioristisch funktionierende Apps zeitgemäße Arbeitsformen, in denen es darum geht, Perspektiven auf Wissensgebiete einzunehmen und Lernprodukte zu schaffen, statt Fakten abzurufen.

Da ich nun also weitgehend einverstanden bin, erlaube ich mir trotzdem eine Kritik. In einem kurzen Kommentar hat Krommer die Kritik seziert, die es an diesem Argument gibt. Er unterscheidet verschiedene Typen von Kritik, die er alle für falsch hält. Ich bin damit einverstanden – mit zwei Ausnahmen.

Die Fraktion der „Do-it-yourself“-Apologeten argumentiert folgendermaßen: Man wisse schon, dass z.B. Kahoot zwar motivational belebend, didaktisch aber eher fragwürdig sei. Das ändere sich aber grundlegend, wenn Schüler(innen) ein Kahoot-Quiz selbst erstellen würden.
Diese Argumentation hat folgende Form: Ein problematisches X lässt sich im Unterricht dadurch rechtfertigen, dass X von Schüler(inne)n nicht nur genutzt, sondern selbst produziert/erstellt wird, weil sich während des Produktionsprozesses viele relevante Kompetenzen fördern lassen.
Die Form dieser Argumentation ist offensichtlich falsch. Das kann man logisch durch die Konstruktion eines einzigen Gegenbeispiels zeigen: So wird man bei der Produktion von Crystal-Meth sicher viele fächerübergreifende Fähigkeiten fördern, ohne dass es dadurch gerechtfertigt wäre, im Unterricht Drogen herzustellen.

Der schiefe Vergleich zeigt hier, wo das Argument entgleist. Selbstverständlich ist es gerechtfertigt, im Chemie-Unterricht Substanzen herzustellen, die nicht konsumiert werden sollten – wenn der Prozess lernwirksam ist (und ein Verständnis vermittelt, weshalb diese Substanzen nicht konsumiert werden sollten). Wenn also Lerngruppen als Lernprodukt ein digitales Quiz herstellen, dann tun sie das, weil es eine Form ist, die Kollaboration befördert, die mit einer Reflexion über Wissen und Lernen verbunden ist. Die Methode dekonstruiert sich selbst: Wer das Quiz herstellen kann, kennt die Problematik von Quiz-Lernen und von Behaviorismus.

Generell ist es ja einleuchtend, dass die Produkte, die Schülerinnen und Schüler im Unterricht herstellen, nicht per se einen didaktischen Wert aufweisen müssen. Die Frage ist, wie man mit diesen Produkten umgeht. Wenn die Kahoots, die Lernende erstellen, dann wieder didaktisch problematisch eingesetzt werden, dann liegt das Problem bei diesem Einsatz, nicht beim Prozess der Produktion des Quiz.

Das zweite Argument ist die Frage des Einstiegs. Können Skinner-Apps dabei helfen, Kolleginnen und Kollegen an die Kultur der Digitalität heranzuführen – also nicht nur zum Einsatz digitaler Hilfsmittel zu bewegen, sondern genuin digitale Arbeitsformen in ihrem Unterricht zu erproben?

Krommer lehnt diese Vorstellung ab. Ich bin mir hier nicht sicher. Ein wesentlicher Punkt der Digitalisierung ist Kontrollverlust, nicht unbedingt der Aufwand. Ein Kahoot mag mit mehr Aufwand verbunden sein als ein Padlet, dafür kann ich als Lehrer bis auf den Usernamen präzise kontrollieren, wie ein Kahoot benutzt wird, während ich bei einem Padlet darauf vertrauen muss, dass die Klasse verantwortungsvoll damit umgeht. Letztlich erlauben die Skinner-Apps unsicheren Kolleginnen und Kollegen, *einen* Schritt zu gehen, statt mehrere auf einmal gehen zu müssen. Sie erproben, wie es sich anfühlt, eine digitale Arbeitsform im Unterricht einzusetzen. (Den aktuellen Stand beschreibt Maik Riecken in seinem Blog sehr anschaulich: Es fällt 2019 schwer, Lehrerinnen und Lehrern zu vermitteln, wie ein Etherpad Dateien speichert.)

Setzen diese unerfahrenen Kolleginnen und Kollege Skinner-Apps ein, werden sie sofort merken, dass sie nach dem Schema Reiz-Reaktion-Rückmeldung funktionieren und einen differenzierten Umgang mit Wissen nicht zulassen – nur haben sie dann einen erste Annäherung an digitale Werkzeuge hinter sich.

Fazit: Die Pointe des Einsatzes von Skinner-Apps bei Lernenden und Lehrenden ist, dass sie dabei auch erkennen werden, wie limitiert der Nutzen dieser Apps ist. Das ist ein wesentlicher Lernschritt, der in der eigenen Erfahrung viel stärker wirkt.

