Matur / Abitur – zum Sinn isolierter Prüfungen in einer vernetzten Welt

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Ein typisches Bild für Schweizer Gymnasien seit Mitte Mai: Die Abschlussklassen schreiben Maturprüfungen. Rund fünf Mal setzen sie sich vier Stunden in ein Schulzimmer, geben alle Hilfsmittel ab und brüten über Aufgaben in Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen sowie Vertiefungsfächern.

Die Prüfungen sind im doppelten Sinne isoliert: Sie gehören nicht zu einer Lernumgebung (geprüft wird »alles«) und sie werden von einzelnen Menschen geschrieben. Die Frage muss erlaubt sein: Ist das sinnvoll? Einerseits: Sind die Resultate der Prüfung aussagekräftig in Bezug auf das zukünftige Lernverhalten von Schülerinnen und Schüler? Oder können sie etwas über die Leistungen am Gymnasium aussagen? Geben sie den Lernenden Rückmeldungen über ihre Stärken und Schwächen?

Zunächst: Die Prüfungen haben aufgrund ihrer Tradition einen hohen symbolischen Wert. Auch Einstein hat eine Maturprüfung geschrieben und an der Maturfeier sagen schlaue Schriftsteller, gewiefte Wirtschaftsführer und ab und zu auch eine Frau salbungsvolle Worte zu den Maturandinnen und Maturanden, die sich in den Bänken langweilen und darauf warten, endlich ans Mittelmeer fliegen zu können. War schon immer so, soll daher auch immer so bleiben.

Die Symbolik überlagert auch den realen Effekt der Prüfungen: für 90 bis 95% der Schülerinnen und Schüler ist vor den Prüfungen klar, dass sie sie bestehen werden. Der Modus ist so ausgelegt, dass nur die Schwächsten wirklich geprüft werden, die meisten anderen können weder was gewinnen noch etwas verlieren. Im Zeugnis, das später noch eingesehen werden kann, sind die Prüfungen unsichtbar. Die Geprüften wissen oft nicht, welche Note sie in welcher Prüfung erhalten haben, weil diese verrechnet und gerundet werden.

Zurück zu den Prüfungen selbst und ihrer technischen Durchführung: Seit ein paar Jahren arbeiten ganzen Klassen mit Laptops oder Tablets. Diese dürfen dann zuweilen auch an Prüfungen eingesetzt werden – allerdings nur, wenn sicher gestellt werden darf, dass eine Vernetzung oder ein Zugriff aus Internet verhindert werden kann. Schulen geben so vor, den aktuellen Stand der Technik zuzulassen, allerdings völlig aus dem sozialen Kontext gelöst. Sie machen aus Laptops und Tablets das, was PCs in den 80er-Jahren waren. Der aktuelle Stand der Technik ist also letztlich der vor von 25 Jahren.

Kommt hinzu: Schon vor dem Internet sind projektbezogene Arbeiten in Teams in der Arbeitswelt das vorherrschende Paradigma geworden. An Schulen hat diese Arbeitsform auch Einzug gehalten: Aber in den wenigsten Fällen so, dass das die Vorstellung einer isolierten Prüfung auch nur ansatzweise bedroht worden wäre.

So haben wir, wie im unten stehenden Beispiel, an Prüfungen oft nette Aufgaben, clever und sorgfältig ausgedacht, durchaus unterhaltsam für die Prüfenden – aber ohne jeden Bezug zu einer Aufgabe, die in der Arbeitswelt relevant sein könnte. Wer schreibt heute professionell Texte, ohne sie zu überarbeiten, gegenlesen zu lassen, zu recherchieren oder Input von anderen einzuholen?

Maturprüfung 2011, Deutsch Kantonsschule Wettingen, Aufgabe 3 von 4.

Maturprüfung 2011, Deutsch Kantonsschule Wettingen, Aufgabe 3 von 4.

Was schlage ich also vor? Meine Lösung wäre ganz einfach. Während der vier oder mehr Jahre am Gymnasium arbeiten die Schülerinnen und Schüler mit Portfolios in jedem der Hauptfächer (vgl. diese Anleitung der Universität Zürich). Diese Arbeit wird sorgfältig eingeführt und immer wieder überprüft. Die Abschlussprüfung besteht in einem Gespräch über das Portfolio, bewertet wird zudem ein schriftlicher Kommentar zum Portfolio, in dem auch gewisse Portfolioarbeiten vorgestellt werden müssen, die dann ebenfalls in die Prüfungsresultate einfließen.

Aber – so wird man einwenden – dann kann es sein, das ein Maturand oder eine Maturandin kein Integral lösen kann, nie einen Caesar-Text selbst übersetzt hat und sich auch die Deutschbücher von jemand anderem lesen lässt?

