Die Offliner – gibt es sie?

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Zu Jahresbeginn erhielt ich eine E-Mail einer Nachbarin. Sie habe ein neues »Kommunikationskonzept«. Wie sie mitteilte, sieht dieses Konzept nur noch Telefonanrufe für die nachbarschaftliche Kommunikation vor. SMS würden nur noch im Büro gelesen. Die Nachbarin versprach sich eine höhere Lebensqualität, wenn digitale Kommunikation sie nicht ans Smartphone zwänge.

Meine Nachbarin könnte eine Offlinerin sein. Joël Luc Cachelin nennt sie in seinem Buch eine »inspirierende Gegenkultur«, in der NZZ war kürzlich zu lesen, »immer mehr Menschen« übten sich »in digitaler Enthaltsamkeit«. Auch wenn meine Nachbarin mittlerweile auch wieder außerhalb der Arbeitszeit SMS schreibt, so scheint es doch diese Übung zu sein, die sie antreibt. Ist sie wirklich Mitglied einer wachsenden Gruppe – oder handelt sich es sich um »eine Avantgarde, die begonnen hat, ihren digitalen Konsum und dessen Auswirkungen kritisch zu hinterfragen«, wie im NZZ-Artikel in einer alternativen Interpretation heißt?

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Unterscheidet Cachelin 16 Offliner-Typen, ist von einer großer Heterogenität auszugehen. Gleichzeitig unterstellt er der Bewegung aber politische Motive:

Die Offliner bekämpfen die Digitalisierung, deren Treiber und Profiteure. Sie suchen nach Alternativen zur digitalen Zukunft und setzen sich für eine Demokratisierung der Digitalisierung ein.

An diesem Punkt setzen meine Zweifel ein: Handelt es sich wirklich um eine Bewegung, wenn Menschen aus unterschiedlichsten Gründen vom Internet Abstand nehmen? Macht mein Onkel, dessen Sekretärin für ihn E-Mails schreibt, weil er sich damit nicht abgeben mag, wirklich gemeinsame Sache mit meiner Nachbarin, meinem Lehrerkollegen, der Angst davor hat, seine Prüfungen würden auf Facebook geteilt und einer Freundin, welche ihre Kinder möglichst lang vor dem Internet schützen möchte? Wächst diese Gruppe tatsächlich, oder löst sie sich in der umfassenden Digitalisierung allmählich auf, die uns beim Buchen von Flugreisen oder auch in der Alltagskommunikation wenig Alternativen lässt?

Auch ich wünsche mir eine starke Gegenkultur, aber nicht eine abstinente, sondern ein bewusstere. Menschen, die ihr eigenes Netz bauen und pflegen, die Alternativen selbst entwickeln, Vor- und Nachteile von Angeboten außerhalb des Unbehagens – »Letzte Woche hat mir Facebook Werbung für genau die Schuhe angezeigt, die ich mir bei Zalando angesehen habe, langsam wird mir das alles zuviel, zuviel!« – und der Faszination – »Auch mein Lampensystem kann ich nun vom iPhone aus steuern, weißt du, manchmal mag ich im Wohnzimmer einfach etwas wärmeres Licht!« – reflektieren.

Der Wunsch darf aber nicht unsere Sicht auf die Gesellschaft verzerren, er sollte keine Verbindungen schaffen, wo es keine gibt. Weil Menschen immer wieder kleine Projekte zur Selbstverbesserung suchen und im Digitalen schnell fündig werden, heißt das nicht, dass sie für Partizipation und Bewusstsein eintreten. Wer jährlich eine Saftkur macht, setzt sich auch nicht für eine nachhaltige Bewirtschaftung des Regenwaldes oder die Trinkwasserqualität in Entwicklungsländern ein.

Ein Plädoyer für Relevanz

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Philipp Meier hat als Community-Manager für das Webjournalismus-Projekt Watson gearbeitet. Nach seinem Abschied blickt er zurück und präsentiert einige Thesen über Social Media, denen ich im Folgenden eine Alternative zur Seite stellen möchte. 

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Screenshot Watson

[Es gibt] nichts Schwammigeres als wenn für oder gegen ein Thema «Relevanz» ins Feld geführt wird. Im Prinzip geht es meistens darum, dass jemand damit seine oder ihre subjektive Meinung untermauern möchte (was nicht nur schlecht, denn das verleiht dem Journalismus eine erfrischende Zufälligkeit;)

Das ist Meiers Grundhaltung: Es gibt subjektive Meinungen über die Welt. »Ehrlicher« Journalismus präsentiert diese subjektiven Meinungen (etwa in den spontanen Reaktionen eines Live-Tickers, den Meier als Paradebeispiel anführt), die »Lügenpresse« (ein Begriff, mit dem Meier auf Facebook ständig kokettiert) orientiert sich an dem, was sie »Relevanz« nennt: Gemeint ist aber nur eine der unzähligen Darstellungen der Realität, die dann manipulativ verzerrt und gestärkt wird.

Meier ersetzt Relevanz durch Viralität (oder vielleicht eher Resonanz): Entscheidend ist, ob das »Zielpublikum« davon Kenntnis hat, dass es mit journalistischen Produkten bedient worden ist. Dann werden Beiträge gelesen. So entsteht denn letztlich auch die Bedeutung des Community Managements: Erstens in der Gestaltung der Verbreitung, zweitens in der Kuration der Beiträge des Lesenden, die eigentlich selbst Journalistinnen und Journalisten sind, wenn man Meiers Ideen konsequent folgt (weil es ja eben nur subjektive Meinungen gibt und jede und jeder eine solche hat). Alles ist Reaktion auf Einflüsse.