P.S.: Ich habe über die Funktion von Quiz-Apps einen ausführlicheren Aufsatz geschrieben, der bald auch offiziell erscheinen wird. IMG_8518

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Der Sea Lion hat den Troll im Netz abgelöst

Trolle sind als Figuren im Netz seit längerem bekannt: Sie stören Kommunikation, indem sie mit unklarer Identität und verschleierten Motiven Irritationen auslösen. Dazu setzen sie auch verbale und visuelle Gewalt ein und laden dazu ein, Profile im Netz mit Hatespeech zu belästigen.

Eine meiner ersten vertieften Beschäftigungen mit Netzkultur und Bildung hatte mit Trollen zu tun – damals ging es mir auch um die positive Seite von Trollen: Sie zeigen auf, wo Systeme blinde Flecken haben, weil sie über die Themen sprechen, welche Institutionen oft verdrängen.

 

Das Bewusstsein für Trolle ist im Netz vorhanden: Wer mit ihnen zu tun hat, erhält Sympathie. Fast alle Plattformen haben Möglichkeiten geschaffen, Trollprofile zu melden, zu blockieren, auszublenden. Damit ist das Problem keinesfalls gelöst, aber immerhin sind Ansätze dazu bekannt, sich vor Trollen schützen zu können.

Anstrengender sind hingegen Profile geworden, die dem entsprechen, was »Sea Lion« genannt wird. Zum ersten Mal bin ich durch diesen Guardian-Artikel auf den Begriff gestoßen. Darin wird die Forscherin Claire Hardaker zitiert:

Sea lioning is the process of killing with dogged kindness and manufactured ignorance by asking questions, then turning on the victim in an instant. “In this, the perpetrator endlessly nitpicks and relentlessly pursues the topic, but oh so very politely and, when the target finally gets annoyed and retaliates, the sea lion takes on the wronged victim of abuse role,” says Hardaker.

Während Hardaker Sea Lions als Trolle klassifiziert, würde ich sie als eigene Klasse von kommunikativ herausfordernden Profilen einstufen. Hier eine Definition:

Der Sea Lion verhält sich anständig. Durch Nachfragen und vorgetäuschtes Interesse zwingt er seine Gegenüber zu umständlichen Rechtfertigungen und Nachbesserungen ihrer Argumente. Das Ziel ist dabei, eine Person dazu zu bringen, emotional zu werden – darauf folgende Vorwürfe weist der Sea Lion ruhig von sich, er hat sich nicht daneben verhalten. Er ist Opfer eines Ausbruchs, mit dem er nichts zu tun hat.

In der europäischen Ideengeschichte ist Sokrates der Inbegriff des Sea Lions: Er fragt in der Öffentlichkeit so lange, bis das Gegenüber das nicht mehr aushält oder das sagt, was er hören will.

Es ist sehr schwierig, mit einem Sea Lion umzugehen. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein seriöser Diskussionspartner, der interessiert und auf der Ebene der Argumentation nachfragt. Allerdings versteckt er seine eigenen Interessen: Der Sea Lion argumentiert nicht, er schreibt keine eigenen Texte, er formuliert keine Thesen, sondern meldet Zweifel an, verlangt, dass andere Texte gelesen werden, dass das Gegenüber ganz viel leisten muss, um es überhaupt wagen zu können, eine Aussage zu machen.

Sea Lions lassen sich nicht leicht abschütteln: Sie sammeln Blocks als Trophäen und Beleg dafür, ungerecht behandelt worden zu sein, obwohl sie doch nur nachgefragt, argumentiert haben. Mögliche Reaktionen sind:

  1. Den Begriff »Sea Lion« offensiv verwenden, diese Profile für Außenstehende klar markieren. (Und keine Angst: Es handelt sich hier um eine Beschreibung eines Phänomens, keine Beleidigung oder Abwertung. Wer kein Sea Lion sein will, kann das leicht zeigen.)
  2. Wegfiltern, also muten, statt blocken. Dann sieht man nicht mehr, was Sea-Lion-Profile schreiben, aber sie können nicht behaupten, geblockt worden zu sein.
  3. Sich auf eine kurze Antwort beschränken (oder generell wegsehen).
  4. Wer Geduld, Zeit und Energie hat: Den Spieß umdrehen. Rückfragen, Lektüre einfordern, ausführliche Argumentationen verlangen.

David Malki hat den Sea Lion in einem wunderbaren Comic portraitiert (der Strip umfasst mehrere Panels, hier nur eines) – er ist wohl der Urheber des Begriffs:

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Haben Sea Lions auch positive Seiten? Eher eine wichtige Funktion: Sie zeigen die Aufwertung von nüchternen Argumenten gegenüber emotionalen Reaktionen – und ihren Preis. Die naheliegende Antwort auf einen Angriff – die Emotion – ist ein Mangel, ein Gesichtsverlust. Gleichzeitig führen Sea Lion vor, dass der Modus der Wissenschaftskommunikation an positive Absichten und Gehalt gebunden ist. Wer pseudo-wissenschaftlich argumentiert, ohne damit eine Erkenntnis befördern zu wollen oder etwas zu sagen zu haben, kann mit denselben formal-sprachlichen Mitteln Menschen belasten.