Fachleute verbreiten Fake-Geschichten

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In den letzten Tagen machten drei Fake-Geschichten die Runde:

  1. U2 hat früher schon einmal eine Kassette verschenkt, nicht nur ihr neuestes Album via iTunes:

    Diese Diashow benötigt JavaScript.

  2. Ein Professor hat von einem Studenten eine unanständige Mail erhalten und kritisiert ihn in einem Youtube-Video:

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  3. Dasselbe Kriegsbild wurde in unterschiedlichen Kontexten verwendet:

Über das letzte Beispiel denkt Konrad Weber intensiv nach:

Darf man bewusst Bilder so neu zusammenstellen, dass sie einen viralen Effekt auslösen und somit die Botschaft, die offenbar nicht der Wahrheit entspricht, weitertragen? Dies gilt es öffentlich zu diskutieren.

Bereits seit Längerem ist beobachtbar, dass die Anreize der Aufmerksamkeitsökonomie (Inhalte in sozialen Netzwerken sollen möglichst breit wahrgenommen werden) auch bei Journalistinnen und Journalisten dazu führt, dass sie die Echtheit ihrer Inhalte dem Interesse des Publikums unterordnen: »Warum muss eine Geschichte wahr sein, genügt es nicht, dass sie gelesen oder betrachtet wird?«

Diese Sichtweise hat – so scheint es – nun auch einen Effekt auf Menschen, die Medien kritisch reflektieren: Alle drei oben genanten Stories wurden von Expertinnen und Experten breit geteilt. Daraus kann man zwei unterschiedliche Schlüsse ziehen:

  1. Es ist in sozialen Netzwerken schlicht nicht mehr möglich, wahre von falschen Geschichten zu trennen. (Hier der Aufwand, den Konrad Weber betreiben musste, um herauszufinden, wie es sich mit seinen drei Bildern verhält.)
  2. Die Effekte, die Fälschungen auslösen – pädagogische, reflektive – sind für viele Menschen wichtiger als die Frage, ob es sich um Fälschungen handelt.

Letztlich ergibt sich die Gefahr, dass uns der Confirmation Bias egal wird: »Ich publiziere und verbreite einfach das, was meinen Standpunkt unterstützt. Ob es stimmt, ist mir egal – weil seine Wirkung immer größer ist als der negative Eindruck, den eine Fälschung erzeugt.«

Hafenkran-Exkursion, Smartphones und »Was ist Kunst?« 

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Und schon wieder darf ich ein schönes Schulprojekt vorstellen: Die Klasse, welche ich als Klassenlehrer betreue, absolviert einen Doppelabschluss: Schweizer Matur und International Baccalaureate. Dieses zweite Diplom enthält ein Fach namens Theory of Knowledge. TOK verbindet die Fächer, indem es eine einfache Frage stellt: Wie kommen wir zu dem Wissen, das uns die Fächer präsentieren?

In diesem Rahmen hat die verantwortliche Lehrperson mit der Klasse die Frage nach der Kunst gestellt: Wie wissen wir, dass etwas Kunst ist? Zusammen mit einem Kunstlehrer sahen wir uns heute den Hafenkran in Zürich an. Eine Gruppe Künstlerinnen und Künstler hat veranlasst, dass an der Limmat im historischen Kern von Zürich ein rostiger Hafenkran aufgestellt ist (geplant sind neun Monate). Nach einer kunsthistorischen Einbettung und einem Beschrieb des Projekts hatte die Klasse die Aufgabe, zu Aussagen wie der folgenden Stellung zu nehmen:

Kunst ist, was zur Kunst erklärt wird. Von wem auch immer. Eine andere Definition ist heute nicht mehr möglich. Die Frage nach der Qualität stellt sich erst anschliessend. Was zur Kunst erklärt wird, kann Quatsch sein oder ein unschätzbarer Wert. Wer entscheidet? Jeder für sich selbst. Oder die Gesellschaft im Verlauf von Jahrzehnten. Was aber, wenn einige Leute für alle andern entscheiden müssen? Dann beginnt der Streit. Beispielhaft ist die öffentliche Kunst in der Demokratie. Kunstwerke haben ihre eigene Zeit. Sie können erlöschen oder erst nach Jahren zu leuchten beginnen. Über Tinguelys Heureka wurde 1964 getobt wie heute über den Hafenkran, mit den gleichen Worten: «Schrotthaufen». Statt vor dem Kunsthaus hat man die Maschine schliesslich am äussersten Stadtrand aufgestellt. Heute ist sie Zürichs populärstes Kunstwerk. Den Alfred Escher vor dem Bahnhof und den Zwingli hinter der Wasserkirche kennen nur die Tauben.

Gleichzeitig waren sie gehalten, den Hafenkran aus verschiedenen Perspektiven fotografisch festzuhalten und dazu einen Satz zu notieren. Das habe ich auch gemacht – unten folgen meine Ergebnisse.

Aber zunächst noch die Beobachtung zu den mobilen Geräten. Die waren mit dabei – aber störten nie. Sie wurden nicht einmal zum Thema. Wir machten das lustige Panoramabild, auf dem Personen mehrfach zu sehen sind. Die Smartphones dienten vielen als Kameras. Sie wurden benutzt, um die Kollegin zu informieren, die den Zug verpasst hatte. Kurz: Es waren Arbeitsgeräte. Keine Ablenkungsmaschinen, keine Vereinsamungsverführungen.


