Jahresrückblick 2014: Danke und »ubuntu«

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»A person is a person through other people.« Wer wir sind, sind wir nur, weil andere mit uns teilen. Weil sie Gemeinschaften bilden, zu denen wir uns zugehörig fühlen. Wir sind nur, wenn wir uns mitteilen und andere teilhaben lassen. Das wird mit dem südafrikanischen Begriff ubuntu gemeint.

Ich konnte im letzten Jahr mit Schule und Social Media einen weiteren Schritt vorwärts machen. Statt aufzuzählen, was alles passiert ist – dafür kann man ja auf dieser Seite rückwärtsblättern – möchte ich den vielen Menschen danken, die es mir möglich machen, mich mit dem auseinanderzusetzen, was mich im Moment interessiert:

  • Den Jugendlichen, die meine Fragen beantworten und mir ihre Gedanken mitteilen – und mir so ermöglichen, innovativen Mediengebrauch und technologische Möglichkeiten wie Beschränkungen zu verstehen.
  • Den Leserinnen und Lesern und Zuhörerinnen und Zuhörern, die mit ihre Aufmerksamkeit schenken, wenn ich meine Gedanken ausbreite – und mir oft deutlich machen, über welche Aspekte ich vertieft nachdenken müsste.
  • Den Korrektorinnen und Korrektoren, die so häufig und freundlich meine Fehler korrigieren.
  • Den Kritikerinnen und Kritikern, die mit Neuen Medien wenig anfangen können und für wichtige Werte einstehen. Sie zeigen mir immer wieder andere Perspektiven auf.
  • Meinem Netzwerk: So vielen Lehrpersonen, medienpädagogisch Interessierten oder anderen Fachleuten, die mich an ihren Gedanken teilnehmen lassen, mit mir Gespräche führen und mir die Ressourcen zur Verfügung stelle, die ich für eigene Arbeiten brauche.
  • Den Verantwortlichen, die mich an Schulen holen, für mich Referate organisieren oder mich Schulungen durchführen lassen.

Ganz herzlichen Dank – 2015 werden sicher neue Themen und neue Herausforderungen auf uns zukommen. Darauf freue ich mich.

Nun werde ich etwas Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Ihnen danke ich hier nicht – das geschieht dann gerne persönlich. Und dann ist ein Rollentausch angesagt:

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Social Media als »Ort« für Jugendliche – Foucaults Heterotopie

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Wer am Freitag- oder Samstagabend in S-Bahnen und an Bahnhöfen unterwegs ist, beobachtet einen seltsamen Stamm: Nach der letzte Mode frisierte, parfümierte, behandtaschte und gekleidet Jugendliche, die farbigen Vodka trinken und Ausschau halten nach freien Steckdosen, an denen sie ihre Handys aufladen können. Mit den geladenen Handys stehen sie permanent im Kontakt mit Abwesenden.

Laura de Weck hat das in ihrem Stück Lieblingsmenschen schon 2007 in Bezug auf die Verwendung von SMS unter Studierenden in der dritten Szene dargestellt:

JULE an LILI – 23:38 WoSeidIhr?BraucheDich!
JULE an LILI – 24:09 HeyWoSeidIhr??
LILI an JULE – 24:38 Im purpur ist nicht so cool-zuviele leute-musik kotz,kurs
JULE an LILI – 01:04 KommtDochHierherSvenIstSoLangweilig!!
LILI an JULE – 02:14 Sind aus dem purpur rausgeflogen,darius hat besitzer auf klo gesagt,er hätte kein stil u.Auf sein schwanz gezeigt…Gehen ins supermarket, kuss
JULE an LILI – 02:53 BinMitSvenImSupermarketFindEuchNicht!

Das hat viel mit den Orten zu tun, an denen sich Jugendliche aufhalten können und wollen. In ihren Kinderzimmern können sie sich nicht treffen, weil sie da den nötigen Freiraum nicht vorfinden; in ihren Agglomerationsgemeinden überwachen Sicherheitskräfte den Sportplatz – an beheizte Räume für Jugendliche ist nicht zu denken -, ähnlich eng wird es im öffentlichen Raum in der Stadt. Es bleiben die teuren Clubs mit engen Einlassbedingungen, der öffentliche Verkehr und die Vernetzung.

Social Media schaffen Räume, wie Danah Boyd festgestellt hat:

Öffentlichkeiten (engl. publics, Ph.W.) schaffen Räume und Gemeinschaften, in denen sich Menschen versammeln, verbinden und die Gesellschaft, wie wir sie verstehen, bilden können. Vernetzte Öffentlichkeiten gehören in zwei Hinsichten dazu: Sie bilden Räume und eine imaginäre Gemeinschaft. Sie werden durch Social Media und andere neue Technologien ermöglicht. Als Räume erlauben sie Menschen, sich zu treffen, Zeit zu verbringen und Witze zu reißen. Technologisch ermöglichte vernetzte Öffentlichkeiten funktionieren in dieser Hinsicht so wie Parks und Einkaufszentren es für frühere Generationen getan haben. Als soziale Konstrukte schaffen Social Media vernetzte Öffentlichkeiten, die Menschen erlauben, sich als Teil einer größeren Gemeinschaft zu sehen. Teenager verbinden sich mit vernetzten Öffentlichkeiten aus denselben Gründen, aus denen sie schon immer Teil einer Gemeinschaft sein wollten: Sie wollen zu einer größeren Welt gehören, indem sie andere Menschen treffen und sich frei bewegen können. (zitiert nach Generation »Social Media«, S. 23)

Statt von einem Ort zu sprechen, wäre es präziser auf Foucaults Begrifflichkeit der Heterotopie als Gegenort zurückzugreifen. Foucault führt sie mit einem anschaulichen Beispiel ein:

Der Spiegel funktioniert als Heterotopie, weil er den Ort, an dem ich bin, während ich mich im Spiegel betrachte, absolut real in Verbindung mit dem gesamten umgebenden Raum und zugleich absolut irreal wiedergibt, weil dieser Ort nur über den virtuellen Punkt jenseits des Spiegels wahrgenommen werden kann. (Foucault (1967): Von anderen RäumenS. 318).

