Jonathan Haidts »The Anxious Generation« (auf Deutsch: »Generation Angst«) ist die aktuelle Version des Sachbuches, das Eltern und Lehrpersonen in der Vermutung bestärkt, die Smartphone-Nutzung von Kindern und Teenagern ein massives Problem darstellt. Haidts zentrales Argument lautet: Die Nutzung von Social Media verursacht und verstärkt psychische Probleme bei Jugendlichen, weil sie direkte Interaktionen und freies Spiel beeinträchtige. Deshalb, so sein Lösungsvorschlag, müsste der Zugang zu Social-Media-Plattformen eingeschränkt und die Handynutzung an Schulen unterbunden werden – damit Kinder und Jugendliche mehr miteinander reden und spielen.
Gerade die Forderung, Schulen zu Handy-freien Zonen zu machen, hat in Europa viele Unterstützer:innen gefunden. Sie beziehen sich oft implizit und explizit auf Haidts Argumentation, weshalb es mir sinnvoll erscheint, darauf hinzuweisen, wie problematisch sie ist. (Haidt fordert Eltern und Lehrer:innen am Ende des Buches auch direkt dazu auf).
Das Kernproblem
Haidt interessiert sich nicht für Kinder und Jugendliche. Weder ihre psychischen Probleme und Bedürfnisse noch ihre konkrete Handynutzung stehen im Fokus seines Buches. Deshalb verpasst Haidt nicht nur die korrekte Diagnose, sondern auch die wirklich wirksamen Lösungsvorschläge: Ja, Social Media sind für bestimmte Jugendliche in bestimmten Situationen eine Belastung und ein massives Problem. Für viele andere sind sie ein Teil ihres Lebens, der manchmal stressig, manchmal hilfreich ist, wie fast alle Technologie, die wir selbstverständlich nutzen. Meine Mikrowelle ist oft sehr hilfreich, weil sie Essen schnell wärmt. Manchmal ist sie aber auch eine Quelle von Stress, wenn das Essen zu heiss wird, so dass die ganze Mikrowelle verspritzt wird. Genau so ist es mit Laptops, Autos, SmartHomes, mit Dampfkochtöpfen, Kugelschreibern und eben auch Handys.
Als ich 30 war, hatte ich ein paar Monate ein Auto in der Stadt Zürich. Ich fuhr oft zu spät los und war auf dem Weg zu Arbeit gestresst; am Abend hatte ich Mühe einen Parkplatz zu finden und erhielt viele Parkbussen. Ich habe mein Auto wieder verkauft. Genauso reduzieren viele Jugendliche, die unter Instagram oder anderen Social-Media-Plattformen wirklich leiden, ihre Nutzung. Selbstverständlich ist es nicht einfach, sie gar nicht zu nutzen – aber wenn Apps bei jedem Öffnen zu schlechten Gefühlen führen, ist es naheliegend, sie weniger zu nutzen. Kinder und Jugendliche sind nicht dumm.
Haidt merkt das aber nicht, weil er nicht mit Kindern und Jugendlichen gesprochen hat, sondern nur über sie spricht. Er befeuert und profitiert von einer Moral Panic, die rund um jede Technologie entsteht, weil viele Erwachsene mit der Veränderung überfordert sind und Ängste gegenseitig verstärken. Michael Hobbes und Peter Shamshiri weisen in ihrer Kritik von Haidts Buch zurecht darauf hin, dass Haidt Social Media durchgängig so sieht, wie sie ältere weisse Professoren erleben: Als ein Ort, wo ihnen Menschen widersprechen und sich über sie lustig machen – und als etwas, was junge Leute auf eine Weise machen, die sie nicht verstehen. Nur: Das ist nicht die Erfahrung, die junge Menschen machen. Sie unterhalten digitale viele unterschiedliche Beziehungen, was gerade deshalb wichtig ist, weil es ihnen oft nicht möglich ist, all diese Menschen täglich zu sehen, mit denen sie Snaps austauschen. Hobbes und Shamshiri zeigen an einem spannenden Punkt deutlich, weshalb Haidt eine Moral Panic bedient und sich von ihr beeinflussten lässt: Im Buch erwähnt er mehrmals, Social Media würde Kinder und Jugendliche »Predators« ausliefern, also pädosexuellen Männern, die sie auf digitalen Plattformen belästigen würden. Diese Stranger-Danger-Angst ist eine Moral Panic, die in den 80er- und 90er-Jahren zu einer massiven Überreaktion geführt hat und deshalb gefährlich war (und ist), weil ausgeblendet wird, dass über 90% der von Übergriffen betroffenen Kindern und Jugendlichen die Täter kennen. Es sind in der Regel nicht Fremde, die solche Verbrechen begehen. Das gilt auch für digitale Plattformen: Die entscheidende Gefahr geht vom Sporttrainer aus, der plötzlich DMs schreibt, vom älteren Mitschüler, der Love-Bombing betreibt etc. Wer das ausblendet, versteht das Problem nicht.