Aus meinem Satz sind mehrere geworden:

Meine persönliche Definition von Kunst: »Kunst ist, was uns etwas wahrnehmen lässt, was wir vorher nicht erkannt haben.«

Und die argumentativ beste: »Sobald sich bei einer Handlung oder einem Gegenstand die Frage stellt, ob sie bzw. er Kunst sei, handelt es sich um Kunst. Die Frage kann somit nicht sinnvoll verneint werden, weil auch die Verneinung eine implizite Bejahung ist.«

Alle meine Bilder habe ich mit dem iPhone gemacht.

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Protokoll einer Schuldiskussion: Verschiebt Medienkonsum gesunde Grenzen?

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Im Rahmen des Medienkundeunterrichts erhielt eine Klasse von 18-jährigen Schülerinnen und Schülern der Auftrag, eine Rezension über ein Programm vom Fantoche-Festival zu schreiben. Als Vorbereitung befassten wir uns mit Animationstechniken sowie der Kultur und Geschichte des modernen Japans. Danach besuchte die Klasse individuell einen Film oder eine Filmsammlung aus dem Japan-Schwerpunkt »What’s Going on Japan«.

Die erste Reaktion war, dass die Filme zu abstrakt und zu wenig linear erzählt seien, um darüber schreiben zu können. Darauf reagierte ich mit dieser Anleitung. Eine zweite Reaktion stellte sich ein: Ein Teil der Klasse zeigte sich zutiefst schockiert über Filme aus dem Sammlung »Girls on the Run«, insbesondere Ketsujiru Juke von Sawako Kabuki und Agitated Screams of Maggots von Keita Kurosaka.

Damit hätten wir (ich und meine Lehrpartnerin) nicht gerechnet. Es war nicht ein reines ästhetisches Missfallen, sondern eine Form von echter Verletztheit. Zwei recht robuste Schüler betonten, sie hätten drei Tage gebraucht, um sich von diesen Filmen zu erholen, mehrere erwähnten, dass sie sich ernsthaft fragten, wie degeneriert die Menschheit sei, wenn sie solche Filme herstelle. Es wurde deutlich, dass wir Erwachsenen beide Filme mit ganz anderen Augen sahen als die Jugendlichen.

Diese Einwürfe versuchten wir in einer Diskussion aufzufangen, in der auch andere Stimmen laut wurden. Es gehe, so meinte eine Schülerin, um die Frage, wo denn individuelle Grenzen lägen. Warum akzeptieren dieselben Schüler unerträgliche psychische und physische Gewalt bei Filmen der Saw-Reihe, aber nicht in kurzen Animationsfilmen?  Offenbar, so das Ergebnis der Diskussion, kann die narrative Einbettung – Spannungselemente, Kontext, Figurenkonstruktion, Funktion im Handlungszusammenhang etc. – die schockierende Wirkung von Gewalt abschwächen.

Das möge alles interessant sein, wandte eine Schülerin ein, aber letztlich würden sich durch die Auseinandersetzung mit solchen Filmen Grenzen verschieben, von denen sie nicht möchte, dass sie verschoben werden. Würde sie sich den Maggot-Film noch zwei oder drei Mal ansehen, dann stieße er sie nicht mehr ab.

Schnell entstand eine Diskussion über verschiedene Grenzen:

  • Computerspiele und Gewaltausübung
  • Palliativpflege und Verletzbarkeit durch Todesfälle
  • Pornographie und sexuelle Präferenzen
  • Konsum von virtueller Gewalt und das Ertragen von Gewalt
  • Erleben von häuslicher Gewalt und das Ertragen von Gewalt

Selbstverständlich gibt es in zu diesen Fragen eine Reihe wissenschaftlicher Ergebnisse. Interessant war hier die differenzierte Haltung der Klasse: Es wurde weder angenommen, dass die Grenzen sich automatisch und schnell verschieben würden, noch wurde bestritten, dass eine Verschiebung denkbar ist. Vielmehr verwiesen einige darauf, dass die Reaktion auch eine Verdrängungs- und Bewältigungskomponente enthalte. Grenzen seien aber auch nichts Selbstverständliches und natürlich Gesundes, sondern können und sollen diskutiert werden. Wer gehemmt ist, kann sich wünschen, dass sich diese Grenze verschiebt.

Für mich ein Beispiel von erfolgreichem Unterricht: Eine Auseinandersetzung anstoßen und begleiten. Ein ermunterndes Zeichen für alle, die denken, Jugendliche seien abgestumpft und würden blind konsumieren.

http://fantoche.ch/de/programm/girls-run

Digitalisierung zerstört den Wert von Arbeit. Wie leistet man Widerstand?

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Selber schuld, wer sich dem Heil verweigert, das der Geldautomat aus Silicon Valley verspricht. Aus der »Ökonomie des Teilens« auszuscheren, wird früher oder später als Wirtschaftssabotage und Verschwendung kostbarer Ressourcen angesehen werden, die, nutzbar gemacht, das Wirtschaftswachstum beschleunigen können. Am Ende wird die Weigerung, zu »teilen«, ebenso viele Schuldgefühle auslösen wie die Weigerung, zu sparen oder zu arbeiten oder seine Schulden zu bezahlen, und wieder einmal wird der dünne Firnis der Moral dazu dienen, die Ausbeutung zu verschleiern. So ist es nur folgerichtig, dass die weniger Glücklichen, die bereits unter der Last der Sparpolitik ächzen, ihre Küchen in Restaurants, ihre Autos in Taxis und ihre persönlichen Daten in Vermögenswerte umwandeln.