Meier leitet daraus auch sein bekanntes Plädoyer für Native Ads ab: Weil Journalistinnen und Journalisten schon immer massiv beeinflusst worden seien, diese Manipulationen aber entweder systemintern rechtfertigt oder versteckt werden konnten, seien transparente Einflüsse in Form von Native Ads das Rezept gegen die Glaubwürdigkeitskrise im Journalismus.

Alles ist subjektiv, nichts professionell. Überall sind Einflüsse, Haltungen und Manipulationen; Wahrheit, Lernfähigkeit oder Objektivität sind keine Leitideen, sondern lediglich Chimären. Niemand liest journalistische Texte wirklich, es geht nur darum, sie in seinen Netzen zu teilen und Resonanz zu erzeugen – so sehe ich Meiers Position.

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Ich halte dagegen. Ja, die Wahrheit bleibt uns oft verborgen, sie leuchtet nicht zwischen den Buchstaben in den Zeitungen auf, ist nicht mit Rezepten zu erlangen und scheint zu oft mit Aussagen gepackt zu sein, die sie haarscharf verfehlen. Entscheidend ist die Absicht: Wer sich bemüht, die Wahrheit zu finden und zu sagen, handelt anders als die, welchen sie gleichgültig ist – und noch mal anders als die, welche bewusst etwas davon Abweichendes sagen, um andere zu täuschen. Diese Personen korrigieren sich nämlich, wenn sie einen Fehler gemacht haben.

Das ist keine moralische Kategorisierung, sondern eine analytische. Meier ist Apologet des Bullshit – ihm ist wichtiger, ob Inhalte etwas auslösen, als ob sie wahr sind. Der einfache Test ist die Native Ad: Ihre ehrliche Form ist der Produktetest. Er führt sie ad absurdum, weil sie verlangen würde, dass Journalistinnen und Journalisten klar sagen, was sie von den Produkten einer Firma halten.

Wenn Journalistinnen und Journalisten lügen, genügen sie eigenen Vorgaben nicht. Genau so, wie wenn sie Bullshit verbreiten, also Informationen, deren Wahrheitsgehalt ihnen egal ist. Ja, die ethischen Ansprüche an die journalistische Arbeit werden in der Praxis zuweilen nicht eingelöst, genau so, wie das in der Medizin oder in der Pädagogik der Fall ist. Entscheidend ist: Besteht die Möglichkeit zum Widerspruch? Werden verschiedene Weltsichten mit der Absicht der Klärung enggeführt oder resultiert ein Meinungspanorama, das nur dazu gut ist, alle möglichen Nischen zu bedienen, unabhängig davon, was der Realität entspricht?

(Zuweilen höre ich den Podcast von Ian Rapaport, einem unbekannten amerikanischen Schauspieler im Dunstkreis von Howard Sterne. Er hat sich vorgenommen, keine Aussage zu überprüfen: »We don’t factcheck« ist sein Motto. Die Frage wäre: Wollen wir solchen »Journalismus«, für den Fakten nichts als subjektive Meinungen sind? Und würde der nicht zwangsläufig zu Rapaports Podcast, der statt richtig laut, statt argumentativ frech ist?)

Mit dem Bekenntnis zur Wahrheit verbunden ist das Verlangen nach Relevanz. Relevant ist die Information, die meine ungenauen oder falschen Meinungen hinterfragt und präzisiert, von der ich etwas lernen kann. Von den Ressorts der Massenmedien habe ich mich längst verabschiedet. Oft vertiefe ich mich in Wikipedia-Reisen in Themenwelten, die mir bisher fremd waren. Daher liegt es mir fremd, wirtschaftliches oder historisches Wissen höher zu werten als anderes. Aber es stimmt für mich nicht, wenn Content-Schaffende wie Meier behaupten, Relevanz sei Resonanz.

Aus 140 werden 10’000 Zeichen

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»Ein Tweet umfasst 140 Zeichen«, schrieb ich über die Feiertage in einem fachdidaktischen Aufsatz, der momentan im Review steckt. Den Satz werde ich rausnehmen müssen – Twitter wird die Zeichenlimite entfernen. Damit rechne ich schon seit längerem, nun wird es umgesetzt.

Beschränkungen fördern Kreativität und Präzision. Ich schreibe viel und bin überzeugt, dass Twitter meinen Stil stark geprägt hat. Die Ausrede, ein Thema könne wegen der Zeichenbeschränkung nicht via Twitter diskutiert werden, hat mich immer gestört – zumal längere Texte ja problemlos verlinkt werden können.

Gleichwohl mag ich in den Jammerchor, der aus der Twittergemeinde ertönt, nicht einfallen. Die Befürchtung, Twitter verliere seinen Charakter, teile ich nicht. Es gibt nicht ein Twitter mit einem festen Charakter, sondern unterschiedlichsten Twitterdialekte. Mein Twitterstream besteht aus unterschiedlichen Diskurssträngen, die ich verbinden oder trennen, konsumieren oder produzieren kann. Die Normen, die sie beherrschen, werden nicht durch eine technische Veränderung obsolet. Kurz: Twitter ist primär ein soziales Netzwerk, dessen Leistung nicht von einer Beschränkung abhängig ist.

Die konservative Haltung der Twitter-Elite ist grundsätzlich amüsant: Da sind die unter sich, welche die Sehnsucht nach der »digitalen Disruption« vereint – und wenn ihre Kommunikationsplattform eine Änderung einführt, sehen sie ihre Existenz bedroht.

