Das Problem mit »Generation von Angst« von Jonathan Haidt

Jonathan Haidts »The Anxious Generation« (auf Deutsch: »Generation Angst«) ist die aktuelle Version des Sachbuches, das Eltern und Lehrpersonen in der Vermutung bestärkt, die Smartphone-Nutzung von Kindern und Teenagern ein massives Problem darstellt. Haidts zentrales Argument lautet: Die Nutzung von Social Media verursacht und verstärkt psychische Probleme bei Jugendlichen, weil sie direkte Interaktionen und freies Spiel beeinträchtige. Deshalb, so sein Lösungsvorschlag, müsste der Zugang zu Social-Media-Plattformen eingeschränkt und die Handynutzung an Schulen unterbunden werden – damit Kinder und Jugendliche mehr miteinander reden und spielen.

Gerade die Forderung, Schulen zu Handy-freien Zonen zu machen, hat in Europa viele Unterstützer:innen gefunden. Sie beziehen sich oft implizit und explizit auf Haidts Argumentation, weshalb es mir sinnvoll erscheint, darauf hinzuweisen, wie problematisch sie ist. (Haidt fordert Eltern und Lehrer:innen am Ende des Buches auch direkt dazu auf).

Das Kernproblem

Haidt interessiert sich nicht für Kinder und Jugendliche. Weder ihre psychischen Probleme und Bedürfnisse noch ihre konkrete Handynutzung stehen im Fokus seines Buches. Deshalb verpasst Haidt nicht nur die korrekte Diagnose, sondern auch die wirklich wirksamen Lösungsvorschläge: Ja, Social Media sind für bestimmte Jugendliche in bestimmten Situationen eine Belastung und ein massives Problem. Für viele andere sind sie ein Teil ihres Lebens, der manchmal stressig, manchmal hilfreich ist, wie fast alle Technologie, die wir selbstverständlich nutzen. Meine Mikrowelle ist oft sehr hilfreich, weil sie Essen schnell wärmt. Manchmal ist sie aber auch eine Quelle von Stress, wenn das Essen zu heiss wird, so dass die ganze Mikrowelle verspritzt wird. Genau so ist es mit Laptops, Autos, SmartHomes, mit Dampfkochtöpfen, Kugelschreibern und eben auch Handys.

Als ich 30 war, hatte ich ein paar Monate ein Auto in der Stadt Zürich. Ich fuhr oft zu spät los und war auf dem Weg zu Arbeit gestresst; am Abend hatte ich Mühe einen Parkplatz zu finden und erhielt viele Parkbussen. Ich habe mein Auto wieder verkauft. Genauso reduzieren viele Jugendliche, die unter Instagram oder anderen Social-Media-Plattformen wirklich leiden, ihre Nutzung. Selbstverständlich ist es nicht einfach, sie gar nicht zu nutzen – aber wenn Apps bei jedem Öffnen zu schlechten Gefühlen führen, ist es naheliegend, sie weniger zu nutzen. Kinder und Jugendliche sind nicht dumm.

Haidt merkt das aber nicht, weil er nicht mit Kindern und Jugendlichen gesprochen hat, sondern nur über sie spricht. Er befeuert und profitiert von einer Moral Panic, die rund um jede Technologie entsteht, weil viele Erwachsene mit der Veränderung überfordert sind und Ängste gegenseitig verstärken. Michael Hobbes und Peter Shamshiri weisen in ihrer Kritik von Haidts Buch zurecht darauf hin, dass Haidt Social Media durchgängig so sieht, wie sie ältere weisse Professoren erleben: Als ein Ort, wo ihnen Menschen widersprechen und sich über sie lustig machen – und als etwas, was junge Leute auf eine Weise machen, die sie nicht verstehen. Nur: Das ist nicht die Erfahrung, die junge Menschen machen. Sie unterhalten digitale viele unterschiedliche Beziehungen, was gerade deshalb wichtig ist, weil es ihnen oft nicht möglich ist, all diese Menschen täglich zu sehen, mit denen sie Snaps austauschen. Hobbes und Shamshiri zeigen an einem spannenden Punkt deutlich, weshalb Haidt eine Moral Panic bedient und sich von ihr beeinflussten lässt: Im Buch erwähnt er mehrmals, Social Media würde Kinder und Jugendliche »Predators« ausliefern, also pädosexuellen Männern, die sie auf digitalen Plattformen belästigen würden. Diese Stranger-Danger-Angst ist eine Moral Panic, die in den 80er- und 90er-Jahren zu einer massiven Überreaktion geführt hat und deshalb gefährlich war (und ist), weil ausgeblendet wird, dass über 90% der von Übergriffen betroffenen Kindern und Jugendlichen die Täter kennen. Es sind in der Regel nicht Fremde, die solche Verbrechen begehen. Das gilt auch für digitale Plattformen: Die entscheidende Gefahr geht vom Sporttrainer aus, der plötzlich DMs schreibt, vom älteren Mitschüler, der Love-Bombing betreibt etc. Wer das ausblendet, versteht das Problem nicht.

Weil Haidt die Perspektive junger Menschen ausblendet und Bedürfnisse überforderter Erwachsener priorisiert, merkt er auch nicht, was psychisch belasteten Jugendlichen helfen würde. Selbstverständlich würde ein bewussterer, reduzierter Umgang mit Social Media die Mental Health verbessern – gleichzeitig fehlt aber vielen Jugendlichen der Zugang zu niederschwelligen, kostenfreien psychologischer Unterstützung, Verständnis von Erwachsenen, Mediation bei Konflikten, Lernumgebungen, in denen sie sich wohl fühlen, gute Betreuungsverhältnisse an Schulen etc.

Helfen würde auch eine Regulation von Social-Media-Plattformen: Konsequente Moderation, Ausschluss gefährlicher Profile, Ansprechpersonen bei Problemen. Haidt ist hier ambivalent: Regulation ist ihm ideologisch suspekt, weshalb er diese naheliegende Lösung ausschliesst. Gleichzeitig hat sein Druck aber zu sinnvollen Verbesserungen geführt, z.B. bei Instagram:

Das methodische Problem

Wer über Jugendliche spricht, statt mit ihnen, meint es nie ernst. (Dasselbe gilt auch fürs Lesen.) Daneben gibt es bei Haidt ein weiteres Problem, ein methodisches. Haidt behauptet in Zusammenarbeit mit Jean Twenge, die Verbreitung von Smartphones sei die einzige Erklärung, die einen Anstieg psychischer Probleme erklären könne, wie er in Abbildungen wie der unten ersichtlich wird.

