Reflektierte Kritik an den Internet-Giganten – eine Bemerkung zu Amazons Review-Policy

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Gestern hat sich im Netz die Empörung darüber verbreitet, dass Amazon Data Mining benutzt, um festzustellen, wer Autorinnen und Autoren kennt. Diese »engen Freunde« werden dann daran gehindert, Bewertungen und Besprechungen vorzunehmen.

Das Beispiel lässt sich nahtlos in eine Reihe von Entscheidungen einfügen, die große Netzunternehmen wie Google, Facebook und Amazon gefällt haben. Durch ihre Größe sind Menschen auf ihre Dienste angewiesen. Ihre Entscheidungen haben Konsequenzen. Zu sagen, Zensur sei lediglich ein staatlich-rechtlicher Vorgang, wird problematisch, wenn Unternehmen die Wahrnehmung und Produktion von Informationen steuern, die juristische Beschränkungen mit geschickten Tricks umgehen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Menschen solche Entscheidungen zurückweisen und eine Rückkehr zum Status Quo Ante fordern. .

Doch diese Kritik hat einen blinden Fleck: Facebook, Amazon und Google werden oft vorschnell verurteilt und an anderen Maßstäben gemessen als staatliche Akteuere und oder kleinere Firmen. Im konkreten Fall geht es darum, dass Gefälligkeitsrezensionen erschwert werden sollen. Mit demselben Problem kämpfen Google und Facebook (und auch Wikipedia): Menschen und Unternehmen nutzen die Plattformen, um Aufmerksamkeit für Unterfangen zu generieren, welche den meisten anderen Benutzerinnen und Benutzern schaden.

Bildschirmfoto 2015-07-10 um 13.17.31Das betrifft auch meine Bücher. Die meisten Rezensionen entstehen aus der Situation einer gegenseitigen Sympathie. Die einhellig positiven Bewertungen schmeicheln mir zwar und freuen den Verlag – sie sind aber nicht das Resultat einer ganzheitlichen Lesermeinung, sondern letztlich eine Gefälligkeitsarbeit für mich.

Ändert Amazon etwas daran, so verbessert sich die Qualität der Rezensionen. Amazon will, dass Bücher verkauft werden – weil das Unternehmen an jedem Buch etwas verdient. Man darf also davon ausgehen, dass hinter der Entscheidung durchaus auch die Interessen der Autorinnen und Autoren stehen. Es erfolgt lediglich eine Machtverschiebung.

Diese einzelnen Entscheidungen zu beklagen, mit denen die Verhältnisse der User von Plattformen verändert werden, ist immer eine Verteidigung der vormals Mächtigen. Dass Amazon, Facebook und Google Entscheidungen fällen, ist selten problematisch – sondern innerhalb der Markt- und Rechtsordnung sogar vielfach wünschenswert. Vielmehr ist zu kritisieren, dass große Unternehmen über die Verwendung von Infrastruktur bestimmen können, die demokratisch verwaltet werden sollte.

Google und die Wahrheit – ein Gedankenexperiment

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Ohne Google (oder andere Suchmaschinen) ist eine Navigation im Meer von Informationen nicht mehr denkbar. Doch welchen Prinzipien folgt diese Navigation? Man könnte denken, dass Google schlicht »die Wahrheit« als Orientierungspunkt verwenden sollte. Aber stimmt das?
Betrachten wir dazu drei hypothetische Szenarien:

  1. Ich will mit dem Zug von Münster nach Paderborn fahren und schlage bei Google den Fahrplan nach. 
    Klar: Zu erwarten ist, dass ich die schnellste oder kürzeste Route vorgeschlagen bekomme – auch wenn es in einem entlegenen Umsteigebahnhof einen Donut-Shop hat, der Google für Anzeigen und vielleicht sogar Umsteigetraffic bezahlt. Google berücksichtigt meine Interessen stärker als die der Werbekunden.
    Was aber, wenn Google weiß, dass ich immer in einem Donut-Bahnhof umsteige und bereit bin, einen längeren Weg dafür in Kauf zu nehmen? Soll Google mir dann diesen Vorschlag unterbreiten?
  2. Ich will Informationen darüber erhalten, ob ich meine Kinder impfen soll. 
    Hier stellt sich die Frage, wie meine Haltung gegenüber Impfungen lautet. Google weiß aus meiner Such- und Lesegeschichte oft, ob ich gegenüber schulmedizinischen Verfahren aufgeschlossen oder skeptisch bin. Soll also Google Impfskeptikern andere Informationen ausliefern als Befürwortern?
  3. Ich suche nach Informationen über Suizidmethoden.
    Nun wird deutlich: Es ist weder klar, was »meine« Interessen in einem solchen Fall genau sind – Google weiß vielleicht, dass ich schon lange an einer schweren Krankheit leide etc.

Die Gedankenexperimente stammen aus diesem Atlantic-Artikel. Sie sind sicher nicht neu: Im Kern enthalten sich ethische Überlegungen, die auch Fachkräfte in Bibliotheken anstellen müssen. Sollen sie neutral agieren und den Nutzerinnen und Nutzern die Informationen anbieten, welche die – warum auch immer – verarbeiten wollen? Können Sie das überhaupt – oder geben sie nicht schon durch die Selektion und Präsentationen von Bibliotheksinhalten eine bestimmte Haltung vor?

Google tut das auch. In Europa können Betroffene Verlinkungen von Google zu Seiten mit persönlichen Informationen verhindern – auch in anderen Ländern nehmen Gesetze Einfluss auf die Funktionsweise der Suchmaschine.

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Mir scheint die Konsequenz klar: Google braucht ein Gesicht. Eine Redaktion, die solche Entscheidungen fällt und die Verantwortung dafür übernimmt. (Das habe ich im Kassensturz auch schon für Youtube gefordert.) Ohne Entscheidungen kann Google nicht funktionieren – sie können höchstens versteckt werden.