Produktiver ist es – wie so oft – nach den Gründen zu fragen. Jack Dorsey begründet die Änderung mit der Praxis vieler (auch jüngerer User), längere Texte als Screenshots zu verschicken. Diese können von den Algorithmen weniger gut verarbeitet und durchsucht werden, was einige Funktionalitäten beeinträchtigt. Die Veränderung ist als Reaktion auf das Bedürfnis vieler User, auch längere Texte teilen zu können, nachvollziehbar.

Letztlich dürfte das aber nicht den Ausschlag gegeben haben. Facebook entwickelt sich immer stärker zu einer Publikationsplattform, mit der Redaktionen ihr Publikum erreichen. Zeitungsartikel werden direkt innerhalb von Facebook veröffentlicht – nicht nur deshalb, weil die User dann mehr Zeit im geschlossenen FB-Netz verbringen, sondern auch deshalb, weil Medien so zu FB-Kunden werden, die für die Reichweite mittelfristig bezahlen sollen. Dieses Kundensegment kann Twitter nicht kampflos abgeben und muss so Wege suchen, um ebenfalls im Netzwerk selbst eine ganze Palette von multimedialen Inhalten (Umfragen, Videos, formatierten Text etc.) abbilden zu können.

Für mich als Nutzer wird entscheidend sein, wie gut ich filtern kann. Wenn längere Texte ähnlich wie bei Facebook erst auf Knopfdruck erscheinen, habe ich damit kein Problem und kann mir auch einen echten Mehrwert vorstellen, wenn ich für längere Texte nicht einen Link klicken muss. Andererseits werde ich mehr Selbstdisziplin aufwenden müssen, um prägnante Texte zu schreiben. Letztlich ist mir aber klar, dass ich den Maßnahmen dieser Plattformen, die ich seit Jahren kostenlos nutze, ausgeliefert bin.

Twitter _ Over capacity

 

Zynischer Humanismus – gefährden Social Media politisches Engagement? #bethstelling

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Wie Teenager, die zu viele Pornos geguckt und da durch asexuell geworden sind, sind wir unpolitisch geworden, weil wir zu viel symbolisches Engagement konsumiert haben.

Dieser Satz aus Milo Raus Rundumschlag in der Sonntagszeitung fasst ihn recht gut zusammen. Obwohl Rau behauptet, es gehe ihm nicht um »billige Medienkritik«, ist sie die Basis seiner Polemik gegen den Zeitgeist. Sie bildet aber ein schwaches Fundament, weil sie von ganz falschen Annahmen ausgeht, wie ein weiteres Zitat zeigt:

Was wir aber am Bildschirm sehen, das existiert für uns nicht wirklich. Was uns trotz aller Information fehlt, ist lebendiges Wissen. Es geht um tatsächliche Teilnahme am Leben der anderen, nicht um ihre zoologische Beobachtung.

Information, Teilnahme, Engagement und auch Sexualität versteht Rau ganz im Sinne des digitalen Dualismus: Er trennt eine virtuelle Welt scharf von einer realen. »Die Französische Revolution brach aus, als sich die Franzosen entschlossen, nicht länger Bittschriften an ihren König zu verfassen, sondern ihre Forderungen ins Parlament und dann auf die Strasse zu tragen«, schreibt Rau – und übersieht, dass der relevante Aspekt der Entschluss war, der in einer durchaus virtuellen Sphäre entsteht, in der die von Rau abgewerteten Tätigkeiten gerade relevant werden.

Deshalb irrt Rau einfach, wenn er scheinbar kluge Sätze wie diesen formuliert: »Kritik ist aber, wenn sie das Kritisierte nicht abschafft oder entscheidend verändert, blosse Stilkritik und damit eine Form von Passivität.« Kritik ist die Voraussetzung für eine Handlung, die eine Veränderung vornimmt.

Liest man den Essay wohlwollend, dann kann man annehmen, dass Rau etwas anderes meint: Er will eine gefühlte Passivität belegen und ergründen. Er benennt konkrete Probleme wie Genozid, Krieg, Umweltverschmutzung, Armut – und beklagt, dass sich daran nichts ändert, weil die Elite – also wir, die wir diesen Text lesen – »Arschlöcher« sind, die ihr eigenes Wohlergehen priorisieren.

Nur: Das ist banal. Wer Privilegien hat, mag die oft nicht abgeben oder aufweichen. Wem es gut geht, gibt seinen Wohlstand nicht für die auf, denen es nicht so gut geht. Ja, das ist traurig, aber kein Anlass um einen Essay zu schreiben, in dem dann die konkreten Tipps – anders als bei Welzer in der FAZ (Hat-tip an E.L. und ihren FB-Kommentar) – fehlen.

Abschließend sei auf ein Beispiel hingewiesen, das die Kritik am symbolischen Wert des Social-Media-Aktivismus in Frage stellt. Die amerikanische Stand-Up-Künstlerin Beth Stelling hat mit einem Instagram-Beitrag kürzlich mitgeteilt, dass sie von einem Ex-Freund geschlagen, missbraucht und vergewaltigt worden ist. Ihre öffentliche Auseinandersetzung damit hat eine klare emotionale und kommunikative Funktion, sie zeigt Frauen, die unter ähnlichen Übergriffen leiden, dass eine scheinbar virtuelle Auseinandersetzung mit einem realen Problem eine echte Auseinandersetzung damit sein kann, ein deutliches Zeichen der Bereitschaft, aus der Schweigens- und Leidensspirale auszubrechen. Genau so ist das Teilen der Weihnachtsdekoration des Grenzzauns in Slowenien ein echtes Zeichen des Protests, mit dem das lokale Engagement ein globales Echo bekommt. Zu meinen, Protest erschöpfe sich in Kommunikation, wäre ein Fehler. Aber diesen Fehler begeht nur Raus Strohmann.

