Begegnung mit einem Troll

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Bezüglich Podcasts bin ich ein Nachzügler. Erst Serial hat mich wirklich dazu gebracht, unterwegs statt Musik Radiofeatures zu hören. Im Moment suche ich mir Folgen von This American Life raus. Sie sind gratis verfügbar, im Netz oder auf einem Podcast Player, es gibt auch eine (eher dürftige) App. 

Die aktuelle Folge ist eine der besten. Sie beginnt mit dieser optischen Illusion:

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Die Quadrate A und B sind von identischer Farbe, wie man leicht herausfinden kann (alles andere abdecken oder Grafik in einem Grafikeditor öffnen und Farbwerte kontrollieren). Darauf, so Ira Glass, könnten sich alle Menschen einigen, die sich damit auseinandersetzen. Nur auf dem Internet ergäbe sich daraus eine hässliche Diskussion. Fazit eines Diskussionsteilnehmers:

If after reading this thread you refused to actually test it and choose to stick with your dogmatic belief, then you are everything that is wrong with America.

Die Tatsache, dass es im Netz Diskussionen zu jedem Thema gibt, die Menschen verletzen, muss uns zu denken geben. Im nächsten Beitrag der Sendung kommt Lindy West zu Wort. West ist eine Autorin, die sich mit Feminismus und Körperbildern auseinandersetzt. »WHY FAT LADY SO MEAN TO BABY-MEN??????????« ist das Motto ihrer Webseite.

Lindy West

Lindy West

West ist online täglich massivem Hass ausgesetzt: »I get abuse all day every day. It’s part of my job« (alle Zitate aus dem Transcript der Sendung). Im Beitrag erzählt sie von dem Übergriff, der sie am meisten verletzt hat: Kurz nach dem Tod ihres Vaters hat ein Troll ein Twitter- und Gmail-Konto im Namen des Vaters aufgemacht. Er hat ein Bild verwendet, das den Vater im alten Haus zeigt, und Informationen gesammelt, die Wests Privatleben betreffen. Immer wieder äußert er sich dahingehend, der Vater liebe West nicht.

West beschloss, den Troll zu füttern, weil er eine Grenze überschritten hatte:

Faced with Paul West Donezo, I was stuck with the question, what should I do? If I respond, I’m a sucker. But if I don’t respond, I’m a punching bag. So I did what you’re not supposed to do. I fed the troll.

Also antwortete sie ihm auf eine seiner Mails. Und erhielt – zu ihrem Erstaunen – eine Entschuldigung:

I can’t say sorry enough. It was the lowest thing I had ever done. When you included it in your latest Jezebel article, it finally hit me. There is a living, breathing human being who’s reading this shit. I’m attacking someone who never harmed me in any way and for no reason whatsoever.

Darauf beschloss sie, mit dem Troll zu telefonieren, um seine Motive besser verstehen zu können. Man muss sich dieses Gespräch unbedingt anhören, es ist schriftlich nicht einzufangen. Hier aber der zentrale Moment im Gespräch, wo der ehemalige Troll zugibt, ein generelles Problem mit Frauen zu haben. Besonders mit solchen wie West, die zu ihrem Körper stehen können, während er selbst mit seinem Übergewicht kämpft und sich dafür schämt:

Women are being more forthright in their writing. There isn’t a sense of timidity to when they speak or when they write. They’re saying it loud. And I think that– and I think, for me, as well, it’s threatening at first. […] Here’s the thing. I work with women all day, and I don’t have an issue with anyone. I could’ve told you back then if someone had said to me, oh, you’re a misogynist. You hate women. And I could say, nuh-uh, I love my mom. I love my sisters. I’ve loved my– the girlfriends that I’ve had in my life. But you can’t claim to be OK with women and then go online and insult them– seek them out to harm them emotionally.

Das Beispiel zeigt deutlich, wie der Online-Hass gespiesen wird: Als Ventil für Probleme im Leben der Personen, die sich online austoben. Sie nehmen andere nicht als Menschen wahr – erst ein Artikel brachte den Troll dazu, West als Person anzuerkennen.

Wests Troll hat sich – so sagt er – gebessert. Er hat sein Leben verändert und das Trollen aufgegeben. Die Reihenfolge ist entscheidend.

(Auch der Rest der Sendung ist sehr hörenswert für alle, die sich mit den dunklen Seiten des Internets auseinandersetzen.) 

Ist eine Kündigung per WhatsApp unanständig?

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Update 29. Januar: In der Diskussion dieses Artikels wurde mir klar, dass er missverständlich sein kann. Ich finde es respektlos, einem Mitarbeiter keine Möglichkeit zu einem Gespräch zu geben, wenn er eines möchte. Aber die Wahl des Kanals ist nicht per se unanständig. Die Beurteilung hängt stark davon ab, was Chef und MA vorher und nachher auch über WA kommuniziert haben.
Juristisch ist die WhatsApp-Kündigung in der Schweiz gültig. Andreas Kyriacou hat mich darauf hingewiesen, dass das bei einem Telefongespräch oft nicht der Fall ist. Die Alternative zu WhatsApp wäre also ein eingeschriebener Brief. Wäre das freundlicher? 

Auf dem Titel von 20Minuten ist heute zu lesen, dass sich ein gekündigter Mitarbeiter daran stört, dass ihm die Kündigung per WhatsApp mitgeteilt worden sei.

Mich stört, dass mein Chef mich nicht angerufen oder einen Termin vereinbart hat.