»There Will Be Blood« – kurze Kritik des Nerdcore-Essays

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Der bekannte Nerd-Blogger René Walter hat einen großen Essay zu Wut im Internet publiziert. Er greift dabei auf Debatten zurück, die längst viel differenzierter geführt worden sind – und ignoriert damit wesentliche Beiträge von Expertinnen zu Themen wie »Hate Speech« und Gamergate. Yasmina Banaszczuk fasst diese Kritik wie folgt zusammen:

[Walters] Pseudodifferenzierung führt zur Gleichsetzung von Hate Mobs und den Reaktionenen Betroffener.
[Darüber hinaus] ist die Unsichtbarkeit der Expertinnen, die seit mehreren Jahren darüber schreiben, [ein Problem des Textes].

Im Folgenden führe ich meine Kurzkritik, die ich auf Twitter publiziert habe, auf Wunsch aus. Ich werde dabei keine ausführliche Diskussion der beiden oben genannten Debatten aufgreifen: Dazu wurde das Wesentliche schon von kompetenteren Leuten gesagt. Ich beschränke mich auf die Argumentation und Form von Walters Essay. (Die Einleitung habe ich in einem Update eingefügt.)

»Im Underground zählt einzig und allein die ästhetische Qualität«, sagte Walter vor Jahren in einem Interview. Zum Underground rechnet er seine Arbeit dazu. Diese ästhetische Qualität geht seinem Essay ab. Hauptsächlich aus drei Gründen: Der Text ist erstens zu lang für seinen argumentativen Gehalt. Dadurch verlieren die präsentierten Zusammenhänge an Klarheit. Das mag eine bewusste Strategie sein, ist aber ein ästhetisches Problem.

Zweitens verunmöglicht die grafische Gestaltung eine konzentrierte Lektüre. Illustrationen erhalten eine Eigendynamik, sie sind keine Ergänzung des Textes, sondern führen von ihm weg. Ein Beispiel: Das sehe ich, wenn ich den Text in meinem Browser lese.

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Drittens wählt Walter eine Sprache, die Netzjargon, Umgangssprache, Verlinkungsreferenzen und Neologismen so verbindet, dass die mit ihr transportierten Argumente dahinter verschwinden. Betrachten wir einen Auszug:

Ich sehe immer mehr Artikel zu Wut und Trollen, Online-Harassment und virtueller Gewalt an jeder Ecke. Wir reden immer lauter über Emotionen im Netz, wie sie darin geformt und übersteuert werden, über Empathie und wie sie in einer digitalen Welt funktionieren kann. Die Diskussion ist längst in Deutschland angekommen, spätestens mit dem Drama um die provokativen Texten von Frau Von Rönne in der Welt oder der Diskussion um das Münkler Watchblog. Websites und Mainstream-Medien leiden schon lange unter dem immer emotionalerem und ausfallenderem Diskussionsverhalten und sogar der neue Pixar-Film handelt von den Gefühlen von Gefühlen. Das Thema ist überall.

For fucks sake: Das Magazin, in das ich die erste Version dieses Textes geschrieben habe, trägt den Untertitel „Liebe & Hass – Wer spielen will muss fühlen“! Und nun sind wir eben an dem Punkt angekommen, an dem sich das Thema nicht mehr länger weg-schulterzucken lässt.

¯\_(ツ)_/¯ is not an Option anymore. What the hell, it never was.

Die drei Abschnitte zwei Behauptungen: Wut und Emotionalität würden intensiver thematisiert (und auch in Deutschland). Deshalb sei eine Diskussion darüber alternativlos geworden. Damit vermischt sind Beispiele: Münkler-Watchblog, die Rönne-Debatte, Pixar-Filme. Ist ihnen – und damit gehe ich nahtlos zur inhaltlichen Kritik des Essays über – etwas gemeinsam? Zeigen sie Wut oder Emotionen in einem exemplarischen Sinne? Sind Wut und Emotionen (und Empathie) dasselbe oder müssen wir sie unterscheiden?

Solchen Fragen und der damit verbundenen Begriffs- und Argumentationsarbeit weicht der Text trotz seiner Länge aus. Er funktioniert im besten Fall assoziativ: Fundstücke und Bruchstücke von Gedanken werden in eine Beziehung gesetzt, die selbst nicht erklärt wird.

Ein weiteres Beispiel dafür ist der folgende Absatz, der auf ein Bild verweist:

Exakt das sieht man in diesem bekannten Graph, der einen Schnappschuss der Gamergate-Debatte in einer Netzwerk-Visualisierung zeigt. Ich verwette meinen Arsch darauf, dass graphische Abbildungen angrenzender Debatten exakt genauso aussehen. Das hier und die tausenden Gamergate-Screenshots sind, mehr oder weniger, eine neue Form der Kriegs-Fotografie:

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Um ehrlich zu sein: Ich sehe nichts in diesem Bild, was ich als »exakt« bezeichnen würde. Dafür müsste ich über die Methodik, die Visualisierungsform, die Datengrundlage etc. aufgeklärt werden. Zudem kann ich nicht beurteilen, wie gehaltvoll Aussagen sind, auf die Walter seinen Arsch verwettet.

Die Vermutung, dass in Debatten eine Polarisierung entsteht, ist letztlich so trivial und nichtssagend wie die Behauptung, die Diskussionskultur sei online eine viel radikalere als – Achtung, Jargon! – im »Meatspace«. Da entwickelt René Walter einen reaktionären digitalen Dualismus, der wenig bringt. Als ob es offline keine polarisierenden Debatten gäbe.