Der Anstieg ist grundsätzlich unbestritten, er ist auch in Europa erkennbar, wenn auch nicht überall gleich stark und in den gleichen Kategorien wie in den USA. Lässt er sich tatsächlich durch Smartphones erklären?

»There is no evidence to definitively claim that the general
use of smartphones negatively impacts adolescents’ social-emotional development.«

Diese Bilanz zieht Balan in einer Auswertung der verfügbaren Studien (S. 26). Die Studien von Twenge weisen einen Einfluss von Smartphones auf die Mental Health von Kindern und Jugendlichen nach – aber nur deshalb, weil sie von ganz bestimmten Annahmen, Daten und Formen der Bereinigung der Daten ausgehen. Tut man das nicht (wie das in den Studien von Amy Orben der Fall ist), zeigt sich, dass der Einfluss von Social Media mit dem von Kartoffeln in der Ernährung vergleichbar ist. Kurz: Die Daten zeigen nicht, dass Jugendliche, die früher in ihrem Leben Social Media genutzt haben oder mehr Zeit mit Social Media verbringen, sich schlechter fühlen oder darunter leiden.

Das bedeutet nicht, dass digitale Plattformen nicht Belastungen und Stress für Jugendliche mit sich bringen und viele von ihnen konkret darunter leiden. Aber es bedeutet, dass sich dieser Zusammenhang rein aufgrund der verfügbaren Daten nicht direkt belegen lässt – oder nur, wenn man die Daten so zurechtbiegt, dass sie dieses Ergebnis zeigen.

Auch methodisch wäre es sinnvoller, qualitativ zu arbeiten (das wäre ein gutes Buch dazu) und mit Jugendlichen zu sprechen, statt messen zu wollen, wie sich die Social-Media-Nutzung auswirkt. Ein Beispiel für die Ungenauigkeit des statistischen Zugang ist Haidts quasi härtestes Argument: Er betrachtet eine Statistik über Einlieferungen Jugendlicher in Krankenhäuser, nachdem sie sich selbst verletzt haben. Dabei spielt die Wahrnehmung keine Rolle, es handelt sich quasi um objektive Daten. Haidt argumentiert, diese Einlieferungen stiegen in dem Moment an, als Jugendliche Social Media nutzen konnten. Er blendet aber aus, dass viele Jugendliche in dem Moment dank den Reformen Obamas Gesundheitsversorgung durch Spitäler in Anspruch nehmen konnten, was dazu führte, dass sie bei Verletzungen häufiger Krankenhäuser besucht hatten. Wir sehen also vielleicht einfach einen Reflex der verbesserten Gesundheitsversorgung. Die Daten sind zwar objektiv, aber sie zeigen oft nicht das, was wir darin sehen wollen.

Als Fazit sei Amy Orben zitiert, die vermutet, dass wir Erwachsenen uns in Zukunft folgende Frage stellen werden: »Were we worried about technology in excess, when we should have been worried about raising our kids?«

(Sarah Genner und Cornelia Diethelm haben das Buch in ihrem Podcast auch besprochen.)

Wie lange benutzen wir noch Unterschriften?

Vor zwei Jahren führte ich eine längere Diskussion mit einem Schulleitungsmitglied. Ausgangspunkt war die Praxis vieler Schulen, Dokumente digital zu signieren – und zwar mit einer Bilddatei der Unterschrift der verantwortlichen Person. Zeugnisse, Verfügungen und andere rechtlich bindende Dokumente wurden nicht persönlich unterschrieben, sondern automatisch mit einer Unterschrift versehen.

Mein Gegenüber hatte lange in Deutschland gearbeitet und war der Ansicht, diese Praxis sei illegal. Tatsächlich haben Kantone und Bund präzise Vorgaben, wie welche Rechtsschriften signiert werden müssen. In der Praxis ist das jedoch irrelevant: Auch ein wie oben beschrieben unterschriebenes Zeugnis ist gültig. Generell stellt sich die Frage, wozu wir Unterschriften noch brauchen.

Die Frage erhält angesichts des aktuellen Skandals rund um gefälschte Unterschriften in der Schweiz zusätzliche Bedeutung. Professionelle Sammel-Organisationen haben dabei Unterschriften von Schweizer:innen gefälscht, weil sie von politischen Akteur:innen fürs Sammeln bezahlt wurden. In einigen Fällen ist es für die Gemeinden nicht möglich festzustellen, welche Unterschriften gefälscht wurden.

Der Experte Dani Graf sagt dazu im Interview:

Beim sogenannten E-Collecting könnte man die Handynummer hinterlegen. Dann bekäme man nach dem Signieren einer Initiative ein SMS: «Waren Sie das – ja oder nein?» Eine andere Möglichkeit wäre, die Unterschrift mit der E-ID zu koppeln – also mit dem digitalen Pass, den wir bald alle erhalten.

Graf verweist zurecht darauf, dass Identität heute im praktischen Bereich längst nicht mehr mit Unterschriften bezeugt wird. Wenn ich ein digitales Bankkonto eröffne, muss ich nichts unterschreiben: Ich muss aber ein Bild von meinem Gesicht mit einem Ausweis abgleichen, eine Handynummer und eine Postadresse haben. An anderen Orten (z.B. bei einer AppleID) brauche ich eine Kreditkarte, um meine Identität bezeugen zu können. Auf meinen Geräten benutze ich einen Fingerabdruck oder mein Gesicht um mich zu identifizieren.

Wie absurd Unterschriften in dieser Hinsicht sind, zeigen digitale Geräte von Lieferdiensten, auf denen sie sich die Auslieferung von Paketen mit einer Signatur bestätigen lassen. Seriös wäre das mit einem SMS-System, bei dem die Zustellung auf einem Handy akzeptiert werden müsste.

Die Tatsache, dass in der Praxis Unterschriften nicht mehr benutzt werden, zeigt deutlich: Sie sollten auch rechtlich jede Bedeutung verlieren. Unterschriften taugen nicht, um sicherzustellen, dass eine bestimmte Person etwas auch wirklich bestätigt.

