Anstand und Social Media

Gestern habe ich mir die erste Folge der neuen ABC-Serie »Selfie« angesehen. Die Ausgangslage: Eine junge Frau ist ein »Instastar«, also ein Star auf Instagram. Sie nutzt Social Media um soziales Kapital zu generieren – in ihrer Firma genießt sie gewisse Privilegien. Nur merkt sie selbst nicht, dass sie die Likes und Online-Kontakte nicht in wirklich bedeutungsvolle Interaktionen umwandeln kann: Zu Beginn der Folge wird sie krank und findet niemanden, der oder die ihr ein Ginger Ale an die Badewanne bringen würde. Schnell wird klar, warum: Die junge Frau ist nämlich äußerst unfreundlich zu ihren Mitmenschen. Sie kennt keine Manieren, weil sie ständig mit sich und ihrem Smartphone beschäftigt ist.

Danach entwickelt sich eine Pygmalion-Geschichte: Ein erfolgreicher asienstämmiger Mitarbeiter nimmt sich der jungen Frau an. Er unterrichtet sie trotz Widerständen darin, sich sozial angemessen zu verhalten. Er macht sie zu seinem Geschöpf, an dem er durchaus auch erotisches Interesse hat, wenn es später seinen Vorstellungen entspricht. Ob die Geschichte wie die von Shaw hin zur Unabhängigkeit der Frau kippt, lässt sich in der Pilotfolge noch nicht abschätzen.

Das Bild der Social-Media-Nutzung, wie es in der Serie gezeichnet wird, ist breiter verbreitet, als es das überzeichnete Format erahnen lassen könnte:

  1. Social Media machen oberflächlich.
  2. Social Media führen zu einer ausschließlichen Beschäftigung mit sich selbst.
  3. Social Media führen zu einem Niedergang von Sitten und Anstand.
  4. Social Media machen unglücklich und einsam.
  5. Social Media sind hauptsächlich ein Problem von jungen Frauen.
  6. Wer Social Media intensiv nutzt, müsste einen Kurs besuchen, um von wirklich erfolgreichen Menschen (Männern) zu lernen, wie man das Leben meistert.

Hier soll es nicht darum gehen, diese sechs Aussagen zu prüfen. Einige davon scheinen sich erhärten zu lassen (hier z.B. eine neue Studie zu 4.), andere entstehen durch Vorurteile. Eingehen möchte ich nur auf die Frage des Anstands.

Zu einem NZZ-Beitrag war gestern folgender Lead zu lesen:

Noch nie waren schriftliche Umgangsformen so undefiniert wie heute. Höflichkeiten verschwinden, Sender und Adressat sparen Zeit – und haben doch immer weniger davon.

Im Artikel hält der Kommunikationswissenschaftler Joachim Höflich fest, »Forschheiten« würden zunehmen, weil sie »herkömmliche Muster« aufgelöst haben. Er erwähnt ein klassisches Beispiel: Die Anrede bei E-Mails. Sie sei salopp geworden (»Hallo, Herr Höflich«) oder fehle ganz. Im Text steht auch die schweizerische Angewohnheit, eine E-Mail mit »Grüezi Herr Höflich« zu beginnen. Sie wirke wie andere in diesem »Pluralismus« von Umgangsformen »unbeholfen«.

Dazu sind zwei Punkte anzumerken:

  • Die Wertung (»Forschheit«, »unbeholfen«) geht aus von Personen, die mit den »herkömmlichen Mustern« vertraut sind und sich darauf stützen, wenn sie neue Interaktionsformen beurteilen.
  • Wie Ilana Gershon in ihrem Buch »The Breakup 2.0« nachweist, suchen junge Menschen im Umgang mit E-Mail nach der richtigen Mischung zwischen Nähe und Distanz. Einen Professor mit »Sehr geehrter Herr Höflich« anzusprechen, wirkt zu distanziert und unpersönlich – man kennt sich ja und ist sich nicht fremd. »Lieber Herr Höflich« geht nicht, weil das eine zu große Nähe signalisieren würde. Bleibt ein Mittelweg – »hallo« eben, oder »grüezi«.

Gershon hält fest, dass neue Mittel, Beziehungsarbeit zu medialisieren, zu neuen »Idioms of Practice« führen, also zu neuen Gebrauchsdialekten. Diese Metapher besagt, dass es regional und sozial unterschiedliche Ausprägungen von Gebrauchsnormen geben wird, weil Menschen unterschiedliche Erwartungen haben.

