Digitales Arbeitsblatt

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Am Freitag und Samstag habe ich im Rahmen des CAS »Online Services« an der FH St. Gallen ein Modul zu Bildung und Social Media durchgeführt. Dabei habe ich unter anderem auch ein digitales Arbeitsblatt eingesetzt, was ich im Unterricht immer wieder mache, ohne aber genau zu reflektieren, was funktioniert und was nicht. Daher dieser Beitrag. 

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(1) Was ist ein digitales Arbeitsblatt? 

Ein digitales Dokument, in dem in gemeinsamer Arbeit Aufgaben erledigt werden. Es ist kein digitalisiertes Arbeitsblatt, also ein herkömmliches Arbeitsblatt, das lediglich in einem digitalen Medium zur Verfügung gestellt wird, sondern erfordert auch eine neue Art von Bearbeitung:

  1. Einbringen von eigenen Ideen und Lösungen.
  2. Nachvollzug der Bearbeitungen von anderen Lernenden, die so auch direkt Feedback erhalten.

Selbstredend erfordert ein digitales Arbeitsplatz keine Ko-Präsenz: Es kann von beliebigen Orten aus bearbeitet werden. Für bestimmte Arbeitsschritte ist eine zeitliche Abstimmung allerdings sinnvoll.

(2) Step-by-Step-Vorgehen

  1. Die verantwortliche Person erstellt das Arbeitsblatt auf der gewählten Lernplattform (in meinem Fall Google Docs).
  2. Sie gibt das Dokument an die Lernenden frei: Entweder durch eine Mail-Einladung oder mit einem Link – ich habe den langen Freigabe-Link von Google – https://docs.google.com/document/d/165sewIStRsHZM1L1iEf1euFTNslMimBp588ZzzJR8jI/edit?usp=sharing – mit PrettyLink zu phwa.ch/digitalesarbeitsblatt gekürzt.
  3. Sie formuliert eine Anleitung für die Bearbeitung – sinnvollerweise steht ein Teil davon direkt im Dokument, ein anderer kann in einer anderen Form von Instruktion erfolgen.
  4. Die Anleitung sollte auch bestimmte Vorgaben für die Zusammenarbeit in den Gruppen enthalten: Wie verhindern sie, dass nicht alle gleichzeitig an Formulierungen feilen und so nie fertig werden – und gleichzeitig dennoch intensiv genug an Details arbeiten.
  5. Jemand hütet und pflegt das Dokument: Die Person räumt sprachlich, formal und inhaltlich auf, entfernt Redundanzen und Unschönes und wertet die Arbeit auch aus.

(3) Erfahrungen und didaktische Begründung

Das Arbeitsblatt funktioniert bei Arbeiten gut, die entweder klar auf ein Team aufgeteilt werden können (wie z.B. die Übersetzung der Grundsätze für das Lernen im im digitalen Zeitalter, angestoßen durch Martin Lindner), oder bei offenen Aufgaben, die hauptsächlich aus Problemlösen und Reflexion bestehen. Geht es darum, dass alle Lernenden bestimmte Übungen absolvieren, dann ist die Kollaboration kaum zielführend.

Ein effizienter Einsatz ist nur dann denkbar, wenn nicht zu viele gleichzeitig dasselbe tun. Deshalb würde ich bei der Arbeit in Klassen gleichzeitig an mehreren Arbeitsblättern arbeiten lassen – eine Art Gruppenpuzzle, bei dem z.B. die Jigsaw-Methode leicht abgeändert gut zum Einsatz kommen könnte, wenn ein zweiter und dritter Schritt geplant sind.

Die Funktion der Hüterin oder des Hüters des Dokuments ist wichtig: Formale und technische Belange müssen die Lernenden nicht kümmern – sie sollen ohne große Hemmungen arbeiten. D.h. dass die Verantwortlichen mit der Plattform etwas vertraut sein müssen, damit z.B. auch die Gelassenheit haben, ein allenfalls gelöschtes Dokument mit dem Überarbeitungsverlauf wiederherzustellen. Die Präsenz dieser Person bei der Arbeit an den Dokumenten (mit Kommentaren und kleinen Korrekturen) ist hilfreich und schafft oft Verbindlichkeit.

In Zwischenschritten sollte auch die Reflexion über die Arbeit am Dokument angeregt werden, so dass die Lernenden Feinabstimmungen selbst vornehmen können. Dabei wird dann das mündliche Gespräch im Präsenzunterricht zum »Backchannel«.

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Digitale Arbeitsblätter entsprechen meiner Orientierung am dialogischen Lernen von Ruf und Gallin. Aus ihrer Bearbeitung entstehen neue Aufgaben, der Unterricht gewinnt eine neue Richtung.

Videovortrag erstellen: So habe ich das gemacht und das habe ich dabei gelernt

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Weil ich morgen einen Vortrag nicht persönlich halten kann, habe ich ihn am Computer aufgenommen. Ich hatte nicht besonders viel Zeit und keinen Zugriff auf Stative/schlaue Kameras oder Mikrofone, so dass ich mich für ein Vorgehen mit minimalem Aufwand entschied.

Ich wollte Folien einbinden, mich als Redner aber auch selbst zeigen – ungefähr simulieren, wie der Vortrag selbst wirken würde. Dabei habe ich keine klaren Regeln befolgt, sondern intuitiv so geredet und geschnitten, wie es mir sinnvoll erschien (MOOC-Untersuchungen zeigen, dass informelle Videos ausreichen, der Kahn-Stil aber besser geeignet ist als PowerPoint und kürzere Videos geschaut werden, längere nicht).