Den Vorwurf, dass dieser Kommunikationsweg unanständig sei, kann ich nur halb nachvollziehen. Die Tradition, auf der Konventionen häufig beruhen, ist klar: Kündigungen erfolgen in der Regel in einem persönlichen Gespräch. Letztlich scheinen mir aber die relevanten Aspekte – Respekt, Würdigung der Gefühle, Mitgefühl etc. – unabhängig von der Wahl des Kommunikationskanals zu liegen. Eine anständige oder unanständige Kündigung kann per WhatsApp, Telefon oder im persönlichen Gespräch erfolgen. Allerdings verschieben sich Kommunikationsgewohnheiten. Viele Menschen kommunizieren auch intimste Inhalte via WhatsApp. Der Messenger hat für sie Telefongespräche ersetzt – man spricht bei den 15-jährigen von einer Text-Generation, die nicht mehr telefoniere. Das hat verständliche Gründe. Jedes Medium hat bestimmte Affordances, also Aspekte, die leichter oder schwerer fallen, wenn man einen Kanal wählt. So zwingen Telefon und persönliches Gespräch das Gegenüber zu einer Reaktion – der Gekündigte muss seinen Ärger, seine Verzweiflung, seine Erleichterung etc. direkt zeigen. Das ist bei WhatsApp nicht der Fall. Zudem ist WhatsApp ein dialogische Medium – Reaktionen sind durchaus möglich. Ich will in diesem kurzen Kommentar nicht auf alle Unterschiede eingehen. Mein Fazit: Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Wenn ich – und viele Jugendliche, die ich kenne – wählen könnte, würden wir WhatsApp einem Telefongespräch vorziehen. Ich telefoniere außerhalb des engsten Freundeskreises praktisch nur noch auf schriftliche Verabredung. In diesem Fall sind die Bedürfnisse des Chefs und die des Mitarbeiters unterschiedlich ausgefallen. Hier mit der Anstandsnorm einem Weg den Vorzug zu geben, scheint mir problematisch und zu wenig reflektiert.

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Cyberethik

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Kürzlich habe ich ein Medienethik-Modul unterrichtet und dabei – unter Zeitdruck – nicht mehr besprechen können, was zum Thema Cyberethik zu sagen gewesen wäre. Das hole ich hier nach und gebe einen Einblick in meine Überlegungen. 

Die digitale Perspektive auf die Medienethik hebt die traditionelle Trennung zwischen einer Verantwortung der Produzierenden – bei Massenmedien oft Redaktionsmitglieder – und einer der Rezipierenden zumindest teilweise auf. Entscheidend ist die Einsicht, dass jeder Klick, jeder Tastendruck, jeder Besuch auf einer Webseite auch Informationen produziert. Nur weil Menschen den Eindruck haben, diese Informationen seien weniger gewichtig als etwas Bilder, Videos oder Texte, ändert das nichts daran, dass sie in als Daten verarbeitbar werden. Cyberethik

Cyberethik bedeutet also in einem einfachen Sinne die Reflexion über die Verantwortung im Umgang mit Informationen – unabhängig davon, ob sie für Menschen wahrnehmbar oder sinnhaft sind. Ob Boulevard-Kampagnen weitergezogen werden, entscheiden heute oft Klick-Monitore in Newsrooms, auf denen der Klick der kritischen Leserin, die sich nur mal wieder über eine Boulevard-Story empören wollte, genau gleich erscheinen wie die aller anderer. Daten fallen aber auch an ganz anderen Orten an: Jede Nachricht, die wir schicken, jeden Kontakt, den wir im Smartphone-Adressbuch anlegen, ja jedes gedrückte Like verbindet die Daten von zwei Profilen oder auch zwei Menschen.

Wer WhatsApp nutzt, teilt so Facebook oft mit, unter welcher Telefonnummer seine Kontakte zu erreichen sind. Die Entscheidung dieser Kontakte, ob sie ihre Telefonnummer an Facebook übermitteln wollen, wir so hinfällig. Datenschutz – so die Perspektive der Cyberethik – ist stärker eine Frage der Solidarität als gemeinhin angenommen.

Geht man, wie Luciano Floridi, noch einen Schritt weiter, so muss auch der Begriff der Verantwortung revidiert werden. Er ist gebunden an eine Vorstellung eines menschlichen Subjekts. Da aber zunehmend Maschinen Informationen produzieren – Programme verarbeiten Daten und produzieren neue -, müssen auch sie zur Rechenschaft gezogen werden können. Klassische Fälle sind die Algorithmen, welche den Börsenhandel heute massgeblich beeinflussen; automatisch generierte Anzeigen bei Flug- oder Zugreisen sowie selbstgesteuerte Fahrzeuge wir Rasenmäher, Staubsauger und bald auch Autos. Die Informationen, welche sie produzieren, führen zu Handlungen, die wiederum Nutzen haben können oder Schaden verursachen – also zum Gegenstand der ethischen Reflexion werden.

Floridi definiert nun eine moralische Handlung als eine, welche die Entropie der Informationssphäre reduziert oder zumindest nicht erhöht (ganz analog zu einer Umweltethik). Gibt also die Anzeige am Flughafen eine falsche Information über die Flugbewegungen aus, so ist das eine moralisch verwerfliche Handlung, für welche die dahinter stehenden Programme zur Rechenschaft gezogen werden müssten.

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Kanton Zürich: Gymiprüfungen und Probezeit ersetzen

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Immer wieder tauchen in Diskussionen Fragen rund um die Zürcher Lösung für den Übergang ins Gymnasium auf. Heute funktioniert der Übertritt ins Langzeitgymnasium wie folgt:

  1. Eine Prüfung in den Fächern Deutsch und Mathematik entscheidet über die provisorische Aufnahme. Im ganzen Kanton bestehen 16% aller Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs die Prüfung, die Bezirke variieren zwischen 8% und 20%.
  2. Eine mehrstufige Probezeit im ersten Semester, die wiederum mit einer starken Selektion verbunden ist. (Genaue Prozentzahlen sind meines Wissens nicht verfügbar, dürften aber zwischen 10% und 25% liegen.)

Dieses System ist – so meine Meinung – »broken beyond repair«. Die Gründe:

  • high stakes testing, also Prüfungen, deren Ergebnis mit direkten Konsequenzen für die Lernenden verbunden ist, funktioniert als Verfahren nicht. Es führt zu Teaching to the Test, Stress und Fehlanreizen. Gleichzeitig kann das Verfahren nicht die nötigen Kompetenzen messen.
  • Die Selektion beansprucht die Schülerinnen und Schüler von der fünften bis in die siebte Klasse – also rund zwei Jahre lang. Viele scheitern, alle am Prozess beteiligten richten ihr Lernen nicht auf ihre Interesse, ihre Fähigkeiten oder auf ihre Umwelt aus, sondern auf das Selektionsziel.
  • Die Probezeit verhindert einen motivierten, entspannten Einsteig am Langzeitgymnasium.
  • Schulen müssen enorme Ressourcen in die Selektionsverfahren stecken, die bei der Begleitung von nachhaltigen Lernprozessen fehlen.

