Die Haupterfahrung, die die Schüler an der Schule verinnerlichen,lautet: ‹Ich kann hier nichts bewirken. Ich kann das System, in demich mich acht Stunden am Tag aufhalte, nicht beeinflussen.›
In meinem neuen Buch L’école c’est moi greife ich den zitierten Gedanken von Marina Weisband auf und skizziere in einem Kapitel, wie wichtig es für gute Schulen ist, Schüler:innen in ihre Gestaltung einzubeziehen. Dabei ermöglichen sie Kindern und Jugendliche die Erfahrung, dass es bedeutsam ist, was sie denken und empfinden, dass sie Entscheidungen beeinflussen können und Gestaltungsraum haben. Das ist für ihre psychologische Entwicklung eine zentrale Erfahrung.
In einem Gespräch mit Dejan Mihjalović wurde mir diese Woche bewusst, dass es Kontexte gibt, in denen ich diese pädagogische Haltung verlassen würde. Es handelt sich dabei um gravierende Probleme wie die Klimakatastrophe, Rassismus, korrupte politische Prozesse, die kapitalistische Ausbeutung benachteiligter Menschen und Länder, Polizeigewalt oder Umweltverschmutzung und -zerstörung. Diese Probleme haben eine lange Geschichte und sind von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Eine positive Bearbeitung kann nur durch die Einsicht, das Engagement und die Zusammenarbeit wichtiger Akteur:innen erfolgen, oft sind strukturelle Veränderungen notwendig, die auch über die Möglichkeiten von Nationalstaaten hinausgehen.
Warum ist das ein Problem? Wenn wir Kindern oder Jugendlichen suggerieren, sie könnten einen individuellen Beitrag zur Klimakatastrophe leisten, wenn sie weniger Lüften, kein Fleisch essen, mit dem Rad zur Schule fahren etc., dann stellen wir ihnen einerseits Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung, welche Ohnmachtserfahrungen und Resignation verhindern können. Andererseits suggerieren wir ihnen einen Einfluss, den sie schlicht nicht haben. Individuelle Handlungen können die Klimakatastrophe nicht abwenden. Im Gegenteil: Gerade die Individualisierung ist eine Strategie von Unternehmen, ihre Verantwortung für Probleme, die sie verursachen, abzulehnen und Lösungsansätze zu verstecken, wie etwa Simon Schaupp deutlich gezeigt hat. Wenn wir pädagogisch in diese Falle tappen, so verstärken wir Probleme gerade dadurch, dass wir jungen Menschen einreden, sie könnten einen Beitrag zu ihrer Lösung leisten.
Nun ist aber, wie das Gespräch mit Dejan mir gezeigt hat, noch viel vertrackter. Hier einige Aspekte der Schwierigkeiten:
Die Handlungsoptionen können bei jungen Menschen auch negative Effekte auslösen, wenn sie nämlich bemerken, wie wenig Menschen beispielsweise ihren Fleischkonsum wirksam reduzieren oder auf saubere Mobilität umsteigen – und wie wenig sie tun können, um andere von dem zu überzeugen was sie für richtig halten (was aber möglicherweise nicht einmal einen wirksam Beitrag zur Lösung des entscheidenden Problems leisten würde)…
Wirksamer Aktivismus ist oft wenigen Privilegierten vorbehalten, die gehört werden, deren Stimme Kraft hat. Er findet gleichsam auf den Schultern von Ohnmächtigen statt, welche diese Erfahrung nicht machen können.
Symbolische Handlungen können wirksame Handlungen wahrscheinlicher machen, indem sie die Bereitschaft von Menschen beeinflussen, etwas zu tun, was wirklich einen Effekt hat.
Die Frustration bei der Bearbeitung von Problemen kann dazu führen, dass wirksamere Strategien gefunden werden und der eigene Einfluss gesteigert wird.
Das Engagement rund um wenig wirksame Aktionen kann aber auch Kräfte nehmen, die für radikalere Proteste nötig wären.
Aus meiner Sicht darf die Frage nach der Wirksamkeit des eigenen Handelns nicht nur gestellt werden, sie ist auch hilfreich bei der Reflexion. Letztlich soll sie aber nicht entmutigen oder passiv machen, sondern Energie bündeln, Zusammenarbeit ermöglichen und Lerneffekte erzeugen. Symbolische Handlungen können Wirksamkeit suggerieren und so passiv machen oder Probleme stabilisieren, genau so können sie aber auch einen Lernprozess über Wirksamkeit in Gang setzen und so Aktivität verstärken.
Um noch mal auf die Schule zurückzukommen: Eine Schule, in der Schüler:innen in einer AG zwar ein Sofa für einen Aufenthaltsraum aussuchen dürfen, aber 30 Stunden Unterricht erdulden müssen, in dem sie weder ernst genommen werden noch richtig aktiv sein dürfen, setzt Beteiligung als Feigenblatt ein. Schüler:innen können und müssen an jeder relevanten Entscheidung beteiligt werden, die sie betrifft. Das Zitat von Marina besagt denn auch: Entscheidend ist die Erfahrung, ein System beeinflussen zu können. Das ist das Kriterium, mit dem sich symbolische von effektiver Beteiligung unterscheiden lässt: Gibt es Handlungen, sie sich aufs System auswirken? Und damit lässt sich auch zeigen, dass individuelle Konsumentscheidungen das meist nicht tun.
Mit den Lehrpersonen eines größeren Schweizer Gymnasiums habe ich kürzlich darüber nachgedacht, was KI-Tools für die Wahrnehmung und Beurteilung von Maturitätsarbeiten bedeuten. Meine Unterlagen findet man hier.
Nimmt man die Darstellung des Arbeitsprozesses aus dem Kompass von Brunold, dann zeigt sich, dass KI grundsätzlich in allen Arbeitsschritten eingesetzt werden kann.
Besonders hervorheben möchte ich drei weniger bekannte Aspekte:
(1) Die «Deep Research»-Funktionalität (eine Einführung habe ich hier vorgenommen) der wichtigsten KI-Applikationen schreibt eine Art Forschungsplan für eine Maturitätsarbeit, sucht Quellen und schreibt fokussiert ganze Kapitel inklusive Forschungsbezüge. Im Screenshot sieht man Perplexity:
(2) ChatGPT kann Daten aus einem pdf-oder Excel-File auswerten und visualisieren – das sieht dann etwa so aus.
(3) Zudem können Anwendungen wie gamma.app problemlos ganze Präsentationen generieren, die hervorragend aussehen. Auch hier ein Eindruck der Ergebnisse:
Was bedeutet das nun für solche längeren schriftlichen Arbeiten? Wie sollten wir als Verantwortliche und als Betreuer:innen damit umgehen? Die Frage würde ich mit einer Darstellung beantworten, welche aus dem KI-Buch von Sara Aloatti und Filomena Montemarano stammt. Die Autorinnen stellen dabei das Ich der Schülerin oder des Schülers in den Mittelpunkt:
Wichtig ist nun, dass Schüler:innen die Arbeit als die eigene Arbeit sehen, hinter der sie stehen können, die sie verantworten und in der sie ausdrücken, was sie gelernt und verstanden haben. Daraus leiten sich die folgenden Grundeinsichten ab.
Die Maturitätsarbeit ist eine Erfahrung für die Schüler:innen. Schüler:innen sollten an der Schule Erfahrungen machen, die ihnen sonst nicht möglich sind. Das gilt auch für grössere schriftliche Arbeiten. Nehmen sie dabei Abkürzungen, bringen sie sich um diese Möglichkeit. Zudem erwerben sie wichtige Kompetenzen, die sie auch fürs Studium brauchen, gerade dann nicht, wenn sie KI einsetzen. (Sie erwerben aber möglicherweise andere…)
Lehrpersonen kennen die Möglichkeiten (die Schüler:innen auch). Niemand macht sich etwas vor. Wer ernsthaft zusammenarbeitet, sollte nicht davon ausgehen (müssen), eine der beteiligten Personen sei naiv. Das gilt auf alle Seiten. Wenn es Einladungen gibt, Technologie auszuprobieren, wird das für alle sichtbar, weil alle wissen, dass die grundlegenden Erfahrungen vorausgesetzt werden können. Auf dieser Basis ist eine Reflexion der Nutzung möglich. (Ein Verbot hingegen führt immer zu einem Spiel rund um Umgehung und Durchsetzung, es ändert die Rollen und erschwert einen Umgang mit der Technologie auf Augenhöhe.)
