Was ich auf der #digilit15 gelernt habe

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Die letzten drei Tage habe ich auf der Tagung digital.sozial.marginal? in Münster viel über Game Studies, Computerspiele und gesellschaftliche Fragen gelernt. Die wichtigsten Eindrücke halte ich hier fest. 

Mein eigener Vortrag zu digitaler Literatur im Deutschunterricht ist hier abrufbar

* * * 

1. Das alte Denken verschwindet langsam. 

Denken wir über Bücher oder allgemein über Kunst oder soziale Gegebenheiten nach, sind wir geprägt von Vorstellungen, mit denen wir sozialisiert wurden. Ein Buch erscheint dann als fixiertes Werk mit einem Autor und einem Normleser, der das Buch auf eine bestimmte Art behandelt. Vor diesem Hintergrund beginnen wir dann, andere Phänomene zu verstehen: Wir behandeln digitale Literatur und Computerspiele, als funktionierten sie wie ein Buch. Dabei funktioniert noch nicht mal ein Buch so – wir denken einfach, es täte das. Die Literaturwissenschaft weiß beispielsweise schon länger, wie wichtig eine Betrachtung der Editionsgeschichte von Büchern ist: Wir lesen nicht das Buch, sondern nur eine Version von einem Buch. Dasselbe ist in einem viel stärkeren Maße bei Computerspielen der Fall: Die werden oft wöchentlich wenn nicht täglich gepatcht und geupdated. Das in die Analyse direkt mit einzubeziehen, ist aber – aufgrund des hartnäckigen alten Denkens – nicht immer einfach. Das zeigt sich auch beim nächsten Punkt.

2. Wem gehört der digitale Text? 

Wie selbstverständlich denkt die Leserin, ein Kindle-Buch gehöre ihr genau so, wie ein Buch, das in ihrer Bibliothek steht. Dennoch räumt Amazon lediglich ein Nutzungsrecht ein, während die Leserin den Text aber mit ihren Markierungen und Kommentaren erweitert und so wiederum Inhalte schafft, welche Amazon nutzt. (Das tut sie auch allein durch die Lektüre, im neuen Modell sollen Autorinnen und Autoren auch auf der Basis von Lesestatistiken vergütet werden.)

https://twitter.com/NeinQuarterly/status/614733222904107008

Diese neue Art von Autorschaft hat auch der Stargast der Tagung, @neinquarterly, im Münsteraner Hafen erläutert: Nachdem der erste Artikel über ihn in einer deutschen Zeitung erschienen sei, habe er negative Reaktionen erhalten – viele Twitter-User hätten den Eindruck gehabt, ihnen gehöre ein Teil des Projekts. Was aus einer alten Denkweise komplett absurd erscheint, ist digital nachvollziehbar: Die Bedeutung von Jarosinskis Projekt liegt in der Aufmerksamkeit, die seine Inhalte generieren können. Diese Aufmerksamkeit verschaffen die Menschen, die mit dem Profil interagieren (und ihm auch interessante Inhalte schicken).

3. Mit Computerspielen die Gesellschaft beobachten. 

In der neuen Version der Fifa-Fußballreihe von EA Sports wird es möglich, mit Frauenmannschaften zu spielen. »[W]ie es auch im realen Frauen-Fußball üblich ist, können sich die Frauen-Teams in FIFA 16 nur untereinander messen und nicht mit den Männer-Teams«, schreibt EA Sports dazu. Zu Pyrotechnik sagt der Pressesprecher hingegen Folgendes:

Pyrotechnik ist in Deutschland ein viel diskutiertes und eher negatives Thema. Es ist ein Verletzungs- und ein Sicherheitsrisiko. Daher ist und bleibt es in Deutschland verboten. Das bedeutet: FIFA wird sicher keine Dinge einbauen, die aus rechtlicher, wirtschaftlicher, medialer und normativer Sicht nicht vertretbar sind.

FIFA macht als Computerspiel zunächst beobachtbar, wie das Entwicklungsspiel die Welt und ihre Regeln sieht. Sie konstruieren eine Welt, die juristischen Gesetzen und FIFA-Richtlinien folgt – und bezeichnen diese als real: Während doch in der Wirklichkeit (ich problematisiere den Begriff für einmal nicht) Pyros in Stadien abgebrannt werden und Frauen mit Männern zusammen Fußball spielen (und auch gegen Männer). Das Computerspiel hebt gewisse Normen auf (schlechte Mannschaften gewinnen mit geschickten Spielern Pokale in Serie), setzt andere fest. Anders ist das nicht denkbar. Schlüpft man in die Haut der EA Sports Verantwortlichen, wird deutlich, dass sie nicht umhinkommen, die Realität zu interpretieren und damit eine neue Realität zu schaffen: Auch wenn Frauenmannschaften gegen Männermannschaften spielen könnten, müsste entschieden werden, wie stark die einzelnen Spielerinnen und Spieler in Relation zueinander sind etc.

Die andere Option wäre, FIFA als eine Plattform zu verstehen, die Verhalten der User beobachtet, indem die Spielenden entscheiden können, wie stark Spielfiguren und Teams sind. Dadurch entsteht dann aber automatisch wieder eine Art von Normalisierung: Abgleichverfahren wie Online-Spiel-Modi etc. würden dazu führen, dass die Spieler mehrheitlich ähnliche Spielwelten schaffen. Normen – so eine für mich bei Butler entscheidende Erkenntnis – sind eine soziale Konstante. Die Utopie einer normfreien Welt kann auch das Computerspiel nicht einlösen.