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Social Media um 1800

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Kommen in medienpädagogischen Diskussionen historische Praktiken vor, dann meist im negativen Sinne: Es wird darauf verwiesen, dass es Kritik an der Mediennutzung oder damit verbundene Probleme schon ganz lange gibt. Das ist ein starkes Argument gegen Kulturpessimismus. Noch stärker scheint es mir aber, wenn gezeigt werden kann, dass bestimmte Kommunikationsformen auch im positiven Sinne eine lange Geschichte haben. Wie Wilhelm von Humboldt und seine Frau Caroline Gruppenbriefwechsel genutzt haben, weist deutliche Parallelen zur Verwendung von Social Media auf.

* * *  

Caroline von Humboldt (geborene von Dacheröden) und Wilhelm von Humboldt haben zwischen 1788 und 1929 über 1000 bis heute erhaltene Briefe geschrieben. Das Ehepaar lernte sich in einem so genannten »Tugendbund« kennen, in dem neben ihnen ein weiterer Mann sowie fünf weitere Frauen Mitglied waren – alle in den 1760er-Jahren geboren. Sie alle kannten sich nicht persönlich, sondern nur über ihre Korrespondenz.

Martina Wernli schreibt in einem wissenschaftlichen Aufsatz über den Briefwechsel des Tugendbundes:

Briefe wurden etwa innerhalb von Briefen mittels Zitaten wiedergegeben, es zirkulierten Abschriften, sogar ganze Briefsammlungen Dritter wurden mit eigenen Briefen mitgeschickt. (S. 295)

Im »Gruppenbriefwechsel« entwickelte sich ein eigener, empfindsamer Stil, es wurden Normen und Aufnahme- bzw. Ausschlusskriterien diskutiert. Neben der Halb-Öffentlichkeit der vom ganzen Tugendbund gelesenen Briefe gab es auch die Möglichkeit eines intimen, privaten Briefwechsels – ganz analog zu den Profilen sozialer Netzwerke, die für eine Gruppe einsehbar sind, während im Hintergrund private Nachrichten eine persönlichere Kommunikation ermöglichen.

Schreiben sich Humboldt und Dacheröden private Briefe, entwickeln sie einen Code, der die Briefe gegen die Lektüre Nicht-Eingeweihter schützt. Ihre Briefsprache wird zu einem Gesprächsersatz: »Ich kann nicht sein, ohne mit Dir zu reden«, schreibt Wilhelm von Humboldt im Juni 1790 – und meint damit das Schreiben von Briefen. Die konzeptuelle Mündlichkeit von Social-Media-Praktiken – Jugendliche sprechen davon, »miteinander zu schreiben« – findet hier also einen Vorläufer.

Die am Tugendbund Beteiligten schreiben nicht nur Briefe, sie kommentieren auch erhaltene (die sie dann weiterleiten oder ausgiebig zitieren, also teilen) und entwerfen gemeinsam neue, wichtige Briefe. Gleichzeitig stehen sie – so schreibt Wernli – in einem Zwiespalt zwischen einem »maskenhaften Rollenspiel« (S. 302) mit erschriebenen Identitäten innerhalb des Briefzirkels und der »existenziellen Bedeutung (S. 303) der Briefe.

Zum Schluss geht Wernli auf die Rollenbilder ein – die in den Brief Stereotypien folgen, obwohl gerade der Briefwechsel zwischen Wilhelm und Caroline von Humboldt bis heute als Musterbeispiel des Gesprächs unter gleichberechtigten Kommunikationsteilnehmenden gilt. Gleichwohl hat Wilhelm gegenüber seiner Urenkelin bestimmt, der Briefwechsel solle weitervererbt werden, er müsse jedoch »immer in weibliche Hände kommen« (Vorwort zur ersten Auflage des Briefwechsels, geschrieben von Anna von Sydow).

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Normen weiblicher Teenager auf Instagram

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I’am a brand. To stay relevant you have to… In middle school we were definitely very relevant. We were established. Now at the beginning of High School you can’t say we’re relevant.

Die aktuelle Folge von This American Life, Status Update, geht der Frage nach, warum Mädchen auf Instagram stereotype Kommentare abgeben: »OMG you’re so pretty« ist dabei die Vorlage, die leicht variiert praktisch in jedem Kommentar vorkommt. Wie lässt sich das erklären?

Der Beitrag zeichnet ein Gespräch von drei jungen Frauen auf, welche Faktoren erklären, die in den USA zu diesen Normen geführt haben und die ihre Bedeutung ausmachen. Mir scheint es wichtig, sie zunächst wertungsfrei zu beschrieben. Der Interviewer bemerkt, es klinge, als ob Instagram wirkliche Arbeit erfordere. Die jungen Frauen bejahen das: Sie erklären, wie wichtig es sei, soziale Vernetzung zu planen und einzuschätzen, um sich selbst verorten zu können. Deshalb investieren sie auch so viel Zeit und Energie in diese Aktivitäten.

Unter dem Bild einige wichtige Aspekte der Instagram-Präsenz junger Frauen.