Eine Reflexion der Smartphone-Kultur tut somit not. «Schulen und Medien sollten sie vermehrt bewusstmachen. Denn wir brauchen anerkannte Regeln, damit die Kommunikation weitergeht».

Diese Forderung von Höflich zielt in die völlig falsche Richtung: Die Regeln entstehen, weil Kommunikation weitergeht. Normen sind nötig, damit Kommunikationsschritte aneinander anschließbar werden. Normen entfallen, wenn ihr Sinn nicht vermittelt werden kann und sie Kommunikation behindern. Zu meinen, Schulen und Medien müssten Kindern und Jugendlichen klar machen, wie eine E-Mail-Anrede lauten soll, ist kurzsichtig: Das lernen alle Menschen dann, wenn sie gerne hätten, dass ihre Mails beantwortet werden. Genau so lernen wir schließlich auch, wen wir duzen und wen siezen sollen, wann wir unsere Schuhe ausziehen und wenn jemanden beim Sprechen unterbrechen dürfen.

Smartphones sind dann ein Problem, wenn sie verhindern, dass Menschen ihre Erwartungen äußern können. Wenn Mitmenschen den Blickkontakt oder das offene Gespräch verweigern – wie das die »Selfie«-Protagonistin tut -, dann muss man artikulieren können, dass einen das stört. Ihre Erwartungen in Bezug auf Anstand und soziale Gepflogenheiten können Menschen aber heute – wie früher auch – selbst austauschen. Dazu brauchen sie keine Anleitungen.

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Schulen und linke Ideologie

Viel zu häufig setzen sich jedoch Lehrpersonen über das Prinzip des neutralen Wissensvermittlers hinweg und versuchen, ihre Schüler einseitig mit ihrer politischen Haltung zu beeinflussen.

Ausgehend von dieser Feststellung wurde heute in der Schweiz eine Initiative gestartet, mit der Schülerinnen und Schüler ermuntert werden sollen, mithilfe einer politischen Partei »überprüfte Kompetenzüberschreitungen durch Lehrpersonen« zu erfassen. Gemeint sind »Fälle politisch motivierter Indoktrinationsversuche und von Benachteiligung eines Schülers aufgrund konträrer Meinungsäusserungen. Dazu gehören auch die einseitige oder grob verzerrte Darstellung politischer, historischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge und die Verunglimpfung von Politikern oder Parteien.«

Die Aktion selbst ist ein Versuch der Indoktrination und der politischen Einflussnahme auf die Schule. Ihre Widersprüchlichkeit zeigt sich schon darin, dass sie einerseits erwartet, »politische, historische und wirtschaftliche Zusammenhänge« sollten nicht verzerrt dargestellt werden, andererseits davon ausgeht, es gäbe jeweils mehrere Seiten, die zur Sprache kommen sollten.

Um das Problem, um das es hier geht, genauer fassen zu können, müssen wir davon ausgehen, dass Fakten nicht der relevante Aspekt sind. Entscheidend sind ihre Auswahl und ihre Gewichtung. Anders formuliert: Wie in Schulen Wissen vermittelt wird, ist weniger diskussionswürdig als die Frage, welches Wissen in welchen Zusammenhängen vermittelt wird. Daraus ergibt sich sofort die Einsicht, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, Inhalte auszuwählen und ihnen eine Bedeutung beizumessen.

Das System Schule sollte sich dieser Einsicht stellen. Das tut sie mit dem Konzept der Lehrfreiheit: Lehrpersonen erhalten eine gewisse Freiheit im Umgang mit Lehrplänen. Diese stellen einen demokratisch legitimierten Rahmen für die schulische Arbeit dar, gewähren aber auch Raum für einen individuellen Zugang. So sollten fähige Lehrpersonen gerade die oben bemerkte Kontingenz vermitteln – also zeigen, dass hier eine bestimmte Selektion vorgenommen wird, die auch anders ausfallen könnte. Schülerinnen und Schüler müssen erkennen können, dass historische Begebenheiten, wirtschaftliche Zusammenhänge und wissenschaftliche Einsichten mehr als eine Bedeutung zulassen.

