Wie sich digitale Gespräche wandeln – und wie sie sich automatisieren werden

»Schreibst du mit ihm?« – Das Verb »schreiben« kann erst seit ein paar Jahren analog wie sprechen verwendet werden. Das ist ein Reflex des interaktionsorientierten Schreibens auf digitalen Plattformen: Seit Menschen chatten, erleben sie schreiben als eine gemeinsame Aktivität, die sie mit jemandem zusammen ausführen. Deshalb ist es sinnvoll, von digitalen Gesprächen zu sprechen.

Das bedeutet, dass diese Formen des Schreibens stark mit sozialen Normen und mit Erwartungen verbunden sind. Was jemand in einem Chat schreibt, ist ein Geflecht von Fragen und Antworten, von Aktionen und Reaktionen eingebunden, die – im Vergleich mit dem Briefverkehr – sehr schnell sichtbar sind. Die Darstellung und das Repertoire dieser Aktionen und Reaktionen wird durch die Möglichkeiten, welche Plattformen zur Verfügung stellen, beeinflusst.

Im Folgenden skizziere ich ein paar wesentliche Umbrüche und Entwicklungen – und werfe einen Blick in die Zukunft.

(1) Längenbeschränkungen und Aufteilung

Die ersten SMS-Systeme waren kostenpflichtig: Jede Nachricht führte zu einer Gebühr, die Länge der Nachrichten war beschränkt. So fassten sich die Menschen kurz und verwendeten oft innovative Abkürzungen (oder zeigten einander, dass die Kosten für die Kommunikation sich lohnen). Längere Beiträge mussten unterteilt werden.

Die Enden (und Anfänge) von einzelnen Nachrichten erhielten so eine syntaktische Funktion, sie sind ein zusätzlicher, stärkerer Marker für Interpunktion. Das dürfte der Hauptgrund sein, weshalb Nachrichten heute auf Deutsch kaum mit Punkten abgeschlossen werden (weil das Ende der Nachricht schon stark gekennzeichnet ist).

(2) Lesebestätigungen

2011 haben die ersten Messaging-Systeme eine Funktion eingeführt, die erlaubt, nachzuvollziehen, ob die andere Person die Nachricht erhalten und/oder gelesen hat.

Dadurch entsteht ein genaueres Verständnis der Reaktion der anderen Person, insbesondere bei ausbleibenden Antworten. Nicht zurückzuschreiben bedeutet abhängig vom Lesestatus etwas anderes:
a) nicht antworten, die Nachricht aber gelesen haben
b) nicht antworten, die Nachricht aber erhalten haben
c) nicht antworten, die Nachricht nicht erhalten haben.

Sofort haben Ratgeber die Runde gemacht, die erklären, wie sich diese Funktion ausschalten lässt. Verständlicherweise fühlten sich Menschen überwacht, nachdem sie zuvor als einzige wussten, ob sie Nachrichten gelesen hatten oder nicht. Gleichzeitig war aber auch das Ausschalten markiert, es konnte als Verstoß gegen eine Norm, als Misstrauen gelesen waren.

Das Beispiel zeigt, dass veränderte technologische Bedingungen von Messaging:

  1. Schriftliche Kommunikation oft näher an die mündliche Gesprächssituation heranführen (ich merke in einem Gespräch, ob andere Personen mich gehört haben; schweigen ist immer kontextbezogen bedeutsam).
  2. Zwar individuell in Einstellungen angepasst werden können, auf der Ebene der kommunikativen Normen aber nicht rückgängig gemacht werden können. Wer so kommuniziert, wie das technisch vor einem Entwicklungsschritt die Norm war, wird unter Umständen seltsam/altbacken/inkompetent/unprofessionell etc. wahrgenommen.
»blue checkmarks« in WhatsApp

(3) Emojis, Bilder, Sticker

Kommunikation wird visuell. Verbale Sprache ist – wiederum wie in der mündlichen Gesprächssituation – eine von mehreren Möglichkeiten der Verständigung.

Die visuelle Kommunikation an sich ist wiederum einem permanenten Wandel unterzogen. Emojis sind heute etwa ein Zeichen von Boomer-Kommunikation, die Jugendliche »cringe« finden.