Weil Haidt die Perspektive junger Menschen ausblendet und Bedürfnisse überforderter Erwachsener priorisiert, merkt er auch nicht, was psychisch belasteten Jugendlichen helfen würde. Selbstverständlich würde ein bewussterer, reduzierter Umgang mit Social Media die Mental Health verbessern – gleichzeitig fehlt aber vielen Jugendlichen der Zugang zu niederschwelligen, kostenfreien psychologischer Unterstützung, Verständnis von Erwachsenen, Mediation bei Konflikten, Lernumgebungen, in denen sie sich wohl fühlen, gute Betreuungsverhältnisse an Schulen etc.
Helfen würde auch eine Regulation von Social-Media-Plattformen: Konsequente Moderation, Ausschluss gefährlicher Profile, Ansprechpersonen bei Problemen. Haidt ist hier ambivalent: Regulation ist ihm ideologisch suspekt, weshalb er diese naheliegende Lösung ausschliesst. Gleichzeitig hat sein Druck aber zu sinnvollen Verbesserungen geführt, z.B. bei Instagram:

Das methodische Problem
Wer über Jugendliche spricht, statt mit ihnen, meint es nie ernst. (Dasselbe gilt auch fürs Lesen.) Daneben gibt es bei Haidt ein weiteres Problem, ein methodisches. Haidt behauptet in Zusammenarbeit mit Jean Twenge, die Verbreitung von Smartphones sei die einzige Erklärung, die einen Anstieg psychischer Probleme erklären könne, wie er in Abbildungen wie der unten ersichtlich wird.

Der Anstieg ist grundsätzlich unbestritten, er ist auch in Europa erkennbar, wenn auch nicht überall gleich stark und in den gleichen Kategorien wie in den USA. Lässt er sich tatsächlich durch Smartphones erklären?
»There is no evidence to definitively claim that the general
use of smartphones negatively impacts adolescents’ social-emotional development.«
Diese Bilanz zieht Balan in einer Auswertung der verfügbaren Studien (S. 26). Die Studien von Twenge weisen einen Einfluss von Smartphones auf die Mental Health von Kindern und Jugendlichen nach – aber nur deshalb, weil sie von ganz bestimmten Annahmen, Daten und Formen der Bereinigung der Daten ausgehen. Tut man das nicht (wie das in den Studien von Amy Orben der Fall ist), zeigt sich, dass der Einfluss von Social Media mit dem von Kartoffeln in der Ernährung vergleichbar ist. Kurz: Die Daten zeigen nicht, dass Jugendliche, die früher in ihrem Leben Social Media genutzt haben oder mehr Zeit mit Social Media verbringen, sich schlechter fühlen oder darunter leiden.
Das bedeutet nicht, dass digitale Plattformen nicht Belastungen und Stress für Jugendliche mit sich bringen und viele von ihnen konkret darunter leiden. Aber es bedeutet, dass sich dieser Zusammenhang rein aufgrund der verfügbaren Daten nicht direkt belegen lässt – oder nur, wenn man die Daten so zurechtbiegt, dass sie dieses Ergebnis zeigen.
Auch methodisch wäre es sinnvoller, qualitativ zu arbeiten (das wäre ein gutes Buch dazu) und mit Jugendlichen zu sprechen, statt messen zu wollen, wie sich die Social-Media-Nutzung auswirkt. Ein Beispiel für die Ungenauigkeit des statistischen Zugang ist Haidts quasi härtestes Argument: Er betrachtet eine Statistik über Einlieferungen Jugendlicher in Krankenhäuser, nachdem sie sich selbst verletzt haben. Dabei spielt die Wahrnehmung keine Rolle, es handelt sich quasi um objektive Daten. Haidt argumentiert, diese Einlieferungen stiegen in dem Moment an, als Jugendliche Social Media nutzen konnten. Er blendet aber aus, dass viele Jugendliche in dem Moment dank den Reformen Obamas Gesundheitsversorgung durch Spitäler in Anspruch nehmen konnten, was dazu führte, dass sie bei Verletzungen häufiger Krankenhäuser besucht hatten. Wir sehen also vielleicht einfach einen Reflex der verbesserten Gesundheitsversorgung. Die Daten sind zwar objektiv, aber sie zeigen oft nicht das, was wir darin sehen wollen.
Als Fazit sei Amy Orben zitiert, die vermutet, dass wir Erwachsenen uns in Zukunft folgende Frage stellen werden: »Were we worried about technology in excess, when we should have been worried about raising our kids?«
(Sarah Genner und Cornelia Diethelm haben das Buch in ihrem Podcast auch besprochen.)