Die Telefonnummer ist für die Kontaktaufnahme bedeutungslos geworden – und was das bedeutet… 

You didn’t have to ask for people’s numbers anymore because of social media.
–– Miranda July, All Fours

Soziale und digitale Phänomene verstehe ich dann besonders gut, wenn ich sie in eine Entwicklung einordnen kann. (Ich habe das auf diesem Blog schon mehrmals gemacht: Zum Beispiel mit digitalen Chats, der Bedeutung von Rechtschreibung und sprachlichen Normen sowie mit einer digitalen Vorstellungsrunde.)

In den Ferien ist mir bewusst geworden, wie sich die Bedeutung der Telefonnummer gewandelt hat. Zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit war die Frage, ob Lehrpersonen ihre Handynummer Eltern und Schüler:innen mitteilen, ein konstanter Diskussionspunkt. Ich sag das immer entspannt, weil ich mein Handy ausschalten oder weglegen konnte, das Festnetztelefon, das damals noch intensiv genutzt wurde, jedoch nicht. Da eine Kontaktmöglichkeit bestehen musste, war die Handy-Nummer die einfachste.

Die Möglichkeit, Beziehungen über digitale Kommunikation zu begleiten, wurde besonders in einem Dating-Kontext verhandelt. Seit jeher ist das Mitteilen der Telefonnummer ein entscheidender Schritt im Annäherungsprozess: Wer das tut, signalisiert Interesse an einem engeren Kontakt, lädt zu einer persönlichen Kommunikation ein. Rund um die Telefonnummer kann sich eine spielerische Herausforderung ergeben, oft darf es in Hollywood-heteronormativen Beziehungen für den Mann nicht zu leicht sein, die Telefonnummer der Frau zu bekommen, während er seine freizügig austeilt (die Parallele zu sexuellen Normen ist naheliegend).

Als ich zum ersten Mal gedatet habe, war es gerade eine neue Möglichkeit, Textnachrichten zu verschicken (SMS oder über Pager). Nicht alle konnten darauf zugreifen, wenn das aber möglich war, stellte sich immer die Frage, wer wem wann schreibt. Dafür wurden komplexe Regeln entworfen, die alle von der Möglichkeit abhingen, die Handynummer der anderen Person zu kennen.

Auf bei Dating-Plattformen wie Tinder oder Bumble ist es ein wichtiges Zeichen, die Plattform zu verlassen. Dabei ist oft nicht ein Treffen der erste Schritt, sondern eine weitere Annäherung per WhatsApp oder in einem anderen Messenger. Gerade weil eine Telefonnummer viel (teilweise auch ungewollte Nähe) zulässt, gibt es Menschen, die dafür Messenger ohne Nummeranbindung nutzen (also Signal oder Telegram).

Die Frage, ob man die Nummer einer Freundin oder eines Freundes an Interessierte weitergeben darf, hängt stark damit zusammen. Sie ist mit einer Reihe von Entscheidungen und Einschätzungen verbunden, welche zeigen, wie stark die Kontaktaufnahme und die persönliche Identität mit einer Telefonnummer zusammenhängen.

Das einleitende Zitat aus dem aktuellen Roman von Miranda July zeigt, dass die Telefonnummer diese Bedeutung verloren hat. July verweist auf Instagram, wo Menschen auffindbar sein wollen oder es häufig auch über soziale Beziehungen sind. Selbstverständlich kann man mit entsprechenden Einstellungen verhindern, dass Fremde einem schreiben können, aber gleichzeitig besteht auch ein grosser Reiz darin, solche Nachrichten zu bekommen. Daneben sind Menschen am Arbeitsplatz grundsätzlich erreichbar: Das beginnt schon in der Schule, wo viele Schüler:innen über Lernplattformen Kontakt zu anderen Schüler:innen herstellen können. Outlook oder Teams erlaubt es in vielen Unternehmen, alle Mitarbeitenden zu kontaktieren.

Die Schwelle, eine Handynummer von jemandem kennen zu müssen, entfällt zunehmend. Gleichzeitig wird zumindest in der Schweiz die Handynummer auch für Geldtransaktionen benutzt, mit Twint können Schweizer:innen einander Geld schicken, wenn sie diese Nummer kennen. Das bedeutet, dass ich meine Nummer oft auch Menschen mitteilen muss, mit denen ich keine persönliche Beziehung habe. Viele Eltern meiner Schüler:innen schicken mir Geld über Twint – sie brauchen meine Nummer, ich sehe ihre. (Selbstverständlich gibt es (oft übergriffige) Versuche, Menschen über Twint anzusprechen und in ein Gespräch zu verwickeln.)

Was bedeutet dieser Wandel nun – also weg von einer medialen Situation, in der persönliche intime Kommunikation primär an eine Handynummer geknüpft war und hin zu einer, in der Menschen grundsätzlich digital erreichbar sind?

Ich würde folgende Aspekte herausarbeiten:

  1. Filtern (also Privat-Stellen und blockieren) gewinnt an Bedeutung, auch algorithmisch. Instagram trennt Nachrichten von User:innen, mit denen ich nicht verbunden bin, und bezeichnet sie als Anfragen, die ich auch ignorieren kann, wenn ich sie nicht bewusst anschauen will.
  2. Digitales Schreiben hängt weniger von der grundsätzlichen Möglichkeit ab, sondern von der Qualität: Wie schnell reagiert jemand, wie aktiv hört jemand zu, gibt es Ghosting-Phasen etc.
  3. Private und berufliche oder professionelle Kommunikation vermischen sich stark – sie finden auf demselben Gerät statt. In beruflichen Chats werden auch Freundschaften und andere Beziehungen gepflegt, auf privaten Plattformen finden berufliche Aushandlungsprozesse statt. Das ist von Unternehmen durchaus gewollt, für einzelne Personen aber kaum steuerbar.
  4. Übergriffe, Stalking etc. sind und bleiben auch in diesem medialen Umfeld ein Problem, besonders betroffene Menschen und Gruppen entwickeln Strategien, wie sie sich schützen können (z.B. Fake-Instagram-Konten, automatische Filter, Blocklisten etc.).

Kontrolle über Smartphones – ein echtes Problem Neuer Medien

Heute fuhr ich mit einer Gruppe junger Frauen im Bus, sie waren rund 20. Die eine war in einem Videocall mit ihrem Freund, der sie aufforderte, ihm ihre Kleidung und ihren Schmuck zu zeigen – er wolle nur sehen, wie hübsch sie aussehe. Die Kollegin der Frau reagierte stark, sie könnte nie einen Freund haben, der sie so kontrolliere. Der wolle ja auch, dass die Freundin den Standort permanent mit ihm teile, damit er immer wisse, wo sie sich aufhalte. Ein weitere Mitglied der Gruppe meinte, ihr Freund wolle auch ihren Standort habe, er sage, er brauche das, damit er ihr helfen könne, ihr Handy zu finden, wenn sie es verliere.