Sie müssen auch verstehen, dass es kein Wissen ohne Ideologie gibt. Wer etwas für richtig hält, vertritt damit eine Position. Eine ideologiefreie Schule wäre eine wissenslose Schule, gar eine inaktive: Schon die Frage, wie sich Schülerinnen und Schüler in ein Zimmer setzen sollen, ist zutiefst ideologisch.

Eine gute Lehrperson und eine gute Schule machen ihre Ideologie transparent. Sie verstecken sie nicht, sondern sie stehen dazu. Sie weisen auch auf Alternativen hin, stehen aber für ihre Wahl ein, ohne anderes lächerlich zu machen. Ein idealer Lehrkörper versammelt unterschiedliche Stimmen, die auch eine Auseinandersetzung ermöglichen. Verantwortungsbewusste Schulen orientieren sich an einem gesellschaftlichen Konsens, der ihnen durch demokratische Rahmenbedingungen abgesteckt wird. Dass dieser Konsens in Bezug auf die Schule links geprägt ist, hängt auch damit zusammen, dass Werte wie Meinungsfreiheit, Solidarität und Verantwortungsbewusstsein für viele Gesellschaften bedeutsam sind und deshalb im Bildungssystem verankert werden.

In einer Reaktion auf die Initiative heißt es:

Was in den Schulen gelehrt wird hat nichts mit Ideologie zu tun. Gelehrt wird das, was wissenschaftlicher Konsens ist.

Das sind zwei meines Erachtens recht naive Aussagen, die nicht tauglich sind, der Initiative den Wind aus den Segel zu nehmen. Wissenschaft führt nie zu einem Konsens, sondern lebt von einer permanenten Auseinandersetzung.

Wer Schulen auffordert, diese Auseinandersetzung auszutragen, lebendiges Wissen anzubieten und ihre Annahmen permanent zu hinterfragen, verdient Respekt. Wer darauf hinweist, dass Meinungsvielfalt in der Bildung einen hohen Stellenwert hat und blinde Flecken eine Gefahr für Lernen und Lehren darstellen, nimmt wichtige Aspekte auf.

Aber wer zum Schein »freie« Schulen fordert, um sie zu unfreien zu machen, verdient Widerstand. Indoktrination ist kein Mittel gegen Indoktrination.

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#filtertipps 1: Zeit als Filter

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Orientierung und Konzentration erfordern bei digitalen Informationen eine Reihe von Kompetenzen, die man englisch »digital literacy« nennt. Filterkompetenz ist ein wichtiger Bestandteil: Die Fähigkeit, nicht relevante Informationen und Inhalte mit Filtern unsichtbar zu machen. Die analoge Welt nutzt viele Filter: Inhaltsverzeichnisse bei Büchern, Kataloge in Bibliotheken, Register, Redaktionen von Zeitungen etc. haben neben vielen anderen Funktionen auch die Aufgabe zu filtern. 

In einer losen Serie möchte ich hier Techniken und Werkzeuge vorstellen, mit denen digitale Informationen gefiltert werden können. Das ist der erste Teil. 

* * *

Als wir das erste Jahr Handys benutzten um SMS zu verschicken, konzipierte ein Freund von mir den »Loop«: Unter Alkoholeinfluss, im Streit oder bei sonstigen Formen von eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit könne man SMS zwar entwerfen, solle sie aber erst am nächsten Tag abschicken. Dieser Loop stelle sicher, dass die Nachricht wirklich den eigenen Absichten erfolge.

Er hat damit die Zeit als Filter eingesetzt. Lässt man Zeit verstreichen, so kann sich die Bedeutung von Informationen ändern.

Eine effiziente Strategie im Umgang mit Emails nutzt diese Einsicht ebenfalls. Sie nennt sich Yestermail oder Yesterbox und besteht darin, grundsätzlich immer nur die Email vom vergangenen Tag zu lesen. Viele dringende Anfragen werden bedeutungslos, wenn man 24 Stunden wartet. Mehr noch: Wissen Menschen, dass man diese Filtermethode anwendet, so verzichten sie darauf, Mail zu verschicken, die darauf angelegt sind, einen im konkreten Arbeitsablauf zu unterbrechen.

Dieselbe Technik wenden Menschen schon länger bei der Zeitungslektüre an: Sie lesen lieber den Economist oder die Wochenendausgabe der NZZ auch unter der Woche, statt sich vom täglichen Aufmerksamkeitszirkus des Newsjournalismus vereinnahmen zu lassen. Mit dem zeitlichen Abstand steigt die Klarheit und Informationen werden relevant, weil sie sich in den Köpfen gesetzt haben.