Eine Weile lang wurde zusätzlich ein Intelligenztest an der Prüfung durchgeführt. Er zeigte nicht, was die Verantwortlichen erhofft haben (wohl, dass die Prüfung zu einer Benachteiligung »bildungsferner Schichten« führe.) In einem Kommentar sagte der Versuchsleiter, Urs Moser, »es sei sinnvoller, das Potenzial der Kinder früher zu erfassen.«

Diese Meinung schließe ich mich an. Ein faires und vernünftiges Verfahren muss folgende Kriterien erfüllen:

  1. Reduktion der Selektion auf einen zentralen Mechanismus.
  2. Berücksichtigung des Potentials, der Motivation, der Leistungen und der Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler.
  3. Gleiche Chancen für unterschiedliche Lern- und Bildungstypen; große Unabhängigkeit vom Wohnort, dem Elternhaus, den Lehrpersonen an der Primarschule etc.

Sinnvoll erscheint mir deshalb ein Assessment in der sechsten Klasse, das auf einem Lernportfolio aufbaut. In Spezialwochen werden die Interessierten zu allgemeinen Tests und einem Gespräch über das Lernportfolio eingeladen, auf deren Basis die Primarlehrperson zusammen mit einer Expertin oder einem Experten eine Empfehlung ausspricht, die direkt zur definitiven Aufnahme am Gymnasium führt.

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Selbstverständlich ist das eine Bildungsutopie. Systeme sind träge und wer die Selektion durchlaufen hat, wird sie bewusst oder unbewusst für ein tauglicheres Mittel halten, als sie ist. Letztlich ist der Preis aber schlicht zu hoch: Der psychologische, der emotionale und der gesellschaftliche. Ein gesundes Bildungssystem braucht Scheitern nicht als zentralen Mechanismus.

Rezension: Arne Ulbricht – Schule ohne Lehrer

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Arne Ulbricht kommt in seinem neuen Buch in mehreren Rollen vor. In einem seiner fiktionalen Einschüben – »fiktiv, aber nicht ausgedacht« (114) – sagt eine junge Frau, »dass ihr Vater manchmal nerve, weil der immer von früher erzähle und weil er wenig Verständnis für sie habe.« Von früher erzählt auch Arne Ulbricht viel, von der Zeit, als er Schüler war, als er Referendar war, als er sich im Leben noch ohne Handy orientierte und sich in Büchern Wissen über Gandhi aneignete, über das er noch heute verfügt. Er spricht als Lehrer, als Vater, als Medienfigur, als engagierter Zeitgenosse; aber auch als Politiker, Empörter, Verunsicherter zu seinem Publikum. Sein Buch ist ein persönliches, ein überzeugtes: Ausdruck einer tiefen Skepsis gegenüber einer Entwicklung, die Lehrpersonen wie Ulbricht ohnmächtig zurücklässt. Diese Entwicklung ist die Digitalisierung und ihre Auswirkungen.

978-3-525-70174-4

Für Ulbricht ist sie im doppelten Sinne eine existenzielle Bedrohung: Er befürchtet, es brauche ihn als Lehrer nicht mehr – obwohl er überzeugt ist, eine ganz wichtige Funktion für seine Schülerinnen und Schüler zu haben – und er werde mitgerissen in einem Strom der oberflächlichen Gamification, die den Menschen als Bezugsperson entbehrlich machen und den tiefgründigen, nachhaltigen Umgang mit Wissen verunmöglichen.

Die Ehrlichkeit, das Engagement und die Verletzlichkeit, mit der Ulbricht diese Ängste äußert, beeindrucken den Leser. Wir sehen Ulbricht zu, wie er mit seiner Klasse das Whiteboard kalibriert, beim Kaffee mit anderen Lehrkräften darüber diskutiert, ob Power Point unerlässliche Bedingung für ein Referat sei und sich sogar in einer Französischlektion vor den Ferien dazu hinreißen lässt, einer Klasse ein WM-Spiel von 1982 mit französischem Kommentar zu zeigen:

Auch die Lust auf YouTube-Videos sollte man kontrollieren. Sonst wird daraus eine Sucht. Die Rolle eines Lehrers ist es nicht zu zeigen, sondern die Rolle eines Lehrers ist es zu zeigen, dass man auf Youtube sehr konkret sinnvolles Material für den eigenen Unterricht findet.
Ich selbst habe in dieser Stunde komplett versagt. Ich war kein Vorbild mehr, sondern ich habe gezeigt, wie gierig und nervös auch Erwachsene sind, sobald sie in der virtuellen Welt versinken. (95f.)

»Ach, Herr Ulbricht…«, möchte ich entgegnen, und »liebevoll und sehr nachsichtig« lächeln – wie das offenbar seine Schülerinnen und Schüler tun (119).

© Daniel Schmitt / spitzlicht.de

Arne Ulbricht © Daniel Schmitt / spitzlicht.de

Ulbricht steht für eine Generation von Lehrpersonen, die klare Vorstellungen von gehaltvollem Schulunterricht haben. Eine ideale Unterrichtssequenz beschreibt er wie folgt:

Neulich erzählte ich vom 13. August 1932, als Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zu seinem Entsetzen nicht zum Reichskanzler ernannt worden ist. Ich las, während ich erzählte, Ausschnitte aus Goebbels Tagebüchern vor. Wenn es um den ersten Weltkrieg geht, lese ich grundsätzlich Passagen aus Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque, manchmal auch Gedichte von Erich Kästner oder sogar Auszüge aus In Stahlgewittern von Ernst Jünger vor. Ich glaube schon, dass Schüler dann zumindest eine rudimentäre Vorstellung davon bekommen, was Krieg für den Einzelnen bedeutet. In diesem Fall dient der Lehrervortrag dazu, der gesamten Klasse einen Eindruck von einem bestimmten Sachverhalt zu vermitteln. (34)

Das Beispiel zeigt, was dem Autor wichtig ist: Sein Interesse und seine menschliche Perspektive auf Sachverhalte Schülerinnen und Schülern im direkten Kontakt vermitteln zu können und sie dadurch anzuregen, sich selbst Wissen anzueignen. Wissen, das erklärt, bedeutet, bleibt.