4. Entscheidungen beobachten. 

Entscheidungen waren durchwegs Thema der Tagung – ich möchte dazu bald eine Unterrichtseinheit gestalten. Luhmanns Erkenntnis, dass sich Entscheidungen erst im Nachhinein beobachten lassen, setzen dabei die Telltale-Games (z.B. Walking Dead) exemplarisch um – obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass das Spiel gar keine Entscheidungen anbietet, sondern nur suggeriert, es handle sich um eine Entscheidung. Menschen nehmen offenbar die Entscheidungs-Situationen, in denen sie sich nicht auf eine Normvorgabe der Gesellschaft verlassen können, als besonders reizvoll wahr, wie Raphael Stübes Analyse von Entscheidungsbäumen im Spiel gezeigt hat.

5. Flüssige Begrifflichkeit. 

Kai Matuszkiewicz hat beim Computerspiele eine mediale Narration von einer personalen Unterschieden: Gewisse Geschichten werden vom Spiel erzählt, andere erzählen sich die Spielenden während des Spiels. Diese Unterscheidung wird sofort wieder problematisch, wenn Spielerinnen und Spieler Let’s-Play-Videos auf Youtube veröffentlichen: Ihre personale Narration ist sogleich wieder eine mediale.

Die Tagung hat mir so gezeigt, dass Begriffsarbeit zwar wichtig ist, aber nur Voraussetzung, nicht Garant für Verständnis von interessanten Phänomenen ist.

Warum wird digitale Literatur im Deutschunterricht nicht behandelt?

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An der interdisziplinären Tagung zu »Literatur und Computerspiel in der digitalen Gesellschaft« trage ich heute zur Titelfrage vor. Hier die verwendeten Materialien und eine Kurzfassung meiner Thesen. 

* * *

Digitale Literatur wird im (gymnasialen) Deutschunterricht nicht gelesen. Das ist gleichzeitig Symptom und Ursache einer kulturellen Marginalisierung des digitalen Erzählens. (Damit sind Erzählformen gemeint, die digital vermittelt Interaktion oder zumindest die Fiktion der Interaktion anbieten.)

Welche digitalen Texte böten sich an? Zu denken ist primär an Computerspiele wie Gone Home von Fullbright (wird im Englischunterricht an mehreren Schulen behandelt)  oder Sunset von Tale of Tales. Hinzu kommen Memeplexe wie etwa politische Kritik oder Kommunikation, welche die Bundeskanzlerin Angela Merkel als Aufhänger benutzen wie #neuland, #hipstermerkel oder das G7-Bild

Die Fachdidaktik Deutsch ist in der Frage gespalten, ob digitale Literatur zur Vermittlung von Kompetenzen geeignet sei. Die meisten Lehrwerke und Fachleute verweisen auf das Potential von Hypertexten, markieren damit aber gemeinhin eine Leerstelle: Der Rückbezug auf eine überholte literarische Spielart der 90er-Jahre ist Signal für eine Weigerung, sich mit den damit gemeinten Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Fachdidaktische Zugänge zu digitaler Literatur können aber konkret nachweisen, dass ein gezielter und wirkungsvoller didaktischer Einsatz im Unterricht möglich und sinnvoll ist (Matthis Kepser hat ein Kompetenzraster für die Arbeit mit Computerspielen erstellt). Empirische Studien, etwa von Jan Boelmann, können das auch quantitativ stützen. Folglich kann es als Konsens der Fachdidaktik bezeichnet werden, dass digitale Erzählungen geeignete Lerngegenstände sind. Folgende Aspekte zeichnen sie aus:

  • Verankerung im medialen Alltag Jugendlicher
  • ihr kultureller »Wert« als eigene Genre-System mit einer Geschichte
  • ihre Zukunftsbedeutung
  • die Selbstwirksamkeits-, Kreativitäts- und Rollenerfahrung
  • die speziellen narrativen Eigenschaften, z.B. nicht-lineares Erzählen
  • fächerübergreifenden Aspekte.

Welche Gründe verhindern, das digitale Literatur Eingang in den Unterricht findet?

  1. An vielen Schulen ist die dafür nötige Infrastruktur nicht vorhanden.
  2. In Lehr- und Bildungsplänen werden »Medien« von Literatur unterschieden – und damit suggeriert, dass Trägermedien für Rezeption von Inhalten entscheidend sind.
  3. Digital vermittelte Themen sind in dieser Perspektive primär dafür geeignet, über psychologische Gefahren zu sprechen.
  4. Diese Gefährdung betrifft aus bildungsbürgerlicher Sicht auch die Kultur: Ein Kanon wertvoller und tiefer Werke muss vor der Zersetzung durch digital-oberflächliche geschützt werden.
  5. Entwickelte Standards, mit denen sich Kompetenzen messen lassen, sind (noch) nicht auf digitale Arbeitsumgebungen anwendbar.
  6. In der Schule hat die Lektüre von Printtexten Vorrang. Wer also Lernende auf ihre schulische Zukunft vorbereiten will, tut gut daran, sie in einem etablierten Kontext arbeiten zu lassen, weil ihr Bildungserfolg davon abhängt.

Ändern lassen sich diese Hemmnisse für den Einsatz digitaler Literatur im Unterricht nur, wenn gleichzeitig auf einer diskursiven, einer politischen, einer technologischen und einer schullogischen Ebene Veränderungen initiiert werden. Hilfreich wäre es, wenn ein Bundesland einen digitalen Text im Zentralabitur prüfen würde.

Das Vortragsmanuskript als pdf (Vers. 2.3).

Und die Slides:

Gesellschaftliche Probleme mit digitaler Kommunikation – eine Fallsammlung

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Diese Liste versammelt Konflikte, die durch digitale Kommunikation sichtbar geworden sind. Alle Fälle sind dokumentiert – ohne dass meine Schilderung notwendigerweise objektiv ist, weil ich meistens nur über die Berichterstattung in Massenmedien davon Kenntnis habe. Es kann durchaus sein, dass der aktuelle Stand der Verfahren hier nicht erwähnt oder verlinkt wird. Sie bilden die Basis für Workshops, in denen Teilnehmende dazu Stellung nehmen sollen. 