  1. Likes sind Standard.
    Auf den mobilen Apps liken Jugendliche praktisch jedes Bild in ihrem Feed. Sie schätzen die Zahl der Likes für ihre eigenen Bilder anhand der ersten Minute ein – im konkreten Fall ließen sich 6 in der ersten Minute auf über 150 Likes für das Bild hochrechnen.
  2. Always on.
    Die interviewten Frauen gehen davon aus, dass alle anderen auf Instagram alles sofort sehen.
  3. You’re so pretty OMG
    Ein Kommentar ist ein Statement zur Beziehung zwischen Personen, genauer: Zwischen zwei Frauen. (Es geht nicht um erotische Anziehung, sondern um eine Wertschätzung der Selbstvermarktung von anderen.)
    Ein Kommentar bedeutet eine Form von Anerkennung, deren Wert sich über die gegenseitige Einschätzung der eigenen Beziehung errechnet. So erhalten auch fehlende Kommentare oder leichte Abweichungen von einem Muster eine Bedeutung. Identisch kopierte Kommentare bei mehreren Bildern werden wahrgenommen und entsprechend kritisch beurteilt. Besonders heikel sind Kommentare bei Bildern, auf denen zwei oder mehr junge Frauen abgebildet sind: Wer die nicht kommentiert, unterminiert die Freundschaft massiv und sagt damit, sie wolle nicht als Freundin der anderen Person wahrgenommen werden. 
  4. Was unsichtbar abläuft.
    Die Kommentare und Bilder werden mit Instant-Messaging begleitet. In Gruppen werden andere Teenager aufgefordert, Bilder vorab zu prüfen, ob sie sich posten lassen. Später machen Aufforderungen die Runde, Bilder zu liken. Ständig werden Screenshots von Kommentaren oder Bildern gemacht, die dann hinter den Kulissen auch kritisch kommentiert werden.

Eine junge Frau plant also ihre eigenen Bilder und deren Publikation, führt ein umfassendes Monitoring der Reaktionen auf die eigenen Bilder durch und setzt es in Beziehung zu den Reaktionen auf die anderen Bilder aus ihrem sozialen Umfeld. So errechnet sie ihre Wirkung, nimmt Optimierungen vor und kann Beziehungen einen Wert zuteilen. Die Aussage, es gehe darum, »relevant« zu sein, ist deshalb absolut korrekt.

Eine Beurteilung dieser Praktiken ist schwer vorzunehmen: Einerseits wird deutlich, wie viel Druck die soziale Vernetzung erzeugt. Andererseits sagen die jungen Frauen, dass die Komplimente ihnen Auftrieb geben – sie erhalten Wertschätzung über Social Media. Gleichzeitig gab es auch vor 10, 20, 30 und 40 Jahren unter Teenagern Praktiken, in denen Beziehungen ausgehandelt und interpretiert wurden. Deshalb stellt sich letztlich die Frage, was der Wert einer Beurteilung ist: Eine Veränderung lässt sich nicht lokal mit ein paar mahnenden Worten erzielen, sondern müsste fundamentale Eigenschaften von Geschlechterrollen, sozialen Normen, Erwartungen und dem Umgang mit Technologie infrage stellen. Jugendliche dafür verantwortlich zu machen ist eine nutzlose Symptombekämpfung.

Alter Wein in neuen Schläuchen – digitale Verhinderungsdiskurse

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Die folgenden Aspekte sind Teil eines Referats, in dem es um die Frage geht, wie denn die Verfügbarkeit Neuer Medien auch zu neuen pädagogischen Formen führen könnten. 

* * *

Digitale Methoden werden – ganz ähnlich wie pädagogische Reformen – an Schulen mit einem Strauß von Argumenten verworfen. Diese Diskurse zu benennen ist deshalb wichtig, weil sie oft vom Thema ablenken und auf der Oberfläche Behauptungen zu belegen scheinen, die lediglich Reflexe einer Abwehrbewegung sind, die ein ganz anderes Ziel haben: Einen Status Quo zu bewahren.

Im Folgenden eine unvollständige Liste mit einigen Bemerkungen.

