comments 3

Das Geschäftsmodell von Facebook

In der aktuellen Diskussion rund um den Cambridge-Analytica-Fall hört man immer wieder die Behauptung, der Verkauf von Daten sei das Geschäftsmodell von Facebook. Das stimmt nicht.

Facebook verkauft Werbung. Personalisierte Werbung. Diese Personalisierung wertet Daten aus – von Facebook gesammelte, auf anderen Webseiten gesammelte, von Smartphones abgelesene, zugekaufte, von Werbekunden hochgeladene. Facebook verbindet so viele Daten wie möglich – und ist damit nicht allein: Das ist gängige Praxis bei den großen Web-Unternehmen.

Weil Facebook so gute Daten hat (sie sind oft aktuell und unverfälscht, weil sie etwa direkt abbilden, wie Menschen kommunizieren, und sie nicht erst befragen muss), kann Facebook Werbung verkaufen. Deshalb gibt es grundsätzlich kein Interesse daran, diese Daten zu verkaufen.

Weshalb Facebook die Daten im Cambridge-Analytica-Fall Dritten so zur Verfügung gestellt hat, ist ein kleines Rätsel. Zwei Antworten scheinen plausibel: Es könnte ein Unfall gewesen sein. Oder – für mich naheliegender – Facebook hat wissenschaftliche Resultate zur Beeinflussung von Menschen erwartet, die wiederum das Geschäftsmodell stärken würden. Könnte man nachweisen, dass CA tatsächlich mit gezielter Werbung auf Facebook beeinflussen kann; wäre das ein Werbespot für Facebook und seine Art, Werbung zu verkaufen.

Die Angst, dass Facebook also unsere Posts als Bücher verkauft oder unsere tollen Instagram-Bilder Werbesujets werden – diese Angst ist unberechtigt, weil Facebook so kein Geld verdient. Die Angst, dass das Unternehmen Dinge über mich weiß, die ich so nie jemandem preisgeben wollte – diese Angst hingegen ist berechtigt.

Was tun?

  1. Gesetze durchsetzen und Prozesse führen, die dem Unternehmen klar aufzeigen, was seine Pflichten sind.
    Das ist der wichtigste Punkt – er ist eine Aufgabe für Parlamente und Gerichte, nicht für Einzelpersonen.
  2. Konsequent Werbeblocker auf FB einsetzen. Sich keine Werbung anzeigen lassen.
  3. Facebook nicht auf dem Handy verwenden und sich auf dem Computer konsequent ausloggen, wenn man die Plattform nicht verwendet. Sich nicht mit Facebook bei Apps einloggen (man gibt so auch die Daten der eigenen Kontakte weiter).

Auf Facebook zu verzichten ist auch eine Option. Doch Daten wird das Unternehmen weiterhin über einen sammeln. Bis das Gerichte konsequent untersagen.

pawel-facebook-doctor-thumb-autox631-66829

Pawel Kuczynski

comments 3

Die Digitalisierung ist vorbei

Mein Blog ist oft ein Notizbuch für Gedanken, die ich nicht vergessen möchte. In diesem Fall ist kein eigener – obwohl ich kurz skizzieren werde, wie ich ihn verstehe.

Jürgen hat angekündigt, er würde zu seinem Tweet ein Buch schreiben. Falls hier Verlage mitlesen: Es wäre ein Gewinn, erhielte er dazu die Gelegenheit.

Digitalisierung wird oft als ein Prozess gesehen, der noch läuft; der in Zukunft ganz vieles verändern wird. So schreibt Christoph Schmitt:

„Digitalisierung“ steht nicht für einen vorübergehenden Trend, sondern für eine komplette Veränderung der Art und Weise, wie wir in Zukunft leben werden: Wie wir unseren Alltag gestalten, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir arbeiten, lernen, unterwegs sind. Wie wir uns organisieren, wie wir bezahlen, kochen, essen, einkaufen. Wie wir medizinisch versorgt werden. Wie wir sind.
Wir stecken bereits mittendrin in diesen Veränderungen.

Eine »Veränderung der Art und Weise, wie wir in Zukunft leben werden« – die läuft immer. Doch ist es das, was Digitalisierung meint? Versucht man das zu präzisieren, bietet sich die Formel von Luciano Floridi an: Digitalisierung führt zu einer »Gleichzeitigkeit von analog und digital, virtuell und materiell«.