Eine Druckversion als pdf gibt es hier

Wenn jemand weitere Fälle beisteuern kann, freue ich mich über eine E-Mail und ergänze die Liste gerne! Der Beitrag wird laufend mit Updates versehen. 

* * *

  1. Kündigung per WhatsApp
    Der Chef eines Monteurs spricht ihm per WhatsApp die Kündigung aus. Das ist in der Schweiz eine rechtlich gültige Form der Kündigung. Der Monteur ist verärgert und wendet sich an 20Minuten: »Mich stört, dass mein Chef mich nicht angerufen oder einen Termin vereinbart hat.«
  2. Der Kristallnacht-Tweet
    Ein Informatiker setzt an einem Samstagabend auf Twitter eine Meldung ab: »Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht, diesmal für Moscheen.« Er verliert seinen Job, wird aus der SVP ausgeschlossen und muss sein Amt in der Schulpflege abgeben. Zudem wird er verurteilt und muss mehrere 1000 Franken Busse zahlen. (In der Folge wurde auch ein Politiker der Grünen verurteilt, welcher den Informatiker auf Twitter mit Nazis verglichen hatte.)
    Ähnlich liegt der bekannte Fall von Justine Sacco, die nach einem Tweet ihre Karriere aufgeben musste und unter massive Kritik geriet.
  3. Das Ice-Tea-Video
    Eine 15-jährige Schülerin hat mit ihrem Freund zusammen ein pornografisches Video gemacht, in dem sie sich mit einer Ice-Tea-Flasche befriedigt. Nach der Trennung hat ihr ebenfalls 15-jähriger Freund den Film online verbreitet. Mehrere Zeitungen haben darüber berichtet, so dass es ein großes Publikum erreicht hat. Die junge Frau ist schwer traumatisiert, ihre Familie musste umziehen. Mittlerweile wurden 11 Strafverfahren wegen Verbreitung von Kinderpornografie eröffnet – auch gegen die im Video zu sehende Frau.
  4. Facebook-Parties
    Immer wieder verbreiten sich via Facebook Party-Einladungen – teils gewollt, teils nicht gewollt. So entstehen Massenparties, die kaum mehr kontrolliert werden können und für die keine Bewilligung vorliegt.
  5. Nacktbilder vom Arbeitsplatz
    Eine Sachbearbeiterin, die im Bundeshaus arbeitete, verbreitete über Twitter Nacktbilder von sich. Einige davon wurden am Arbeitsplatz aufgenommen. Als verschiedene Medien darüber berichtete, wurde die Sekretärin erst freigestellt und dann entlassen.
  6. Auflösung des Lehrvertrags wegen Facebook-Kommentar über Lehrerin
    Eine 15-jährige Schülerin wurde eine Lehrstelle auf einer Gemeinde aus 150 Bewerbungen ausgewählt. Ihr Lehrvertrag wurde aufgelöst, als die Lehrverantwortliche erfuhr, dass sich die junge Frau auf Facebook abschätzig über eine Lehrerin geäußert hatte.
  7. Probleme bei der Einreise in die USA
    Ein britisches Paar scherzte via Twitter über ihre bevorstehende USA-Reise. Es wurde bei der Einreise verhaftet und ausgewiesen. (Auch ein Deutscher Musiker erhielt wegen E-Mails und digitalen journalistischen Arbeiten ein Einreiseverbot in den USA.)
  8. Der falsche Leserbrief
    In einer Regionalzeitung veröffentlicht eine Pensionärin einen Leserbrief, in dem sie einen falschen Vergleich zwischen AHV-Zahlungen und Ausschüttungen an Asylbewerbende vornimmt. Der Leserbrief wurde auf Facebook über 90’000 Mal geteilt und erhielt so massive Aufmerksamkeit.
  9. Die Facebook-Drohung
    Ein Gymnasiast schreibt an seinem Geburtstag auf seinem Facebook-Profil:

    Freut sich hüt niemert, dass ich gebore worde bin… ich schwör, ich zahls eu allne zrug! es isch nöd e frag vo de Höflichkeit, sondern vom Respekt und Ehre. Ich vernichte eu alli, ihr werdet es bereue, dass ihr mir nöd in Arsch kroche sind. Denn jetzt chan eu niemert me schütze… Pow! Pow! Pow!

    Sein Lehrer wendet sich an die Polizei, der Schüler wird in Untersuchungshaft genommen und später verurteilt. Zusammen mit den Verfahrenskosten muss er rund 15’000 Franken bezahlen. (Update: Das Bundesgericht hat das Urteil aufgehoben, das Zürcher Obergericht befindet noch einmal über den Fall.)

topelement

Karikatur von Schaad, Quelle: Tages-Anzeiger

Niuws – meine Erfahrungen mit dem »Kuratieren«

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Seit gut einem Monat unterhalte ich eine sogenannte »Box« bei Niuws. Ich publiziere darin Artikel, die ich im Bereich »Lernen unter den Bedingungen der Digitalisierung« für lesenswert halte. Die Box kann man sich hier ansehen. Im Folgenden möchte ich kurz meinen Workflow und meine Gedanken dazu beschreiben. (Transparenz-Disclaimer: Ich erhalte kein Geld für meine Arbeit bei Niuws und schreibe diesen Blogbeitrag aus eigener Veranlassung.) Bildschirmfoto 2015-06-08 um 10.49.54 Ich habe das Projekt von Niuws seit seinem Start verfolgt. Die App ist eine Art Twitter für Menschen, die zwar interessante Artikel mögen, aber die Netzwerkarbeit nicht leisten können oder wollen. Da ich seit Jahren journalistische Produkte fast ausschließlich via Twitter konsumiere – damit kann man bei Workshops mit Lehrkräften immer noch viele Anwesende schockieren -, überzeugt mich das Modell. Entsprechend habe ich mich gefreut, als ich von Martin Weigert gefragt wurde, ob ich eine Niuws-Box kuratieren möchte. Kuratieren ist zum Plastikwort geworden – deshalb erkläre ich kurz, was ich da genau mache:

  1. Beim Lesen von Artikeln frage ich mich, ob die in meine Box passen könnten. Kriterien sind Aktualität, frische Perspektiven auf das Thema sowie eine gewisse Breite: Ich möchte nicht zu viel über schulisches Lernen, aber auch nicht zu wenig; einige englischsprachige Texte, aber nicht ausschließlich; Blogs und traditionelle Medien etc.
  2. Ich speichere die entsprechenden Artikel recht großzügig im Tool von Niuws – meist mache ich das mobil, zuweilen auch im Browser am Laptop.
  3. Aus der Liste wähle ich an den meisten Morgen der Arbeitstage drei Artikel aus, die ich dann noch einmal genau lese und mit einer kurzen Beschreibung für die Publikation freigebe.
  4. Die Sammlung der drei Artikel kommentiere ich noch einmal und veröffentliche sie dann innerhalb von Niuws und öffentlich über meinen Twitter-Kanal (aber bewusst nicht über Facebook).

Bildschirmfoto 2015-06-08 um 10.47.31An den meisten Tagen fällt es mir leicht, drei Artikel zu finden. Ich lasse dann oft solche weg, von denen ich am Vortag sicher war, sie in die Publikation aufzunehmen. So entsteht ein Archiv von Texten, die ich gelesen habe – oft habe ich auch darin schon nach etwas gesucht, was ich in einem anderen Kontext verwenden wollte. Ein solches Archiv ist für mich von einigem Wert. Andere Kuratorinnen oder Kuratoren machen mich auch auf Artikel aufmerksam, die in meine Box passen – ich erhalte also ein Profil als Fachmann in meinem Gebiet. So stimmt für mich Aufwand und Ertrag bei der Arbeit mit Niuws. Weil ich nicht bezahlt bin, nehme ich mir die Freiheit, an stressigen oder erholsamen Tagen keine Artikel zu veröffentlichen. Zwei Aspekte bewerte ich negativ: Erstens beginne ich, Artikel nur zu überfliegen, statt sie zu lesen – ich weiß ja, dass sie in der Liste der Artikel auffindbar sind und lese sie vor dem Publizieren ohnehin. Zweitens gibt es kaum Interaktion mit den Leserinnen und Lesern der Box. Ich kann an den Statistiken zwar ablesen, welche Artikel wie gut performen – ein echter Austausch entsteht aber allenfalls über Twitter, nicht in Niuws selbst. Dieser Bug ist selbstverständlich ein Feature – aber mein medialer Alltag in Twitter funktioniert anders.

Haben digitale Medien einen Mehrwert für das schulische Lernen?

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Ich folge der Einladung zur Blogparade zu der im Titel genannten Frage gerne. Diese grundsätzliche Ebene erreicht fast jede der Weiterbildungsveranstaltungen, die ich an Schulen zu diesem Thema durchführe oder besuche.

Die Frage setzt voraus, dass bekannt ist, was »schulisches Lernen« ist. Damit wird davon ausgegangen, dass sie nur im Rahmen eines schulischen Settings beantwortet werden kann, das mit bestimmten Annahmen gekoppelt ist, z.B.:

  • Das relevante, interessante Lernen ist das schulische.
  • Die Rollenverteilung von Lehrkräften und Lernenden ist gegeben.
  • Das Schulhaus als Raum mit Klassenzimmern, in denen Präsenzlektionen abgehalten werden, stellt den Lernort dar.
  • »Lernen« ist leistungsbezogen: Es führt zu einem Output, der z.B. in Prüfungen messbar ist und zu Abschlüssen und Qualifikationen führt.

Bildschirmfoto 2015-06-05 um 14.34.14

Die Digitalisierung zeigt, dass das Fundament dieser Annahmen wackelig geworden ist. Sie bezieht sich auf anderen Formen von Lernen und auf alternative Beziehungskonstellationen, z.B. beim informellen Lernen. Mit dieser Vorbemerkung ist die Frage nicht beantwortet, lediglich festgehalten, dass der Mehrwert digitaler Medien sinnvollerweise in Bezug auf »das Lernen« untersucht werden müsste.

[Schulische Bildung] zielt auf Persönlichkeitsentwicklung und Weltorientierung, die sich aus der Begegnung mit zentralen Gegenständen unserer Kultur ergeben. [S. 3]

Dieser Satz steht in den Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss für das Fach Deutsch. Die Kultusministerkonferenz bezieht sich mit »zentralen Gegenständen unserer Kultur« auf Narrative, Bilder, Filme, Spiele etc., die heute digital vorliegen. Ohne digitale Medien ist diese Anspruch nicht einzulösen. Kultur findet heute digital statt. Zeitungstexte, Romane, Gedichte entstehen primär digital. »Online first« ist längst das Prinzip der menschlichen Kommunikation geworden.

Es scheint hier müssig, sich zu überlegen, ob digitale Medien einen »Mehrwert« bieten: Ohne digitale Medien hat schulisches Lernen mittelfristig gar keinen Wert – weil es sich aus der Kultur und Kommunikation, welche die Umwelt Jugendlicher und Erwachsener prägt, verabschiedet hat.