Zeit ist aber auch in einem anderen Kontext ein wichtiger Filterfaktor: Bei Suchresultaten. Google erlaubt uns, einen Zeitraum für Suchresultate festzulegen. Oft interessieren mich nur aktuelle Einträge – dann nutze ich die Möglichkeit, den Zeitraum auf die letzte Woche zu beschränken. Funktioniert aber auch umgekehrt: Wer wissen will, was Newsportale zu einem bestimmten Thema während eines Ereignisses geschrieben haben, kann die Suche so präzise halten und Unwichtiges wegfiltern.

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Dasselbe gilt für die Suche nach wissenschaftlichen Papers bei Google Scholar, nach Büchern bei Google Books und auf der eigenen Festplatte sowie an vielen weiteren Orten: Eine zeitliche Einschränkung verbessert die Suche massiv.

Viele mobile Geräte und Plattformen sind auf Instant-Kommunikation angelegt. Sie unterbrechen unsere Arbeit und Denken mit Push-Nachrichten, weil sie unsere Aufmerksamkeit wollen. Dabei helfen sie uns mehr, wenn wir ihnen Rhythmen und Zeiten vorgeben. Wenn wir also Filter nutzen.

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»starren« hat ausgedient – wie brauchen ein Smartphone-Verb

Menschen lesen Bücher. Sie lesen die Zeitung. Sie schauen sich einen Film an.

Aber sie starren auf ihre Smartphones.

»Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« Die Grenzen unserer Sprache legen nahe, dass wir uns dem Smartphone gegenüber verhalten wie die Maus vor der Schlange. Da öffnet sich ein Fenster in die Welt – und wir verfallen in eine Schockstarre.

Nur: Ich erlebe mich selbst anders. Ich lese bei QZ, was ich über die Welt, in der ich lebe, wissen muss. Auf Empfehlung kluger Menschen lese ich längere Essays, nehme Studien zur Kenntnis, sehe mir Hintergrundsendungen an, versuche zu verstehen. Gleichzeitig empfehle ich anderen Texte, diskutiere. Wie man immer dieser Tätigkeit sagen will: »Starren« trifft es nicht.

Im Hintergrund steht eine Opposition, die längst nicht mehr haltbar ist: Lesen gedruckter Texte wird aufgewertet – selbst wenn diese Texte nichtssagende Klischees wiederholen. Eltern sind froh, wenn ihre Kinder lesen – egal was es ist, was sie da lesen. Digitale Tätigkeiten werden – auch sprachlich – ständig abgewertet: Meist ohne genaue Prüfung dessen, was da vorgeht.

Werden wir genauer in unseren Beschreibungen und Wertungen. Dazu gehört auch zu formulieren, wohin man denn gerne möchte. Mein Ideal: Der lesende Klosterschüler, wie ihn Andersch in Sansibar beschreibt:

Er las ganz einfach. Er las aufmerksam. Er las genau. Er las sogar in höchster Konzentration. Aber er las kritisch. Er sah so aus, als wisse er jeden Moment, was er da lese. Seine Arme hingen herab, aber sie scheinen bereit, jeden Augenblick einen Finger auf den Text zu führen, der zeigen würde: das ist nicht wahr. Das glaube ich nicht.

Der Einfluss von Technologie: Realität und Ideal

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Führt man eine ideologische Diskussion über Wirtschafts- und Politiksysteme, entsteht früher oder später ein unfairer Vergleich: Die realen Auswirkungen eines unsauber umgesetzten Systems – beispielsweise des Kommunismus vor dem Mauerfall – werden mit den idealen Auswirkungen eines theoretischen Systems verglichen – beispielsweise dem Einhorn-Kapitalismus, der Frieden schafft und Hunger eliminiert.

Dasselbe Problem ergibt sich bei der Diskussion von Social Media und anderen digitalen Werkzeugen: Während Social Media in der Realität zu einer gigantischen Unterhaltungsmaschine geführt haben, die von wenigen sinnvoll genutzt werden kann und an gewissen Orten massiven Schaden anrichtet, werden sie – auch von mir – oft an ihrem Potential gemessen, das sie nur dann entfalten, wenn enorm viele individuelle Nutzerinnen und Nutzer vernünftige Wesen mit hoher Medienkompetenz wären.