Was materiell in der Welt vorhanden ist, wird auch durch Datensätze repräsentiert. Dieser Prozess ist es, der abgeschlossen ist. Unternehmen und Staaten haben ihn fast komplett abgewickelt: Menschen, der Güterverkehr, Transportmittel, Geld, Kulturgüter sind alle auch Datensätze und werden als solche bewertet und ausgewertet.

Natürlich sind die Auswirkungen dieses Prozess noch nicht ausgehandelt. In unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen kommt die Gleichzeitigkeit von analog und digital ungleichzeitig an. So hat das Rechtssystem etwa große Mühe, die Veränderungen durch die Digitalisierung abzubilden; auch das Bildungssystem tut sich sehr schwer damit.

Das Modell von Moores Buch »Crossing the Chasm« zeigt eine mögliche Erklärung dafür, dass die Digitalisierung zwar schon abgelaufen ist, von vielen Menschen aber als Phänomen der Zukunft oder der Gegenwart gesehen wird. Für die »Late Majority« und die »Laggards« sieht es so aus, als stehe der Durchbruch erst noch an – obwohl er bereits erfolgt ist.

Chasm

Ein Beispiel dafür sind die Diskussionen zur Überwachung. Kürzlich habe ich mit Menschen gesprochen, die so lange es geht nur bar bezahlen wollen, weil sie nicht wollen, dass ihre Zahlungen ausgewertet werden. Sie blenden aus, dass ihre Geldbezüge am Automaten sowie ihre Zahlungen in bar durchaus ausgewertet werden und Datenspuren hinterlassen – wie auch viele andere Aspekte ihres Lebens vermessen und von Programmen verarbeitet werden. (Das ist kein Argument gegen ihre Haltung, nur ein blinder Fleck.) Überwacht wird fast alles – unabhängig davon, ob es direkt digital erfolgt oder erst in Daten übersetzt werden muss.

Die Einsicht, dass die Digitalisierung vorbei ist, hat keine moralische Komponente. Man muss das weder gut noch schlecht finden – es ist einfach passiert. Man kann es erklären – und im Umgang damit eine ethische Position vertreten.

Bildschirmfoto 2018-03-19 um 20.39.11

»Torten der Wahrheit«, Katja Berlin

comments 3

#digitalpositivity

Trends muss man ja im richtigen Moment erwischen. Das versuche ich hiermit mit einem satirischen Text.

* * *

Die Zeit der moralistischen Bedenken gegen digitale Kommunikation ist abgelaufen. #digitalpositivity bedeutet, mit Smartphones so umzugehen, wie man das früher mit Zeitungen und fest installierten Telefon gemacht hat: Man freut sich, wenn sie im Briefkasten liegen oder klingeln. Ohne Bedenken benutzt man sie. Wenn sie langweilen oder stören, findet man einen Umgang damit.

Wer #digitalpositivity lebt, fühlt sich nicht unausgeruht, wenn das Smartphone in der Nacht auf dem Nachttisch liegt. Auch die Benutzung von Twitter oder Facebook erleben diese Menschen nicht als permanenten Stress oder Streit: Sie können sich dort zurückziehen oder einbringen, wie es ihrem Empfinden entspricht. Mit starken Thesen und Auswertungen versehene »digital detox«-Programme liegen ihnen fern.

Kommunikation erleben sie wie Ernährung: Wer ausgewogene und gesunde Nahrung zu sich nimmt, muss nicht fasten. Genau so wie niemand die Zeitung mal einen Monat abbestellt hat oder den Telefonvertrag gekündigt.

#digitalpositivity nimmt die Moral aus der digitalen Kommunikation.

Bildschirmfoto 2018-03-12 um 09.19.03

comment 0

Die Metapher vom V-Stil beim Skispringen

Letzte Woche hielt ich auf einer Tagung in Esslingen einen Vortrag. Dabei habe ich unter anderem gesagt, beim Einsatz digitaler Geräte an Schulen sei oft auch ein Hindernis, dass Veränderungen viel Aufwand erforderten, damit sie schon nur die Arbeitsschritte erlaubten, die vorher problemlos möglich waren.