Evgeny Morozov weist wie viele andere Intellektuelle auf das Problem hin, das direkt mit der Digitalisierung verbunden ist: Die Effizienz digitaler Werkzeuge führt zu einer prinzipiellen Verfügbarkeit von allen Gütern und Dienstleistungen. Bislang erschien das denen, die davon profitieren konnten, als Verheißung: Für 5 Dollar kann man bei Fivver erstaunliche Dienstleistungen einkaufen, auf Plattformen wie Ricardo oder eBay kann man jederzeit Flohmarkt abhalten, bei dem Käufer und Verkäufer optimal miteinander in Verbindung gebracht werden, Amazons Mechanical Turk macht sogar Intelligenz zur verkaufbaren Ressource.

Diese Effizienz bedroht – das sieht Morozov ganz richtig – direkt die Privatsphäre, die nach heutigen Vorstellungen immer mit der Möglichkeit zusammenhängt, über Räume und Gegenstände exklusiv verfügen zu können. Aber sie bedroht noch stärker den Wert von Arbeit. Um das zu verstehen, muss man sich einige Prozesse vor Augen halten:

  1. Business Process Reengineering, Qualitätsmanagement und der Siegeszug von SAP haben in den 1990er-Jahren dazu geführt, dass jeder Arbeitsschritt in einem Unternehmen definiert und letztlich segmentiert wird. Die Arbeitskraft wird austauschbar – weil klar ist, was ihr Ersatz leisten muss.
  2. Die Kompetenzorientierung (in Lehrplänen, Ausbildungsgängen etc.) hat dazu geführt, dass auch Bildung in ähnliche Segmente zerfällt und Menschen an Arbeitsprozesse anpassbar werden.
  3. Das Modell der großräumigen Auktion führt zu einer permanenten Konkurrenzsituation.
  4. Digitale Kommunikation erlaubt es, soziale und wirtschaftliche Kontexte auszublenden.

Das Resultat: Wenn ich eine Arbeit weiterverkaufen kann, kann ich sie in Teilschritte aufteilen, entsprechende Kompetenzen definieren und diese digital zur Auktion ausschreiben, ohne berücksichtigen zu müssen, unter welchen Umständen die Arbeit erbracht wird. So finde ich die günstigsten Arbeitskräfte und verdiene am meisten.

Der Prozess beißt sich aber in den Schwanz, wie wir gleich sehen werden. Momentan sind die, welche von digitaler Arbeitsbewältigung profitieren, gut gebildete Mittelstandsmenschen aus westlichen Ländern. Habe ich eine tolle App-Idee, finde ich – per Auktion – ein paar Pakistani, welche mir die App programmieren, mit der ich dann möglicherweise ein Vermögen verdiene. Und ohne tolle App-Idee kann ich per Renovero jemanden finden, der meine Wohnung für ein paar Franken putzt. So jammern jetzt viele innovative digitale Menschen darüber, dass in Deutschland Uber verboten worden ist. Die Firma steht in Konkurrenz zu etablierten Taxi-Betreibern, indem sie mit großen Investitionen eine App vermarktet, mit der private Autobesitzer Taxiaufträge erhalten können. Das bietet Kundinnen und Kunden einige Vorteile: Sie kommen kommen oft günstiger zu einer besseren Dienstleistung.

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Flickr/Doerky, CC-BY-ND.

Wer bezahlt den Preis? Es wäre zu schön, ginge es nur um eine Ineffizienz im System. Selbstverständlich bringt es wenig, wenn Taxis sich in Großstädten an wenigen Orten versammeln, statt flexibel Routen zu planen. Aber letztlich geht es um mehr: Das Prinzip-Uber führt dazu, dass der Preis für die Dienstleistung fast beliebig gedrückt werden kann. Die Diagnose von Torsten Larbig in Bezug auf die Hilflosigkeit der etablierten Branchen ist sicher korrekt:

[Der] Versuch der Interessenvertretung der Taxi-Zentralen [Uber verbieten zu lassen] ist nur einer mehr, der zeigt, dass längst nicht jeder verstanden hat, dass wir es mit einem grundlegenden digitalen Strukturwandel zu tun haben, dessen Auswirkungen sicherlich so gravierend sein werden, wie der Wandel des Ruhrgebietes in den vergangenen Jahrzehnten, aber nicht nur eine Region, sondern die gesamte Gesellschaft betreffen werden.

Besitzstandswahrer haben im Kontext dieses Strukturwandels keine Ideen. Sie sehen nur, dass da etwas Neues am Entstehen ist und reagieren reflexartig mit Versuchen, die als Indizien der Veränderung zu verstehenden Entwicklungen zu verbieten – und fallen absehbar auf die Nase.

Denken wir den Strukturwandel weiter, so bleibt keine Arbeit davon verschont. Auch wenn wir alle im Glauben leben, eine einzigartige Tätigkeit zu verrichten, welcher die Digitalisierung nichts anhaben kann: Irgendwo gibt es jemanden, der oder die große Teile unserer Arbeit schneller, besser und günstiger erledigen kann und will.

Wir stehen in Konkurrenz zu allen, die Segmente unserer Arbeit verrichten können. Bezahlt werden sie nur, wenn das Resultat stimmt, ihre Eignung für die Aufgabe ist dank Kompetenzmodellen sicher gestellt. Sascha Lobo spricht von einer Dumpinghölle. Zurecht.


 

Was können wir tun? »Es ist gerade diese gefühlte Freiheit, die Proteste unmöglich macht«, schreibt Byung-Chul Han in einem lesenswerten Essay. Wir wollen ja hochwertige Dienstleistungen zu tiefen Preisen, weil die unsere Lebensqualität steigern. Gleichzeitig schaffen wir damit die Bedingungen, selbst auch Teil dieser Dumpinghölle zu werden und unseren Vorteil einzubüssen.