Es ist diese Vorstellung, welche durch zwei miteinander verbundene Entwicklungen bedroht scheint: Durch die Methodendiskussion, welche schülerzentrierte Verfahren favorisiert, sowie durch den Trend, Schulzimmer und Lernaktivitäten durchgehend zu digitalisieren.

Das Buch ist eine engagierte Abwehr dagegen. Die Argumente, die Ulbricht vorbringt, sind von unterschiedlicher Qualität. Anzulasten ist ihnen besonders, dass Ulbricht auf jede Art von wissenschaftlicher Rechtfertigung verzichtet, sondern biografische und professionelle Eindrücke als eine Art von Evidenz bezeichnet, die weiter nicht rechtfertigt werden muss. Handschrift ist besser als tippen, Bücher vermitteln Wissen besser als digitale Inhalte, Internet macht süchtig, Jugendliche verdummen.

Zu leugnen, dass der permanente Internetkonsum der Konzentration der Schüler schadet, ist entweder eine bewusste Täuschung oder schlicht naiv. Weil ich zu denjenigen gehöre, die der Meinung sind, dass das Leben in virtuellen Welten auf Dauer gar nicht gut sein kann, halte ich die Digitalisierung an Schulen in dem Maße, wie sie schon jetzt vollzogen wird, längst nicht mehr nur für ein bildungspolitisches Problem, sondern für Körperverletzung. (115)

Ulbricht ist so überzeugt, dass er Widersprüche in seiner Argumentation problemlos übergeht: Er bemängelt, dass digitale Tools zu wenig Kontrolle über die Lerneraktivitäten ermöglichen, weil ja gerade vermittelt werden müsse, wie problematisch permanente Kontrolle sei, etwas, was »früher« gar nicht möglich gewesen wäre. Er bezieht sein Wissen über Lernmethoden wie LdL oder Selbstorientiertes Lernen nur aus Online-Quellen, argumentiert aber gleichzeitig dafür, dass gehaltvolles Wissen primär Büchern zu entnehmen sei. Er plädiert dafür, genau hinzusehen, wie Jugendliche mit Technologie umgehen, konstruiert aber die Anschauungsbeispiele selbst in Geschichten, die so zugespitzt sind, dass sie lediglich als Beleg für das Menschenbild des Autors, nicht aber für seine Argumente ausreichen.

Problematisch erscheint auch die fehlende Konkretisierung dessen, was mit Bildung, Erziehung, Wissen, Schule etc. beabsichtigt werden soll. So entgeht Ulbricht, dass die Vorzeigeschulen, die nach den Vorgaben von Hattie arbeiten, den Schülerinnen und Schülern eine enorme Verantwortung für ihr eigenes Lernen mitgeben – und zwar vom Kindergarten an. Diese Kinder und Jugendlichen verstehen, wie sie lernen und was ihnen dabei hilft – und können dann auf digitale Hilfsmittel zurückgreifen.

Aber letztlich will der Autor mit seinem Buch auch nicht über Ideale oder Visionen sprechen, sondern seinem Unbehagen Ausdruck geben: Dass die aktuellen Bestrebungen im Bereich der Digitalisierung von Schulen Lehrkräfte wie Schülerinnen und Schüler massiv überfordern. Und der Preis für diese Überforderung ein menschlicher sei, weil Technologie eine Entfremdung zur Folge habe, die Empathie und Kontaktaufnahme bei Krisen verunmögliche.

Ich teile aus meiner Sicht Ulbrichts Bedenken nicht – aber wohl auch deshalb, weil für mich einige seiner Forderungen selbstverständlich sind: Digitale Hilfsmittel sind eine Ergänzung, nicht ein Ersatz für bewährte pädagogische Strategien. Schülerzentrierte Methoden bedürfen der Evaluation und sind keine Selbstläufer, sie machen auch die Lehrperson nicht obsolet, sondern verändern ihre Rolle. So verwenden meine Schülerinnen und Schüler Smartphones, iPads, Laptops – und doch spreche ich regelmäßig mit ihnen, helfe ihnen, bin ein menschliches Gegenüber.

Ulbrichts Buch erscheint am 21. Januar bei Vandenhoeck & Ruprecht. [Disclaimer: Meine beiden Bücher sind auch dort erschienen und ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar erhalten, aber keine Entschädigung.]

Hass: @nainablabla und der Kool-Aid-Point

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Eine deutsche Gymnasiastin hat mit einem Tweet eine Bildungsdiskussion ausgelöst. media.media.d049e9f2-5840-4e24-a3b9-dc8d2d154c10.normalizedDer Tweet ist weder ganz frisch noch ist es die Diskussion. Der schlaue Satz von Seneca, »wir« würden nicht fürs Leben, sondern für die Schule lernen (non vitae, sed scholae discimus), hat viele Menschen so stark verunsichert, dass er sogar verkehrt rum an Schulen gemalt wurde. Dabei wäre die Einsicht trivial: Die Schule ist ein System, das allenfalls Werkzeuge ausbilden kann. Den Transfer in den Alltag müssen Menschen selbst bewältigen. Das können sie auch – sofern der Staat Steuererklärungen nicht so kompliziert macht, dass nur Fachleute sie auszufüllen in der Lage sind.

Primarschule in Niederems, Wikimedia Commons

Primarschule in Niederems, Wikimedia Commons

Darum soll es hier auch nicht gehen – sondern um den Kool-Aid-Point. »to drink the Kool-Aid« sagt man auf Englisch, wenn jemand an etwas glaubt, ohne es kritisch zu hinterfragen. Der Kool-Aid-Punkt ist dann überschritten, wenn eine Person oder eine Marke große Resonanz gefunden haben. Dabei sind Frauen besonders gefährdet: Erhalten sie für etwas viel Aufmerksamkeit, setzt eine Welle der »Anti-Viralität« ein. Angestachelt von besonders leicht Gekränkten oder Neidern arbeiten sie sich an der Person ab, welche die Kool-Aid, eine Limonade, ausgeschenkt hat.

