Authentizität als konstanter Mangel

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»Und genau das will ein Selfie sein – authentisch«, heißt es in Matthias Oppligers Essay über Selfies, der in der heutigen Ausgabe der Tageswoche zusammen mit einem längeren Gespräch mit mir erschienen ist.

Mit diesem Satz bin ich nicht einverstanden. Wer Selfies als Kommunikationsform einsetzt, nutzt das Potential der Selbstinszenierung in der Regel. Sich für das Bild schnell die Haarsträhne aus dem Gesicht wischen, das erste löschen und schnell noch eins anfertigen, den Bildausschnitt leicht verändern und noch einen kleinen Filter drüberlegen – all diese Schritte laufen schon fast automatisch ab, bevor ein Selfie auf Instagram das persönliche Netzwerk erreicht.

All photographs are posed, every single one of them. Every one of them. Every last one of them. They’re all posed. Maybe they’re not all posed in the same way, but they’re all posed.

Diese Einsicht von Errol Morris gilt für alle Formen von medialer Kommunikation: Jede Überführung von Wahrnehmungen und Gedanken in Zeichen beinhaltet eine bewusste oder unbewusste Darstellung, eine Inszenierung. Authentische Kommunikation gibt es nicht, weil schon allein die für Kommunikation nötige Selektion Authentizität verunmöglicht.

Und wie verhält es sich mit dem Einwand, dass mit Authentizität aber etwas ganz anderes gemeint sei, nämlich eine möglichst präzise medial Wiedergabe der Realität? Ein Social-Media-Profil wäre diesem Verständnis nach dann authentisch, wenn der Name mit dem Realnamen übereinstimmt, wenn das Profilbild der Person ähnlich sieht, wenn sie die Person auf dem Profil so verhält, wie sie das in anderen sozialen Kontexten auch tut. Gemeint wäre also eher eine Angleichung an Erwartungen, die andere an eine Person stellen; eine Ähnlichkeit mit einem Bild, das andere von einem angefertigt haben. Ist das, was wir mit Authentizität bezeichnen wollen?

Selfies zeigen all das: Sie stellen den Wunsch nach authentischer Kommunikation aus, wenn etwa der Bundesrat ein Selfie macht und somit sagt: »Schaut mal, wir brauchen keine Kommunikationsprofis, das Bild haben wir selbst gemacht, so sehen wir wirklich aus.«

Künstlerisch gut gemachte Selfies zeigen aber noch mehr: Sie äußern zwar das Bedürfnis, die Beschränkungen des Mediums aufzuheben, zeigen aber gleichzeitig auch die Unmöglichkeit seiner Umsetzung. Sie vermitteln ein Bedürfnis nach Nähe und die Gewissheit der Distanz, sie entwerfen eine Gemeinschaft aus dem Gestus der Einsamkeit. Sie fordern radikale Selbstbestimmung über die eigene Repräsentation, indem sie das Urteil eines Publikums einholen.

Selfies sind ein Kommentar über Authentizität, aber nicht authentisch.

(Bilder: mirrorsme/Instagram, Hat Tip an Nico Huser für den Hinweis)

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Perspektiven auf Jugendliche und ihre Mediennutzung

Mein Interview mit Philipp Loepfe bei Watson hat Christian Füller, einen profilierten Bildungsjournalisten, zu einer Kritik veranlasst: Wampfler, der Mahner, sei »ein kluger Analyst«, schreibt er, während ihn Wampfler der Medienpädagoge langweilt, weil er »abwiegelt, verkleinert und verharmlost«.