Foucault notiert sechs Eigenschaften von Heterotopien:

  1. Heterotopien sind universal. Sie existieren in allen Kulturen.
  2. Heterotopien unterliegen Umdeutungen innerhalb einer Gesellschaft.
  3. An einem Ort sind mehrere in sich unvereinbare Platzierungen von Heterotopien möglich.
  4. Heterotopien sind häufig an Zeitsprünge gebunden (Heterochronien), Beispiele hierfür sind Museen, die »die Zeit speichern«.
  5. Heterotopien bestehen in einem System der Öffnungen und Schließungen, bspw. was die Zugehörigkeit und Zugänglichkeit der Heterotopie anbetrifft.
  6. Heterotopien haben eine Funktion gegenüber dem verbleibenden Raum inne. (leicht modifiziert von hier übernommen)

Wie Rymarczuk und Derksen jüngst in einem Paper notiert haben, erlaubt die Sichtweise der Heterotopie eine Reihe von Eigenschaften von sozialen Netzwerken klar zu erfassen. So halten die Autoren beispielsweise fest, wie die Transparenz, welche Social Media schaffen, gleichzeitig befreiend und einengend wirkt:

Users of social media, like actors on stage, know that they are being observed by an audience. Thus, the heterotopia of Facebook on the one hand opens up a new kind of space where selection, formulation and articulation of content is more readily available, but on the other hand the increased transparency puts added constraints on the performance and encourages questioning its authenticity. On the one hand, there are people who feel they can really be themselves on Facebook and experience it as a space where they finally come into their own. For example, Miller (2011) points out that to Facebook users on Trinidad, it is a place that allows one to show and share one’s true self, considered to be variable, and mood and situation dependent by Trinis. Facebook’s technical possibilities enable the user to present a constantly up–to–date representation of that changing self. However, Facebook’s features also offer both new possibilities for inauthenticity and for its detection. One’s holiday pictures with smiling people, good weather and great parties may draw ridicule from others who were there too and have pictures to prove it wasn’t all that great.

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Unterrichtsidee: Memes verstehen, Memes gestalten

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Anleitung / Unterricht

Im Moment lese ich mit einer Klasse Gespräche von Konfuzius. Als Einstieg habe ich das »Wise-Confucius«-Meme (oder »Confucius-says«-Meme) besprochen – und möchte davon ausgehend eine Unterrichtseinheit skizzieren.  Die konkrete Unterrichtsmethodik lege ich dabei bewusst nicht fest; ich bin der Ansicht, dass sich hier selbstorientierendes Lernen sehr gut eignen würde und werde das abschließend kurz begründen. Mittelfristig arbeite ich diesen Vorschlag zu einem kleinen Aufsatz aus.

* * *

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(1) Die Kernidee

Dieses Meme folgt bestimmten Regeln, die es offenbar so attraktiv gemacht haben, dass sich diese spezifische Kombination von Bild (hier das Originalbild, Quelle konnte ich nicht ermitteln), Hintergrund und Text durchgesetzt hat. Der Text folgt dabei in der Regel folgenden Vorgaben:

  1. Er ist in Engrish abgefasst, einer humoristisch/rassistischen Bezeichnung für das fehlerhafte Englisch von Menschen mit asiatischer Muttersprache.
  2. Der erste Teil klingt nach einer Weisheit (»Man wird müde, wenn man vor dem Bus rennt, (statt bequem mitzufahren o.Ä.«) -
  3. während der zweite Teil klar macht, dass es sich um ein Wortspiel handelt. (Oft ein anzügliches.)

(2) Konkreter Auftrag

Diese Regeln können für andere Memes von Schülerinnen und Schülern erarbeitet werden (etwa in einer Pecha-Kucha-Präsentation mit Beispielen), denkbar wären unter anderen:

Eine Herausforderung ist das Thema deshalb, weil grammatikalische Sonderregeln mit inhaltlichen Vorgaben und dem Bild zusammen zusammengebracht werden müssen.

(3) Emblematik als Vergleich

Gleichzeitig bietet sich ein Vergleich mit der emblematischen Kommunikation der Renaissance bzw. des Barock an: inscriptio, pictura und subscriptio führen da »bimedial« zu einer »Gesamtaussage« – ganz analog wie bei diesen Memes.

(4) Entstehung von Memes: 4chan

Die oben verlinkte Seite Knowyourmeme recherchiert, ob es sich bei Vorschlägen tatsächlich um Memes handelt. Während die Definitionsfrage unten noch besprochen wird, ist dabei oft auch die Entstehung von Memes ein entscheidender Faktor. Viele Memes lassen sich auf das Bilderforum 4chan zurückführen (es ist nicht jugendfrei, hier müssen jüngere Schülerinnen und Schüler eng begleitet werden und unter Umständen mit moderiertem Material arbeiten, weil eine eigenständige Recherche auf 4chan auch für viele Erwachsene kaum erträglich ist).

4chan zeichnet sich einerseits dadurch aus, dass Bilder Ausgangspunkt jeder Diskussion sind, andererseits gibt es keine Möglichkeit, sich eine Identität anzueignen: Jeder Akteur ist »Anonymous« oder in der deutschsprachigen Version »Krautchan« »Bernd«. Dadurch entsteht ein enthemmtes Kommunikationsklima, in dem Regeln dazu dienen, sicherzustellen, dass nur Eingeweihte mitreden.