Letztlich verliert sich der Essay in der Forderung, es bräuchte halt einmal mehr Empathie (am besten mit technologischen Lösungen) und gleichzeitig doch viel Polemik:

Natürlich geht das meistens schief und dann muss man eben die Rechnung zahlen, aber das ist eben die andere Seite: Derbe, möglicherweise auch zunächst schmerzhafte Provokationen können Grenzen verschieben, neue Dinge ermöglichen und Horizonte erweitern. Deshalb nochmal: „It’s extremely important to be able to be nasty to each other for society.“

So haben am Schluss alle Recht, nur die anderen nicht: Die Gamer haben bei Gamergate recht, weil es doch um journalistische Ethik geht, die Feministinnen haben auch recht, aber nur, wenn sie nicht wirklich radikal sind. Der Text ist eine gebastelte Apologie für die eigene Position: »Seht mal, ich habe ein paar Studien, Memes und Youtube-Videos gefunden, die sagen, dass ich so weitermachen kann wie bisher. Aber meine Privilegien habe ich total gecheckt.«

Walter agiert wie der von ihm zitierte »Let’s Player«, der bemerkt, dass er im Videospiel GTA V nicht nur eine schwarze Frau getötet hat, sondern auch den Moment wahrnehmen konnte, in dem sie gestorben ist. »Shit, now I feel bad«, sagt er, um dann den Moment mit einer Horrorästhetik ironisch zu unterlaufen. Seine Einsicht bleibt ohne Konsequenzen. Zu denken, bessere Visualisierungen von Todesszenen würden zu einer Kultur der Empathie (mit Spielfiguren?) führen, ist entweder ein apolitisches Spiel mit dem Leser oder blanker Zynismus.

* * *

Dann noch ein Buchtipp:

(Da gibt’s ein fantastisches Buch über die Geschichte der Raumwahrnehmung, von der Antike bis Virtual Reality, fast schon Umberto-Eco-Level of Analysis, habe ich hier schon öfter erwähnt. Leider habe ich das Buch nicht mehr und ich komm um’s Verrecken nicht mehr auf den Namen. Auch das habe ich hier schon öfter erwähnt. Hrmpf.)

Was ich auf der #digilit15 gelernt habe

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Die letzten drei Tage habe ich auf der Tagung digital.sozial.marginal? in Münster viel über Game Studies, Computerspiele und gesellschaftliche Fragen gelernt. Die wichtigsten Eindrücke halte ich hier fest. 

Mein eigener Vortrag zu digitaler Literatur im Deutschunterricht ist hier abrufbar

* * * 

1. Das alte Denken verschwindet langsam. 

Denken wir über Bücher oder allgemein über Kunst oder soziale Gegebenheiten nach, sind wir geprägt von Vorstellungen, mit denen wir sozialisiert wurden. Ein Buch erscheint dann als fixiertes Werk mit einem Autor und einem Normleser, der das Buch auf eine bestimmte Art behandelt. Vor diesem Hintergrund beginnen wir dann, andere Phänomene zu verstehen: Wir behandeln digitale Literatur und Computerspiele, als funktionierten sie wie ein Buch. Dabei funktioniert noch nicht mal ein Buch so – wir denken einfach, es täte das. Die Literaturwissenschaft weiß beispielsweise schon länger, wie wichtig eine Betrachtung der Editionsgeschichte von Büchern ist: Wir lesen nicht das Buch, sondern nur eine Version von einem Buch. Dasselbe ist in einem viel stärkeren Maße bei Computerspielen der Fall: Die werden oft wöchentlich wenn nicht täglich gepatcht und geupdated. Das in die Analyse direkt mit einzubeziehen, ist aber – aufgrund des hartnäckigen alten Denkens – nicht immer einfach. Das zeigt sich auch beim nächsten Punkt.

2. Wem gehört der digitale Text? 

Wie selbstverständlich denkt die Leserin, ein Kindle-Buch gehöre ihr genau so, wie ein Buch, das in ihrer Bibliothek steht. Dennoch räumt Amazon lediglich ein Nutzungsrecht ein, während die Leserin den Text aber mit ihren Markierungen und Kommentaren erweitert und so wiederum Inhalte schafft, welche Amazon nutzt. (Das tut sie auch allein durch die Lektüre, im neuen Modell sollen Autorinnen und Autoren auch auf der Basis von Lesestatistiken vergütet werden.)

https://twitter.com/NeinQuarterly/status/614733222904107008

Diese neue Art von Autorschaft hat auch der Stargast der Tagung, @neinquarterly, im Münsteraner Hafen erläutert: Nachdem der erste Artikel über ihn in einer deutschen Zeitung erschienen sei, habe er negative Reaktionen erhalten – viele Twitter-User hätten den Eindruck gehabt, ihnen gehöre ein Teil des Projekts. Was aus einer alten Denkweise komplett absurd erscheint, ist digital nachvollziehbar: Die Bedeutung von Jarosinskis Projekt liegt in der Aufmerksamkeit, die seine Inhalte generieren können. Diese Aufmerksamkeit verschaffen die Menschen, die mit dem Profil interagieren (und ihm auch interessante Inhalte schicken).

3. Mit Computerspielen die Gesellschaft beobachten. 

In der neuen Version der Fifa-Fußballreihe von EA Sports wird es möglich, mit Frauenmannschaften zu spielen. »[W]ie es auch im realen Frauen-Fußball üblich ist, können sich die Frauen-Teams in FIFA 16 nur untereinander messen und nicht mit den Männer-Teams«, schreibt EA Sports dazu. Zu Pyrotechnik sagt der Pressesprecher hingegen Folgendes:

Pyrotechnik ist in Deutschland ein viel diskutiertes und eher negatives Thema. Es ist ein Verletzungs- und ein Sicherheitsrisiko. Daher ist und bleibt es in Deutschland verboten. Das bedeutet: FIFA wird sicher keine Dinge einbauen, die aus rechtlicher, wirtschaftlicher, medialer und normativer Sicht nicht vertretbar sind.