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In diesem Fall hat Naina den Kool-Aid-Point schnell erreicht. Es dauerte nicht eine Woche, bis ihr die Lust am Twittern vergangen ist. So klar das zeigt, dass die Kool-Aid-Theorie die Realität gut beschreiben kann, so bedenklich ist das Fazit: Viel Aufmerksamkeit gibt es im Netz für Frauen heute nur gepaart mit Hass.

Weiß man das, kann man zwei Dinge tun:

  1. Sich und andere darauf vorbereiten.
  2. Nicht mitmachen bei antiviralen Kampagnen.

(Und bevor jemand sagt, ich würde Kritik verbieten wollen: Naina hat sich selbst kritisch mit ihrer Äußerung auseinandergesetzt. Wie jeder vernünftige Mensch ist sie sicher bereit – kennen tue ich sie nicht – in einer anständigen Diskussion andere Argumente anzuhören. »Argumente« und »anständige Diskussion« würde ich unterstreichen, wenn ich mir das typographisch erlauben würde.)

Was darf Satire, was darf Spott? Und was nicht?

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Die Diskussion über die im Titel gestellten Fragen wird rege geführt. Hier meine Haltung – vorweg aber einige Annahmen, die den Text begleiten: 

  1. Die terroristischen Anschläge und Attacken in Paris haben mit diesen Fragen nichts zu tun. Die Terroristen verfolgen terroristische Ziele: Angst verbreiten, Unsicherheit stiften, Menschen radikalisieren, Aufmerksamkeit erregen. Hätte »Charlie Hebdo« auf Mohammed-Karikaturen verzichtet, hätten sie ein anderes Ziel gefunden.
  2. Juristisch stehe ich für vollumfängliche Meinungsfreiheit ein. Aus einem einfachen Grund: Es ist aus meiner Sicht ein Missbrauch des Gewaltmonopols, wenn ein Staat festlegt, welche Aussagen wahr oder zulässig sein sollen und welche nicht. Es geht also hier nicht um juristische Fragen, sondern um ethische und allenfalls rechtsphilosophische. 

* * * 

Verschiedene Verstehensweisen in einer Diskussion über Medienethik

Verschiedene Verstehensweisen in einer Diskussion über Medienethik

Das Problem an Satire oder Spott ist ein einfaches: Sie verletzen Menschen emotional. Ich halte es für vernünftig, Menschen nicht zu verletzen – weder emotional noch physisch. Dort liegt eine Grenze, die ich ungern überschreite.

Gegen diese Sicht gibt es zwei Einwände, die ich besprechen möchte. Erster Einwand: Satire als Kritik. In seinem berühmten Aufsatz »Was darf Satire?« definiert Tucholsky Satire als übertriebene Wahrheit, die deshalb zuweilen auch ungerecht sei. Aber:

Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren, wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren […]

»Einen ordentlichen Puff« müssen gewisse Menschen sicher ertragen können – zum Beispiel solche mit Privilegien. Weil eine satirische Übertreibung oft der richtige Weg ist, Kritik zu üben, muss auf die Betroffenheit Kritisierter keine Rücksicht genommen werden.
Aber auch da gibt es wiederum Grenzen, die das Erträgliche vom Unerträgliche trennen.

Damit sind wir beim zweiten Einwand: Wenn nur Betroffene entscheiden können, was sie verletzt, führt das zu einer Reihe von Schwierigkeiten.

  1. Handlungen können nur subjektiv, nicht objektiv beurteilt werden.
  2. Es ist möglich, eine Verletztheit vorzutäuschen, die gar nicht in diesem Ausmaß besteht.
  3. Menschen können in bester Absicht handeln und doch andere verletzen.

Wir kennen diese Schwierigkeiten von einem anderen Problem: der sexualisierte Gewalt. Definiert man sie als »sexuelle Handlung, die gegen der Willen einer Person erfolgt«, dann ist es durchaus möglich, dass dieser Wille 1. nicht objektiv erkennbar ist, 2. nachträglich geändert wird, 3. von der handelnden Person als Einverständnis gedeutet wird.

Denken wir konsequent darüber nach, dann ergeben sich die Schwierigkeiten aus der Natur der menschlichen Gefühle. Sie entsprechen nicht einem juristischen Kriterienkatalog, der bestimmte Handlungen erlaubt, andere verbietet. Entscheidend ist: Die Bedeutung einer Handlung ergibt sich durch ihren Kontext.

Dazu möchte ich zwei Beispiele einfügen:

(1) In den Skiferien habe ich mit Freunden vor Jahren ein Spiel gespielt, bei dem es darum ging, etwas Fiktives zu beschreiben. Andere mussten dann Begriffe oder Figuren erraten. Der Abend zuvor war sehr lustig und in einer Männergruppe wurden Geheimnisse verraten, die durchaus intimer Natur waren. Ein Spieler verwendete nun im Spiel Details aus den Geheimnissen, welche die Freundin eines anderen Spielers nicht kannte. Die Situation wurde für den Betroffenen unerträglich, die Eskalation führte zu einer tiefen Krise in einer engen Freundschaft. Die Handlung an sich – ein Spiel spielen – war völlig harmlos, die Verletzung hingegen tief und bedeutend. Allen Anwesenden war klar, dass hier jemand zu weit gegangen war.

(2) An Fussballspielen skandieren gewisse FCZ-Fans sinngemäß: »Deine Mutter schafft bei uns an der Langstrasse an.« Das mag nun eine Äußerung sein, wie man sie an einem Fussballspiel erwarten muss (warum eigentlich?), aber sie kann bei bestimmten Menschen – deren Mutter z.B. tatsächlich einmal Prostituierte war etc. – durchaus Verletzungen bewirken, die weder beabsichtigt sind noch objektive Gestalt haben.

Zurück zum Spott und zur Satire. Entscheidend ist: Kann eine Person sie verantworten? Und hier ist meine Meinung: Nur dann, wenn sie keine Verletzungen verursacht oder diese Verletzungen rechtfertigen kann. Und das lässt sich immer nur in der Situation beurteilen. Ja, es kann sein, dass beste Absichten zu unerwünschten Ergebnissen führen. Ja, es kann sein, dass einige Menschen schneller verletzt sind als andere. Aber sind das Gründe, die Gefühle Verletzter zu ignorieren? Warum sollen nicht die Betroffenen den moralischen Maßstab für eine Handlung bereitstellen?