Und das Problem begegnet uns gleich noch einmal: in der Schule nämlich. Lehrpläne, Kompetenzbeschreibungen, didaktische Methoden und Theorien, die Planung von Schulen und Lehrpersonen und vieles mehr lassen sich nur Kritik in Bezug auf ihre idealen Umsetzungen gefallen. Keinesfalls dürfen sie an der Realität gemessen werden.

Kurz: Wenig immunisiert so gut gegen Kritik wie der Verweis auf ungünstige Rahmenbedingungen. Kommunismus wäre wundervoll, gäbe es keine korrupte und unfähige Elite, welche Ressourcen verschwendet. Kapitalismus ebenso, würden Staaten keine Spielregeln festlegen. Dasselbe gilt für Technologie und Bildungspolitik.

* * *

Was hilft gegen diese argumentative Falle? Zunächst die Einsicht, dass selbstverständlich eine ungünstige Ausgangslage auch kein Argument gegen eine Theorie ist. Konzepte dürfen davon abhängig sein, wie sie umgesetzt werden – anders ist das ja gar nicht denkbar. Zu dieser Einsicht muss sicher Kritik treten. Der Literaturwissenschaftler Roland Reuss hat in der NZZ heftig die Immunisierungskraft von Social Media gegen Kritik angeschrieben – lesenswert dazu auch Mercedes Bunz über Kritik im Zeitalter der Digitalisierung (kostenpflichtig). Ein Beispiel: Das Problem, dass in vielen westlichen Ländern statistisch gesehen nur Kinder und Jugendliche aus bestimmten Milieus Erfolgschancen haben, wird durch den Einsatz von Technologie – die allen Zugang zu Informationen, Wissen und Bildung verspricht – nicht gelöst, sondern verschlimmert. Die negativen Effekte der Mediennutzung führen – wie schon beim Fernsehen – dazu, dass andere Angebote wie Bildung nicht optimal zur Geltung kommen. Kritik muss diesen Zusammenhang benennen und Lösungen für schwierige Probleme suchen – iPads verteilen hilft dabei nicht.

Selbstverständlich kann Technologie ein Hebel sein, um Veränderungen im Bildungsalltag oder in anderen sozialen Kontexten zu bewirken. Dieser Mechanismus ist aber kein Automatismus, sondern kann nur spielen, wenn ein Problembewusstsein vorhanden ist.

* * *

Zu der zuvor erwähnten Kritik sagt Benjamin Bratton in einem sehenswerten TED-Talk Entscheidendes: TED – also die Veranstaltung, an der inspirierende Rednerinnen und Redner über Technology, Education und Design sprechen – ginge davon aus, dass Probleme Rätsel seien, zu deren Lösung lediglich eine Neuanordnung aller Elemente nötig sei. Die Hoffnung ist dabei meist die, dass Technologie dabei hilft – und Probleme verschwinden, wenn genügen Rechenleistung vorhanden ist. Dabei würde zu viel Aufwand für Dinge betrieben, die nichts bewirkten, aber uns ein gutes Gefühl geben – statt in Ansätze, die funktionieren, aber uns kein gutes Gefühl vermitteln (Minute 11).

Anleitung: Als Blogger ein Sachbuch schreiben, publizieren und vermarkten

Vor einigen Wochen ist mein zweites Sachbuch, Generation »Social Media«, erschienen. Es wäre vermessen zu behaupten, ich hätte einen riesigen Erfahrungsschatz – gleichwohl möchte ich die Einsichten, die ich habe gewinnen können, hier formulieren. Wie immer ist es hilfreich, wenn andere in den Kommentaren korrigierend und ergänzend eingreifen.

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Die Ausgangslage

Ich gehe davon aus, dass eine Person durch das Führen eines Blogs profunde Fachkenntnisse in einem Gebiet erworben hat. Damit hängt auch ein Netzwerk zusammen, in das andere Fachleute eingebunden sind. Der Blog und seine Akzeptanz bei einem Publikum mit Expertise stellt sicher, dass die nötigen sprachlichen und inhaltlichen Kompetenzen vorhanden sind.