Füllers Wertung möchte ich nicht kommentieren, seine wichtige Analyse jedoch aufgreifen und erweitern. Beim Gespräch mit Philipp Loepfe ist mir dieser Wechsel zwischen Perspektiven auf aufgefallen. Spricht man über das Verhalten von Jugendlichen im Netz, dann kann man unterschiedliche Zugänge wählen:

  1. Historische Sichtweise:
    Medienwandel löste in der Kulturgeschichte stets Verunsicherung aus, Widerstände, Kritik an denen, die neue Praktiken ausprobierten und alte infrage stellten. Das sagt alleine nichts über den Wert des Neuen aus – haben sich aber neue Arten des Umgangs mit Wissen und seiner Vermittlung durchgesetzt, haben es Menschen immer geschafft, damit ähnlich gute Resultate zu erzielen wie mit früheren Methoden. Ann M. Blair hat in ihrem Buch »Too Much to Know« beispielsweise gezeigt, dass die Einführung von gedruckten Büchern erst dann als eine Bereicherung verstanden wurde, als entsprechende Techniken erfunden waren, mit denen Bücher und ihre Sammlungen strukturierbar wurden. Rückblickend sehen wir den Buchdruck als Fortschritt an und blenden diesen Adaptionsprozess aus.
  2. Ideale Sichtweise: 
    Es gibt Jugendliche und Schulklassen, die mit digitalen Werkzeugen hervorragende Resultate hervorbringen. Sie zeigen, welche Voraussetzungen nötig sind, damit das passieren kann – und loten das Potential neuer Werkzeuge aus. Zu zeigen, wie eine Fischerrute funktionieren könnte, um Fische zu fangen, mag in Bezug auf all die Fischexpeditionen, bei denen keine Fische gefangen wurden oder gar Unbeteiligte durch das ungeschickte Auswerfen von Haken verletzt wurden, verharmlosend klingen. Es zeigt aber letztlich, was möglich wäre.
  3. Systematische Sichtweise: 
    Technologie ist kein isoliertes Phänomen, dessen Einfluss unabhängig von anderen Einflüssen untersucht werden könnte. Social Media verbreiten sich beispielsweise in einer Zeit, in der Arbeit flüssig wird und von Arbeitsplätzen und Arbeitskräften als Personen getrennt wird. Alle sollen von überallher etwas Arbeit leisten können – dafür brauchen sie entsprechende Tools. Nur innerhalb einer breiten Sichtweise auf Wissen, Kommunikation, Technologie und Gesellschaft kann eine Interpretation technischer Phänomene etwas leisten.
  4. Normative Sichtweise: 
    Vorstellungen einer gesunden, korrekten, wertvollen Entwicklung von Jugendlichen werden mit beobachteten Verhaltensweisen gemessen. Abweichungen werden kritisiert, Übereinstimmungen gelobt.
  5. Deskriptive Sichtweise: 
    Hier wird einfach einmal beschrieben, was Jugendliche genau tun mit dem Netz. Wie nutzen sie es und was hat das auf sie für einen Einfluss? Dabei gibt es zwei Vorgehensweisen, die einander zwingend ergänzen müssen: Statistisch sauber ausgewertete Befragungen und gehaltvolle qualitative Untersuchungen. In meinem neuen Buch beschreibe ich das Vorgehen von Awan und Gauntlett, das ich für exemplarisch halte:

    Soziale Strukturen sind immer symbolisch mit Bedeutung aufgeladen. Konzepte wie Vertrauen, Zugehörigkeit oder Sympathie lassen sich nicht analytisch ergründen, sondern resultieren aus subjektiven Einschätzungen und Wahrnehmungen. Das führt zu gravierenden Problemen für quantitative Zugänge, welche zumeist mit Befragungen Erkenntnisse zu Fragestellungen gewinnen wollen, welche nur nuancierte Antworten zulassen, welche wiederum nicht mit einer Skala oder einer Statistik messbar sind.

    Es ist deshalb zu begrüßen, dass auch qualitative Zugänge vorliegen. So haben beispielsweise Fatimah Awan und David Gauntlett mit 14- und 15-jährigen Jugendlichen einen kreativen Prozess durchgeführt: Nach einer Einfü rung ließen sie »Identitätskisten« herstellen, welche einen Innen- und einen Außenraum hatten, den die Jugendlichen mit Collagen beklebten. Sie sollten dabei an drei Dinge denken: »Ich«, »meine Welt«, »meine Medien«. Diese Boxen ließen sie von den Jugendlichen ohne ein bestimmtes Fragenraster präsentieren, so dass sie die Aspekte hervorheben konnten, die für sie von besonderer Bedeutung waren. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse bilden einen guten Ausgangspunkt für eine vertiefte Diskussion der Auswirkungen digitaler Medien, die anders als zu Beginn der Geschichte des Internets immer auch mit den eigenen sozialen Strukturen verbunden ist. (S. 84, Kapitel Beziehungen)