FIFA macht als Computerspiel zunächst beobachtbar, wie das Entwicklungsspiel die Welt und ihre Regeln sieht. Sie konstruieren eine Welt, die juristischen Gesetzen und FIFA-Richtlinien folgt – und bezeichnen diese als real: Während doch in der Wirklichkeit (ich problematisiere den Begriff für einmal nicht) Pyros in Stadien abgebrannt werden und Frauen mit Männern zusammen Fußball spielen (und auch gegen Männer). Das Computerspiel hebt gewisse Normen auf (schlechte Mannschaften gewinnen mit geschickten Spielern Pokale in Serie), setzt andere fest. Anders ist das nicht denkbar. Schlüpft man in die Haut der EA Sports Verantwortlichen, wird deutlich, dass sie nicht umhinkommen, die Realität zu interpretieren und damit eine neue Realität zu schaffen: Auch wenn Frauenmannschaften gegen Männermannschaften spielen könnten, müsste entschieden werden, wie stark die einzelnen Spielerinnen und Spieler in Relation zueinander sind etc.

Die andere Option wäre, FIFA als eine Plattform zu verstehen, die Verhalten der User beobachtet, indem die Spielenden entscheiden können, wie stark Spielfiguren und Teams sind. Dadurch entsteht dann aber automatisch wieder eine Art von Normalisierung: Abgleichverfahren wie Online-Spiel-Modi etc. würden dazu führen, dass die Spieler mehrheitlich ähnliche Spielwelten schaffen. Normen – so eine für mich bei Butler entscheidende Erkenntnis – sind eine soziale Konstante. Die Utopie einer normfreien Welt kann auch das Computerspiel nicht einlösen.

4. Entscheidungen beobachten. 

Entscheidungen waren durchwegs Thema der Tagung – ich möchte dazu bald eine Unterrichtseinheit gestalten. Luhmanns Erkenntnis, dass sich Entscheidungen erst im Nachhinein beobachten lassen, setzen dabei die Telltale-Games (z.B. Walking Dead) exemplarisch um – obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass das Spiel gar keine Entscheidungen anbietet, sondern nur suggeriert, es handle sich um eine Entscheidung. Menschen nehmen offenbar die Entscheidungs-Situationen, in denen sie sich nicht auf eine Normvorgabe der Gesellschaft verlassen können, als besonders reizvoll wahr, wie Raphael Stübes Analyse von Entscheidungsbäumen im Spiel gezeigt hat.

5. Flüssige Begrifflichkeit. 

Kai Matuszkiewicz hat beim Computerspiele eine mediale Narration von einer personalen Unterschieden: Gewisse Geschichten werden vom Spiel erzählt, andere erzählen sich die Spielenden während des Spiels. Diese Unterscheidung wird sofort wieder problematisch, wenn Spielerinnen und Spieler Let’s-Play-Videos auf Youtube veröffentlichen: Ihre personale Narration ist sogleich wieder eine mediale.

Die Tagung hat mir so gezeigt, dass Begriffsarbeit zwar wichtig ist, aber nur Voraussetzung, nicht Garant für Verständnis von interessanten Phänomenen ist.

Warum wird digitale Literatur im Deutschunterricht nicht behandelt?

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An der interdisziplinären Tagung zu »Literatur und Computerspiel in der digitalen Gesellschaft« trage ich heute zur Titelfrage vor. Hier die verwendeten Materialien und eine Kurzfassung meiner Thesen. 

* * *

Digitale Literatur wird im (gymnasialen) Deutschunterricht nicht gelesen. Das ist gleichzeitig Symptom und Ursache einer kulturellen Marginalisierung des digitalen Erzählens. (Damit sind Erzählformen gemeint, die digital vermittelt Interaktion oder zumindest die Fiktion der Interaktion anbieten.)

Welche digitalen Texte böten sich an? Zu denken ist primär an Computerspiele wie Gone Home von Fullbright (wird im Englischunterricht an mehreren Schulen behandelt)  oder Sunset von Tale of Tales. Hinzu kommen Memeplexe wie etwa politische Kritik oder Kommunikation, welche die Bundeskanzlerin Angela Merkel als Aufhänger benutzen wie #neuland, #hipstermerkel oder das G7-Bild

Die Fachdidaktik Deutsch ist in der Frage gespalten, ob digitale Literatur zur Vermittlung von Kompetenzen geeignet sei. Die meisten Lehrwerke und Fachleute verweisen auf das Potential von Hypertexten, markieren damit aber gemeinhin eine Leerstelle: Der Rückbezug auf eine überholte literarische Spielart der 90er-Jahre ist Signal für eine Weigerung, sich mit den damit gemeinten Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Fachdidaktische Zugänge zu digitaler Literatur können aber konkret nachweisen, dass ein gezielter und wirkungsvoller didaktischer Einsatz im Unterricht möglich und sinnvoll ist (Matthis Kepser hat ein Kompetenzraster für die Arbeit mit Computerspielen erstellt). Empirische Studien, etwa von Jan Boelmann, können das auch quantitativ stützen. Folglich kann es als Konsens der Fachdidaktik bezeichnet werden, dass digitale Erzählungen geeignete Lerngegenstände sind. Folgende Aspekte zeichnen sie aus:

  • Verankerung im medialen Alltag Jugendlicher
  • ihr kultureller »Wert« als eigene Genre-System mit einer Geschichte
  • ihre Zukunftsbedeutung
  • die Selbstwirksamkeits-, Kreativitäts- und Rollenerfahrung
  • die speziellen narrativen Eigenschaften, z.B. nicht-lineares Erzählen
  • fächerübergreifenden Aspekte.