Die Motivation

Blogger führen Blogs – sie müssen keine Bücher schreiben. Mein erstes Buch – Facebook, Blogs und Wikis in der Schule – wurde in einem Jahr gut 1000 Mal verkauft: In dieser Periode wurden einzelne Beiträge auf meinem Blog über 5000 Mal angeklickt. Ein Buch hilft nicht dabei, ein Publikum zu finden, weil sich Bücher nicht von selbst lesen und schon gar nicht von selbst verkaufen. Bücher können aber helfen, ein anderes Publikum zu finden. Meine Zielgruppe waren Lehrpersonen und andere Menschen, die mit Jugendlichen zusammenleben oder -arbeiten. Darunter gibt es viele, die kaum Blogs lesen, Bücher aber schätzen.

Hinzu kommt ein zweiter Aspekt: In vielen Bereichen schaffen Bücher eine Reputation. Zu sagen, man führe ein Blog, zeichnet einen in gewissen Kreisen kaum aus – weil ja, so die Annahme, jede und jeder ein Blog führen könne. Wer Bücher schreibt, wird stärker als kompetent wahrgenommen als wer ein Blog führt. Das gilt auch für die berufliche Qualifikation.

Geld darf keine Motivation sein. Mit Sachbüchern lässt sich im deutschen Sprachraum kaum Geld verdienen. Alle akademischen Publikationen kosten die Autorinnen und Autoren Geld (das manchmal von Stiftungen oder Institutionen bezahlt wird).

Das Konzept

Bevor man das Buch ankündigt, sollte man ein Exposé geschrieben haben: Zwei Seiten mit den wesentlichen Inhalten und Thesen (hier mein Beispiel). Hinzu kommt ein grobes Inhaltsverzeichnis sowie ein Zeitplan. Damit verbunden ist eine Vorstellung davon, wer sich für das Buch aus welchen Gründen interessieren könnte und wer einem helfen könnte, das Buch zu realisieren und zu verkaufen. Ohne Zielgruppe und Netzwerk funktioniert der Prozess meiner Meinung nach nicht.

Verlag oder Fundraising

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, sollte es entweder möglich sein, einen geeigneten Verlag zu finden oder per Fundraising bzw. Crowdsourcing genug Geld zu sammeln, um das Buch im Selbstverlag erscheinen lassen zu können. Dabei sollte der Blog als Nachweis eingebracht werden, dass ein Interesse am Buch besteht.

Wiederum müssen die Erwartungen klar sein: Weder ein Verlag noch Fundraising führen dazu, dass man davon leben kann, ein Sachbuch zu schreiben. Beide Wege führen lediglich dazu, die Kosten für Lektorat, Grafik, Satz etc. abzufedern. Nur Stars unter den Sachbuchautorinnen und -autoren erhalten Vorschüsse bzw. erzielen mit ihren Werken Gewinn.

Meine Erfahrungen mit einem Verlag sind sehr gut. Aber auch für Selfpublishing spricht vieles

Schreiben

Zwei Dinge sind aus meiner Sicht zu vermeiden: Eine Doppelung des Blogs, indem Beiträge einfach in das Buch kopiert werden, sowie das Gegenteil: Ein vom Blog völlig unabhängiges Buch. Gute Ideen und Beiträge müssen ins Buch übernommen werden, aber so, dass engagierte Blogleserinnen und -leser nicht den Eindruck haben, alles schon einmal gelesen zu haben. D.h. es müssen neues Material, neue Recherchen und neue Verbindungen hinzukommen.

Die Blogstruktur mit kurzen, abgeschlossenen Beiträgen ist für ein Sachbuch dankbar – dennoch sollten Teile verbunden und Kohärenz angestrebt werden. Hier hilft nur, kritische Lektorinnen und Lektoren zu bitten, einzelne Kapitel zu kommentieren. Angst, jemanden vor der Abgabe des Manuskripts reinschauen zu lassen, ist aus meiner Sicht völlig unbegründet: Wer mithilft, ist meist auch bereit, für das Buch einzustehen und anderen davon zu erzählen.

Nicht zu lang werden: Blogs versammeln viel Material. Einiges ist überholt, anderes langweilig. Ein knackiges Sachbuch überschreitet gerade mal die 100-Seiten-Marke. Länge ist kein Qualitätsmerkmal. Viele Sachbücher können gut auf 15 Seiten abgehandelt werden – es muss sich lohnen, das Buch zu kaufen.