Aber wahrscheinlich meint die Frage auch das nicht. Vielmehr richtet sie sich auf konkrete Bildungsstandards und will wissen, ob digitale Medien als Methode einen Mehrwert haben, wenn in den Standards beschriebene Kompetenzen in der Schule erworben werden. Betrachten wir ein Beispiel:

Aufbau, Inhalt und Formulierungen eigener Texte hinsichtlich der Aufgabenstellung überprüfen (Schreibsituation, Schreibanlass) [S. 13]

Dieser Standard wird von digital arbeitenden Deutschlehrkräften wie Urs Henning mit Google Drive und Peer-Feedback umgesetzt. An ihm orientiere ich mich zunehmend bei der konkreten Umsetzung schreibdidaktischer Einsichten. Die Digitalisierung ermöglicht, dass das Prozesshafte beim Schreiben von Texten beobachtet werden kann – und zwar nicht nur von der Lehrperson, sondern auch von Mitlernenden.

Das ist für mich ein klarer Mehrwert. Er legt nicht nahe, nur noch am Bildschirm zu schreiben, er bedeutet keine Reduktion des Aufwands für die Lehrperson oder die Lernenden, er beantwortet die Frage nicht, wie ich denn bei einer Prüfung verhindern kann, dass die stilistisch begabte Tante den Aufsatz für einen Schüler schreibt. Vielmehr macht er didaktische Settings möglich, die schon in analogen Zeiten als fruchtbar erkannt wurden, aber kaum je umgesetzt werden konnten.

tl;dr Digitalisierung bedeutet drei Dinge für die Schule: Sie stellt sie als Institution infrage. Sie prägt die Kultur, auf die sich Schule bezieht. Sie erweitert das didaktische Repertoire für Lehrpersonen. 

#Hashtags, Twitter und Instagram als Begleitung von Lehrveranstaltungen einsetzen

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In verschiedenen Funktionen unterrichte ich regelmäßig (angehende) Lehrkräfte. Dabei orientiere ich mich am didaktischen Prinzip, dass erfolgreiche Unterrichtskonzepte nicht nur Lerngegenstand darstellen können, sondern auch in die Methodik einfließen sollen. Nicht penetrant, nicht als inhaltsloses Spiel, sondern als Erlebnis wirkungsvoller Lehrverfahren.

Eines dieser Konzepte ist die digitale Begleitung von Lehrveranstaltungen. Twitterwalls haben auf Tagungen bereits eine Tradition, im Schulunterricht werden sie bislang wenig genutzt. Dabei wäre das Potential enorm – digital erweiterter Unterricht:

  • öffnet die Lernprozesse für Interessierte, aber physisch Abwesende
  • gibt allen, die im Unterrichtsgespräch keinen Raum erhalten, eine Plattform, um Meinungen, Fragen, Kritik einzubringen
  • speichert wichtige Gedankengänge, die auch mit Bildern oder Links versehen sein können, für die Nachbereitung bzw. Vorbereitung einer nächsten Einheit
  • hält Gespräche über die physische Präsenzzeit hinaus aktiv.

Praktisch gehe ich – bei Kursen mit pädagogisch ausgebildeten Erwachsenen – wie folgt vor:

  1. Ich offeriere allen Teilnehmenden mehrere Möglichkeiten zur Teilnahme, üblicherweise Twitter, Instagram, Facebook, Google Drive, Evernote, WordPress, ein Etherpad (ungefähr in dieser Reihenfolge).
  2. Die Möglichkeiten sind so einfach wie möglich, d.h.:
    a) persönliche, schon genutzte Accounts können verwendet werden (aber wenn möglich mit Hashtags)
    b) es gibt Veranstaltungsaccounts, die schon angelegt sind und in die man sich einloggen kann (für ein Bsp. siehe phwa.ch/picts)
    c) nur Plattformen mit einfachen Apps und schlichten Login-Prozessen werden erwähnt
    d) keine einzelne Plattform wird fixiert
  3. Ich biete eine längere Einführungsphase sowie mehrere virtuelle »Zigarettenpausen« an, in denen Beiträge verfasst werden können.
  4. Die Kanäle werden immer wieder in der Lehrveranstaltung angeschaut und die Inhalte besprochen.
  5. Vor, während und nach der Veranstaltung bin ich auf den Kanälen präsent und betreibe Monitoring und kuratiere.
Bildschirmfoto 2015-05-28 um 22.02.28

Ein Instagram-Beispiel aus einem Kursmodul.

Die Ergebnisse sind bisher nicht berauschend. Die Vorgehensweise braucht mehr Energie, als ich gedacht habe. Auch wenn ich bewusst Hürden entferne und Zeiträume schaffe, sind einige der Teilnehmenden immer überfordert: Die App läuft auf ihrem Handy nicht, sie nutzen das falsche Passwort, können sich nicht ins W-Lan einloggen, sind gehemmt oder trauen sich nicht.

Immer wieder gibt es aber einzelne, die dranbleiben, interessante Kritik üben, andere ermuntern. Gleichwohl erstaunt es mich, wie selbstverständlich und sinnvoll digitale Diskussionen für mich sein können – und wie sperrig für Menschen mit einem ähnlichen Beruf und einer ähnlichen Ausbildung.

Das E-Mail-Problem der Schulen – ist Slack die Lösung?