Welche Gründe verhindern, das digitale Literatur Eingang in den Unterricht findet?

  1. An vielen Schulen ist die dafür nötige Infrastruktur nicht vorhanden.
  2. In Lehr- und Bildungsplänen werden »Medien« von Literatur unterschieden – und damit suggeriert, dass Trägermedien für Rezeption von Inhalten entscheidend sind.
  3. Digital vermittelte Themen sind in dieser Perspektive primär dafür geeignet, über psychologische Gefahren zu sprechen.
  4. Diese Gefährdung betrifft aus bildungsbürgerlicher Sicht auch die Kultur: Ein Kanon wertvoller und tiefer Werke muss vor der Zersetzung durch digital-oberflächliche geschützt werden.
  5. Entwickelte Standards, mit denen sich Kompetenzen messen lassen, sind (noch) nicht auf digitale Arbeitsumgebungen anwendbar.
  6. In der Schule hat die Lektüre von Printtexten Vorrang. Wer also Lernende auf ihre schulische Zukunft vorbereiten will, tut gut daran, sie in einem etablierten Kontext arbeiten zu lassen, weil ihr Bildungserfolg davon abhängt.

Ändern lassen sich diese Hemmnisse für den Einsatz digitaler Literatur im Unterricht nur, wenn gleichzeitig auf einer diskursiven, einer politischen, einer technologischen und einer schullogischen Ebene Veränderungen initiiert werden. Hilfreich wäre es, wenn ein Bundesland einen digitalen Text im Zentralabitur prüfen würde.

Das Vortragsmanuskript als pdf (Vers. 2.3).

Und die Slides:

Gesellschaftliche Probleme mit digitaler Kommunikation – eine Fallsammlung

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Diese Liste versammelt Konflikte, die durch digitale Kommunikation sichtbar geworden sind. Alle Fälle sind dokumentiert – ohne dass meine Schilderung notwendigerweise objektiv ist, weil ich meistens nur über die Berichterstattung in Massenmedien davon Kenntnis habe. Es kann durchaus sein, dass der aktuelle Stand der Verfahren hier nicht erwähnt oder verlinkt wird. Sie bilden die Basis für Workshops, in denen Teilnehmende dazu Stellung nehmen sollen. 

Eine Druckversion als pdf gibt es hier

Wenn jemand weitere Fälle beisteuern kann, freue ich mich über eine E-Mail und ergänze die Liste gerne! Der Beitrag wird laufend mit Updates versehen. 

* * *

  1. Kündigung per WhatsApp
    Der Chef eines Monteurs spricht ihm per WhatsApp die Kündigung aus. Das ist in der Schweiz eine rechtlich gültige Form der Kündigung. Der Monteur ist verärgert und wendet sich an 20Minuten: »Mich stört, dass mein Chef mich nicht angerufen oder einen Termin vereinbart hat.«
  2. Der Kristallnacht-Tweet
    Ein Informatiker setzt an einem Samstagabend auf Twitter eine Meldung ab: »Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht, diesmal für Moscheen.« Er verliert seinen Job, wird aus der SVP ausgeschlossen und muss sein Amt in der Schulpflege abgeben. Zudem wird er verurteilt und muss mehrere 1000 Franken Busse zahlen. (In der Folge wurde auch ein Politiker der Grünen verurteilt, welcher den Informatiker auf Twitter mit Nazis verglichen hatte.)
    Ähnlich liegt der bekannte Fall von Justine Sacco, die nach einem Tweet ihre Karriere aufgeben musste und unter massive Kritik geriet.
  3. Das Ice-Tea-Video
    Eine 15-jährige Schülerin hat mit ihrem Freund zusammen ein pornografisches Video gemacht, in dem sie sich mit einer Ice-Tea-Flasche befriedigt. Nach der Trennung hat ihr ebenfalls 15-jähriger Freund den Film online verbreitet. Mehrere Zeitungen haben darüber berichtet, so dass es ein großes Publikum erreicht hat. Die junge Frau ist schwer traumatisiert, ihre Familie musste umziehen. Mittlerweile wurden 11 Strafverfahren wegen Verbreitung von Kinderpornografie eröffnet – auch gegen die im Video zu sehende Frau.
  4. Facebook-Parties
    Immer wieder verbreiten sich via Facebook Party-Einladungen – teils gewollt, teils nicht gewollt. So entstehen Massenparties, die kaum mehr kontrolliert werden können und für die keine Bewilligung vorliegt.
  5. Nacktbilder vom Arbeitsplatz
    Eine Sachbearbeiterin, die im Bundeshaus arbeitete, verbreitete über Twitter Nacktbilder von sich. Einige davon wurden am Arbeitsplatz aufgenommen. Als verschiedene Medien darüber berichtete, wurde die Sekretärin erst freigestellt und dann entlassen.
  6. Auflösung des Lehrvertrags wegen Facebook-Kommentar über Lehrerin
    Eine 15-jährige Schülerin wurde eine Lehrstelle auf einer Gemeinde aus 150 Bewerbungen ausgewählt. Ihr Lehrvertrag wurde aufgelöst, als die Lehrverantwortliche erfuhr, dass sich die junge Frau auf Facebook abschätzig über eine Lehrerin geäußert hatte.
  7. Probleme bei der Einreise in die USA
    Ein britisches Paar scherzte via Twitter über ihre bevorstehende USA-Reise. Es wurde bei der Einreise verhaftet und ausgewiesen. (Auch ein Deutscher Musiker erhielt wegen E-Mails und digitalen journalistischen Arbeiten ein Einreiseverbot in den USA.)
  8. Der falsche Leserbrief
    In einer Regionalzeitung veröffentlicht eine Pensionärin einen Leserbrief, in dem sie einen falschen Vergleich zwischen AHV-Zahlungen und Ausschüttungen an Asylbewerbende vornimmt. Der Leserbrief wurde auf Facebook über 90’000 Mal geteilt und erhielt so massive Aufmerksamkeit.
  9. Die Facebook-Drohung
    Ein Gymnasiast schreibt an seinem Geburtstag auf seinem Facebook-Profil:

    Freut sich hüt niemert, dass ich gebore worde bin… ich schwör, ich zahls eu allne zrug! es isch nöd e frag vo de Höflichkeit, sondern vom Respekt und Ehre. Ich vernichte eu alli, ihr werdet es bereue, dass ihr mir nöd in Arsch kroche sind. Denn jetzt chan eu niemert me schütze… Pow! Pow! Pow!

