Didaktische Settings im Umgang mit »Fake News«

Vorbemerkungen: 

  1. Dieser Text dient mir zur Vorbereitung einer Weiterbildungsveranstaltung für Gymnasiallehrpersonen. Alle dafür verwendeten Unterlagen findet man hier: phwa.ch/fakenews (vollständig ab 8. September 2019). 
  2. Ich habe aus meinem persönlichen Lernnetzwerk viel Unterstützung erhalten: Reichhaltiges Material findet man als Antwort auf diesen Tweet und auf diesen. Ich habe daraus einiges ausgewählt, musste aber vieles weglassen. 
  3. Ich stütze mich primär auf folgende Literatur: 
    a) Himmelrath/Egbers: Fake News (HEP, 2018)
    b) Jaser/Lanius: Die Wahrheit schafft sich ab (Reclam, 2019)
    c) Wampfler: Schwimmen lernen im digitalen Chaos (Stämpfli, 2018) 
    d) Kuhla: Fake News (Carlsen, 2017)
    e) Hofer/Kauffmann: Neue Medien – neuer Unterricht? (HEP, 2019)

* * *

Vorbemerkung: Didaktische Inputs
Lernziele und Medienkompetenz
Setting 1: Induktive und deduktive Arbeit mit Fallstudien
Setting 2: Spiele und Serious Games
Setting 3: Portfolio-Arbeit
Setting 4: Checklisten erstellen und anwenden
Setting 5: Fake News erstellen
Setting 6: Debattieren
Setting 7: Ausserschulische Lernorte
Setting 8: Die kurze Einheit mit kompakter Vorbereitung

Eine Vorbemerkung:
Didaktische Inputs

Die Bedeutung von Didaktik ist umstritten. Wenn im Folgenden die Rede von »didaktischen Settings« ist, dann ist damit das Design von Lernumgebungen gemeint, nicht die Planung oder Strukturierung von Lernprozessen. Ich gehe somit davon aus, dass Lernende ihr Lernen selber organisieren müssen und können, aber dabei davon profitieren, wenn sie ihre Lernprozesse in vorbereiteten Umgebungen entfalten können.

Lehrerinnen und Lehrer stehen didaktisch in der Verantwortung. Sie können nicht erwarten, in Fachdidaktikseminaren oder Weiterbildungen Anleitungen zu erhalten, die sie danach lediglich ausführen. Vielmehr nehmen sie Inputs auf, für deren Umsetzung und Konkretisierung sie allein zuständig sind (weil nur sie die Lerngruppe und ihre Umgebung kennen).

Meine Rolle als Fachdidaktiker sehe ich also darin, solche Inputs zu kuratieren und zu verdichten. Wer im Unterricht zu »Fake News« arbeiten möchte, findet in der folgenden Übersicht Ideen, wie das gelingen könnte. Vorbereitete Lektionen fehlen genau so wie kleinteilige Rezepte: Weil guter Unterricht damit gar nicht gelingen kann.

Lernziele und Medienkompetenz im Umgang mit Fake News

In einer oberflächlichen Analyse erscheint es im Umgang mit Fake News entscheidend zu sein, Leichtgläubigkeit durch Skepsis zu ersetzen. Wie Danah Boyd einleuchtend dargestellt hat, ist die Forderung nach mehr Skepsis oder mehr Zweifel aber problematisch:

Children are indoctrinated into this cultural logic early, even as their parents restrict their mobility and limit their access to social situations. But when it comes to information, they are taught that they are the sole proprietors of knowledge. All they have to do is »do the research« for themselves and they will know better than anyone what is real.

