Sprachliche Normen in einer Kultur der Digitalität – eine Auslegeordnung

Letzte Woche habe in einem Blogpost diskutiert, wie es dazu kommen konnte, dass Redaktionen Korrektorate abbauen. Ich habe den Vorgang als Beispiel für einen Bedeutungsverlust der Rechtschreibung analysiert, den ich mit der Kultur der Digitalität zu erklären versucht habe. In der Folge haben sich weitere Gedankengänge an diesen Zusammenhang angeschlossen, die ich etwas ausführlicher formulieren möchte.

Mir ist bewusst, dass vielen Menschen an Rechtschreibung gelegen ist: Sie verstehen sie als einen Ausdruck von Sorgfalt und Anstrengung; Fehler deuten darauf hin, dass einem Autor oder einer Autorin ein Text nicht wichtig ist, dass sich jemand nur wenig Zeit fürs Schreiben nehmen wollte. Rechtschreibung zu lernen war für viele Menschen aufwendig und mit Kränkungen verbunden. Ihnen liegt deshalb daran, dass der Wert dieses Lernschritts erhalten bleibt. Zudem haben Korrekturlesen und das Feilen an sprachlichen Ausdrücken einen unbestreitbaren Wert für die Klarheit von Texten und damit für ihr Verständnis.

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Korrekturen meines Deutschlehrers Peter Märki in einem meiner Aufsätze am Gymnasium, 1993

Mir geht es im Folgenden nicht darum, eine Gegenposition einzunehmen und argumentativ die Funktion orthografischer Normen zu bestreiten. Vielmehr möchte ich zeigen, dass kodifizierte Normen für sprachliche Korrektheit von einem Aushandlungsprozess und algorithmischen Verfahren überlagert werden.

Inhaltsverzeichnis

Die »Erfindung« der Rechtschreibung im 19. Jahrhundert

Rechtschreibung und die Merkmale der Kultur der Digitalität

Deskriptive Sprach- und Medienwissenschaft

Korpora und Datenbanken ersetzen Wörterbücher

Emojis & Dialekt

Interaktionsorientierte Schreibarbeit in »real time«

»damn you, autocorrect« – Sprachassistenzsysteme

Für Maschinen schreiben

Fazit

Die »Erfindung« der Rechtschreibung im 19. Jahrhundert

Ein zentraler Text für die Geschichte der deutschen Rechtschreibung ist »Zur Orientirung über die orthographische Frage« von Konrad Duden. Der Titel alleine zeigt, dass Rechtschreibung sich wandelt. Im Gegensatz zu anderen sprachlichen Normen handelt es sich um eine bewusst geschaffene Norm, die sich auch bewusst verändern lässt (vgl. Lasselsberger 2000, S. 8ff.). 1871 ging Duden davon aus, dass »Orientirung« die richtige Schreibweise sei. In der ersten Auflage seines Wörterbuches mit dem Titel »Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache« von 1880 ist nur das Verb »orientieren« verzeichnet:

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Erste Auflage des »Duden«, 1880, S. 117

Duden hat Rechtschreibung nicht erfunden. Seit Jahrhunderten haben Menschen darüber debattiert, wie man Wörter schreibt. Duden hat einen Kodex geschaffen, der benutzt wurde, um sprachliche Normen zu vereinheitlichen. Sprachliche Normen sind auf verschiedenen Ebenen angesiedelt: Sie ergeben sich zunächst durch den Gebrauch von Sprache. Jede Familie entwickelt etwa eigene Sprachnormen. Mitglieder der Familie können gegen diese Normen verstoßen – das fällt dann auf und kann sozial sanktioniert werden. Familien haben aber kein Nachschlagewerk, in dem ihre Normen verzeichnet wären. Und sie können auch nicht bei einer zuständigen Person nachfragen, wenn es zu Unklarheiten oder Zweifelsfällen kommt. Es gibt sprachliche Normen also in verschiedenen Formen: Als soziale Normen, als kodifizierte (aufgeschriebene) Normen – und als Normen, die von einer Instanz durchgesetzt werden. Rechtschreibung war immer eine soziale Norm, wurde im 19. Jahrhundert zusätzlich zu einer kodifizierten und von Behörden durchgesetzten (z.B. an Schulen, in offiziellem Schriftverkehr etc.).