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E-Mails sind an Schulen zu einem Problem geworden (wahrscheinlich waren sie schon immer eines). Hier einige Facetten des Problems:

  1. E-Mails sind unübersichtlich.
    In irgendeinem Anhang irgendeiner Mail finde ich den Link zu einem wichtigen Formular, das ich heute ausfüllen müsste. Aber wo? Geht noch so knapp mit OS X Spotlight oder der Mail-Suche von GMail, kriegt aber die durchschnittliche Lehrperson selten gebacken. Zu viel Zeit und Energie gehen mit der Suche nach grundlegenden Informationen verloren.
  2. Too Much Information.
    Multimail-Plattformen erlauben an Schulen Tätigen, schnell eine Zielgruppe auszuwählen und mit einer Mail zu bedienen. Das Prinzip ist aber dabei das engmaschige Fangnetz: Neben den eigentlichen Adressaten erhalten auch viele meine Mail, die damit nichts anfangen sollen oder müssen. Filter sind kaum möglich, weil diese Mails keinem System folgen, sondern genau so aussehen, wie wirklich wichtige Nachrichten.
  3. Inbox Zero.
    Mitglieder der Schulleitung arbeiten oft über eine Stunde pro Tag Maileingangsordner ab. Das hängt einerseits damit zusammen, dass das zu ihrer Aufgabe gehört – andererseits aber auch mit dem verbreiteten Muster, Probleme per Mail anderen zuzuspielen. An einer Schule: Der Instanz, die letztlich entscheiden kann.
  4. Anhänge.
    Mit Mails können Dokumente nicht kollaborativ bearbeitet werden, weil alle eine andere Version des Dokuments vor sich haben und Arbeitsschritte mehrfach erledigt werden.
  5. (Mails laden zu Missverständnissen ein).
    Das Problem hat sich im Vergleich zu vor fünf oder zehn Jahren massiv verbessert (das zumindest mein subjektiver Eindruck, viellicht habe aber auch ich mich verändert) – es besteht aber weiterhin: Mails eröffnen ein Spielfeld, auf dem jede und jeder Missverständnisse suchen kann. In einem Verein, gehen wir im Vorstand vom Prinzip aus, dass alles ohnehin missverstanden wird. Egal wie viel Mühe man sich beim Formulieren gibt. Das gilt auch für die Schule.

Bildschirmfoto 2015-05-21 um 14.49.49

Es gibt Lösungsansätze zu diesem Problem. Sie bestehen generell aus folgenden Ideen:

  • Verdichtung in Newslettern
    Wer eine Mail an alle verschicken will, schickt sie stattdessen an eine Redaktion – die dann ein Mal pro Woche/Monat etc. einen schlau archivierbaren Newsletter verschickt
  • Kommunikation thematisch bündeln
    Diskussionen direkt neben einem Dokument führen (z.B. bei Google Drive), statt Mail mit Anhängen zu verschicken; Threads zu eröffnen, bei denen alle alles lesen können, was es zu einem Thema zu sagen gibt
  • smarte Agendafunktionen
    Informationen direkt an Kalenderevents anhängen, die dann auch auf Smartphones verfügbar sind
  • kollaborative Dokumente
    Dokumente dort bearbeiten, wo sie gespeichert werden
  • zentraler Zugang zu dezentralen Aktivitäten
    Metaoberflächen lassen Usern die freie Wahl, wie sie arbeiten wollen – ermöglichen aber allen einen Zugang dazu
  • smarte Suche
    Google, Evernote und Apple verstehen etwas von Suchfunktionen – wer heute Wissensmanagement betreibt, muss alle Dokumente schnell nach Stichworten durchsuchen können

Slack ist im Moment wohl das Tool, das am meisten Verspricht. Anja Wagner nennt Slack die Lernplattform der Zukunft. In einer halben Stunde finden sich alle in Slack zurecht und können Fragen stellen, Dokumente hochladen und Kommentare abgeben. Slack durchsucht alle Files und Kommentare und ermöglicht die Anbindung einer Vielzahl von Apps, u.a. auch Google Drive. Teams verbinden sich in Kanälen, die themenspezifisch sind. Schulen könnten so leicht pro Klasse einen Kanal verwenden, den sie dann für pädagogische Gespräche während des Schuljahrs nutzen. Slack wäre nicht die Fileablage, sondern für den laufenden Austausch gedacht. Nicht die Kollaborationsplattform, sondern für den Verweis darauf und die Diskussion darüber.

Ich nutze Slack fleißig und hoffe, dass daraus eine Kultur entsteht. Schrittweise und langsam. Nicht als abrupter Mailersatz, sondern als langfristige Alternative.

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Daten sind nicht das Erdöl der Zukunft

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Die Sprache, mit der Phänomene erfasst werden, bestimmt ihre Bedeutung. Diskurse transportieren eine Ideologie. Das trifft in besonderem Maße auf die Diskussion der Auswirkungen und der Bedeutung der Digitalisierung zu.

Die Bilder und Metaphern, die sich etabliert haben, sind oft schief. Sie enthalten einen wahren Kern, transportieren aber in einem stärkeren Maße tendenziöse und manipulative Behauptungen. Sie werden so nicht nur falsch, sondern auch gefährlich.

Ein Beispiel dafür ist die Rede von den Digital Natives, die ich hier schon eine Kritik unterzogen habe. Ein weiteres ist die Behauptung, Daten seien das Erdöl (oder das Rohöl) der Zukunft. »Doch mal abgesehen von allen Risiken, fest steht: Daten sind das neue Öl«, schrieb etwa Gerd Leonhard im Marketing Jahrbuch 2011. Die scheinbare Evidenz, mit der solche Bilder eingeführt und verwendet werden, verhindert, dass nach ihrer Stimmigkeit gefragt wird.

Bildschirmfoto 2015-05-17 um 10.13.31

Bild: sevenheaven.nl, Ausschnitt

Was meint also der Vergleich zwischen Daten und Öl? Wahrscheinlich folgende Aspekte:

  1. Die zentralen Bereiche der Wirtschaft sind auf den »Rohstoff« angewiesen.
  2. Es handelt sich um einen »Rohstoff«, also um etwas, was verarbeitet und angewendet werden muss, um einen Wert oder eine Bedeutung haben zu können.
  3. Infolgedessen gibt es eine hohe Nachfrage danach.
  4. Diese hohe Nachfrage führt zu wirtschaftlichen und oder kriegerischen Auseinandersetzungen.
  5. Wer den »Rohstoff« kontrollieren kann, wird mächtig.