  1. Rechtliche Bedenken.
    Sich an rechtliche Vorgaben zu halten, ist mehr als ehrenwert: Es ist eine Pflicht für Lehrkräfte und Schulen. Doch die Umsetzung dieser Pflicht nimmt unterschiedliche Formen: Geht es beispielsweise darum, in einem pädagogischen Gespräch einem Schüler zu versichern, niemandem zu erzählen, dass er zuhause Opfer häuslicher Gewalt wird, haben viele Lehrkräfte keine Bedenken, auf eine Anzeige zu verzichten, wenn das der Wunsch des Schülers ist. Sollen Seiten aus einem Lehrbuch kopiert werden, verschwendet kaum jemand Gedanken an die rechtliche Bedeutung dieses Vorgangs. Anders bei der Arbeit mit digitalen Mitteln: Da werden selbst diffizilste rechtliche Fragen an Lehrerfortbildungen behandelt, weil die Angst vorherrscht, bei einer Unterrichtsbegleitung auf einem Blog oder der Publikation eines Protokolls bei Google Drive stünde man als Lehrkraft mit einem Bein im Gefängnis.
  2. Prüfungsmodalitäten. 
    Valide Prüfungen durchzuführen ist eine elementare Aufgabe der Schule. Gleichwohl kann sich guter Unterricht nicht auf Prüfungskonzeptionen ausrichten, die nicht mehr zeitgemäß sind. Nur weil es technisch schwierig ist, Prüfungstexte digital schreiben zu lassen, bedeutet das nicht, dass viel Unterrichtszeit darauf verwendet werden soll, das handschriftliche Verfassen von Texten einzuüben. Dafür muss es didaktische Argumente geben. Logisch sind Prüfungen Resultat aus der Unterrichtsgestaltung, nicht ihre Bedingung. Machen digitale Werkzeuge Unterricht besser, dann spricht es nicht gegen sie, wenn sie bei Prüfungssituationen nicht zugelassen werden.
  3. Bildungsbürgerliche Tradition. 
    Wir sind alle einmal zur Schule gegangen und haben von beeindruckenden Lehrkräften gelernt, was in der Kultur und in der Welt relevant ist – und was nicht. Eine große Bedeutung hatten dabei beispielsweise Bücher und Bibliotheken; auch die individuelle Schaffenskraft genialer Menschen spielte eine große Rolle. Diese Tradition führen Schulen fort – meist unbewusst. Sie ist kein Argument gegen Technologie.
  4. Die Hattie-Studie.  
    »Ich bin superwichtig!«. Diese journalistische Verdichtung der Hattie-Studie ist bei vielen Lehrkräften angekommen – was sie tun, sei für den Lernerfolg entscheidend. Dabei blieb dieses »was« seltsam vage – fragt man nach, dann denken wohl viele Kolleginnen und Kollegen, Hattie hätte nachgewiesen, wie erfolgreich Frontalunterricht sei. So rechtfertigt eine angesehene wissenschaftliche Studie in der Rezeption für viele Lehrkräfte das, was sie schon immer getan haben. Nur: Das steht so nicht in der Studie. Wichtig ist eine Lehrperson, wenn sie eine gute Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern unterhält, hohe Erwartungen an sie stellt, sie ihre Leistungen selbst einschätzen lässt und ständig Feedback gibt und Feedback annimmt. Das hat mit Frontalunterricht erst einmal nichts zu tun. Und spricht schon gar nicht gegen digitale Hilfsmittel, wenn die dazu dienen, gerade dieses Ideal umzusetzen. An sich wirken sie sich kaum auf den Lernerfolg aus.
  5. Inkompetenz und fehlende Zeit. 
    Wer vor eine Klasse nicht kohärent sprechen kann oder die Zeit für die Vorbereitung nicht aufbringen kann, hat sicher den falschen Beruf gewählt und wird kaum eine Stelle erhalten. Wer nicht in der Lage ist, digitale Werkzeuge einzusetzen oder die Zeit nicht hat, sich in diese Methoden einzuarbeiten – kann das sogar als Argument anbringen. Das dürfte eigentlich nicht so sein.
  6. Überholte Vorstellungen vom Berufsleben. 
    Ein Schreiner, so hat mich kürzlich eine Professorin belehrt, würde sämtliche Arbeitsschritte mit Papier und Bleistift festhalten. Das sei der Grund, weshalb das Primat der Handschrift weiterhin berechtigt sei. Es mag diesen Schreiner durchaus noch geben. Aber daneben gibt es auch den, der seine Geschäftsabläufe mit SAP erfasst und bei der Montage die Arbeitsschritte am iPad dokumentiert. In Berufen werden digitale Tools dort genutzt, wo ein Mehrwert erkennbar ist. Das muss an Schulen nicht genau gleich laufen – aber eine Vorbereitung auf die Berufswelt der 1990er-Jahre hilft niemandem. Auch den Schulen nicht, weil sie so ihre Glaubwürdigkeit und ihre wirtschaftliche Funktion aufs Spiel setzen.

Können diese Verhinderungsdiskurse durchbrochen werden, steht die wirklich wichtige Frage an: Wie können die neuen Möglichkeiten der Neuen Medien eine pädagogische Wirkung entfalten?

Wein

Disziplin in der Schule

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In einer »Rhetorikbattle« diskutiere ich heute Abend mit Hanspeter Amstutz, einem pensionierter Lehrer alter Schule in Zürich über die Bedeutung von Disziplin für die Schule. Als Vorbereitung notiere ich hier meine Gedanken – die ich dann so, oder vielleicht ganz anders formulieren werde. Digitale Medien kommen nur am Rand vor – ich bitte um Entschuldigung. 

* * *

Disziplin hat eine militärische Funktion: Sie macht aus individuell unterschiedlichen Menschen Zahnrädchen im Getriebe einer Maschine. Individuen sind nicht steuerbar, sie setzen keine Taktik um, sondern fällen Entscheidungen eigenständig und deshalb auch willkürlich. Disziplin ist nichts anderes als eine gemeinsame Norm: Im Gleichschritt und gehen, dieselbe Uniform auf dieselbe Weise zu tragen, identisch zu grüßen, das Gewehr zu halten, Befehle zu befolgen. Disziplin bringt Verlässlichkeit, Sicherheit und Kontrolle über Menschen.

Schulen sind geprägt von militärischen Überlegungen. Schulhäuser sind architektonisch Kasernen. In den Schulzimmern befindet sich ein Zug, angeführt von einem Offizier – dem Lehrer (oder heute eher der Lehrerin). Disziplin hat eine ähnliche Funktion: Gruppen von Menschen im Gleichschritt lernen zu lassen.

Beobachtet man Kinder im Vorschulalter beim Lernen, stellt man große Unterschiede fest: Mit vier können Kinder Schach spielen, Romane lesen, Computer programmieren, Eishockey spielen, zweihändig Klavier spielen oder ein Menu kochen. Nur meistens nicht alles gleichzeitig. Die Schule braucht Disziplin, um sie alle gleichzeitig an denselben Aufgaben arbeiten zu lassen. Kinder können im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Lernen selbst rhythmisieren, reflektieren, planen und sozial arrangieren. Die Schule ersetzt diese Kompetenzen durch einen gemeinsamen Rahmen. Sie setzt diejenigen Kinder unter Druck, welche Normen oder Regeln nicht einhalten wollen oder können. Und belohnt andere, die dazu bereit sind.

Die Idee, dass Klassen vielleicht nicht idealen Lernarrangements führen, gewinnt im Abstand von 10 Jahren an Popularität. Durchsetzen kann sich diese Einsicht nicht, obwohl sie psychologisch einsichtig und belegt ist. Lernen können Kinder und Jugendliche, wenn sie es üben, wenn sie gezielt Feedback bekommen und eine positive Haltung zum Lernen haben.