Um es klar zu machen: Daraus können sich nur unter sehr schwierigen Bedingungen rechtliche Normen ableiten lassen. Aber das heißt nicht, dass moralische Überlegungen diese Zusammenhänge ignorieren könnten. Zu sagen, man habe halt nicht gewusst, dass diese Äußerung verletze, es sei objektiv nicht erkennbar und zudem könnte die Verletzung ja nur erfunden sein, scheint mir im zwischenmenschlichen Bereich – z.B. zwischen Freunden – völlig absurd. Warum also sollte diese Denkweise in einem größeren Kontext Bestand haben?

Social Media und die Wahrheit

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Der amerikanische Comedian Stephen Colbert prägte 2005 das Wort »truthiness«: Truthiness ist die gefühlte Wahrheit des Herzens und des Bauchgefühls, nicht die der Bücher und des Hirns (vgl. Wikipedia). Was Colbert überspitzt darstellt, ist die Funktionsweise des Confirmation Bias. Damit wird eine Verzerrung des menschlichen Denkens bezeichnet, die dazu führt, dass das Urteilsvermögen durch bereits akzeptierte Haltungen getrübt wird: Wer davon überzeugt ist, dass Frauen kommunikativer seien als Männer, wird Untersuchungen, die das belegen, mehr Glauben schenken als solchen, die es widerlegen. Und Beispiele aufnehmen, die dafür sprechen, Gegenbeispiele aber ignorieren.

Vieles fühlt sich als Wahrheit an (oder eben als Ausnahme, Manipulation etc.) – ohne dass rationale Gründe dafür sprechen. Truthiness ist die Basis jeder Verschwörungstheorie, die Wahrheiten ablehnt, welche dem Bauchgefühl widersprechen.

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Der Psychologe Howard Gardner hat in einer Vorlesung in Harvard auf dieses Konzept Bezug genommen. Die Colbert-Show und andere Satire-Gefässe, deren Geschichten von vielen Leuten geglaubt werden, obwohl sie vollständig erfunden sind, zeigt für Gardner, dass Nachrichtenjournalismus generell ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Es gibt keine fixierten Wahrheiten, welche einer Allgemeinheit klar machen, wo die Grenzen zwischen Satire und Berichterstattung, zwischen Fiktion und Realität liegen.

Dazu, so Gardner, trage auch Technologie bei:

Technology further challenges and complicates notions of truth. In an age of social media, virtual realities, and ubiquitous hackers and cyber bullies, establishing what is true, or whom or what to trust, is increasingly complicated.

Gardner vermischt hier verschiedene Aspekte. Einige habe ich schon einmal kommentiert:

  1. Das Streben nach Resonanz verleitet auch Fachleute dazu, Unwahres zu verbreiten. Oft ist es aber auch äußerst schwierig, relevante Informationen von verunreinigten oder gefälschten zu trennen.
  2. Journalistinnen und Journalisten haben einen Anreiz, maximale Aufmerksamkeit zu suchen. Dieser ersetzt das berufsethische Credo, nur Wahres zu verbreiten.
  3. PR-Fachleute nutzen Social Media systematisch, um Werbebotschaften effektiv zu vermitteln. Dabei lösen sie Grenzen zwischen Werbung und Berichterstattung, zwischen persönlicher Meinungen und bezahlter Meinungsäußerung bewusst auf.

Den Faktor der Technologie habe ich bisher weggelassen. Darauf zielt Gardners grundsätzliche Frage ab: Wird es komplizierter, herauszufinden, was Wahrheit ist? Gardner bezweifelt sogar, dass es heute noch möglich ist, herauszufinden, was wirklich los ist.

Wahrheit hat verschiedene Komponenten:

  • Korrespondenz: wahr ist, was die Realität abbildet
  • Wahrnehmung: wahr ist, was ich selbst wahrnehmen kann
  • eine soziale: wahr ist, was meine Bezugsgruppe für wahr hält
  • eine pragmatische: wahr ist, was mir Orientierung im Leben ermöglicht
  • Kohärenz: was wahr ist, weist keine Widersprüche auf.

Technologie schafft Komplexität – nicht nur im Netz. So zeigt ein genauerer Blick, dass wissenschaftliche Methoden Wahrheit nicht präzise herstellen können – gleichwohl halten wir daran fest, dass sie zuverlässig sind. Wenn wir die Realität immer genauer abbilden können, dann gibt es immer subtilere Formen von Manipulation. Dasselbe gilt für soziale Faktoren:  Wenn ich im Netz plötzlich die unterschiedlichsten Seiten und Meinungen meiner Bekannten wahrnehmen, wie kann ich mich darin orientieren und einen Konsens orten?

Das Bedürfnis, nur wahre, relevante und reine Informationen an sich heranzulassen, kennen viele Menschen. Nur: Das Bedürfnis sagt nicht, dass das möglich ist. Wenn Walter Cronkite in den 60er-Jahren »And that’s the way it is« sagte, versuchte er, Wahrheit und Relevanz herzustellen. Zur damaligen Zeit mag ihm das in einem sozialen, pragmatischen und kohärenten Sinn gelungen sein. Heute würden wir den Wahrheitsbegriff seines Publikums dekonstruieren und könnten nachweisen, dass viele Aspekte der Berichterstattung manipulativ, falsch, tendenziös etc. waren.

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Fazit: Wahrheit ist schwieriger geworden. Das meint aber zunächst lediglich eine Komplexitätssteigerung. Mehr Stimmen zu hören erfordert mehr Aufwand, um Lärm von Geräusch zu trennen und Harmonien herzustellen. Unter diesen Stimmen gibt es viele, die »Bullshit« im Sinne Frankfurts verbreiten: Informationen, bei denen es den Urheberinnen und Urhebern egal ist, ob sie wahr sind oder nicht. Das ist ein Problem. Und Gardner hat Recht: Erziehende müssen es anpacken. Kinder und Jugendliche müssen lernen, kritisch zu sein, solidarisch dafür einzustehen, Wahrheit zuzulassen.

Technologie ist nicht neutral: Sie beeinflusst Menschen, die sie nutzen, aber sie kontrolliert sie nicht. Wer meint, Wahrheit in Youtube-Videos von dubioser Quelle finden zu können, muss dafür die Verantwortung übernehmen.