Seriöse Nachweise sind unumgänglich. KI-Tools generieren möglicherweise Quellen, die zitiert werden (nicht als wissenschaftliche Quellen). Viel öfter verändern sie aber Arbeiten auf eine Art und Weise, die Leser:innen transparent gemacht werden muss. Eine Möglichkeit ist, die Nutzung zu beschreiben oder Prompt-Journale zu hinterlegen. Viele Tools erlauben es Nutzer:innen, Links zu generieren, mit denen die Anfragen und Antworten eingesehen werden können. Wie der Einsatz auch komplexer Tools nachgewiesen werden kann, hat etwa Robin Fürst für Arbeiten an Schulen genau festgehalten (pdf).
Schüler:innen können KI-Anwendungen in Projekte einbauen. Viele Formen der Arbeit mit Wissen und Erkenntnis beziehen KI-Werkzeuge mit ein. Maturitätsarbeiten sollten diese Möglichkeit offensiv nutzen und wenn es sinnvoll und themenbezogen denkbar ist, gehören diese Anwendungen in die Arbeit – und zwar im Vordergrund, nicht im Hintergrund.
Lehrpersonen setzen KI-Tools im Betreuungsprozess bewusst ein und reden mit den Schüler:innen über Ergebnisse. Sich anzuschauen, wie ein LLM eine bestimmte Fragestellung beantworten würde oder wie ein Tool wie Perplexity eine Maturitätsarbeit zusammenfasst, ist sehr aufschlussreich. Hier gibt es eine Reihe von Verfahren, die Lehrpersonen helfen können, mit Texten umzugehen und Schüler:innen auf Schwachstellen hinzuweisen.
Wir führen offene Gespräche. Über Geschlechtsverkehr zu reden, fällt vielen Menschen schwer. Ärzt:innen müssen das aber teilweise tun. Am einfachsten geht das, wenn sie es offen machen, sagen, warum sie das tun müssen und wenn sie mit den Antworten respektvoll umgehen und sie nicht werten. Genau so ist es mit KI-Nutzung: Lehrpersonen sollten sie offen thematisieren, nicht mit der Haltung, Schüler:innen bei etwas Verbotenem ertappen zu können, sondern sie in einem Arbeitsprozess zu unterstützen, der ‚auch‘ KI-Tools umfasst. Gelingt das, braucht es nicht zwingend eine Defensio oder ein Fachgespräch, indem eine Art mündliche Prüfung zeigen soll, ob Lernende die Arbeit wirklich selber geschrieben haben.
Eine Maturitätsarbeit ist letztlich eine Spur einer intensiven Auseinandersetzung. Wichtig ist eine Form zu finden, in denen Schüler:innen diese Auseinandersetzung annehmen und vertieft führen können. Wenn sie davon ausgehen, der Wert der Arbeit liege allein in der Spur, dann liegt ein Missverständnis vor. KI ist nicht fundamental verschieden von Forschungsgruppen, Verwandten oder Lehrpersonen, die Schüler:innen bei einer Arbeit unterstützen. Wenn sie die folgenden Aspekte – die auch eine Art Bewertungsgrundlage sein könnten, wenn es denn eine braucht – fördern und vertiefen, dann liegt eine Unterstützung vor. Wenn sie dazu führen, dass sie umgangen werden oder abflachen, liegt ein Problem vor. Verantwortlich dafür sind Lernende und Lehrende gemeinsam.
Cory Doctorow hat den Begriff Enshittification für Plattformen geprägt. Er beschreibt damit einen drei- bzw. vierstufigen Prozess des Zerfalls:
It’s a three-stage process: first, platforms are good to their users. Then they abuse their users to make things better for their business customers. Finally, they abuse those business customers to claw back all the value for themselves. Then, there is a fourth stage: they die.
Doctorow meint mit Plattformen eine Software, mit der Geschäfts- und Privatkunden vermittelt werden und ins Geschäft kommen können. Das klassische Beispiel dafür ist Facebook: Zuerst hat es den Privatkund:innen einen hohen Wert geboten, sie konnten sich mit ihren Bekannten online vernetzen und Interessensgruppen bilden. Dieser Wert wurde dann monetarisiert, indem Werbung an Anzeigekund:innen verkauft wurde (teilweise auch Daten, die sich aber als fast wertlos herausstellten). Mittlerweile ist die Plattform praktisch unbrauchbar, sowohl für Nutzer:innen als auch für Werbekund:innen: Zu viel ungenaue Werbung beeinträchtigt den Nutzen der Plattform massiv, so dass Werbung nur einen geringen Effekt entfaltet und gegenüber Alternativen schlechter abschneidet.
Der Prozess der Enshittification hat sich ausgehend von Plattformen auch auf andere Unternehmen ausgedehnt. In einem Artikel für die Financial Times erklärt Doctorow, wie das passieren konnte: Mittlerweile sind alle Unternehmen so stark von Software geprägt, dass sie sich wie Plattformen verhalten.
Das trifft auch auf die SBB zu, wie Andrew Shields kürzlich auf Facebook bemerkt hat (und natürlich auch auf die DB, die ÖBB und andere Unternehmen, die im öffentlichen Verkehr agieren). Damit sind zwei Aspekte gemeint:
Die SBB verhalten sich generell immer stärker wie eine Plattform. Auf einer App ermöglichen sie es Kund:innen, auf die Nutzung von Verkehrsmitteln zuzugreifen – und gleichzeitig sprechen sie Anbieter:innen von Reisen und anderen Dienstleistungen an, die ihre Produkte über die SBB-App oder Plattform verkaufen können.
Das Angebot der SBB durchläuft eine Enshittifaction in dem Sinne, dass die Qualität des Angebots sich laufend verschlechtert, bis es schließlich praktisch unbrauchbar wird. In einem ersten Schritt betrifft das Kund:innen, die für schlechtere Leistungen mehr zahlen sollen, damit mehr Profit für die Anbieter:innen rausschaut. In einem zweiten Schritt betrifft es die Anbieter:innen.
Was bedeutet das konkret? Hier einige Beispiele:
Wie viele Unternehmen schaffen die SBB starke Anreize für Kund:innen, Produkte digital zu kaufen. Damit ist ein Abbau von Kundenservice verbunden. Das bedeutet lange Wartezeiten am Schalter und am Telefon sowie eine Zentralisierung. Es ist schon länger nicht mehr möglich, direkt mit den Angestellten an einem Bahnhof Kontakt aufzunehmen – alle Telefongespräche laufen über eine Zentrale. Seit einiger Zeit sind die Telefongespräche zudem kostenpflichtig.
Diese Ausgangslage (Standardisierung des digitalen Zugangs, persönliche Beratung ist mit viel Aufwand verbunden) wird nun für weitere Verschlechterungen genutzt: Viele Anliegen wie Gruppenreisen für Schulen, Nachfragen zu Bussen etc. können nur von ganz spezifischen Mitarbeiter:innen bearbeitet werden, die dann gegenseitig auf die Schalter oder die Hotlines verweisen. Mitarbeitende am Schalter können auf bestimmte Datenbanken (Bussen) gar nicht zugreifen, dasselbe gilt für die Angestellten bei den Hotlines. Das führt einerseits dazu, dass viele Kund:innen aufgeben und die Wege des geringsten Widerstands wählen; andererseits führt es zu Frustration bei den Mitarbeitenden, die gerne eine gute Qualität anbieten würden, das aber gar nicht mehr können.