Wir müssen lernen, Arbeit einen Wert zuzumessen und sie nicht als Produkt, sondern als menschliche Handlung zu verstehen. Hinter der Arbeit steckt ein Mensch, der davon ein gutes Leben führen soll. Diese Maxime muss uns auch dann leiten, wenn die globalen Produktions- und Kommunkationsmechanismen die Arbeit immer weniger sichtbar machen.

Üben kann man im Restaurant. In der Gastronomie verdienen alle Angestellten gerade mal so viel, dass sie die Suppe nicht vergiften. Jede zusätzliche Einnahme resultiert aus Trinkgeldern. Was ist ein faires Trinkgeld? Ganz einfach: Die Differenz zwischen dem bezahlten Minimallohn und einem angemessenen Stundenlohn. (Durch die Anzahl Tische teilen muss man nicht, weil das Trinkgeld ja nicht einer Person, sondern mehreren bezahlt wird.) In der Schweiz wäre ein angemessenes Trinkgeld also 15 Franken pro Stunde Anwesenheit im Lokal.

Es sind weitere Übungen denkbar: Dem Putzpersonal einen fairen Lohn zahlen. Echte ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker beauftragen, etwas für einen zu erledigen.

Wer Preise drückt, schafft nämlich Freundlichkeit ab, wie Han treffend schreibt:

Es ist keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich. In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung wird auch die Freundlichkeit kommerzialisiert. Man wird freundlich, um bessere Bewertungen zu erhalten.

#filtertipps 2: Algorithmen

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Anleitung

Orientierung und Konzentration erfordern bei digitalen Informationen eine Reihe von Kompetenzen, die man englisch »digital literacy« nennt. Filterkompetenz ist ein wichtiger Bestandteil: Die Fähigkeit, nicht relevante Informationen und Inhalte mit Filtern unsichtbar zu machen. Die analoge Welt nutzt viele Filter: Inhaltsverzeichnisse bei Büchern, Kataloge in Bibliotheken, Register, Redaktionen von Zeitungen etc. haben neben vielen anderen Funktionen auch die Aufgabe zu filtern. 

In einer losen Serie möchte ich hier Techniken und Werkzeuge vorstellen, mit denen digitale Informationen gefiltert werden können. Das ist der zweite Teil, im ersten ging es um Zeit als Filtermethode

* * *

[Mir war vor allem zuwider, dass] Facebook für mich die Entscheidung traf, wie die Welt für mich aussieht. Denn Facebook tut viel mehr als nur eine Blase aus Gleichgeschalteten zu bilden. Facebook verstümmelt. Es verstümmelt meine Wahrnehmung von der Welt, es verstümmelt die Charaktere meiner Kontakte, es verstümmelt meine eigene Vielseitigkeit.

Diese Feststellung von Meike Lobo, mit der sie begründet, weshalb sie auf Facebook verzichtet, ist Menschen in letzter Zeit stärker ins Bewusstsein gerückt. Die Ankündigungen von Twitter, Inhalte ebenfalls mittels Algorithmen auszuwählen, haben zu starken Protesten geführt. An Twitter schätzen viele User, dass sie (neben wenig Werbung) alles – und nur das – sehen, was ihre Kontakte teilen (und zwar in chronologischer Reihenfolge). Bei Facebook zeigt der Stream die Inhalte an, von denen schlaue Programme denken, sie könnten für mich interessant sein: Weil ich auf solche Inhalte reagiere, weil sie von Menschen stammen, mit denen ich viel kommuniziere oder weil andere User damit etwas anfangen konnten.

Wer sich das bewusst machen möchte, sollte sich einmal statt den »Hauptmeldungen« die »Neuesten Meldungen« anzeigen lassen. Dann erscheinen viele Beiträge, die in der Regel verborgen sind – und zwar auch wieder in chronologischer Reihenfolge.

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Die Algorithmen filtern. Sie machen Informationen unsichtbar und gewichten die verbleibenden für uns. In einem FB-Kommentar zum Post seiner Frau schrieb Sascha Lobo:

Hier in den Kommentaren erwarte ich bitte mindestens ein Dutzend altkluge Kommentare, die erklären, wie man ihr Grundproblem mit Facebook mithilfe von Listen, Gruppen, einer kanadischen App und fünf Tagen Sortierarbeiten supersimpel lösen kann.

Damit wies er darauf hin, dass algorithmische Filter zwar auch selbstbestimmt genutzt werden könnten, damit aber

  1. viel technisches Know-How
  2. eine große Zeitinvestition
  3. weitere Algorithmen von Dritten

verbunden sind. Tatsächlich gibt es schon bei Facebook die Möglichkeit, den maßgebenden Algorithmen mitzuteilen, wie sie funktionieren sollten. Nur ein Beispiel dafür: Der Pfeil auf der rechten Seite von FB-Beiträgen. Er erlaubt mir, dem Filteralgorithmus konkrete Regeln zu diktieren.

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In einem lesenswerten Beitrag erklärt Zeynep Tufekci, warum ihrer Meinung nach Twitter beim heutigen System blieben sollte. Sie bringt drei Schlüsselargumente an:

  1. Das menschliche Urteil ist oft besser und wichtiger als das von Algorithmen.
    Bsp.: Als amerikanische Soldaten Osama Bin Laden getötet hatten, bereite das Weiße Haus eine Pressekonferenz vor – ohne dass jemand wusste, worum es dabei gehen sollte. Der brisante Inhalt wurde schon vorher durch einen unauffälligen Mitarbeiter über Twitter kommuniziert – worauf ein findiger Journalist der Nachricht das nötige Gewicht gab. Ein Algorithmus hätte diesen Tweet nie prominent eingeblendet. 
  2. Algorithmen führen zu einer Stärkung des Matthäus-Effekts: »Wer hat, dem wird gegeben.« Algorithmen geben den Usern mehr Platz, die ohnehin schon gut wahrnehmbar sind. Das geht auf Kosten aller anderen.
  3. Algorithmen provozieren eine Verhaltensanpassung: Menschen versuchen Inhalte so zu präsentieren, dass Facebook sie anderen auch anzeigt. Dadurch kommunizieren sie aber schlechter und ineffizienter.
    Bsp.: FB zeigt zumindest im englischen Sprachraum Meldungen mit »Congratulations« viel prominenter an als andere. Diese Eigenschaft lässt sich gut ausnutzen