Normen gibt es in einer inneren und einer äußeren Form: Eine innere Norm befolge ich, wenn ich ohne groß nachzudenken schreibe, so wie ich es für richtig halte und wie Hand und Hirn quasi automatisch schreiben. Die äußere Norm ist im Duden kodifiziert und teilweise auch expliziert: Das ist dann der Fall, wenn Gründe angegeben werden, weshalb man Wörter so schreibt, wie man sie schreibt.

Konrad Dudens »Erfindung« bestand nun darin, seinen Kodex für sprachliche Normen relevanter zu machen. Dieter Nerius hat das 1989 wie folgt beschrieben (zitiert nach Lasselsberger, S. 12):

»[Die Kodifikation der Rechtschreibung in Wörterbüchern und Regelwerken wird immer dominierender für den Sprachgebrauch,] so dass alles Schreiben heute eigentlich nur Rechtschreiben bedeutet bzw. nur dann ernst genommen wird, wenn es orthographisch korrekt ist […].« 

Für die Zeit vom ersten Duden bis zur Rechtschreibreform in den 1990er-Jahren stimmt diese Bemerkung sicher. Seither hat sich aber die Kultur der Digitalität entwickelt, die eine Verschiebung vorgenommen hat. Aspekte dieser Verschiebung sind der Fokus der folgenden Abschnitte.

Rechtschreibung und die Merkmale der Kultur der Digitalität

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.43.12.pngDie drei Merkmale aus Stalders »Kultur der Digitalität«dürften bekannt sein – deshalb zeige ich gleich an einem Beispiel, was sie für die Rechtschreibung bedeuten.

Ich bin konstant unsicher, ob das erste Merkmal »Referentialität« oder »Referenzialität« heißt. Der einfachste Weg, um das nachzuschlagen, ist das Wort in die Suchzeile meines Browsers einzugeben.

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Der erste Suchvorschlag zeigt, dass »Referentialität« richtig ist. Woher weiß Google das? Hier wird kein Wörterbuch konsultiert, sondern die Sprachverwendung von Menschen im Netz untersucht. In den relevanten Texten steht »Referentialität« – deshalb stimmt diese Schreibweise (es ist auch die von Stalder, wie mir Nachschlagen gezeigt hat). Ich könnte natürlich auch den Duden konsultieren: Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.47.57.png

Wenn Google auf eine große Menge anderer Texte verweist, um Rechtschreibfragen zu beantworten, für die es möglicherweise keine kodifizierte Lösungen gibt, dann spielt hier auch Gemeinschaftlichkeit eine Rolle: Wer an Texten mitschreibt, bestimmt, welche Schreibweisen gefunden und vorgeschlagen werden. Rechtschreibung ergibt sich über die Sprachverwendung, auf die sich (einflussreiche) Menschen einigen können. Das war vor Duden der Standard und ist nach gut 100 Jahren kodifizierter Rechtschreibung wieder der Trend.

Zuletzt die Algorithmizität. Während ich das schreibe, liest LanguageTool, ein Chrome-Plugin, mit. Wörter, die das Programm nicht kennt, werden rot unterstrichen – stilistisch Auffälliges wird blau ausgezeichnet. Die Wahl zwischen »Referenzialität« und »Referentialität« fällt mir auch deshalb schwer, weil beide Wörter als falsch markiert werden. Algorithmen prüfen also Orthografie und machen Vorschläge zur Korrektur.

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Korrekturvorschlag von LanguageTool

Deskriptive Sprach- und Medienwissenschaft

In seinem Podcast geht Michael Lewis der Frage nach, wie gute Entscheidungen getroffen werden und weshalb viele Menschen zunehmend voreingenommen wirken. In einer im April ausgestrahlten Folge spricht er mit Bryan Garner. Der Linguist hat mit »Garner’s Modern American Usage« ein Wörterbuch verfasst, das auch auf Sprachveränderungen eingeht und sie auf einer Skala beurteilt.

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Garners Skala für Sprachveränderung, »Language Change Index«, S. XXXV

Im Podcast spricht Garner über die Haltung der deskriptiven Linguistik, die er wie folgt darstellt und beurteilt:

»A native speaker of English cannot make a mistake and, ipso facto, if a native speaker says it, it is correct. That is a very extreme position to take, and I think an indefensible one and one that I have pretty much set my face against.«

Hinter dieser Haltung steckt die philosophische Frage, was ein (sprachlicher) Fehler überhaupt ist. Wenn wir nun die Funktionsweise von Google anschauen, dann sind verbreitete Fehler die Grundlage für die Schreibarbeit, die Zusammenarbeit und die Nutzung von Algorithmen (z.B. Stage 3 von Garner, »commonplace […] but still avoided in careful usage«).