Dadurch entstehen viele Memes. So ist das Konfuzius-Meme vermutlich zum ersten Mal in diesem Forum aufgetaucht:

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Gleichzeitig zeigen sich aber Ideologie der 4chan-Szene (eine gute Hintergrundlektüre ist dieser Artikel) darin, dass viele Memes sexistische oder rassistische Botschaften transportieren – was in der Einheit ebenfalls Thema sein müsste.

(5) Was ist ein Meme? Vier Definitionen.

Christopher von Bülow hat in einem dichten Lexikoneintrag für die Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie die philosophischen Hintergründe des Meme-Begriffs dargelegt und sie auch kritisiert. Der Begriff geht auf Dawkins zurück, wird aber oft in einem engeren Sinne benutzt. Unterscheiden lassen sich:

  1. Weiter Meme-Begriff: Memes sind Informationen, die vervielfältig werden können und so einen Evolutionsprozess durchlaufen: Sie werden durch die Replikation verändert, danach erfolgt eine Selektion. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Witz: Er wird mit jedem Erzählen verändert, aber nur dann bleibt er bestehen, wenn er als lustig und erzählenswert empfunden wird.
    In diesem Sinne sind alle Arten von Idee oder Informationen Memes, die sich haben durchsetzen können: Ackerbau, Buchdruck, Seitennummerierung in Büchern, Personalausweise – alles Memes.
  2. Netz-Meme: Im digitalen Sinne sind Memes Informationskombinationen, die im Netz wiedererkannt werden. Dabei können das bestimmte Bilder sein (der Facebook-Daumen, der Twitter-Fail-Whale) oder auch Texte (»aus Gründen«, WTF) – oder die Kombination mehrere Elemente in multimedialen oder interaktiven Zusammenhängen.
    Vom weiten Meme-Begriff wird übernommen, dass ein Meme erst dann vorhanden ist, wenn eine kritische Menge es als solches erkennt.
  3. Regelgesteuertes Text-Bild-Meme: Das Konfuzius-Meme entspricht einem engeren Meme-Begriff, weil es eine bestimmte Kombination von Text und Bild enthält.
  4. Ästhetisches Text-Bild-Meme: In einem unspezifischen Sinne ist seit einiger Zeit auch die Rede von Memes, wenn ein bestimmtes Bild mit einem bestimmten Text kombiniert wird, ohne dass es dafür bestehende Regeln gibt. Der Wiedererkennungseffekt wird nicht vorausgesetzt, es geht nur noch um eine rein formale Form der Gestaltung.

Eine Diskussion dieser Begriffsgeschichte und eine Kritik der Begriffsverwendung sind dankbare Unterrichtsthemen.

(6) Mit Memes kreativ umgehen: »Gefühlte Wahrheit«

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht ein Meme, das »Gefühlte Wahrheit« heißt. Dabei werden oft Venn-Diagramme verwendet, um eine humorvolle Analyse zu präsentieren (warum finden wir das lustig?).

Hier können Schülerinnen und Schüler schnell aktiv werden und eigene Versionen ausdenken – damit können viele Themengebiete, die im Unterricht behandelt werden, in Verbindung gebracht und dargestellt werden.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

(7) Selbstorganisiertes Lernen: Kompetenzraster

Die Einheit bietet sich meines Erachtens an, um mit Kompetenzraster zu arbeiten. Dabei legt die Lehrperson fest, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler nachweisen müssen – und lassen sie selbstorganisiert lernen. Sie müssen danach nachweisen, dass und wie sie diese Kompetenzen erworben haben.

Beispiele für Kompetenzen:

  1. Ich kann bei zwei Beispielen erklären, wie Text-Bild-Memes funktionieren.
  2. Ich kann zu bestehenden Meme-Regeln eigene Memes gestalten und ins Netz hochladen.
  3. Ich verstehe, unter welchen Bedingungen Informationen sich verändern und replizieren können.

Warum der Rückfall ins Web 1.0 droht

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Der Paradigmenwechsel vom Web 1.0 zum Web 2.0 wird gemeinhin als der Übergang von einer »one-to-many«- zu einer »many-to-many«-Kommunikationsanlage verstanden. Die Web-Inhalte werden nicht exklusiv von einer berechtigten Redaktion erstellt, sondern von den Usern maßgeblich mitbestimmt. Inhalte im Web 1.0 konnten konsumiert werden, im Web 2.0 werden sie »prosumiert«: Konsum und Produktion verschmelzen im Idealfall.

Spreche ich mit Jugendlichen über ihre Nutzungsgewohnheiten im Netz, dann drücken sie in Bezug auf Social Media eine gewisse Verunsicherung aus, sobald Wikipedia Thema wird: »Wikipedia ist doch gar nicht Social Media, weil man da nur nachschlagen kann, wie in einem Lexikon, oder?« In der Regel reagiere ich mit dem Hinweis, es gäbe die Möglichkeit, sich ein Profil anzulegen und Beiträge zu verbessern oder erstellen. Es wird deutlich, dass Jugendliche das zwar wissen, aber nicht als Möglichkeit in Betracht ziehen.

Auch Youtube oder Instagram sind für viele reine Konsummedien, in denen sie sich zwar von anderen Jugendlichen unterhalten lassen, ein eigenes Mittun aber kategorisch ausschließen. Das mag einer gewissen Gesetzmäßigkeit entsprechen: In Social-Media-Kreisen kursiert die 90-9-1-Regel, wonach 90% der User konsumieren, 9% kommentieren und 1% selber Inhalte erstellt.