Das Video sieht so aus:

Die Tatsache, dass einige, die das lesen, das Video bei Youtube nicht sehen können, ist schon eine erste Erfahrung, die ich machen musste: Zum Schluss habe ich schnell noch ein Lied als Intro und Outro reingeschnitten, Carmen von Stromae. Das war ein Fehler: Youtube teilte mir mit, die Monetarisierung laufe direkt über UMG, das Label von Stromae (bzw. über Coca Cola, von denen ich ein Video eingebettet habe). Dadurch wurde das Video aber nur in den Länden spielbar, in denen UMG Verträge mit den Verwertungsgesellschaften hat, also in Deutschland beispielsweise nicht mehr (Umgehung mit ZenMate-Plugin wäre weiterhin möglich). Um das Video auf dieser WordPress-Seite abspielen zu können, musste ich eine Erweiterung kaufen.

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Nun aber kurz zum Schnitt des Videos – hier mein Vorgehen:

  1. Ich habe mich in Abschnitten von 5-10 Minuten mit QuickTime aufgenommen (direkt mit der Laptop-Kamera und dem eingebauten Mikrofon). Den Winkel habe ich immer wieder leicht variiert, aber nicht zu stark.
  2. Ich habe die Filme in iMovie importiert und den Ton davon abgetrennt, so dass ich eine eigene Tonspur erhielt.
  3. Die Präsentation habe ich teilweise als Film aufgenommen (in Keynote: Vorführen>Präsentation aufzeichnen), teilweise einfach als Bild exportiert (in Keynote: Ablage>Exportieren>Bilder…).
  4. Diese Dateien habe ich dann als zweite Videospur in iMovie reingezogen und mit der Funktion »Einstellungen für Videoüberlagerungen« (im Bild unten links zu sehen) mit der ersten Videospur verbunden.

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Mit den drei externen Videos, die ich dazwischen eingefügt habe, entstand so ein gut 50-minütiger Film. Er war fast 5GB groß, als ich ihn exportiert habe: Entsprechend dauerte es fast zwei Stunden, bis ich ihn an der Schule (in einem recht potenten WLAN) bei Youtube platziert hatte.

Gelernt habe ich Folgendes, falls ich die Übung mit mehr Zeit wiederholen sollte:

  • Ich würde den Film in Abschnitte aufteilen, die einzeln betrachtet werden könnten (ca. 5-10 Minuten).
  • Das Keynote- und das iMovie-Format stimmten nicht überein. Hier würde ich nach einer Lösung suchen.
  • Das Einbetten fremder Materialien würde ich beim nächsten Mal komplett weglassen, um die Urheberrechtsprobleme zu vermeiden, die aufgetaucht sind.

Über weitere Hinweise, Kritik oder Tipps freue ich mich.

Ein neues Schulfach: Die digitale Gesellschaft und ihre Medien

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Heute fanden die ersten drei Lektionen des neuen Akzentfachs »Die digitale Gesellschaft und ihre Medien« statt. Ich durfte, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen, das Fach konzipieren und bin auch zusammen mit Gerald Knöß und Paul Zübli für die erste Durchführung zuständig.

20 Schülerinnen und Schüler haben sich für das Wahlpflichtfach angemeldet, dessen Note promotionswirksam ist. Ein fixes Programm existiert nicht – im ersten Semester bearbeiten wir Diskurse über die Digitalisierung, führen Begriffe ein (heute: Filterblase, Utopie/Dystopie, Digitale Gesellschaft) und stellen Werkzeuge vor. Herausragende Bedeutung wird ein digitales Portfolio genießen, mit dem letztlich die Note über ein Kompetenzraster ermittelt wird. Im zweiten Semester wird der Kurs einen schuleigenen Youtube-Kanal betreiben und so Informationen an die Schülerinnen und Schüler vermitteln. Im zweiten und letzten Jahr sind starke Bezüge zur Arbeitspraxis in einer digitalisierten Welt geplant.

Wer einen Einblick in die heutige Lektion erhalten möchte, kann sich auf der Seite adgm.phwa.ch einen Überblick verschaffen. Unter anderem ging es um die Frage, ob es denn eine digitale Gesellschaft wirklich gebe, und um eine Analyse des Kurzfilms Noah (CN, 2013).

Reflexionen zu diesem neuen Gefäß werden sicherlich in loser Folge hier zu lesen sein. Über Fragen und Anregungen freue ich mich.

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Ghosting

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Eine Umfrage im Auftrag der Huffington Post untersuchte 2014 bei 1000 US-Erwachsenen Einstellungen zu Online-Beziehungen. In zwei Fragen wurde auch das Thema Ghosting angesprochen – dabei wurde das Phänomen wie folgt definiert:

Ghosting ist ein umgangssprachlicher Ausdruck, der das Phänomen bezeichnet, wenn eine Beziehung abgebrochen wird, indem jegliche Kommunikation verweigert wird, statt der anderen Person mitzuteilen, dass man die Beziehung beenden möchte.