(4) Gruppenchats

Die Möglichkeit, mehrere Menschen zu Gruppen hinzuzufügen, steigert die Komplexität von Normen. Wer eine Nachricht schickt, muss abwägen, ob sie in einen Gruppen- oder einen Einzelchat gehört. Das Eröffnen und Bespielen von Gruppen folgt wiederum sozialen Regeln: Welcher Gesprächsanlass rechtfertigt es, einen Gruppenchat zu erstellen oder darin eine Nachricht zu schicken? Wie sollte man auf Gruppennachrichten reagieren?

Die Plattformen haben für einige der Probleme wiederum neue technische Möglichkeiten geschaffen: Beispielsweise gibt es heute Broadcasting-Gruppen, in denen nur Admins schreiben, aber viele Menschen mitlesen können.

(5) Sprachnachrichten

Die Tatsache, dass schriftliche Kommunikation immer Normen und sozialen Bewertungen unterliegt (die Kompetenzen von Menschen werden anhand ihrer Rechtschreibung und der Coolness ihrer Sticker eingeschätzt etc.), sowie der handwerkliche Aspekt des Tippens (auf Smartphones) machen es attraktiv, gesprochene Sprache aufzuzeichnen und zu verschicken.

Sprachnachrichten machen aus Chats asynchrone Telefonanrufe, die aber kombiniert mit visuellen und schriftlichen zu einer symmedialen Gesprächskultur führen.

Gleichzeitig verändern Sprachnachrichten die Affordanz von Chats nachhaltig – sie erfordern das Tragen von Kopfhörern, damit sie so abgespielt werden können, dass in der Öffentlichkeit oder an Arbeitsplätzen niemand gestört wird. Das stört Menschen, die gewohnt waren, Chats nebenher lesen und bearbeiten zu können, etwa während Meetings oder anderen Arbeitsformen. Anderen erleichtert es die Teilnahme an Chats, weil sie nur langsam tippen konnten oder Gedanken schriftlich nur wenig wirksam kommunizieren können.

(6) Reaktionen und aktives Zuhören

Eine nächste Evolution besteht in der Funktion, auf Chatnachrichten reagieren zu können. Das ermöglicht eine Erweiterung des aktiven Zuhörens in Chats: Für Adressat*innen wird es leichter zu zeigen, dass sie eine Nachricht wahrgenommen haben, gerade auch in sozialen Kontexten, in denen es nicht mehr zu sagen gibt, ein (positives) Signal, dass eine Nachricht angekommen ist, aber sinnvoll ist.

Das ist der aktuelle Stand – was folgt, sind weitere absehbare Entwicklungen.

(7) Text-to-Speech und Speech-to-Text

Heute ist es bereits recht einfach, Text in gesprochene Sprache umzuwandeln – und Sprachnachrichten in Text. Wo heute noch Tools oder Programme eingesetzt werden, dürften in Zukunft Chat-Apps entsprechende Funktionen integriert anbieten: Es wird also möglich, Input und Output wahlweise gesprochen oder geschrieben zu erhalten (und ihn auch direkt in andere Sprachen zu übersetzen). Das führt sicher teilweise zu Unsicherheiten und Ungenauigkeiten, insgesamt dürfte es aber die Teilhabe an Kommunikation aber erleichtern.

(8) Automatisierung mit KI-Vorschlägen

Eine weitere Funktionalität bietet Microsoft Teams bereits an: Vorschläge der KI, wie man antworten könnte. Diese Vorschläge werden schnell besser, wenn sie personalisiert werden: Wertet eine App Muster aus, wie ich in der Vergangenheit kommuniziert habe, so kann sie mir Textbausteine anbieten, die genau meinem Gesprächsverhalten entsprechen.

sie Chat in Microsoft Teams, 2021

(Der Screenshot zeigt eine Doppelung – offenbar denkt auch iOS, das Betriebssystem meines Mobiltelefons, dass »danke« eine gute Antwort sein könnte und schlägt sie mir als Wort vor.)

Ähnlich wie bei Autos werden wir Chats in Zukunft halb-automatisch führen: Gestützt mit Vorschlägen, Übersetzungshilfen und Umwandlungswerkzeugen werden wir mit weniger kognitivem Aufwand kommunizieren. Allerdings teilweise auch mit Maschinen schreiben, zumindest teilweise… 

1 Kommentar

  1. Danke für diese Analysen. Ich finde zusätzlich die Fehleranfälligkeit technischer Kommunikation als eine Gefahr für Missverständnisse. Im Glauben vom anderen ignoriert zu werden entstehen oft Streits, die nur darauf beruhen, dass die letzte WhatsApp durchgerutscht oder auf einem anderen Gerät nebenbei den Status „gelesen“ bekam.

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