Letztlich scheint mir aber die Haltung entscheidend: Offenbar wird das Netz medienpädagogisch als ein Ersatz für Massenmedien (Zeitungen, Bücher, Fernsehsendungen) präsentiert und von Jugendlichen auch so wahrgenommen. Produktion oder Veränderung von Inhalten ist etwas für eine Elite, für »Hobbylose«, wie Jugendliche sagen würden, die sowas gerne tun – aber nicht für die »Vielen«, auf deren Weisheit gezählt wurde.

Setzt sich diese Version des Webs durch, dann wurden die oft bezahlten Redaktionen des Web 1.0 lediglich ausgedünnt. Einige besessene Freiwillige lassen sich durch Aufmerksamkeit bezahlen (und hoffen auf ein paar Werbedollars). Die Masse konsumiert wie bis anhin.

Das ist deshalb bedeutsam, weil viele Plattformen im Netz die Möglichkeit anbieten, Nachrichtenströme zu steuern und Profileintragungen vorzunehmen, die eine gewisse Kontrolle ermöglichen. Wer hier zurücklehnt und die Plattformen machen lässt, findet sich immer in dem Zustand wieder, der für die Plattformanbieter am meisten wirtschaftlichen Nutzen hat. Zu erwarten, Jugendliche würden selektiv aktiv, wenn sie ihre Profileinstellungen vornehmen, könnten aber passiv bleiben, wenn es um inhaltliche Fragen geht, scheint mir ein Missverständnis zu sein.

Active Minds, Louisa Venerandum

Active Minds, Louisa Venerandum

Man betrachte nur die Definition von Social Media – und überlege sich, was passiert, wenn User inaktiv bleiben:

  1. Auf den Plattformen interagieren eindeutig identifizierbare Profile, die durch User gefüllt werden, entweder durch die Inhaber des Profils, Drittuser oder das System selbst.
  2. Sie können Verbindungen und Beziehungen zwischen Usern öffentlich ausdrücken, so dass andere sie einsehen und nachvollziehen können.
  3. Sie können Nachrichtenflüsse von Inhalten, die User durch ihre Verbindung mit dem Netzwerk generiert haben, hervorbringen oder zum Konsum beziehungsweise zur Interaktion anbieten. (Boyd/Ellison, zitiert nach »Generation Social Media«, S. 18)

Die WLAN-Frage

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Schulentwicklung

Die Frage, ob Schulen WLAN- oder WiFi-Netzwerke anbieten sollen, erstaunt mich regelmäßig: Seit über 10 Jahren arbeite ich an Schulen, bei denen das absolut selbstverständlich ist und zu keinen Diskussionen führt – einmal abgesehen von esoterisch informierten Eltern oder Lehrpersonen, die meinen, die »Wellen« würden Menschen massiven Schaden zufügen (stimmt nicht). Funktionierendes und freies WLAN an Schulen ist ein Privileg im deutschen Sprachraum. Dessen bin ich mir sehr bewusst. Im Folgenden möchte ich die für mich relevanten Argumente diskutieren, welche bei der Entscheidung einer Schule herangezogen werden sollen. Ich gehe von Schulen aus, die von Teenagern besucht werden.

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  1. Wettbewerb. 
    In vielen Ländern und an vielen Schulen stellt man sich diese Frage nicht. Mit deren Absolventinnen und Absolventen dieser Schulen arbeiten die Lernenden später zusammen und stehen auch mit ihnen in Konkurrenz. Können wir sie darauf ohne diese Infrastruktur vorbereiten?
  2. Was machen die Jugendlichen in der Pause mit dem Netzzugang? 
    Die Verfügbarkeit von WLAN ändert an dieser Frage für mich wenig. Das Netzwerk verringert die digitale Kluft: Ein Teil der Jugendlichen ist mit leistungsfähigen Geräten und unlimitierten Verträgen ans mobile Netz angeschlossen, andere sind darauf angewiesen, auch mit günstigerer Ausrüstung im Netz arbeiten und kommunizieren zu können.
    Selbstverständlich führt Netzzugang zu unschönen Verhaltensweisen, ist permanente Quelle der Ablenkung und ermöglicht enorm schnelle Kommunikation, die von Lehrpersonen nicht überwacht werden kann. Aber seien wir ehrlich: Damit kennen sich Fachleute an Schulen aus. All das gibt es mit Netz oder ohne: Das Netz weist nur darauf hin, wie gut eine Schulkultur funktioniert, weil sie dort deutlich sichtbar wird.
  3. Modernes Arbeitsumfeld.  
    Ein Arbeitsplatz ist heute mit WLAN ausgerüstet. Warum Schulen keine Arbeitsplätze darstellen sollen, ist mir ein Rätsel. Gemeinhin gibt es aber zwei Antworten auf diese Frage: Erstens der Verweis auf eine Prüfungskultur, die vernetzt nicht mehr sinnvoll ist, zweitens die Forderung, die Schule müsse ein Schonraum darstellen.
    Auf die erste Antwort reagiere ich mit dem Taschenrechnerdilemma (Warum eine Prüfungskultur beibehalten, die nicht mehr zeitgemäß ist?), die zweite halte ich für die interessantere. Eine Schonraum-Schule ist aus meiner Sicht ein interessantes Profil, wenn es konsequent umgesetzt werden kann. Dann dürften aber auch Lehrpersonen nicht noch schnell die Arbeitsblätter aus dem Netz laden, sondern müssten konsequent einem Konzept folgen, dessen Stärken gut vermittelt werden müssen – viele Gespräche, viel Arbeit von Hand, hohes Bewusstsein, starke Kultur. Breit eingesetzt führt es aber lediglich dazu, dass sich Schulen wichtigen Herausforderungen entziehen können, indem sie darauf verweisen, sie müssten die Schülerinnen und Schüler vor etwas schützen, während sie damit eigentlich nur die eigene Angst vor Veränderung meinen.