Auch wenn einige diese Aspekte durchaus diskutiert werden könnten, werde ich mich im Folgenden auf andere Probleme beschränken, die der Vergleich mit sich bringt.

Daten sind kein Rohstoff
Daten gibt es beliebig viele. Sie werden laufend generiert. Sie können beliebig oft kopiert werden, ohne darunter zu leiden. Es ist nicht einmal ganz klar, was Daten überhaupt sind. Handelt es sich um Informationen? Um Inhalte von Archiven?

Die Auswertung von Daten hat keinen klaren wirtschaftlichen Wert
Zurecht fürchten wir uns vor dem Wandel im Versicherungssystem, der Solidarität durch individuelle Informationen und Prämien ersetzt. Aber solche Szenarien verdecken, dass Big Data bisher wenig mehr als ein Versprechen ist: Dass durch die Auswertung großer Datensätze neue Wirtschaftsaktivitäten entfaltet werden können, ist nicht bewiesen. Nur weil die meisten großen Player Angst haben, ohne Datenauswertung einen wirtschaftlichen Nachteil zu erleiden, funktionieren Daten und ihre Auswertung nicht ähnlich wie Öl und seine Verwendung.

Daten sind nicht, sondern werden gemacht
Öl ist durch einen komplexen, langwierigen Prozess entstanden und kann nicht synthetisiert werden. Daten stellen wir ständig her. Das ist nicht entscheidend: Jeder Atemzug, jeder Herzschlag, jede Bewegung, die ich während dem Schreiben dieses Beitrags ausführe, ist ein potentieller Datensatz. Interessant werden sie allenfalls, wenn sie gemessen, gespeichert, interpretiert werden.

Das Mantra dieses Blogs lautet: Wir müssen genaue Gedanken, Argumente und Sprechweisen finden. Zu sagen, Daten seien das Öl der Zukunft, ist nicht weiterführend.

Probleme von Studien, die sich auf Social-Media-Daten stützen

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Diese Grafik stammt aus einer Studie eines Facebook-Research-Teams – genauer gesagt: Sie wurde in einem Anhang versteckt. Sie zeigt zwei Profile: Ein politisch konservatives und ein liberales (um die US-Begrifflichkeit zu verwenden). Bei beiden wird gezeigt, wie stark die Position eines Artikels im Newsfeed die Wahrscheinlichkeit beeinflusst, dass auf ein Artikel geklickt wird. In derselben Studie hat Facebook dokumentiert, dass Nachrichten, welche der politischen Haltung von Usern widersprechen, vom Facebook-Algorithmus aktiv unterdrückt werden (in diesen Fällen betrifft das rund 5-8% der betreffenden Nachrichten, die von Kontakten geteilt werden).

Die Studie verweist auf zwei zentrale Probleme von Social-Media-Studien:

  1. Die scheinbare Objektivität wissenschaftlicher Untersuchungen
  2. Die schlechten Stichproben, die sich aus Social-Media-Daten ergeben

1. Die scheinbare Objektivität wissenschaftlicher Untersuchungen

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Zeynep Tufekci hat vehement darauf hingewiesen, dass die Studie von Facebook mit einem klaren Spin versehen worden ist: Die triviale Aussage, dass sich Menschen bei ihrem Nachrichtenkonsum von ihren Überzeugungen leiten lassen, wurde als zentrales Ergebnis hervorgehoben und auf die Titelseiten zahlloser Kommentare gehoben – um zu verstecken, dass und wie der Facebook-Algorithmus diese Tendenz verstärkt.

David A. Banks analysiert das Problem, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oft vorgeben, keinen Standpunkt zuhaben. Er nennt es in Bezug auf Donna Haraway den Gott-Trick: »seeing everything from nowhere«. Er schlägt deshalb für solche Forschungsvorhaben vor, den eigenen Standpunkt klar auszuweisen:

Facebook researchers using a standpoint epistemology would first recognize that their position of power in relation to users, not to mention their clear biases in showing that the algorithm is benevolent if not agnostic, has profound impacts on their results. If they still wanted to conduct the study they may mitigate their own biases by selecting users to review the data as well. They might pair their quantitative data with qualitative accounts and personal stories about avoiding or seeking out opposing viewpoints. Most importantly though, a standpoint epistemology would recognize that different people avoid or seek out viewpoints for different reasons and not all echo chambers are created equal.

2. Die schlechten Social-Media-Stichproben

Verwenden Wissenschaftsteams Daten, die sie aus sozialen Netzwerken beziehen, ist die Menge dieser Datensätze oft beeindruckend hoch – weil sie maschinell bearbeitbar und abrufbar sind. Daraus ergibt sich meist vorschnell der Eindruck, auch die Qualität der Daten sei gut. (Mit Qualität der Daten ist gemeint, wie zuverlässig die Resultate sind, die aus einer Stichprobe gewonnen werden können.)

Diesem Argument widerspricht Eszter Hargittai vehement. In einer Studie (pdf aller Studien als Privatkopie per Mail erhältlich) hat sie folgende Effekte nachgewiesen:

  1. Nur ein bestimmter Ausschnitt der Bevölkerung ist auf sozialen Netzwerken aktiv. Dieser Ausschnitt ist nicht zufällig gewählt: Die Entscheidung, etwa FB zu nutzen, ist eine bewusste, die von recht klar identifizierbaren Faktoren abhängt.
  2. Nur ein bestimmter Ausschnitt der Aktiven wird von Untersuchungen erfasst. (In diesem konkreten Beispiel wurden rund 4 Prozent der Bevölkerung erfasst).
  3. Wichtige Effekte der Kommunikation außerhalb der gewählten Plattform werden ignoriert (woher wissen wir, welche Nachrichten die Personen hinter den untersuchten Profilen auf andere Plattformen oder in den Massenmedien wahrnehmen?).