Überarbeiten und korrigieren

Blogbeiträge sind nie fertig. Sie können immer wieder verbessert und überarbeitet werden. Bei Büchern ist das anders. Es lohnt sich also, drei Korrekturphasen einzuplanen, bei denen jeweils andere Personen beigezogen werden. Viele Verlage korrigieren oder lektorieren Sachbücher kaum oder gar nicht – das sind kostspielige Angelegenheiten (das ist keine Kritik an meinem Verlag, Vandenhoeck & Ruprecht – mit dem ich außerordentlich zufrieden bin). Diese Perfektionierungsschritte gelten auch für die grafischen Belange.

Marketing

Davon verstehe ich wenig. Letztlich befolge ich drei Ziele:

  1. Das Buch breit zu streuen, damit Menschen darüber schreiben und sprechen. Das kostet Geld, lohnt sich aber, wenn man möchte, dass das Buch gelesen wird.
  2. Viele Verknüpfungen schaffen: Im Blog auf das Buch verweisen, bei Wikipedia, in Fachforen etc. Und zwar nicht aufdringlich, nicht werbend: Sondern so, dass die Inhalte anderen Leuten weiterhelfen.
  3. Präsenz in Medien anstreben, die für Zielgruppe attraktiv sind. Das ist einfacher gesagt als getan.

Fazit: Aufwand und Ertrag

Ich arbeite sehr effizient, brauche aber pro Buch sicher mehr als 500 Stunden Arbeit, bis es publiziert wird. Für Marketing etc. kommt in der ersten Phase ein wöchentlicher Aufwand von einem Arbeitstag hinzu. Der Ertrag ist, dass über das Buch gesprochen wird – und im besten Fall etwas Geld reinkommt, das einen Teil der Investitionen abdeckt.

Wer etwas zu sagen hat, sollte ein Sachbuch schreiben. Der Aufwand lohnt sich, die Prozess schafft oft Klarheit und Orientierung in der Thematik. Einfach so nebenbei läuft das aber kaum, auch wenn man auf einen gut gefüllten Blog zurückgreifen kann.

 

 

Learnify in die Schweiz bringen

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Vor zwei Wochen hatte ich die Gelegenheit, in einem Workshop die Möglichkeiten von Learnify kennen zu lernen. Über Learnify wusste ich dank eines Beitrags von Jöran Muuß-Merholz bei PB21 schon einiges. Der direkte Austausch mit Per Brahm, dem CEO von Learnify, war aber in vielen Punkten erhellend. Im folgenden Post möchte ich zuerst Learnify kurz beschreiben, dann erklären, warum ich es wichtig fände, dass Learnify in der Schweizer Bildungslandschaft einen Platz erhielte.

Learnify = Google Docs mit Online-Bibliotheken

Dieser Kurzformel enthält die wesentlichen Eigenschaften: Learnify erlaubt es, mit einfachen Werkzeugen multimediale Dokumente zu erstellen. Texte, Bilder, Videos und interaktive Schaltflächen für Tests etc. lassen sich intuitiv kombinieren. Wie bei Google Drive ist dabei auch Kollaboration stets mitgedacht: Nicht-geschützte Dokumente lassen sich in Kopien editieren. Für den eigenen Lernkontext brauchbare Elemente lassen sich neu kombinieren (auch von Lernenden) – und dann wieder publizieren (nur von Lehrpersonen).

Learnify bietet dabei einen einfachen Zugang zu Copyright-Fragen an: Bei der Suche im Netz werden stets Zugänge angeboten, die zu Materialien führen, die im Schulkontext verwendbar sind (z.B. bei der Bildersuche in Google). Das befreit Lehrpersonen nicht davon, sich mit Urheber- und Nutzungsrechten auseinanderzusetzen, vereinfacht es aber auf eine Weise, die ich noch nie in vergleichbarer Art gesehen habe. Die auf Learnify erstellen Inhalte sind in der Regel OER, also freie Lernmaterialien.

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Editorfunktion.

Dazu kommt, dass Learnify auf eine enorme Bibliothek zurückgreifen kann. Alle wichtigen Schulbuchverlage in Schweden bieten ihre Lehrbücher in Learnify an: Wollen Schulen ihren Lehrpersonen und SchülerInnen einen Zugriff darauf anbieten, können sie den erwerben. Dasselbe gilt für Videos aus dem Bereich des Schulfernsehens und eBooks: Momentan können Schulen für rund 6 Euro einen Zugriff auf alle belletristischen Neuerscheinungen anbieten. Diese Materialien sind dann in Learnify geschützt und können nicht bearbeitet werden, aber abgespielt.