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In der Schweiz schreiben viele Menschen »vorallem« als ein Wort. Das lässt sich auf zwei Arten beurteilen:

  1. Da breitet sich ein Fehler aus, weil »vor« und »allem« zwei Wörter sind, wie man im Duden leicht nachschlagen kann.
  2. Da verändert sich eine sprachliche Norm, bald wird im Duden auch »vorallem« als Variante stehen müssen, weil Menschen das offenbar als ein Wort wahrnehmen.

Wer 1. die naheliegende Position findet, sollte sich fragen, wie Fehler beurteilt werden. Weshalb machen Schülerinnen und Schüler diesen Fehler, auch wenn er ihnen in Texten ständig als falsch angestrichen wird und sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass »vor« und »allem« zwei Wörter sind?

Die Antworten auf diese Fragen sprechen aus meiner Sicht für eine deskriptive Haltung:

  • Menschen schreiben »vorallem«, weil sie das als ein Wort abgespeichert haben und es mündlich als ein Wort benutzen.
  • Sie schreiben das Wort in umgangssprachlichen oder dialektalen Chats so, wenn diese Schreibung akzeptiert wird.

Die Regel, dass es sich hier um zwei Wörter handelt, passt weder zur mentalen Repräsentation noch zur sozialen Akzeptanz.

Eine deskriptive Haltung hat sich in der Linguistik und in der Medienwissenschaft durchgesetzt: Wer Phänomene verstehen und erklären will, kann sie nicht zuerst bewerten – sondern muss sie nüchtern betrachten. Wer hingegen durch die Brille der Norm auf das Verhalten von Menschen blickt, versteht es nicht. Mehr noch: Wer Normen voraussetzt, versteht auch nicht, wie das Verhalten von Menschen in einer Kultur der Digitalität wirkt.

Felix Stalder schreibt in seinem Buch (S. 200ff.):

»Mittlerweile lassen sich immer mehr Handlungen, Zustände und Zusammenhänge empirisch messen. [Damit verbunden ist] der Anspruch derjenigen, die über die neuen und umfassenden Beobachtungskapazitäten verfügen […], einzelne Personen besser zu kennen als diese sich selbst und so Fragen beantworten zu können, bevor sie diese stellen. […] 
Bei der »Wendung nach innen« geht es also um den Raum der »gemeinschaftlichen Formation«, konstituiert durch die Summe aller Handlungen der interagierenden Akteure. Allerdings wird eine gemeinschaftliche Formation nicht bewusst in einem horizontalen Prozess geschaffen und erhalten, sondern synthetisch als eine rechnerische Funktion konstruiert, zu der Einzelne, je nach Kontext und Notwendigkeit, zugeordnet oder aus der sie entfernt werden können. […] Aus dem gigantischen Heuhaufen durchsuchbarer Informationen werden Ergebnisse generiert, die dabei gleich zu der gesuchten Nadel erklärt werden. Wie diese Resultate zustande gekommen sind, welche Positionen in der Welt damit gestärkt beziehungsweise geschwächt werden, ist im besten Fall nur ansatzweise nachvollziehbar. Aber solange die Nadel einigermaßen funktionstüchtig ist, sind die meisten Nutzer zufrieden, und der Algorithmus registriert diese Zufriedenheit, um sich selbst zu validieren. […] Die User können die Suchergebnisse einzig pragmatisch daraufhin beurteilen, ob sie helfen, ein konkretes Problem zu lösen. Dabei steht nicht die beste Lösung oder die richtige Antwort im Vordergrund, sondern eine, die verfügbar und gut genug ist. Das verleiht den Institutionen und Verfahren, die die Lösungen und Antworten liefern, einen enormen Einfluss.«

Was heißt das für die Sprachverwendung? Digitale Plattformen errechnen Normen aus der Sprachverwendung unzähliger Menschen (und Maschinen). Autoritäten wie Garner (oder Duden oder Nerius) verlieren ihren Einfluss, intransparente Berechnungsverfahren gewinnen an Einfluss. Deskritptive Sprachbetrachtung ist das Verfahren der Algorithmen, die menschliche Sprache nach Mustern durchsuchen und diese Muster wieder ausgeben. Menschen suchen nicht nach richtigen sprachlichen Wendungen, sondern nach solchen, die im Kontext »gut genug« sind.

