Informelles Lernen, Bewertungen, Portfolios und Prüfungen

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In Referaten halte ich immer wieder meine Forderung fest, in Schulen von Prüfungen wegzukommen und Leistungen mit Portfolios zu evaluieren (z.B. bei Matur-/Abitur-Prüfungen, oder beim Lernen mit Social Media). Das entspricht meinen grundsätzlichen Überzeugungen, dass schulische Bewertungsprozesse:

  1. Stärken mehr Gewicht geben sollen als (scheinbaren) Defiziten
  2. einen langfristigen Horizont haben müssen
  3. von den Lernenden selbst ausgehen sollen
  4. zentrale Erkenntnisse der Motivationsforschung berücksichtigen müssen
  5. im Idealfall reflektieren, zu welchen Verzerrungen Testsysteme führen
  6. zu Ergebnissen führen, die weniger zu Vergleichen innerhalb von Gruppen führen als vielmehr zu differenzierten Rückmeldungen zum Lernprozess
  7. die soziale Dimension des Lernens viel stärker berücksichtigen müssen.

Als ich auf der Swiss eLearning Conference diesen Gedankengang erörtert habe, stellte ein teilnehmender Student die Frage, wie denn ein solche Systeme verhindere, dass Schülerinnen und Schüler nichts mehr lernten, weil sie auch keine Prüfungen mehr zu absolvieren hätten. Die Frage erinnert mich an ein Paradox der Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen: Während fast alle Menschen von sich selber wissen, dass sie auch mit einem Grundeinkommen weiterhin arbeiten würden, bezweifeln sie, dass andere noch arbeiten würden. Dasselbe trifft auf informelles Lernen zu: Wir alle wissen von uns, dass wir lernen, auch wenn es keinen institutionellen Zwang dazu gibt – es gibt ja wenig, was zu mehr Befriedigung führt, als etwas zu lernen. Bei anderen stellen wir das aber zu oft infrage.

Eine gute Perspektive auf Fragen des informellen Lernens eröffnet die durch die McArthur Foundation finanzierte Reihe zu digitalen Medien und Lernen (alle Bänder sind digital kostenlos verfügbar). Ich habe eben den zuletzt erschienen Band, Documenting and Assessing Learning in Informal and Media-Rich Environments gelesen und möchte einige zentrale Aussagen festhalten. Das Autorenkollektiv hat einerseits Forschungsliteratur gesichtet, andererseits mit Fachleuten über die Frage gesprochen, wie innerhalb von informellen Lernsettings (in Schulclubs, Museen, bei Computerspielen, in Foren etc.) ein individuelles und kollektives Assessment vorgenommen werden könne.

Folgende Einsichten scheinen mir wichtig:

  1. Ohne Wohlbefinden gibt es kein Lernen. (S. 16)
  2. Ein zentraler Lerngegenstand sind Haltungen in Bezug auf Gruppen, Ziele, Werkzeuge, Medien, Genres und Stilen. Diese schaffen Identität und Motivation. (S. 16)
  3. Lernen findet auf drei Ebenen statt: Auf der des Individuums, der Gruppe und der von Projekten oder Organisationen. Vgl. dazu die wichtige Tabelle 1 (S. 17):
    Bildschirmfoto 2015-04-16 um 15.20.33
  4. Die Autorinnen und Autoren unterscheiden vier zentrale Bereiche des informellen Lernens:
    a) in einem stärkeren Ausmaß in der Lage sein, Nachforschungen anzustellen und Probleme darzustellen (»Ausmaß« meint sowohl Kompetenz wie auch den Bereich, indem dieses Lernen stattfindet)
    b) produktiv mit anderen zusammenzuarbeiten
    c) Lernergebnisse und -produkte hinsichtlich ihrer Qualität mit Einbezug von Zielen zu reflektieren
    d) langfristig soziale Netzwerke und Ressourcen mobilisieren zu können. (S. 18)
  5. Der Wert und die Bedeutung des Lernens lassen sich dadurch messen, dass man die Lernenden befragt sowie die Intensität misst, mit der sie Lernaktivitäten durchführen (S. 83f.).
  6. Sobald Organisation dafür bezahlt werden, dass sie informelle Lernprozesse begleiten, treten schwerwiegende Verzerrungen ein (S. 86f.).
  7. Die lokale Verankerung von Lernprozessen und ihre Vergleichbarkeit stehen in einem Konflikt (S. 87f.).
  8. Viele wichtige Lernprozesse treten unerwartet und beiläufig auf (S. 91). Sowohl erwartete wie auch unerwartete Outcomes müssen in einer Dokumentation ersichtlich sein.
  9. Es gibt momentan keine sinnvollen standardisierten Testverfahren für informelles Lernen. (S. 94)

Während bei formellem Lernen die Bildung der Gruppen und die Formulierung von Projekten standardisiert sind und kaum geändert werden können, gehören deren Gestaltung bei informellen Lernsettings zum Lernprozess. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Gerade weil hier oft Ergebnisse auftreten, die nicht geplant sind, scheint ein Evaluationszugang über eine Dokumentation (z.B. in Portfolios) entscheidend.

Hier die zentrale Erkenntnis der Autorengruppe:

The principal finding and recommendation of this report is that the scope of valued learning outcomes for informal learning activities should include social, emotional, and developmental outcomes as well as content knowledge and should include learning by groups and whole projects as well as by individuals. We note that many of the valued learning outcomes that are reported were not predictable or aimed for at the start of the projects. (S. 89)

The Author

philippe-wampfler.ch

6 Comments

  1. Lernen mit Lehrpersonen im Status des Wohlbefindens findet auch über Einfühlen statt, indem die LP schon innere Blider über den Lerninhalt hat, welche er den Schülern vermitteln mag, kann der Schüler sich in die LP hineinversetzen und wahrnehmen auf einer holographischen Ebene, welche Bilder oder Filme die LP grad innerlich oder auch sprachlich durchgeht. Wie kann diese Übertragung stattfinden, wenn Inhalte favorisiert nur noch aus dem Netz geholt werden sollen? Wer wird zum Sender anstelle der LP im morphogenetischen Feld? Braucht es da nicht eine emotionale Beziehung?

  2. Pingback: Haben digitale Medien einen Mehrwert für das schulische Lernen? | Schule und Social Media

  3. bloggerpa0ul says

    Das ist ja eine sehr spannende Stellungnahme als ideale Ergänzung zu meiner Pflichtlektüre aus der L3T Publikation ‚Prüfen mit Computer und Internet, Didaktik, Methodik und Organisation von E-Assessment‘ von Jan P. Ehlers, Christian Guetl, Susan Höntzsch, Claus A. Usener, Susanne Gruttmann‘

  4. meist einverstanden. mit „… Wir alle wissen von uns, dass wir lernen, auch wenn es keinen institutionellen Zwang dazu gibt…“ habe ich bezüglich meiner sus mühe.

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