Kürzlich wurde ein Mann, der seine Frau erwürgt hatte, als Mörder verurteilt. Er hatte seine Frau konstant überwacht: über Handy-Tracking, über Auto-Tracking und über Video-Kameras in der gemeinsamen Wohnung.

Das sind zwei Anekdoten, die erste wahrscheinlich harmlos, die zweite extrem. Sie machen deutlich, dass wir in einer Welt leben, in der Überwachungstechnologie für Privatpersonen verfügbar ist. Es ist ohne Aufwand möglich, Kinder, Partner:innen, Eltern, Mitarbeiter:innen und andere lückenlos zu überwachen.

Das ist eine Machttechnologie mit massiven Abgründen. Wer überwacht wird, verhält sich anders. Alles, was man tut, ist eine Spur, ein Indiz, eine Abweichung von einem Muster. Im privaten Bereich gelten kaum rechtliche Einschränkungen, ethische Überlegungen fallen weg. Die Freunde, die ihre Freundinnen überwachen, tun das wahrscheinlich halb aus Fürsorge und halb aus Eifersucht, halb aus Liebe und halb aus Kontrollbedürfnis. Diese Balance mag anfangs stimmen, sie kann aber schnell kippen.

Das ist ein echtes Problem: Kinder und Jugendliche, die überwacht werden, müssten sich wehren können. Wer in einer Beziehung überwacht wird, müsste mit guten Argumenten ablehnen können. Die Normalisierung von Überwachung ist anders als viele andere Sorgen, die Erwachsene bezüglich der Nutzung von Smartphones durch junge Menschen haben, ein echtes Problem, das mit einer Einschränkung der Freiheit, Übergriffen und psychischer Gewalt verbunden ist.

Hier bräuchte es mehr Aufklärungsarbeit, Kampagnen und Unterstützung durch Schulen. Kindern und Eltern müssten lernen, dass Überwachung nicht in Ordnung ist. Verfahren, die Überwachung temporär zuzulassen, wenn eine unerwartete oder heikle Situation zu meistern ist, müssten dokumentiert und eingesetzt werden. Sehr wahrscheinlich müssten auch die entsprechenden Angebote strenger reguliert werden.

Wichtig ist, dass das Einverständnis zur Überwachung nicht mit anderen Aspekten vermischt wird: Oft erhalten Kinder die Erlaubnis, in der Freizeit etwas zu tun, wenn sie in die Überwachung einwilligen. In Beziehungen ist die Überwachung an Liebe gekoppelt, eine Weigerung wird als Vertrauensbruch gerahmt. »Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten«, ist im privaten Rahmen fast noch perfider als im staatlichen. Auch wenn ich nichts Illegales mache, möchte ich nicht von anderen Menschen kontrolliert werden – mehr noch: habe ich das Recht, nicht kontrolliert zu werden.

Werbung von Apple für die »Find My App«

Warum filmen sich Influencer:innen spiegelverkehrt – und was bedeutet das?

Kürzlich habe ich mit einer Klasse über Entschuldigungsvideos von Influencer:innen diskutiert. Dabei haben wir über ein Beispiel gepostet, in dem eine Influencerin namens Mathilda in die Kamera spricht. Für mich das Auffälligste daran: Mathilda filmt sich spiegelverkehrt (sichtbar am Schriftzug auf ihrem Pullover). Warum?

Meine Schüler:innen kamen schnell zu einer ersten Erklärung:

(1) Apps wie TikTok, Instagram etc. nehmen das standardmässig so auf.

Gemeint ist: Einige Programme entspiegeln Aufnahmen und geben Selfie-Aufnahmen so wieder, als würde man die Person direkt sehen – viele andere tun das nicht.

Mich hat die Erklärung nicht überzeugt, weil die Influencer:innen oft viel Zeit in ihre Videos stecken und mit den Bearbeitungsprogrammen problemlos den Spiegel-Effekt entfernen könnten, wenn sie wollten. Bei Gesprächen dreht es sogar die Anordnung der Personen: Im unteren Video ist die Frau links und der Mann rechts zu sehen, würden wir ihnen zuschauen, wäre das jedoch umgekehrt.

Kürzlich habe ich einen Vortrag in Wien gehalten und dabei über das Dagstuhl-Dreieck gesprochen, das verdeutlich, dass technische Phänomene immer auch eine sozio-kulturelle Bedeutung und eine Funktion für einzelne User:innen haben. Am Beispiel der Spiegel-Aufnahmen habe ich darauf hingewiesen, dass

(2) Die Spiegelaufnahmen suggerieren Intimität.

Die Videos oder Bilder geben vor, dass wir in einen Spiegel schauen oder die Influencer:innen in einen Spiegel schauen, dass sie also nicht zu einem Publikum sprechen, sondern wir ihnen so zuhören, als würden wir mit uns selber sprechen oder als sprächen sie mit sich selber. Dadurch entsteht eine para-soziale Interaktion. Der Effekt ist vergleichbar mit Aufnahmen, in denen Influencer:innen ungeschminkt oder ungefiltert zu uns sprechen (oder gar bewusst kauen oder etwas tun, während sie Videos aufnehmen) – was selbstverständlich immer auch eine bewusst gewählte Inszenierung ist, die aber oft nicht erkennbar ist.

Bei der Fragerunde kam aus dem Publikum eine weitere These:

(3) Weil viele die Selfie-Kamera als Spiegel benutzen oder viele Aufnahmen von sich machen, wirkt das gespiegelte Bild natürlicher.

So, wie wir unsere Stimme beim Sprechen anders hören, als wenn sie aufgenommen wird, ist das gespiegelte Bild unser inneres, das für uns echte Bild unseres Gesichts. Deshalb entspiegeln Influencer:innen nur für offizielle Hochglanz-Sachen, bei allem anderen belassen sie die Videos gespiegelt.

Habt ihr weitere Ideen, was das bedeuten könnte? Ich sammle sie gerne in den Kommentaren.

KI als Spiegel

Mit dem folgenden Text habe ich mich am Essaywettbewerb der Berner Zeitung ‚Der Bund‘ beteiligt. Gewonnen haben andere Beiträge.