Kurz: In einer Kultur der Digitalität ist sprachlich das richtig, was nach den Berechnungsverfahren von Algorithmen zur Sprachverwendung anderer Menschen passt. Vor der Kultur der Digitalisierung war sprachlich das richtig, was gebildete und mächte Menschen als richtig bezeichnet haben.

Korpora und Datenbanken ersetzen Wörterbücher

Diese Erkenntnis lässt sich an der digitalen Weiterentwicklung von Wörterbüchern gut zeigen: Konrad Duden hat 1880 seine Vorstellung von Sprachrichtigkeit in einem Buch dargelegt. So wurde sie Ausgangspunkt zu einer Norm, die von der Duden-Redaktion gepflegt und entwickelt wurde: Jahr für Jahr entscheiden Menschen, welche Wörter in den Duden aufgenommen werden und welche nicht. Und wie die aufgenommenen Wörter geschrieben werden. »Referentialität« hat noch keine Aufnahme gefunden.

Was wäre die Alternative der deskriptiven Linguistik? Betrachten wir dazu das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Hier wird erstens deutlich, dass beide Schreibweisen möglich sind. Das Wörterbuch verweist auf einer Reihe von Korpora, die direkt durchsuchbar sind. Dabei handelt es sich um Textsammlungen, in denen sich Belegstellen für bestimmte Wendungen, Wörter oder Schreibweisen finden lassen. Hier sieht man die Ergebnisse aus dem Zeit-Korpus von 1946-2018 (dort finden sich lediglich drei Belege für das Wort, in unterschiedlichen Schreibweisen.)

Google funktioniert ähnlich wie die DWDS Korpus-Abfrage – wenn auch überhaupt nicht transparent. Die Redaktion eines Wörterbuchs kann also grundsätzlich durch eine riesige Datenbank ersetzt werden. Ob eine Schreibweise richtig ist, müssen nicht Menschen entscheiden, sondern die Häufigkeit einer Verwendung und allenfalls der Kontext der Verwendung (»Schreiben gebildete Menschen so?«) können mir anzeigen, welche Norm ich verwenden möchte. Verstoße ich mit einer neuen Schreibweise gegen Normen, so schaffe ich damit gleichzeitig einen Eintrag für diese Datenbanken, der zu einer neuen Norm führen könnte.

Emojis & Dialekt

Lange Zeit habe ich mich geweigert, in Chats Emojis einzusetzen oder Zürichdeutsch zu schreiben – obwohl beides in meinem Kommmunikationsumfeld längst zu einer Norm geworden war. Es war aber nicht meine Norm, ich war daran nicht gewohnt und auch nicht bereit, mein Verhalten zu ändern.

Das änderte sich, als mir Jugendilche mitteilten, meine Nachrichten wirkten unterkühlt, als würden mich andere Menschen nicht interessieren, nur die Sache. Die entstandenen Normen wirkten sich ohne mein Zutun und Einverständnis auf mich aus.

Dialektverwendung in Chats wird von Schülerinnen und Schülern oft mit Bezug auf Normen erklärt. Die Erklärung »Auf Schweizerdeutsch gibt es keine Rechtschreibung« ist zwar falsch, drückt aber das Bedürfnis auch, sich von kodifizierten Normen zu entfernen (richtig wäre, dass die schweizerdeutschen Wörterbücher kaum bekannt und präsent sind, so dass die darin festgeschriebenen Normen im Alltag keine Relevanz haben).

Bei der Schreibung von Dialekt werden viele Normen ausgehandelt, die Schreibenden oft nicht bewusst sind. »Ich chume hüt nöd id Badi.« (»Ich komme heute nicht mit ins Schwimmbad.«) kann – je nach Dialekt – auch als »Ich chom höt ned id Badi.« oder »Ig kum hüd nöt i Badi.« geschrieben werden. Innerhalb von Gruppen, die intensiv kommunizieren, gleichen sich solche Schreibweisen jedoch an.

Dasselbe gilt für die Verwendung von Emojis. Die gelben sind heimtückisch, weil die damit verbundenen Emotionen unterschiedlich interpretiert werden. Wann ist ein Gesicht müde, wann verärgert, erschöpft, überfordert? Wenn ist die Emotion ernst gemeint, wann ist sie ein ironischer Meta-Kommentar?

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Die Verwendung sprachlicher Normen, die nicht kodifiziert sind (oder bei denen die Kodices im Netz nicht zugänglich sind), führt dazu, dass in digitalen Formen Normen als verhandelbar erlebt werden. Entscheidend ist nicht, ob meine Sprachverwendung in dem Sinne richtig ist, dass sie einer Vorgabe entspricht – entscheidend ist, ob sie akzeptiert wird, ob sie passt.