Bildschirmfoto 2018-03-09 um 18.19.45

Erklärung für die amerikanischen Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer, olympische Spiele 1992

In der Pause kam ein Lehrer zu mir und sagte, so sei das ja beim Skispringen auch gewesen. Viele Springer hätten Mühe gehabt, mit dem V-Stil dieselben Weiten zu erzielen, wie sie das mit der klassischen Technik geschafft hatten. Tatsächlich zeigt ein Blick in den Wikipedia-Artikel, wie schwierig die Umstellung war: Die Skilängen mussten neu eingestellt und die Schanzentischneigung verringert werden, um Unfälle zu vermeiden. Neben anderen Regeln und veränderter Architektur führte der V-Stil auch zu Magersucht bei den Athleten. Dem Problem wurde wiederum durch eine Regeländerung begegnet.

Ski_jumping_1905

Optrakke-Stil von 1905.

Tatsächlich hat sich der Stil im Skispringen im 20. Jahrhundert mehrfach geändert – erst beim Parallel- und V-Stil waren aber wissenschaftliche Einsichten entscheidend. Stets waren dabei auch ästhetische Bedenken ausschlaggebend:

Der Flug soll gut aussehen, er soll exakt aussehen. Das war am Anfang nicht zu verbinden mit einem Abspreizen der Beine.

So wurden die V-Stil-Pioniere mit Punktabzügen bestraft, weil ihre Technik nicht den Erwartungen entsprach. Umgekehrt sieht die Parallel- oder Fisch-Technik heute seltsam und unpraktisch aus.

Fassen wir zusammen: Werden neue Verfahren eingesetzt, erscheinen sie zunächst gefährlich und unschön. Anpassungen von Regeln, Erwartungen und Gegebenheiten erlauben ihnen, ihr Potential zu entfalten und die Verantwortlichen zu überzeugen.

comments 4

Tablet-Paradox und Skalierungsproblem – meine Takeaways von der #molol18

Die letzten zwei Tage war ich auf der Tagung zu mobilem Lernen in Oldenburg. Ich habe dort zu informellem Lernen mit digitalen Medien vorgetragen und habe viel zugehört. Zwei zentrale Einsichten, die ich dabei gewonnen habe, formuliere ich als persönliche Bilanz.

* * *

Bildung ist ein gesellschaftliches System. Wie sich Menschen in diesem System verhalten, ist von seiner Funktionsweise stark beeinflusst. Nehmen wir nur die Berufswahl: Die Anstellungsbedingungen, die Berufskultur und das gesellschaftliche Ansehen des Lehrberufs liefert klare Anreize für Personen mit gewissen Voraussetzungen (und hält andere davon ab, den Beruf zu ergreifen).

Was ich im Folgenden ausführe, ist also keine Kritik an Personen, sondern ein Kommentar zu diesem System. Entsprechend kann ich keine einfachen Lösungsvorschläge anbieten, sondern nur zur Reflexion anregen.

»Was habt ihr denn gestern so mitgenommen von den Workshops?«, habe ich beim Frühstück in die Runde gefragt. Erste Antwort: »Echt toll, wie man iPads so aufsetzen kann, dass die Schülerinnen und Schüler daran nichts selbst einstellen können. Safari runter, Uhr runter – und nur die Apps rauf, die sie verwenden soll. Auch Netzfilter kann man vorkonfigurieren, so dass sie auch zuhause nur die Seiten besuchen können, die in der Schule zugelassen sind.«

Damit ist das Tablet-Paradox auf den Punkt gebracht: Die Digitalisierung stellt Lernenden mächtige Geräte zur Verfügung, die dann so limitiert werden müssen, damit sie ans Schulsystem anschlussfähig sind. Nur so kann man die Projekte den Schulträgern, den Lehrkräften und den Eltern verkaufen.