WLAN bedeutet letztlich nur, dass es einen breiteren Zugang zu Wissen gibt. Das ist für mich das relevante Argument. Wenn eine Schule einen solchen Zugang nicht anbieten will, muss sie dafür sehr gute Gründe haben. Das Geld kann man leicht von den Mediotheken nehmen, um das etwas polemisch zu formulieren. Der digitale Zugang ist für Lernende heute wichtiger als die physische Verfügbarkeit von ein paar hundert Büchern.

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Klassenchat – oder die schwierige Ökologie sozialer Netzwerke

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Schülerinnen und Schüler / Verhältnis Lehrperson - SchülerInnen

Klassenchats sind für Schülerinnen und Schüler zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Ab der vierten Klasse gibt es sie, ab der sechsten mit fast hundertprozentiger Teilnahme der Lernenden. Sie werden ohne Anleitung von Lehrpersonen eingerichtet und verwaltet. Und in der Schule auch kaum reflektiert – es sei denn, es komme zu Problemen, welche eine große Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Meistens Mobbing oder Bullying. Dann bemerken Eltern wie Lehrpersonen plötzlich, was sich während Monaten oder Jahren in diesen Chats abgespielt hat.

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Was spielt sich denn genau ab in diesen Chats?

  1. Schülerinnen und Schüler sprechen über die Schule: Über Hausaufgaben, Prüfungen, Lernunterlagen, Veranstaltungen. Sie bereiten sich auf Prüfungen vor, schreiben die Hausaufgaben ab oder geben sich Tipps.
  2. Schülerinnen und Schüler verarbeiten die Schulerfahrungen: Sie lästern, beklagen sich, kritisieren.
  3. Schülerinnen und Schüler diskutieren private Fragen: Wer will ein Konzertticket kaufen, wo kann man einen Ferienjob finden, wie überredet man die Eltern, dass man doch an die Party am Wochenende darf?
  4. Unterhaltung jeder Art – lustige Bilder, Videos und Texte werden verschickt und diskutiert.

KlassenchatDiese Auslegeordnung macht klar, dass das Gleichgewicht in diesen Chats fragil ist. Jede Schülerin und jeder Schüler hat unterschiedliche Bedürfnisse. Was die einen lustig finden, empfinden andere als eine Ablenkung, eine Störung oder eine Belästigung. Was einigen bei der Prüfungsvorbereitung wichtig scheint, finden andere nebensächlich oder eine Belastung. Wollen einige wichtige Informationen austauschen und beziehen, plaudern andere frei drauflos.

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Spricht man mit Klassen über ihre Chats, dann gibt es vermehrt Jugendliche, die ihren Ausstieg schildern. Sie sprechen über den Druck, den er erzeugt, den Schwachsinn, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen oder den sie wegfiltern müssen. Und dass gleichwohl das Gefühl bleibt, sie könnten etwas Entscheidendes verpassen.

Wer sich mit Klassenchats auseinandersetzt, wird bemerken, wie falsch viele Vorstellungen von »Digital Natives« sind. So selbstverständlich Neue Medien genutzt werden, so viele Schwierigkeiten bringen sie mit sich. Jugendliche haben ein differenziertes Bewusstsein von den Problemen, die Klassenchats schaffen können. Sie werden damit aber völlig allein gelassen, weil die Schule daran offiziell nicht beteiligt ist und die Eltern diese Chats als paraschulische Aktivität tolerieren müssen, weil sie eine Bedingung der Teilnahme an wichtigen Lernprozessen im Peer-Bereich geworden sind.

Wollen Lehrpersonen hier aktiv werden, bitte ich sie, mit jeder Klasse eine Lektion über ihren Chat zu sprechen. Am Schluss könnte eine Art Verpflichtung stehen, wie die Qualität des Austausches verbessert werden kann.

 

»traditionelle Konzentration« und »digitale Konzentration«

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In einem Beitrag für die Schweizer Nachrichtensendung »10vor10« habe ich kürzlich den Begriff »traditionelle Konzentration« verwendet. Ich möchte hier noch etwas genauer ausführen, was ich damit meine und gemeint habe.

Um etwas auszuholen möchte ich bei Michael Giesecke beginnen, der in seinem Standardwerk zu den Mythen der Buchkultur elf solche Mythen auflistet und diskutiert.

Giesecke: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft, S. 223.

Giesecke: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft, S. 223.

Der Begriff »Konzentration« könnte gut auch auf die Buchkultur zurückgeführt werden. Er wertet einen primären, vom Text ausgehenden Reiz auf und sekundäre Reize ab. Ein »tiefes« und lineares Lesen erhält den Vorzug vor einem »oberflächlichen« und vernetzten. Zunächst einmal scheint das einleuchtend: Wer einen Zusammenhang erfassen will, muss längere Texte ergründen können, surfen reicht dafür nicht aus.

Nur: Hier betrachten wir einen Wissenszugang, der geprägt ist von einem traditionellen Paradigma, von den Mythen der Buchkultur. Deshalb spreche ich von »traditioneller Konzentration«. Die Möglichkeiten einer »digitalen Konzentration«, in der Vernetzung und Multitasking eine wesentliche Rollen stehen, sind noch kaum ergründet. Die Debatte um die Möglichkeiten eines tiefen digitalen Lesens zeigt deutlich, welche Fragen sich hier stellen.