Interaktionsorientierte Schreibarbeit in »real time«

Interaktionsorientietes Schreiben bezeichnet nach Angelika Storrer »einen Kommunikationsverlauf in einer digitalen Interaktionsumgebung, bei der die Möglichkeit besteht, Verstehensprobleme interaktiv zu bearbeiten«. Wenn nun, wie eingangs erwähnt, Verständnis eines der zentralen Argumente für Rechtschreibung ist, dann lösen Schreibformen in interaktiven, digitalen Settings ein Problem anders: Schreibende müssen nicht Verstehensprobleme präventiv ausräumen, sondern können sie in der Interaktion passgenau bearbeiten, wenn sie auftreten. Sie müssen Rechtschreibung dort normieren, wo es für das Verständnis wirklich wichtig ist – in allen anderen Bereichen entfällt diese Notwendigkeit.

Interaktionen verlaufen oft sehr schnell. Gab es bei Briefen oder E-Mail noch bestimmte Fristen, innert derer Antworten erwartet werden konnten, so wird in Chats oft direkt reagiert. Das bedeutet, dass zwischen dem Schreibprozess und der Publikation des Geschriebenen keine Zeit für Korrekturen bleibt. Was auch nicht nötig ist, weil die Interaktion bzw. das Schicken mehrer Botschaften hintereinander Raum für Korrekturen lässt. Aus diesem Grund hat es sich eingebürgert, in Chats Korrekturen mit * zu markieren: Falls das Gegenüber die Nachricht nicht verstehen sollte (oder aus Höflichkeit), werden Korrekturen zugänglich gemacht – die zuerst verfasste Nachricht aber nicht korrigiert, weil sie nicht mehr korrigiert werden kann.

Weil digitale Publikation in vielen Bereichen queasi schon der Standard ist (Texte sind eigentlich immer schon publiziert), veröffentlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Preprints von Arbeiten, die später ohnehin nur digital erscheinen werden. Arbeit am Text (Peer-Review, Fakten-Checks, Redaktion, Korrektur, Layout) erscheinen als Verlangsamung. Das ist auch auf Redaktionen so: Wer News schnell veröffentlichen will, ärgert sich übers Korrektorat, weil das verlangsamt. Deshalb werden Ticker-Meldungen schon länger nicht mehr korrigiert. Die Rechtschreibprüfung muss automatisch erfolgen – oder wird als Störung empfunden, nicht als Qualitätsverbesserung.

»damn you, autocorrect« – Sprachassistenzsysteme

Um das Jahr 2010 hat die Seite damnyouautocorrect.com (mittlerweile existiert sie nicht mehr bzw. wurde durch eine andere Seite ersetzt) Screenshots von lustigen Chat-Gesprächen veröffentlicht, in denen die Autokorrektur-Funktion von iPhones Missverständnisse produziert oder es Menschen erschwert hat, das zu schreiben, was sie meinen.

Die Autokorrektur-Funktion ist nur eines von mehreren Sprachassistenzsystemen: Menschen können Geräten diktieren, was sie schreiben wollen – oder sie können aus vorgeschlagenen Wörtern oder Emojis die passenden auswählen. Was in einem digitalen Kontext geschrieben wird, wird immer auch von Maschinen mitgeschrieben und umgeschrieben, teilweise auch von Maschinen falsch geschrieben.

Für Maschinen schreiben

Die Journalistin Odilia Hiller hat sich kürzlich darüber mokiert, dass Menschen zu viele Wörter mit Bindestrichen koppeln, anstatt sie zusammenzuschreiben. Über die Gründe schreibt sie Folgendes:

»Fragt man Urheber unsinniger Kopplungen, warum sie unsinnig koppeln, heisst es oft „Die Autokorrektur hat das Wort nicht erkannt.“ Bei Fortgeschrittenen wird vom „ungewohnten Schriftbild“ genuschelt. Schliesslich funkt noch die „leichte Sprache“ hinein – entwickelt für Menschen mit schweren Lernschwierigkeiten, deren Fähigkeiten zum Entziffern längerer Wörter nicht ausreichen. Offensichtlich gehen viele Autorinnen und Texter davon aus, ihre Leserinnen und Leser bewegten sich intellektuell in einem ähnlichen Rahmen.«

Was Hiller hier beschreibt, ist ein erster Reflex davon, dass Menschen nicht nur für andere Menschen schreiben, sondern auch für Maschinen. Texte sollten gut maschinenlesbar sein, damit sie von Suchmaschinen und anderen Werkzeugen verarbeitet werden können; sie sollten aber auch für Menschen gut lesbar sein und Normen genügen. Hier kann es also zu Konflikten kommen.