Je menschenähnlicher Figuren oder Roboter werden, desto vertrauter werden sie uns. Wir empfinden Empathie und fühlen uns in ihrer Gegenwartwohl. Kurz bevor wir sie fast nicht von echten Menschen unterscheiden können tritt ein paradoxer Effekt ein: Sie werden uns unheimlich. Dieser Effekt hat einen Namen, er wird als ‚uncanny valley‘ bezeichnet. Die Vorstellung gruselt uns, etwas Künstliches könnte genau so sein wie wir, die wir geboren wurden und gelebt haben.  

Als Gesellschaft stehen wir in Bezug auf die KI-Technologie vor der Frage, ob dieses Tal des Unheimlichen, wie das ‚uncanny valley‘ auf Deutsch heisst, durchschritten werden kann. Können wir uns Figuren oder Intelligenzen vorstellen, die so menschenähnlich sind, dass wir das als angenehm empfinden? Der Turing-Test präsentiert ein Verfahren, um das zu überprüfen: Eine Person erhält auf ihre Fragen jeweils zwei Antworten – eine von einem Mensch, die andere von einer Maschine. Die Maschine besteht den Turing-Test, wenn die Person sie für den menschlichen Gesprächspartner hält. Das Kriterium, um Maschinen echte Intelligenz oder Denkvermögen zuzuschreiben, wäre also: Kann sie ein so lebendiges Gespräch führen, dass wir Menschen gar nicht mehr unterscheiden können, ob wir mit einem Menschen oder einem Automaten sprechen? (Eine Untersuchung aus dem Dezember 2023 zeigt, dass ChatGPT den Turing-Test noch nicht besteht – nur menschliche Nutzer werden aktuell in über 50% der Versuche auch als Menschen identifiziert.)

Der Turing-Test macht deutlich, was an der Vorstellung unheimlich ist, dass Maschinen Menschen in ihrem Handeln gleichen: Wir sind dann nicht mehr in der Lage einzuschätzen, wer ein Mensch ist und wer nicht. Wir lassen uns auf bisher menschliche Formen der Interaktion ein, indem wir etwa ein Gespräch führen – und unterhalten uns mit einer Maschine. Snapchat stellt allen Usern einen Kontakt namens ‚MyAI‘ zur Verfügung: Der Bot lernt einen kennen und ist immer für einen anregenden Chat zu haben.  Der Spielzeughersteller Curio integriert diese Technologie in Plüschtiere, die mit kleinen Kindern sprechen und sich an sie gewöhnen. Was zunächst wie ein nettes Feature wirkt, wird doch schnell wieder unheimlich: Möchten wir Menschen, die einem Bot sprechen, weil der immer positiv und zuverlässig antwortet? Der Technikkritiker Jaron Lanier hat den Turing-Test deshalb auch nachvollziehbar kritisiert: Er zeige nur, dass wir bereit seien, die Ansprüche an menschliche Interaktionen zu senken, wenn wir uns zu viel mit Maschinen abgäben.

Daraus lässt sich eine tiefere Einsicht ableiten, die hinter dem Problem des ‚uncanny valley‘ steht: Warum wirkt es eigentlich unheimlich auf uns, wenn eine Figur uns gleicht? Wenn wir ausgehend davon über die Fragen nachdenken, die uns in der Auseinandersetzung mit KI beschäftigen, eröffnet das neue Perspektiven. Wir können uns fragen, warum es uns beunruhigt, wenn eine Maschine Entscheidungen fällt, moralische Abwägungen trifft oder Sachverhalte so zurechtlegt, dass es uns schwer fällt, Wahrheit, Lüge oder Manipulation zu unterscheiden. Mittlerweile werden die Maschinen sogar faul; Ende 2023 haben sich Klagen gehäuft, KI-Tools wie ChatGPT würden Anforderungen zunehmend kurz und schnippisch beantworten.

Das alles wirkt so, als blickten wir in einen Spiegel. Wir verwenden ein Tool, das scheinbar so viel kann, dem wir aber doch nicht trauen. Eine Maschine, die leistungsfähig aber fehleranfällig ist. Automaten, deren Rechenkapazitäten uns faszinieren, die aber plötzlich die Arbeit verweigern. Sind sie nicht äusserst menschlich? Ist das nicht, was uns als Menschen definiert: Kreativität, Leistungsbereitschaft, Effizienz – aber auch Fehler, Lügen, Faulheit?

Auf einer technischen Ebene überrascht das nicht: Die Chat-KI-Tools sind Datenbanken, die menschliche Texte durchsuchen, Muster identifizieren und basierend darauf Texte oder Bilder hervorbringen, die bedeutsam wirken. Wir schauen also tatsächlich technisch gesehen in einen Spiegel: Was die Maschine antwortet, ist das, was ein Mensch antworten könnte. Die Fehler, die Lügen, die Faulheit – sie sind alle über menschliches Verhalten in die Maschine reingeraten. Die Muster der Maschine sind die Muster der Menschen. 

Die KI zeigt uns, wie wir selber funktionieren. Das ist wohl noch unheimlicher als ein Automat, der uns gleicht und den wir nicht von anderen Menschen unterscheiden können. Wir sind konfrontiert damit zu verstehen, was in uns eigentlich macht, dass wir denken und fühlen. Hat das etwas Maschinelles? Oder gar etwas Zufälliges?

Die KI-Forscherin Emily Bender spricht in Bezug auf Chatbots von stochastischen Papageien, die einfach nach Wahrscheinlichkeiten Worte auswählen, die dann bedeutsam wirken. Die Nutzung von KI stellt uns also vor die Frage, ob wir nach bestimmten Mustern funktionieren, wenn wir sprechen, denken oder empfinden. Natürlich fühlt sich das für uns nicht so an, aber das, was die Chatbots hervorbringen, nehmen wir im ersten Moment auch nicht als etwas Maschinelles wahr. Wir sprechen mit ihnen, als wären sie ein menschliches Gegenüber. Siri, Alexa und der Stimme von GPS im Auto hören wir zu, als würden uns kluge Frauen durchs Leben führen. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Beim Small Talk in der S-Bahn sagen wir zuweilen durchaus Dinge, die auch ein programmierter Papagei plappern könnte. 