Die Abspiel-Funktion ist ein weiteres wichtiges Feature: Learnify-Ressourcen können auf jedem Gerät (Laptop, Tablet, Smartphone) so abgespielt werden, dass sie vernünftig bedienbar und wahrnehmbar sind. Learnify ist komplett von Soft- und Hardware unabhängig.

Player-Funktion

Player-Funktion

Learnify erlaubt es, Links zu erstellen, die auch ohne Konto angesehen werden können. Zudem generiert es von allen Dokumenten auf Wunsch Links, die in andere Lernumgebungen wie beispielsweise Moodle einbettbar sind: Learnify wird so zum universellen Editor für Lernmaterialien.

Lernumgebungen und Vernetzung

Arbeiten Lehrpersonen mit Klassen mit Learnify, so nutzen sie im Idealfall einen Modus, der Lernumgebungen (»Learning Zones«) ermöglicht. Wiederum ist die Menustruktur recht einfach:

  1. Informationen beschreiben die Umgebung
  2. ein Inhaltsverzeichnis zeigt aller Lernmaterialien (eigener und fremder)
  3. ein Teilnehmerverzeichnis
  4. ein Blog, gedacht für Beschreibung von Aufträgen oder das Festhalten von Zwischenergebnissen
  5. ein Wall für Diskussionen

Lernumgebungen ermöglichen leicht alternative pädagogische Formen, für die Netzlernen eine optimales Angebot bereit stellt – zu denken ist etwa an die Flipped-Classroom-Methode, bei der Lehrvorträge zuhause in Videoform aufgenommen werden, während in Präsenzveranstaltungen vor allem Diskussionen dazu geführt werden, Experimente durchgeführt oder Aufgaben gelöst.

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Lernumgebung

Lehrpersonen können selbst auch einen Blog betreiben und die von ihnen erstellen Materialien so präsentieren, dass sie dafür Aufmerksamkeit erhalten. So gibt es in Schweden Lehrerinnen und Lehrer, die dank ihrer Arbeiten für Learnify eine große Bekanntheit in Schulen genießen und als Fachpersonen anerkannt sind. Das ist ein Anreiz, eigene Arbeitsblätter und Materialien zu publizieren.

Learnify in der Schweiz

Die Schweizer Bildungslandschaft ist enorm zersplittert: Kantonale Vorgaben, schulinterne Lösungen, verschiedene Anbieter von Lernmaterialien und Lernmanagementsysteme wie Educanet und Moodle schaffen viele digitale Inseln. Learnify kann diese Inseln verbinden, weil es Content aus verschiedenen Quellen einbeziehen kann und seine Inhalte wiederum an anderen Orten leicht zu publizieren sind. Learnify ist offen und schafft Brücken. Es ist einfach: In Schweden arbeiten Lehrpersonen nach 90 Minuten Einführung erstmals mit Learnify – weil die Plattform Lust darauf macht, Arbeiten zu publizieren und zu verbessern.

Ich bin deshalb überzeugt, dass Learnify für die Zukunft der Schweizer Bildungslandschaft von großer Bedeutung ist. Die Lehrmittelverlage können und sollen ihre Bücher und anderen Inhalte so anbieten, dass sie für Learnify freigeschaltet werden können – selbstverständlich gegen eine Gebühr, wenn sich diese Verlage darüber finanzieren müssen. Steuergelder sollten jedoch generell so investiert werden, dass die Inhalte offen sind und breit genutzt werden können. Das ganze Angebot des Schweizer Fernsehens, um nur ein Beispiel zu nennen, könnte mit Learnify in ganz neuen Formen im Schulalltag genutzt werden, genau so wie Zeitungsarchive, die heute schon via Swissdox in vielen Schulen genutzt werden könnten.

Finanzierung von Learnify

Wer als Lehrperson Learnify nutzen will, kann sich auf learnify.se anmelden und erhält gratis ein Konto, in das einige Lernende eingeladen werden können. Für den Einsatz in der Schule kostet ein Konto jedoch ca. 4 Euro pro Jahr (für jede Nutzerin, jeden Nutzer). So finanziert sich Learnify als privates Unternehmen. Um in der Schweiz das nötige Vertrauen der Akteure (Lehrpersonen, Schulen, Politik, Verlage, Medien) aufbauen zu können, bräuchte Learnify bei der Einführung eine glaubwürdige Trägerschaft.

Ich bleibe dran.