Das Tablet-Paradox führt zu einem fundamentalen Verantwortungsproblem: Die Schule sollte Lernende befähigen, Verantwortung für ihr Handeln und Lernen zu übernehmen – in einem geschützten Rahmen. Kommt der Schutz vor der Verantwortung, schützt sie die Schule vor der Verantwortung und macht sie unmündig. Stellen Kinder auf allen iPads Wecker, die dann den Unterricht stören – dann ist eine mögliche Reaktion, die Uhr-App von allen Tablets zu entfernen. Die andere ist es, kreativ und verantwortungsbewusst mit der Störung umzugehen: Den Kindern zu ermöglichen, für ihr Verhalten die Verantwortung zu übernehmen. »Störungen haben Vorrang«, heißt es in der Konzeption der themenzentrierten Interaktion. Sie zeigt, wie Kommunikation so zu gestalten ist, dass sie die Übernahme von Verantwortung erlaubt und stärkt.

Die Schule ist einer der gesellschaftlichen Bereiche, die entscheiden, ob wir Digitalisierung als Projekt der Emanzipation und Mündigkeit verstehen – oder es hinnehmen, dass wir als Menschen darauf reduziert werden, auf immer schlaueren Geräte die richtigen Knöpfe zu drücken.

Bildschirmfoto 2018-03-09 um 14.08.39

Meine Visualisierung im Workshop von Philip Stade

Damit komme ich zu einer zweiten Einsicht: Das Versprechen der Bildungsindustrie liegt darin, Personalisierung und Massifizierung zusammenzubringen. Viele sollen gleichzeitig individuell lernen. Meine bisherigen Erfahrungen zeigen, dass sich Lernen nicht aus den sozialen und institutionellen Kontexten lösen lassen. Gut zeigen lässt sich das an Lehrvideos: Sie sind gute Lernprodukte – für die, welche sie erstellt haben. Je breiter das Publikum ist, das sie ansprechen, desto schlechter werden sie aus einer didaktischen Perspektive. Was viral geht, ist verdächtig, weil es individuelle Verstehensbedingungen ausblenden muss.

Auch Sketchnotes sind ein gutes Beispiel dafür: Wer sie nicht professionell einsetzt, kann damit eigene Verstehensstrukturen abbilden. Für andere hingegen ist der Wert gering.

Das Tablet-Paradox und das Skalierungsproblem führen zusammen zu einer einfachen Maxime der digitalen Didaktik: Schülerinnen und Schüler müssen mit digitalen Medien eigene Produkte gestalten. Nicht die Produkte anderer konsumieren.

Bildschirmfoto 2018-03-09 um 14.08.25

Schöne Anregung von Philip Stade: Darüber nachdenken, welche Schulprojekte weshalb gescheitert sind.

comments 2

Digitale Geräte in der Schule

Medien in der Schule – der aktuelle Stand.001

Die abgebildete Folie zeigt den aktuellen Stand der Schweizer Schulen in Bezug auf die Ver- und Anwendung von digitalen Endgeräten. Im Folgenden ein kurzer Kommentar, wie die Darstellung zu verstehen ist – dann ein paar kritische Bemerkungen.

Die Schulsozialisation in der Primarschule erfolgt analog. Lernen wird primär über Handschrift und Unterrichtsgespräch eingeführt und eingeübt. In vielen Schulzimmern stehen einzelne Computer, diese werden aber primär in speziellen Szenarien eingesetzt – sie sind ein regelmäßiges Arbeitsinstrument. Genau so wenig haben Hausaufgaben mit digitalen Medien zu tun. In der vierten bis sechsten Klasse gibt es – auf Initiative von gewissen Lehrpersonen – Klassen, die projektartig stärker digital arbeiten und dabei auch Tablets oder Smartphones verwenden.

In diesen Jahren statten Eltern ihre Kinder privat fast vollständig mit Smartphones aus. Zu Beginn der Oberstufe haben praktische alle Schülerinnen und Schüler Zugang zu digitalen Endgeräten. Aus diesem Grund wird oft von externen Fachstellen auch die Gefahrenperspektive an Schulen vermittelt: Sexting, Mobbing und Übergriffe im Netz werden angesprochen und zu Vorsicht aufgerufen.

In der Oberstufe tendieren Schulen dann zur 1:1-Ausstattung: Die Gemeinden finanzieren meist Tablets, die an die Lernenden abgegeben werden. Die Einheitlichkeit ermöglicht so effiziente Schulungen und Lernverfahren; zudem ist die Teilhabe am Unterricht für Eltern mit keinen Kosten verbunden.