Die Definition sieht eine Beziehung mit einem gewissen romantischen Interesse vor (obwohl sie auch auf eine Freundschaft anwendbar wäre), bei der sich die Betroffenen bereits kennen und getroffen haben. Die New York Times definiert Ghosting als »ending a romantic relationship by cutting off all contact and ignoring the former partner’s attempts to reach out.«

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YouGov Poll, n=1000 erwachsene US-Bewohnerinnen und -Bewohner

Ist Ghosting wirklich ein eigenständiges Phänomen oder gab es nicht schon immer Menschen, die andere einfach ignoriert haben? Eine Studie zum Verhalten bei Trennungen von Tara Collins und Omri Gillath (Privatkopie per Mail erhältlich) wies sieben Strategien nach:

  1. Vermeiden/Entziehen
  2. Positiver Ton/Selbstbeschuldigung
  3. Offene Konfrontation
  4. Eskalation
  5. Manipulation
  6. Distanzierung/medialisierende Kommunikation
  7. De-Eskalation

Ohne alle zu erklären, dürfte einleuchten, dass die Verhaltensweise, die mit Ghosting benannt wird, zu 1. (»Gespräche kurz halten«, »Telefon nicht mehr abnehmen«) und 6. (»blockieren beim Instant Messenger«) gehören. Diese Items waren in der Studie von 2012 nicht sehr prominent vertreten, waren aber dennoch Faktoren, die eine Rolle spielen.

Ghosting kann so erklärt werden: Letztlich geht es um eine Strategie, bei der eine Eskalation und Konfrontation vermieden wird. Die Beispiele im New York Times-Artikel machen deutlich, dass Ghosting bei den Ausübenden oft mit Scham und dem Bedürfnis, als gute Person zu erscheinen, verbunden ist:

If you disappear completely, you never have to deal with knowing someone is mad at you and being the bad guy […] I felt like I was powerless and ashamed that I couldn’t be this person I wanted to be for him, which is why I deserted.

Aus diesen Gründen ist anzunehmen, dass in modernen romantischen Liebesbeziehungen Ghosting schon länger Anwendung findet, als es den Begriff gibt. Warum taucht der Begriff heute auf – und gibt vor, ein neuartiges Phänomen zu bezeichnen? Dafür gibt es gute Gründe:

  1. Digitale Kommunikation gibt dem Kommunikationsrhythmus viel Gewicht: Ähnlich, wie das Schreiben von Briefen im 19. Jahrhundert ein klares Indiz für das Interesse an einer anderen Person war, ist es heute der Austausch von Textnachrichten. Wer (viel) schreibt, ist interessiert, wer nur antwortet oder gar nicht schreibt, nicht. Ghosting ist also eigentlich ein Pol einer Skala.
  2. Der andere Pol der Skala nennt sich »Thirstiness«: Menschen, die Kontakt enorm nachfragen und sich unablässig melden, sind »durstig«.
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  3. Beziehungpartnerinnen und -partner sind im Netz weiterhin aktiv. Wir können uns nicht einreden, sie stecken gerade in einem Funkloch, hätten das Smartphone vergessen oder seien sehr beschäftigt: Weil sie weiterhin posten und chatten. Die Funkstille ist ein klares Zeichen, sie ist unmissverständlich und klar sichtbar.
  4. Ignorieren ist im Netz eine Filterstrategie: Wir alle ignorieren täglich Chatnachrichten, Email, Posts unserer Freunde etc. Wir sind darin geübt – warum also diese Fertigkeiten nicht bei Beziehungen einsetzen.
  5. Ghosting erfolgt oft spontan, aus einer Laune heraus: »There is no rhyme or reason to ghosting«, sagt eine Betroffene. Häufig geht es gerade weniger darum, eine geplante Trennung so durchzuführen, sondern das eigene Selbstbild davor zu schützen, andere zu enttäuschen oder mit negativen Botschaften zu belasten.
  6. Oft wird zu Ghosting gesagt, dass Menschen weniger darin geübt seien, sich Face-to-Face auszutauschen und Negatives so zu kommunizieren.

Ghosting wird deshalb als besonders unfair betrachtet, weil man andere im Ungewissen darüber lässt, wie es um die Beziehung bestellt ist. Andererseits kann dieser Aspekt gerade auch als elegant bezeichnet werden: Man erspart sich und anderen die Suche nach diffusen Gründen und der Konfrontation – zumal sich eine Beziehung, in der sich Ghosting ereignet, oft in einem frühen Stadium befindet:

No matter which side of the phone I am suddenly not texting from, I prefer the unanswered text to the explicit breakup missive. casperkat

Macht Tinder die Beziehungen junger Menschen kaputt?

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Nein.

Wie kommt man auf eine solche Frage? – Indem man das liest, was früher mal die Zeitung war.  »Leider ist meine Generation so dumm, dass sie die Liebe nicht verdient«, war kürzlich in einem FAZ-Blog zu lesen. »Viel zu sehr sind wir mit uns selbst beschäftigt«, schrieb Nina Fargahi in der NZZ. Und vor einem Jahr fragte Umair Haque die »Generation Stupid«: »Are you serious? Is that all you are? A being made of…bullshit?«

Diese Bullshit-Diagnose besteht in Bezug auf Beziehungen immer aus denselben Thesen:

  1. Junge Menschen seien heute enorm auf ihre Individualität bedacht
  2. und würden sich mit technischen Mitteln beruflich wie auch in der Freizeit ständig optimieren.
  3. So strebten sie nach Perfektion,
  4. die bei Tinder und anderen Plattformen erreichbar scheint,
  5. obwohl dadurch das Wichtigste (Liebe, Nähe, tragfähige Beziehungen) zerstört würden.

Diese Thesen werden mit Beispielen illustriert – vom Bekannten, der Tinder »durchgespielt« haben soll (»Eines Morgens blieb die Anzeige leer. Keine neuen Leute in seiner Umgebung«) bis zur Lehrerin, die einen Grafiker zwar mag, aber seine »Hochwasserhosen« ablehnt – und mit schlauen Zitaten aus dem bildungsbürgerlichen Kanon geschmückt. Sonst würde man schnell merken, dass es letztlich um den Ausdruck eines Bauchgefühls geht.