Bedeutet Disziplin, dafür die Voraussetzungen zu schaffen, ist dagegen nichts einzuwenden. Aber wenige Lehrerinnen und Lehrer, die Disziplin hochhalten, können der Versuchung widerstehen, ein so starkes Machtmittel für andere Zwecke einzusetzen: Um ihre Arbeit zu erleichtern. Um Gruppendynamiken auszulösen. Macht auszuüben. Konformität herzustellen. Die gleichen Scheindebatten geistern seit Jahrzehnten durch die Schulhäuser: Sollen Lernende in Schulstunden trinken dürfen, auf die Toilette dürfen, Mützen tragen, knappe Kleider tragen, Kaugummi kauen, Dialekt sprechen usw. In diesen Debatten zeigt sich die Schule als System: Sie verlangt einen abstrakten Respekt und identische Vorgaben, wo keine nötig sind: Lernen kann man mit Mützen, Kaugummi und leichter Kleidung genau so gut wie ohne.

Im positiven Sinne meint Disziplin Ernsthaftigkeit und Achtsamkeit. Lernen ist serious business – es ist schwierig, braucht einen Rhythmus, Kostanz und Durchhaltewille. Die stellen sich nur ein, wenn Schülerinnen und Schüler sich bewusst werden, wie sie lernen, was sie lernen und wozu sie lernen.

Dieses Bewusstsein verhindert Disziplin im negativen Sinne: Hohle Regeln werden als Abkürzungen benutzt, damit Erwachsene jungen Menschen die Überlegenheit ihrer Weltsicht demonstrieren können. Fragen mich Schülerinnen und Schüler, ob sie zur Toilette können, erschrecke ich: Wie kommt ein Mensch dazu, andere deswegen um Erlaubnis zu bitten? Wer könnte diese Frage unter irgend einem Umstand verneinen?

Albert Anker: Schulspaziergang (1872)

Als Pädagoge lenken mich alle diese Scheinprobleme vom Unterricht ab – von echter Interaktion mit Jugendlichen, von Gesprächen über wichtige Themen: Wer zu spät kommt, soll niemanden stören. Wer trinken will, soll trinken. Wer eine wichtige Nachricht auf dem Handy erwartet, soll die Nachricht lesen. Wenn Unterricht tatsächlich wichtig ist, wenn er echte Motivation erzeugen kann, braucht er keine künstliche Disziplin. Er muss Unterschiede nicht ausblenden, sondern bezieht sie mit ein. Er trennt das Leben nicht vom Lernen, sondern verbindet sie. Er braucht kein Schulzimmern mit Erwachsenenregeln, sondern Begegnungen, Gespräche, Auseinandersetzung. (Störungen haben Vorrang: Wenn jemand Aufmerksamkeit braucht, ist das ein Signal, keine Bösartigkeit. Wie könnte man die Person mit vernünftigen Mitteln dazu bringen, sich disziplinarisch unterzuordnen? Sie bestrafen (oder andere belohnen). Druck auf sie ausüben. Was könnte das bezwecken?)

In meinem Hinterkopf höre ich einen Einwand, während ich diesen letzten Abschnitt schreibe. Aber die Arbeitswelt? Wie können Jugendliche eine Lehrstelle suchen, wenn sie gewisse Regeln nicht gelernt haben, die in Betrieben selbstverständlich sind? – Die Antwort auf diese Fragen? Achtsamkeit und Ernsthaftigkeit. Wer sich selber und andere einschätzen kann und ernst nimmt, hat kein Problem damit, Erwartungen einzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten. Eine Arbeitswelt, in der individuelle Stärken und Schwächen keinen Platz haben, in der sinnlose Regeln befolgt werden müssen, weil Tradition oder Macht sie stützen: Auf diese Arbeitswelt muss die Schule junge Menschen nicht vorbereiten, weil sie darin kaputtgehen. Gibt es für Individuen, die sich selbst einschätzen können und motiviert lernen, keine Arbeitsplätze, ist das weder das Problem der Schule noch der Jugendlichen.

Anleitung: Snapchat-Protokolle

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Vor einer Woche musste ich eine Diskussion mit über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern leiten. Die Besprechung war informell, ein Protokoll wurde nicht explizit benötigt. Ich gab mein Handy mit Snapchat-App an eine Schülerin und einen Schüler, welche die Veranstaltung mit Snapchat protokolliert. Im Folgenden eine Anleitung, wie ein solches Protokoll funktioniert – und eine Reflexion: Was leistet Snapchat als Protokoll-Tool? 

* * *

Anleitung

  1. Datenschutzbedenken im Folgenden nur dann vorbringen, wenn sie mit der Sache selbst etwas zu tun haben. Snapchat speichert Daten. Es macht Dinge sichtbar. Dienen sie dazu, neue Erfahrungen zu verunmöglichen, weil man die alten so sehr mag, ist diese Anleitung wohl nicht hilfreich.
  2. Verstehen, wie Snapchat funktioniert – am besten, indem man damit erste Erfahrungen sammelt. (Ich heiße phwampfler und antworte bzw. helfe gerne.)
  3. Einen installierten Account bei der Veranstaltung dabei haben und den Account-Namen an die An- bzw. Abwesenden kommunizieren. (Snapchat erlaubt auch, Account über Geo-Lokalisierung oder Bilder hinzuzufügen, wenn nicht alle schreiben/lesen können.)
  4. Die Protokollierenden sollten recht schnell Bilder/Videos machen und in kurzen Notizen dazuschreiben, was gesagt oder beschlossen worden ist.
  5. Keine Spielereien, keine Filter (damit das schneller geht). Grundeinstellung 10 Sekunden.
  6. Alles in »Meine Geschichte« / »my story« posten.
  7. Am Schluss der Veranstaltung diese Geschichte archivieren. Snapchat macht daraus ein Filmfile.
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Auszug aus einem Snapchat-Protokoll. Film mit ezgif in gif umgewandelt.