Diese Perspektiven geraten schnell durcheinander, wenn bestimmte Fragen gestellt werden. Nehmen wir als Beispiel die Suchtfrage: »Werden Jugendliche zunehmende abhängig von Social Media?«

Dazu lässt sich unter (1.) sagen, dass der Suchtbegriff kulturgeschichtlich immer zur Abwertung von unerwünschten Verhaltensweisen verwendet worden ist, ohne dass dafür klare Kriterien vorgelegen haben. (2.) können Bedingungen notiert werden, unter denen Jugendliche nicht süchtig werden, (3.) festgestellt werden, dass Verhaltensweisen, die als Mediensucht erscheinen, oft sozial bestimmt werden – Jugendliche messen Freundschaften einen sehr hohen Stellenwert bei. (4.) kann kritisiert werden, dass das Suchtverhalten Ressourcen beansprucht, die für gehaltvollere Tätigkeiten genutzt werden sollten und (5.) gezeigt werden, dass je nach Messmethode zwischen 5 und 15 Prozent der Jugendlichen süchtig nach Social Media sind.

Wer eine differenzierte Betrachtung ermöglich will, kommt nicht umhin, die fünf Sichtweisen zu koppeln und immer wieder einen Spagat zu wagen. Dabei sind oft Einschätzungen nötig, die selbst bei gut informierten Expertinnen und Experten zu blinden Flecken führen. Es wäre naiv zu meinen, die Hirnforschung oder die empirische Sozialwissenschaft alleine könnten Antworten auf Fragen liefern, die einen hohen sozialen und symbolischen Gehalt haben.

Perspecitves. Jesse Treece, society 6

Perspecitves. Jesse Treece, society 6

Bitte verzichtet auf den Begriff »digital natives«!

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Das ist ein Aufruf, vielleicht auch ein Rant. Er enthält eine ganz einfache Botschaft: Hört bitte auf, von »digital natives« (und damit auch von »digital immigrants«) zu sprechen.

Mir ist bewusst, dass die geographisch-politische Metapher viele amüsiert und gleichzeitig dabei hilft, das Verstörende am Internet konzeptuell zu erfassen. Gleichwohl gibt es gute Gründe, den Begriff im 1. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu belassen und bessere zu finden.

  1. Der Begriff impliziert, dass der Zeitpunkt der Geburt darüber entscheidet, ob Menschen Technik nutzen. Tatsächlich sind dafür eine Reihe von Faktoren entscheidend, unter denen das Alter keine herausragende Rolle spielt.
  2. »digital native« impliziert einerseits eine automatische technische Fertigkeit, andererseits eine gewisse Naivität in Bezug auf die sozialen Auswirkungen von Technologie (Beziehungen, psychische Konsequenzen, Privatsphäre, Werbung, Manipulation etc.).
    Beide Annahmen sind falsch: Weder ist das Alter dafür ausschlaggebend, dass Fertigkeiten autodidaktisch ausgebildet werden können, noch verhindert es Reflexion.
  3. Erwachsene können Kinder und Jugendliche nicht allein lassen mit ihren Gadgets, müssen ihnen aber auch nicht mit ihrer gebündelten Weisheit ihre Unbedarftheit unter die Nase reiben. Gefragt ist ein offenes Gespräch, die Bereitschaft, andere Sichtweisen zuzulassen, ohne vorzugeben, dass es »Eingeborene« und »Einwanderer« gibt. Die werden nämlich meist schnell zu Kolonialherren.
  4. Der Fokus auf das Alter verhindert, dass die mit der Digitalen Kluft verbundenen Probleme Menschen ins Bewusstsein rückt. Viele im Arbeitsmarkt entscheidende Fähigkeiten können nur Menschen erlernen, die Eltern haben, die sich kümmern, oder die gute Schulen besuchen. Mit ihrem Alter hat das nichts zu tun.
  5. (Das ist eigentlich ein Geheimnis.) Die Verwendung von »digital native« ist ein Schibolleth: Fachleute verwenden diese Sichtweise kaum noch, während sie unter Laien massive Verbreitung findet.