Hier kommt das Unheimliche ins Spiel: Wie ich mich bei einer Maschine täuschen kann, wenn ich denke, ich hätte es mit einem Menschen zu tun statt mit einem Automaten; so könnte ich mich auch in Bezug auf mein eigenes Denken, Sprechen und Handeln täuschen: Es könnte tatsächlich von einer Maschine hervorgebracht werden, ein Produkt von raffinierten Mechanismen und Mustern sein – aber nichts mit mir und dem, was sich in mir als Ich anfühlt, zu tun haben.

Ich erspare den Leserinnen und Lesern dieses Textes die billige Pointe, die man erzielen kann, indem man ChatGPT-Antworten kopiert und dann testet, ob alle rausfinden, was Mensch oder Maschine geschrieben haben. Aber ich nutze beim Schreiben eine Software, die nachverfolgt, welche Textpassagen ich reinkopiert habe und mich fragt, aus welcher Quelle sie stammen. Ich brauche also ein Hilfsmittel um nachweisen zu können, dass ich einen Text geschrieben habe und nicht etwa eine Maschine. Bald wird diese Differenz verschwinden, wir werden annehmen, dass fast alle Texte automatisch generierte Textteile enthalten. Die Frage, wie sich dann mein Schreiben von dem von Maschinen unterscheidet, wird verschwinden. Dadurch wird immer weniger klar, was eigentlich menschlich ist und was nicht, wo die Differenz zwischen Robotern und denkenden Personen liegt. Ich schreibe dann als Teil eines riesigen Kollektivs und lasse von der Maschine Textmuster generieren, die andere Menschen so auch formulieren könnten. Nicht viel anders als die Kommentierenden, die mir mit Feedback geholfen haben, diesen Text schlüssiger und eleganter zu machen. 

Wenn wir heute über die Möglichkeit maschineller Empathie, Moral oder Wahrheitsfindung nachdenken und durchaus auch etwas Angst empfinden, menschliche Errungenschaften könnten dadurch bedroht werden, wie wir KI einsetzen, dann können wir ausgehend von den bereits angestellten Überlegungen zwei Phasen unterscheiden und zwei Schlüsse ziehen:

In einer ersten Phase ist KI ein Werkzeug, das wir einsetzen. Wenn dadurch Probleme entstehen, Unwahrheiten verbreitet werden, Fehler gemacht werden, dann ist all das Menschen zuzuschreiben, welche KI einsetzen. Würde ich mit diesem Text Lügen verbreiten, müsste ich dafür gerade stehen, auch wenn ich sie von ChatGPT übernommen hätte. Genauso wie ich sie verantworten müsste, hätte ich sie aus einem Buch abgeschrieben oder in einem Gespräch aufgeschnappt. Die Schlussfolgerung daraus wäre: Was Menschen mit KI machen, müssen Menschen rechtfertigen. Es hat mit Technologie nichts zu tun.

In einer zweiten Phase können wir aber Menschen und Technologie kaum noch unterscheiden. KI entwickelt Persönlichkeiten und wird schreiben und sprechen, wie Menschen das tun – während Menschen sich durch die intensive Nutzung von KI immer stärker wie Maschinen verhalten werden, die ja gleichzeitig auf menschliches Material zurückgreifen, um Musteranalysen durchzuführen. Menschliches Verhalten wird dann mit maschineller Tätigkeit so verbunden sein, dass alle Konzepte, von Wahrheit über Moral bis zu Liebe, sich einem Wandel unterziehen werden. Auch Verdrängtes und Tabuisiertes wird die Beziehung zwischen Mensch und Maschine beeinflussen. Heute wirkt das unheimlich, oft auch unerwünscht. Blickt man aber in die Geschichte der Menschheit, dann haben sich alle Konzepte ständig verändert. Technologie und Innovation haben dazu geführt, dass wir so leben, wie wir heute leben. Und sie werden dazu führen, dass Menschen in Zukunft anders leben, als wir es heute tun. Der Spiegel der KI führt uns das aktuell gerade vor Augen. Das ist der zweite Schluss. 

Die Angst vor einer KI, die autonom handlungsfähig wird und Menschen dabei bedroht, ist sehr verbreitet. Wir denken, getrieben von Science-Fiction-Serien, immer wieder über Systeme nach, welche die Kontrolle übernehmen und Menschen nicht mehr gehoren. Diese populäre Angst ist aber lediglich eine Ablenkung von dem, was uns wirklich ängstigt: Dass Maschinen uns zeigen, wie wir Menschen funktionieren, wie wir (mit und ohne Maschinen) handeln – und wie wir uns verändern werden. 

Illustration ChatGPT/Dall-E. Kommentar von ChatGPT zum Bild: »Hier ist eine Illustration, die die Essenz deines Textes einfängt. Sie zeigt die Interaktion zwischen einem humanoiden Roboter und einem Menschen, umgeben von Symbolen, die den Turing-Test darstellen, in einer Szene, die Neugier, Introspektion und ein leichtes Unbehagen widerspiegelt. Ich hoffe, diese Illustration ergänzt deinen sorgfältig ausgearbeiteten Text passend.« 

Wie Schulen sich entwickeln: das Problem der systemischen Abhängigkeit

Kürzlich habe ich mich sehr über eine Boulevard-Schlagzeile gefreut: Dort hat die Vorsteherin des wichtigsten Schweizer Verbands für Lehrpersonen, Dagmar Rösler, deutlich gemacht, dass es aus ihrer Sicht Zeit ist, von Noten abzurücken.

Gerade in Bezug auf Gymnasien, die in der Schweiz in einer Krise stecken, bin ich fest davon überzeugt, dass die Abschaffung von Noten viele positive Auswirkungen hätte. Könnten und dürften Lehrpersonen keine Noten mehr geben, dann würden sie ihren Unterricht so optimieren, dass er in den meisten Fällen besser würde. Dasselbe gilt für Schüler:innen – auch sie würden ohne Noten den Fokus auf das legen, was ihr Lernen voranbringt und weniger Studenting betreiben.

Diese Zuspitzung blendet aber einen wichtigen Zusammenhang aus: Schulentwicklung ist komplex, weil unterschiedliche Aspekte von Schule miteinander verbunden sind und auch unerwartete, paradoxe Effekte auslösen können. Wenn wir bei den Noten bleiben, dann stellt sich ja sofort die Frage nach den Alternativen. Diese beantworte ich zuweilen salopp so, dass es keine braucht: Noten sind unnötig. Nur: Das bedeutet dann bei einigen Lehrpersonen, dass sie Schüler:innen gar kein Feedback mehr geben würden. Ohne Noten und Prüfungen könnte es sogar sein, dass es kaum mehr Schüler:innenaktivitäten gäbe, Unterricht wäre dann eine Art Plauderstunde einer Lehrperson, die Schüler:innen über sich ergehen lassen, weil sie davon kaum betroffen sind. Was wiederum heißt: Ohne Noten würden bestimmte Formen von Unterricht schlechter, als sie es heute sind.