Combine this with a deep distrust of media sources. If the media is reporting on something, and you don’t trust the media, then it is your responsibility to question their authority, to doubt the information you are being given. If they expend tremendous effort bringing on »experts« to argue that something is false, there must be something there to investigate. […]

Addressing so-called fake news is going to require a lot more than labeling.It’s going to require a cultural change about how we make sense of information, whom we trust, and how we understand our own role in grappling with information. Quick and easy solutions may make the controversy go away, but they won’t address the underlying problems. (Quelle)

Sinnvolle didaktische Settings versuchen also nicht primär, Skepsis zu befördern, weil das ultimativ bedeuten würde, dass wir alle nur noch unserem Bauchgefühl vertrauen. Wichtiger ist es, Mechanismen Informationsherstellung und -verarbeitung zu verstehen, Bezugspersonen zu finden, denen wir vertrauen und dosiert kritisch zu sein: D.h. verlässliche Informationen nicht zu hinterfragen, wenn sie unseren Annahmen widersprechen. Die folgenden Anregungen orientieren sich also an mehreren Lernzielen:

  1. Verstehen, wie Informationen entstehen und wirken.
  2. Verfahren der Fälschung, Manipulation und Verzerrung erkennen.
  3. Werkzeuge einsetzen können, um zusätzliche Kontexte einblenden zu können.
  4. Ein persönliches Lernnetzwerk aufbauen.

Was dabei erworben werden soll, nenne ich experimentelle Medienkompetenz. Sie besteht nicht in der Übertragung einer Kompetenz von einer Lehrkraft auf Lernende, sondern im gemeinsamen, situierten Erproben und Reflektieren von Medienhandlungen.

Hier eine Liste mit wichtigen Werkzeugen:

Setting 1: 
Induktive und deduktive Arbeit mit Fallstudien

Fallstudien sind primär in den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften verbreitet. Die Methode hat aber als gymnasiale Methode für alle Fächer Potential. (In Bezug auf Medienkompetenz habe ich bereits hier dazu gebloggt, die Überlegungen habe ich später auch in einem Fachartikel veröffentlich).

In der Fake-News-Weiterbildung setze ich eine Reihe von aktuellen und bekannten Fällen zu Fake News ein: Die Sammlung findet sich in diesem pdf.

Bildschirmfoto 2019-09-02 um 10.15.32
Quelle: Facebook-Post

Betrachten wir einen Fall genauer: Es geht um die Frage, ob Medien in Bezug auf die Waldbrände in der Amazonas-Region Fake News verbreiten. Liest man das, so bemerkt man sofort einen Mangel an Präzision: Welche Medien verbreiten in Bezug auf welche Informationen Fake News? Was genau sind Fake News? Woran sollen wir Informationen messen, was ist überhaupt die Wahrheit?

Die Bedeutung der Schärfung von Konzepten und des Herausarbeitens von Problemen kann auf zwei Arten didaktisch genutzt werden: Entweder dient der Fall dazu, bereits eingeführte Konzepte zu prüfen und erweitern – dann wird er deduktiv genutzt. Schülerinnen und Schülern wären dann bereits mit dem Problem der Relativität von Wahrheit vertraut und würden es in der Bearbeitung des Falls anwenden.

Die andere Möglichkeit wäre die induktive: Durch die Arbeit an Fallstudien ergäbe sich so das Bedürfnis nach einer theoretischen Klärung, die dann aufgrund der konkreten Fälle einfacher und fokussiert vonstatten ginge. Damit verbunden sind auch drei Fall-Typen:

  1. Background Cases sind sehr breit angelegt und vermitteln einen Eindruck der Komplexität der Thematik und den Verbindungen zwischen Einzelaspekten.
    (Der Amazonas-Waldbrand-Fall wäre ein Background Case, wenn er lediglich als Problem eingeführt würde.)
  2. Situation Cases schaffen eine Gelegenheit zur Anwendung und Konkretisierung bestimmter Konzepte und Werkzeuge.
    (Der Amazonas-Waldbrand-Fall wäre ein Situation Case, wenn eine Reihe kritischer Artikel bearbeitet und geprüft werden müssten.)
  3. Übungsfälle dienen zur Vertiefung von bereits erworbenen Kompetenzen.
    (Als Übungsfall eignet sich bei Fake News ein einzelner Newsbeitrag oder eine kritische Besprechung eines Newsbeitrags.)  