Mir scheint da wesentliche Problem die Allgemeinheit von Algorithmen zu sein. Wir alle nutzen dieselben – nämlich die, welche uns Facebook anbietet. Algorithmische Filter sind dann kein Problem, wenn es meine Filter sind, die meine Urteile und meine Erfahrung enthalten. Dann sind es letztlich nur Abwicklungen von Routinearbeiten, die wir bei der Sortierung unserer Briefpost oder bei der Lektüre der Tageszeitung täglich erledigen. Man darf nicht vergessen, dass es der Einsatz von Algorithmen Unternehmen schwerer macht, ein Zielpublikum umstandslos zu erleichtern – weil Algorithmen Spam recht zuverlässig unsichtbar machen.

Meine Anleitung wäre also folgende:

  1. Auf den genutzten Plattformen die Möglichkeiten nutzen, um Filter zu personalisieren.
  2. Programme einsetzen, die algorithmisches Filtern erlauben. Anfangen kann man gut mit E-Mail-Apps: Hier lassen sich mit Filtern Postfächer einrichten, die komplexen Regeln gehorchen. Die einfachste Übung: Sich zu fragen, welche Mail ich immer lesen will – sie stammen von einer bestimmten Person, enthalten bestimmte Begriffe, treffen zu bestimmten Zeiten ein etc. Oder welche ich sicher nie lesen würde.
  3. Sich allgemeinen Algorithmen nicht unterwerfen, sondern sie hintergehen und manipulieren, um sie zu persönlichen zu machen.

Anstand und Social Media

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Gestern habe ich mir die erste Folge der neuen ABC-Serie »Selfie« angesehen. Die Ausgangslage: Eine junge Frau ist ein »Instastar«, also ein Star auf Instagram. Sie nutzt Social Media um soziales Kapital zu generieren – in ihrer Firma genießt sie gewisse Privilegien. Nur merkt sie selbst nicht, dass sie die Likes und Online-Kontakte nicht in wirklich bedeutungsvolle Interaktionen umwandeln kann: Zu Beginn der Folge wird sie krank und findet niemanden, der oder die ihr ein Ginger Ale an die Badewanne bringen würde. Schnell wird klar, warum: Die junge Frau ist nämlich äußerst unfreundlich zu ihren Mitmenschen. Sie kennt keine Manieren, weil sie ständig mit sich und ihrem Smartphone beschäftigt ist.

Danach entwickelt sich eine Pygmalion-Geschichte: Ein erfolgreicher asienstämmiger Mitarbeiter nimmt sich der jungen Frau an. Er unterrichtet sie trotz Widerständen darin, sich sozial angemessen zu verhalten. Er macht sie zu seinem Geschöpf, an dem er durchaus auch erotisches Interesse hat, wenn es später seinen Vorstellungen entspricht. Ob die Geschichte wie die von Shaw hin zur Unabhängigkeit der Frau kippt, lässt sich in der Pilotfolge noch nicht abschätzen.

Das Bild der Social-Media-Nutzung, wie es in der Serie gezeichnet wird, ist breiter verbreitet, als es das überzeichnete Format erahnen lassen könnte:

  1. Social Media machen oberflächlich.
  2. Social Media führen zu einer ausschließlichen Beschäftigung mit sich selbst.
  3. Social Media führen zu einem Niedergang von Sitten und Anstand.
  4. Social Media machen unglücklich und einsam.
  5. Social Media sind hauptsächlich ein Problem von jungen Frauen.
  6. Wer Social Media intensiv nutzt, müsste einen Kurs besuchen, um von wirklich erfolgreichen Menschen (Männern) zu lernen, wie man das Leben meistert.

Hier soll es nicht darum gehen, diese sechs Aussagen zu prüfen. Einige davon scheinen sich erhärten zu lassen (hier z.B. eine neue Studie zu 4.), andere entstehen durch Vorurteile. Eingehen möchte ich nur auf die Frage des Anstands.

Zu einem NZZ-Beitrag war gestern folgender Lead zu lesen:

Noch nie waren schriftliche Umgangsformen so undefiniert wie heute. Höflichkeiten verschwinden, Sender und Adressat sparen Zeit – und haben doch immer weniger davon.

Im Artikel hält der Kommunikationswissenschaftler Joachim Höflich fest, »Forschheiten« würden zunehmen, weil sie »herkömmliche Muster« aufgelöst haben. Er erwähnt ein klassisches Beispiel: Die Anrede bei E-Mails. Sie sei salopp geworden (»Hallo, Herr Höflich«) oder fehle ganz. Im Text steht auch die schweizerische Angewohnheit, eine E-Mail mit »Grüezi Herr Höflich« zu beginnen. Sie wirke wie andere in diesem »Pluralismus« von Umgangsformen »unbeholfen«.