Symptomatisch dafür ist die Frage der Kulanz. Seit einiger Zeit büssen die Angestellten der SBB aufgrund von kleinsten Übertretungen zahlende Kund:innen – ein um Sekunden zu spät gelöstes Ticket oder ein falsch geschriebener Name reichen dafür. Der Ausbildungsverantwortliche antwortet auf die Frage, ob die Mitarbeitenden kulant sein dürften, wie folgt:
Es gibt einen Handlungsspielraum, der im Einzelfall genutzt werden kann. Aber nochmals: Vonseiten der Reisenden gibt es keinen Anspruch darauf. Kommt es zu einem Zuschlag, kann man sich an die zuständige Stelle wenden, die auf dem Formular aufgeführt ist.
Rüsch umgeht damit gekonnt das eigentliche Problem, das darin besteht, dass Angestellte sich an Vorgaben orientieren. Darin ist Kulanz nicht oder nicht mehr so vorgesehen, wie das früher der Fall war. Zudem gibt es kaum Möglichkeiten sich zu beschweren – Rüsch verweist auf eine «Stelle» und drückt damit aus, dass es gerade nicht möglich ist, sich am Schalter oder in der App über eine Busse zu beschweren.
Doctorow nennt vier Faktoren, die dazu führen, dass Plattformen und Unternehmen vor Enshittification geschützt sind. Fallen sie weg, dann durchlaufen sie den Prozess:
Konkurrenz: Müssen Unternehmen befürchten, dass eine Qualitätseinbusse zu einem Umsatzrückgang führt, bieten sie wertvolle Produkte an. Die SBB hat bei bestimmten Strecken und Kundensegmenten praktisch ein Monopol – Konkurrenz kann die Enshittification nicht verhindern.
Regulierung. Unternehmen, die gesetzliche Vorgaben erfüllen müssen oder Bussen befürchten, können ihren Service nicht beliebig verschlechtern. Die SBB kann sich mit der Alliance Swisspass gegen Regulierung zur Wehr setzen, insbesondere die strengen Bußen müssten politisch abgeschafft werden, was momentan aber nicht gelingt.
Mitarbeitende. Geschulte Mitarbeiter:innen mit einem hohen ethischen Bewusstsein können Unternehmen vor einer Verschlechterung schützen. Das war bei der SBB lange Zeit so. Die Verwendung von Software für entscheidende Prozesse sowie die Einschränkung des Handlungsspielraums (Schaltermitarbeitende können keine Bußen-Entscheide überprüfen, Zugbegleiter:innen müssen auch bei kleinsten formalen Verstößen Bußen verteilen…) haben hier eine Qualitätsstütze einbrechen lassen.
Self-help. Wenn Kund:innen sich gegenseitig unterstützen und Wege finden, um Dienstleistungen sinnvoll zu nutzen, so ist das nach Doctorow eine Bremse für Enshittification. Bei der SBB funktioniert das teilweise, die Schlupflöcher werden aber immer wieder gestopft. Gerade die Personalisierung über die App verunmöglicht es, Hacks zu finden, mit denen die Qualität der Dienstleistungen erhalten bleibt.
Update Juni 2025: Habe hier eine Checkliste gemacht, mit der sich beurteilen lässt, ob es sich bei Beiträgen um Pädagogischen Populismus handelt oder nicht. craft.phwa.ch/checkliste
Letzte Woche habe ich über die Probleme geschrieben, welche Influencer:innen im Bildungssystem verschärfen und erzeugen. Influencer:innen sind Teil eines Phänomens, für das Robert Wunsch und Irmgard Monecke den Begriff des pädagogischen Populismus entwickelt haben. Grundsätzlich geht es dabei darum, dass charismatische Führungspersonen Bildungsprobleme dramatisieren und sich als Retter:innen inszenieren, die für ein diffuses «Wir», für eine breite Basis kämpfen.
In der Studie von Wunsch und Monecke werden das Phänomen, die damit verbundenen Muster und Argumentationsstrukturen an Pseudowissenschaftler:innen wie Precht oder Hüther vorgeführt, die eine enorme mediale Resonanz entfalten und Diskurse über Schule prägen können, ohne belastbare oder konkrete Vorschläge zur Entwicklung von Schulen oder Bildungsprozessen vorlegen zu können. Dasselbe gilt aus meiner Sicht für Influencer:innen wie Bob Blume oder Silke Müller, die sich im Gegensatz zu den im Buch genannten Figuren nicht nur als Fachexperte:innen inszenieren, sondern vor allem auch ihre Praxis-Erfahrungen ins Feld führen. Der Stallgeruch des Lehrer:innen-Zimmers erlaubt ihnen, populistische Strategien einzusetzen, ohne deswegen kritisiert zu werden.
Ich hole erst kurz aus und fasse zusammen, was im Buch als Konzept des pädagogischen Populismus beschrieben wird. Wunsch und Monecke haben den Begriff von der politischen in die pädagogische Sphäre übertragen. Sie ordnen ihm vier grundlegende Merkmale zu:
Bezug auf ein «Wir» «Bestandteil des Wir ist die anti-elitäre und anti-pluralistische Attitüde», schreiben Wunsch und Monecke in der Einleitung. «Übertragen auf pädagogische Populisten hört sich das so an: Nur wir haben Erkenntnis darüber, wie Schule sein sollte. Die Abgrenzung geschieht nicht über eine Beschreibung dieser Erkenntnis, sondern eher in scharfer Kritik an den bestehenden Strukturen, Institutionen und der dort tätigen Menschen.» (S. 15)
Dramatisierung der Lage Hier handelt es sich «um ein populistisches Grundmittel, das die Möglichkeit eröffnet, sich folgend als Retter zu gerieren oder zumindest Rettung zu versprechen.» In der Folge präsentieren sich pädagogische Populist:innen in der Rolle der Experten, die «die alleinige Kenntnis zur Lösung der Probleme [haben] und mit dieser um Anhängerschaft [werben]. Seinen Fans [bieten sie] einfache Lösungen, die zumeist radikal abstrakt sind, weil verschwiegen wird, dass entscheidende Merkmale vernachlässigt wurden, so dass der ›pädagogische Endverbraucher‹ nicht viel damit anfangen kann und in dem Gestus der Ablehnung der etablierten Institutionen und Handelnden verharrt.» (S. 16)
Charismatische Führungspersonen Die Populist:innen sprechen Gefühle und Ängste an und können «mit zur Schau gestellter Stärke stellvertretend im Namen des Volkes die Lösung der konstatierten Probleme versprechen.» Ihre Wirkung ist «vereinnahmend» und funktioniert bis in wissenschaftliche Kontexte und hohe Verwaltungsebenen. (S. 16)
Multimedialität «Die Multimedialität (Print, Radio, Fernsehen, Video, Internet, Social Media) von Populisten [stellt] ein ausgetüfteltes System der Selbstvermarktung dar und [entfaltet] zugleich eine bedenkliche Eigendynamik.» (S. 17)
Diese Merkmale verbinden sich in einem Appell an Beschützer:inneninstinkte und Ohnmachtsefahrungen und entfalten durch diese Emotionalität eine intensive Wirkung. Pädagogische Populist:innen machen Eltern und Lehrpersonen gleichzeitig Angst und fordern sie auf zu handeln, ohne dafür Anregungen zu geben, die in der Praxis sinnvolle Lösungen ergeben. Mehr noch: Die Populist:innen «zündeln», weil ihr Fokus auf die Emotionalität ihr Publikum daran hindert, sich rational mit Bildung und Schule auseinanderzusetzen.