Twitter als Spiel um die Deutungshoheit

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»So ist das Game, Nutte«. Das ehemalige Motto des deutschen Politikers Christopher Lauer erfasst perfekt, worum es bei Twitter geht. Einerseits um ein »Game«, ein Spiel – und andererseits um die Deutungshoheit. Wer anderen erklären kann, wie das Spiel zu spielen ist, hat es schon gewonnen.

Lauer kennt das Spiel. Bald wird er nicht nur 100’000 Tweets, sondern unzählige Debatten bestritten haben. Persönliche, tiefgründige, sinnlose. Seine Erfahrung macht ihn zum erfolgreichen Spieler.

Sieht man Twitter als Spiel, so ist damit nicht ein Gesellschaftsspiel gemeint, dessen Regel von einem Autorenteam vorgegeben werden. Orientieren sollte man sich am Verständnis des Sprachspiels, wie es Wittgenstein formuliert hat. In Über Gewissheit heißt es:

Um eine Praxis festzulegen, genügen nicht Regeln, sondern man braucht auch Beispiele. Unsre Regeln lassen Hintertüren offen, die Praxis muss für sich selbst sprechen.

Das lässt sich gut an der Bedeutung von Twitter für die Politik ablesen. Politikerinnen und Politiker nutzen Twitter als Bühne, auf der zitierfähige Aussagen getätigt werden, denen dann von Massenmedien Relevanz und Resonanz zugesprochen werden könnten. Dabei ist klar, dass Erwartungen überschritten werden müssen, damit dies passiert. Nur außergewöhnliche Aussagen generieren die erwünschte Aufmerksamkeit. So ergibt sich denn schnell ein Spiel, das darum dreht, Grenzen auszuloten. »Dummheit ist, wenn man trotzdem twittert«, titelte die NZZ in Bezug auf einen missglückten Versuch einer Politikerin, ein schwieriges Thema mit einem schwer verständlichen Tweet aufzugreifen.

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Jeder Twitterskandal gehört zum Spiel. Zum Eklat kommt es nicht, weil User die Regeln nicht verstanden haben, sondern weil die Spielregeln Eklats herbeiführen und vorsehen. Das kann an zwei Beispielen gezeigt werden:

  1. Der ständige Wechsel des Kontextes. Werden Tweets weitergeleitet oder beantwortet, werden sie für ganz neue User zugänglich. Die Kürze der einzelnen Nachrichten erlaubt kein ausführliches Zitieren und keinen sauberen Nachweis von Quellen. So tauchen Inhalte plötzlich in völlig anderen Zusammenhängen auf und nur mit großem Aufwand ist es möglich zu rekonstruieren, wie sie entstanden sind und gemeint waren. Die Absichten vieler User bleiben notorisch diffus.
  2. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Aktionen mehrdeutig sind. Einen Tweet weiterzuleiten – so genanntes »re-tweeten« oder das Favorisieren eines Tweets haben unzählige Funktionen.

Gruppendynamik spielt eine besondere Rolle. »Mir ist auch ganz generell aufgefallen, dass sich bei Internetportalen jeder Art bald Gruppen von Nutzern bilden, die relativ eng kooperieren«, schrieb ein Betroffener eines solchen Eklats in einer Bilanz seiner Twitternutzung. So trivial das klingt – weil Menschen in jeder sozialen Aktivität zur Gruppenbildung tendieren – so bedeutsam ist das für das Twitterspiel: Die mögliche Belohnung, Aufmerksamkeit, wird für die berechenbarer, welche sich an Gruppennormen halten können und wollen.

Aber auch für die, welche bereit sind, Gruppen gezielt zu provozieren. Das sind – nach einer klassischen Terminologie. In meinem Trollaufsatz nutze ich als Definition die von Donath, die das Trollen selbst als Spiel definiert:

Trolling is a game about identity deception, albeit one that is played without the consent of most of the players. The troll attempts to pass as a legitimate participant, sharing the group’s common interests and concerns; the newsgroup members, if they are cognizant of trolls and other identity deceptions, attempt to both distinguish real from trolling postings and, upon judging a poster to be a troll, make the offending poster leave the group.

Trolle weisen auf die Bedeutung der Deutungshoheit hin. Sie ziehen einer Gruppe den Boden unter den Füssen weg. Sie kann sich – füttert sie die Trolle – nicht mehr darum kümmern, den eigenen Status zu bearbeiten, sondern verteidigt sich gegen einen Angriff auf die Kommunikationsweise und Normen der Gruppe.

* * *

»So ist das Game, Nutte.« Oder auch nicht: In dem Moment, wo jemand das Game festlegt, hat es sich schon wieder verändert. Twitter funktioniert immer anders. Wer das Spiel erlernen will, muss es spielen – ohne es zu beherrschen. Und verändert es dadurch. Wer weiß, dass Twitter ein Spiel ist, wird sich auch bewusst, dass er oder sie verlieren kann. Das ist oft brutal, aber gehört zum Spiel – genau so wie Rückzüge aus der Kommunikation, psychologische Konsequenzen die auch getrennt von digitaler Kommunikation spürbar sind, Übergriffe. Zu sagen, dabei handle es sich um ein Spiel, ist keine Verharmlosung, sondern eine Beschreibung der Funktionsweise. Spiele sind real und brutal. Sie vermitteln, dass Kontrolle eine Illusion ist, führen Dilemmata, Abgründe, Zufälle vor.

»Twitter ist wie das richtige Leben.« Ein Spiel.

»Meinungspornografie«: Vier Faktoren, die Kommentarkultur herbeiführen

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Gestern wurde ich von Méline Sieber vom Regionaljournal Zürich Schaffhausen dazu befragt, was die Gründe dafür sind, dass im Netz eine unsägliche Kommentarkultur herrscht. Wüste Beschimpfungen und Drohungen sind an der Tagesordnung. Mitarbeitende von Newsportalen sind mit der Kommentarflut überfordert.