Dazu sind zwei Punkte anzumerken:

  • Die Wertung (»Forschheit«, »unbeholfen«) geht aus von Personen, die mit den »herkömmlichen Mustern« vertraut sind und sich darauf stützen, wenn sie neue Interaktionsformen beurteilen.
  • Wie Ilana Gershon in ihrem Buch »The Breakup 2.0« nachweist, suchen junge Menschen im Umgang mit E-Mail nach der richtigen Mischung zwischen Nähe und Distanz. Einen Professor mit »Sehr geehrter Herr Höflich« anzusprechen, wirkt zu distanziert und unpersönlich – man kennt sich ja und ist sich nicht fremd. »Lieber Herr Höflich« geht nicht, weil das eine zu große Nähe signalisieren würde. Bleibt ein Mittelweg – »hallo« eben, oder »grüezi«.

Gershon hält fest, dass neue Mittel, Beziehungsarbeit zu medialisieren, zu neuen »Idioms of Practice« führen, also zu neuen Gebrauchsdialekten. Diese Metapher besagt, dass es regional und sozial unterschiedliche Ausprägungen von Gebrauchsnormen geben wird, weil Menschen unterschiedliche Erwartungen haben.

Eine Reflexion der Smartphone-Kultur tut somit not. «Schulen und Medien sollten sie vermehrt bewusstmachen. Denn wir brauchen anerkannte Regeln, damit die Kommunikation weitergeht».

Diese Forderung von Höflich zielt in die völlig falsche Richtung: Die Regeln entstehen, weil Kommunikation weitergeht. Normen sind nötig, damit Kommunikationsschritte aneinander anschließbar werden. Normen entfallen, wenn ihr Sinn nicht vermittelt werden kann und sie Kommunikation behindern. Zu meinen, Schulen und Medien müssten Kindern und Jugendlichen klar machen, wie eine E-Mail-Anrede lauten soll, ist kurzsichtig: Das lernen alle Menschen dann, wenn sie gerne hätten, dass ihre Mails beantwortet werden. Genau so lernen wir schließlich auch, wen wir duzen und wen siezen sollen, wann wir unsere Schuhe ausziehen und wenn jemanden beim Sprechen unterbrechen dürfen.

Smartphones sind dann ein Problem, wenn sie verhindern, dass Menschen ihre Erwartungen äußern können. Wenn Mitmenschen den Blickkontakt oder das offene Gespräch verweigern – wie das die »Selfie«-Protagonistin tut -, dann muss man artikulieren können, dass einen das stört. Ihre Erwartungen in Bezug auf Anstand und soziale Gepflogenheiten können Menschen aber heute – wie früher auch – selbst austauschen. Dazu brauchen sie keine Anleitungen.

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Schulen und linke Ideologie

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Viel zu häufig setzen sich jedoch Lehrpersonen über das Prinzip des neutralen Wissensvermittlers hinweg und versuchen, ihre Schüler einseitig mit ihrer politischen Haltung zu beeinflussen.

Ausgehend von dieser Feststellung wurde heute in der Schweiz eine Initiative gestartet, mit der Schülerinnen und Schüler ermuntert werden sollen, mithilfe einer politischen Partei »überprüfte Kompetenzüberschreitungen durch Lehrpersonen« zu erfassen. Gemeint sind »Fälle politisch motivierter Indoktrinationsversuche und von Benachteiligung eines Schülers aufgrund konträrer Meinungsäusserungen. Dazu gehören auch die einseitige oder grob verzerrte Darstellung politischer, historischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge und die Verunglimpfung von Politikern oder Parteien.«

Die Aktion selbst ist ein Versuch der Indoktrination und der politischen Einflussnahme auf die Schule. Ihre Widersprüchlichkeit zeigt sich schon darin, dass sie einerseits erwartet, »politische, historische und wirtschaftliche Zusammenhänge« sollten nicht verzerrt dargestellt werden, andererseits davon ausgeht, es gäbe jeweils mehrere Seiten, die zur Sprache kommen sollten.

Um das Problem, um das es hier geht, genauer fassen zu können, müssen wir davon ausgehen, dass Fakten nicht der relevante Aspekt sind. Entscheidend sind ihre Auswahl und ihre Gewichtung. Anders formuliert: Wie in Schulen Wissen vermittelt wird, ist weniger diskussionswürdig als die Frage, welches Wissen in welchen Zusammenhängen vermittelt wird. Daraus ergibt sich sofort die Einsicht, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, Inhalte auszuwählen und ihnen eine Bedeutung beizumessen.

Das System Schule sollte sich dieser Einsicht stellen. Das tut sie mit dem Konzept der Lehrfreiheit: Lehrpersonen erhalten eine gewisse Freiheit im Umgang mit Lehrplänen. Diese stellen einen demokratisch legitimierten Rahmen für die schulische Arbeit dar, gewähren aber auch Raum für einen individuellen Zugang. So sollten fähige Lehrpersonen gerade die oben bemerkte Kontingenz vermitteln – also zeigen, dass hier eine bestimmte Selektion vorgenommen wird, die auch anders ausfallen könnte. Schülerinnen und Schüler müssen erkennen können, dass historische Begebenheiten, wirtschaftliche Zusammenhänge und wissenschaftliche Einsichten mehr als eine Bedeutung zulassen.

Sie müssen auch verstehen, dass es kein Wissen ohne Ideologie gibt. Wer etwas für richtig hält, vertritt damit eine Position. Eine ideologiefreie Schule wäre eine wissenslose Schule, gar eine inaktive: Schon die Frage, wie sich Schülerinnen und Schüler in ein Zimmer setzen sollen, ist zutiefst ideologisch.