Die besondere Ansprache von Gefühlen, die von den Populisten aus Gründen der Vermarktung gewählt wird, schlägt auf die Rezeption durch und hat zur Folge, dass keine rationale Auseinandersetzung mit der Argumentation stattfindet. Dort, wo diese Anknüpfungspunkte stark biografisch fundamentiert sind, führen sie bestenfalls dazu, dass der Angesprochene seine Wut, Hilflosigkeit, vielleicht auch Angst zirkulär kommuniziert. Die Fundamentierung in seiner (offenbar bei vielen) teilweise misslungenen schulischen Sozialisation kann von ihm nicht erkannt und schon gar nicht analysiert werden. Das gefährliche Potential zur Radikalisierung ist angelegt und wird durch die Populisten unterstützt. Zündeln nennt man das. (S. 59, hervorhebung im Original)
Verstärkend wirkt auf die starke Emotionalität das Beschwören von Horrorszenarien, welche einen spezifischen populistischen Effekt entfalten kann, der darin besteht, dass nur ein eingeweihter Kreis von eingefleischten Fans der Populist:innen überhaupt bemerken kann, wie schlimm die Lage ist:
Die Weissagung eines Niedergangs geschieht hier mit der zugelieferten Konnotation: Die verantwortlich Handelnden werden mir nicht glauben, aber ihr, die Menschen mit sogenanntem gesundem Menschenverstand, werdet von meinen Argumenten erreicht, habt aber nicht die Macht zur Veränderung. So erklärt sich, dass die einzelnen Populisten eine Art Fangemeinde aus Eltern und interessanter Weise oft auch Lehrer*innen um sich versammeln. Das geschieht bevorzugt bei Autoren, die ein begrenztes Set von Argumenten über einen längeren Zeitraum öffentlich variieren. (S. 24)
In der Analyse im Buch werden zwei Muster identifiziert, die pädagogische Populist:innen häufig bemühen oder ansprechen: Erstens ein Leiden am Bildungssystem, zweitens ein Misstrauen gegenüber dem Staat, der für die Bildung (und damit für das Leiden) verantwortlich ist.
Michael Wildt stellt in einem separaten Kapitel dar, inwiefern pädagogischer Populismus einer Schulentwicklung schadet. Kernpunkt ist, dass pädagogischen Populist:innen die Expertise fehlt, echte Change-Prozesse zu initiieren und zu begleiten:
Die Ursache-Wirkungs-Struktur des Änderungsprozesses bleibt unsichtbar. Es ist nicht zu erkennen, wer welche ersten Schritte in welche Richtung getan hat, so dass am Ende das präsentierte Traummodell ans Laufen kommt. […] Konzepte für Alternativschulen […] entwerfen die Alternative nur gedanklich. Sie widerlegen zwar die These, ›es gehe nicht‹, aber entfachen keine Lernaktivitäten bei denen, die aktiv werden müssen, damit Alternativen Wirklichkeit werden. (S. 97)
All das findet sich in den neuesten Büchern von Bob Blume und Silke Müller, wie ich an zwei Ausschnitten verdeutlichen möchte.
Müller schreibt gegen Ende ihres Buches einen offenen Brief an «Lehrkräfte weltweit». Der Brief beginnt wie folgt:
Liebe Lehrerinnen und Lehrer überall auf der Welt, ich wende mich heute an Sie mit einer Botschaft von höchster Dringlichkeit und tiefster Sorge – es ist fünf nach zwölf. Wir stehen an einem Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, an der Schwelle zu einer Ära, die von digitalen Technologien und künstlicher Intelligenz geprägt ist.
Hier wird deutlich, wie Müller Dramatisierung als Element des pädagogischen Populismus nutzt und sich als Führungsperson inszeniert, der es möglich ist, alle Lehrpersonen auf der Welt auf ein Problem aufmerksam zu machen, dem sie sich stellen müssen. Gleichzeitig spricht sie ein Wir an: «Nehmen wir diese Herausforderung an und lassen wir es um Himmels willen nicht zu, dass unsere Kinder in einer Welt aufwachsen, in der sie von Technologien beherrscht werden…». Die Bewältigung der genannten Herausforderung bleibt bei Müller vage. Sie wiederholt Aussagen, die sie in Interviews schon gemacht hat, und macht Vorschläge, die aus ihrem ersten Buch stammen. Im offenen Brief sind das die zwei konkretesten Sätze: «Es muss uns gelingen, kritische Denkfähigkeiten bei den Schülern zu formen, die sie benötigen, um zwischen Wahrheit und Manipulation zu unterscheiden. […] Nur wenn wir verstehen, wie KI funktioniert, wenn wir das Potenzial und die Gefahren erkennen, die KI mit sich bringt, können wir dieses Wissen an unsere Kinder weitergeben, damit sie nicht Opfer, sondern Gestalter dieser Technologien werden.»
Ähnlich unkonkret bis unfreiwillig lustig sind die Vorschläge, die Bob Blume in seinem Buch macht. Besonders deutlich wird das in seinem Programm, das mit «10 Schritte für eine veränderte Schule» überschrieben ist. Hier die 10 Schritte, wie sie in den Zwischentiteln beschrieben werden:
Idee entwickeln
Ideen erproben
Mission erstellen
Team mandatieren
Wege bestimmen
Rückkoppelung ermöglichen
Praxis erproben und ausweiten
Organisches Wachstum ermöglichen
Schritte transparent machen
Vision, Wege und Praxis konsolidieren
«Jeder muss zu jeder Zeit das Warum, das Wie und das Was kennen, um Teil des Ganzen werden und bleiben zu können», schreibt Blume etwa in Schritt 9. An solchen Stellen wird deutlich, dass es dem Autor nicht darum geht, zu erklären, wie eine Veränderung in der Realität verlaufen kann. Die konkreten Ursachen und Wirkungen bleiben, wie Wildt das beschreibt, unsichtbar; an ihre Stelle treten inhaltslose Prozessbeschreibungen oder banale Anekdoten von Erfolgen. Im Abschnitt «Ideen erproben» beschreibt Blume etwa, wie eine Schule Sitzsäcke gekauft hat, auf die sich Schüler:innen setzen können – und merkt dann, so gehe das «mit jeder Art geplanten Veränderung». Wenn Blume festhält, die Schule brenne (und sich als Feuerwehrmann inszeniert), dann dürfte sie nicht mit Sitzsäcken zu löschen sein. Zur fundamentalen Veränderung, die Blume einfordert, fällt ihm wenig mehr ein als die erfolgreiche Umsetzung der Idee einer Schul AG.
Gegen Ende des Buches reflektiert Blume seine Rolle: «Gerne würde ich darüber berichten, wie ich an einem schönen Juniabend die letzten Wörter schreibe und mich zufrieden nach hinten lehne. […] [Es ist aber] keine Erleichterung möglich, weil momentan vieles, was Bildung betrifft, im Fluss ist. Wir haben es mit wiederkehrenden hohlen Phrasen der Landes- und Bundespolitik zu tun. Wir bemerken, dass zwar keiner zufrieden, aber auch keiner wütend genug ist, um sich dem Sturm auszusetzen, den tatsächliche Veränderung mit sich bringt. Dabei hilft in dieser unübersichtlichen Welt nur die Fähigkeit, sich dem Neuen zuzuwenden, sich darauf einzulassen, es sich zu eigen zu machen und sich darauf aufbauend weiterzuentwickeln.»
Hier klafft ein Widerspruch auf: Bob Blume präsentiert kein Programm, mit dem eine «tatsächliche Veränderung» denkbar ist, inszeniert sich aber als derjenige, der das Feuer löschen oder dem Sturm trotzen kann. Die so heraufbeschworenen Elementarkräfte sind Ergebnis einer Politik, die das angesprochene «Wir» im Stich lässt. Dass Blume selbst auch nur «hohle Phrasen» anbietet, fällt ihm nicht auf, dass er im Sinne von Wunsch und Monecke «zündelt» und sich dann mit dem Feuerlöscher ablichten lässt, auch nicht.