Hinweise lassen sich etwa aus dem Konzept der Ambient Awareness gewinnen, bei dem in unbewussten, repetitiven Abläufen Informationen gewonnen werden:

Was es bedeutet, in einem digitalen Umfeld den »gleichen Schritt« zu halten, kann das Konzept der Ambient Awareness aufzeigen. Untersuchungen von Mizuko Ito haben aufgezeigt, dass Jugendliche, die mit Social Media eng verbunden sind, oft fast beiläufig die so genannten Streams auf Twitter, Facebook, Instagram oder Tumblr durchscrollen. Sie nehmen viele Informationen unbewusst wahr, nicht als zielgerichtete Botschaften einer anderen Person. Dadurch erhalten diese Updates einen ähnlichen Stellenwert wie Gesten, Körperhaltung oder Mimik bei Begegnungen: Sie erleichtern es, auf die Stimmung einer anderen Person zu schließen. (Quelle: Generation Social Media, S. 97f.)

Weitet man die Idee aus, so müsste man den Wissenserwerb durch scheinbar zielloses Surfen beurteilen können. Das ist aber deshalb schwierig, weil die Verfahren, mit denen solche Prozesse eingeschätzt werden, ebenfalls einem traditionellen Muster untergeordnet werden: Fixiert man einen linearen Text als Gegenstand des Prozesses, so bietet der Text auch den Hintergrund, von dem der Leseprozess beurteilt werden kann. Zielloses Surfen kann nicht mit solchen Methoden erfasst werden. Es erfordert ebenfalls eine Form von Konzentration, zu der ich vorerst nur Ansätze skizzieren kann – Ergänzungen sind sehr willkommen:

  1. Im richtigen Moment auf einen Link klicken.
  2. Mehrere Medienformen in ihrem Verhältnis einschätzen.
  3. Den Gehalt eines digitalen Angebots aufgrund von Metainformationen beurteilen können.
  4. Sozial Lesen, also Auszüge, Links weiterverbreiten.
  5. Suchfunktionen und Filter einsetzen können, um eine selektive Lektüre zu ermöglichen.

Concentration

Die Systemfalle – oder warum Regeln Schwierigkeiten nicht aus der Welt schaffen

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Beginnen wir bei einem aktuellen Beispiel: Als Abschluss der Lektüre von Thomas Glavinics Carl Haffners Liebe zum Unentschieden ließ ich eine Klasse einen Aufsatz schreiben (Auftrag als pdf). Eine Schülerin und ein Schüler war krank. Eine Woche drauf vergass ich, sie den Text nachschreiben zu lassen, zwei Wochen später war der Schüler auf einer Studienreise, die Schülerin schrieb den Aufsatz. Da mir die Distanz zur Lektüre zu groß scheint, findet für den Schüler nun keine Nachprüfung statt.

Diese Vorgehensweise scheint mir situativ sinnvoll zu sein. Es wäre eine künstliche Situation, ihn einen anderen Text schreiben zu lassen, nur damit ich ihm eine Note geben kann. Gleichzeitig gibt es aber Mitschülerinnen und Mitschüler, die unzufrieden sind: Für Nachprüfungen müsse es doch Regeln geben, sonst sei das nicht fair.

Selbstverständlich ist mir bewusst, dass transparente Regeln für viele Menschen die Quelle von fairen Verfahren sind. Ein Rechtsstaat scheint ohne Gesetze kaum denkbar. Nur geht bei dieser Analogie schnell vergessen, dass diese Gesetze immer von Menschen ausgelegt werden – im Idealfall verhältnismäßig und situationsangepasst.

Das System der Schule – aber auch andere Gemeinschaften – tendieren dazu, situatives Handeln durch ein Regelgerüst zu ersetzen. Das ist aus meiner Sicht eine Falle, wie ich an einem anderen verbreiteten Problem aufzeigen möchte: Den Absenzen.

Auf Gymnasien sind Schülerinnen und Schüler oft in einem Alter, das Schwänzen als eine Alternative zum Schulbesuch attraktiv erscheinen lässt. Die nötige Cleverness vorausgesetzt, finden sie dazu meist Mittel und Wege. Ein massives Problem ist das an einigermaßen organisierten Schulen nicht: Nur ein Bruchteil der Schülerschaft (meine Schätzung: 5-15%) fallen der Versuchung des Absentismus anheim und schwänzen so intensiv, dass das für Lehrpersonen und Klassen zu einem Problem wird und ihren Lernerfolg gefährdet.

Nun gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Man ändert etwas am Absenzensystem oder vertraut auf eine situative Reaktion der Lehrpersonen. Was passiert im ersten Fall? Die notorischen Schwänzerinnen und Schwänzer passen sich ans neue System an, weil sie offenbar von Faktoren motiviert werden, welche das System nicht beeinflussen kann. Das System betrifft also nur die, welche kein Problem verursachen – weil sie sich nun an neue Regeln halten müssen.

Diese Tendenz zur Standardisierung habe ich aus anderen Gründen schon kritisiert. Sie ist eine permanente Versuchung: Missstände durch eine systematische Regeländerung aus der Welt zu schaffen. Nur entstehen diese Missstände, weil Menschen schon bereit sind, gegen Erwartungen und Regeln zu verstoßen. Warum sollte sie eine Änderung der Regeln veranlassen, ihr Verhalten zu ändern?

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In der Schule gibt es eine Reihe von Beispielen:

  1. Zuspätkommen.
  2. Tragen von Mützen im Unterricht.
  3. Kleidung/Stil der Lehrpersonen.
  4. Essen und Trinken im Schulzimmer.
  5. Problematische Bewertungsmethoden.
  6. Mangelnde Qualität des Unterrichts.
  7. Respektlose oder unmotivierte Klassen.
  8. Mobbing.
  9. Verhalten in sozialen Netzwerken.

In diesen Fällen hilft – so meine Meinung – nur ein situatives Handeln. Der Kontext ist relevant – das ist die Verbindung zu Social Media, weil er Bedeutungen von Handlungen erst festlegt. Wer ihn ausblendet, um ein Problem zu lösen, verhindert eine genaue Einschätzung des Problems.