Lehrpersonen fragen etwa zurecht, woher sie die Zeit nehmen sollen, die aufwändigere Formen von Feedback erfordern, wie sie individuell auf Lernprozesse von Schüler:innen eingehen sollen. Beurteilung und Feedback sind also auch abhängig von der Arbeitszeit von Lehrpersonen, vom Betreuungsverhältnis. Das ist eine Selbstverständlichkeit, die aber immer wieder betont werden muss: Gute Schulen gibt es nur mit guten Arbeitsbedingungen und guten Betreuungsverhältnissen.

Das ist nur ein Beispiel: Auch das System des Fachunterrichts müsste hinterfragt werden, was wiederum mit den Anstellungen von Lehrpersonen zusammenhängt, die in einer idealen Schule nicht an bestimmte Fächer geknüpft wäre, sondern ganzheitlich mit verschiedenen Arbeitsformen an Schulen verbunden wäre. Weiter hängt die Führung von Lehrpersonen mit alldem zusammen, die Frage, wer sie bei einer Entwicklung begleitet, wer etwas von ihnen einfordert etc.

All das betrifft jede Form von Schulentwicklung, gerade auch Aspekte der Digitalität. Jede Massnahme löst systemische Effekte aus, die bedacht werden müssen. Menschen agieren in komplexen Systemen, ihre Handlungen sind an unterschiedliche Bedingungen geknüpft – es gibt nie eine Ursache und einen Effekt, sondern verschiedene Ursachen rufen unterschiedliche und auch widersprüchliche Effekte hervor.

Wie die Schule bei KI reflexartig wiederholt, was schon bei Wikipedia ein Problem war

Wikipedia-Logo

Was war das Problem am schulischen Umgang mit Wikipedia? Als allen Verantwortlichen klar wurde, dass Schüler:innen schnell auf eine Enzyklopädie zugreifen können, haben Lehrpersonen begonnen, diese Möglichkeit mit Unwahrheiten schlecht zu reden. Jede:r könne Artikel verändern, die Qualität sei nicht geprüft, Wikipedia sei keine seriöse Quelle, bei Arbeiten dürfe man sich nicht auf Wikipedia beziehen – die Liste mit Halbwissen, dass Schüler:innen als Begründungen geliefert wurde, ist lang. Lehrpersonen nutzen Wikipedia selbstverständlich bei der Vorbereitung, machten die Nutzung aber moralisch mit ungenauen oder gar falschen Behauptungen schlecht.

Das ist im Rückblick sehr schade: Sinnvoll wäre gewesen, mit Schüler:innen an Wikis so zu arbeiten, dass sie lernen können, an Wikipedia mitzuarbeiten und zu beurteilen, wie gut ein Artikel ist (diese Idee haben Notari und Döbeli Honegger in ihrem Buch im Detail vorgestellt).

Bei KI-Tools passiert dasselbe. Zwar ist vielen Lehrkräften bewusst, dass es eigentlich gut wäre, Schüler:innen würden die Tools für die Textproduktion kompetent und kritisch nutzen – nur sind sie in ihrer Unterrichts- und insbesondere Prüfungspraxis oft damit so überfordert, dass sie dazu übergehen, die Nutzung zu erschweren, verhindern und sie auch moralisch abzuwerten.

Das will ich einzelnen Personen nicht vorwerfen: Aktuell ist es schwierig abzuschätzen, wie Jugendliche und junge Erwachsene in Zukunft schreiben werden und wie sie lernen können, kompetente Schreibende zu werden, wenn sie jederzeit auf KI-Tools zurückgreifen können… Letztlich fehlt im System das Vertrauen und der Anreiz, Technologie zu nutzen und diese Nutzung zu reflektieren. Gerade die Leistungs- und Prüfungskultur verhindern Settings, in denen offene Erprobungsphasen stattfinden können – es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Lehrpersonen den Unterricht auf Prüfungen hin fokussieren, die nicht dem aktuellen Stand der Technologienutzung entsprechen.

Warum es das Twitter-Feeling nicht mehr geben wird

Sobald eine neue Plattform eröffnet wird (aktuell gerade Threads), stellt sich schnell die Hoffnung ein, es könnte wieder so werden, wie es bei Twitter mal war. Abgesehen davon, dass es genau so wahrscheinlich nie war, weil Nostalgie klare Wahrnehmung immer verhindert: Die Hoffnung ist verfehlt. Das begründe ich kurz.

Twitter war zu Beginn eine Vernetzung von Menschen, die weder ökonomisch noch politisch eingebunden waren. Twitter war in diesem Sinne ein reines Gespräch, nicht beeinträchtigt von anderen Interessen. Mehr noch: Viele Menschen konnte sich auch aus ihren sozialen Rollen lösen, lasen nicht, was andere waren, sondern was sie geschrieben haben. Miteinander reden, als ob es egal wäre, wer die anderen sind, wie sie aussehen, was sie können oder nicht können und ob man damit Geld verdient.

Die unschuldige Start-Phase war schnell vorbei. Ich erinnere mich daran, wie ich an einer Konferenz vor ca. 10 Jahren mal Professor*innen darauf aufmerksam gemacht habe, dass es einen kritischen Diskurs über ihre Aussagen gäbe, den sie noch nicht mal wahrnehmen könnten: auf Twitter. Diese Professor*innen waren nicht die einzigen, die gemerkt haben, dass dieser anarchische, machtfreie Raum etwas war, was sie bedrohte – und was sie also wieder unter ihre Kontrolle bringen mussten.

Diese Kontrollbemühungen entstanden aus verschiedenen Richtungen: Letztlich ging es darum, politische und ökonomische Machtverhältnisse zu sichern. Der Effekt war, dass Twitter zu einer politischen Bühne und einem Marketing-Tool wurde, dass Content Creators sich überlegten, wie sie Twitter-Reichweite monetarisieren konnten oder wie sie Reichweite aufbauen konnten, um sie dann zu monetarisieren.