Die neue Generation pädagogischer Populist:innen wie Blume und Müller können sich auf eine andere Art legitimieren, als das bei Precht oder Hüther der Fall ist, die so tun müssen, als seien sie Fachexperten. Blume und Müller betonen ihre Verbindungen in die Praxis – sie sind in Kontakt mit Schüler:innen und Lehrpersonen, sie kennen die vermeintlich echten Probleme der Basis und setzen sich für sie ein. Das begründet ihre Stellung zur einen Hälfte, die andere Hälfte ihrer Berechtigung, auf Podien und in Fernsehsendungen aufzutreten, beziehen sie aus dem Zuspruch, den sie erhalten. Während Müller ihr Buch an verschiedenen nicht überprüfbaren Anekdoten aus ihrem Schulleitungsbüro aufhängt, wo sie als Retterin in Notsituationen handeln muss, verweist Bob auf positives Feedback, das seine Leistung deutlich machen sollen: «Die Wirkung einer Arbeit zu prüfen, die sich potenziell an sehr viele Menschen richtet, die man daraufhin nicht befragen kann, ist hingegen ungleich schwerer. Es sind eher viele kleine Rückmeldungen von Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft – von Lehrkräften, Journalisten, Politikerinnen und Politikern und Menschen aus der Zivilgesellschaft –, die spiegeln, dass Impulse aufgenommen, thematisiert und weiterentwickelt werden.» (S. 274)
Mit diesen Verfahren immunisieren sich pädagogische Populist:innen gegen Kritik: Sie betonen stets (und glauben wohl auch), dass ihre Arbeit dazu beiträgt, dass sich das marode Bildungssystem verändern kann, auch wenn es dafür keine Indizien gibt. Ihre Werke sind einerseits Bestseller, andererseits mit den besten Absichten verfasst: Sie sollen Menschen helfen. Wer daran etwas auszusetzen hat, stellt sich gegen das «Wir», gegen die echten Interessen von Lehrpersonen, die sich an der Popularität der Bildungsinfluencer:innen ablesen lässt.
Bildungsinfluencer:innen wie Müller und Blume sind Populist:innen. Von vielen werden sie als harmlos angeschaut, Blume betont immer wieder, dass niemand seine Bücher lesen oder seine Ideen umsetzen müsse, das sei freiwillig. Diese Argumentation verfängt nicht – Populist:innen sind gefährlich. Sie erschweren es, Probleme differenziert zu analysieren. Sie verunmöglichen sachliche Gespräche, weil sie den Platz von echten Expert:innen einnehmen. Ihre Talking Points treten an die Stelle von Change Prozessen, in denen Dramatisierung und Retter-Figuren problematisch sind, weil alle einen Beitrag leisten müssen, der nachhaltig wirken soll und kurzfristig keine Anekdoten hervorbringt, die in Büchern und in Vorträgen verkauft werden können. Bildungsinfluencer:innen operieren mit Halbwahrheiten, welche bei der von ihnen beschworenen Wir-Gemeinschaft gut ankommen – und sie operieren in Netzwerken, in denen sie diese Halbwahrheiten und ihre persönliche Wirkung verstärken. Zudem schaffen sie einen Markt für pädagogischen Populismus. Erkennbar wird das an der Arbeit, die sie leisten, wenn sie dafür weder bezahlt werden noch Reichweite erhalten. Das ist die Frage, die man Populist:innen stellen muss: Was tust du für eine Veränderung, wenn es sich für dich selber nicht lohnt?
Was sind Influencer:innen? Die für mich klarste Definition: Es handelt sich um Menschen, die auf digitalen Plattformen Reichweite aufbauen, um diese zu verkaufen. Influencer:innen sind in diesem Sinne, den ich hier meine, ein Gegenbegriff zu Aktivist:innen, die auf digitalen Plattformen agieren, um eine Veränderung zu bewirken (und ihre Reichweite nicht verkaufen).
Aktivist:innen engagieren sich in Kontexten, in denen sie eine Wirkung entfalten können. Influencer:innen kooperieren mit anderen Projekten, weil das ihre Bekanntheit fördert und anderen Projekten Sichtbarkeit gibt. Mihajlović hat kürzlich formuliert, dass sie in dieser Hinsicht Litfaßsäulen gleichen: Sie helfen dabei, ein breites Publikum zu erreichen.
Meine Ergänzung zielte noch auf einen anderen Aspekt ab: Weil Influencer:innen grundsätzlich wenig politisch sind und im Zweifelsfall ihre Anliegen hinter die Möglichkeit stellen, ihre Reichweite zu erhöhen, eigenen sie sich dafür, Kritik abzufedern und abzuschwächen.
Besonders deutlich wird das im Moment mit dem Bildungssystem. Influencer:innen haben eine Nische gefunden, Schulen und Bildung so zu kritisieren, dass das eigentlich niemandem weh tut. Das merkt man daran, dass sie es vermeiden zu benennen, was Lehrpersonen falsch machen oder konkret ändern müssten. Viele, fast alle Menschen finden, dass mit der Schule irgendwas nicht stimmt. Jede Veränderung des Bildungssystem erfolgt langsam und braucht viel Arbeit, deren Ergebnisse oft erst nach Jahren sichtbar werden. Influencer:innen sind nicht daran interessiert, diese Arbeit zu leisten – sie profitieren davon, dass diese Arbeit noch nicht erfolgt ist. Wie die Youtube-Lehrer:innen schlachten sie die Defizite des Bildungssystems aus – sie wissen, dass sie keine Änderung bewirken können und suchen deshalb die Positionen, die ihnen Beifall von allen Seiten sichern.
Deshalb ist ihre Kritik auch wirkungslos und wird vom System akzeptiert: Die Bücher, Podcasts und Talks von Influencer:innen sprechen die Eindrücke von Menschen zum Bildungssystem an, verlangen aber keine verbindliche Veränderung. Deshalb sind sie auch anpassungsfähig und prinzipienlos: Sie verbinden sich mit allen, sie grenzen sich von nichts ab. Aktivist:innen entscheiden bewusst, mit wem sie kooperieren, und zwar hinsichtlich der angestrebten Veränderung. Influencer:innen hingegen tun das nur hinsichtlich ihres eigenen Nutzens: Sie machen dort mit, wo es ihnen etwas bringt. Und klar: Immer mal wieder tun sie was scheinbar Selbstloses, was Gemeinnütziges – aber auch das hat einen Nutzen, weil es es das Image zurechtrückt und die Angreifbarkeit der Influencer:innen verhindert.
Damit ist ein weiteres Problem verbunden, auf das Dejan im Litfass-Post aufmerksam gemacht hat: Die Influencer:innen haben oft keine Expertise. Sie übernehmen Argumente, Bilder und Denkfiguren, von denen sie sich versprechen, dass sie bei ihrem Zielpublikum funktionieren. Weil sie damit beschäftigt sind, Reichweite aufzubauen, fehlt ihnen die Zeit für die Arbeit in dem Gebiet, das sie als ihr Fachgebiet ausgeben. Tatsächlich haben sie aber nur ein Fachgebiet: Sich als Influencer:in zu vermarkten. Das sieht man daran, dass ihr eigenes Bild auf dem Titel ihrer Bücher zu sehen ist.
Letztlich entsteht ein dreifaches Problem:
Influencer:innen nehmen Fachpersonen den Raum weg, um an echten Veränderungen und Lösungen zu arbeiten.
Sie bestärken das System, weil sie von seinen Dysfunktionalitäten abhängig sind.
Sie liefern mit Scheinkritik allen einen Vorwand, die nichts ändern wollen, aber eine gehaltvolle kritische Diskussion simulieren wollen.
Influencer:innen sind ein guter Test, um echte Aktivist:innen zu erkennen: Wer mit Influencer:innen kooperiert, sie einlädt, ihre Arbeit ausstellt, mit ihnen gemeinsame Veranstaltungen bestreitet – denen ist die Reichweite ebenfalls wichtiger als die Sache. Das ist nicht verboten, dafür gibt es oft Gründe, die auch verständlich sind. Viele Menschen möchten gerne ein Buch schreiben, Vorträge halten, bekannt werden. Das ist legitim – aber es geht nur dann um die Sache, wenn die Fähigkeit erhalten bleibt, echte Expertise und kritische politische Sichtweisen von einer Reichweitenshow zu unterscheiden.