Das Taschenrechnerdilemma

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Chancen

Mehr und mehr Gymnasien setzen auf eine Bring-Your-Own-Device-Strategie. In der Regel erwarten sie dabei, das Schülerinnen und Schüler mindestens ein Tablet mit Tastatur mitbringen. Neben allen Vorzügen, die BYOD ohnehin hat, hat diese Vorgehensweise zwei weitere Vorteile:

  1. Es ist denkbar, dass mittelfristig die Kosten für die schuleigene IT-Infrastruktur senken werden – obwohl zunächst meist Investitionen anfallen (WLAN, Lademöglichkeit am Unterrichtsplatz).
  2. Eine verbindliche Einsatzform der Geräte ist zunächst nicht möglich – niemand aus dem Lehrkörper wird verärgert, weil bestimmte Unterrichtsvorstellungen nicht mit der Gerätenutzung vereinbar sind.

Doch BYOD stellt die Schulen auch vor das Taschenrechnerdilemma. Es hat nicht primär mit Taschenrechnern zu tun, kann aber daran gut gezeigt werden.

Bildschirmfoto 2014-11-16 um 21.46.27Links sehen wir einen Grafiktaschenrechner aus der TI-Familie. Kostet zwischen 170 und 250 Franken und ist mit einer »Prüfungsmodus«-Funktion ausgestattet: Der Rechner wird auf Grundeinstellungen zurückgesetzt, so dass keinerlei Hilfsmittel oder Kommunikationsfunktionen verfügbar sind.

Rechts sehen wir ein iPad. Kostet zwischen 280 (Mini-Version) und 900 Franken, gehört aber häufig zur Ausstattung von Schülerinnen und Schülern, gerade im BYOD-Kontext. Die App, mit der die TI-Funktionalität auf dem iPad verfügbar wird, kostet knapp 30 Franken.

Das Dilemma besteht darin, dass sich Schulen und ihre Mathematiklehrpersonen damit schwer tun, die Nutzung der App zuzulassen. Grund dafür sind Prüfungssituationen: Mit Tablets könnten die Schülerinnen und Schüler nicht nur aufs Netz zugreifen, sondern auch miteinander und mit externen Fachpersonen kommunizieren. Eine traditionelle Prüfung, bei der eine Schülerin oder ein Schüler gleichzeitig mit anderen dieselben Aufgaben löst und dafür bewertet wird, ist unter diesen Bedingungen nicht mehr sinnvoll durchführbar.

Gleichzeitig ist aber Lehrpersonen bewusst, dass diese herkömmliche Form von Prüfungen eine sehr künstliche ist: Sie passt weder zum Lernprozess noch entspricht sie professionellen Arbeitsformen. Selbstverständlich nutzen Mathematikerinnen und Mathematiker das Internet und Kommunikationsmöglichkeiten, wenn sie Aufgaben lösen.

Das Taschenrechnerdilemma führt also zur Entscheidung, ob etablierte Unterrichtsformen beibehalten werden können oder sollen, wenn Technologie neue Möglichkeiten anbietet. Die Entscheidung wird dann schwierig, wenn die etablierten Verfahrensweisen ohnehin nicht über alle Zweifel erhaben sind und die neuen Möglichkeiten entsprechend auch zur einer Entwicklung führen, die erstrebenswert ist.

Das heißt für das Beispiel der Mathematik – ich habe das am Beispiel der Matur-/Abitur-Prüfungen auch schon für das Fach Deutsch diskutiert – ein Wegrücken von isolierten summativen Prüfungen hin zu vernetzten formativen Bewertungsformen.

* * *

Das klingt theoretisch sicherlich überzeugend – zumindest bilde ich mir das ein. Aber wie könnte das praktisch aussehen? Meiner Meinung nach liegt die Zukunft der gymnasialen bzw. der schulischen Bewertung bei der Selbstbeurteilung im Rahmen von größeren Unterrichtseinheiten. Nur so können Kinder und Jugendlichen lernen, dass sie selbst ihre Leistungen realistisch einschätzen müssen und sich nicht vom Urteil anderer abhängig machen können. Selbstverständlich sagt das nichts über die Wichtigkeit von regelmäßigen Übungsphasen, häufigen Tests und professionellem Feedback aus – all das sind wirkungsvolle Lernfaktoren. Aber über ihren Beitrag zu Beurteilung und Bewertung kann und soll durchaus diskutiert werden.

Meine Ideale in Bezug auf Notensetzung liegen in drei Richtungen:

1.) Portfolioarbeit

2.) Arbeit mit Kompetenzrastern

3.) dialogisches Lernen.

Konkret stelle ich mir die Leistungsbewertung im Fach Mathematik wie folgt vor: Die eine Hälfte einer Note stammt aus der Arbeit mit Portfolios oder dialogisch gepflegten Lernjournalen, die andere Hälfte aus Kompetenzrastern, für die eine breite Palette an Übungen und Tests zur Verfügung stehen. Bei beiden Notenteilen erfolgt die Bewertung aufgrund einer Selbstbeurteilung der Schülerinnen und Schüler. Klassische Tests wären weder nötig, noch könnte man unter eine lernzentrierten Kompetenzperspektiven genau angeben, wozu sie hilfreich sein könnten.

 

Die Wirksamkeit digitaler Medien in der Schule

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Wissenschaft

Gestern stellte ich »Mut zu neuen Medien« (pdf) an einer Fachtagung des Deutschen Philologenverbands in Kassel vor (Folien gibt’s hier). In der Diskussion stellte eine Lehrerin die Frage, mit welcher Systematik ich denn die Auswirkungen des Einsatzes von Neuen Medien auf den Unterricht erfassen würde.