Es ist naheliegend, eine Verrohung der Sitten zu konstatieren. Schnell wird angeführt, früher, also zu Zeiten des Usenets oder des frühen Internets, habe eine »Netiquette« dafür gesorgt, dass Spielregeln eingehalten worden seien. Das Zerfallsnarrativ halte ich für irreführend (eigentlich immer – Zerfall entsteht nicht zufällig). Zielführender scheint es mir, vier Faktoren zu beschreiben, welche die Kommentarkultur beeinflussen. Dann wird deutlich, dass durchaus auch Interessen dahinter stecken, welche diesen Zustand mit finanziellen und politischen Mitteln herbeigeführt haben und für wünschenswert halten.

Das Phänomen bezeichne ich mit dem Begriff der »Meinungspornografie«. Wie jeder Vergleich ist auch dieser fehlerhaft, aber er zeigt drei Punkte auf, die mir relevant scheinen: Erstens macht gerade das Explizite die Faszination aus, die zweitens tabuisiert und versteckt wird. Drittens geht es um eine Inszenierung: Profis führen ein scheinbar natürliches Geschehen vor. Meinungspornografie1. Faktor: Psychologie

Aufmerksamkeit ist ein menschliches Bedürfnis. Mit Online-Kommentaren lassen sich spezifische Formen von Aufmerksamkeit generieren, gegenüber der schnell eine Toleranz aufgebaut wird: Wer darauf abfährt, braucht schneller härteren Stoff.

Dasselbe gilt für das Publikum: Es gewöhnt sich schnell an ein bestimmtes Level von Wut oder Aggression und ist fasziniert von Grenzüberschreitungen. Zivilisierte Gesellschaften wandeln Aggressionen in differenzierte Ersatzsysteme um: Die Kommentarschlacht ist eines davon. Es führt die mögliche Aggression und Wut vor, reduziert komplexe Probleme darauf.

Das funktioniert psychologisch auch deshalb, weil sich schnell Nischen bilden. Anders als am Mittagstisch sind alle in einer bestimmten Facebook-Gruppe gleicher Meinung. Um herauszuragen, braucht es extremere Positionen oder krassere Formulierungen. Und weil eine Reihe anderer bereits gezeigt hat, dass es akzeptabel ist, ausfällig zu werden, sind User bereit, einen Schritt weiterzugehen.

2. Faktor: Technologie

Social Media spielen sich heute auf Plattformen ab, hinter denen massive finanzielle Interessen stecken. Stark reduziert gibt es nur ein Ziel: User möglichst stark an Plattformen zu binden, deren Inhalte andere User erstellen. Meinungspornografie ist ein bewährtes Geschäftsmodell, das gezielt aufgebaut wird.

Dazu werden die Schwellen gesenkt. War das Usenet einer Elite vorbehalten, kann in Europa heute jede und jeder ins Netz. Und soll dort als identifizierbares Individuum agieren. Es bilden sich weniger geschlossene Interessensgruppen und Gemeinschaften, die bereit sind, einen Aufwand zu betreiben und eine konstruktive Diskussion zu ermöglichen. Diskussionen spielen sich auf scheinbar anonymen Plattformen ab, deren Vertreterinnen und Vertreter als Teil des Systems wahrgenommen werden, das nichts anderes zu tun hat, als die eigenen Interessen zu befriedigen.

Kurz: Social-Media-Anbieter agieren nicht neutral. Es entspricht ihrem Geschäftsmodell, intensive Diskussionen zuzulassen und Regeln kaum durchzusetzen. Ihre neoliberale Argumentation besagt, dass sich alle selbst vor Übergriffen schützen müssen.

3. Faktor: Massenmedien

Immer wieder beklagen sich Newsportale über die Belastung durch die Kommentarflut. Gleichzeitig ist auch ihre Währung Aufmerksamkeit: Was zählt, sind Klicks. Artikel, zu denen sich heftige Diskussionen ergeben, generieren diese Klicks. Es wäre leicht, bei heiklen Inhalten die Kommentarfunktion gar nie zu öffnen oder ein technisches System einzuführen, bei dem eine konstruktive Community belohnt wird: Nur ihre Beiträge wären direkt sichtbar, die der Kommentartrolle verschwänden direkt nach »unten« oder »hinten«. Aber Kommentare sind bestes Boulevard: Sie ermöglichen Kampagnen. Heute werden während jeder großen Geschichte auch die Diskussionen dazu zum Thema.

Extreme Meinungen werden so belohnt. Noch immer ist die Erwähnung in Massenmedien ein klares Zeichen von Relevanz. Werden Kommentare abgedruckt oder zitiert, adelt sie das.

Kurz: Massenmedien wollen »Meinungspornografie«, weil sie ihnen Aufmerksamkeit, Klicks und damit auch Einnahmen bringt.

4. Faktor: Politik und Gesellschaft

Die Themen, die hochkochen, wurden schon lange von politischen Akteuren warm gehalten. Die KESB, die Islamisierung, Geschlechterrollen etc. stehen auf der politischen Agenda – teils, weil bestimmte Interessenvertreter damit Veränderungen herbeiführen wollen, teils, weil sie von anderen Themen ablenken wollen.

Geschickt taktierende Politikerinnen und Politiker äußern die entsprechenden Kommentare nicht selbst. Sie distanzieren sich gar: Aber es entspricht genau ihren Zielen, dass sie so geäußert werden.

Die Kommentare entsprechen einem gesellschaftlichen Bedürfnis, Komplexität reduzieren zu können. Die Morddrohung gegenüber einer Person ist die reduzierteste Form der Schuldzuschreibung und der Übergabe von Verantwortung. Die symbolische Auslöschung einer Person entspricht dem Bedürfnis nach monokausalen Erklärungen.

Verbindung und Vernetzung

Die Faktoren lassen sich nie trennen. Politik schafft Rahmenbedingungen für Technologie und diese beeinflusst wiederum die Form der politischen Kommunikation – um nur ein Beispiel zu nennen.

Wer eine Verbesserung der Kommentarkultur anstrebt, muss alle vier Faktoren berücksichtigen. Es ist also naiv, wenn Newsportale denken, sie hätten die Möglichkeiten in der Hand, gesittete Diskussionen zu ermöglichen. Aber genauso naiv wäre es, wenn sich die Verantwortlichen einredeten, dass nur externe Faktoren zu diesem Zustand führen.