An Berufsschulen und Gymnasien setzt sich das Modell der Hochschulen durch: »Bring Your Own Device«. Computerräume werden zunehmend aufgelöst, was Platz und Kosten spart – dafür müssen die WLAN-Systeme sowie der Support ausgebaut werden. BYOD ist keine Sparübung, sondern eine Orientierung an der Realität: Die Lernenden benutzen private Geräte für ihr Lernen – weshalb nicht auch in der Schule?

  1. Die Verwendung dieser Geräte an höheren Schulen bringt oft nicht die erwarteten Effekte. Die Akzeptanz lässt überraschenderweise nicht nur bei den Lehrenden, sondern auch bei den Lernenden zu wünschen übrig: Grund dafür ist aus meiner Sicht einerseits eine gewisse Orientierungslosigkeit, wie denn die plötzlich vorhandenen Geräte überhaupt genutzt werden sollen (ein paar Hinweise hier) – andererseits aber auch die analoge Schulsozialisation. Schülerinnen und Schüler erwarten von der Schule das, was sie zu Beginn ihrer Schulkarriere eingeübt haben.
  2. Die private Nutzung von digitalen Geräten erfolgt informell: Junge Menschen vernetzen sich, kommunizieren, unterhalten sich, spielen. Dabei erwerben sie vielseitige Kompetenzen, doch sie tun das nicht systematisch. Der Transfer zwischen privater und schulischer Nutzung ist wichtig – aber nicht unkompliziert. Er erfolgt sowohl im 1:1-Modell wie auch bei BYOD.
  3. Schulen vernachlässigen generell die digitale Jugendkultur und betonen die Gefahrenperspektive – auch, weil sie für die Verantwortlichen und Betroffenen gravierende Auswirkungen hat.
  4. Der Lehrplan 21 schafft mit dem Modul »Medien und Informatik« Orientierung und einen strukturierten Einsatz der digitalen Geräte. In anderen Fächern fehlen aber die Angebote von Verlagen. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind damit überfordert, eigene digitale Lernumgebungen zu schaffen und zu unterhalten. Verlage können nur vereinzelt attraktive und zeitgemäße Angebote erstellen – oft sind die Lehrbücher einfacher einzusetzen.
  5. Die hier eingenommene Perspektive geht von der Ebene der Infrastruktur aus: Wie sind Schulen ausgestattet? Damit wird von der Frage abgelenkt, was Jugendliche den eigentlich an Schulen lernen müssen – welche Kompetenzen sie für die Teilhabe an der Gesellschaft benötigen. Ist ist falsch zu denken, Pädagogik komme vor Technik oder Medien. Zuerst kommen Kompetenzen – die nie unabhängig von Medien gedacht werden können.
Bildschirmfoto 2018-03-06 um 16.59.03

Quelle: Vortrag phwa.ch/samr

 

comment 0

Aus meiner Praxis: BYOD-Weiterbildung und Blockchain

Kürzlich könnte ich an einer Schule eine Weiterbildung für Lehrerinnen und Lehrer durchführen. Am Morgen habe ich zur BYOD-Didaktik referiert, meine Grundsätze dazu habe ich schon einmal verschriftlicht. Am Nachmittag haben verschiedene mit BYOD vertraute Lehrpersonen Musterlektionen gehalten. Mein Konzept für diese Lektion möchte ich kurz festhalten und eine Reflexion formulieren.

Bildschirmfoto 2018-02-27 um 15.27.37.png

 

Ausgangspunkt war das Voshmgir-Interview, in dem die Behauptung steckt, die Blockchain werde das Lernen massiv verändern. Daraus ergab sich das Ziel der Lektion: Wir wollen herausfinden, wie das passiert – und eigene Antworten finden.

Die Lektion war in vier Teile geteilt:

  1. Einführung ins Thema und die Methode von 2. (Slides)
  2. Wir sammeln, was wir als Lerngemeinschaft schon über die Blockchain wissen.
  3. Dreiergruppen lesen sich im Netz ein, diskutieren das Thema und schreiben eine Antwort mit drei Sätzen und zwei Quellen in ein HackMD-Dokument.
  4. Wir diskutieren die Ergebnisse und die Erfahrungen, die wir mit der Methode gemacht haben.