* * *

In meinem neuen Buch habe ich das wie folgt formuliert:

Spricht man über digitale Kommunikation, so fließt meist schnell das Begriffspaar »digital natives« und »digital immigrants« ins Gespräch ein. Seit Marc Prensky 2001 erstmals von dieser Gegenüberstellung sprach, werden dadurch Vorurteile zementiert, die sich wissenschaftlich kaum nachweisen lassen. So erwerben eben nicht alle Jugendlichen autodidaktisch-spielerisch Kompetenzen im Umgang mit Neuen Medien, nur weil sie später geboren sind als ihre Eltern. Und älteren Menschen ist es nicht verwehrt, einen selbstverständlichen Umgang mit digitaler Technik zu pflegen. Entscheidend ist es, eine Mischung zu finden: zwischen den spielerischen, automatischen Lernprozessen und dem bewussten Gestalten von Lernumgebungen, in denen dank Begleitung erfahrener Coaches Grundfertigkeiten sicher angeeignet werden können.

Was ist öffentlich? – #selfiegate

Recherchen der NZZ haben ergeben, dass eine Angestellte des Bundes aus dem Bundeshaus Nacktbilder per Twitter verbreitet hat. Die Frau hatte auf ihrem mittlerweile gelöschten Profil über 10’000 Follower und verbreitete im Netz harte pornografische Inhalte, in denen sie selbst zu sehen war. Wie zu erwarten konnte ihr Profil im Laufe des Tages von den Boulevardmedien ermittelt werden, welche die Bilder veröffentlicht haben. Die Frau wurde vom Bund freigestellt.

Der Fall zeigt, dass eine Aushandlung dessen, was Arbeitspflichten sind, welche Formen von Sexualität gesellschaftlich akzeptiert werden und wie Einzelpersonen und Institutionen medial agieren dürfen, regelmäßig das Leben von Menschen zerstört, aber unumgänglich ist.

Aus der Social-Media-Perspektive ist die Frage relevant, was geschieht, wenn Bilder aus einem prominenten Profil (wenige private Schweizer Accounts knacken die 10’000-Follower-Grenze) von Massenmedien abgedruckt werden. Die Bilder, so die naive Argumentation, seien ja öffentlich, weil sie in einem Webbrowser abrufbar seien. Diese Argumentation ist nicht haltbar, wie ich schon früher gezeigt habe. Den entscheidenden Punkt hat Anil Dash in einem wichtigen Beitrag ausgeführt: Öffentlichkeit ist nicht trivial, sondern eine Konvention.

Public is not simply defined. Public is not just what can be viewed by others, but a fragile set of social conventions about what behaviors are acceptable and appropriate. There are people determined to profit from expanding and redefining what’s public, working to treat nearly everything we say or do as a public work they can exploit. They may succeed before we even put up a fight.

Er identifiziert drei Gruppen von Akteuren, die ein Interesse daran haben, dass eine naive Definition von Öffentlichkeit und eine binäre Abgrenzung von Privatheit weiterhin Verwendung finden: Die Medien, die Tech-Industrie und die Gesetzgebung. Es ist in ihrem Interesse, die technische Zugänglichkeit oder Abrufbarkeit mit einer sozialen Öffentlichkeit zu vermischen.

Wer im Bus ein privates Gespräch führt, weiß, dass die anderen Passagiere mithören können, rechnet aber damit, dass das Gespräch dennoch privat bleibt. Das hat Danah Boyd in einer Replik auf Dashs Essay aufgegriffen. Sie kritisiert die Vorstellung, Privatsphäre sei eine Art Gegenbegriff zu Öffentlichkeit. Vielmehr gehe es beim Schutz der Privatsphäre um etwas ganz Spezifisches:

The very practice of privacy is all about control in a world in which we fully know that we never have control. Our friends might betray us, our spaces might be surveilled, our expectations might be shattered. But this is why achieving privacy is desirable. People want to be *in* public, but that doesn’t necessarily mean that they want to *be* public.