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Liebe ist ein Phänomen, das sich nur unter sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen ergibt und davon geprägt ist. Wenn Berufs- und Konsumwelt Flexibilität und Optimierung verlangen und den Menschen als Ressource in ihre Kalkulationen einbeziehen, dann kann kaum verwundern, dass auch das Liebesleben von diesen Vorstellungen nicht verschont bleibt. So falsch dürfte die Diagnose deshalb nicht sein – auch wenn sie geflissentlich Statistiken oder tief schürfende soziologische Betrachtungen vermeidet.

Sie setzt nur am falschen Ort an. Es ist weder die Dummheit der Menschen (die waren nämlich schon immer dumm oder halt eben nicht) noch die Möglichkeiten, seine Dates mit einer App zu organisieren, welche Beziehungen kaputt macht. Beziehungen waren schon immer kaputt. Sie waren bestimmt durch religiöse Gebote, soziale Normen, wirtschaftliche Faktoren und ideologische Vorstellungen. Die Balance in Beziehungen, in denen Stabilität und Werte eine hohe Bedeutung genießen, die uns aber trotzdem Raum für unsere Individualität und Freiheit lassen, ist kaum je herzustellen. Wann beginnen sich Menschen zu verleugnen? Wann tauschen sie einen Kompromiss gegen ein Abenteuer ein? Diese Grenzen sind von ganz vielen Faktoren abhängig und werden nicht von wenigen leicht verschoben.

Nüchtern betrachtet erweitert Tinder den Handlungsspielraum. Seit 20 Jahren lernen sich Menschen in der Schweiz im Internet kennen. Einige wollen langfristige monogame Beziehungen führen, andere nur eine Bergtour mit anderen Kletterbegeisterten unternehmen. Die Konstanz, mit der Texte erscheinen, die nostalgisch das Verschwinden eines romantischen Liebesideals betrauern, zeigt, wie viele Menschen diesen Vorstellungen anhängen. Sie sind also weder besonders »dumm« noch bestehen sie aus »bullshit« – sie leben lediglich in einer Zeit, in der es verschiedene Werte gibt. Es gibt wenig Harmloseres als Menschen, die Tinder dazu benutzen, um andere für Dates zu treffen. Jugendliche interessiert nichts mehr als andere Jugendliche. Das dürfte alle Ängstlichen trösten. Deswegen müssen sie nicht mit 19 in eine Beziehung eintreten, in der sie alt werden.

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Die Lehrkräfte von morgen heute denken

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Dejan Mihajlovic, den ich als Kollege im Netz sehr schätzen gelernt habe, hat zu einer Blogparade zu diesem Thema aufgerufen. Wie wandelt sich die Rolle der Lehrkraft? Welche Skills werden in einem Zeitalter der digitalen Information wichtiger? Welche Aus- und Fortbildungsangebote braucht es?

Die Digitalisierung ist für mich deshalb ein wichtiges Thema, weil sie die Perspektive auf damit verbundene Zusammenhänge schärft. Sie ist nicht gelöst von wirtschaftlichen, anthropologischen, politischen, erkenntnistheoretischen Fragen zu denken. So verweist das Thema der Digitalisierung auch auf die Wurzeln der Probleme, vor welchen etablierte staatliche Schulen im deutschsprachigen Raum stehen.

Der Widerspruch zwischen dem Bild der Wurzel und der Schwellenmetaphorik (»vor welchen sie stehen«) ist durchaus beabsichtigt: Das Fundament der staatlichen Schule, wie wir sie heute kennen, ist oft das, was einer Entwicklung im Weg steht und die Lösung von kommenden Problemen erschwert.

Das gilt auch für die Rolle der Lehrperson. Sie ist abgeleitet von der eines Leutnants, der einen Zug (=Klasse) führt: Mit einem Hierarchiegefälle, an einem bestimmten Zeit mit einem vorgegeben Rhythmus. Diese Rolle wird durch die Veränderungen der Digitalisierung immer stärker entlarvt: In vielen Zusammenhängen steht sie wirkungsvollem Lernen entgegen. (Und das lässt sich auch nicht mit einem eleganten Verweis auf die Hattie-Studie widerlegen.)

Damit also zur Beantwortung der Fragen (die, wie Herr Rau schlau angemerkt hat, auch in etwa dem folgen, was ich selbst tue):

1.) Was sollte eine gute Lehrkraft morgen leisten können?

Sie sollte verstehen, wie Lernprozesse funktionieren. Daraus sollte sie ihr berufliches Selbstverständnis ableiten: Alle Routinen, Anforderungen, Abkürzungen, die nicht in einem Lernprozess stehen, hinterfragen und ablehnen. Gleichzeitig Verbindlichkeiten und Freiräume schaffen, die Lernenden Lernen ermöglichen.

Von der Institution Schule wird sich eine Lehrkraft immer stärker lösen müssen: Einerseits, weil immer weniger Geld für Bildung und Löhne vorhanden sind, andererseits weil Lernen immer weniger an die Schule gebunden sein wird. Wie Journalistinnen und Journalisten wird die gute Lehrkraft zur eigenen Marke werden, die auch in der Öffentlichkeit immer wieder zeigt, dass sie lern- und motivationswirksam komplexe Zusammenhänge vermitteln kann.

2.) Wie müsste man dafür die Lehrerausbildung ändern?