Eine BYOD-Methode ist das aus folgenden Gründen:

  • Das Wissen steht im Netz: In zwei verlinkten Dokumenten, aber auch in dem, was man mit der Suche findet.
  • Der Austausch und die Dokumentation findet im Netz statt: Auf einem Pad-Dokument, das auch geteilt und veröffentlicht werden kann (wie hier jetzt). Es kann auch außerhalb des Unterrichts weiterhin kollaborativ bearbeitet werden.
  • Arbeitet man in Dreiergruppen, die wiederum dann im Netz zusammenarbeiten, ergibt sich der Effekt, dass nicht 100% einer Lerngruppe alle technischen Abläufe meistern müssen. Das ist besonders dann hilfreich, wenn Geräte keinen Akku mehr haben, nicht ins Netz kommen – das darf den Unterricht nicht aufhalten.

HackMD ist ein Tool, das ich gerne intensiver nutzen möchte: Es ist im einfachsten Fall einfach ein Texteditor, der einfache Zusammenarbeit erlaubt – ohne Login, ohne Konten, ohne Personalisierung. Er erstellt aber gleichzeitig nette Webseiten: Was man bei HackMD formuliert, ist fast druckfertig. Ideal ist das, weil sich auch Formeln, Bilder und Videos sehr leicht einbetten lassen.

Die Lehrerinnen und Lehrer, mit denen ich so gearbeitet habe, haben die Lektion sehr unterschiedlich beurteilt. Im positiven Falle schätzten sie die Themenwahl und die kontroverse Diskussion, die das Setting ermöglichte. Kritisch waren sie insbesondere deshalb, weil für sie die Informationsaufnahme im Netz kombiniert mit dem Zeitdruck zu einer Oberflächlicheit geführt hat, von der sie befürchten, dass auch die Lernenden sie erleben werden. Dazu fanden Sie die Fragestellung eine Überforderung und hätten sich teilweise gewünscht, ich hätte für sie einen Text ausgewählt, der das Thema klar erklärt.

Ein Votum fand ich bemerkenswert: Eine Teilnehmerin sagte, für sie seien das so schwierige Themen, dass sie gerne eine Visualisierung auf einem Blatt gemacht hätte. Ich verstand zunächst nicht, weshalb sie das nicht einfach gemacht hat – offenbar dachte sie, das sei beim Einsatz von digitalen Geräten explizit nicht erwünscht.

Bildschirmfoto 2018-02-27 um 17.08.18.png

Zum Schluss meine Antwort auf die Frage, was denn Blockchain für das Lernen bedeute:

Die Blockchain macht es einfach, Lernergebnisse zu dokumentieren und zu einem Leistungsnachweis zu verbinden. Gute Lernmanagementsysteme könnten die Blockchain so einsetzen, dass wir alle im Netz damit nachweisen könnten, was wir gelernt haben und können. So wäre ein Schulabschluss denkbar, für den es keine Prüfungen mehr braucht – weil in der Blockchain bereits dokumentiert ist, dass Schülerinnen und Schüler das können, was sie können sollen. Weshalb? Weil andere, vertrauenswürdige Personen das bestätigen. Dieses Vertrauen kann die Blockchain abbilden und quasi errechnen. Das Reputationsmanagment, das Schulen und Universitäten anbieten, wäre so unnötig: In der Blockchain-Lernwelt bedeutet ein Ph.D. von Harvard wenig – der Nachweis, einflussreiche Forschung betrieben zu haben, jedoch sehr viel.

Was so ideal klingt, ist einerseits nicht so leicht umsetzbar und basiert auf einer breiten Akzeptanz eines solchen Systems. Andererseits führt es zu einer enormen Transparenz: Niemand kann anderen mehr etwas vormachen, sondern muss alles, was er oder sie zu können vorgibt, auch tatsächlich nachweisen können.

Deshalb wäre denkbar, dass sich Blockchain-Lernen zuerst in Entwicklungsländern durchsetzt, wo der Zugang zu Bildungsinstitutionen erschwert ist. Gerade in Kombination mit Blockchain-Zahlungen kann so ein Markt für Bildung entstehen, der von Institutionen und Staaten weitgehend unabhängig ist.