Die Bundesangestellte wollte in ihrer Freizeit mit ihrem Körper und ihrer Sexualität »in public« sein. Sie wollte, das ihre Bilder und ihre Videos gesehen werden, sie veröffentlichte sie für ein (großes) Publikum. Aber sie wollte keine öffentliche Figur sein und die Kontrolle darüber behalten, ob diese Bilder mit ihrem Arbeitsplatz in Verbindung gebracht werden. So schreibt Ronny Nicolussi in der NZZ:

Dass diese Bilder früher oder später jemand sehen könnte, mit dem sie beruflich zu tun hat, ist ihr bewusst. «Das Thema beschäftigt mich ständig», sagt die Frau, der auf Twitter über 11 000 Nutzer folgen, auf Anfrage. Da die Aufnahmen jedoch Teil ihres Privatlebens seien, sehe sie keinen Interessenkonflikt mit ihrer beruflichen Funktion.

Folgt man Boyd und Dash, ist es an der Zeit, Widerstand zu leisten gegen Industrien und Organisationen, die davon profitieren, so zu tun, als dürften sie Daten, die für sie zugänglich sind, ohne Einverständnis nutzen. Die Frau muss geschützt werden, weil sie ist, wie wir alle: Auch unsere Intimsphäre ist zugänglich – durch Überwachungsmethoden und Menschen, denen wir vertrauen. Deswegen ist sie aber nicht öffentlich.

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Texte markieren – analog und digital

Doc - 05.08.2014 09-35

So sieht eine Seite aus der Novalis-Ausgabe aus, die ich für meine Masterarbeit verwendet habe (ein Klick macht sie groß). Nach einigen Jahren geisteswissenschaftlichem Studium war ich geübt darin, Texte zu markieren und mit Randnotizen zu versehen. Diese Arbeit erleichterte mir die Orientierung im Text, führte mich bei der mehrmaligen Lektüre alte Gedankengänge vor Augen und schaffte die nötige Verarbeitungstiefe, um eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben.

Dieses Kompetenzbündel lässt sich an analogen Texten gut einüben. Lese ich mit Deutschklassen das erste Buch, steht diese Frage immer im Raum: Wie kann ein Text so ausgezeichnet werden, dass das eine Mehrwert bringt? Das analog zu tun, ist nicht nur sehr einfach, sondern wohl auch vernünftig – zeigen doch Studien, dass handschriftlich angelegte Notizen mit nachhaltigeren Lernprozessen verbunden sind als digitale.

Gleichwohl ist das Potential der digitalen Auszeichnung noch längst nicht ausgeschöpft. Gestern erhielt ich von Rahel Tschopp, die an der Pädagogischen Zürich als Dozentin für Medienbildung arbeitet, Auszüge aus dem Manuskript meines neuen Buches zugestellt. Sie hat sie digital bearbeitet – markiert, mit Anmerkungen und Visualisierungen versehen, wie man unten sieht.

Rahel Tschopp nutzt dabei beispielsweise den digitalen Raum: Sie schafft Leerstellen im Text, die sie mit eigenen Inhalten füllt. Sie arrangiert Gelesenes neu. Viele weitere digitale Techniken wären denkbar, wenn es darum geht, das oben skizzierte Kompetenzenbündel digital umzusetzen. Deshalb dürfte das vernünftige Fazit lauten: So wie die meisten Menschen heute analog und digital arbeiten, führt das Lesen auf Papier und das Schreiben von Hand zu deutlich besseren Resultaten. Dabei ist aber das Potential der analogen Verfahrensweisen viel besser ausgeschöpft als das der digitalen: Kulturgeschichtlich aber auch lernbiografisch wurde viel mehr Energie in diese Techniken investiert.