Die Ausbildung kann nicht als ein Studiengang gedacht werden, der in zwei, drei, fünf Jahren abgeschlossen werden kann und einen dann befähigt, einen Beruf auszuüben. Die ersten Lehrerfahrungen sammeln fast alle angehenden Lehrkräfte bereits im Nachhilfeunterricht in der Schulzeit. Die Lehrerausbildung soll während des Studiums einsetzen, aber dort nicht aufhören.

Bedingung dafür sind die nötigen zeitlichen Freiräume. Lehrkräfte dürfen nicht so im Hamsterrad drehen, dass Weiterbildung oder Ausbildung für weitere Aufgaben »nice to have« ist. Und sie müssen selbst mitbestimmen dürfen, welche Ausbildung sie nachfragen – müssen dafür aber auch die Verantwortung übernehmen.

3.) Wie müsste man dafür die Schule/Arbeitsbedingungen ändern?

Forderungen nach ganz viel Geld und Zeit lasse ich weg: Sie sind müßig. Wer sich mit Bildung auskennt, weiß, dass gut bezahlte Personen mit genügend Zeit schlicht besser arbeiten als andere.

Wichtiger scheint mir, den Beruf in einzelne Komponenten zu zerlegen: Individuelles Coaching von Lernenden, Konzeption von Arbeitsmaterialien und Prüfungsfragen, Lehrvorträge, Design und Kuratieren von Präsentationen und Lernvideos, Administration, Lernberatung, soziale Begleitung etc. Lehrkräfte könnten in einzelnen oder mehreren Bereichen arbeiten – sich dafür qualifizieren, eine Art Karriere machen, die auch eine gewisse Abwechslung bieten würde und so Routinen durchbricht.

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Reflektierte Kritik an den Internet-Giganten – eine Bemerkung zu Amazons Review-Policy

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Gestern hat sich im Netz die Empörung darüber verbreitet, dass Amazon Data Mining benutzt, um festzustellen, wer Autorinnen und Autoren kennt. Diese »engen Freunde« werden dann daran gehindert, Bewertungen und Besprechungen vorzunehmen.

Das Beispiel lässt sich nahtlos in eine Reihe von Entscheidungen einfügen, die große Netzunternehmen wie Google, Facebook und Amazon gefällt haben. Durch ihre Größe sind Menschen auf ihre Dienste angewiesen. Ihre Entscheidungen haben Konsequenzen. Zu sagen, Zensur sei lediglich ein staatlich-rechtlicher Vorgang, wird problematisch, wenn Unternehmen die Wahrnehmung und Produktion von Informationen steuern, die juristische Beschränkungen mit geschickten Tricks umgehen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Menschen solche Entscheidungen zurückweisen und eine Rückkehr zum Status Quo Ante fordern. .

Doch diese Kritik hat einen blinden Fleck: Facebook, Amazon und Google werden oft vorschnell verurteilt und an anderen Maßstäben gemessen als staatliche Akteuere und oder kleinere Firmen. Im konkreten Fall geht es darum, dass Gefälligkeitsrezensionen erschwert werden sollen. Mit demselben Problem kämpfen Google und Facebook (und auch Wikipedia): Menschen und Unternehmen nutzen die Plattformen, um Aufmerksamkeit für Unterfangen zu generieren, welche den meisten anderen Benutzerinnen und Benutzern schaden.

Bildschirmfoto 2015-07-10 um 13.17.31Das betrifft auch meine Bücher. Die meisten Rezensionen entstehen aus der Situation einer gegenseitigen Sympathie. Die einhellig positiven Bewertungen schmeicheln mir zwar und freuen den Verlag – sie sind aber nicht das Resultat einer ganzheitlichen Lesermeinung, sondern letztlich eine Gefälligkeitsarbeit für mich.

Ändert Amazon etwas daran, so verbessert sich die Qualität der Rezensionen. Amazon will, dass Bücher verkauft werden – weil das Unternehmen an jedem Buch etwas verdient. Man darf also davon ausgehen, dass hinter der Entscheidung durchaus auch die Interessen der Autorinnen und Autoren stehen. Es erfolgt lediglich eine Machtverschiebung.

Diese einzelnen Entscheidungen zu beklagen, mit denen die Verhältnisse der User von Plattformen verändert werden, ist immer eine Verteidigung der vormals Mächtigen. Dass Amazon, Facebook und Google Entscheidungen fällen, ist selten problematisch – sondern innerhalb der Markt- und Rechtsordnung sogar vielfach wünschenswert. Vielmehr ist zu kritisieren, dass große Unternehmen über die Verwendung von Infrastruktur bestimmen können, die demokratisch verwaltet werden sollte.

Google und die Wahrheit – ein Gedankenexperiment

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Ohne Google (oder andere Suchmaschinen) ist eine Navigation im Meer von Informationen nicht mehr denkbar. Doch welchen Prinzipien folgt diese Navigation? Man könnte denken, dass Google schlicht »die Wahrheit« als Orientierungspunkt verwenden sollte. Aber stimmt das?
Betrachten wir dazu drei hypothetische Szenarien:

  1. Ich will mit dem Zug von Münster nach Paderborn fahren und schlage bei Google den Fahrplan nach. 
    Klar: Zu erwarten ist, dass ich die schnellste oder kürzeste Route vorgeschlagen bekomme – auch wenn es in einem entlegenen Umsteigebahnhof einen Donut-Shop hat, der Google für Anzeigen und vielleicht sogar Umsteigetraffic bezahlt. Google berücksichtigt meine Interessen stärker als die der Werbekunden.
    Was aber, wenn Google weiß, dass ich immer in einem Donut-Bahnhof umsteige und bereit bin, einen längeren Weg dafür in Kauf zu nehmen? Soll Google mir dann diesen Vorschlag unterbreiten?
  2. Ich will Informationen darüber erhalten, ob ich meine Kinder impfen soll. 
    Hier stellt sich die Frage, wie meine Haltung gegenüber Impfungen lautet. Google weiß aus meiner Such- und Lesegeschichte oft, ob ich gegenüber schulmedizinischen Verfahren aufgeschlossen oder skeptisch bin. Soll also Google Impfskeptikern andere Informationen ausliefern als Befürwortern?
  3. Ich suche nach Informationen über Suizidmethoden.
    Nun wird deutlich: Es ist weder klar, was »meine« Interessen in einem solchen Fall genau sind – Google weiß vielleicht, dass ich schon lange an einer schweren Krankheit leide etc.

Die Gedankenexperimente stammen aus diesem Atlantic-Artikel. Sie sind sicher nicht neu: Im Kern enthalten sich ethische Überlegungen, die auch Fachkräfte in Bibliotheken anstellen müssen. Sollen sie neutral agieren und den Nutzerinnen und Nutzern die Informationen anbieten, welche die – warum auch immer – verarbeiten wollen? Können Sie das überhaupt – oder geben sie nicht schon durch die Selektion und Präsentationen von Bibliotheksinhalten eine bestimmte Haltung vor?

Google tut das auch. In Europa können Betroffene Verlinkungen von Google zu Seiten mit persönlichen Informationen verhindern – auch in anderen Ländern nehmen Gesetze Einfluss auf die Funktionsweise der Suchmaschine.

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Mir scheint die Konsequenz klar: Google braucht ein Gesicht. Eine Redaktion, die solche Entscheidungen fällt und die Verantwortung dafür übernimmt. (Das habe ich im Kassensturz auch schon für Youtube gefordert.) Ohne Entscheidungen kann Google nicht funktionieren – sie können höchstens versteckt werden.

»There Will Be Blood« – kurze Kritik des Nerdcore-Essays

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Der bekannte Nerd-Blogger René Walter hat einen großen Essay zu Wut im Internet publiziert. Er greift dabei auf Debatten zurück, die längst viel differenzierter geführt worden sind – und ignoriert damit wesentliche Beiträge von Expertinnen zu Themen wie »Hate Speech« und Gamergate. Yasmina Banaszczuk fasst diese Kritik wie folgt zusammen:

[Walters] Pseudodifferenzierung führt zur Gleichsetzung von Hate Mobs und den Reaktionenen Betroffener.
[Darüber hinaus] ist die Unsichtbarkeit der Expertinnen, die seit mehreren Jahren darüber schreiben, [ein Problem des Textes].

Im Folgenden führe ich meine Kurzkritik, die ich auf Twitter publiziert habe, auf Wunsch aus. Ich werde dabei keine ausführliche Diskussion der beiden oben genannten Debatten aufgreifen: Dazu wurde das Wesentliche schon von kompetenteren Leuten gesagt. Ich beschränke mich auf die Argumentation und Form von Walters Essay. (Die Einleitung habe ich in einem Update eingefügt.)

»Im Underground zählt einzig und allein die ästhetische Qualität«, sagte Walter vor Jahren in einem Interview. Zum Underground rechnet er seine Arbeit dazu. Diese ästhetische Qualität geht seinem Essay ab. Hauptsächlich aus drei Gründen: Der Text ist erstens zu lang für seinen argumentativen Gehalt. Dadurch verlieren die präsentierten Zusammenhänge an Klarheit. Das mag eine bewusste Strategie sein, ist aber ein ästhetisches Problem.

Zweitens verunmöglicht die grafische Gestaltung eine konzentrierte Lektüre. Illustrationen erhalten eine Eigendynamik, sie sind keine Ergänzung des Textes, sondern führen von ihm weg. Ein Beispiel: Das sehe ich, wenn ich den Text in meinem Browser lese.

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Drittens wählt Walter eine Sprache, die Netzjargon, Umgangssprache, Verlinkungsreferenzen und Neologismen so verbindet, dass die mit ihr transportierten Argumente dahinter verschwinden. Betrachten wir einen Auszug:

Ich sehe immer mehr Artikel zu Wut und Trollen, Online-Harassment und virtueller Gewalt an jeder Ecke. Wir reden immer lauter über Emotionen im Netz, wie sie darin geformt und übersteuert werden, über Empathie und wie sie in einer digitalen Welt funktionieren kann. Die Diskussion ist längst in Deutschland angekommen, spätestens mit dem Drama um die provokativen Texten von Frau Von Rönne in der Welt oder der Diskussion um das Münkler Watchblog. Websites und Mainstream-Medien leiden schon lange unter dem immer emotionalerem und ausfallenderem Diskussionsverhalten und sogar der neue Pixar-Film handelt von den Gefühlen von Gefühlen. Das Thema ist überall.

For fucks sake: Das Magazin, in das ich die erste Version dieses Textes geschrieben habe, trägt den Untertitel „Liebe & Hass – Wer spielen will muss fühlen“! Und nun sind wir eben an dem Punkt angekommen, an dem sich das Thema nicht mehr länger weg-schulterzucken lässt.

¯\_(ツ)_/¯ is not an Option anymore. What the hell, it never was.