Matzler/Bidmon/Schwarz formulieren die für die Fallstudien-Arbeit relevanten Kompetenzen wie folgt:

[Die] Studierenden lernen nicht nur den Umgang mit Annahmen und das Ziehen von Schlussfolgerungen. Sie lernen auch das aktive Zuhören und Verstehen anderer Sichtweisen, im Idealfall mündet der Umfang mit Fallstudien in der Entwicklung von Fähigkeiten, die unter einem Begriff zusammengefasst werden können: kreative Problemlösungskompetenz.

Bildschirmfoto 2019-09-02 um 10.10.04

Setting 2: 
Spiele und Serious Games

Hofer/Kauffmann erwähnen eine Reihe von Spielen in einer Einheit zu Fake News und sprechen davon, damit könne »das Erarbeitete spielerisch ausgetestet« werden (Kindle Pos. 446). Das ist eine Funktion von Spielen: Sie zeigen, ob die erworbenen Kompetenzen reichen, um in einem Spielumfeld Erfolg zu haben. Das Buch von Hofer/Kauffmann geht aber auch auf andere Funktionen von Spielen ein: Sie fordern Entscheidungen von Lernenden und ermöglichen so immersive Erfahrungen, die in nicht-spielerischen Settings schwer zu ermöglichen sind.

Zu Fake News gibt es eine ganze Reihe ausgeklügelter Spiele. Es handelt sich um sogenannte Serious Games. Damit werden Spiele bezeichnet, die primär Lernprozesse anregen.

Hier die Liste:

Das erste Spiel auf der Liste wurde wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Metaphorisch ist die Rede davon, es wirke wie eine Impfung gegen Fake News.

An Spielphasen müssen Formen der Reflexion des Spielerlebnisses anschließen. (Ausführlich habe ich mich zur Didaktik der Computerspiele im Deutschunterricht hier geäußert.)

Setting 3: 
Portfolio-Arbeit

Das Führen eines Lern-Portfolios verlangt eine selbstbestimmte Auseinandersetzung mit dem Stoff einerseits, die Beobachtung und Reflexion des eigenen Lernens andererseits. Diese Reflexion wiederum ermöglich die Entwicklung von Lernstrategien, die dem studierten Fach adäquat sind. Allgemeine Funktionen von Portfolios sind deshalb: Stofferwerb mit hoher Nachhaltigkeit und Einschätzung des eigenen Lernfortschritts. Portfolios begleiten den Lernprozess.    Dossier Unididaktik 2006

Sinnvolle Portfolioaufträge im Umgang mit Fake News lassen sich leicht finden:

  • ein aktuelles Thema in Massenmedien
    und Social Media verfolgen
  • die Arbeit von Journalist*innen auf Social Media begleiten
  • aktuelle Fake News sammeln und kritisch evaluieren (Vorbild Faktenfinder)

Zur Dokumentation eignen sich Blogs, auf denen Beobachtungen und Links festgehalten werden. Fake News kann in solchen Settings auch nur ein Unteraspekt für ein breiter formuliertes Thema darstellen.

Setting 4: 
Checklisten erstellen und anwenden

Die Idee ist recht einfach: Fake News erkennt man an bestimmten Kriterien. Diese Kriterien kann eine Lerngruppe am Gymnasium so formulieren, dass sie einfach von anderen Schülerinnen und Schülern angewendet werden können.