Wer also digitale Texte markiert, darf den Mehraufwand oder den Effizienzverlust getrost als einen Beitrag zum Lernen der Zukunft verstehen.
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So beeinflussen Algorithmen unsere Entscheidungen

Algorithmen kennen aufgrund der Datenspuren, die wir hinterlassen, immer mehr über unsere Kaufentscheide, Bewegungsmuster und Gewohnheiten. Sie wissen, welche Bücher wir lesen (und wann wir die Lektüre abbrechen), wonach wir im Netz suchen und mit wem wir kommunizieren. Bislang erleben wir die Wirkungsweise dieser Algorithmen meist nur bei Empfehlungen oder mässig auf uns zugeschnittene Werbeanzeigen. In Zukunft könnten sie uns jedoch so manipulieren, dass wir bei Entscheidungen nicht mehr sagen können, ob wir die Entscheidung gefällt haben oder ein Reihe von Computerprogrammen.

Bevor ich erkläre, wie ich das genau meine, möchte ich als Gegenposition die von Jörg Friedrich anführen, der sich als Philosoph intensiv mit dem Netz beschäftigt und in der FAZ behauptet hat, auch wenn Algorithmen auf uns einwirkten, würden immer noch wir selbst entscheiden:

So verlieren wir unsere Eigenständigkeit als handelnde Wesen, wir hängen wie Marionetten an den Fäden der Algorithmen, werden manipulierbar. Dieses Schreckensszenario vernachlässigt jedoch den simplen Umstand, dass es trotzdem die einzelne Person bleibt, die sich entscheidet, das verlockende Angebot der Vorhersagemaschine anzunehmen oder abzulehnen.

Die Position von Friedrich habe ich auf Twitter naiv genannt, weil sie von einer Vorstellung des Entscheidungsprozesses ausgeht, die zu wenig komplex und reflektiert ist. Nehmen wir gleich Friedrichs Beispiel: »Sie denken über die Frage nach, wohin Sie in diesem Jahr in Urlaub fahren werden.« Es führt in seiner Analyse zu den Alternativen Bergwanderung mit einer Freundin oder Strandferien im Netz buchen. Die Auswahl der Alternative nennt Friedrich nun Entscheidung.

Diese Auswahl hängt aber mit dem zusammen, was der entscheidenden Person wichtig ist, mit ihren Wünschen. Diese wiederum beziehen sich auf ihr Bild von sich selbst, auf ihre Beziehungen, Einschätzungen der Welt, Erwartungen und Erfahrungen. Aus diesen Wünschen – so formuliert das beispielsweise Peter Bieri in das Handwerk der Freiheit – kann nun bei substantiellen Entscheiden ein Wille entstehen, wenn eine Person bereit ist, etwas in Richtung einer Handlung zu unternehmen.

Bezieht man nun diese Wünsche und ihre Entstehung mit ein, dann wird es kaum möglich zu sagen, es sei »die einzelne Person«, die entscheidet. Vielmehr ist es die einzelne Person in ihrer Abhängigkeit von ihrer Umwelt. Die Schnittstelle zur Umwelt wird immer stärker digitalisiert und damit auch algorithmisch beeinflussbar. Auf das Friedrich-Beispiel angewendet, bedeutet das, dass verschiedene Google-Algorithmen, die auch die Mailkommunikation zwischen der entscheidenden Person und ihrer Freundin einbeziehen, für den Zugriff auf Informationen, Bilder und persönliche Kommunikation verantwortlich sind. Das heißt, dass Algorithmen nicht hauptsächlich die Wahl von verschiedenen Optionen beeinflussen, sondern die Bewertung und Wahrnehmung dieser Optionen und der eigenen Bedürfnisse schon viel früher und tiefer beeinflusst haben.

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Das schlagende Beispiel ist der Einkauf. Seit Jahrzehnten durch die Werbung beeinflusst, sind die angebotenen Waren heute algorithmisch so optimiert, dass sie maximale Erträge abwerfen. Nicht nur die Waren – auch ihre Position, welche ihre Wahrnehmbarkeit bestimmt, wird rechnerisch ermittelt. Wer sich dafür entscheidet, spontan noch eine Tüte Chips mitzukaufen, tut das meist, nachdem die Tüte Chips sichtbar wurde. Und sichtbar wurde sie aufgrund von Algorithmen.