Sobald eine neue Plattform startet (viele verweisen auf Threads auch auf Clubhouse), stellt sich die Hoffnung ein, es könnte wieder diesen anarchischen Raum geben, der sich den Machtverhältnissen der Gesellschaft entzieht. Das wird aber so lange nicht der Fall sein, wie Größe und Reichweite entscheidend sind. Wer anarchische Räume will, muss Nischen besetzen. Nicht umsonst leben ja Subkulturen in Foren und z.B. auf Tumblr dann weiter, wenn das nicht Angebote für eine breite Öffentlichkeit sind; wenn nicht Usability und Netzwerk-Effekte im Vordergrund stehen.

Twitter 2011

Müssen Jugendliche besser lesen lernen? – Eine kritische Bemerkung zu einer populären Forderung

Fasst man die Ergebnisse der PISA-Studie 2022 im Bereich Lesen zusammen, genügen für die Schweiz zwei Zahlen:

  • ein Viertel der 15-Jährigen in der Schweiz kann die zentralen Aussagen in einem einfachen Text nicht erkennen
  • knapp 10% können anspruchsvolle Texte lesend erschließen.

Diese Ergebnisse sehen visualisiert so aus (S. 25 im Bericht):

Im Folgenden soll es aber um die Reaktionen gehen. Auch wenn die Schweizer Ergebnisse im internationalen Vergleich halbwegs okay sind (die Schweizer Jugendlichen lesen leicht besser als der OECD-Schnitt und die Jugendlichen in den umliegenden Ländern) – fordern viele Menschen eine Reaktion, eine Form von Leseförderung.

Grundsätzlich kann man sagen, dass dieses Ergebnis der Logik des Schweizer Bildungssystems entspricht: Bildungsverlierer:innen erwerben im selektiven System auch basale Kompetenzen nicht (in Mathematik sind es knapp 20%, die grundlegende Anforderungen nicht erfüllen). Diese Jugendlichen sollen Berufe ausüben, in denen sie nicht lesen können müssen. Wären sie besser gebildet, würden sie sich wohl nicht mit diesen Berufen abfinden. Das ist die zynische, realpolitische Sicht.

Der Peter-Gut-Cartoon ortet das Problem bei den digitalen Medien, ein SRF-Beitrag fragt, wie Lesen »wieder cool« werden könnte (vielleicht mit TikTok), die NZZ-Redaktion befiehlt Jugendlichen zu lesen und gibt ihnen ein paar Buchtipps mit auf den Weg, Bettina Weber findet gar, politisch korrekte Sprache müsse als Wurzel des Problems gemieden werden. Diese Forderungen von belesenen Menschen gehen am Problem vorbei (viel besser machen es Comtesse und Jones in diesem Bund-Artikel). Sie sind aber aufschlussreich, weil sie deutlich machen, wie hilflos viele Menschen dem aktuellen Kulturwandel gegenüber sind.

Grundsätzlich baut die schulische Lesedidaktik sowie die allgemeine Vorstellung von Werteerziehung auf privater Lektüre auf. Wer gern und viel liest, lernt in der Schule besser lesen und kann vom stark auf Lektüre schriftlicher Texte basierenden Unterricht stärker profitieren. Gleichzeitig werden bürgerliche Werte übernommen, wenn man sich mit dem Lektürekanon auseinandersetzt. Jugendliche müssen lesen, um zu verstehen, was ein ‚guter‘ Mensch tun und denken sollte; um sich mit moralischen Fragen auseinanderzusetzen. Lesen ist gleichzeitig aber auch Me-Time, Anlass zu vertiefter Reflexion und entspannende Unterhaltung.

Nun liest aber ein relevanter Anteil von Kindern und Jugendlichen keine literarischen Texte (mehr). Für Me-Time, Unterhaltung und Reflexion nutzen sie TikTok, Instagram, Snapchat – oder Games, auf dem Handy oder an der Konsole. Da lesen sie durchaus, wenn man einen weiten Textbegriff verwendet, der sich nicht auf gedruckte Texte beschränkt. TikTok-Videos sind komplexe Geflechte von Bedeutungen, Verweisen, Anspielungen, bedeutungsvolle Musik und Mitteilungen, die sich aufeinander beziehen. Genauso bieten Games anspruchsvolle Formen von Storytelling. Nur: Die Fähigkeiten, die man braucht, um digitale Texte zu lesen (eine wissenschaftliche Einordnung dazu findet sich hier), sind nicht dieselben, die man braucht, um die Texte zu lesen, mit denen bei PISA Lesekompetenz gemessen wird.

Das bedeutet zunächst, dass bei diesen jungen Menschen die Lesezeit für herkömmliche Texte fehlt. Das hat Konsequenzen:

  1. Die Grundlage für den schulischen Leseunterricht fehlt. Dieser basiert auf der Annahme, dass Kinder und Jugendliche auch außerhalb der Schule lesen. Fällt das weg, müsste der Unterricht neu konzipiert werden (indem z.B. Lesezeit in der Schule zur Verfügung gestellt wird).
  2. Lesen schriftlicher Texte bekommt eine andere Bedeutung, es ist nicht mehr ein universeller Zugang zu Wissen, Kultur, Unterhaltung und Wertevermittlung, sondern der Zugang eines Teils der Bevölkerung, eine Nische.

Die oben zitierten Reaktionen zeigen, dass zumindest journalistischen Kommentator:innen das beides nicht akzeptieren können. Sie gehen davon aus, dass Lesen eine universelle Bedeutung habe, eine zentrale Grundlage sei, ohne die vieles nicht denkbar sei. Da sie aber (schon länger) weggebrochen ist, muss vieles ohne das Lesen von schriftlichen Texten gedacht werden. Mahnungen in Zeitungen, die junge Menschen ja ohnehin nicht lesen, bringen nichts. Sie sind eine Bestätigung für alle die Menschen, die auch nicht damit klarkommen, dass sich Kultur und Gesellschaft verändert haben, verändern und verändern werden.

Die entscheidende Frage ist, wie ein gutes Leben ohne die Lektüre schriftlicher Texte aussehen kann; wie gute Bildung gestaltet werden kann, wenn Jugendliche zuhause teilweise nicht mehr lesen; wie wir Werte verhandeln können, wenn wichtige Debatten auf audio-visuellen Plattformen stattfinden und nicht mittels gedruckter Texte geführt werden.

Vielleicht müssen also Jugendliche gar nicht mehr oder besser lesen, sondern wir müssen Wege finden, damit umzugehen, dass einige es nicht tun und trotzdem gebildete, gute Menschen sind.