    Sein Lehrer wendet sich an die Polizei, der Schüler wird in Untersuchungshaft genommen und später verurteilt. Zusammen mit den Verfahrenskosten muss er rund 15’000 Franken bezahlen. (Update: Das Bundesgericht hat das Urteil aufgehoben, das Zürcher Obergericht befindet noch einmal über den Fall.)

topelement

Karikatur von Schaad, Quelle: Tages-Anzeiger

Niuws – meine Erfahrungen mit dem »Kuratieren«

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Seit gut einem Monat unterhalte ich eine sogenannte »Box« bei Niuws. Ich publiziere darin Artikel, die ich im Bereich »Lernen unter den Bedingungen der Digitalisierung« für lesenswert halte. Die Box kann man sich hier ansehen. Im Folgenden möchte ich kurz meinen Workflow und meine Gedanken dazu beschreiben. (Transparenz-Disclaimer: Ich erhalte kein Geld für meine Arbeit bei Niuws und schreibe diesen Blogbeitrag aus eigener Veranlassung.) Bildschirmfoto 2015-06-08 um 10.49.54 Ich habe das Projekt von Niuws seit seinem Start verfolgt. Die App ist eine Art Twitter für Menschen, die zwar interessante Artikel mögen, aber die Netzwerkarbeit nicht leisten können oder wollen. Da ich seit Jahren journalistische Produkte fast ausschließlich via Twitter konsumiere – damit kann man bei Workshops mit Lehrkräften immer noch viele Anwesende schockieren -, überzeugt mich das Modell. Entsprechend habe ich mich gefreut, als ich von Martin Weigert gefragt wurde, ob ich eine Niuws-Box kuratieren möchte. Kuratieren ist zum Plastikwort geworden – deshalb erkläre ich kurz, was ich da genau mache:

  1. Beim Lesen von Artikeln frage ich mich, ob die in meine Box passen könnten. Kriterien sind Aktualität, frische Perspektiven auf das Thema sowie eine gewisse Breite: Ich möchte nicht zu viel über schulisches Lernen, aber auch nicht zu wenig; einige englischsprachige Texte, aber nicht ausschließlich; Blogs und traditionelle Medien etc.
  2. Ich speichere die entsprechenden Artikel recht großzügig im Tool von Niuws – meist mache ich das mobil, zuweilen auch im Browser am Laptop.
  3. Aus der Liste wähle ich an den meisten Morgen der Arbeitstage drei Artikel aus, die ich dann noch einmal genau lese und mit einer kurzen Beschreibung für die Publikation freigebe.
  4. Die Sammlung der drei Artikel kommentiere ich noch einmal und veröffentliche sie dann innerhalb von Niuws und öffentlich über meinen Twitter-Kanal (aber bewusst nicht über Facebook).

Bildschirmfoto 2015-06-08 um 10.47.31An den meisten Tagen fällt es mir leicht, drei Artikel zu finden. Ich lasse dann oft solche weg, von denen ich am Vortag sicher war, sie in die Publikation aufzunehmen. So entsteht ein Archiv von Texten, die ich gelesen habe – oft habe ich auch darin schon nach etwas gesucht, was ich in einem anderen Kontext verwenden wollte. Ein solches Archiv ist für mich von einigem Wert. Andere Kuratorinnen oder Kuratoren machen mich auch auf Artikel aufmerksam, die in meine Box passen – ich erhalte also ein Profil als Fachmann in meinem Gebiet. So stimmt für mich Aufwand und Ertrag bei der Arbeit mit Niuws. Weil ich nicht bezahlt bin, nehme ich mir die Freiheit, an stressigen oder erholsamen Tagen keine Artikel zu veröffentlichen. Zwei Aspekte bewerte ich negativ: Erstens beginne ich, Artikel nur zu überfliegen, statt sie zu lesen – ich weiß ja, dass sie in der Liste der Artikel auffindbar sind und lese sie vor dem Publizieren ohnehin. Zweitens gibt es kaum Interaktion mit den Leserinnen und Lesern der Box. Ich kann an den Statistiken zwar ablesen, welche Artikel wie gut performen – ein echter Austausch entsteht aber allenfalls über Twitter, nicht in Niuws selbst. Dieser Bug ist selbstverständlich ein Feature – aber mein medialer Alltag in Twitter funktioniert anders.

Haben digitale Medien einen Mehrwert für das schulische Lernen?

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Ich folge der Einladung zur Blogparade zu der im Titel genannten Frage gerne. Diese grundsätzliche Ebene erreicht fast jede der Weiterbildungsveranstaltungen, die ich an Schulen zu diesem Thema durchführe oder besuche.

Die Frage setzt voraus, dass bekannt ist, was »schulisches Lernen« ist. Damit wird davon ausgegangen, dass sie nur im Rahmen eines schulischen Settings beantwortet werden kann, das mit bestimmten Annahmen gekoppelt ist, z.B.:

  • Das relevante, interessante Lernen ist das schulische.
  • Die Rollenverteilung von Lehrkräften und Lernenden ist gegeben.
  • Das Schulhaus als Raum mit Klassenzimmern, in denen Präsenzlektionen abgehalten werden, stellt den Lernort dar.
  • »Lernen« ist leistungsbezogen: Es führt zu einem Output, der z.B. in Prüfungen messbar ist und zu Abschlüssen und Qualifikationen führt.