Die drei Abschnitte zwei Behauptungen: Wut und Emotionalität würden intensiver thematisiert (und auch in Deutschland). Deshalb sei eine Diskussion darüber alternativlos geworden. Damit vermischt sind Beispiele: Münkler-Watchblog, die Rönne-Debatte, Pixar-Filme. Ist ihnen – und damit gehe ich nahtlos zur inhaltlichen Kritik des Essays über – etwas gemeinsam? Zeigen sie Wut oder Emotionen in einem exemplarischen Sinne? Sind Wut und Emotionen (und Empathie) dasselbe oder müssen wir sie unterscheiden?

Solchen Fragen und der damit verbundenen Begriffs- und Argumentationsarbeit weicht der Text trotz seiner Länge aus. Er funktioniert im besten Fall assoziativ: Fundstücke und Bruchstücke von Gedanken werden in eine Beziehung gesetzt, die selbst nicht erklärt wird.

Ein weiteres Beispiel dafür ist der folgende Absatz, der auf ein Bild verweist:

Exakt das sieht man in diesem bekannten Graph, der einen Schnappschuss der Gamergate-Debatte in einer Netzwerk-Visualisierung zeigt. Ich verwette meinen Arsch darauf, dass graphische Abbildungen angrenzender Debatten exakt genauso aussehen. Das hier und die tausenden Gamergate-Screenshots sind, mehr oder weniger, eine neue Form der Kriegs-Fotografie:

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Um ehrlich zu sein: Ich sehe nichts in diesem Bild, was ich als »exakt« bezeichnen würde. Dafür müsste ich über die Methodik, die Visualisierungsform, die Datengrundlage etc. aufgeklärt werden. Zudem kann ich nicht beurteilen, wie gehaltvoll Aussagen sind, auf die Walter seinen Arsch verwettet.

Die Vermutung, dass in Debatten eine Polarisierung entsteht, ist letztlich so trivial und nichtssagend wie die Behauptung, die Diskussionskultur sei online eine viel radikalere als – Achtung, Jargon! – im »Meatspace«. Da entwickelt René Walter einen reaktionären digitalen Dualismus, der wenig bringt. Als ob es offline keine polarisierenden Debatten gäbe.

Letztlich verliert sich der Essay in der Forderung, es bräuchte halt einmal mehr Empathie (am besten mit technologischen Lösungen) und gleichzeitig doch viel Polemik:

Natürlich geht das meistens schief und dann muss man eben die Rechnung zahlen, aber das ist eben die andere Seite: Derbe, möglicherweise auch zunächst schmerzhafte Provokationen können Grenzen verschieben, neue Dinge ermöglichen und Horizonte erweitern. Deshalb nochmal: „It’s extremely important to be able to be nasty to each other for society.“

So haben am Schluss alle Recht, nur die anderen nicht: Die Gamer haben bei Gamergate recht, weil es doch um journalistische Ethik geht, die Feministinnen haben auch recht, aber nur, wenn sie nicht wirklich radikal sind. Der Text ist eine gebastelte Apologie für die eigene Position: »Seht mal, ich habe ein paar Studien, Memes und Youtube-Videos gefunden, die sagen, dass ich so weitermachen kann wie bisher. Aber meine Privilegien habe ich total gecheckt.«

Walter agiert wie der von ihm zitierte »Let’s Player«, der bemerkt, dass er im Videospiel GTA V nicht nur eine schwarze Frau getötet hat, sondern auch den Moment wahrnehmen konnte, in dem sie gestorben ist. »Shit, now I feel bad«, sagt er, um dann den Moment mit einer Horrorästhetik ironisch zu unterlaufen. Seine Einsicht bleibt ohne Konsequenzen. Zu denken, bessere Visualisierungen von Todesszenen würden zu einer Kultur der Empathie (mit Spielfiguren?) führen, ist entweder ein apolitisches Spiel mit dem Leser oder blanker Zynismus.

* * *

Dann noch ein Buchtipp:

(Da gibt’s ein fantastisches Buch über die Geschichte der Raumwahrnehmung, von der Antike bis Virtual Reality, fast schon Umberto-Eco-Level of Analysis, habe ich hier schon öfter erwähnt. Leider habe ich das Buch nicht mehr und ich komm um’s Verrecken nicht mehr auf den Namen. Auch das habe ich hier schon öfter erwähnt. Hrmpf.)

Was ich auf der #digilit15 gelernt habe

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Die letzten drei Tage habe ich auf der Tagung digital.sozial.marginal? in Münster viel über Game Studies, Computerspiele und gesellschaftliche Fragen gelernt. Die wichtigsten Eindrücke halte ich hier fest. 

Mein eigener Vortrag zu digitaler Literatur im Deutschunterricht ist hier abrufbar

* * * 

1. Das alte Denken verschwindet langsam. 

Denken wir über Bücher oder allgemein über Kunst oder soziale Gegebenheiten nach, sind wir geprägt von Vorstellungen, mit denen wir sozialisiert wurden. Ein Buch erscheint dann als fixiertes Werk mit einem Autor und einem Normleser, der das Buch auf eine bestimmte Art behandelt. Vor diesem Hintergrund beginnen wir dann, andere Phänomene zu verstehen: Wir behandeln digitale Literatur und Computerspiele, als funktionierten sie wie ein Buch. Dabei funktioniert noch nicht mal ein Buch so – wir denken einfach, es täte das. Die Literaturwissenschaft weiß beispielsweise schon länger, wie wichtig eine Betrachtung der Editionsgeschichte von Büchern ist: Wir lesen nicht das Buch, sondern nur eine Version von einem Buch. Dasselbe ist in einem viel stärkeren Maße bei Computerspielen der Fall: Die werden oft wöchentlich wenn nicht täglich gepatcht und geupdated. Das in die Analyse direkt mit einzubeziehen, ist aber – aufgrund des hartnäckigen alten Denkens – nicht immer einfach. Das zeigt sich auch beim nächsten Punkt.