Jonathan Haidts »The Anxious Generation« (auf Deutsch: »Generation Angst«) ist die aktuelle Version des Sachbuches, das Eltern und Lehrpersonen in der Vermutung bestärkt, die Smartphone-Nutzung von Kindern und Teenagern ein massives Problem darstellt. Haidts zentrales Argument lautet: Die Nutzung von Social Media verursacht und verstärkt psychische Probleme bei Jugendlichen, weil sie direkte Interaktionen und freies Spiel beeinträchtige. Deshalb, so sein Lösungsvorschlag, müsste der Zugang zu Social-Media-Plattformen eingeschränkt und die Handynutzung an Schulen unterbunden werden – damit Kinder und Jugendliche mehr miteinander reden und spielen.
Gerade die Forderung, Schulen zu Handy-freien Zonen zu machen, hat in Europa viele Unterstützer:innen gefunden. Sie beziehen sich oft implizit und explizit auf Haidts Argumentation, weshalb es mir sinnvoll erscheint, darauf hinzuweisen, wie problematisch sie ist. (Haidt fordert Eltern und Lehrer:innen am Ende des Buches auch direkt dazu auf).
Das Kernproblem
Haidt interessiert sich nicht für Kinder und Jugendliche. Weder ihre psychischen Probleme und Bedürfnisse noch ihre konkrete Handynutzung stehen im Fokus seines Buches. Deshalb verpasst Haidt nicht nur die korrekte Diagnose, sondern auch die wirklich wirksamen Lösungsvorschläge: Ja, Social Media sind für bestimmte Jugendliche in bestimmten Situationen eine Belastung und ein massives Problem. Für viele andere sind sie ein Teil ihres Lebens, der manchmal stressig, manchmal hilfreich ist, wie fast alle Technologie, die wir selbstverständlich nutzen. Meine Mikrowelle ist oft sehr hilfreich, weil sie Essen schnell wärmt. Manchmal ist sie aber auch eine Quelle von Stress, wenn das Essen zu heiss wird, so dass die ganze Mikrowelle verspritzt wird. Genau so ist es mit Laptops, Autos, SmartHomes, mit Dampfkochtöpfen, Kugelschreibern und eben auch Handys.
Als ich 30 war, hatte ich ein paar Monate ein Auto in der Stadt Zürich. Ich fuhr oft zu spät los und war auf dem Weg zu Arbeit gestresst; am Abend hatte ich Mühe einen Parkplatz zu finden und erhielt viele Parkbussen. Ich habe mein Auto wieder verkauft. Genauso reduzieren viele Jugendliche, die unter Instagram oder anderen Social-Media-Plattformen wirklich leiden, ihre Nutzung. Selbstverständlich ist es nicht einfach, sie gar nicht zu nutzen – aber wenn Apps bei jedem Öffnen zu schlechten Gefühlen führen, ist es naheliegend, sie weniger zu nutzen. Kinder und Jugendliche sind nicht dumm.
Haidt merkt das aber nicht, weil er nicht mit Kindern und Jugendlichen gesprochen hat, sondern nur über sie spricht. Er befeuert und profitiert von einer Moral Panic, die rund um jede Technologie entsteht, weil viele Erwachsene mit der Veränderung überfordert sind und Ängste gegenseitig verstärken. Michael Hobbes und Peter Shamshiri weisen in ihrer Kritik von Haidts Buch zurecht darauf hin, dass Haidt Social Media durchgängig so sieht, wie sie ältere weisse Professoren erleben: Als ein Ort, wo ihnen Menschen widersprechen und sich über sie lustig machen – und als etwas, was junge Leute auf eine Weise machen, die sie nicht verstehen. Nur: Das ist nicht die Erfahrung, die junge Menschen machen. Sie unterhalten digitale viele unterschiedliche Beziehungen, was gerade deshalb wichtig ist, weil es ihnen oft nicht möglich ist, all diese Menschen täglich zu sehen, mit denen sie Snaps austauschen. Hobbes und Shamshiri zeigen an einem spannenden Punkt deutlich, weshalb Haidt eine Moral Panic bedient und sich von ihr beeinflussten lässt: Im Buch erwähnt er mehrmals, Social Media würde Kinder und Jugendliche »Predators« ausliefern, also pädosexuellen Männern, die sie auf digitalen Plattformen belästigen würden. Diese Stranger-Danger-Angst ist eine Moral Panic, die in den 80er- und 90er-Jahren zu einer massiven Überreaktion geführt hat und deshalb gefährlich war (und ist), weil ausgeblendet wird, dass über 90% der von Übergriffen betroffenen Kindern und Jugendlichen die Täter kennen. Es sind in der Regel nicht Fremde, die solche Verbrechen begehen. Das gilt auch für digitale Plattformen: Die entscheidende Gefahr geht vom Sporttrainer aus, der plötzlich DMs schreibt, vom älteren Mitschüler, der Love-Bombing betreibt etc. Wer das ausblendet, versteht das Problem nicht.
Weil Haidt die Perspektive junger Menschen ausblendet und Bedürfnisse überforderter Erwachsener priorisiert, merkt er auch nicht, was psychisch belasteten Jugendlichen helfen würde. Selbstverständlich würde ein bewussterer, reduzierter Umgang mit Social Media die Mental Health verbessern – gleichzeitig fehlt aber vielen Jugendlichen der Zugang zu niederschwelligen, kostenfreien psychologischer Unterstützung, Verständnis von Erwachsenen, Mediation bei Konflikten, Lernumgebungen, in denen sie sich wohl fühlen, gute Betreuungsverhältnisse an Schulen etc.
Helfen würde auch eine Regulation von Social-Media-Plattformen: Konsequente Moderation, Ausschluss gefährlicher Profile, Ansprechpersonen bei Problemen. Haidt ist hier ambivalent: Regulation ist ihm ideologisch suspekt, weshalb er diese naheliegende Lösung ausschliesst. Gleichzeitig hat sein Druck aber zu sinnvollen Verbesserungen geführt, z.B. bei Instagram:
Das methodische Problem
Wer über Jugendliche spricht, statt mit ihnen, meint es nie ernst. (Dasselbe gilt auch fürs Lesen.) Daneben gibt es bei Haidt ein weiteres Problem, ein methodisches. Haidt behauptet in Zusammenarbeit mit Jean Twenge, die Verbreitung von Smartphones sei die einzige Erklärung, die einen Anstieg psychischer Probleme erklären könne, wie er in Abbildungen wie der unten ersichtlich wird.
Der Anstieg ist grundsätzlich unbestritten, er ist auch in Europa erkennbar, wenn auch nicht überall gleich stark und in den gleichen Kategorien wie in den USA. Lässt er sich tatsächlich durch Smartphones erklären?
»There is no evidence to definitively claim that the general use of smartphones negatively impacts adolescents’ social-emotional development.«
Diese Bilanz zieht Balan in einer Auswertung der verfügbaren Studien (S. 26). Die Studien von Twenge weisen einen Einfluss von Smartphones auf die Mental Health von Kindern und Jugendlichen nach – aber nur deshalb, weil sie von ganz bestimmten Annahmen, Daten und Formen der Bereinigung der Daten ausgehen. Tut man das nicht (wie das in den Studien von Amy Orben der Fall ist), zeigt sich, dass der Einfluss von Social Media mit dem von Kartoffeln in der Ernährung vergleichbar ist. Kurz: Die Daten zeigen nicht, dass Jugendliche, die früher in ihrem Leben Social Media genutzt haben oder mehr Zeit mit Social Media verbringen, sich schlechter fühlen oder darunter leiden.
Das bedeutet nicht, dass digitale Plattformen nicht Belastungen und Stress für Jugendliche mit sich bringen und viele von ihnen konkret darunter leiden. Aber es bedeutet, dass sich dieser Zusammenhang rein aufgrund der verfügbaren Daten nicht direkt belegen lässt – oder nur, wenn man die Daten so zurechtbiegt, dass sie dieses Ergebnis zeigen.