Eine gute Lehrperson und eine gute Schule machen ihre Ideologie transparent. Sie verstecken sie nicht, sondern sie stehen dazu. Sie weisen auch auf Alternativen hin, stehen aber für ihre Wahl ein, ohne anderes lächerlich zu machen. Ein idealer Lehrkörper versammelt unterschiedliche Stimmen, die auch eine Auseinandersetzung ermöglichen. Verantwortungsbewusste Schulen orientieren sich an einem gesellschaftlichen Konsens, der ihnen durch demokratische Rahmenbedingungen abgesteckt wird. Dass dieser Konsens in Bezug auf die Schule links geprägt ist, hängt auch damit zusammen, dass Werte wie Meinungsfreiheit, Solidarität und Verantwortungsbewusstsein für viele Gesellschaften bedeutsam sind und deshalb im Bildungssystem verankert werden.

In einer Reaktion auf die Initiative heißt es:

Was in den Schulen gelehrt wird hat nichts mit Ideologie zu tun. Gelehrt wird das, was wissenschaftlicher Konsens ist.

Das sind zwei meines Erachtens recht naive Aussagen, die nicht tauglich sind, der Initiative den Wind aus den Segel zu nehmen. Wissenschaft führt nie zu einem Konsens, sondern lebt von einer permanenten Auseinandersetzung.

Wer Schulen auffordert, diese Auseinandersetzung auszutragen, lebendiges Wissen anzubieten und ihre Annahmen permanent zu hinterfragen, verdient Respekt. Wer darauf hinweist, dass Meinungsvielfalt in der Bildung einen hohen Stellenwert hat und blinde Flecken eine Gefahr für Lernen und Lehren darstellen, nimmt wichtige Aspekte auf.

Aber wer zum Schein »freie« Schulen fordert, um sie zu unfreien zu machen, verdient Widerstand. Indoktrination ist kein Mittel gegen Indoktrination.

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#filtertipps 1: Zeit als Filter

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Kompetenzen

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Orientierung und Konzentration erfordern bei digitalen Informationen eine Reihe von Kompetenzen, die man englisch »digital literacy« nennt. Filterkompetenz ist ein wichtiger Bestandteil: Die Fähigkeit, nicht relevante Informationen und Inhalte mit Filtern unsichtbar zu machen. Die analoge Welt nutzt viele Filter: Inhaltsverzeichnisse bei Büchern, Kataloge in Bibliotheken, Register, Redaktionen von Zeitungen etc. haben neben vielen anderen Funktionen auch die Aufgabe zu filtern. 

In einer losen Serie möchte ich hier Techniken und Werkzeuge vorstellen, mit denen digitale Informationen gefiltert werden können. Das ist der erste Teil. 

* * *

Als wir das erste Jahr Handys benutzten um SMS zu verschicken, konzipierte ein Freund von mir den »Loop«: Unter Alkoholeinfluss, im Streit oder bei sonstigen Formen von eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit könne man SMS zwar entwerfen, solle sie aber erst am nächsten Tag abschicken. Dieser Loop stelle sicher, dass die Nachricht wirklich den eigenen Absichten erfolge.

Er hat damit die Zeit als Filter eingesetzt. Lässt man Zeit verstreichen, so kann sich die Bedeutung von Informationen ändern.

Eine effiziente Strategie im Umgang mit Emails nutzt diese Einsicht ebenfalls. Sie nennt sich Yestermail oder Yesterbox und besteht darin, grundsätzlich immer nur die Email vom vergangenen Tag zu lesen. Viele dringende Anfragen werden bedeutungslos, wenn man 24 Stunden wartet. Mehr noch: Wissen Menschen, dass man diese Filtermethode anwendet, so verzichten sie darauf, Mail zu verschicken, die darauf angelegt sind, einen im konkreten Arbeitsablauf zu unterbrechen.

Dieselbe Technik wenden Menschen schon länger bei der Zeitungslektüre an: Sie lesen lieber den Economist oder die Wochenendausgabe der NZZ auch unter der Woche, statt sich vom täglichen Aufmerksamkeitszirkus des Newsjournalismus vereinnahmen zu lassen. Mit dem zeitlichen Abstand steigt die Klarheit und Informationen werden relevant, weil sie sich in den Köpfen gesetzt haben.

Zeit ist aber auch in einem anderen Kontext ein wichtiger Filterfaktor: Bei Suchresultaten. Google erlaubt uns, einen Zeitraum für Suchresultate festzulegen. Oft interessieren mich nur aktuelle Einträge – dann nutze ich die Möglichkeit, den Zeitraum auf die letzte Woche zu beschränken. Funktioniert aber auch umgekehrt: Wer wissen will, was Newsportale zu einem bestimmten Thema während eines Ereignisses geschrieben haben, kann die Suche so präzise halten und Unwichtiges wegfiltern.

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Dasselbe gilt für die Suche nach wissenschaftlichen Papers bei Google Scholar, nach Büchern bei Google Books und auf der eigenen Festplatte sowie an vielen weiteren Orten: Eine zeitliche Einschränkung verbessert die Suche massiv.

Viele mobile Geräte und Plattformen sind auf Instant-Kommunikation angelegt. Sie unterbrechen unsere Arbeit und Denken mit Push-Nachrichten, weil sie unsere Aufmerksamkeit wollen. Dabei helfen sie uns mehr, wenn wir ihnen Rhythmen und Zeiten vorgeben. Wenn wir also Filter nutzen.

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»starren« hat ausgedient – wie brauchen ein Smartphone-Verb

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Menschen lesen Bücher. Sie lesen die Zeitung. Sie schauen sich einen Film an.

Aber sie starren auf ihre Smartphones.

»Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« Die Grenzen unserer Sprache legen nahe, dass wir uns dem Smartphone gegenüber verhalten wie die Maus vor der Schlange. Da öffnet sich ein Fenster in die Welt – und wir verfallen in eine Schockstarre.