Das Problem ist, dass es sich nicht um repräsentative, zufällige Stichproben handelt, sondern systematisch verzerrte. Hargittais Fazit ist vernichtend: Der Effekt der Verzerrung kann so groß sein, dass Studien das genaue Gegenteil von dem aufzeigen, was ein ganzheitliches Vorgehen ermitteln würde.

One response to this critique may be that they are nonetheless better than having no data. That is not necessarily the case, however. In certain instances, analyses based on such data may come to the exact opposite conclusion of what may be the case were the sampling frame more representative of the larger population. (S. 74)

Hargittai selbst untersucht in ihrer Studie eine weniger große Gruppe von Studierender, die in einigen Aspekten (Geschlecht, sexuelle Orientierung, Ethnie) repräsentativ für die Bevölkerung der USA ist, in anderen sehr homogen (Alter, Ausbildung). Befragungen führt sie auf Papier durch, um zu verhindern, dass digital affine Menschen in einem größeren Ausmaß teilnehmen. Dadurch kann sie solche Schwierigkeiten umgehen.

Lehrveranstaltungen mit anonymen Blogs begleiten – ein Kommentar zum Fall Münkler

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Am Anfang des laufenden Schuljahres beauftrage ich eine Klasse, sich in einem Aufsatz vorzustellen. Auf dem Klassenblog verfasste jemand (oder mehrer) aus der Klasse eine Kritik am Auftrag: Er sei »absolut ungerecht«. Ich diskutierte diese Kritik mit der Klasse und kam zum Schluss, den Aufsatz als freiwillige Arbeit anzusetzen. Die Perspektive aus der Klasse direkt mitgeteilt zu bekommen, empfand ich als große Chance, meine Arbeit zu reflektieren und zu verbessern. Die Auseinandersetzung setzte bei der Machtverteilung im Schulzimmer an – ein Aspekt, den privilegierte Lehrpersonen und Dozierende oft übersehen. 

An der Humboldt-Universität in Berlin spielt sich momentan eine ähnliche Geschichte ab – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Eine Vorlesung des renommierten Professors Herfried Münkler wird in einem Blog zusammengefasst und eine Kritik unterzogen. Einem Spiegel-Online-Beitrag zufolge empfindet der Professor die Begleitung der Lehrveranstaltung als »permanente Denunziationsdrohung«, während die Uni-Verantwortlichen sich daran stören, dass der Blog anonym geführt wird: »Die Blogger sollten aus ihrer Anonymität heraustreten, weil wissenschaftlicher Dialog nur im öffentlichen Diskurs möglich sei«, heißt es im Artikel. Die Studierenden, die hinter dem Blog stehen, verweisen auf die Öffentlichkeit der Vorlesung: »Man verändert die Welt nicht mit Waffen, sondern dadurch, dass man miteinander redet, sich organisiert und den Diskurs beeinflusst. […] Wer die Öffentlichkeit bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit sucht, muss sie auch ertragen können, wenn sie kritische Fragen stellt.« Ein ausführliches Statement von Münkler findet sich in einem Kommentar auf dem Blog.

Was ist davon zu halten? Aus meiner Sicht sind folgende Überlegungen relevant:

  1. Jede Art von Auseinandersetzung von Studierenden mit den Inhalten einer Vorlesung ist zu begrüssen. Kritik ist die Grundlage von Wissenschaft und die Basis eines Studiums.
  2. Deshalb wundere ich mich, dass solche Blogbegleitungen bei den großen Uni-Vorlesungen nicht Standard sind. (Das liegt wohl am großen Aufwand, der damit verbunden ist; an der fehlenden digitalen Affinität vieler Studierender und an der Kultur eine stärker ausbildungsorientierten Lehre an Universitäten.)
  3. Die Forderung, die Studierenden müssten aus der Anonymität treten, damit ihre Anliegen ernst zu nehmen seien, halte ich für verfehlt. Dass die Anliegen ernst gemeint sind, lässt sich daran ablesen, dass sie in ausformulierten Argumenten auf einem sorgfältig gepflegten Blog erfolgen.
  4. Klar – ein offenes Gespräch erfolgt dann, wenn die Teilnehmenden bekannt sind. Allerdings liegt die Schuld für die Machtverteilung an Universitäten nicht bei Studierenden, die darauf kaum einen Einfluss haben. Sie müssen nicht auf ihr Recht auf Kritik an einer Vorlesung verzichten, weil sie die beruflichen und akademischen Nachteile, die aus dieser Kritik entstehen könnten, nicht tragen können (oder wollen).
  5. Auch Diskussionen in einer Vorlesungen erfolgen von Seiten der Studierenden meist anonym. An der Gesprächssituation ändert sich durch den Blog kaum etwas.
  6. Verzerrungen oder Verfälschungen würden offensichtlich, wenn Münkler die Vorlesung ganz öffentlich durchführen würde (darauf weist auch eine Autorin einer Antwort auf Münklers Kommentar hin). Warum das nicht der Standard ist bei universitären Vorlesungen, scheint mir nicht sauber begründbar.

Die Geschichte ist Symptom einer fehlenden Kritikkultur. Mir ist als Dozent und Lehrer unklar, warum Kritik als etwas Negatives verstanden werden kann. Sie bietet immer die Chance, die eigene Lehre, das eigene Denken und die Wirkung auf andere zu reflektieren und verbessern.

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