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Die Digitalisierung zeigt, dass das Fundament dieser Annahmen wackelig geworden ist. Sie bezieht sich auf anderen Formen von Lernen und auf alternative Beziehungskonstellationen, z.B. beim informellen Lernen. Mit dieser Vorbemerkung ist die Frage nicht beantwortet, lediglich festgehalten, dass der Mehrwert digitaler Medien sinnvollerweise in Bezug auf »das Lernen« untersucht werden müsste.

[Schulische Bildung] zielt auf Persönlichkeitsentwicklung und Weltorientierung, die sich aus der Begegnung mit zentralen Gegenständen unserer Kultur ergeben. [S. 3]

Dieser Satz steht in den Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss für das Fach Deutsch. Die Kultusministerkonferenz bezieht sich mit »zentralen Gegenständen unserer Kultur« auf Narrative, Bilder, Filme, Spiele etc., die heute digital vorliegen. Ohne digitale Medien ist diese Anspruch nicht einzulösen. Kultur findet heute digital statt. Zeitungstexte, Romane, Gedichte entstehen primär digital. »Online first« ist längst das Prinzip der menschlichen Kommunikation geworden.

Es scheint hier müssig, sich zu überlegen, ob digitale Medien einen »Mehrwert« bieten: Ohne digitale Medien hat schulisches Lernen mittelfristig gar keinen Wert – weil es sich aus der Kultur und Kommunikation, welche die Umwelt Jugendlicher und Erwachsener prägt, verabschiedet hat.

Aber wahrscheinlich meint die Frage auch das nicht. Vielmehr richtet sie sich auf konkrete Bildungsstandards und will wissen, ob digitale Medien als Methode einen Mehrwert haben, wenn in den Standards beschriebene Kompetenzen in der Schule erworben werden. Betrachten wir ein Beispiel:

Aufbau, Inhalt und Formulierungen eigener Texte hinsichtlich der Aufgabenstellung überprüfen (Schreibsituation, Schreibanlass) [S. 13]

Dieser Standard wird von digital arbeitenden Deutschlehrkräften wie Urs Henning mit Google Drive und Peer-Feedback umgesetzt. An ihm orientiere ich mich zunehmend bei der konkreten Umsetzung schreibdidaktischer Einsichten. Die Digitalisierung ermöglicht, dass das Prozesshafte beim Schreiben von Texten beobachtet werden kann – und zwar nicht nur von der Lehrperson, sondern auch von Mitlernenden.

Das ist für mich ein klarer Mehrwert. Er legt nicht nahe, nur noch am Bildschirm zu schreiben, er bedeutet keine Reduktion des Aufwands für die Lehrperson oder die Lernenden, er beantwortet die Frage nicht, wie ich denn bei einer Prüfung verhindern kann, dass die stilistisch begabte Tante den Aufsatz für einen Schüler schreibt. Vielmehr macht er didaktische Settings möglich, die schon in analogen Zeiten als fruchtbar erkannt wurden, aber kaum je umgesetzt werden konnten.

tl;dr Digitalisierung bedeutet drei Dinge für die Schule: Sie stellt sie als Institution infrage. Sie prägt die Kultur, auf die sich Schule bezieht. Sie erweitert das didaktische Repertoire für Lehrpersonen. 

#Hashtags, Twitter und Instagram als Begleitung von Lehrveranstaltungen einsetzen

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In verschiedenen Funktionen unterrichte ich regelmäßig (angehende) Lehrkräfte. Dabei orientiere ich mich am didaktischen Prinzip, dass erfolgreiche Unterrichtskonzepte nicht nur Lerngegenstand darstellen können, sondern auch in die Methodik einfließen sollen. Nicht penetrant, nicht als inhaltsloses Spiel, sondern als Erlebnis wirkungsvoller Lehrverfahren.

Eines dieser Konzepte ist die digitale Begleitung von Lehrveranstaltungen. Twitterwalls haben auf Tagungen bereits eine Tradition, im Schulunterricht werden sie bislang wenig genutzt. Dabei wäre das Potential enorm – digital erweiterter Unterricht:

  • öffnet die Lernprozesse für Interessierte, aber physisch Abwesende
  • gibt allen, die im Unterrichtsgespräch keinen Raum erhalten, eine Plattform, um Meinungen, Fragen, Kritik einzubringen
  • speichert wichtige Gedankengänge, die auch mit Bildern oder Links versehen sein können, für die Nachbereitung bzw. Vorbereitung einer nächsten Einheit
  • hält Gespräche über die physische Präsenzzeit hinaus aktiv.

Praktisch gehe ich – bei Kursen mit pädagogisch ausgebildeten Erwachsenen – wie folgt vor:

  1. Ich offeriere allen Teilnehmenden mehrere Möglichkeiten zur Teilnahme, üblicherweise Twitter, Instagram, Facebook, Google Drive, Evernote, WordPress, ein Etherpad (ungefähr in dieser Reihenfolge).
  2. Die Möglichkeiten sind so einfach wie möglich, d.h.:
    a) persönliche, schon genutzte Accounts können verwendet werden (aber wenn möglich mit Hashtags)
    b) es gibt Veranstaltungsaccounts, die schon angelegt sind und in die man sich einloggen kann (für ein Bsp. siehe phwa.ch/picts)
    c) nur Plattformen mit einfachen Apps und schlichten Login-Prozessen werden erwähnt
    d) keine einzelne Plattform wird fixiert
  3. Ich biete eine längere Einführungsphase sowie mehrere virtuelle »Zigarettenpausen« an, in denen Beiträge verfasst werden können.
  4. Die Kanäle werden immer wieder in der Lehrveranstaltung angeschaut und die Inhalte besprochen.
  5. Vor, während und nach der Veranstaltung bin ich auf den Kanälen präsent und betreibe Monitoring und kuratiere.
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Ein Instagram-Beispiel aus einem Kursmodul.