  1. Ja. Es kann auch heute schon so sein. Wer über ein gebildetes Umfeld und genügend Geld verfügt, erhält heute eine Matur. Ohne wenn und aber.
  2. Auch Ingenieure müssen heute keine Integrale mehr lösen. Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen Kompetenzen selbst haben müssen – und schon gar nicht, welche.

Die Maturprüfung gibt vor, es sei klar, was man wissen muss und wie man es wissen muss. Diese Klarheit hat sich längst aufgelöst. Das sieht man schon allein daran, wie unterschiedlich diese Prüfungen um deutschen Sprachraum sind, obwohl die Arbeiten, welche die so ausgebildeten und geprüften Menschen dann erledigen, ganz ähnlich sind.

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philippe-wampfler.ch

6 Comments

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  3. stephan keiser says

    Ich bin der Meinung, Fach- und Faktenwissen sei auch in unserer Zeit noch ein entscheidender Erfolgsfaktor. An einem Referat oder in einem Gespräch kann man keinen kompetenten Eindruck machen, wenn man auf jede Frage die Antwort zuerst nachschlagen muss. Auch z.B. Fachtexte werden gehaltvoller, wenn der Autor über ein grosses, frei abrufbares Wissen verfügt, das es ihm erlaubt, Zusammenhänge zu erkennen, die ohne dieses Fachwissen nicht offensichtlich sind. Auch der kritische Leser solcher Text profitiert, wenn er z.B. fachliche Lücken oder Fehler aufgrund seines einschlägigen Wissens erkennen kann. An der Schule sollte zu dieser Fähigkeit der Grundstein gelegt und an der Matura geprüft werden. Ich glaube daran, dass Wissen nicht in gleichem Mass bei uns einfach „hängen bleibt“ wie z.B. Fertigkeiten. Daraus folgt, dass es entsprechend gelernt werden muss, und das wiederum bedingt den Druck einer Prüfung.

  4. Anonymous says

    Ich habe hier http://prezi.com/rucs8ljzo_n1/nachdenken-erweiterte-beurteilungsformen/ das Dilemma des Beurteilens aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet … Extrem eindrücklich für mich als Lehrer war die Erkenntnis, dass ich beim Beurteilen von Lernenden immer viel mehr über mich selber herausfinde, als über den jungen Menschen gegenüber. in diesem Zusammenhang habe ich vor allem von den Gedanken von Heinz von Förster profitiert. Er schreibt: „Ich behaupte, dass all diese Tests und Prüfungen nicht den Schüler prüfen, sondern dass diese Prüfung sich selber prüft.“ (aus „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“). Natürlich habe ich in der Folge versucht, mich selber zu beobachten und über das Phänomen nachzudenken.

  5. Das ist wirklich sehr erfrischend! Was du ja bescheidenerweise nicht erwähnst, ist der ganz enorme zeitliche Bewertungs- / Korrigieraufwand, der erforderlich ist, um am Ende auf eine Zahl zu kommen, die Schlussnote. Da wir nebst bewerteten Gruppenarbeiten auch weiterhin EInzelprüfungen durchführen müssen, neige ich dazu, für diese Veranstaltungen Unterlagen und Notizen als Hilfsmittel zuzulassen. So übt man, sich rasch zu orientieren, nachzuschlagen, und seine Gedanken zu dokumentieren. – Das Resultat zu bewerten ist dann manchmal nicht so einfach.
    Mit 1. stimme ich mit dir überein. Das ist der grösste Mangel an unserem Bildungssystem!

  6. Kommt dazu, dass unser System mit der Matura als Bedingung für die Zulassung zum Hochschulstudium der sozialen Durchlässigkeit nicht gerade förderlich ist. Ich habe zwar, nachdem ich eine Berufslehre gemacht habe, die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt, um Studieren zu können, und ich möchte diese äusserst bereichernde Zeit und vor allem alles was ich gelernt habe, nicht missen. Ein Grundstock an Allgemeinbildung hilft uns, ohne Frage. Aber es gibt gerade heute viele andere Möglichkeiten sich zu bilden. Der Zugang zum Hochschulstudium sollte darum Bedingungslos sein. Die einzelnen Semester können dann mit Lernkontrollen abgeschlossen werden, wer diese besteht kommt weiter. Die Matura-Prüfung suggeriert auch einen Abschluss eines Prozesses, der eigentlich nicht zu einem Ende kommen sollte. Neben der persönlichen Expertenbildung gehört es auch weiterhin dazu, sich „Allgemein“ zu bilden, sprich sich von anderen Disziplinen und Meinungen inspirieren zu lassen und fortwährend zu lernen, dass man wahrscheinlich nicht recht hat.

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