Die Frage überforderte mich im ersten Moment – auf der Rückfahrt in der Bahn erkannte ich dann auch weshalb. Meine einzige Systematik besteht in der Reflexion von Projekten: Ändere ich etwas an meinen Unterrichtsmethoden, bitte ich die Schülerinnen und Schüler über ihre Lernprozesse nachzudenken, tue das selbst, oft auch im Gespräch im Lehrerkollegium und diskutiere dann mit den Klassen diese Auswertungen (zum Beispiel bei diesem Blogprojekt). Daraus resultieren laufend Anpassungen.

Bei der Frage nach einer Systematik dachte ich sofort an die Meta-Studie von Hattie, der systematisch Effekte berechnet hat, die einzelne Unterrichtsmassnahmen in Bezug auf den Lernerfolg nach sich ziehen.

Top 20 Hattie Effect Size List, Quelle

Top 20 Hattie Effect Size List, Quelle

Für »Computer Assisted Instruction« ergibt sich bei Hattie eine Effektstärke von 0.37. Daraus könnte man schließen, dass Lehrpersonen vieles an ihrem Unterricht verbessern können, um eine größere Wirkung zu erzielen – der Einsatz von Computern sollte dabei aber keine Priorität genießen.

Der Effekt des Computereinsatzes lässt sich verstärken, wenn folgende Bedingungen eingehalten werden:

  • Lehrpersonen werden auf den Medieneinsatz vorbereitet
  • das Lernangebot umfasst vielfältige Lernmöglichkeiten, z.B. in Bezug auf Zeiteinteilung
  • Schülerinnen und Schüler kontrollieren den eigenen Lernprozess (z.B. Auswahl von Aufgaben)
  • Peer Learning wird unterstützt
  • es sind Feedbackmöglichkeiten vorhanden.

Gleichwohl ist Hatties Fazit durchzogen: Auch ohne Computer könnten Lehrpersonen mit geeigneten Mittel gleich wirkungsvoll unterrichten (Visible Learning, S. 20).

Doch diese Sicht ist sehr eingeschränkt. Der Einsatz digitaler Werkzeuge erfolgt in einem komplexen Kontext. Er beeinflusst verschiedene Faktoren, die einen großen Einfluss auf den Unterrichtserfolg haben. Wer beispielsweise intensiv mit Social Media arbeitet, wird um formative Beurteilungsformen, Feedback und Selbstevaluation nicht herumkommen – alle drei Effekte befinden sich unter den Top10 von Hatties Effektliste.

 

* * *

In diesem Sinne hat der Medienpädagoge Bardo Herzig in einer Studie (pdf) die Frage untersucht, wie wirksam digitale Medien im Unterricht seien. Die Lektüre des kurzen Papiers ist lohnend, im Folgenden fasse ich die Kernaussagen zusammen.

Herzig betont die Komplexität der untersuchten Frage. Wirkung kann nur innerhalb einer ganzen Reihe von Einflussfaktoren bestimmt werden, wie auch seine Abbildung 1 zeigt:

Quelle: Herzig, S. 10

Quelle: Herzig, S. 10

Der Medieneinsatz ist, so das Schlüsselwort, mit Wechselwirkungen verbunden, weil es sich um »dynamische, hochkomplexe Prozesse« handle, die sich im Unterricht abspielen (S. 10f.). So können Effekte sich Effekte bei Individuen einstellen – d.h. bei Schülerinnen und Schülern – aber auch bei Gruppen, also Klassen.

Auf einer individuellen Ebene lassen sich Lerneffekte hauptsächlich dann feststellen, wenn Informationen multimedial präsentiert werden (S. 12f.). Der Medieneinsatz wirkt sich meist aber auch auf die Motivation, Kooperation, Medienkompetenz und die Selbststeuerung auf, beeinflusst also überfachliche Kompetenzen stark.

Abhängig sind diese Effekte aber von der Art des Einsatzes digitaler Werkzeuge im Unterricht. Es sind zwei Pole auszumachen: (1) Die Integration von digitalen Medien in traditionelle Unterrichtsformen, so dass sie letztlich Wandtafel und Overhead-Projektor ersetzen, aber nicht mehr bewirken. (2) Die Ausrichtung auf einen problemlösenden, selbstgesteuerten Unterricht am Computer.

Betrachtet man die Ergebnisse der Bitkom-Studie, so zeigt sich zumindest für Deutschland eine klare Tendenz um ersten Pol:

Herzig unterscheidet fünf Typen von Lehrpersonen, was den Einsatz digitaler Hilfsmittel im Unterricht betrifft:

Quelle: Herzig, S. 16.

Quelle: Herzig, S. 16.

Abschließend hält Herzig fest, welche Schülerinnen und Schüler am stärksten profitieren: Solche mit gutem Vorwissen, positiven Einstellungen gegenüber Lernformen mit Neuen Medien, Fähigkeiten zur Selbststeuerung sowie vorhandener Motivation und Interesse. Gleichzeitig gibt es aber auch digitale Lernformen, von denen lernschwache Schülerinnen und Schüler profitieren können – beispielsweise stark gesteuerten Übungsformen am Computer.

Spricht man über die Wirkungen von Veränderungen im Unterricht, so dürfe das – so Herzigs Fazit – nicht »mit Blick auf das technische Medium, sondern nur in systemischen Zusammenhängen« geschehen (S. 22). Dieser Einsicht schließe ich mich an: Möglicherweise liegen die bemerkenswertesten Auswirkungen des Medieneinsatzes darin, dass Einsichten über guten Unterricht sich durchsetzen können, die lange Zeit pädagogisch vorhanden waren, aber praktisch kaum Anwendung gefunden haben.