Ein gutes Setting kombiniert Erstellung von Checklisten, Vergleich mit anderen Checklisten, Tests von Checklisten sowie eine Art Synthese oder Überarbeitung. Zum Beispiel so:

  1. Drittel der Klasse erarbeitet eine eigene Checkliste zum Erkennen von Fake News.
  2. Drittel der Klasse sammelt 10 schwierige Fälle von Fake News (mit Links im Klassenchat oder auf einer einfachen Webseite, Tipp: telegra.ph)
  3. Drittel der Klasse wählt aus fünf Checklisten die zwei besten aus:

Alle Schülerinnen und Schüler testen dann gemeinsam die Checklisten aus 1. und 3. an den Fällen von 2.

In anderen Gruppen verbessern und vereinfachen sie dann die Listen zu jeweils einer eigenen Liste, die sie zusammen mit einer kurzen Reflexion zu einem Lernprodukt verbinden.

Setting 5: 
Fake News erstellen

Gründe gemeinsam mit deinen Freund/innen fiktive Nachrichtenagenturen und versucht euch mit richtigen und falschen News gegenseitig hinters Licht zu führen. Wer schafft es, Fake News am glaubhaftesten zu verpacken, und wer kann sie am besten widerlegen?

Diese Workshop-Idee von Newsbusters ist sehr naheliegend: Wer Fake News selber erzeugen kann, versteht, wie Fake News gemacht sind und wirken.

Die Idee kann leicht adaptiert und mit anderen didaktischen Ideen kombiniert werden. Hilfreich sind einfache Werkzeuge, von denen es im Netz viele gibt:

Setting 6: 
Debattieren

»Jugend debattiert« ist ein etabliertes Format mit viel Wirkung. Es kann hinsichtlich der Reflexion von Fake News erweitert werden: Debattierende erhalten ein Thema, für das Fake News eine Rolle spielt, verwenden selber Fake News oder gehen kritisch mit dem Begriff und den damit verbundenen Konzepten um.

Die digitale Ergänzung dazu bietet Kialo an: Kialo Edu ist ein Tool, um fokussierte und sachliche Debatten zu führen. Der didaktische Vorteil liegt darin, dass eine ganze Klasse gleichzeitig debattieren kann und Argumente bestehen bleiben, also kritisiert und verbessert werden können.

In meinem Unterricht bewährt sich dieses Vorgehen:

  1. Meinungstexte zu einem Thema lesen und verstehen
  2. Argumente aus diesen Texten in Kialo Edu übertragen
  3. Diese kritisch lesen und kommentieren
  4. Eigene Meinungen ergänzen
  5. Eine Debatte im Schulzimmer führen (ohne digitale Hilfsmittel)
  6. Reflexion

Setting 7: 
Ausserschulische Lernorte

Es gibt in Bezug auf Fake News viele ausserschulische Lernorte, die entweder zum Thema oder unter der Perspektive von Fake News Lernerfahrungen ermöglichen können.

Aktuell läuft die Ausstellung »Fake« im Stapferhaus in Lenzburg. Interessant wäre aber auch der Besuch einer Redaktion und ein Gespräch zu diesem Thema.

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Hat das Riesenfaultier im zoologischen Museum ersetzt: Das Einhorn mit dem Horn eines Narwals…

Ein kleiner Reminder: Ausserschulische Lernorte stellen eine didaktische Herausforderung dar…

Zur professionellen Kompetenz der Lehrperson gehört also, dass sie für «Hold»-Komponenten sorgen kann, indem sie z.B. die wahrgenommene Relevanz der Inhalte durch die Einbindung verdeutlicht. Die Kompetenz, dies lernförderlich zu tun, geht dabei über das pädagogische Wissen hinaus und erfordert sowohl Fachwissen als auch fachdidaktisches Wissen.Brovelli et al. (2011)

Setting 8: 
Die kurze Einheit mit kompakter Vorbereitung

Wer in einer Vertretungsstunde oder während einer kurzen Sequenz zu Fake News arbeiten möchte, findet unter den folgenden Links ausgearbeitete Materialien, die ich empfehlen kann:

 

Ein Kommentar zu „Didaktische Settings im Umgang mit »Fake News«

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