Bleiben wir kurz beim Schreiben für Maschinen, dann könnten die Normen des Programmierens herangezogen werden – als ein Argument, das aus der Perspektive einer Digitalität gegen eine Preisgabe fixierter sprachlicher Normen spricht: Programme müssen aus präzisen Befehlen bestehen, weil sie sonst nicht funktionieren.

Allerdings werden Programme schon lange in sogenannten integrierten Entwicklungsumgebungen oder IDEs geschrieben. Darin kommen praktische alle hier erwähnten technischen Unterstützungsformen vor: Programmiercode wird farbig ausgezeichnet, Vorschläge für Befehle werden eingeblendet, Fehler können korrigiert werden.

Ähnlich funktioniert das mit dem Zugang zum Internet, wo teilweise Präzision wichtig war: URLs werden über QR-Codes oder Autovervollständigung zugänglich gemacht, das Eingabefeld für URLs ist gleichzeitig ein Suchfenster, mit dem eine Suchmaschine angesprochen wird. Passwörter werden von Browsern und anderen Tools automatisch gesichert und müssen oft nicht mehr genau eingegeben werden. Wenn Menschen mit Unterstützung von maschinellen Verfahren für Menschen und Maschinen schreiben, dann entfernen sie sich dabei auch von Normen, die Menschen festgelegt haben. Sprache wird geprägt von den Anforderungen maschineller Verfahren: Menschen werden beispielsweise zunehmend so sprechen, dass ihre Sprachbefehle funktionieren.

Fazit

Der Niedergang der Rechtschreibung wird seit Jahrzehnten beklagt. Studien, wie etwa die von Steinig und Betzel von 2013, scheinen zu belegen, dass Menschen orthografische Normen immer schlechter beherrschen.

Solche Studien kämpfen aber auch mit methodischen Problemen, die aufschlussreich sind: Steinig und Betzel haben Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse 1972, 2002 und 2012 ähnliche Aufgaben gestellt. Dabei haben sie jedoch festgestellt, dass die Aufgabe anders interpretiert wurde: Waren 1972 Wissenschaftler, die in die Schule kamen, selbstverständlich an formal normnaher Sprachverwendung interessiert, so erschien ihr Besuch 2012 eher als Auflockerung des Alltags, als eine Einladung, freier zu schreiben. Entsprechend lässt sich nur vergleichen, wie gut Menschen kodifizierte Rechtschreibnormen beherrschen, wenn sie Situationen und Aufgaben gleich bewerten – und wenn die Normen denselben Status haben. (Rechtschreibung ist ein schönes Beispiel für eine Diagnose einer Verfallserscheinung, die gar nicht belegt werden kann, sondern immer nur auf subjektiven Eindrücken beruht, die sich in der Wahrnehmung selbst bestätigen.)

Christa Dürscheid hat den Forschungsstand vor knapp 10 Jahren wie folgt zusammengefasst:

»Es gibt keine Evidenz dafür, dass das private, dialogische Schreiben in den neuen Medien einen Niederschlag in den Schultexten findet. Zwar kann es vereinzelt vorkommen, dass ein Smiley gesetzt wird, doch die meisten Merkmale, die typisch für das Schreiben in den neuen Medien sind und weiter oben erwähnt wurden, finden sich in den Schultexten nicht. Die Schülerinnen und Schüler wissen die beiden Schreibwelten, die private und die schulische, zu trennen.«

Die Frage ist, welchen Status »Schultexte« und »Schreiben in den neuen Medien« haben. Dürscheid unterscheidet zwischen einer offiziellen Schreibweise (bei der Normen beachtet werden müssen) und einer privaten, bei der Normen sozial und medial neu verhandelt werden können. Hier hat sich, so meine These, in den letzten zehn Jahren etwas bewegt: Die Kultur der Digitalität hat dazu geführt, dass sprachliche Normen anders gesetzt und wahgenommen werden.

Wir befinden uns in einem Übergangsprozess: Das kann erklären, weshalb vielen Menschen an kodifizierten Normen liegt, sie sich aber gleichzeitig auch mit neu ausgehandelten Normen auseinandersetzen müssen und das als Konflikt erleben.

 

 

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