Ist das ein Problem? Eine reine, unbedingte und unbeeinflusste Entscheidung gibt es nicht. Das heißt aber nicht, dass der Einfluss von mächtigen Algorithmen belanglos wäre, weil sie über eine so massive Speicher- und Rechenfähigkeit verfügen und Aspekte rein statistisch auswerten können, die uns gar nicht bewusst sind. Hängt meine Urlaubsentscheidung immer vom Wetter an meinem Wohnort ab, während ich die Entscheidung treffe, dann kann mir das auch nach Jahren nicht bewusst sein – ein Algorithmus wird das Muster aber schnell finden und nutzen. Und letztlich werden diese Algorithmen nicht einfach von Unternehmen in Werbeabsicht eingesetzt, sondern auch von unseren Mitmenschen, denen sie das Leben erleichtern.

Tröstend ist, dass der entscheidende Punkt an Entscheidungen nicht die Frage ist, ob sie frei sind, sondern ob Betroffene den Eindruck haben, sie seien frei. Algorithmen werden uns diesen Eindruck – das zeigt Friedrichs Artikel – so schnell nicht nehmen können.

 

Social Media, Konformität und Authentizität

Social Media bieten eine Kommunikationsform an, die bestimmte Anreize schafft. Damit ist nicht gemeint, dass sie helfen, Kommunikation zu verbessern – sondern dass sie bestimmte Kommunikationsakte einfacher, andere schwerer machen. In meinem neuen Buch habe ich diese Aspekte wie folgt zusammengefasst:

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Unter einer gesellschaftlichen Perspektive liegt die These nahe, dass der halb-öffentliche Status von Inhalten in sozialen Netzwerken einen starken Druck erzeugen: Vorauseilend werden die Urteile anderer in einen Impuls zur Anpassung der eigenen Kommunikation gewandelt. Authentizität geht verloren.
Diese These ist zu wenig differenziert, wie ich im Folgenden kurz ausführe:

  1. Anpassung ist ein gesellschaftliches Problem, das in Kommunikation in Erscheinung tritt. Eine Gesellschaft kann nicht aus authentischen Individuen bestehen, weil der Zusammenschluss die Preisgabe bestimmter Eigenheiten erfordert. Zudem treten viele Wünsche und Wesensmerkmale erst in der sozialen Interaktion zutage. Gemeinsame Erfahrungen fördern Konformität, lassen aber auch individuelle Züge aufscheinen.
  2. Soziale Kommunikation schafft daher per definitionem Konformität. Dass der Einbezug von großen Publikation aus Fremden hier bedeutsam ist, bezweifle ich nicht. Aber das Begriffspaar Komformität und Authentizität kann die qualitative Differenz nicht erfassen, weil auch in Briefen und Telefongesprächen nicht mehrAuthentizität nachweisbar ist.
  3. Die These missachtet, dass Social Media Räume eröffnen, in denen abweichendes gesellschaftliches Verhalten Resonanz und Wertschätzung erhalten kann. Neben vielen Spezialinteressen kann auch der Umgang mit dem eigenen Körper Ausgangspunkt für digitale Kommunikation sein. Im Buch gehe ich auf Essstörungen und ihre Verbindung mit Social Media genauer ein. Auch übergewichtige Jugendliche ohne Essstörung verbinden sich digital, um abseits von sozialen Ausschlüssen ein positives Körpergefühl zu finden. Ein Beispiel dafür ist #pizzasister4lyfe, eine Gruppe Jugendlicher, die auf Twitter, Tumblr und Instagram zeigen, wie sie mit ihrem Übergewicht zurecht kommen. 20140724-223147-81107464.jpg
  4. Solche Bilder von knapp bekleideten schweren Jugendlichen wurden nun angeblich von Instagram gelöscht. Damit rückt die Politik und das Design der Plattformen in den Mittelpunkt: Social Media können mehr oder weniger Abweichung erlauben, mehr oder weniger Drück erzeugen. Viele Forschungsprojekte untersuchen, wie Jugendliche die Möglichkeiten von spezifischen Plattformen einschätzen. Das ist eine wichtige Arbeit.

Kritik an Social Media ist wichtig. Aber sie darf nicht einfordern, was Kommunikation noch nie leisten konnte.