Die Ergebnisse sind bisher nicht berauschend. Die Vorgehensweise braucht mehr Energie, als ich gedacht habe. Auch wenn ich bewusst Hürden entferne und Zeiträume schaffe, sind einige der Teilnehmenden immer überfordert: Die App läuft auf ihrem Handy nicht, sie nutzen das falsche Passwort, können sich nicht ins W-Lan einloggen, sind gehemmt oder trauen sich nicht.

Immer wieder gibt es aber einzelne, die dranbleiben, interessante Kritik üben, andere ermuntern. Gleichwohl erstaunt es mich, wie selbstverständlich und sinnvoll digitale Diskussionen für mich sein können – und wie sperrig für Menschen mit einem ähnlichen Beruf und einer ähnlichen Ausbildung.

Das E-Mail-Problem der Schulen – ist Slack die Lösung?

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E-Mails sind an Schulen zu einem Problem geworden (wahrscheinlich waren sie schon immer eines). Hier einige Facetten des Problems:

  1. E-Mails sind unübersichtlich.
    In irgendeinem Anhang irgendeiner Mail finde ich den Link zu einem wichtigen Formular, das ich heute ausfüllen müsste. Aber wo? Geht noch so knapp mit OS X Spotlight oder der Mail-Suche von GMail, kriegt aber die durchschnittliche Lehrperson selten gebacken. Zu viel Zeit und Energie gehen mit der Suche nach grundlegenden Informationen verloren.
  2. Too Much Information.
    Multimail-Plattformen erlauben an Schulen Tätigen, schnell eine Zielgruppe auszuwählen und mit einer Mail zu bedienen. Das Prinzip ist aber dabei das engmaschige Fangnetz: Neben den eigentlichen Adressaten erhalten auch viele meine Mail, die damit nichts anfangen sollen oder müssen. Filter sind kaum möglich, weil diese Mails keinem System folgen, sondern genau so aussehen, wie wirklich wichtige Nachrichten.
  3. Inbox Zero.
    Mitglieder der Schulleitung arbeiten oft über eine Stunde pro Tag Maileingangsordner ab. Das hängt einerseits damit zusammen, dass das zu ihrer Aufgabe gehört – andererseits aber auch mit dem verbreiteten Muster, Probleme per Mail anderen zuzuspielen. An einer Schule: Der Instanz, die letztlich entscheiden kann.
  4. Anhänge.
    Mit Mails können Dokumente nicht kollaborativ bearbeitet werden, weil alle eine andere Version des Dokuments vor sich haben und Arbeitsschritte mehrfach erledigt werden.
  5. (Mails laden zu Missverständnissen ein).
    Das Problem hat sich im Vergleich zu vor fünf oder zehn Jahren massiv verbessert (das zumindest mein subjektiver Eindruck, viellicht habe aber auch ich mich verändert) – es besteht aber weiterhin: Mails eröffnen ein Spielfeld, auf dem jede und jeder Missverständnisse suchen kann. In einem Verein, gehen wir im Vorstand vom Prinzip aus, dass alles ohnehin missverstanden wird. Egal wie viel Mühe man sich beim Formulieren gibt. Das gilt auch für die Schule.

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Es gibt Lösungsansätze zu diesem Problem. Sie bestehen generell aus folgenden Ideen:

  • Verdichtung in Newslettern
    Wer eine Mail an alle verschicken will, schickt sie stattdessen an eine Redaktion – die dann ein Mal pro Woche/Monat etc. einen schlau archivierbaren Newsletter verschickt
  • Kommunikation thematisch bündeln
    Diskussionen direkt neben einem Dokument führen (z.B. bei Google Drive), statt Mail mit Anhängen zu verschicken; Threads zu eröffnen, bei denen alle alles lesen können, was es zu einem Thema zu sagen gibt
  • smarte Agendafunktionen
    Informationen direkt an Kalenderevents anhängen, die dann auch auf Smartphones verfügbar sind
  • kollaborative Dokumente
    Dokumente dort bearbeiten, wo sie gespeichert werden
  • zentraler Zugang zu dezentralen Aktivitäten
    Metaoberflächen lassen Usern die freie Wahl, wie sie arbeiten wollen – ermöglichen aber allen einen Zugang dazu
  • smarte Suche
    Google, Evernote und Apple verstehen etwas von Suchfunktionen – wer heute Wissensmanagement betreibt, muss alle Dokumente schnell nach Stichworten durchsuchen können

Slack ist im Moment wohl das Tool, das am meisten Verspricht. Anja Wagner nennt Slack die Lernplattform der Zukunft. In einer halben Stunde finden sich alle in Slack zurecht und können Fragen stellen, Dokumente hochladen und Kommentare abgeben. Slack durchsucht alle Files und Kommentare und ermöglicht die Anbindung einer Vielzahl von Apps, u.a. auch Google Drive. Teams verbinden sich in Kanälen, die themenspezifisch sind. Schulen könnten so leicht pro Klasse einen Kanal verwenden, den sie dann für pädagogische Gespräche während des Schuljahrs nutzen. Slack wäre nicht die Fileablage, sondern für den laufenden Austausch gedacht. Nicht die Kollaborationsplattform, sondern für den Verweis darauf und die Diskussion darüber.

Ich nutze Slack fleißig und hoffe, dass daraus eine Kultur entsteht. Schrittweise und langsam. Nicht als abrupter Mailersatz, sondern als langfristige Alternative.

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