Auch methodisch wäre es sinnvoller, qualitativ zu arbeiten (das wäre ein gutes Buch dazu) und mit Jugendlichen zu sprechen, statt messen zu wollen, wie sich die Social-Media-Nutzung auswirkt. Ein Beispiel für die Ungenauigkeit des statistischen Zugang ist Haidts quasi härtestes Argument: Er betrachtet eine Statistik über Einlieferungen Jugendlicher in Krankenhäuser, nachdem sie sich selbst verletzt haben. Dabei spielt die Wahrnehmung keine Rolle, es handelt sich quasi um objektive Daten. Haidt argumentiert, diese Einlieferungen stiegen in dem Moment an, als Jugendliche Social Media nutzen konnten. Er blendet aber aus, dass viele Jugendliche in dem Moment dank den Reformen Obamas Gesundheitsversorgung durch Spitäler in Anspruch nehmen konnten, was dazu führte, dass sie bei Verletzungen häufiger Krankenhäuser besucht hatten. Wir sehen also vielleicht einfach einen Reflex der verbesserten Gesundheitsversorgung. Die Daten sind zwar objektiv, aber sie zeigen oft nicht das, was wir darin sehen wollen.
Als Fazit sei Amy Orben zitiert, die vermutet, dass wir Erwachsenen uns in Zukunft folgende Frage stellen werden: »Were we worried about technology in excess, when we should have been worried about raising our kids?«
Vor zwei Jahren führte ich eine längere Diskussion mit einem Schulleitungsmitglied. Ausgangspunkt war die Praxis vieler Schulen, Dokumente digital zu signieren – und zwar mit einer Bilddatei der Unterschrift der verantwortlichen Person. Zeugnisse, Verfügungen und andere rechtlich bindende Dokumente wurden nicht persönlich unterschrieben, sondern automatisch mit einer Unterschrift versehen.
Mein Gegenüber hatte lange in Deutschland gearbeitet und war der Ansicht, diese Praxis sei illegal. Tatsächlich haben Kantone und Bund präzise Vorgaben, wie welche Rechtsschriften signiert werden müssen. In der Praxis ist das jedoch irrelevant: Auch ein wie oben beschrieben unterschriebenes Zeugnis ist gültig. Generell stellt sich die Frage, wozu wir Unterschriften noch brauchen.
Die Frage erhält angesichts des aktuellen Skandals rund um gefälschte Unterschriften in der Schweiz zusätzliche Bedeutung. Professionelle Sammel-Organisationen haben dabei Unterschriften von Schweizer:innen gefälscht, weil sie von politischen Akteur:innen fürs Sammeln bezahlt wurden. In einigen Fällen ist es für die Gemeinden nicht möglich festzustellen, welche Unterschriften gefälscht wurden.
Beim sogenannten E-Collecting könnte man die Handynummer hinterlegen. Dann bekäme man nach dem Signieren einer Initiative ein SMS: «Waren Sie das – ja oder nein?» Eine andere Möglichkeit wäre, die Unterschrift mit der E-ID zu koppeln – also mit dem digitalen Pass, den wir bald alle erhalten.
Graf verweist zurecht darauf, dass Identität heute im praktischen Bereich längst nicht mehr mit Unterschriften bezeugt wird. Wenn ich ein digitales Bankkonto eröffne, muss ich nichts unterschreiben: Ich muss aber ein Bild von meinem Gesicht mit einem Ausweis abgleichen, eine Handynummer und eine Postadresse haben. An anderen Orten (z.B. bei einer AppleID) brauche ich eine Kreditkarte, um meine Identität bezeugen zu können. Auf meinen Geräten benutze ich einen Fingerabdruck oder mein Gesicht um mich zu identifizieren.
Wie absurd Unterschriften in dieser Hinsicht sind, zeigen digitale Geräte von Lieferdiensten, auf denen sie sich die Auslieferung von Paketen mit einer Signatur bestätigen lassen. Seriös wäre das mit einem SMS-System, bei dem die Zustellung auf einem Handy akzeptiert werden müsste.
Die Tatsache, dass in der Praxis Unterschriften nicht mehr benutzt werden, zeigt deutlich: Sie sollten auch rechtlich jede Bedeutung verlieren. Unterschriften taugen nicht, um sicherzustellen, dass eine bestimmte Person etwas auch wirklich bestätigt.
In den Ferien ist mir bewusst geworden, wie sich die Bedeutung der Telefonnummer gewandelt hat. Zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit war die Frage, ob Lehrpersonen ihre Handynummer Eltern und Schüler:innen mitteilen, ein konstanter Diskussionspunkt. Ich sag das immer entspannt, weil ich mein Handy ausschalten oder weglegen konnte, das Festnetztelefon, das damals noch intensiv genutzt wurde, jedoch nicht. Da eine Kontaktmöglichkeit bestehen musste, war die Handy-Nummer die einfachste.
Die Möglichkeit, Beziehungen über digitale Kommunikation zu begleiten, wurde besonders in einem Dating-Kontext verhandelt. Seit jeher ist das Mitteilen der Telefonnummer ein entscheidender Schritt im Annäherungsprozess: Wer das tut, signalisiert Interesse an einem engeren Kontakt, lädt zu einer persönlichen Kommunikation ein. Rund um die Telefonnummer kann sich eine spielerische Herausforderung ergeben, oft darf es in Hollywood-heteronormativen Beziehungen für den Mann nicht zu leicht sein, die Telefonnummer der Frau zu bekommen, während er seine freizügig austeilt (die Parallele zu sexuellen Normen ist naheliegend).
Als ich zum ersten Mal gedatet habe, war es gerade eine neue Möglichkeit, Textnachrichten zu verschicken (SMS oder über Pager). Nicht alle konnten darauf zugreifen, wenn das aber möglich war, stellte sich immer die Frage, wer wem wann schreibt. Dafür wurden komplexe Regeln entworfen, die alle von der Möglichkeit abhingen, die Handynummer der anderen Person zu kennen.
Auf bei Dating-Plattformen wie Tinder oder Bumble ist es ein wichtiges Zeichen, die Plattform zu verlassen. Dabei ist oft nicht ein Treffen der erste Schritt, sondern eine weitere Annäherung per WhatsApp oder in einem anderen Messenger. Gerade weil eine Telefonnummer viel (teilweise auch ungewollte Nähe) zulässt, gibt es Menschen, die dafür Messenger ohne Nummeranbindung nutzen (also Signal oder Telegram).
Die Frage, ob man die Nummer einer Freundin oder eines Freundes an Interessierte weitergeben darf, hängt stark damit zusammen. Sie ist mit einer Reihe von Entscheidungen und Einschätzungen verbunden, welche zeigen, wie stark die Kontaktaufnahme und die persönliche Identität mit einer Telefonnummer zusammenhängen.
Das einleitende Zitat aus dem aktuellen Roman von Miranda July zeigt, dass die Telefonnummer diese Bedeutung verloren hat. July verweist auf Instagram, wo Menschen auffindbar sein wollen oder es häufig auch über soziale Beziehungen sind. Selbstverständlich kann man mit entsprechenden Einstellungen verhindern, dass Fremde einem schreiben können, aber gleichzeitig besteht auch ein grosser Reiz darin, solche Nachrichten zu bekommen. Daneben sind Menschen am Arbeitsplatz grundsätzlich erreichbar: Das beginnt schon in der Schule, wo viele Schüler:innen über Lernplattformen Kontakt zu anderen Schüler:innen herstellen können. Outlook oder Teams erlaubt es in vielen Unternehmen, alle Mitarbeitenden zu kontaktieren.
Die Schwelle, eine Handynummer von jemandem kennen zu müssen, entfällt zunehmend. Gleichzeitig wird zumindest in der Schweiz die Handynummer auch für Geldtransaktionen benutzt, mit Twint können Schweizer:innen einander Geld schicken, wenn sie diese Nummer kennen. Das bedeutet, dass ich meine Nummer oft auch Menschen mitteilen muss, mit denen ich keine persönliche Beziehung habe. Viele Eltern meiner Schüler:innen schicken mir Geld über Twint – sie brauchen meine Nummer, ich sehe ihre. (Selbstverständlich gibt es (oft übergriffige) Versuche, Menschen über Twint anzusprechen und in ein Gespräch zu verwickeln.)