Reflexion

Ich habe schon hunderte von Seiten mit Protokollen gefüllt. Die Textsorte wird schlecht gelesen – meist interessieren nur ganz verbindliche Punkte oder das Wording von polemischen Diskussion (zum Weiterführen einer Polemik). Andere Aspekte von Protokollen verschwinden meist im kollektiven Vergessen. Daher tut dem Format eine Auffrischung gut.

Snapchat ist aus meiner Sicht eine ideale Mischung zwischen Streaming, Bild und Text. Bilder werden in Protokollen stark unterschätzt – an der Veranstaltung habe ich beispielsweise Umfragen mit Socrative gemacht, die bei Snapchat gut dokumentiert werden können. Auch Texte könnten gut ausschnittweise als im Protokoll sichtbar gemacht werden. Streaming leistet keine Verdichtung, transportiert aber Stimmungen und erfolgt live – ohne zeitliche Verzögerung. Und Text kann erklären und kontextualisieren. Aber ist eben nicht für alle Menschen gleich zugänglich. Snapchat-Protokolle kann man auch im Kindergarten anfertigen, mit Menschen, die nicht alle dieselbe Sprache sprechen etc.

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Ein Snapchat-Protokoll würde idealerweise kollaborativ erstellt. An Großveranstaltungen wie Football-Spielen sieht man gleichsam ein Crowd-Protokoll: Das wäre mein ideales Vorgehen.

Warum Digital Detox Nonsense von Privilegierten ist

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Jeroen Van Rooijen ist »Stilexperte«. Als solcher hat er z.B. eine starke Meinung dazu, wie Lehrpersonen gekleidet werden sollen. Wer es nicht ahnt: Ich teile seine Meinung nicht. Aus meiner Sicht ist es geboten, den Handlungsspielraum von Menschen stets zu erhöhen. Stilvorgaben schränken ihn ein.

In diese Diskussion passt Van Rooijens Manifest für eine digitale Entgiftung: Digital Detox – A Manifesto. Er leitet es mit dieser Überlegung ein:

Im Papierkorb liegen 250 Nachrichten, die im letzten Monat ankamen […] Eine E-mail anständig zu beantworten kostet mich fünf Minuten Zeit, das wären also 150 Minuten, die heute gefordert wären – zweieinhalb Stunden! Das würde heissen, dass ich zu einem Drittel meiner möglichen Arbeitszeit nur kommunizieren müsste – dabei hätte ich noch keine Zeile geschrieben resp. etwas produziert, das für mich auch Ertrag abwirft. Für mich ist das keine Option. Ich will nicht mehr als anderthalb Stunden am Tag e-mailen.

Die Haltung, dass E-Mail nichts Geschriebenes oder ihr Schreiben keinen Ertrag abwerfe, ist für mich grundsätzlich schon eimal widersprüchlich und seltsam. Es sei Van Rooijen zugestanden, sein Leben so zu gestalten, wie er sich das wünscht. Aber auch mit 90 Minuten E-Mail-Schreiben pro Tag müssten 250 Nachrichten pro Monat zu beantworten sein, könnte man denken.

Aber die Digital-Detox-Idee dreht sich nicht lediglich um E-Mails: In der digitalen Sphäre sei, als »würde man sich den ganzen Tag vor dem Spiegel bewundern.« Der Stilexperte hat deshalb sein Umfeld informiert, er würde sich digital zurückziehen und ein Sabbatical eingelegt. Nun sei er »aber wieder fähig, ohne das Gerät aus dem Haus zu gehen«.

Es ist wie eine milde Form von Alkoholismus. Man spielt sie herunter. Deshalb muss man sich Regeln im Umgang mit Digitalem auferlegen. Sonst frisst dieses Monster einen auf. Ich hatte für die Entwöhnung ein Jahr eingeplant, werde aber noch lange benötigen, bis ich clean bin.

Diese Pathologisierung der Kommunikation ist es, was mich an dieser Haltung besonders stört: Eine bestimmte Form von Kommunikation wird zu einem Gift hochstilisiert, zu einer Krankheit, einer Sucht. Zudem sei sie unecht – während der Auszeit habe Van Rooijen nämlich »mit realen Menschen« zu tun gehabt und »wirkliche Freundschaften« aufgebaut.

Dieser digitale Dualismus macht aus der ganzen Detox-Mission ein verunglücktes gedankliches Konstrukt. Auch persönliche Gespräche verkleben uns in gewissen Situationen das Hirn, »eine Krake mit zwölf Köpfen«, deren Nachrichten man nicht so schnell beantworten könne, wie neue reinkommen, sind für mich Rechnungen im Briefkasten, der Small-Talk im Bus, Telefongespräche, forcierte Diskussionen am Arbeitsplatz etc.

Immerhin sieht Van Rooijen ein, dass es sich um die Gedanken einer privilegierten Minderheit handelt:

Luxus ist, wenn man es sich leisten kann, nicht erreichbar zu sein.

No shit. Deshalb sei es einem Stilexperten, der sich eine Auszeit leisten kann, um sich zu überlegen, wie er an »gut bezahlte« Aufträge kommt, nachgesehen, dass er ein falsches und widersprüchliches Konzept propagiert. Aber zu bedauern ist es, dass er anderen Menschen suggeriert, sie seien krank, weil sie mit ihren Mitmenschen im Kontakt bleiben müssen. Menschen brauchen Freiheit, Freizeit, Ferien. Keine Entgiftung.

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