Nur: Ich erlebe mich selbst anders. Ich lese bei QZ, was ich über die Welt, in der ich lebe, wissen muss. Auf Empfehlung kluger Menschen lese ich längere Essays, nehme Studien zur Kenntnis, sehe mir Hintergrundsendungen an, versuche zu verstehen. Gleichzeitig empfehle ich anderen Texte, diskutiere. Wie man immer dieser Tätigkeit sagen will: »Starren« trifft es nicht.

Im Hintergrund steht eine Opposition, die längst nicht mehr haltbar ist: Lesen gedruckter Texte wird aufgewertet – selbst wenn diese Texte nichtssagende Klischees wiederholen. Eltern sind froh, wenn ihre Kinder lesen – egal was es ist, was sie da lesen. Digitale Tätigkeiten werden – auch sprachlich – ständig abgewertet: Meist ohne genaue Prüfung dessen, was da vorgeht.

Werden wir genauer in unseren Beschreibungen und Wertungen. Dazu gehört auch zu formulieren, wohin man denn gerne möchte. Mein Ideal: Der lesende Klosterschüler, wie ihn Andersch in Sansibar beschreibt:

Er las ganz einfach. Er las aufmerksam. Er las genau. Er las sogar in höchster Konzentration. Aber er las kritisch. Er sah so aus, als wisse er jeden Moment, was er da lese. Seine Arme hingen herab, aber sie scheinen bereit, jeden Augenblick einen Finger auf den Text zu führen, der zeigen würde: das ist nicht wahr. Das glaube ich nicht.

Der Einfluss von Technologie: Realität und Ideal

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Führt man eine ideologische Diskussion über Wirtschafts- und Politiksysteme, entsteht früher oder später ein unfairer Vergleich: Die realen Auswirkungen eines unsauber umgesetzten Systems – beispielsweise des Kommunismus vor dem Mauerfall – werden mit den idealen Auswirkungen eines theoretischen Systems verglichen – beispielsweise dem Einhorn-Kapitalismus, der Frieden schafft und Hunger eliminiert.

Dasselbe Problem ergibt sich bei der Diskussion von Social Media und anderen digitalen Werkzeugen: Während Social Media in der Realität zu einer gigantischen Unterhaltungsmaschine geführt haben, die von wenigen sinnvoll genutzt werden kann und an gewissen Orten massiven Schaden anrichtet, werden sie – auch von mir – oft an ihrem Potential gemessen, das sie nur dann entfalten, wenn enorm viele individuelle Nutzerinnen und Nutzer vernünftige Wesen mit hoher Medienkompetenz wären.

Und das Problem begegnet uns gleich noch einmal: in der Schule nämlich. Lehrpläne, Kompetenzbeschreibungen, didaktische Methoden und Theorien, die Planung von Schulen und Lehrpersonen und vieles mehr lassen sich nur Kritik in Bezug auf ihre idealen Umsetzungen gefallen. Keinesfalls dürfen sie an der Realität gemessen werden.

Kurz: Wenig immunisiert so gut gegen Kritik wie der Verweis auf ungünstige Rahmenbedingungen. Kommunismus wäre wundervoll, gäbe es keine korrupte und unfähige Elite, welche Ressourcen verschwendet. Kapitalismus ebenso, würden Staaten keine Spielregeln festlegen. Dasselbe gilt für Technologie und Bildungspolitik.

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Was hilft gegen diese argumentative Falle? Zunächst die Einsicht, dass selbstverständlich eine ungünstige Ausgangslage auch kein Argument gegen eine Theorie ist. Konzepte dürfen davon abhängig sein, wie sie umgesetzt werden – anders ist das ja gar nicht denkbar. Zu dieser Einsicht muss sicher Kritik treten. Der Literaturwissenschaftler Roland Reuss hat in der NZZ heftig die Immunisierungskraft von Social Media gegen Kritik angeschrieben – lesenswert dazu auch Mercedes Bunz über Kritik im Zeitalter der Digitalisierung (kostenpflichtig). Ein Beispiel: Das Problem, dass in vielen westlichen Ländern statistisch gesehen nur Kinder und Jugendliche aus bestimmten Milieus Erfolgschancen haben, wird durch den Einsatz von Technologie – die allen Zugang zu Informationen, Wissen und Bildung verspricht – nicht gelöst, sondern verschlimmert. Die negativen Effekte der Mediennutzung führen – wie schon beim Fernsehen – dazu, dass andere Angebote wie Bildung nicht optimal zur Geltung kommen. Kritik muss diesen Zusammenhang benennen und Lösungen für schwierige Probleme suchen – iPads verteilen hilft dabei nicht.

Selbstverständlich kann Technologie ein Hebel sein, um Veränderungen im Bildungsalltag oder in anderen sozialen Kontexten zu bewirken. Dieser Mechanismus ist aber kein Automatismus, sondern kann nur spielen, wenn ein Problembewusstsein vorhanden ist.

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Zu der zuvor erwähnten Kritik sagt Benjamin Bratton in einem sehenswerten TED-Talk Entscheidendes: TED – also die Veranstaltung, an der inspirierende Rednerinnen und Redner über Technology, Education und Design sprechen – ginge davon aus, dass Probleme Rätsel seien, zu deren Lösung lediglich eine Neuanordnung aller Elemente nötig sei. Die Hoffnung ist dabei meist die, dass Technologie dabei hilft – und Probleme verschwinden, wenn genügen Rechenleistung vorhanden ist. Dabei würde zu viel Aufwand für Dinge betrieben, die nichts bewirkten, aber uns ein gutes Gefühl geben – statt in Ansätze, die funktionieren, aber uns kein gutes Gefühl vermitteln (Minute 11).