Was bedeutet dieser Wandel nun – also weg von einer medialen Situation, in der persönliche intime Kommunikation primär an eine Handynummer geknüpft war und hin zu einer, in der Menschen grundsätzlich digital erreichbar sind?
Ich würde folgende Aspekte herausarbeiten:
Filtern (also Privat-Stellen und blockieren) gewinnt an Bedeutung, auch algorithmisch. Instagram trennt Nachrichten von User:innen, mit denen ich nicht verbunden bin, und bezeichnet sie als Anfragen, die ich auch ignorieren kann, wenn ich sie nicht bewusst anschauen will.
Digitales Schreiben hängt weniger von der grundsätzlichen Möglichkeit ab, sondern von der Qualität: Wie schnell reagiert jemand, wie aktiv hört jemand zu, gibt es Ghosting-Phasen etc.
Private und berufliche oder professionelle Kommunikation vermischen sich stark – sie finden auf demselben Gerät statt. In beruflichen Chats werden auch Freundschaften und andere Beziehungen gepflegt, auf privaten Plattformen finden berufliche Aushandlungsprozesse statt. Das ist von Unternehmen durchaus gewollt, für einzelne Personen aber kaum steuerbar.
Übergriffe, Stalking etc. sind und bleiben auch in diesem medialen Umfeld ein Problem, besonders betroffene Menschen und Gruppen entwickeln Strategien, wie sie sich schützen können (z.B. Fake-Instagram-Konten, automatische Filter, Blocklisten etc.).
Heute fuhr ich mit einer Gruppe junger Frauen im Bus, sie waren rund 20. Die eine war in einem Videocall mit ihrem Freund, der sie aufforderte, ihm ihre Kleidung und ihren Schmuck zu zeigen – er wolle nur sehen, wie hübsch sie aussehe. Die Kollegin der Frau reagierte stark, sie könnte nie einen Freund haben, der sie so kontrolliere. Der wolle ja auch, dass die Freundin den Standort permanent mit ihm teile, damit er immer wisse, wo sie sich aufhalte. Ein weitere Mitglied der Gruppe meinte, ihr Freund wolle auch ihren Standort habe, er sage, er brauche das, damit er ihr helfen könne, ihr Handy zu finden, wenn sie es verliere.
Kürzlich wurde ein Mann, der seine Frau erwürgt hatte, als Mörder verurteilt. Er hatte seine Frau konstant überwacht: über Handy-Tracking, über Auto-Tracking und über Video-Kameras in der gemeinsamen Wohnung.
Das sind zwei Anekdoten, die erste wahrscheinlich harmlos, die zweite extrem. Sie machen deutlich, dass wir in einer Welt leben, in der Überwachungstechnologie für Privatpersonen verfügbar ist. Es ist ohne Aufwand möglich, Kinder, Partner:innen, Eltern, Mitarbeiter:innen und andere lückenlos zu überwachen.
Das ist eine Machttechnologie mit massiven Abgründen. Wer überwacht wird, verhält sich anders. Alles, was man tut, ist eine Spur, ein Indiz, eine Abweichung von einem Muster. Im privaten Bereich gelten kaum rechtliche Einschränkungen, ethische Überlegungen fallen weg. Die Freunde, die ihre Freundinnen überwachen, tun das wahrscheinlich halb aus Fürsorge und halb aus Eifersucht, halb aus Liebe und halb aus Kontrollbedürfnis. Diese Balance mag anfangs stimmen, sie kann aber schnell kippen.
Das ist ein echtes Problem: Kinder und Jugendliche, die überwacht werden, müssten sich wehren können. Wer in einer Beziehung überwacht wird, müsste mit guten Argumenten ablehnen können. Die Normalisierung von Überwachung ist anders als viele andere Sorgen, die Erwachsene bezüglich der Nutzung von Smartphones durch junge Menschen haben, ein echtes Problem, das mit einer Einschränkung der Freiheit, Übergriffen und psychischer Gewalt verbunden ist.
Hier bräuchte es mehr Aufklärungsarbeit, Kampagnen und Unterstützung durch Schulen. Kindern und Eltern müssten lernen, dass Überwachung nicht in Ordnung ist. Verfahren, die Überwachung temporär zuzulassen, wenn eine unerwartete oder heikle Situation zu meistern ist, müssten dokumentiert und eingesetzt werden. Sehr wahrscheinlich müssten auch die entsprechenden Angebote strenger reguliert werden.
Wichtig ist, dass das Einverständnis zur Überwachung nicht mit anderen Aspekten vermischt wird: Oft erhalten Kinder die Erlaubnis, in der Freizeit etwas zu tun, wenn sie in die Überwachung einwilligen. In Beziehungen ist die Überwachung an Liebe gekoppelt, eine Weigerung wird als Vertrauensbruch gerahmt. »Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten«, ist im privaten Rahmen fast noch perfider als im staatlichen. Auch wenn ich nichts Illegales mache, möchte ich nicht von anderen Menschen kontrolliert werden – mehr noch: habe ich das Recht, nicht kontrolliert zu werden.
Kürzlich habe ich mit einer Klasse über Entschuldigungsvideos von Influencer:innen diskutiert. Dabei haben wir über ein Beispiel gepostet, in dem eine Influencerin namens Mathilda in die Kamera spricht. Für mich das Auffälligste daran: Mathilda filmt sich spiegelverkehrt (sichtbar am Schriftzug auf ihrem Pullover). Warum?
Meine Schüler:innen kamen schnell zu einer ersten Erklärung:
(1) Apps wie TikTok, Instagram etc. nehmen das standardmässig so auf.
Gemeint ist: Einige Programme entspiegeln Aufnahmen und geben Selfie-Aufnahmen so wieder, als würde man die Person direkt sehen – viele andere tun das nicht.
Mich hat die Erklärung nicht überzeugt, weil die Influencer:innen oft viel Zeit in ihre Videos stecken und mit den Bearbeitungsprogrammen problemlos den Spiegel-Effekt entfernen könnten, wenn sie wollten. Bei Gesprächen dreht es sogar die Anordnung der Personen: Im unteren Video ist die Frau links und der Mann rechts zu sehen, würden wir ihnen zuschauen, wäre das jedoch umgekehrt.
Kürzlich habe ich einen Vortrag in Wien gehalten und dabei über das Dagstuhl-Dreieck gesprochen, das verdeutlich, dass technische Phänomene immer auch eine sozio-kulturelle Bedeutung und eine Funktion für einzelne User:innen haben. Am Beispiel der Spiegel-Aufnahmen habe ich darauf hingewiesen, dass
(2) Die Spiegelaufnahmen suggerieren Intimität.
Die Videos oder Bilder geben vor, dass wir in einen Spiegel schauen oder die Influencer:innen in einen Spiegel schauen, dass sie also nicht zu einem Publikum sprechen, sondern wir ihnen so zuhören, als würden wir mit uns selber sprechen oder als sprächen sie mit sich selber. Dadurch entsteht eine para-soziale Interaktion. Der Effekt ist vergleichbar mit Aufnahmen, in denen Influencer:innen ungeschminkt oder ungefiltert zu uns sprechen (oder gar bewusst kauen oder etwas tun, während sie Videos aufnehmen) – was selbstverständlich immer auch eine bewusst gewählte Inszenierung ist, die aber oft nicht erkennbar ist.
Bei der Fragerunde kam aus dem Publikum eine weitere These:
(3) Weil viele die Selfie-Kamera als Spiegel benutzen oder viele Aufnahmen von sich machen, wirkt das gespiegelte Bild natürlicher.
So, wie wir unsere Stimme beim Sprechen anders hören, als wenn sie aufgenommen wird, ist das gespiegelte Bild unser inneres, das für uns echte Bild unseres Gesichts. Deshalb entspiegeln Influencer:innen nur für offizielle Hochglanz-Sachen, bei allem anderen belassen sie die Videos gespiegelt.
Habt ihr weitere Ideen, was das bedeuten könnte? Ich sammle sie gerne in den Kommentaren.