2. Wem gehört der digitale Text? 

Wie selbstverständlich denkt die Leserin, ein Kindle-Buch gehöre ihr genau so, wie ein Buch, das in ihrer Bibliothek steht. Dennoch räumt Amazon lediglich ein Nutzungsrecht ein, während die Leserin den Text aber mit ihren Markierungen und Kommentaren erweitert und so wiederum Inhalte schafft, welche Amazon nutzt. (Das tut sie auch allein durch die Lektüre, im neuen Modell sollen Autorinnen und Autoren auch auf der Basis von Lesestatistiken vergütet werden.)

https://twitter.com/NeinQuarterly/status/614733222904107008

Diese neue Art von Autorschaft hat auch der Stargast der Tagung, @neinquarterly, im Münsteraner Hafen erläutert: Nachdem der erste Artikel über ihn in einer deutschen Zeitung erschienen sei, habe er negative Reaktionen erhalten – viele Twitter-User hätten den Eindruck gehabt, ihnen gehöre ein Teil des Projekts. Was aus einer alten Denkweise komplett absurd erscheint, ist digital nachvollziehbar: Die Bedeutung von Jarosinskis Projekt liegt in der Aufmerksamkeit, die seine Inhalte generieren können. Diese Aufmerksamkeit verschaffen die Menschen, die mit dem Profil interagieren (und ihm auch interessante Inhalte schicken).

3. Mit Computerspielen die Gesellschaft beobachten. 

In der neuen Version der Fifa-Fußballreihe von EA Sports wird es möglich, mit Frauenmannschaften zu spielen. »[W]ie es auch im realen Frauen-Fußball üblich ist, können sich die Frauen-Teams in FIFA 16 nur untereinander messen und nicht mit den Männer-Teams«, schreibt EA Sports dazu. Zu Pyrotechnik sagt der Pressesprecher hingegen Folgendes:

Pyrotechnik ist in Deutschland ein viel diskutiertes und eher negatives Thema. Es ist ein Verletzungs- und ein Sicherheitsrisiko. Daher ist und bleibt es in Deutschland verboten. Das bedeutet: FIFA wird sicher keine Dinge einbauen, die aus rechtlicher, wirtschaftlicher, medialer und normativer Sicht nicht vertretbar sind.

FIFA macht als Computerspiel zunächst beobachtbar, wie das Entwicklungsspiel die Welt und ihre Regeln sieht. Sie konstruieren eine Welt, die juristischen Gesetzen und FIFA-Richtlinien folgt – und bezeichnen diese als real: Während doch in der Wirklichkeit (ich problematisiere den Begriff für einmal nicht) Pyros in Stadien abgebrannt werden und Frauen mit Männern zusammen Fußball spielen (und auch gegen Männer). Das Computerspiel hebt gewisse Normen auf (schlechte Mannschaften gewinnen mit geschickten Spielern Pokale in Serie), setzt andere fest. Anders ist das nicht denkbar. Schlüpft man in die Haut der EA Sports Verantwortlichen, wird deutlich, dass sie nicht umhinkommen, die Realität zu interpretieren und damit eine neue Realität zu schaffen: Auch wenn Frauenmannschaften gegen Männermannschaften spielen könnten, müsste entschieden werden, wie stark die einzelnen Spielerinnen und Spieler in Relation zueinander sind etc.

Die andere Option wäre, FIFA als eine Plattform zu verstehen, die Verhalten der User beobachtet, indem die Spielenden entscheiden können, wie stark Spielfiguren und Teams sind. Dadurch entsteht dann aber automatisch wieder eine Art von Normalisierung: Abgleichverfahren wie Online-Spiel-Modi etc. würden dazu führen, dass die Spieler mehrheitlich ähnliche Spielwelten schaffen. Normen – so eine für mich bei Butler entscheidende Erkenntnis – sind eine soziale Konstante. Die Utopie einer normfreien Welt kann auch das Computerspiel nicht einlösen.

4. Entscheidungen beobachten. 

Entscheidungen waren durchwegs Thema der Tagung – ich möchte dazu bald eine Unterrichtseinheit gestalten. Luhmanns Erkenntnis, dass sich Entscheidungen erst im Nachhinein beobachten lassen, setzen dabei die Telltale-Games (z.B. Walking Dead) exemplarisch um – obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass das Spiel gar keine Entscheidungen anbietet, sondern nur suggeriert, es handle sich um eine Entscheidung. Menschen nehmen offenbar die Entscheidungs-Situationen, in denen sie sich nicht auf eine Normvorgabe der Gesellschaft verlassen können, als besonders reizvoll wahr, wie Raphael Stübes Analyse von Entscheidungsbäumen im Spiel gezeigt hat.

5. Flüssige Begrifflichkeit. 

Kai Matuszkiewicz hat beim Computerspiele eine mediale Narration von einer personalen Unterschieden: Gewisse Geschichten werden vom Spiel erzählt, andere erzählen sich die Spielenden während des Spiels. Diese Unterscheidung wird sofort wieder problematisch, wenn Spielerinnen und Spieler Let’s-Play-Videos auf Youtube veröffentlichen: Ihre personale Narration ist sogleich wieder eine mediale.

Die Tagung hat mir so gezeigt, dass Begriffsarbeit zwar wichtig ist, aber nur Voraussetzung, nicht Garant für Verständnis von interessanten Phänomenen ist.